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Der schüchterne Liebhaber

Charles Paul de Kock: Der schüchterne Liebhaber - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDer schüchterne Liebhaber
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung. (A. Benedict.)
printrunDritte Auflage
year1860
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid8bc25582
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Neuntes Kapitel

Eine Coalition.

Wir gehen schnell über die Jahre hinweg, im Laufe deren Herr Gerundium dem jungen Marquis Unterricht ertheilte; Cherubin hatte sein Versprechen gehalten, er ließ sich das Lernen gefallen; aber er beharrte darauf, daß Louise bei seinen Stunden zugegen sein müsse; Anfangs wollte Herr Gerundium die Kleine zurückweisen, aber Cherubin schrie, weinte, und weigerte sich dann, seinen Lehrer anzuhören; man mußte ihm folglich nachgeben. Nach und nach schien die Gegenwart Louisens Herrn Gerundium ohne Zweifel weniger lästig, denn wenn sie bei seiner Ankunft fehlte, so war er der erste, der sie holen ließ.

Louise wurde aber auch größer und schöner. Im dreizehnten Jahre hielt man sie für fünfzehn, sie war schlank, wohlgestaltet, voll Grazie. Es war nicht jene studirte, affektirte Grazie, wie bei vielen Pariser Frauenzimmern, welche glauben, man halte das für Natur; nein, jene naive, einfache Grazie, die man augenblicklich erkennt und vergeblich nachzuahmen strebt.

Herr Gerundium war kein wirklicher Gelehrter; aber er konnte von Vielen dafür gehalten werden. Er besaß von Allem einige Begriffe, da er sich in seiner Jugend verschiedenen Berufsarten widmen wollte, es aber in keiner zu etwas bringen konnte; das eine Mal vom Verlangen getrieben, Arzt, das andere Mal Apotheker, Chemiker, Astronom, Geometer, Handelsmann, sogar Dichter zu werden, hatte er sich zuerst den Kopf mit den Vorkenntnissen dieser verschiedenen Fächer vollgestopft, da er aber in keinem vorwärts kam, zuletzt damit geschlossen, Schulmeister zu werden. Wer eine Wissenschaft gründlich erlernt, hat weit mehr Verdienst, als der, welcher über alle schwatzt, und doch gibt man in der Welt häufig dem Schwätzer den Vorzug. Mit fünfzehn Jahren wußte Cherubin ebenfalls von Vielem ein wenig; für das Dorf, für die Frimoussets war der Knabe ein Wunderkind, das mit außerordentlicher Schnelligkeit gelernt hatte. Wenn Jasmin seinen jungen Herrn ein Wort Lateinisch sprechen, oder etwas aus der Geschichte, oder aus der Mythologie erzählen hörte, so verneigte er sich voll Bewunderung vor Herrn Gerundium, und rief aus:

»Er ist so gelehrt wie Sie! ... und das will nicht wenig sagen.«

Herr Gerundium gab sich ein gewaltiges Ansehen, denn er hatte sich eine ganz neue Kleidung angeschafft; er sah keinem Hanswurste mehr gleich, man begegnete ihm nun mit einem Hute und einem vollständigen Regenschirm.

Indessen kehrte mit der Wohlhabenheit auch der Ehrgeiz ein; das ist so der Brauch; wenn man nichts hat, so läßt man keinen Wunsch aufkommen, strebt nicht nach höheren Dingen, schließt sich in seine Schale ein und bemüht sich, sein Glück darin zu finden, was zuweilen auch gelingt. Wenn man zu Vermögen gelangt, so gestattet man sich eine Menge Bequemlichkeiten, die man früher entbehrte, bleibt aber dabei nicht stehen; jeden Tag verlangt man andere; tausend neue Wünsche tauchen auf, kurz, man wird ehrgeizig, ist aber oft weniger zufrieden, als wo man nichts besaß.

Das war ungefähr die Geschichte des Herrn Gerundium; als er nur das schmale Einkommen seiner Dorfschule halte, trug er Holzschuhe, brauchte weder Hut noch Kappe, aß oft nichts als gesottene Kartoffeln und schien doch in seiner Lage ziemlich glücklich.

Seit er aber Lehrer des jungen Grandvilain geworden war und jährlich achtzehnhundert Franken einnahm, eine Summe, die man im Dorfe Gagny nicht leicht verbrauchen kann, stiegen allerlei Wünsche in ihm auf, und besonders nährte er die Hoffnung, nicht immer in einem Dorfe bleiben zu müssen, wo es nicht einmal Gelegenheit gab, sein Geld anzubringen, was für Jemand, der nicht gewöhnt ist, welches zu besitzen, sehr langweilig ist.

Es gelang Herrn Gerundium, das Vertrauen seines Zöglings zu erwerben, ihm sogar Freundschaft einzuflößen, denn Cherubins Herz war leicht zu gewinnen, er kam Allen, die ihm ihre Zuneigung an den Tag legten, entgegen. Während er dem Jünglinge alle Tage Klugheit und gute Sitten vorpredigte, bemerkte Herr Gerundium, der sehr gut sah, obgleich er die Augen stets niederschlug, ganz wohl, daß Louise heranwuchs, sich ausbildete und reizend wurde, und er rief oft, wenn er das hübsche Kind anblickte, aus: »Welch' schöne Augen! Welch' herrliches Oval ... welch' regelmäßiges Kinn!«

Dann, sei es, um sich wirklich von der Regelmäßigkeit von Louisens Kinn zu überzeugen, oder aus irgend einem sonstigen Grunde, streichelte der Lehrer das Angesicht des jungen Mädchens und kniff sie sogar zuweilen in die Wange, was Louisen eben gar nicht freute, während Cherubin dagegen äußerst vergnügt war, wenn man seiner getreuen Gespielin ein schmeichelhaftes Wort zuwendete.

Geschah dieses, so sagte der Jüngling stets: »Nicht wahr, mein lieber Lehrer, Louise ist recht artig?«

Worauf Herr Gerundium schnell wieder seine Schafsmiene annehmend, mit gesenkten Augen erwiederte:

»Ja, diese Kleine hat den wahren gaelischen Typus in seiner vollkommensten Reinheit; sie gleicht einer Madonna.«

Cherubin lächelte, während er Louisen ansah, und Herr Gerundium, der an Alles eher dachte, als an Madonnen, sprach zu sich:

»Diese Kleine wird reizend! ... Wenn aber mein Schüler noch einige Zeit in ihrer Nähe bleibt ... hum ... das Fleisch ist schwach ... der böse Geist sehr stark ... besonders wenn er die Gestalt eines schönen Mädchens annimmt ... Ich bin nicht immer zugegen ... Jakob ist beinahe stets betrunken; Mutter Nicolle läßt die jungen Leutchen allein miteinander auf's Feld gehen ... Kornblumen suchen ... sich im Grase wälzen! ... lauter äußerst gefährliche Dinge ... es muß hier durchaus ein Einhalt geschehen. Das beste Mittel wäre, meinen Zögling nach Paris zurückkehren zu lassen. Ich würde ihn dahin begleiten, das unterliegt keinem Zweifel, denn seine Erziehung ist noch nicht so weit gediehen, daß er des Lehrers entbehren könnte ... und ich werde schon dafür sorgen, daß er desselben sehr lange, wenn's möglich ist, immer, bedarf. Ich werde in Paris, im Hôtel meines Zöglings wohnen ... Das wird weit angenehmer sein, als das Leben in diesem Dorfs. Und von der Entfernung aus werde ich stets über die kleine Louise wachen ... sie in meinen Schutz nehmen ... ihr forthelfen. Cherubin wird nach einem mehrmonatlichen Aufenthalt in Paris seine kleine Dorfgespielin schnell vergessen. Das Alles ist mit der Weisheit eines Cato ausgedacht: es handelt sich jetzt nur noch um die Ausführung.«

Um zu diesem Zwecke zu gelangen, sprach Herr Gerundium in seinen Unterrichtsstunden seit einiger Zeit von Paris; er entwarf ein prachtvolles, reizendes Gemälde von dieser Stadt; er pries ihre Theater, ihre Spaziergange, ihre Denkmäler und die zahllosen Vergnügen, die sich dort jeden Augenblick darbieten.

Der junge Cherubin lieh diesen Reden allmählig sein Ohr. Der Gedanke, nach Paris zu gehen, war ihm minder schrecklich; und sein Lehrer munterte ihn sofort auf:

»Machen Sie wenigstens eine kleine Reise in die Hauptstadt,« sagte er, »betrachten Sie das Haus Ihres Vaters! Es ist ja Alles so nahe ... wir kehren sogleich wieder zurück.«

Aber Louise weinte, wenn sie Cherubin auf dem Punkte sah, in die Reise nach Paris einzuwilligen. Sie nahm ihren Jugendfreund bei der Hand und sprach:

»Wenn Du nach Paris gehst, so bin ich überzeugt, daß Du nicht mehr zurückkommst und ... Gagny und seine Bewohner vergissest!«

Auch Nicolle behauptete dies, indem sie ihren Pflegling zärtlich in die Arme schloß, und Cherubin rief alsbald aus:

»Nein, nein ... ich will nicht gehen, da Euch das Kummer macht, ich bin glücklich hier ... ich werde immer hier bleiben!«

Herr Gerundium biß sich, während er zu lächeln versuchte, in die Lippen und wünschte in seines Herzens Grund alle Ammen und Jugendfreundinnen zum Teufel.

Wenn der Lehrer Jasmin Vorwürfe machte, daß er ihn nicht unterstütze und seinen Herrn nicht bewege, nach Paris zu gehen, entgegnete ihm dieser mit seiner gewohnten Gutmüthigkeit:

»Was soll ich dabei thun? jetzt, da mein Gebieter sein fünfzehntes Jahr erreicht hat, ist er sein eigener Herr ... kann thun, was er will ... sogar über sein ganzes Vermögen ... seine dreißigtausend Franken Rente nach Belieben verfügen. Hat er Lust, bei seiner Amme zu bleiben, so habe ich kein Recht, mich zu widersetzen.

»Wenn man ein so schönes Vermögen besitzt, so ist es Unsinn, seine schönsten Jahre bei seiner Amme zuzubringen,« schrie der Lehrer; »was nützt meinen Schüler denn die Gelehrsamkeit und die Kenntniß so vieler schönen Dinge ... wenn er fortfährt, unter Bauern zu leben! ... Herr Jasmin! die Geschichte bietet kein Beispiel eines ausgezeichneten Mannes dar, der bis zum fünfzehnten Jahre bei seiner Amme geblieben wäre. Es ist ganz in der Ordnung, diejenige zu lieben, die uns mit ihrer Milch nährte, aber ... est medius in rebus

»Herr Schulmeister ich kenne den Rebus von dem Medicus nicht, aber ich bin der ganz gehorsame Diener meines Herrn, und habe ihm keine Befehle zu ertheilen.«

In Paris hatte Jasmin wegen seines jungen Herrn auch häufige Erörterungen mit Mamsells Turlurette. Die frühere Kammerfrau war jetzt zur Haushälterin avancirt, hatte aber dabei so sehr an Dicke zugelegt, daß sie, obgleich noch keine Vierzig alt, doch nur mit Mühe von einem Zimmer ins andere gelangen konnte; dieser Zustand von Fettleibigkeit fesselte sie an ihren Lehnstuhl und verhinderte sie, ihren jungen Herrn in Gagny zu besuchen: übrigens hätte sich Herr Jasmin ohnehin nicht viel aus ihrer Begleitung gemacht, weil er stets fürchtete, Jungfer Turlurette entziehe ihm einen Theil seiner Würde, – ein Gegenstand, in dem er keinen Spaß verstand. Die dicke Haushälterin fragte den alten Kammerdiener täglich, warum ihr junger Gebieter nicht aus der Milchkost zurückkomme: zuweilen entstanden hierüber sehr lebhafte Streitigkeiten, denen aber Jasmin stets ein Ende machte, indem er mit bissigem Ton sagte:

»Abgesehen von Allem, Mamselle, hat der verewigte Herr Marquis von Grandvilain mir die Sorge übertragen, seinen Sohn zu überwachen; ich habe sogar, wenn es mir gefällt, das Recht, Sie aus dem Hause zu jagen; thun Sie mir also den Gefallen, und lassen Sie mich den jungen Cherubin nach meinem Gutdünken leiten.«.

Dann schwieg Turlurette, obwohl sie wußte, daß Jasmin nicht der Mann war, sie fortzuschicken; aber sie brummte zwischen den Zähnen:

»Ein Milchkind von sechzehn Jahren! ... das ist drollig! Ich möchte nur wissen, ob er noch an der Brust trinkt, der Kleine!«

So standen die Sachen, als eines Morgens ein Bedienter im Hôtel Grandvilain erschien, nach Jasmin fragte und diesem ausrichtete, daß ihn der Notar des Herrn Marquis bitten lasse, im Laufe des Tages zu ihm zu kommen, da er ihn nothwendig sprechen müsse.

Der alte Kammerdiener sann nach, was ihm Wohl der Notar zu sagen haben könnte, dann erinnerte er sich, daß sein Herr schon lange fünfzehn Jahre vorbei sei, mit welchem Zeitpunkt ihm nach dem Willen seines Vaters der Besitz seines Vermögens übertragen werden sollte. Das versetzte Jasmin in Unruhe und er sprach zu sich:

»Dreißigtausend Franken Einkommen ... das Anwachsen des Vermögens durch vierzehnjährige Ersparnisse nicht gerechnet ... können freilich bei seinem Pflegevater schwerlich verzehrt werden ... wenn aber Herr Cherubin bei Nicollen bleiben will, so kann ich ihn nicht mit Gewalt nach Paris bringen, denn am Ende ist er doch sein eigener Herr.«

Jasmin entschloß sich, den Wünschen des Notars Folge zu leisten. Er zog seinen schönsten Rock an, ließ die Spitzen seines Jabots aus seiner Weste heraussehen, nahm Schuhe mit Schnallen, obgleich man sie schon lange nicht mehr trug; und in diesem Anzüge, würdig des vertrauten Dieners eines großen Hauses, begab er sich zu Herrn d' Hurbain, so hieß der Notar.

Als Jasmin ankam, befand sich der Notar nicht allein in seinem Arbeitszimmer, zwei Personen waren bei ihm.

Eine derselben, die man Eduard von Monfréville nannte, war ein Mann in einem Alter von sechs- bis siebenunddreißig Jahren, der aber noch den Anschein, das Wesen und die ganze Eleganz eines jungen Mannes hatte; er war groß, wohlgestaltet und so schlank, wie ein zwanzigjähriger; dabei sein und zierlich gekleidet; sein Antlitz schön und angenehm zugleich, seine Züge regelmäßig und seine braunen Haare von einer Glätte und einem Glänze, daß ihn die Damen hätten darum beneiden dürfen; nur in seinen großen, schwarzen und durchdringenden Augen las man zuweilen einen höhnischen Ausdruck, der mit dem leichten Lächeln, das um seinen Mund spielte, vollkommen zusammen paßte; und auf seiner, gleich dem Angesicht, verblichenen Stirne zogen sich Linien, welche andeuteten, daß Ueberdruß und Herzeleid auch schon darüber weggegangen waren.

Die andere Person war ein Mann von achtundzwanzig Jahren, blond und fad, hatte weiße Hautfarbe, hellblaue Augen, weitgeöffnete Naslöcher, großen Mund mit dicken Lippen. Diese Züge bilden in ihrer Vereinigung nicht gerade einen hübschen Jungen; aber es lag in der Physiognomie dieses Herrn ein fortwährender Wechsel des Ausdruckes, welcher ihn wunderbar belebte; dasselbe war eine Mischung von Heiterkeit, Spott, Feinheit, Leichtsinn, Sorglosigkeit und List, die sich im Vereine mit ausgezeichnet gebildeten Manieren äußerte. Obgleich der Anzug dieser Person weit entfernt war, der an Herrn von Monfréville bewunderten Eleganz gleichzukommen, und sogar einige Theile seiner Kleidung zu sehr vernachlässigt schienen, so trug er doch seinen fleckigen, an mehren Orten abgenützten Rock mit solchem Anstände, legte seine abgetragene Halsbinde mit solchem Geschicke um den Hals, daß man nothwendig einen gebildeten Mann in ihm erkennen mußte.

Diese letztere Person war der Graf Virgilius Darena.

Als ein Schreiber ins Zimmer trat und meldete, daß der alte Jasmin, der an ihn ergangenen Aufforderung gemäß, im Vorzimmer sei, schlug Darena ein Helles Gelächter auf und sagte:

»Jasmin! ... wer Teufels kann sich denn Jasmin nennen? ... wie, Herr Notar, Sie haben Clienten mit dem Namen Jasmin ... das muß ein Kammerdiener aus einer Komödie sein!«

»Nein, Herr von Darena,« entgegnete der Notar lächelnd. »Das ist der Diener eines sehr vornehmen Hauses ... einer jener Typen von alten Dienern, wie sie vormals gewesen, deren Geschlecht in unsern Tagen aber unglücklicherweise immer mehr erlischt.«

»Ach! das muß lustig sein, ein alter Jockei! ... nicht wahr, Monfréville!«

Derjenige, an welchen diese Frage gerichtet wurde, lächelte kaum, während er erwiderte:

»Ich sehe nichts Lächerliches darin ...«

»O! nichts heitert Sie auf, wenn Sie in den spleenigten Tagen Ihres » humour« sind, wie die Engländer sagen! ... Nun, lassen Sie einmal hören, kaufen Sie mir mein kleines Haus in der Vorstadt Saint-Antoine ab, ich gebe es Ihnen für dreißigtausend Franken ...«

»Nein ... ich würde mich schämen, einen solchen Kauf einzugehen ... Ihr Haus ist beinahe das Doppelte werth, und ich möchte Ihre Geldverlegenheit nicht dazu benützen, es Ihnen um einen Schandpreis abzujagen.«

»Ei, mein Gott! Davon handelt es sich gar nicht! ... wenn ich mit dem Kaufe zufrieden bin, warum wollen Sie keinen Vortheil daraus ziehen? ... Ich mache Ihnen den Vorschlag in Gegenwart des Notars ... Ihr Gewissen kann also beruhigt sein ... das Haus gefällt mir nicht ... es ist von Wasserträgern, Savoyarden, oh! vom gemeinsten Volke bewohnt! Was Teufels soll ich damit anfangen? ... Die Kerls ziehen aus und bleiben die Miethe schuldig, oder sie ziehen nicht aus und zahlen doch nicht, sind grob, wenn man Geld von ihnen verlangt, oder bieten Einem Prügel an! ... Es ist eine wahre Freude mit solchen Miethsleuten!«

»Aber man übergibt das Haus einem Hauptmiether, und läßt diesen für diese Einzelheiten sorgen.«

»Nein, nein, ich sage Ihnen, ich will's verkaufen, das ist das Kürzeste ... es langweilt mich Alles viel zu sehr! dazu kommen noch andere Unannehmlichkeiten: wenn hübsche Grisetten oder sonst liebenswürdige Wesen unter meinen Miethsleuten sind, so quittire ich dieselben, nachdem ich mich zwar nicht mit Geld, aber mit sonst etwas bezahlt gemacht habe ... Bei meiner Ehre, ich kann nicht Hauseigenthümer sein, ich habe ein zu weiches Herz! ...«

»Sie werden es bald dahin bringen, daß Sie es nicht mehr sind!« sagte kopfschüttelnd der Notar. »Sie betragen sich gar nicht vernünftig, Herr von Darena; ... und doch sind es kaum sechs Jahre, seit Ihr Vater Ihnen ein so großes Vermögen hinterlassen hat!«

»Von dem mir nichts mehr übrig blieb, als das kleine Haus, das ich verkaufen will!« entgegnete Darena mit Lachen. »Nun, das ist das Schicksal aller Glücksgüter ... sie sind vergänglich ... man sammelt sich aber wieder neue! ich bin niemals in Sorgen! Monfréville will also nichts von meinem Hause, nun, so möge es mir Herr d'Hurbain verkaufen. Aber lassen Sie doch Ihren alten Jasmin vor, ich bin neugierig, diese verdorrte Staude zu sehen! ...«

»Bei wem dient dieser musterhafte Diener?« fragte Monfréville.

»Er stand in den Diensten des Herrn Marquis von Grandvilain, der vor etwa zehn oder elf Jahren gestorben ist.«

»Der Marquis von Grandvilain!« rief Darena aus, indem er sich in einen Lehnstuhl warf und bis zu Thränen lachte. »Die haben köstliche Namen, das muß ein hübsches Geschlecht sein!«

»Grandvilain!« murmelte Monfréville, »ich habe den alten Marquis gekannt, mein Vater war einer seiner Freunde ... er hat mir oft von einem Feste, von einem wegen der Geburt eines Sohnes veranstalteten Kunstfeuerwerks ... einer in die Luft gesprengten Bratpfanne ... und von Kastroldeckeln, die mehrere Personen verwundeten ... erzählt.«

»Genug! genug! Das ist rein unmöglich! Monfréville will uns Bären aufbinden!« sagte Darena, sich ihm Lehnstuhl dehnend.

»Das Alles ist wahr,« erwiderte Herr d'Hurbain; »und was Herr von Monfréville eben erzählte, ist wirklich geschehen. Aber der Marquis von Grandvilain und seine Frau sind todt; von dieser ganzen Familie lebt nur noch ein Sohn, der jetzt sechzehn und ein halbes Jahr alt und bereits im Besitze von mehr als dreißigtausend Franken Renten ist; ich bin der Verwalter seines Vermögens, aber sein Vater bestimmte in seiner Eigenheit und unbegreiflichen Narrheit, daß sein Sohn mit fünfzehn Jahren Herr seines Vermögens sein sollte, und hat ihm nur den alten Jasmin, seinen Kammerdiener, als Mentor beigegeben.«

Darena richtete sich in seinem Lehnstuhl auf und machte eine eigenthümliche Miene, indem er ausrief:

»Im fünfzehnten Jahre dreißigtausend Franken Rente! ... Das verdient Beachtung ...«

»Der arme, alte Marquis war also ein Narr?« fragte Monfréville.

»Nein, aber er bekam dieses Kind erst im vorgerückten Alter, und wünschte, daß es frühzeitig schon sein eigener Herr werde.«

»Beim Kuckuk! ich finde das so dumm nicht!« sagte Darena. »Warum sollte man im fünfzehnten Jahre nicht schon vernünftig sein, da man es im sechzigsten so wenig ist? Und wie schaltet der Erbe mit seinem Vermögen? ... Er verzehrt es wahrscheinlich in lauter gerösteten Mandeln und überzuckerten Kastanien?«

»Dem Himmel sei Dank, er beschäftigt sich bis jetzt, so viel ich glaube, nur mit seiner Rhetorik und seinen Schulwissenschaften. Um übrigens Nachrichten von ihm zu erhalten, habe ich den treuen Diener rufen lassen. Wenn Sie es erlauben, so will ich ihn eintreten heißen ...«

»Wir bitten Sie sogar darum. Ich für meinen Theil bin sehr begierig zu erfahren, wie sich dieser kleine Grandvilain befindet ... ei, ei! ... welch' ein abscheulicher Name! Es bedeutet: Grundhäßlich. ... gleichviel, ich würde gerne mit ihm tauschen, wenn er mir seines Vaters Thaler überließe! und Sie ... Monfréville ... doch. Sie sind ein Philosoph! ... und überdies reich ... was die Philosophie sehr erleichtert.«

Der Eintritt Jasmins machte dieser Unterredung ein Ende, der alte Diener begrüßte die ganze Gesellschaft mit einem tiefen Compliment und wendete sich dann an den Notar mit den Worten: »Sie haben mich um Etwas zu befragen, Herr Notar?«

»Ja, mein lieber Jasmin, vor allen Dingen möchte ich erfahren, wie es unserem jungen Marquis geht?«

»Er befindet sich sehr wohl, mein Herr, o! er genießt einer herrlichen Gesundheit ... es ist ein sehr hübscher Junge.«

»Gut, und seine Studien?«

»Hm, nach dem, was ich sagen höre, scheint er sehr gelehrt.«

»Wissen Sie, Jasmin, daß Ihr Gebieter vor sechs Monaten sein sechzehntes Jahr erreicht hat.«

»O freilich, mein Herr, ich weiß es recht gut.«

»Ist ihm das Testament seines Vaters bekannt?«

»Allerdings ...«

»Ich halte ihn für zu vernünftig, als daß er schon jetzt die Verwaltung seines Vermögens übernehmen wollte; aber dessen ungeachtet ist es meine Pflicht, ihm Rechnung über die bisherige Verwendung desselben abzulegen und ihn zu fragen, ob er die Absicht hat, mir seine Verwaltung noch länger zu überlassen. Ueberdies wünschte ich schon längst den jungen Marquis zu sehen und will es nicht länger hinausschieben. In welcher Lehranstalt ist er?«

Jasmin riß seine Augen voll Bestürzung auf und blickte nach der Thüre.

»Verstehen Sie mich nicht?« fuhr der Notar fort ... »Ich habe Sie gefragt, in welchem Collegium ich nach dem Herrn Cherubin von Grandvilain fragen müsse.«

»Der musterhafte Diener scheint mir taub zu sein,« bemerkte Darena, über Jasmins Gesicht lachend, während Monfréville, der den alten Bedienten aufmerksam beobachtete, sich ihm näherte, ihn starr ansah und halb ernsthaft, halb scherzhaft fragte:

»Wisset Ihr nicht, was Ihr mit Eurem jungen Herrn angefangen habt?«

»Doch, mein Herr, doch!« entgegnete Jasmin, »der Herr Marquis ist in Gagny.«

»In Gagny? ... ist dort ein Collegium?« fragte der Notar.

»Gagny! ... bei Villemomble! ... o! ich kenne es,« rief Darena aus, »das ist ein kleines Dorf ... in dessen Umgebung einige ziemlich hübsche Besitzungen sind ... aber nicht ein einziger guter Gasthof in der ganzen Gegend ... ich bin mit zwei Opernsängerinnen hingefahren ... wir konnten nicht einmal ein Hasenfricassé bekommen, was doch sonst auf dem Lande eine Hauptspeise ist, sondern nichts als lederartiges Pöckelfleisch ... In Gagny war nie eine gelehrte Schule ... meines Wissens nicht einmal ein Pensionat.«

»Nun, Herr Jasmin,« fragte der Notar mit strengem Tone, »bei wem macht der junge Grandvilain in Gagny seine Studien?«

Der alte Diener faßte sich ein Herz und erwiderte mit beinahe stolzer Miene:

»Bei seiner Amme, mein Herr!«

Diese Worte versetzten den Notar in Erstarrung, Monfréville fing an zu lachen und Darena wälzte sich im Lehnstuhl.

»Bei seiner Amme!« fuhr endlich der Notar fort. »Ist es wirklich möglich, Jasmin! der junge Marquis wäre mit siebzehnthalb Jahren noch bei seiner Amme?«

»Ja, mein Herr, aber seien Sie beruhigt, er ist deßhalb nicht minder gelehrt, ich habe ihm einen Lehrer beigegeben, den Schulmeister des Ortes, Herrn Grunddumm, der ihm in allem Möglichen Unterricht ertheilt.«

Darena brach in ein neues Gelächter aus, als er des Lehrers Namen hörte, und rief:

»Seine Erziehung bei der Amme genießen! ... das ist köstlich ... das ist eine neue Methode ... die kann Mode werden ... ich habe auch Lust, wieder am Borne des Wissens meiner Amme zu trinken.«

»Herr Jasmin,« nahm der Notar wieder das Wort, »ich begreife nicht, wie Sie den Sohn Ihres Herrn bis jetzt bei Bauersleuten lassen konnten ... Sie verdienen sehr getadelt zu werden ... Sie hätten mich wenigstens um Rath fragen sollen.«

Der alte Diener, der sehr im Gedränge war, schrie aus Leibeskräften:

»Herr Notar, ich bin der Diener meines Herrn! ich habe nicht das Recht, seinen Wünschen zuwider zu handeln oder ihm Gewalt anzulegen; es ist nicht meine Schuld, wenn der Herr Cherubin nicht von seiner Amme und seiner kleinen Milchschwester weg will!«

»Ach! wenn er eine kleine Milchschwester dort hat,« sagte Darena, »so fange ich an die Hartnäckigkeit des jungen Mannes zu begreifen; wie alt ist diese Milchschwester?«

»Zwei Jahre jünger als mein Herr, ungefähr vierzehn ein halbes Jahr.«

»Ist sie hübsch?«

»Allerdings ... ja, mein Herr, sie ist von einer hübschen Race.«

»Herr Jasmin,« sprach der Notar, »so kann es nicht fortdauern; es ist meine Pflicht, diese Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und meine Freundschaft für den verewigten Herrn von Grandvilain macht mir sogar ein Gesetz daraus. Auch Ihnen muß es einleuchten, daß der Sohn Ihrer ehemaligen Herrschaft, der von einem vornehmen Hause abstammt, seine schönsten Jahre nicht in einem Dorfe zubringen darf.«

»Ich versichere Sie, Herr Notar, daß ich dieses meinem Herrn schon oft vorgestellt habe. Ich sage ihm fortwährend: In Paris haben Sie ein großes Haus, schöne Zimmer mit karmesinrothen Tapeten, Mobilien von massivem Mahagoniholz, einen Nachttisch mit eingelegten Ecken ... den Inhalt von vergoldetem Porzellan ... Das Alles verführt ihn nicht ... Er dreht mir den Rücken zu und gibt mir kein Gehör.«

»Ich glaub' es wohl!« rief Darena aus, »der alte Dummkopf, der seinen Herrn mit einem Nachttisch und seinem Zugehör verführen will; wenn Sie es wünschen, Herr d'Hurbain, so nehme ich es auf mich, den jungen Marquis zur Rückkehr nach Paris zu bewegen.«

»Sie, Herr von Darena, auf welche Weise?«

»Das ist meine Sache; verlassen Sie sich auf mich!«

»Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mich dabei unterstützten, ich will aber meinerseits auch thätig sein. Herr von Monfréville, wollen Sie mir nicht auch an die Hand gehen, und mich nach Gagny begleiten, Sie, dessen Vater ein Freund des alten Marquis war?«

»Ich bin im Gegentheil sehr geneigt, dabei zu sein ... Ich besinne mich schon auf ein Mittel, wodurch der junge Mann bewogen werden könnte, uns nach Paris zu folgen ... denn man darf in diesem Falle nicht gewaltthätig zu Werke gehen. Alles wohl überlegt, ist dieser junge Erbe doch, schon durch seines Vaters Willen, sein eigener Herr, und wenn er darauf beharren würde, bei seiner Amme zu bleiben, so wären wir auch gezwungen, ihn dort zu lassen.«

»Aber es ist unmöglich, daß der Sohn des Marquis unsern Gründen, unsern Vorstellungen nicht nachgebe.«

»Gründe! ach, mein lieber Herr d'Hurbain, es braucht mehr als solche, um einen Jüngling zu bestechen.«

»Meine Herren,« fiel Darena ein, »ich schlage eine Wette vor. Dem, der den Sieg davon tragt und den jungen Cherubin nach Paris zurückbringt, müssen die beiden Andern ein prächtiges Mittagessen im Rocher de Cancale geben. Willigen Sie ein?«

»O, sehr gerne ...«

»Wann werden wir nach Gagny gehen?«

»Morgen frühe, meine Herren; ich werde es so einrichten, daß ich um zwölf Uhr mein Arbeitszimmer verlassen kann; wollen Sie mich abholen? soll ich Sie erwarten?«

»Nein,« entgegnete Monfréville; »Jeder soll allein gehen; wir werden die Wohnung dieser Amme schon finden können.«

»Nicolle Frimousset,« rief Jasmin dazwischen, »in einer kleinen Gasse, die auf den Marktplatz führt ... Jedermann kann Ihnen ihr Haus zeigen.«

»Ganz gut,« sagte Darena, »Nicolle Frimousset ... Man muß sich die Namen ins Gedächtniß einprägen! ... Monfréville hat Recht, es ist besser, Jeder geht für sich.«

»Aber hüten Sie sich, meine Herren,« erwiderte der Notar, »wenn Sie zögern, so können Sie wohl die Reise umsonst machen müssen, und ich werde mit Cherubin schon auf dem Wege sein.«

»O! das glaube ich nicht!« antwortete Monfréville.

»Was mich betrifft, meine Herren, ich bin ein guter Spieler,« entgegnete Darena, »ich lasse euch einen Vorsprung ... Ich werde erst eine gute Stunde nach euch abreisen, und bin überzeugt, noch zu rechter Zeit zu kommen.«

Jasmin, den dieses Gespräch in Staunen und Unruhe versetzte, rief mit erschrockener Miene aus:

»Aber, meine Herren, ich hoffe, daß Sie bei all' diesem meinem jungen Herrn kein Leid zufügen ... das heißt, ihm keinen Verdruß bereiten werden! ...«

»Ha! Ha! Ha! dieser alte Bursche entzückt mich mit seiner Treuherzigkeit! ...« sagte Darena; »seid beruhigt, ehrenwerther Diener! ... wir werden uns nur ganz angenehmer Mittel bedienen. Was Euch betrifft, so habt Ihr morgen früh nur ein Mittel zu ersinnen, um die kleine Milchschwester des Herrn Cherubin von ihm entfernt zu halten ... Das ist für das Gelingen unseres Vorhabens unumgänglich nothwendig.«

»Sie verstehen, Jasmin,« sprach der Notar; »bedenken Sie, daß es sich um die Zukunft, um das Glück Ihres jungen Herrn handelt, und daß Sie strafbar wären, wenn Sie unsern Plan nicht unterstützten.«

Der alte Diener verbeugte sich und ging mit dem Versprechen, zu gehorchen.

Monfréville und Darena verließen den Notar ebenfalls mit den Worten:

»Morgen in Gagny!«

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