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Der schüchterne Liebhaber

Charles Paul de Kock: Der schüchterne Liebhaber - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDer schüchterne Liebhaber
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierzehntes Kapitel

Die Liebe eines Kindes.

Während man sich in Paris belustigte, lachte, und nur mit Vergnügungen beschäftigt war, langweilte man sich in Gagny, war traurig und vergoß Thränen. Das ist im Leben oft der Fall. Das Glück des Einen kann häufig nur mit dem Kummer des Andern erlangt werden; ist es dann nicht zu theuer erkauft? ... Wenn man immer über Wirkungen und Ursachen nachdächte, so würde man zuweilen sein Glück bereuen.

Als Louise von Montfermeil, wohin sie, wie man sich erinnern wird, Herr Gerundium geschickt hatte, zurückkam, fragte sie, überzeugt, daß man nur ihre Entfernung hatte bezwecken wollen, voll Unruhe, wo Cherubin sei? und Nicolle theilte ihr weinend mit, daß der, den sie noch mit Freuden ihr Söhnchen nannte, mit mehreren Herren und hübschen, ihrer Kleidung nach fremden Damen, die bei ihr auf eine Art getanzt hätten, wie solches noch nie im Dorfs gesehen worden, nach Paris abgereist sei.

Louise schluchzte lange Zeit; ihr Herz war zerrissen. Sie litt heftiger als je; mit vierzehn und einem halben Jahre kann ein junges Mädchen schon lieben, und mit der Liebe erwachte auch die Eifersucht.

»Du ließest ihn fort?« sprach sie in Thränen; »er hatte mir doch versprochen, mich nie zu verlassen! ... Diese Leute haben ihn also mit Gewalt weggeführt?«

»– Nein, mein Kind, Cherubin ging aus freiem Willen, sogar recht heiter, beinahe tanzend mit diesen jungen Schönen, welche Rädchen schlugen, die länger dauerten, als die Kreisel meiner Jungen, so lange sie noch klein waren.«

Louisens Zähren verdoppelten sich, und sie rief aus:

»Warum ließest Du doch diese abscheulichen Frauenzimmer herein? ... O! wie hasse ich sie!«

»– Mein Gott, Kleine, einer dieser Herren hatte sie mitgebracht; sie haben Milch getrunken wie wahre Katzen, und Sprünge gemacht wie Zicklein!«

»Und Cherubin ist mit ihnen fortgefahren! ... O! er wird aber morgen wieder kommen, nicht wahr, meine gute Mutter?«

»– Wir wollen's hoffen, mein Kind!«

Aber der folgende und mehrere weitere Tage verflossen, ohne daß Cherubin in's Dorf zurückkehrte. Louise war so traurig, daß Nicolle ihren eigenen Kummer vergaß, um sie zu trösten.

Das junge Mädchen rief jeden Augenblick aus:

»Es ist ihm vielleicht etwas zugestoßen ... man hält ihn gewiß wider Willen in Paris zurück ... denn sonst wäre er schon wieder gekommen ... Wir wollen ihn holen, liebe Mutter, wir wollen ihn holen.«

Nicolle gab sich Mühe, Louisen Vernunft einzureden, indem sie zu ihr sagte: »So höre doch, meine Kleine! schon seit langer Zeit wiederholte mir Herr Jasmin oft: Mein junger Herr muß nach Paris zurückkehren, er kann nicht lebenslänglich bei der Amme bleiben ... Wenn man wüßte, daß er noch bei Euch wäre, so würde man mich schelten ... und eine Menge solcher Dinge ... Thatsache ist, mein Kind, daß man die Säuglinge gewöhnlich wieder zurücknimmt, wenn sie zu sprechen anfangen ... es sei denn ... es sei denn ...«

Die gute Frau hielt inne, denn sie war auf dem Punkte zu sagen: »Es sei denn, wenn man's macht wie Deine Mutter und sie gar nicht mehr zurücknimmt.«

Louise besaß jenen Instinkt des Herzens, der in der Seele zu lesen versteht; sie errieth den Gedanken, der auf Nicolle's Lippen erstarb, drückte ihr heftig die Hand, und sagte schluchzend.:

»Man hat mich nicht zurückverlangt, ich weiß es wohl ... Meine Mutter wollte nichts mehr von mir ... und doch konnte ich damals noch nicht böse gewesen sein ... ich war zu jung dazu ... und was wäre ohne Dich ... ohne Deine Güte ... aus mir geworden ...? Ach! gute Nicolle, wie ist es möglich, daß eine Mutter ihr Kind verlassen kann? Ich hätte meine Mutter so innig geliebt ... und sie wollte mich nicht zurücknehmen ... mich nicht küssen ... Ach! sie ist ohne Zweifel gestorben, sonst hätte sie mich gewiß abgeholt ... oder wenigstens zuweilen besucht!«

»Ja,« erwiderte Nicolle, Louisen in ihre Arme schließend, »Du hast Recht, meine Kleine, Deine Mutter wird gestorben sein, ehe sie Zeit hatte. Dich zu sich kommen zu lassen ... vielleicht bevor sie sagen konnte, wo ihr Kind war ... Ach! mein Gott! ... man stirbt bisweilen so schnell weg! ... o! das muß so sein! ... Aber sprechen wir nicht mehr hierüber, Du weißt, daß es mir leid ist, wenn wir diesen Gegenstand berühren, der Dich immer traurig macht.« »– Auch spreche ich selten davon, gute Nicolle, obgleich ich unablässig daran denke; so lange Cherubin noch da war, vergaß ich, daß mir meine Eltern unbekannt sind ... er versprach mir, mich stets zu lieben ... aber auch er hat mich verlassen.«

Und nach dieser Unterhaltung ging Louise in den Garten, um ungestört weinen zu können; Nicolle tröstete sie vergeblich: »Er wird zurückkommen, liebes Kind, er wird zurückkommen!« Die Zeit verstrich, und Cherubin kehrte nicht zurück.

Endlich hatte sich Nicolle, den Bitten des jungen Mädchens nachgebend, eines Morgens mit ihr nach Paris aufgemacht, und auf dem ganzen Wege wiederholte Louise:

»Wir werden ihn sehen ... ich will ihm sagen, wie traurig ich ferne von ihm bin, daß ich beinahe immer weine, daß mir nichts mehr im Dorf Freude macht; und er wird uns zurückbegleiten; o! ich weiß gewiß, er kehrt mit zurück.«

Nicolle schüttelte zweifelnd den Kopf und sagte:

»Nun, wir werden jedenfalls erfahren, ob er zufrieden und gesund ist, und das ist die Hauptsache.«

So gelangten sie vor das alte Hôtel in der Faubourg Saint-Germain.

»Das ist sein Haus,« begann Nicolle. »O! ich erkenne es wohl ... Hier holte ich ihn ab, als er noch ganz klein, mager und schmächtig war! Gott sei Dank, wir haben einen hübschen Jungen aus ihm gemacht! ich bin auch mehrmals hier gewesen, um ihn seinem Vater zu bringen, als der alte Herr noch lebte.«

Louise betrachtete mit Staunen das alte Haus, dessen finsteres Ansehen und von Alter geschwärzte Mauern sie beinahe in Schrecken setzten. Indessen waren sie bis in den Hof gekommen und Nicolle sagte zu dem Thürsteher:

»Mein Herr, ich bin gekommen, mein Söhnchen ... meinen Säugling ... den jungen Cherubin, Ihren Herrn, zu besuchen ... Er hat mich verlassen, um hieher zu gehen ... es quält mich, ihn seit so lange nicht mehr geküßt zu haben; wir hielten es nicht länger aus und da sind wir.«

Der Thürsteher antwortete seiner Weisung gemäß:

»Ihr könnt den Herrn Marquis, meinen Gebieter, nicht sehen, weil er nicht zu Hause ist.«

»– Er ist ausgegangen! ... Nun, er wird auch wieder zurückkommen ... Wir wollen auf ihn warten, nicht wahr, Louise?«

»– O! gewiß, meine Mutter, wollen wir auf ihn warten, denn wir müssen ihn sehen, da wir aus diesem Grunde nach Paris gekommen sind.«

Der Thürsteher entgegnete mit trostlosem Phlegma:

»Ihr wartet vergebens; Herr von Grandvilain ist verreist, er kommt vor zehn bis vierzehn Tagen nicht nach Hause.«

»Verreist!« rief Louise aus, »o! mein Gott! ... das ist aber recht traurig ... wohin denn, mein Herr, nach welcher Richtung? ... weit fort?«

»– Der Herr Marquis hat mir's nicht gesagt.«

»So sagen Sie uns wenigstens,« fuhr Nicolle fort, »ist er wohl? ... ist er recht glücklich? ... gefällt es ihm in Paris?«

»De« Herr Marquis erfreut sich einer vortrefflichen Gesundheit.«

»– Mein Gott! ... wie konnte er denn auf die Reise gehen, ohne uns vorher zu besuchen? ... Sind die jungen, fremden Damen, die so gut tanzen, auch mit Herrn Cherubin gereist?«

»– Das vermag ich Euch nicht zu sagen.«

Dann kehrten Nicolle und das junge Mädchen, höchst betrübt, Cherubin nicht haben küssen zu können, wieder nach Gagny zurück; die Amme sagte übrigens zu Louisen:

»Es ist gleich, wir wissen, daß er gesund ist, und das ist schon viel.«

»– Ja, gute Mutter ... und ohne Zweifel wird er nach vollendeter Reise uns besuchen, und wenn er nicht käme, so gingen wir wieder nach Paris, denn er wird nicht immer abwesend sein.«

Aber Tage und Wochen verflossen, ohne daß man von dem Geliebten, stets Erwarteten sprechen hörte. Hingerissen von Louisens Thränen und Bitten hatte Nicolle noch einmal eingewilligt, nach Paris zu gehen, aber diese zweite Reise war nicht glücklicher als die erste. Mit dem einzigen Unterschiede, daß diesmal der Thürsteher erwidert hatte, der Herr Marquis befinde sich auf einige Zeit auf dem Schlosse eines seiner Freunde.

Darauf waren beide Frauenzimmer noch trauriger als das vorige Mal zurückgekehrt, und Nicolle hatte gleichfalls weinend zu Louisen gesagt:

»Mein liebes Kind, ich glaube, der, den ich mit meiner Milch genährt, will mich nicht mehr vor sich lassen ... Du siehst wohl ein, er hat uns vergessen, da er nicht mehr ins Dorf kommt, und nichts von sich hören läßt ... und verstehst Du, wenn die Leute in Paris Jemand nicht zu sich lassen wollen, so geben sie ganz einfach den Auftrag, zu sagen, sie seien nicht zu Hause!«

»– O, Mutter! Du denkst, Cherubin wolle uns nicht mehr sehen« ... er schäme sich vielleicht an uns? ...«

»– Das will ich eben nicht behaupten, mein Kind, aber gewiß ist, daß ich nicht mehr zu ihm nach Paris zurückkehren werde ... denn er muß erfahren haben, daß wir da gewesen sind ...« ... und ... wenn er uns noch geliebt hätte, so meine ich, wäre er gleich in unsere Arme geeilt.«

Louise wußte nichts darauf zu antworten; sie wünschte Cherubin gegen Nicolle's Anklage zu vertheidigen, aber sie fand in ihres Herzens Grund selbst nur noch einen schwachen Hoffnungsstrahl. Seit dieser zweiten Reise nach Paris hatte sich die Traurigkeit des junges Mädchens nur vermehrt; vor derjenigen, die sich ihrer als Mutter angenommen, suchte sie ihren Kummer, ihre Niedergeschlagenheit zu verbergen, sobald sie aber allein war, überließ sie sich beiden, mit einer Art Wollust; denn bei außerordentlichen Schmerzen gewährt es beinahe einen Trost, in seinen Träumereien, seinen Klagen und seinen Erinnerungen nicht gestört zu werden. Louise machte es wie Alle, die einen theuren Gegenstand verloren haben: sie suchte oft die Orte auf, wo sie mit ihm gewesen, die sie mit ihm durchwandert und bewundert hatte. Wenn man sich wieder an solchen Orten befindet, wo man früher glücklich gewesen, so scheint es, als müsse man es noch sein; unsere Erinnerung vergegenwärtigt uns alle vergangenen Ereignisse; die geringsten, unbedeutendsten erhalten Werth, wenn sie sich auf die geliebte Person beziehen; die lebhafte Erinnerung an das früher Erlebte macht uns glauben, jene Zeit sei wiedergekehrt ... Das Herz erschließt sich einem glücklichen Gefühle ... aber ach! nur auf kurze Dauer! ... Die Gegenwart mit ihrer entsetzlichen Wahrheit steht vor uns! man blickt um sich ... sieht sich allein ... ganz allein! ... man entdeckt in der Tiefe seiner Seele nichts als eine fürchterliche Leere ... und keine ungetrübte Freude in der Zukunft!

Eines Morgens arbeitete Nicolle, Jakob schlief und Louise war im Garten, wo sie nach ihrer Gewohnheit von Cherubin träumte, als ein Herr in das Haus der Landleute trat und ausrief:

»O Aufenthalt! ... agrestis und rusticus Ländlich und bäurisch ... ... ich grüße dich ... aber ich sehne mich nicht nach dir zurück ... denn ich theile nicht im mindesten Birgits Geschmack ... ich ziehe die Stadt dem Landleben vor.«

Nicolle, als sie Herrn Gerundium erkannte, stieß einen Freudenschrei aus, und beeilte sich, Louisen mit den Worten herbeizurufen:

»Komm' doch schnell, mein Kind, sieh, der Herr Schulmeister ist zurückgekehrt ... ohne Zweifel wird nun Cherubin auch bald wieder kommen.« In der That war es der Hofmeister, aufs Flotteste ausstaffirt, mit einem so glänzenden Hute, daß er gefirnißt schien, sorgfältig pomadisirt, mit Glacéhandschuhen, und mit eau de Portugal auf dem Schnupftuch, aber auch mit ungleich stärker geröthetem Gesichts-Erker.

Louise eilte herbei; noch nie hatte ihr die Gegenwart Herrn Gerundiums ein solches Vergnügen gemacht; sie brannte vor Verlangen und fürchtete zugleich mit ihm zu sprechen, aber sie reichte ihm die Hand und stammelte:

»Ach, welches Glück, mein Herr ... Sie werden uns von ihm Nachricht geben.«

Herr Gerundium seinerseits blieb beim Anblick des jungen Mädchens in Staunen versunken stehen, denn es waren seit seiner Entfernung von Gagny acht Monate verflossen, und dieser Zeitraum hatte in Louisen eine mächtige Veränderung, aber nur zu ihrem Vortheil hervorgebracht. Sie war kein Kind mehr, sondern eine Jungfrau; ein großes, hübsch gewachsenes, liebliches Mädchen, voller Reize, der man siebenzehn Jahre und viele Anbeter zutrauen konnte.

»– Das ist außerordentlich!« rief der Hofmeister aus, »wahrhaftig zauberhaft ... welche wohlthuende Veränderung!«

»Sie finden Louisen gewachsen, nicht wahr, mein Herr?« sagte Nicolle.

»– Wenigstens um zwölf Zoll gewachsen ... und ihre Formen sehr herausgehoben ... sehr greifbar ...«

»Aber Cherubin? mein Herr! erzählen Sie uns von Cherubin! ... nicht von mir sollen Sie sprechen! kommt er, mein Herr ... werden wir ihn bald sehen ... denkt er an uns ... erinnert er sich zuweilen unserer? ...«

»– Ist er recht stark ... gesund ... und zufrieden, der liebe Junge? ... wann werden wir ihn in unsere Arme schließen? ... Warum kommt er nicht nach Gagny? ...«

»– Der Herr Marquis befindet sich sehr wohl,« erwiderte Gerundium, fortwährend nach Louisen schielend. »Ihr fragt, warum er nicht zu Euch komme? ... ach, liebe Frau Frimousset, man merkt wohl, daß Euch das Leben in Paris nicht bekannt ist, besonders das Leben, welches ein junger vornehmer Herr führen muß! ... Mein Zögling hat keinen freien Augenblick; vom frühen Morgen an ficht, reitet, singt, tanzt und spielt er! ... kaum bleibt ihm Zeit zu seinen Mahlzeiten übrig, außerdem muß er auch in Gesellschaften, ins Theater, in die Concerte und auf den Ball gehen ... wie, Teufels, könnt ihr da verlangen, daß er Muße finde, in dieses Dorf zu kommen? ... Es ist unmöglich! ... Ich selbst war kaum im Stande, diese Reise heute zu machen ... ich mußte mich mit dem Frühstücke beeilen ... und ich liebe das schnelle Essen nicht ...«

»Wir sehen ihn also nie wieder!« seufzte Louise mit beklommenem Herzen und thränenvollen Augen.

»Das will ich eben nicht behaupten ... anbetungswürdige Schäferin! ... ich sage nur, Sie sollen vernünftig sein und nicht verlangen, daß der Herr Marquis Ihretwegen seine wichtigen Geschäfte unterbreche.«

»– O! wir verlangen gar nichts!« sagte Nicolle; »ich wäre gerne wieder nach Paris gegangen, ihn zu besuchen ... man sagt uns aber immer, er sei abwesend.«

»– Kommt nicht nach Paris, Ihr würdet Euch vergeblich bemühen; wie wollt Ihr einen jungen Mann im Fluge aufhalten, der täglich fünfhundert Ausgänge zu machen hat?«

»– Fünfhundert Ausgänge! ... ach, mein Gott! da muß ja der arme Junge kreuzlahm werden! ...«

»– Geht er denn zu Fuße? ... Er fährt oder reitet immer ... und da geht's immer im gestreckten Galopp.«

»Und er kann nicht ein einziges Mal hieher kommen? ...« sagte Louise mit einem tiefen Seufzer ... – »Und jene schönen Damen, die so gut tanzen ... besucht er ohne Zweifel oft?« »Die Tänzerinnen! ... pfui doch! ... das wäre gegen die guten Sitten! ... man hat sich dieser Possenreißerinnen bedient, wie man sich des Magnets zur Anziehung einer Masse von Dingen bedient, aber mehr ... retro Satanas

»Nun,« fuhr Nicolle fort, »wenn er nur zuweilen an uns denkt!«

»– Der Beweis, daß er an Euch denkt, Frau Nicolle, liegt darin, daß er mir den Auftrag ertheilte. Euch Folgendes zu übergeben ... denn er will Euch glücklich und sorgenfrei wissen ... und ist sehr freigebig, mein Zögling ... Hier nehmt ... es sind tausend Franken darin ... das ist sehr hübsch.«

Mit diesen Worten reichte Herr Gerundium Nicollen einen Geldsack, den sie annahm und ausrief:

»– Tausend Franken! ... o! das ist aber zu viel! ... tausend Franken ... Ach! das ist ein schönes Geschenk ... aber wenn ich ihn hätte dazu umarmen dürfen, wäre es noch weit schöner gewesen.«

Jakob, der eben erwachte, sah den Geldsack und stammelte: »Tausend Franken! ... zu sechs Sous das Maß ... wie viel gibt das Eimer?«

»Und an mich hat er Ihnen keinen Auftrag mitgegeben, mein Herr?« fragte Louise. Dann fügte sie, erröthend, schnell hinzu:

»O, mein Herr! nicht nach einem Geschenke ... oder nach Geld frage ich! ... sondern nach einem Worte der Freundschaft ... der Erinnerung ... einem Worte, welches mir beweist, daß er mich nicht vergessen ... Lassen Sie hören, mein Herr, besinnen Sie sich wohl!«

Herr Gerundium zerkratzte seine Nase und erwiderte:

»Nein, meine schöne Freundin, der Marquis, mein Zögling, hat mir keinen besondern Auftrag an Sie mitgegeben, aber er hat mir gesagt, euch Allen Gesundheit und Wohlergehen zu wünschen.

Louise erblaßte und wandte die Augen ab. Der Hofmeister näherte sich ihr und flüsterte ihr zu:

»Aber machen Sie sich keinen Kummer, mia cara bella! ... wenn Sie der Marquis vergißt ... so gibt es Jemand, der Sie nicht vergessen ... der für Ihre Zukunft sorgen ... und Sie Ihr Leben nicht im Dunkel dieses Dorfes verjammern lassen wird ... Geduld, Sie sind noch sehr jung ... obwohl schon vollkommen ausgebildet ... warten Sie noch eine kurze Zeit ... Penelope harrte lange der Rückkehr des Ulysses, aber er kam endlich und tödtete ihre Freier ... Dieser Mann handhabte den Bogen vortrefflich!«

Louise betrachtete Herrn Gerundium mit erstaunter Miene, als ob sie ihn um die Bedeutung seiner Worte fragen wollte; aber der Hofmeister wandte sich gegen Nicollen und rief aus:

»Nun muß ich euch Lebewohl sagen!«

»– Was! so schnell wieder, Herr Gerundium, ohne etwas zu sich zu nehmen, ohne sich zu erfrischen? ...«

»Ein Schlückchen Krätzer ...« sagte Jakob, »schlägt man nicht aus.«

»Verzeiht mir, mein lieber Frimousset, das schlägt man sehr leicht aus, wenn man, wie ich, gewöhnt ist, in Paris vorzügliche Weine zu trinken; jetzt würde mir Euer Krätzer den Magen zersprengen.«

»– Aber was nöthigt Sie denn, so schnell wieder abzureisen?«

»– Meine würdige Nicolle, ich weiß, daß man heute Mittag gebratene Wachteln speist; Mamselle Turlurette hat mir's gesagt, und ich würde ein großes Unrecht an mir selbst begehen, wenn ich nicht meinen Theil davon nähme. Auf Wiedersehen, tugendhafter Landmann; Nicolle wachet über diese schöne Perle ... Margarita ... ich empfehle sie Euch, und Sie, reizende Louise, überlassen Sie sich dem Kummer nicht! Ihre Zukunft wird gewiß noch schön! ... Dieses Orakel ist sicherer, als das des Kalchas! ... Ich wünsche euch allesammt eine treffliche Gesundheit und eile nach Villemomble, wo ich mich in den Wagen setzen werde.«

Mit diesen Worten richtete Herr Gerundium an Jedes ein ungeheures Lächeln, fügte dem an die Jungfrau noch einen ausnehmend warmen Blick bei und entfernte sich, während er seinen glänzenden Hut aufsetzte und in seine glacirten Handschuhe fuhr.

»– Er verlangt, daß ich mich dem Kummer nicht überlassen soll! ...« sprach Louise nach Gerundiums Entfernung; »und Cherubin hatte kein Wort für mich!«

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