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Der schüchterne Liebhaber

Charles Paul de Kock: Der schüchterne Liebhaber - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDer schüchterne Liebhaber
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid8bc25582
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Dreizehntes Kapitel

Morgen!.

Cherubin erwachte spät, blickte erstaunt um sich her und suchte seine Gedanken zu sammeln. Er fragte sich, warum er Gagny verlassen habe, seine gute Nicolle und Louisen, die er so sehr liebte? ... dann dachte er an das prächtige Mittagessen von gestern und an die so lieblichen, so muntern, so spaßigen vier Frauenzimmer, die mit so viel Grazie tanzten, während sie ihm so süße Blicke zuwarfen ... was zusammen freilich wohl im Stande war, einen so unerfahrenen Kopf und ein so frisches Herz in Anspruch zu nehmen.

Plötzlich erschreckte ihn das Geräusch eines fallenden und in Stücke gehenden Möbels, er drehte den Kopf und gewahrte Jasmin, der entsetzt über einen von ihm umgeworfenen Waschtisch dastand.

»Was gibt's denn?« fragte der Jüngling, der sich nicht enthalten konnte, über das Gesicht zu lachen, das sein alter Kammerdiener machte.

»Gnädiger Herr ... ich bin's ... weil ich keinen Lärm machen wollte, um Sie nicht im Schlafe zu stören ...« »So! Du heißt das keinen Lärm machen.«

»Während ich vorsichtig einherging, stieß ich auf dieses kleine Möbel ... welches ausglitschte ... aber, seien Sie ruhig, man kann wieder ein ähnliches bei jedem Tapezier bekommen!«

»O! ich bin ganz ruhig ... Jasmin, ich will mich anziehen und nach Gagny zurückkehren ...«

»Wie, jetzt schon, mein theurer Herr ... haben Sie auch Ihre Casse untersucht? ...«

»Nein, weßhalb denn? ...«

Jasmin wies Cherubin die im Sekretär befindliche Geldschublade und sagte zu ihm:

»Sie ist ganz mit Gold angefüllt, gnädiger Herr, das Ihnen gehört ... und wenn dieses ausgegeben ist ... so erhalten Sie wieder anderes ... Sie dürfen sich nur an Ihren Bankier wenden, und mit Gold verschafft man sich in Paris sehr viele Annehmlichkeiten ...«

»Jasmin, Du weißt wohl, daß ich's nicht leiden kann, wenn man mir widerspricht ... wo sind meine Kleider ... meine Stiefeln ...?«

»Gnädiger Herr, ich habe sie zum Fenster hinausgeworfen ... bis auf die, welche Ihnen Herr von Monfréville gestern gebracht hat ...«

»Was soll das heißen? ... ich habe also keine Beinkleider mehr anzuziehen ... seid Ihr verrückt, Jasmin?«

»Herr von Monfréville hat mir streng befohlen, den ganzen alten Trödelkram des Herrn Marquis wegzuwerfen ... aber es ist ein Kleiderfabrikant, ein Schuhfabrikant, ein Hemdenfabrikant, ein Hutfabrikant u.s.w. da ... die die modernsten Gegenstände bei sich haben ... Herr von Monfréville hat alle diese Leute, die seit einer Stunde auf Ihr Erwachen warten, hergeschickt.«

»Nun, so laß sie hereinkommen.«

Die Fabrikanten wurden eingeführt; sie waren jeder von einem Burschen begleitet, der die Waaren trug. Während Cherubin aussuchte, was ihm am meisten gefiel und was man ihm als das Modernste bezeichnete, meldete man den Grafen Darena.

Darena erschien in seinem abgetragenen Rocke, seinem außer Form gerathenen Hute und seiner zerknitterten Kravatte von gestern, aber auch mit seinem Anstände und seiner gewöhnlichen Heiterkeit, er eilte auf den Jüngling zu, um ihm die Hand zu drücken, und rief dabei aus:

»Hier bin ich, mein lieber Freund, ich wollte Sie bei Ihrem Erwachen begrüßen ... ich komme, um mit Ihnen zu frühstücken ... Ach! Sie machen Einkäufe. Das hätten Sie mich besorgen lassen sollen ... ich hätte Ihnen meine Lieferanten geschickt ... Sie sind gestern so schnell fortgegangen ... die Damen waren schmerzlich überrascht, als sie sie nicht mehr sahen.«

»Herr d'Hurbain hatte mir gesagt, es sei Zeit zum Aufbrechen ... es schicke sich nicht, noch langer in einem Gasthause zu verweilen,« entgegnete Cherubin in aller Unschuld.

»Ach! herrlich! köstlich! ... in Paris bleibt man, so lange es Einem gefällt, bei einem Gastwirth ... man bringt sogar die Nacht dort zu, wenn man Lust hat. Dieser Herr d'Hurbain ist ein sehr schätzbarer Mann; aber er taugt nicht mehr in unsere Zeit, noch auf die Höhe des Jahrhunderts ... zum Glück wird er nicht immer bei Ihnen sein, denn das wäre höchst langweilig ... Sie nehmen den blauen Frack nicht? ...«

»Ich habe schon zwei Fräcke und zwei Ueberröcke ausgewählt,« entgegnete Cherubin.

»Dann nehm' ich ihn ... ich sehe schon, er paßt mir ... auch zu diesem polnischen Rocke habe ich Lust ... es ist eine Laune von mir ... beim Kuckuk, die Farbe dieser Hosen verführt mich ... ich kaufe sie ... und diese beiden Westen ... O! wenn ich einmal im Zuge bin, kann mich nichts mehr zurückhalten ... Hier sind Hemden, die vorzüglich kleiden müssen ... heutzutage macht man Hemden, die wie ein Frack anschließen ... ich behalte dieses Dutzend ... diese Stiefeln scheinen mir gut gemacht ... Sie haben einen sehr hübschen Fuß, lieber Cherubin, in der Größe des meinigen ... ich nehme dieses Paar ... Sind sie vom gleichen Maße, wie die, welche der Herr Marquis ausgewählt hat ...?«

»Ja, mein Herr,« erwiderte der Schuhmacher mit einem Bückling.

»Dann behalte ich sie ... Ah! ich bin neugierig, zu sehen, ob mein Kopf denselben Umfang hat, wie der Ihrige ... zeigen Sie mir einmal den für Sie ausgewählten Hut ...«

Während er mit aller Gewalt einen Hut, den ihm der Hutmacher darreichte, der aber viel zu klein war, in den Kopf zwingen wollte, rief Darena aus:

»Er würde mir schon recht werden ... er würde am Ende schon sitzen bleiben ... aber haben Sie vielleicht einen ähnlichen da, der etwas größer ist?«

»Ja, mein Herr ...«

»Lassen Sie einmal sehen ... der geht vollkommen ... ich nehme ihn auch.«

Die Geschäftsleute betrachteten sich mit sorglicher Miene; man las in ihren Augen, daß sie sich gegenseitig befragten, ob sie dem Herrn, der so Vieles, ohne nur nach dem Preise zu fragen, auswählte, und dessen Anzug kein besonderes Zutrauen einflößte, borgen sollten. Darena machte ihrem Zögern ein Ende, indem er fortfuhr:

»Apropos! ... ich kaufe ... und kaufe! ... und habe kein Geld bei mir! ... ah! mein Freund, der junge Marquis von Grandvilain wird auch meine Einkäufe mit den seinigen bezahlen ... ihr braucht keine zwei Rechnungen zu machen ... ich will dann die Sache mit ihm in Ordnung bringen ... Ist Ihnen das nicht unangenehm, mein junger Freund?«

»Nein, mein Herr, es geschieht mit dem größten Vergnügen!« entgegnete Cherubin, sich ankleidend, »ich bin höchst erfreut. Ihnen dienen zu können!«

Und Jasmin sagte halblaut zu seinem jungen Herrn, während er ihm die Weste anziehen half:

»Uebrigens ist es eine recht feine Manier und sehr nobel, seinen Freunden Geld zu leihen. Der selige Herr von Grandvilain, Ihr Vater, machte es auch nicht anders! Ich werde die Lieferanten des Herrn befriedigen.«

Und Jasmin bezahlte den Leuten ihre Rechnungen.

Darena gab seine Adresse, um die von ihm gewählten Waaren in seine Wohnung tragen zu lassen, und die Lieferanten entfernten sich sehr befriedigt.

Während der alte Diener Vorkehrungen zum Frühstück zu treffen ging, sagte Darena zu Cherubin:

»Nun sind Sie aufs Vollkommenste herausstaffirt, was sehr gut ist, jedoch nicht genügt; ich wünsche, daß mein junger Freund alle jene für einen Pariser Löwen unentbehrlichen Kleinigkeiten und Kostbarkeiten habe.«

– »Wie! für einen Löwen? ...«

»– Das ist der Name, den man gegenwärtig einem jungen Herrn nach der Mode gibt. Haben Sie eine Uhr? ...«

»– Ja, diese hier, ein Erbstück meines Vaters.« Mit diesen Worten reichte Cherubin Darena eine goldene, ebenso dicke, als breite Uhr hin, der Graf brach bei ihrem Anblick in ein lautes Gelächter aus:

»– Ach! mein Lieber! wenn man eine solche Zwiebel bei Ihnen sähe, würde man Ihnen ins Gesicht lachen ...«

»– Wie! ... es ist doch ächtes Gold!«

»– Ich zweifle nicht daran und füge sogar bei, daß es eine sehr schätzbare Uhr ist, da sie von Ihrem Vater kommt; aber man trägt keine solche mehr. Schließen Sie dieselbe sorgfältig in Ihren Sekretär ein und schaffen Sie sich eine moderne Uhr an ... so dünn, wie ein Blatt Papier: ich habe meinen Geschäftsführer beauftragt, eine solche auszusuchen und Ihnen heute Morgen alle für Sie nöthigen Kostbarkeiten zu überbringen ... Eben höre ich denselben in Ihrem Vorzimmer nach Ihnen fragen ... Hier herein, Poterne, hier herein, der Herr Marquis ist zu sprechen.«

Das abscheuliche Angesicht des Herrn Poterne zeigte sich unter der Thüre zum Schlafzimmer, Cherubin forderte ihn auf, einzutreten; als Poterne an Darena vorbei ging, sagte er leise und hastig zu ihm:

»Der Kaufmann wollte mir nichts anvertrauen ... er wartet unten an der Hausthüre ...«

»– Gut, Du bezahlst ihn nachher ... es wird aber doch nichts Falsches sein? ...«

»– Nein, es sind ächte Juwelen ...«

»– Wie viel verlangt man dafür?«

»– Achthundert Franken.«

»– Sage zweitausend.«

Herr Poterne zog eine Pappdeckelschachtel aus seiner Tasche, worin sich eine hübsche, ganz flache Uhr, eine goldene Kette, die zwar leicht schien, aber wunderschön gearbeitet war, und eine mit Brillanten besetzte Stecknadel befanden; Cherubin stieß beim Anblick dieses Geschmeides einen Freudenschrei aus.

»Dieses, Herr Marquis ist das Schönste und Modernste,« sagte Poterne, indem er die Kette um des Jünglings Hals legte, und sein Aeußerstes that, um sich das Ansehen eines rechtschaffenen Mannes zu geben.

»Ja, das ist nach dem neuesten Geschmacke,« rief Darena aus, »das müssen Sie haben, mein lieber Cherubin, ein gut gekleideter Mann kann so Etwas nicht entbehren ... ich habe selbst mehrere Ketten, sie sind aber in diesem Augenblicke zerbrochen, und werden ausgebessert.«

»O! ich kaufe diese Juwelen alle!« rief Cherubin aus. »Wer sollte glauben, daß hier eine Uhr darin ist? ... die schöne Stecknadel! ... Was kostet das Alles?«

Als Poterne die Bewunderung sah, welche diese Kostbarkeiten in dem jungen Manne erregten, dachte er, daß er den Preis noch weiter erhöhen könne, und entgegnete:

»Zweitausend fünfhundert Franken im Ganzen.« Darena wendete sich weg, indem er sich in die Lippen biß, und Cherubin eilte an seine Kasse.

Als Herr Poterne eine ganz mit Gold angefüllte Schublade sah, wurde er blau, seine Stirne schwoll auf, seine Augen erweiterten sich und seine Nase zog sich krampfhaft zusammen. Darena, der dies bemerkte, benützte den Augenblick, wo ihnen Cherubin den Rücken zukehrte, um seinem Freunde einen Tritt an den Hintern zu geben, indem er ihm zuflüsterte:

»Ich will hoffen, Schelm, daß Du keine ruchlosen Absichten hast ... sonst zerschlage ich Dir das Kreuz.«

Poterne hatte keine Zeit, zu antworten. er rieb den eben angegriffenen Theil seines Körpers, empfing die Summe, die ihm von Cherubin in Gold ausbezahlt wurde, und empfahl sich schleunigst; aber kaum hatte er die Thüre des Schlafzimmers hinter sich, als ihm Darena nachrannte, indem er Cherubin zurief:

»Entschuldigen Sie, mein junger Freund ... ich komme sogleich wieder, ich vergaß, meinem Intendanten einen wichtigen Auftrag zu geben.«

Poterne eilte fort, wie wenn er eine Verfolgung fürchtete. Darena holte ihn erst auf der Treppe ein, Packte ihn am Kragen seines Oberrocks und schnauzte ihn an:

»Lauf doch nicht so schnell ... Du thust sehr eilig, alter Schuft, laß mir gleich zweitausend Franken da ...«

»– Wie, zweitausend Franken,« murmelte Poterne, »ich muß ja schon achthundert dem unten wartenden Kaufmann geben.« »– Du gibst ihm fünfhundert; mit dem Uebrigen wird er warten und noch sehr zufrieden sein ...«

»– Aber ich, ich ...«

»– Du! ich zerbreche Dich in sechs Stücke, wenn Du raisonnirst ... Nun, Poterne, sei vernünftig! ... Du weißt ja doch, daß, wenn ich bei Geld bin. Dir nie etwas abgeht.«

Poterne gehorchte mit einem Gesichte, dem Weinen näher lag als Lachen. Darena steckte das Gold in seine Taschen und kehrte zu Cherubin zurück, der sich in einem fort vor dem Spiegel betrachtete. Jasmin meldete, daß das Frühstück aufgetragen sei, und die Herren begaben sich zu Tische. Kaum hatten sie sich niedergesetzt, als man Herrn von Monfréville meldete.

Als er Darena mit ihrem jungen Freunde von gestern am Tische bemerkte, schüttelte er ein wenig den Kopf und sagte in scherzendem Tone zum Grafen:

»Schon da? Beim Teufel, es scheint. Sie sind frühe gekommen!«

»Wenn ich meine Freunde liebe, so drängt es mich immer, sie zu sehen,« erwiederte Darena. »Treuer Jasmin, was ist das für ein Wein?«

»Beaune, Herr Graf,« entgegnete der alte Diener sich verneigend.

»– Er ist sehr gut, aber beim Frühstück liebe ich Sauterne, Chambertin ... euer Keller hier muß gut versehen sein?«

»– O ja, mein Herr, und lauter abgelagerte Weine.«

»– Ich glaube es gerne, wenn sie noch vom Vater unseres jungen Freundes herstammen.«

»– Nun wohl, alter exemplarischer Diener, holt uns einige andere Flaschen ... wenn ein Kelter während eines ganzen Menschenalters ausgeruht hat, scheint es mir Wohl an der Zeit, ihn anzugreifen.«

Jasmin beeilte sich, den ihm gegebenen Auftrag, zu vollführen, und Monfréville sagte zu Darena: »Aber Sie fordern ... ohne nur den Hausherrn zu befragen.«

»– Mein Freund hat mir unumschränkte Vollmacht ertheilt, und ich mache Gebrauch davon.«

»Ja, mein Herr,« sagte Cherubin, »o! schalten Sie nur nach Belieben bei mir.«

Darena neigte sich gegen Monfréville und flüsterte ihm in's Ohr:

»Er sprach diesen Morgen schon davon, wieder nach Gagny zurückzukehren; wenn wir diesen jungen Mann nicht zerstreuen, so ist er im Stande, zu seiner Amme zurückzugehen, und das wäre eine wahre Todsünde! ...«

»Frühstücken Sie nicht mit uns, mein Herr?« fragte Cherubin Monfréville.

»Ich danke Ihnen, mein junger Freund, ich habe schon gefrühstückt. Waren Sie mit den Handelsleuten zufrieden, die ich Ihnen diesen Morgen zugeschickt habe?«

»–O! ja, mein Herr, Alles war recht. Ich habe eine Masse Sachen gekauft ... und der Herr Graf auch.«

Monfréville blickte Darena an, der nichts zu hören schien und sich sehr eifrig mit dem Zerlegen einer Rebhühnerpastete beschäftigte.

»– Und dann betrachten Sie doch meine Uhr, meine goldene Kette, meine Vorstecknadel ... Herr Darena hat mir all' diese Gegenstände durch seinen Intendanten zugeschickt ... Wie schön das ist ... nicht wahr?«

»Haben Sie diese Sachen theuer bezahlt?« fragte Monfréville.

»Nein, ich habe nur zweitausend fünfhundert Franken darum gegeben ... das scheint mir nicht zu theuer! ...«

Monfréville warf abermals einen Blick auf Darena, der aber unerschütterlich an seiner Pastete fort arbeitete, und entgegnete: »Doch, das ist viel ... das ist sogar viel zu viel ... wenn Sie in Zukunft Einkäufe machen, so will ich, wenn Sie es erlauben, Sie dabei anleiten; ich glaube mich wenigstens ebenso gut darauf zu verstehen, als der Intendant des Herrn Grafen.«

Jasmin kam mit mehreren Flaschen zurück; er schlug eine zusammen, als er sie auf den Tisch stellen wollte, und warf Darena einen Rahmkäse über den Kopf. Cherubin war trostlos wegen der Ungeschicklichkeit seines Dieners, und der alte Jasmin verbarg sich, ganz bestürzt über den eben herbeigeführten Unfall, hinter einer spanischen Wand; Darena lachte indeß zuerst über das Geschehene:

»Es hat nichts zu bedeuten,« sagte er, »ich bin noch nicht angekleidet ... dessen ungeachtet aber, mein lieber Marquis, will ich Ihnen einen Rath geben, erlassen Sie Ihrem alten Jasmin den Dienst bei Tische ... seine Leistungen wären kostspielig für Sie und unangenehm für Ihre Freunde; dieser wackere Diener hat das Gnadenbrod wohl verdient. Sie müssen es ihm geben. Ich gehe, mich anzukleiden, und komme wieder, Sie abzuholen, denn wir wollen den heutigen Tag mit einander zubringen ... Nicht wahr, Monfréville?«

»Es ist auch mein Wunsch ... wenn unser junger Freund nichts dagegen hat.«

Cherubin zögerte einen Augenblick und stotterte endlich:

»Aber ich hatte die Absicht ... nach Gagny zu gehen ... nach meiner Amme zu sehen.«

»O! morgen! morgen! ...« rief Darena aus; »heute haben wir viel zu viel zu thun ... ich eile, mich anzukleiden, und komme alsbald wieder zurück.«

Darena war weg. Monfréville hätte gute Lust gehabt, Cherubin begreiflich zu machen, daß er den Freundschaftsbezeugungen des Grafen kein großes Zutrauen schenken solle; aber wenn er es so schnell versucht hätte, den jungen Mann zu enttäuschen, indem er ihn vor falschen Freunden, eigennützigen Liebschaften, betrügerischen Kaufleuten und allen Gefahren in Paris warnte: mußte er dann nicht fürchten, ihm diese Stadt zu entleiden, die er ohnedies so ungern betreten hatte?

Alles wohl erwogen, dachte Monfréville, ist Darena heiter, geistreich; er weiß jeden Tag ein neues Vergnügen zu ersinnen; wenn seine Bekanntschaft Cherubin auch einige Tausendfrankennoten kostet ... so ist ja der junge Mann reich! und muß man nicht in allen Dingen Lehrgeld geben? Ueberdies werde ich über unserem Schüler wachen und verhüten, daß man seine Unerfahrenheit allzu sehr mißbrauche.

»Ei, mein junger Freund,« begann Monfréville, »was haben Sie denn aus Ihrem Lehrer gemacht? ... er muß doch bei Ihnen wohnen ... ist er vielleicht unwohl?«

»Ach, Sie haben Recht,« rief Cherubin aus; »ich hatte Herrn Gerundium ganz vergessen. Jasmin, geh', erkundige Dich, was mein Lehrer macht, und frage ihn, warum er nicht zum Frühstück kommt?«

Jasmin begab sich in Herrn Gerundiums Zimmer; der vormalige Schulmeister lag, tief schlafend, unter Decke und Kissen versteckt und wie begraben in seinem Bette; man hörte nur ein Schnarchen, welches anzeigte, daß das Bett besetzt sei.

Der alte Kammerdiener streckte seine Hand nach dem Kopfkissen aus; er erwischte die hervorragende Nase des Herrn Gerundium, packte sie, zerrte heftig daran und schrie:

»Frisch auf, Herr Professor, erwachen Sie doch, mein Herr fragt nach Ihnen.«

Herr Gerundium öffnete die Augen, zog seine Nase aus Jasmin's Händen und brummte:

»Was gibt es denn? ... Was bedeutet diese Gewaltthat, und warum weckt man mich bei der Nase auf? ... Das ist wahrhaftig eine neue Art; so ging Aurora mit den rosigen Fingern bei dem blonden Phoebus nicht zu Werke!«

Als Herr Gerundium jedoch erfuhr, daß man schon gefrühstückt habe, entschloß er sich zum Aufstehen, machte in Eile seine Toilette und ging hinab, um seinen Zögling zu begrüßen.

»Die Annehmlichkeiten Capua's verweichlichten Hannibals Soldaten,« begann der Lehrer, auf die noch sehr verführerischen Ueberreste des Frühstücks hinschielend; »mich, mein werther Zögling, verweichlichte der Flaum meines Lagers ... Genehmigen Sie meine Entschuldigung, künftig werde ich so früh sein, wie ein Hahn.«

Und damit setzte sich Herr Gerundium zu Tische, um die versäumte Zeit wieder hereinzubringen, während Cherubin, dem Wunsche der Mamselle Turlurette nachgebend, von Verschiedenem im Hause Einsicht nahm; Monfréville, der zurückgeblieben war, näherte sich dem Lehrer und sagte zu ihm:

»Mein Herr, Sie haben sich eine wichtige Aufgabe gestellt, fühlen Sie sich derselben auch gewachsen?«

Herr Gerundium in der Meinung, man wolle auf seinen guten Appetit anspielen, erwiederte, indem er mit großer Behendigkeit unter den Speisen aufräumte:

»Das will ich wohl meinen, damit werde ich ganz gut fertig, ich habe seit gestern Abend nichts mehr über die Lippen gebracht.«

»Nicht davon will ich mit Ihnen sprechen, sondern von Ihrem Schüler, dem jungen Manne, der in Paris der Gegenstand Ihrer ausnehmendsten Sorge sein muß, weil es nöthig ist, darüber zu wachen, daß er bei seiner Arglosigkeit und edeln Natur in dieser Stadt, die er unter allen Umständen kennen lernen mußte, nicht betrogen werde.«

Nachdem sich der Lehrer Zeit gelassen, den Flügel eines Kapauns zu verzehren, erwiederte er in einem gelehrten Tone:

»In dieser Hinsicht könnte der junge Cherubin in keinen bessern Händen sein. Beruhigen Sie sich, mein Herr, ich werde meinem Zöglinge ein abschreckendes Gemälde der ihm drohenden Verführungen vorhalten, denn die Sitten gehen vor Allem! Dies ist mein Grundsatz ... Sankt Paulus sagt zwar: oportet sapere ad sobrietatem! ich aber behaupte, daß man in des Marquis Alter ganz tugendhaft sein muß ...«

Monfréville zuckte die Achseln und sagte:

»Ach nein, mein Herr, so verstehe ich's nicht! ... es handelt sich nicht darum, den Jüngling einzuschüchtern und einen Cato aus ihm zu machen! ... lassen Sie ihn die Freuden seines Alters, die ihm sein Vermögen gestatten, genießen ... verhindern Sie nur, daß es im Uebermaß geschehe, und sorgen Sie dafür, baß er nicht von Intriguanten und Schelmen, wovon Paris wimmelt, überlistet und betrogen werde.«

»Das meine ich eben, mein Herr, ich werde unablässig über ihn wachen, stets das Auge geöffnet, die Nase in der Höhe, das Ohr gespitzt haben; es soll nicht mein Fehler sein, wenn der Jüngling der Verführung unterliegt; ich befolge überdies ein ganz neues Erziehungssystem ... stets mit besonderer Rücksicht auf Sitten! ... Doch jetzt entschuldigen Sie, ich muß mein Frühstück beendigen.«

Monfréville verließ Gerundium mit dem Gedanken:

»Dieser Mann ist sicher ein Dummkopf oder ein Heuchler! ... wenn nicht beides zugleich!«

Cherubin war mit Besichtigung des Hauses, das er alt, traurig und düster fand, fertig geworden; Monfréville rieth ihm, die altertümliche Wohnung seiner Ahnen neu malen, möbliren und ausschmücken zu lassen.

Darena kam nach dem neuesten Geschmack gekleidet zurück; er trug einen Theil der Gegenstände an sich, die er diesen Morgen ohne den Beutel zu ziehen gekauft hatte, und mit dem Golde, das er Poterne abgenommen, hatte er das noch Fehlende ergänzt; sein Anzug war diesmal aber auch ohne Tadel, er zeigte übrigens ebenso viel Leichtigkeit und Ungezwungenheit darin, wie in seinen abgeschabten Kleidern.

Cherubin bewunderte das elegante Aeußere Darena's und den Anstand, mit dem er seine Kleider trug; Monfréville machte dieselben Betrachtungen, nur bedauernd, daß ein mit so vielen Vorzügen begabter Mensch oft so tief herabsteige und so schlechte Gesellschaft besuche.

»Hier bin ich zu Ihren Befehlen,« sagte Darena, »wir wollen den Marquis Cherubin mit uns nehmen ... ich kann mich nicht entschließen, Grandvilain zu sagen ... ein Name, der durchaus nicht für unsern jungen Freund paßt ... und wenn er mir folgt, so begnügt er sich mit dem Namen Cherubin, der sehr artig ist ...«

»Was? ...« brummte Jasmin, »der gnädige Herr sollte den Namen seines Vaters aufgeben? ... Warum nicht gar? ... ich widersetze mich!«

Man antwortete dem alten Diener nicht, und Darena fuhr fort:

»Vor allen Dingen muß unser Freund das Sehenswürdige von Paris kennen lernen ... das wird Zeit kosten ... für einen Beobachter gibt es viel zu sehen!«

»Alsdann,« sagte Monfréville, »wird es gut sein, wenn Cherubin den Lehrern, die ihm unumgänglich nöthig sind, täglich einige Stunden widmet, denn seine Erziehung ist für das Auftreten in der Welt noch sehr unvollkommen!«

Herr Gerundium hielt mit seiner Gabel, die in vollster Arbeit war, inne, und rief aus:

»Wer sagt, die Erziehung meines Zöglings sei unvollkommen? ... er wird bald ebenso viel wissen, als ich selbst.«

»Nun, gelehrter Meister Andreas, ärgern Sie sich nicht!« fuhr Darena lachend fort, »ich glaube, daß Sie in todten Sprachen und im Tranchiren eines Geflügels sehr stark sind ... O! Sie machen Ihre Sache ganz gut; können Sie aber unserem Freunde in der Musik, im Tanzen, Reiten, Fechten und im Pantoffelspiel Unterricht geben? ...«

»Im Pantoffelspiel?« murmelte Jasmin mit erstaunter Miene.

»– Ja, im Pantoffelspiel und in allen sonstigen modernen Wissenschaften, die einem jungen Manne von Stand und Vermögen nicht fremd sein dürfen, wenn er sich nicht dem Spotte aussetzen will.«

»Vertrauen Sie mir!« sagte Monfréville, Cherubin beim Arme nehmend; »mein Vater war ein Freund des Ihrigen; und auch ohne diesen Beweggrund würden Ihre Jugend und Aufrichtigkeit hinreichen, mir Interesse für Sie einzustoßen und den Wunsch in mir zu erregen, einen vollkommenen Cavalier aus Ihnen zu machen.«

»Und um damit anzufangen,« fiel Darena ein, »schlage ich einen kleinen Ausritt vor; es gibt nichts Besseres des Morgens. Können Sie sich einigermaßen auf dem Pferde halten?«

»O! ich halte mich vortrefflich und habe nicht die mindeste Furcht,« entgegnete Cherubin; »auf dem Dorfe galoppirte ich auf allen Pferden unserer Nachbarn.«

»– Herrlich! hier in der Nähe wohnt ein Pferdevermiether, der ziemlich ordentliche hat, wir wollen einige von ihm entlehnen, bis Sie selbst welche im Stalle haben, was gleichfalls unentbehrlich für Sie ist.«

Cherubin ging mit seinen beiden Freunden aus, empfand aber kein Vergnügen bei dem Gedanken, einen Spazierritt zu machen; Nicolle's Säugling, dem alle Lustbarkeiten etwas Neues waren, hatte bisher nur einige Ackergäule bestiegen. Man begab sich zu einem Vermiether, der seine drei besten Renner satteln ließ. Eben als die Reiter aufsaßen, vernahm man den Ausruf:

»Nun! ... gibt's nicht auch ein Pferd für mich?« Man gewahrte sodann Jasmin, der seinem Herrn nachgefolgt war; er hatte seine Beinkleider so eng wie möglich zusammengeschnallt, eine Reitpeitsche mitgenommen, und eine Kappe mit langer Stülpe, die ihm Augen und Nase völlig bedeckte, aufgesetzt.

Cherubin und seine Begleiter konnten sich des Lachens über Jasmins Verwandlung in einen Jokey nicht enthalten, und Monfréville rief aus:

»Das ist ein alter Diener, dessen Anhänglichkeit peinlich wird!«

»Aber Jasmin, ich brauche Dich nicht,« sagte Cherubin, »geh' doch wieder nach Hause, Du könntest mir nicht nachkommen ... es würde Dich zu sehr anstrengen.«

»Gnädiger Herr, ich kenne meine Pflicht!« entgegnete Jasmin, »mein Platz ist fortwährend hinter Ihnen ...«

»Ja, ja! er hat Recht,« sagte Darena, »und weil er mit will, je nun, so soll er uns nachfolgen ... Ein Pferd für diesen treuen Diener, einen kleinen, guten Traber, Jasmin scheint mir ein vortrefflicher Reiter zu sein.«

»Aber er wird herabfallen,« sagte Cherubin leise.

»– Ich glaube es selbst, das wird jedoch gut für ihn sein.«. dieser Bursche braucht eine Warnung ... er ist höchst eigensinnig; er will durchaus Ihr Geschirr zusammenbrechen, Ihre Freunde mit Käse pomadisiren, auf die Chaisen hinaufklettern und spazieren reiten; man muß sich bestreben, ihn von diesem übermäßigen Eifer zu heilen.«

Man sattelte ein Pferd für Jasmin, und mit Hülfe zweier Stallburschen gelang es ihm, hinaufzuklettern. Die Herren fingen an zu reiten; innerhalb Paris ging es gemach, und der alte Diener war im Stande, seinem Herrn zu folgen; er that es auch mit Stolz, hielt sich fest in seinem Sattel und in den Bügeln, aber beim Eingang in die elyseischen Felder schlugen Cherubin und seine beiden Begleiter Galopp an. Als Jasmin seinen Herrn hinter einer Staubwolke verschwinden sah, wollte er ihm durchaus nachfolgen, und trieb seinen Renner mit der Peitsche; das Thier, welches nichts Besseres verlangte, als seinen Stallgenossen nachzukommen, nahm seinen Anlauf und jagte davon.

Allein der alte Reiter hatte seinen Kräften zuviel vertraut; nach wenigen Augenblicken galoppirte das Pferd allein und Jasmin wälzte sich im Staube.

Im Boulogner Wäldchen angelangt, kehrte sich Cherubin um und sagte:

»Nun, wo ist denn Jasmin?«

»Ich war überzeugt, daß er uns nicht nachkommen könne,« erwiderte Darena.

»– Wenn er nur nicht gestürzt oder verwundet ist!«

»– Trösten Sie sich, in seinem Alter fällt man sanft, man wird ihn aufgehoben haben, und es ist zu hoffen, daß ihm dies eine Lehre sein, und seine Anhänglichkeit etwas mäßigen wird.«

Die Herren setzten ihren Ritt fort und bewunderten die Festigkeit ihres jungen Begleiters, dem nur einige Stunden in der Eleganz und im Anstände fehlten, um einen vorzüglichen Reiter aus ihm zu machen.

Nach dem Spazierritt strich man zu Fuße auf den Boulevards und in einigen Kaffeehäusern umher, dann besuchte man eine der besten Restaurationen des Palais Royal, und Abends begab man sich ins Theater. Endlich kehrte Cherubin um Mitternacht in sein Hôtel zurück, ohne im Laufe des Tages einen Augenblick Zeit gehabt zu haben, an sein Dorf zu denken.

Er traf Jasmin, der beim Falle keinen Schaden gelitten hatte, dessenungeachtet aber seinen jungen Herrn versicherte, daß er es nicht mehr probiren werde, ihm ins Boulogner-Hölzchen nachzufolgen.

Die folgenden Tage wurden eben so gut angewandt; Monfréville und Darena verließen Cherubin beinahe gar nicht; der erstere hatte ihm Lehrmeister in allen schönen Künsten zugeschickt; der andere sprach unaufhörlich von den reizenden, kleinen Tänzerinnen, mit denen er zu Mittag gespeist hatte, und fragte ihn:

»Welche gefällt Ihnen am besten?«

Und Cherubin entgegnete mit zu Boden gesenkten Blicken:

»Sie sind alle vier recht hübsch.«

»– Ich verstehe, sie gefallen Ihnen alle ... das kann sich schon geben, und wenn Sie's wünschen, so will ich Sie bei ihnen einführen ... Sie werden mit offenen Armen ... empfangen werden.«

Bei diesem Vorschlage wurde Cherubin roth wie eine Kirsche und stammelte:

»O! ... ja ... in einigen Tagen.«

Und während man spazieren ritt, sich belustigte, seinen Zögling betäubte, wiegte sich Herr Gerundium in seinem Bette, schwelgte Stunden lange an der Tafel, zeigte Mamselle Turluretten seine Zähne und sagte täglich zu Jasmin:

»Vor allen Dingen, würdiger Gumäus, vergesset nicht, dem Portier des Hauses den Befehl zu ertheilen, daß, wenn irgend Jemand von Gagny ... selbst wenn Frau Frimousset käme, um den Herrn Marquis zu sprechen, man jederzeit antworten muß, daß der Herr Cherubin von Grandvilain ... abwesend ... oder verreist sei ... denn wenn mein Zögling sie wiedersähe ... Besonders wenn ihm die kleine Louise wieder vor Augen käme, so könnte er, obgleich er allmählig Geschmack an der Stadt findet, sich doch wieder hinreißen lassen ... und dann wäre der ganze Gewinn unserer Bemühungen dahin! ... was um so mehr Schade sein würde, als er, Dank den Rathschlägen seiner beiden Freunde und meinem Unterrichte, nothwendig in kurzer Zeit ein gewaltiger Cavalier werden wird.«

Jasmin, der sich stets vor des Lehrers Wissenschaft beugte, verfehlte nicht, seinen Aufträgen pünktlich Folge zu leisten, denn er dachte, es könne durchaus nicht unhöflich sein, die Amme unverrichteter Sache wieder abziehen zu lassen, da ein mit der Erziehung der Kinder beauftragter Mann die Regeln der Höflichkeit nothwendig genau kennen müsse.

Und Tage, Wochen, sogar Monate verflossen bei diesem vergnügungsvollen, beschäftigten, zerstreuungsreichen Leben, welches Cherubin in Paris führte. So oft er davon sprach, in das Dorf zu gehen, sagten seine neuen Freunde:

»Ja, morgen ... heute haben Sie keine Zeit.«

Aber wenn Darena Cherubin den Vorschlag machte, ihn zu einer der kleinen Tänzerinnen, die ihm so wohl gefielen, zu führen, entgegnete dieser auch erröthend:

»Ja ... morgen! ... morgen! ...«

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