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Der schüchterne Liebhaber

Charles Paul de Kock: Der schüchterne Liebhaber - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDer schüchterne Liebhaber
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Kapitel

Das Gewerbe des Herrn Poterne.

Man muß Cherubin für undankbar und in seinen Neigungen unbeständig halten, denn er scheint die gute Nicolle, die ihn auferzogen hat, und die kleine Louise, seine Gespielin, welche er so zärtlich zu lieben vorgab, schnell vergessen zu haben. Aber diese Undankbarkeit und Unbeständigkeit sind dem Menschen so natürlich, daß man sich nicht verwundern darf, sie bei einem Jüngling anzutreffen; Cherubin hatte sein achtzehntes Jahr angetreten; er war von Personen umgeben, die ihm den Aufenthalt in Paris nur angenehm zu machen suchten, die sich fortwährend damit beschäftigten, ihm neue Vergnügungen zu verschaffen, und besonders nicht versäumten, seine bei der Amme verlebte Zeit ins Lächerliche und Spöttische zu ziehen. Das Lächerliche ist eine gewaltige Waffe bei den Franzosen; erwachsene Männer fürchten es und thun Alles, es zu vermeiden: wie hätte ihm ein siebenzehnjähriger Knabe Trotz bieten können?

Indessen war Cherubin nicht so vergeßlich, als man glauben könnte; mehrmals hatte er die Absicht, nach Gagny zu reisen, um Nicollen und Louisen wiederzusehen; um ihn aber davon abzubringen, verbarg man ihm vor allen Dingen die beiden Besuche der Amme im Hause, dann hatte man ihm gesagt, Frau Frimousset habe Louisen zu einer ihrer Verwandten in die Bretagne geschickt, damit sie den Kummer vergesse, den ihr die Entfernung ihres jungen Freundes verursacht habe.

Der Gedanke, Louisen nicht mehr in Gagny zu finden, hatte das Verlangen des Jünglings, wieder einmal ins Dorf zu gehen, bedeutend vermindert. Da er aber stets das Glück seiner Amme wünschte, so hatte er, wie wir kurz vorher gesehen, Herrn Gerundium beauftragt, ihr Geld zu überbringen, und ihn zugleich ersucht, sich nach Louisens Befinden zu erkundigen, zu fragen, ob sie bald wieder nach Gagny zurückkehre, kurz – Nachricht über ihr Schicksal einzuziehen.

Als Herr Gerundium von Nicollen zurückkam, verfehlte er nicht, seinem jungen Zöglinge weis zu machen, Louise sei immer noch bei guten, wohlhabenden Pächtersleuten in der Bretagne, die sie wie ihre eigene Tochter behandelten, und bei denen es ihr sehr gefiele.

Auf dieses hatte Cherubin, bei dem Gedanken, daß ihn seine ehemalige Gespielin wahrscheinlich bald ganz vergessen haben werde, schwach geseufzt; sein Herz wurde von einem Gefühle der Traurigkeit und der Sehnsucht durchdrungen; und er empfand einen Augenblick Lust, in die Bretagne zu gehen, um Louisen Vorwürfe zu machen, daß sie ihre Gesinnung geändert habe und ihn nicht mehr liebe.

Denn so find wir zu jeder Zeit: wir vergessen zwar die Andern, wollen aber nicht von ihnen vergessen werden; wir sind unbeständig, treulos, aber hoffen, daß man beständig und treu gegen uns bleiben werde; kurz, wir erlauben uns, Andere zu täuschen, wollen aber nicht von ihnen getäuscht werden. Die Ankunft Darena's fühlte stets die Heiterkeit ins Grandvillain'sche Haus zurück; und während er sich bemühte, Cherubin zu zerstreuen, machte er sich zugleich dessen Bekanntschaft zu Nutzen, um das Genie Poterne's gehörig zu verwenden.

So hatte der häßliche Herr eines Tages zwei Reitpferde in das Hotel des jungen Marquis gebracht, ihn versichert, es sei eine vortreffliche Gelegenheit, die man ergreifen müsse, und ihn für zwei Klepper, welche höchstens fünfhundert Franken werth waren, dreitausend bezahlen lassen.

Ein andermal brachte Herr Poterne ein Tilbury, welches er von einem russischen Fürsten erkauft haben wollte, oder vorzügliche Jagdhunde von einer ausgezeichneten Race, ein vortreffliches, nie versagendes Gewehr u.s.w.; kurz, Herr Poterne handelte allmählig mit Allem; er erschien nie im Hause, ohne Cherubin Etwas zum Kaufe anzubieten; er sorgte sogar für Stöcke, Foulardstücher, Papageien und Katzen. Der junge Mann kaufte immer und bezahlte mit blindem Vertrauen. Aber Jasmin, der nach und nach einsah, daß Herrn Poterne's Billigkeiten entsetzlich kostspielig waren, zeigte eine sehr üble Laune, wenn er ihn ins Haus treten sah, und zerbrach sich den Kopf, wie er seinem Herrn diese Besuche vom Halse schaffen könnte. Unglücklicherweise hatte der alte Diener nie durch seine Einbildungskraft geglänzt, und mit den Jahren war diese Fähigkeit, weit entfernt, sich bei ihm zu entwickeln, eher noch schwächer geworden.

Monfréville hätte den Planen Darena's und dem Handel Poterne's entgegen sein können, aber er war genöthigt, eine Zeitlang auf einer Besitzung, die er in der Nähe von Fontainebleau hatte, und wo einige Ausbesserungen vorgenommen werden mußten, zuzubringen. Vor seiner Abreise hatte er zwar seinen jungen Freund zur Vorsicht gegen die Dienste und Gefälligkeiten Poterne's aufgefordert, aber Cherubin war zu jung, um nicht vertrauensvoll zu sein, und überdies schien Darena jederzeit entzückt über die billigen Einkäufe, die sein Intendant für den jungen Marquis gemacht hatte.

Seit Monfréville's Abreise wurde das Haus mit Pferden, Jagdhunden, Vögeln aller Art, gothischen Vasen und sogenannten Seltenheiten oder Merkwürdigkeiten angefüllt, die Herr Poterne alle Tage herbeischleppte.

Endlich sagte einmal Jasmin eines Morgens zu seinem jungen Herrn: »Gnädiger Herr, wenn das so fortgeht, so wird unser Haus nächstens das Aussehen einer Trödelbude haben! ... man kann sich nicht mehr darin umdrehen! ... dieser Herr Poterne veranlaßt Sie, allzuviel einzukaufen; Ihre alterthümlichen oder merkwürdigen Vasen scheinen mir sehr häßlich! ... die Jagdhunde machen einen abscheulichen Lärm ... läßt man sie los, so beißen sie Jedermann in die Beine; die Papageien schreien zum toll werden ... Sie haben deren fünfe! ... die sogenannte spanische Katze, die er Ihnen aufgehängt hat, hat schon ihre Farbe verändert und ist weiter nichts, als eine ganz gewöhnliche weiße Katze ... und Sie, gnädiger Herr, haben jetzt neunzehn Stöcke, ich habe sie gezählt ... Was wollen Sie mit neunzehn Stöcken anfangen? ... Ihr Herr Vater, der Marquis, hatte nur einen einzigen und trug auch nie mehr auf einmal.«

»Ach, schweig doch, Jasmin,« entgegnete Cherubin, über die Verzweiflung seines alten Dieners lachend; »bin ich denn nicht reich ... habe ich nicht die Mittel, meine Launen zu befriedigen?«

»Verzeihen Sie, mein lieber Herr, Sie kaufen all' die Sachen nur, weil dieser Herr Poterne sagt, sie seien schön ... die Gelegenheit günstig ... und tausend ähnliche Dinge, um Sie dazu zu bewegen; Sie selbst hätten niemals den Einfall gehabt, zehn Hunde, neunzehn Stöcke, fünf Papageien und eine Schildkröte anzuschaffen ... und das Haus mit alten Vasen und ausländischen Krügen anzufüllen ... die ich sehr garstig finde, wie auch die Schildkröte vor der ich mich fürchte!«

»– Weil Du nichts davon verstehst. Herr Darena gratulirt mir stets zu meinen Einkäufen; er findet das Alles schön und wohlfeil.«

»– O! ... Herr Darena ... ich halte ihn nicht für haushälterisch, diesen Herrn! Ei, gnädiger Herr, hat er Ihnen das Geld, welches Sie für ihn an den Schneider, Schuhmacher, Hutmacher u.s.w. bezahlten, wieder zurückgegeben?«

»– Nein! ... aber das ist von keinem Belange ... er wird es vergessen haben ... auch hast Du mir damals gesagt, Jasmin! es sei sehr nobel, seinen Freunden Geld zu leihen, und mein Vater habe es oft gethan.«

»– Das ist wahr, gnädiger Herr, nur mit dem Unterschiede, daß die Freunde Ihres Herrn Vaters das Entlehnte wieder zurückzahlten.«

Diese Unterredung wurde durch die Ankunft Poterne's unterbrochen, der immer noch mit seinem schmutzigen Ueberrocke bekleidet war, worunter er diesmal, wie es schien, etwas ziemlich Großes trug, das er sorgfältig zu verbergen suchte. Jasmin verzog sein Gesicht zu einer sehr bedeutungsvollen Grimasse, als er die eben besprochene Person eintreten sah. Herr Poterne erschien jedoch mit sehr demüthiger Miene, verbeugte sich bis auf den Boden und bestrebte sich, ein angenehmes Gesicht zu machen.

»Ach! der Herr Poterne!« sagte Cherubin, über das Gesicht seines alten Dieners lachend: »ich sprach so eben von Ihnen mit Jasmin, der behauptete, meine spanische Katze werde ganz weiß.«

Herr Poterne ließ ein Grinsen vernehmen, das dem Klang großer, in einen Kastrol gerüttelter Kupfermünzen glich, und antwortete:

»Herr Jasmin beliebt zu scherzen! ... die Katze, welche ich die Ehre hatte, an Sie zu verkaufen, ist sehr kostbar ... sie kam von einem spanischen Granden ... es ist möglich, daß sie zeitweis ihre Farbe verliert ... sie ist vielleicht unpäßlich, es wird sich aber wieder geben ... wenn man recht für sie sorgt.«

»Glauben Sie, es fehle den Thieren an Nahrung bei uns?« entgegnete Jasmin stolz.

»– Das wollte ich nicht damit sagen, mein lieber Herr, nur sind die spanischen Katzen sehr zart und ...«

»Schon gut,« sagte Cherubin, »es ist jetzt genug über diese Katze gesprochen worden. Sie kommen ohne Zweifel, Herr Poterne, mir etwas Neues anzubieten, denn Sie sind ein kostbarer Mann; Sie lassen Einem nicht Zeit etwas zu wünschen.«

»– Der Herr Marquis sind zu gütig ... in der That ... ich habe etwas ...«

Mit diesen Worten warf Herr Poterne einen unheimlichen Blick auf den alten Diener, dessen Anwesenheit ihn incommodirte; aber Jasmin blieb unbeweglich, und da ihn sein Herr nicht gehen hieß, so mußte sich Poterne wohl entschließen, das unter seinem Oberrock Verborgene in dessen Gegenwart zu zeigen.

»Nun, was bringen Sie mir heute?« fragte Cherubin.

»– Herr Marquis ... was ich bringe ... ist ... ist ein unter dem Preise feiles Stück ...«

»Immer Käufe unter dem Preise,« brummte Jasmin; »man kennt das schon.«

»Ich komme von der Versteigerung der Hinterlassenschaft eines ehemaligen Ministers ... eines außerordentlichen Feinschmeckers ... In Ihrem Alter, Herr Marquis, liebt man die Leckereien ... die Süßigkeiten ... besonders die seltenen ... Meiner Treu, als man dieses hier ausbot, dachte ich, es könnte Ihnen angenehm sein ...«

Während Herr Poterne so sprach, zog er einen großen, blauen Porzellantopf unter seinem Rock hervor, der sorgfältig mit Pergament bedeckt war. »– Was ist da drinn, Herr Poterne?«

»Indisches Eingemachtes, Herr Marquis; das ist ein Konfekt, welches man in heißen Ländern für die höchste Delikatesse hält, und wegen der Schwierigkeit, es kommen zu lassen, in Frankreich sehr selten findet: es wird aus Ananas zubereitet.«

»Vortrefflich,« sagte Jasmin ganz leise, »nun schleppt er uns auch noch Eßwaaren her! ... das hat noch gefehlt ...«

»Ein Topf von dieser Größe kostet bei Chevet, wenn er gerade hat, gewöhnlich hundert Franken! ... Ich erhielt diesen für fünfzig und habe ihn in der Absicht ersteigert, solchen Ihnen anzubieten.«

»– Meinen Dank, Herr Poterne ... Eingemachte Ananasse müssen in der That köstlich sein. Jasmin, gib Herrn Poterne fünfzig Franken ... nachher trage das Eingemachte in die Speisekammer.«

Jasmin nahm den von dem garstigen Herrn ihm dargereichten Topf und brummte:

»Es fehlt doch nicht an eingemachten Sachen im Hause. Mamsell Turlurette versteht das sehr gut ... es ist rein überflüssig ...«

Ein Blick Cherubins brachte den alten Diener, der unter Murren das Geld aus dem Sekretär holte, zum Schweigen; Herr Poterne sagte inzwischen zu dem Jüngling:

»O! bald werde ich dem Herrn Marquis etwas äußerst Merkwürdiges anzubieten haben ... Einen großen, gescheiten, sehr geschickten Affen, den der Besitzer in Folge eines Fallissements herzugeben gezwungen ist ... Ich werde diese Gelegenheit benützen – und Sie einen Affen erhalten, der eines Königs würdig wäre.«

»Einen Affen!« rief Jasmin entsetzt aus. »Das setzte vollends Allem die Krone auf! Unser Haus wird alsdann eine vollständige Menagerie sein!«

»Jasmin, schweig',« sagte Cherubin; »und Sie, Herr Poterne, bringen Sie mir diesen Affen, sobald Sie ihn bekommen. Ich bin sehr begierig, einen Affen zu besitzen.«

Herr Poterne verbeugte sich, strich die fünfzig Franken ein, welche ihm der alte Diener mit einem gräßlich verzogenen Maule ausbezahlte, und entfernte sich mit der wiederholten Versicherung, daß er sich bemühen werde, den Affen um einen billigen Preis zu erhalten.

Cherubin, der mit Darena und einigen andern jungen Leuten ein Rendezvous im Café de Paris ausgemacht hatte, beeilte sich, seine Toilette zu vollenden, und entließ seinen alten Diener, den die Aussicht auf einen Affen in Trostlosigkeit versetzte, und der mit einem Wuthblicke auf den Topf, für den sein Herr fünfzig Franken bezahlt hatte, wegging.

Einige Minuten später stieg Cherubin mit einem wirklichen Jockey in sein Tilbury und fuhr vom Hause ab, ohne auf Jasmin's Stimme zu hören, der ihm aus einem Fenster der Speisekammer zurief:

»Gnädiger Herr ... er hat uns abermals belugst ... Es ist Traubenmus und weiter nichts!«

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