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Der schüchterne Liebhaber

Charles Paul de Kock: Der schüchterne Liebhaber - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDer schüchterne Liebhaber
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid8bc25582
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Zwölftes Kapitel

Ein Mittagessen im Rocher de Cancale.

Cherubin befand sich in Paris und im Rocher de Cancale, ehe er noch Zeit zur Besinnung gefunden hatte; die Damen schwatzten auf dem Wege so tolles Zeug, ihre Unterredung war so lebhaft, ihre Bemerkungen so sonderbar, daß der Jüngling nicht Ohren genug zum Hören hatte, und abwechselnd eine Tänzerin um die andere betrachtete, um sich zu überzeugen, daß er nicht träume.

Beim Einsteigen in die Kutsche hüllten sich die Damen in weite Pelzmäntel, worunter sie ihre Costüme verbargen, und zogen eine Kaputze über den Kopf, um ihren Haarputz zu bedecken, was Cherubin veranlaßte, Darena ganz leise zu fragen:

»Warum verkleiden sich denn diese Damen alle als Kapuziner?«

Worauf ihm Darena ganz laut erwiderte:

»Mein lieber Marquis, das geschieht deßhalb, daß man, wenn sie am Gasthofe absteigen, ihre Theater-Costüme nicht sieht, denn wir sind noch nicht im Carneval ... in Paris hält man strenge auf anständige Kleidung!«

»O! mir liegt nichts daran!« sagte Fräulein Malvina, »ich ginge in meinem Schweizer-Costüm durch die Stadt zu Fuße ... zudem, würde man mich denn nicht für eine wirkliche Schweizerin halten?«

»Wenn Sie das Costüm eines Fischweibs anhätten, meine Liebe, so ist es weit wahrscheinlicher, daß man Sie nicht für verkleidet hielte!«

»Ah! seht einmal, das soll ein Calembourg sein, ist aber nur eine Unverschämtheit! Man könnte eben so gut sagen, daß Sie in Ihrem schäbigen Anzuge eher einem Lumpensammler im Sonntagsstaat, als einem Grafen gleichen!«

Darena schlug ein helles Gelächter auf, gab Malvinen einen leichten Schlag auf die Wange und sagte:

»Man schweige, und vor allen Dingen, meine Damen, man führe sich gut auf! auf dem Lande ist eine anständige Freiheit gestattet, aber im Rocher de Cancale und unter der gebildeten Gesellschaft, mit der ihr die Ehre habt zu speisen, wäre ich genöthigt, euch meine zarten Schäferinnen, wenn ihr euch nicht mit Anstand benehmt, zur Thüre hinauszuwerfen!«

»Mein Gott, Herr Graf, wir werden uns doch zu benehmen wissen! ...« – »Glauben Sie, wir kommen nie unter vornehme Leute ...?« – »Ich speise oft mit meinem Gönner und seinem Bruder, der einer der bedeutendsten Fleischer in Paris ist.« – Und ich! ich besorge zuweilen den Laden meiner Base, welche Bäckerin in feinen Waaren und Pasteten ist ... bei der sich nur Herren mit Glacéhandschuhen erfrischen.«

»– Schön, schön, meine Damen, jetzt erst haben wir die volle Gewißheit, daß Sie würdig sind, in gute Gesellschaft zu kommen ... und sogar eine Zierde derselben sein würden ... O! wenn nur Herr d'Hurbain nicht Theil an unserem Mahl genommen hätte ... aber er ist schon da, ich seh' ihn mit Monfréville aus dem Tilbury steigen. Wir sind an Ort und Stelle. Wohlan, junger Marquis, reichen Sie den Damen die Hand.«

Der Wagen hielt an, man öffnete den Kutschenschlag, da erschien ein Igelskopf mit einem alten, nußbraunen Oberrock auf dem Leib, dessen Kragen gleichsam ein fortgesetzter Fettflecken war. Es war Herr Poterne, der den Damen seine Hand zum Aussteigen bot.

Malvina wich zurück und schrie:

»Ach, mein Gott! was ist das? ... eine Nachteule, ein Stachelschwein!«

»Das ist mein Geschäftsführer,« entgegnete Darena, »der darüber gewacht haben wird, daß Alles gehörig besorgt ist ... und nun erscheint, um uns seinen Arm zum Aussteigen anzubieten; er ist ein außerordentlich gefälliger Mann.«

»Er mag gefällig sein, aber sehr häßlich ist er auch, nicht wahr, Rosina?«

»– Ja ... ach! wie dumm ist es, so häßlich zu sein! ... wenn man nachher diesen charmanten kleinen Herrn Cherubin ansieht ...«

»Ach, Gott! das ist ein Unterschied, wie zwischen der Sonne und einer Wanze!«

»Vorwärts, meine Damen, steigen Sie doch aus. Sie können ja oben mit einander plaudern!«

Die Gesellschaft versammelte sich alsbald im Saale, wo man die Tafel gedeckt hatte. Herr d'Hurbain und Monfréville kamen zu gleicher Zeit mit dem Fiaker an, der Cherubin und die Tänzerinnen hergeführt hatte. Der Notar trat auf Darena zu und sagte ihm ins Ohr:

»Ich hoffe, mein lieber Graf, daß Ihre Tänzerinnen sich hier passend betragen werden; es freut mich, daß die Anmuth ihres Tanzes und die Lebhaftigkeit ihrer Blicke den jungen Mann in Entzücken versetzt haben; er ist aber eigentlich noch ein Kind und soll sich nicht mit Ballettänzerinnen einlassen.«

»Mein Gott! seien Sie doch ruhig! ... Sie sind sonderbar, mir verdanken Sie es, daß dieser sechzehn- und ein halbjährige Säugling sich endlich von seiner Amme getrennt hat ... und statt mir dankbar zu sein, halten Sie mir eine Vorlesung ... Da lohnt sich's der Mühe, den Leuten nützlich zu sein ... seine Einbildungskraft anzustrengen ... damit Einem nachher Moral gepredigt werde!«

»Ei, Darena,« fragte Monfréville, Herrn Poterne musternd der hinter den Damen herumschlich und von der Seite her schmachtende Blicke nach ihnen warf, die sie mit Grimassen erwiederten, »– ist dieser entsetzliche, schmutzige Herr einer Ihrer Freunde, haben Sie die Absicht, ihn zu unserer Tafel zu ziehen? ... ich gestehe Ihnen, seine Gesellschaft ist nicht verführerisch für mich ... wer ist dieser Mensch, er sieht einem Sperber sehr ähnlich.«

»Das ist mein Intendant.«

»Ach! Sie haben noch einen Intendanten! ich glaubte, Sie hielten kein Haus mehr.«

»Er ist das Einzige, was ich beibehalten ... dieser Mann besorgt meine Angelegenheiten; er ist ein kostbarer Bursche in Auffindung von Hülfsmitteln.«

»In demselben Falle könnte er vielleicht auch welche zur Anschaffung eines neuen Oberrocks auffinden, der meiner Ansicht nach sehr am Platze bei ihm wäre.«

»Nun! ... ißt man noch nicht bald?« fragte Malvina, während sie in einer Ecke des Saales einen Kreis mit ihren Beinen zu beschreiben versuchte.

»Doch, mein Fräulein! Nun, Herr Cherubin, wollen Sie gefälligst Platz nehmen!« Herr d'Hurbain machte Miene, sich neben Cherubin zu setzen, aber Monfréville hielt ihn zurück und flüsterte ihm in's Ohr:

»Lassen Sie diese jungen Thörinnen neben unsern Schüler sitzen, sonst könnte uns leicht die Frucht unserer Mühen wieder verloren gehen ... ich beobachte Cherubin mitten unter der Gesellschaft, er seufzt manchmal; wenn er das Heimweh bekäme, würde er mit aller Gewalt wieder zu seiner Amme zurückkehren wollen, und es wäre uns kaum möglich, ihn in Paris festzuhalten.«

Herr d'Hurbain gab nach, er ließ Fräulein Rosina und Cölina sich neben Cherubin setzen; Malvina, die zu spät kam, um einen Platz an seiner Seite zu finden, wollte Rosina zwingen, ihren Stuhl an sie abzutreten, und bedrohte sie bereits mit einer Ohrfeige; aber ein strenger Blick Darena's machte dieser Streitigkeit ein Ende, und Fräulein Malvina setzte sich an das andere Ende des Tisches, während sie die Worte trillerte:

»Nein, Du sollst ihn nicht haben!
An mir wird er sich laben.
Heideldum, hopsasa sc.«

Ein Gedeck blieb leer, denn Herr Poterne hatte neune legen lassen, und trotz der Winke Darena's schien der Herr im Oberrock geneigt, Platz davor zu nehmen, als die Saalthüre aufging und Herr Gerundium in Begleitung Jasmins eintrat.

Der Lehrer verbeugte sich vor der Gesellschaft und sagte:

»Ich empfehle mich diesen Herren gehorsamst und lege zu gleicher Zeit diesen Damen meine Ehrerbietung zu Füßen.«

»Was hat er mit unsern Füßen zu thun, dieser Herr?« fragte Malvina den Grafen, der an ihrer Seite saß, und ihr nur mit einem heftigen Kniepuffe antwortete. Als aber Cherubin die Neuangekommenen gewahrte, strahlte sein Angesicht, und er rief freudig aus:

»Ach! Sie sind's, mein lieber Lehrer ... Sie thaten sehr wohl daran, auch mit nach Paris zu kommen ... Ach! wie Schade, ... daß nicht auch ...«

Cherubin vollendete nicht, er hatte an Louisen gedacht, aber ein gewisses Etwas, das er nicht enträthseln konnte, sagte ihm, daß seine naive Gespielin in Gesellschaft dieser schön tanzenden Damen nicht recht am Platze gewesen wäre. Herr d'Hurbain, den die Gegenwart des Lehrers sehr erfreute, weil er einen Grund mehr für die Sicherheit Cherubins darin fand, begrüßte denselben freundlichst und sagte zu ihm:

»Sie haben sehr wohl daran gethan, mein Herr, Ihrem Zöglinge nach Paris zu folgen; wir haben übrigens darauf gerechnet; setzen Sie sich zu Tische, dort ist ein Gedeck für Sie.«

»Ja, ja, setzen Sie sich dorthin, Herr Gerundium!« rief Cherubin, seinem Lehrer den leeren Platz zeigend, aus; »und Du, mein guter Jasmin, komm zu mir her!«

»Herr Marquis, ich kenne meine Pflicht und werde mich auf meinen Posten stellen ...«

Mit diesen Worten nahm der alte Diener eine Serviette über den Arm und pflanzte sich hinter Cherubins Stuhl auf; Herr Gerundium aber ließ sich die Einladung nicht wiederholen, stieß Poterne auf die Seite, nahm Platz bei Tische und verschlang die ihm aufgetragene Suppe mit dem Ausruf:

»Das ist das Gastmahl Belsazar's! das ist das Fest von Cleusis ... die Hochzeit des Gamache! Niemals gab es noch ein Mahl, so schön wie dies.«

»Ei! dieser Herr spricht in Versen,« sagte Malvina zu ihrem Nachbar.

»Ja,« entgegnete Darena, »ich glaube, dieser Herr hat das Trauerspiel: »das Erdbeben in Lissabon« gemacht.«

Herr Gerundium lächelte dem Grafen anmuthig zu und flüsterte mit bescheidenem Tone: »Ich mache ziemlich geläufig Verse, habe aber nie ein Trauerspiel geschrieben ... ganz gewiß und wahrhaftig nicht.«

»Verzeihen Sie, mein Herr, ich hielt Sie für den Meister Andreas! Sie haben viel von seinem Wesen an sich ... aber trinkt doch auf die Gesundheit des Herrn Marquis und das Vergnügen, ihn endlich in Paris zu besitzen!«

Der Vorschlag Darena's ward eifrigst angenommen, die Gläser wurden mit Madera angefüllt und auf Cherubins Gesundheit geleert; die vier Tänzerinnen tranken ihr Glas bis zur Nagelprobe aus und goßen den Madera mit solcher Fertigkeit den Schlund hinunter, daß es den Neid von Engländern hätte erregen können.

Inzwischen entschloß sich Poterne, der sich des Platzes, nach dem er strebte, beraubt sah, lieber zu stehen, als sich zu entfernen; er stellte sich, wie Jasmin hinter seinen Herrn, so hinter Darena, während er aber that, als ob er ihm zuweilen einen frischen Teller gäbe, forderte er von diesem ganz leise von allen auf dem Tische befindlichen Speisen: Darena bot ihm gefüllte Teller dar, aber anstatt sie weiter zu geben, drehte sich Poterne um, und ließ ihren Inhalt mit vieler Gewandtheit in Magen und Tasche spazieren.

Anfangs war das Essen heiter, und nichts verletzte den Anstand; die Damen, denen Darena ein schickliches Betragen anempfohlen hatte, beschäftigten sich einzig damit, dem Essen alle Ehre anzuthun und benahmen sich, obgleich sie Cherubin hold zulächelten, ohne Tadel. Malvina allein machte zuweilen eine etwas erotische Bemerkung oder Scherz; aber dann schnitt ihr Darena eiligst das Wort ab; seine stets witzige und spaßhafte Unterhaltung, die humoristischen Einfälle Monfréville's, der gerade seine lustigen Tage hatte, und die Citationen des Herrn Gerundium, der, obgleich er für viere aß, doch Gelegenheit fand, all' seine Kenntnisse zur Schau zu bringen, ließen Cherubin keinen Augenblick Zeit, über seine Lage nachzudenken; überrascht, sich als den Helden dieses unerwarteten Festes zu sehen, fühlte er sich betäubt, hingerissen, gefesselt; die Liebesblicke, die man ihm zuwarf, die Witze, welche er hörte, die schmeichelhaften Dinge, die man ihm sagte, dieses köstliche, feine, leckere Mahl, welches zugleich seinen Geruch, seinen Geschmack und seinen Gaumen ergötzte, – das Alles gestattete ihm nicht, an das Dorf zurückzudenken, denn sobald sich sein Angesicht verdüsterte und mit der Rückkehr einer Erinnerung drohte, so verdoppelten die ihn umgebenden Personen ihre Munterkeit, Aufmerksamkeit und Tollheit, um die Wolke zu verjagen, die sich auf seiner Stirne lagern wollte.

»Was!« sagte plötzlich Malvina, als sie sich umwendete und Poterne bemerkte, der Darena einen Teller abnahm, »Ihr Geschäftsführer bedient Sie zugleich bei Tische ... er ist also auch Ihr Bedienter? ...«

»Er bedient mich mit Allem!« entgegnete Darena, »ich sagte Ihnen ja, er sei ein kostbarer Mensch ... ich kann aus ihm machen, was ich will!«

»Da sollten Sie einen hübschen Jungen aus ihm machen! ...«

» Sokrates, Horaz, Cicero und Pelisson waren abstoßend häßlich,« sagte Herr Gerundium, der kleinen Schweizerin einschenkend. »Man kann sehr garstig und doch sehr geistreich sein.«

»Ah! Sie Schelm, Sie haben gegründete Ursache, das zu behaupten!« entgegnete Malvina, ihr Champagnerglas leerend. Der Lehrer, dem diese Erwiderung unerwartet kam, kratzte an seiner Nase und begehrte Trüffeln.

Das Klirren eines zerbrechenden Tellers störte dieses Gespräch; Jasmin ließ beim Tellerwechseln für seinen jungen Herrn schon zum vierten Male einen hinunterfallen, zwei Bouteillen und eine krystallene Flasche, die durch seine Hände gegangen waren, hatten dasselbe Loos erlebt.

»Ach! der Einfaltspinsel!« rief Malvina mit schallendem Gelächter aus.

»Dieser Kammerdiener kommt sehr theuer zu stehen!« sagte Monfréville lächelnd.

»Entschuldigen Sie, mein lieber Herr, entschuldigen Sie!« sagte Jasmin, der bei jedem neuen, durch seine Ungeschicklichkeit herbeigeführten Zufall scharlachroth wurde. »Ich habe schon so lange nicht mehr bei Tische bedient ... ich werde mich aber wieder einüben! ... es handelt sich hier nur um eine Gewohnheit.«

»Ei zum Teufel,« sagte Darena, »wenn er eine Gewohnheit daraus machen will, das wäre vollends nicht übel!«

»Aber, mein guter Jasmin, warum stehst Du auch immer hinter mir? ... für Deine Jahre ist das zu ermüdend ... setze Dich in die Ecke dort ... ich werde Dir schon rufen, wenn ich Dich nöthig habe.«

»Warum nicht gar?« entgegnete Jasmin, indem er sich gerade zu halten suchte. »Glaubt der gnädige Herr, ich kenne meine Pflicht nicht? ich werde meinen Posten nicht verlassen ... eher darauf zu Grunde gehen! ...«

»Das heißt, all' das Geschirr des Gastwirths wird dabei zu Grunde gehen!« sagte Darena lachend; dann fuhr er mit erhöhter Stimme, indem er sein Glas in die Höhe hob, fort: »Ehre dem unglücklichen Muthe!«

»Die Anhänglichkeit dieses alten Dieners ist ein Lob für ihn und seine Herrschaft,« sagte Monfréville. »Ich bringe einen Toast auf die Treue aus, sie ist eine so seltene Sache, daß man ihr, unter welcher Gestalt sie sich auch zeigen mag, nicht genug Ehre anthun kann.«

Der Toast wurde von den Tischgästen mit Eifer angenommen, Herr d'Hurbain schlug einen zu Ehren des verewigten Herrn von Grandvilain vor. Darena trank auf die Gesundheit der Operntänzerinnen. Herr Gerundium erhob sich und rief begeistert aus:

»Auf den Fortschritt der Kochkunst in Frankreich ... die alten Römer hatten vielleicht mehr Gerichte auf ihrem Tische, aber ohne Zweifel keine so köstliche.«

Fräulein Malvina, die auch ihren Toast ausbringen wollte, hob ihr Glas in die Höhe und rief aus:

»Ich trinke darauf, daß man sehr lange Ballete und sehr kurze Röcke machen möge; das wäre im Interesse der Tänzerinnen und Aller, die das Ausstrecken der Beine lieben.«

Keine der Damen wollte zurück bleiben: Cölina trank auf die Gesundheit ihres Eichhörnchens, Rosina auf die ihrer Katze und Feodora auf die ihres Vetters, der unter den afrikanischen Jägern diente; Herr Poterne trank auf Niemands Gesundheit, aber er kehrte fortwährend der Tafel den Rücken zu und verschluckte eine entsetzliche Masse Champagner. Die Toaste wurden durch einen furchtbaren Lärm unterbrochen; diesesmal war es ein ganzer Stoß Teller, den Jasmin auf den Boden fallen ließ, so zwar, daß der Boden mit Scherben bedeckt war.

»Das gibt eine theure Mahlzeit,« sagte Darena, »man muß sehr reich sein, um einen Bedienten, wie diesen alten Jasmin, halten zu können.«

Indessen hatten die vielfach ausgebrachten Trinksprüche die Köpfe etwas erhitzt. Schon stand Malvina, die nicht mehr auf ihrem Platze gut that, auf und fing einen sehr entschiedenen Cancan zu tanzen an; Cölina und Rosina wollten einen Krakauer versuchen; Feodora walzte mit Darena; und Herr Gerundium, um den sich, obwohl er fest auf seinem Stuhle saß, Alles im Kreis herum drehte, bat Malvina ungestüm um eine Wiederholung des mozambischen Tanzes mit all' seinen Annehmlichkeiten geschmückt.

Herr d'Hurbain, der bei kaltem Blute geblieben war, dachte, es sei nun Zeit, Cherubin wegzuführen; er nahm den jungen Marquis beim Arme, gab Monfréville und dem Lehrer, der nur mit Bedauern vom Tische aufstand, einen Wink, und sich durch das zerbrochene Geschirr Bahn brechend, verließen sie das Gasthaus und stiegen in die Kutsche, welche sie zum Grandvilain'schen Hause brachte, ohne nur zu bemerken, daß Jasmin, der ihnen gefolgt war, mit Hülfe eines Commissionärs es erlangt hatte, hinten auf dem Wagen Posto zu fassen.

»Gehen wir nicht nach Gagny zurück?« fragte Cherubin, als er sich in der Chaise befand.

»Diesen Abend ist es nicht mehr möglich, mein lieber Freund, es ist viel zu spät,« entgegnete Herr d'Hurbain. »Morgen ... oder in einigen Tagen ... Sie werden schon sehen; da Sie einmal in Paris sind, müssen Sie sich wenigstens mit der Stadt bekannt machen.«

»Ja,« murmelte Herr Gerundium mit schwerer Zunge ... » Gras ... Morgen ... Gras mane ... Morgen früh ... perendinus dies ... übermorgen! ... oder wann's sein mag! ...«

»Und wenn Sie erlauben,« sagte Monfréville, »so werde ich mir die Freiheit nehmen, Sie überall herumzuführen und Ihnen Alles zu zeigen, was ein junger Mann von Ihrem Range kennen lernen muß!«

Cherubin antwortete nichts; er wollte gerne wieder nach Gagny zurück, aber das eben eingenommene köstliche Mahl hatte ihm ganz neue Begriffe beigebracht, und man hatte ihm schon so viel von den in Paris zu erwartenden Genüssen, deren Vorschmack er bereits gekostet, erzählt, daß er zuletzt bei sich selber dachte:

»Was schadet's? ... da ich einmal in dieser Stadt bin, so kann ich ebensowohl die wunderbaren, mir so angepriesenen Dinge in aller Eile sehen ... und wenn ich dann wieder zu Louisen zurückkomme, habe ich ihr doch recht viel zu erzählen.«

Der Wagen langte vor dem Hôtel in der Faubourg Saint-Germain an, der Kutschenschlag wurde geöffnet; aber kaum war das Gefährt durch den Hof hereingefahren, so vernahmen der junge Marquis und seine Umgebung eine eigenthümliche Musik.

Man hörte mehrere Orgeln, Leiern und einige Clarinette zu gleicher Zeit, jedoch verschiedene Stücke spielen; gellende, falsche Stimmen sangen alte Arien, Trauer- und Vaudevillelieder durcheinander; kurz, es war eine schreckenerregende Katzenmusik. Die Aussteigenden wollten sich gerade verwundert fragen, was das Alles bedeuten solle? als ein dumpfes Geräusch, wie wenn ein Klumpen zu Boden fiele, auf dem Pflaster ertönte; man trat hinzu und erkannte Jasmin, der beim Hinabsteigen hinten von der Kutsche ausgeglitten und auf die Erde gefallen war; allein der unerschrockene Diener richtete sich schnell wieder auf und rief:

»Es hat nichts zu sagen ... ich bin nur ein bischen ausgeglitscht ... Herr Marquis, zu Ehren Ihrer Ankunft hier in Ihrem Hause habe ich ein Concert veranstaltet ... Musiker und Sänger kommen lassen ... Es lebe der neue Herr Marquis von Grandvilain! ...«

Cherubin dankte Jasmin für seine wohlwollenden Absichten, bat ihn aber, diese Leute, die ihm sein Gehör zerrissen, sogleich zu entlassen. Herr d'Hurbain und Monfréville verabschiedeten sich von dem Jünglinge, empfahlen ihn leise seinem Lehrer, der freilich nicht mehr verstand, was man ihm sagte, und überließen ihn der Ruhe, deren er bedürftig sein mußte.

Nachdem sich die Fremden entfernt hatten, fragte Jasmin den jungen Marquis, ob er die Dienerschaft die Revue passiren lassen wolle? und Mamselle Turlurette, entzückt, ihren jungen Gebieter wieder zu sehen, machte ihm den Vorschlag, das Weißzeug und die Speisekammer zu beaugenscheinigen, um Einsicht von seinem Hause zu nehmen und sich von der Verwaltung desselben seit seines Vaters Tode zu überzeugen: allein Cherubin fühlte keine Lust, sich diesem Geschäfte zu unterziehen: die Vergnügungen ermüden, wenn man nicht gewöhnt ist, sich ihnen hinzugeben, und der junge Marquis wünschte nichts als Ruhe.

Als Cherubin das ungeheure, zu seinem Schlafzimmer bestimmte Gemach sah, in welchem sich ein alterthümliches, auf einer Estrade stehendes, mit großen, karmoisinrothen Sammetvorhängen umgebenes Bett befand, machte er ein saures Gesicht und rief aus:

»Ach, wie häßlich ist es da! ... mein kleines Zimmerchen bei meiner Amme war mir weit lieber ... es war viel heiterer! ... O! ich will morgen wieder dahin zurückkehren ... denn ich meine, hier werde ich schlecht schlafen.« – Aber mit sechszehn und einem halben Jahre schläft man nach einem anstrengenden Tage überall gut, so ging's auch Cherubin.

Was Herrn Gerundium betrifft, so war er, nachdem er Mamselle Turlurette mit: »meine Damen« angeredet hatte, weil er sie mit seinen weingetrübten Augen für zwei Personen ansah, vor Vergnügen außer sich, als er in ein schönes, für ihn eingerichtetes Zimmer trat; er streckte sich behaglich in einem recht weichen Bette aus und legte sein Haupt sanft auf eine Schicht Kopfkissen mit den Worten nieder:

»Mir ist noch nie so gut gebettet worden! ... ich sinke hinein, ich vergrabe mich! das ist herrlich! ... ich möchte mein Lebenlang im Bett bleiben! ... und vom mozambischen Tanze träumen!«

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