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Der Schritt zur Liebe - Erster Band

Georges Ohnet: Der Schritt zur Liebe - Erster Band - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorGeorges Ohnet
titleDer Schritt zur Liebe ? Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek
volume19. Jahrgang. Band 21
year1903
firstpub
translatorEmmy Becher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080429
projectid1d435eab
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Zweites Kapitel

Als man Fräulein Annina von Saint-Yrieix im Schloß Fondettes, das sie mit einer alten Tante bewohnte, mit dem Bankier Felix Trélaurier bekanntgemacht hatte, war der erste Eindruck ein befriedigender gewesen. Sie hatte sich gesagt, daß der etwas untersetzte, breitschulterige Mann mit dem dichten Haar und der frischen Gesichtsfarbe sehr gesund sein müsse, und als sie ihn mit schlichter Offenheit sprechen hörte, gewann sie die Überzeugung, daß er einen guten Charakter habe. Daß er sehr reich war, wußte sie. Zu ihrem Vetter Tristan von Saint-Yrieix, der für ein paar Tage zu Besuch bei der Großmutter war, sagte sie denn auch: »Herr Trélaurier ist ein guter Mensch, der mich zu lieben scheint und mir nicht mißfällt. Ich glaube, daß ich glücklich werden kann mit ihm.«

»Schönes Cousinchen,« versetzte Tristan, »du suchst dir da ein recht ruhiges Glück aus. Mit Trélaurier hast du gesicherten Frieden und ein ungeheures Vermögen. Er besitzt ohne Zweifel jetzt seine zwanzig Millionen, und in zehn Jahren wird es das Fünffache sein, wenn nicht mehr. Du hast also alles, was eine Frau begehren kann ... bis auf die Liebe. Sei so gut und werde nicht böse, ich mache keine schlechten Witze, sondern will dir nur reinen Wein einschenken. Siehst du, es gilt im Leben, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich glücklich zu sein; das eine ersetzt das andre nimmermehr, und wer dir das Gegenteil einreden will, hintergeht dich. Es tritt im Leben aller Frauen, wenn sie nicht gerade die Temperatur gekühlter Weinflaschen haben, eine Stunde ein, wo das Gefühl sich mehr oder weniger gebieterisch geltend macht. Steht das Gefühl im Einklang mit der Pflicht, so ist das unbedingte Glück da, tritt es aber in Kampf mit den regelrechten Grundsätzen, so haben wir die Krisis, verlaß dich darauf. Diese Krisen sind wie das Scharlachfieber, es gibt leichte und schwere Fälle. Macht man's mit vorübergehendem Fieber und allgemeinem Unbehagen ab, so ist's gut, es gibt dann keine Rückfälle, man weiß, woran man ist, und nimmt die richtigen Arzneien. Packt's einen aber tüchtig ... ach, arme Frauen!«

»Entschuldige, Tristan,« fiel ihm Annina ins Wort, »was bezweckst du mit diesem Vortrag über die Psychologie der Ehe?«

»Ich komme schon zum Zweck, Ich will dir ganz einfach sagen, daß ein Gatte wie Trélaurier seine Vorzüge hat, aber auch seine Nachteile, worunter der geringste der ist, daß er dem Fräulein von Saint-Yrieir nicht die Spur von Leidenschaft einflößt. Sie wird also all ihre Liebesfähigkeit in die Sparbüchse legen, um sie dann bei der ersten Gelegenheit zu vergeuden,«

»Ich muß sagen, du machst dir eine traurige Vorstellung von mir, Tristan, wenn du annimmst, ich könnte mich unter dem Vorwand, daß mein Gatte keine Wirbelstürme der Leidenschaft in mir entfesselt habe, so vergessen! Ich weiß nicht, ob die schwindelerregenden Gefühle, wovon du sprichst, sehr verbreitet sind, aber ich sehe die Frauen unsrer Kreise in der Regel recht gemütsruhig dahinleben, und meine Tante Perceval hat mir einmal gesagt, die großen Leidenschaften seien Ausnahmen im Leben und sie selbst habe, obwohl sie zweimal verheiratet gewesen, nie etwas davon verspürt.«

»Hat sie das gesagt? Alle Wetter!«

»Warum alle Wetter? Deine Großmutter muß zu ihrer Zeit sehr hübsch gewesen sein. Eine Miniature von Frau Herbelin und das große Porträt von Ricard stellen sie ganz reizend dar, blond und anmutig.«

»Nun, dann ist ihr eben ihr Typus nie begegnet!«

»Eine nette Weltanschauung! Alle Frauen sind also einem beliebigen ›Typus‹ auf Gnade und Ungnade preisgegeben, falls sie ihm begegnen?«

»Im allgemeinen, ja.«

»Und alle, die ihrem ›Typus‹ begegnen, unterliegen der Versuchung?«

»Nicht alle. Umstände, Rücksichten können es verhindern, aber du darfst kecklich glauben, daß für alle, die der Versuchung widerstanden haben, Augenblicke kommen, wo sie es bitter bereuen!«

»So? Ich bin eher geneigt, das Gegenteil zu glauben, nämlich, daß die bereuen, die ihr unterlegen sind!«

»Schön und gut, Kleine! Wenn du so denkst, tust du ganz wohl daran, Trélaurier zu heiraten. Gebe der Himmel, daß du recht viele Kinder kriegst und daß alles im denkbar größten Reichtum glatt abläuft,«

»Weshalb so gereizt? Meine Heirat scheint sich deines Beifalls nicht zu erfreuen?«

»O, ich habe gar nichts gegen Felix, der, wie du sagst, ein guter Mensch ist, aber für dich hätte ich etwas andres gewünscht...«

»Aha! Deinen Freund Andé von Preigne? Jawohl, das steckt dir immer noch im Kopf! Du weißt aber doch, daß die Tante Perceval Zeter schrie, als du von ihm sprachst. Er scheint für einen Taugenichts zu gelten.«

»Nur weil er ein hübscher Bursche ist!«

»Und weil er alles, was ihm seine Mutter hinterlassen, aufgezehrt hat ...«

»Es können nicht alle Leute Geld verdienen, es muß auch welche geben, die es unter die Leute bringen.«

»Ja, aber für Dinge, deren man sich nicht zu schämen hat, während Baccarat, Pferderennen und dann ... das übrige ...«

»Man hat dir viel vorgeschwatzt, wie ich merke, und meinen armen André bös mitgenommen.«

»Nur nach Verdienst, glaube ich.«

»Wenn du ihn kenntest...«

»Danke, ich habe gar kein Bedürfnis, ihn kennen zu lernen, wenn er der Bösewicht ist, den man mir geschildert hat, und ich finde sogar, daß du besser tätest, dir andre Freunde auszusuchen als einen Wüstling!«

»Aber du bist ja geradezu gehässig! Du wirst deine Vorurteile rasch genug ablegen, wenn du einmal siehst, was für ein Mensch er ist, nur wird es dann zu spät sein! Wärest du Andrés Frau geworden, so hättest du ihn mit Leichtigkeit auf den geraden Weg zurückführen können, von dem er nicht einmal stark abgewichen ist ... Viel Geld hat er ja nicht mehr, das ist richtig, aber du selbst bist ja reich, und es ist sündhafte Verschwendung, dein Vermögen auch noch in Trélauriers Kasse zu gießen, denn der hat's wahrlich nicht nötig!«

»Du kannst doch nicht im Ernst verlangen, daß ich deinen Freund heirate, damit er wieder zu Geld kommt, und Trélaurier abweise, weil er Millionär ist!«

»So heirate ihn doch, nimm ihn! Du wirst Königin sein ... in Finanzkreisen, kannst auf Goldbarren ruhen. Hoffen wir, daß du gut darauf schlafen wirst.«

Felix Trélaurier verdiente es nicht, so geringschätzig hingestellt zu werden, wie Tristan es tat. Er war ein unterrichteter, vielseitig gebildeter Mann, leidenschaftlicher Kunstfreund und eine vornehme Natur. An gesellschaftlichen Verkehr gewöhnt, wußte er sich sehr gut zu benehmen, fand immer das richtige Wort, wenn er sprechen wollte, verstand es aber auch, taktvoll zu schweigen. In der Geschäftswelt nahm er eine höchst bedeutende Stellung ein und er opferte viel Zeit und Kraft, um das Vermögen adeliger Familien zu retten, die ohne seinen Beistand und seinen Scharfsinn rettungslos verarmt wären. Er hatte sich dadurch die Achtung und Dankbarkeit sehr hochgestellter Personen erworben, die ihm die besten Kreise der Gesellschaft eröffneten. Man traf den Bankier in Häusern, die sonst schwer zugänglich waren, sogar für Leute von halbwegs vornehmem Ursprung, und dieser Geschäftsmann genoß Vorrechte, die selbst der von Louis Philippe geschaffene Adel trotz Grafen- und Freiherrntitel nicht leicht erlangte. Er tat sich nicht viel darauf zu gute, verkehrte mit ruhiger Gelassenheit bei Marquisen und Herzoginnen, gab zum Dank für eine Tasse Tee und ein Stückchen Kuchen sehr nützliche Ratschläge und lud zur Erwiderung ihre Männer, Väter oder Söhne auf eine prachtvolle Jagd, die er in der Sologne besaß, wo man während vier Monaten immer seine sechshundert Stücke zur Strecke brachte. Dort beriet er auch mit Kollegen aus der hohen Finanz und bedeutenden Vertretern ausländischer Börsen die großen Unternehmungen; der Jagdsaal des Schlosses Varenne-en-Tilloy hatte von dem Romanschreiber Jean Vernet und dem berühmten Maler Valançon an bis zum Prinzen von Edinburg und Mehmet, dem Bruder des Sultans, eine große Zahl ausgezeichneter Persönlichkeiten kommen und gehen sehen.

Wie hoch auch Rang und Bedeutung seiner Tischgenossen sein mochte, Trélaurier verkehrte mit allen in liebenswürdigster Weise, frei von Prahlerei wie von Schüchternheit. Gerade seine Offenheit und Einfachheit fesselten die Menschen, und dabei sah er so klug und gesund aus, daß man gerne in Beziehung zu ihm trat. Er war ganz sachte achtunddreißig Jahre alt geworden, ohne ans Heiraten zu denken, als ein zufälliger Grenzstreit mit den anstoßenden Nachbarn ihn ins Schloß Fondettes führte. Dort hatte er sich der alten Frau von Perceval und ihrer Nichte Annina vorgestellt und sich bei den Damen durch seine Freundschaft mit Tristan von Saint-Yrieix, den er häufig im Klub traf, aufs beste eingeführt. Er verließ das Schloß, das er als Gegner der Besitzerin betreten hatte, als ihr Freund, und statt, wie seine Absicht gewesen, am andern Tag nach Paris zurückzukehren, verlängerte er seinen Aufenthalt in Varenne.

Unter dem Vorwand, sich über die Grenzverhältnisse genauer zu unterrichten und die darauf bezüglichen Pläne zu vergleichen, war er wieder nach Schloß Fondettes gekommen und hatte sich um die Hand des Fräuleins Annina von Saint-Yrieix beworben. Er hatte sich Hals über Kopf verliebt in das junge Mädchen, und das erste, was ihm am Herzen gelegen hatte, war gewesen, seinen Prokuristen und Freund Vernaut nach Schloß Fondettes kommen zu lassen, angeblich, um sich über die in Frage stehende Grenze zu unterrichten, tatsächlich um Annina zu sehen. Dieser, der für seine Person entschlossener Junggeselle war, begrüßte den Gedanken, daß der Freund sich verheiraten wollte, mit der lebhaftesten Freude.

»Sehr vernünftig, daß du dich entschlossen hast, einen Hausstand zu gründen,« erklärte er am Abend, nachdem er Fräulein von Saint-Yrieix kennen gelernt hatte. »Es wäre Sünd' und schade, wenn ein Haus wie das deinige ohne Erben bliebe, und nächstes Jahr würdest du schon die Grenze erreichen, wo man das Junggesellenleben besser fahren läßt. Gott sei Dank, werden wir also eine Frau und zwar eine ganz reizende Frau ins Haus bekommen!«

»Nicht wahr, sie ist entzückend?«

»Ein Edelstein! Sie hat alles, Schönheit, Güte, Anmut, rein alles.«

»Du, höre mal, ich werde nächstens eifersüchtig!«

»Ja, da kann ich dir nun nicht helfen.«

»Mein lieber Vernaut, deine Billigung meiner Wahl beglückt mich unendlich! Du weißt, welches Vertrauen ich in dein Urteil setze, ja, daß ich es für unfehlbar halte. Hast du denn auch mit Fräulein von Saint-Yrieix geplaudert? Hast du sie aufmerksam beobachtet?«

»Ein Edelstein, sage ich dir, und zwar ein makelloser. Die Einfachheit und Ehrlichkeit in Person! Du kannst dir wirklich etwas zu gut tun auf dein Glück! Diese junge Hausfrau wird uns Ehre machen, glaube mir! Wenn du jetzt endlich die Gesellschaft bei dir empfängst, statt ihr nachlaufen zu müssen, wird dein Haus stolz vertreten sein! Die ganze Sache klappt, und wie gern werden wir jetzt arbeiten, um der schönen Frau Trélaurier Reichtum zu schaffen.«

So waren beide in höchster Begeisterung, der Bräutigam und der Freund, einer fast so glücklich als der andre, ja, Vernaut war so stolz auf die Eroberung Anninas, als ob er sie selbst und für seine Person gemacht hätte. Der Prokurist kehrte nach Paris zurück mit dem Auftrag, das Haus in der Rembrandtstraße, das jetzt Junggesellenwohnung war, nun aber gänzlich neu eingerichtet werden sollte, in stand setzen zu lassen, während Felix in Varenne blieb und seine Tage im Schloß Fondettes verbrachte.

»Ihre Geschäfte lassen Ihnen solche Freiheit?« fragte Annina etwas verwundert, als Trélaurier Tag für Tag um sie war, als ob er gar keine Ahnung von einem Bankhaus in Paris hätte. »Haben Sie sich mir zu Ehren auf kurze Zeit freigemacht, oder wird das immer so bleiben?«

»Solange es Ihnen belieben wird! Sehen Sie, ich habe ja Vernaut dort, der mein zweites Selbst ist und dem ich ohne die geringste Sorge alles überlassen kann. Wo wäre da eine Schwierigkeit? Wir besprechen uns durchs Telephon, und ich kann hier bleiben, solange es Ihnen lieb ist.«

»Einen solchen Mitarbeiter zu haben, ist ja ein wahrer Schatz!«

»Ach, Vernaut ist ein Mann allerersten Rangs und hat in meinem Haus – unserm Haus sagt er – auch von jeher bedeutenden Einfluß gehabt. Er ist der Bureaumensch, wie er sein soll, immer an seinem Platz wie ein getreuer Wächter!«

»Und hängt sehr an Ihnen?«

»Wir sind unzertrennliche seit dreißig Jahren führen wir ein gemeinsames Leben. Seit wir in die Schule kamen, sind wir Freunde. Sie müssen sich ja nicht vorstellen, daß Vernaut ein Untergebener, ein Angestellter sei, nein, er ist an meinen Geschäften beteiligt, besitzt selbst großes Vermögen. Es ist keine Übertreibung, wenn ich Ihnen sagen wollte, daß Vernaut fünf bis sechs Millionen im Geschäft stehen hat, und er könnte viel reicher sein, wenn sein Ehrgeiz dahin ginge; er hat keine Bedürfnisse, ist die Ordnung und Schlichtheit in Person. Ich bin überzeugt, daß Vernaut im ganzen Jahr keine hunderttausend Franken ausgibt ...«

»Aber ist das nicht sehr viel, hunderttausend Franken?«

»Für einen Geschäftsmann wie Vernaut ist es nichts! Aber er ist mildtätig, großmütig, verschenkt viel. Und dann hat er eine Passion, er ist Bibliophile, Sammler! Ein seltener erster Druck in Originaleinband – da kann er nicht widerstehen. Er besitzt alle bedeutenden Schriftsteller des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts in ersten Ausgaben mit fürstlichen oder königlichen Ex-Libris und die kostbarsten Stiche und Holzschnitte! Er wird Ihnen seine Sammlungen mit Stolz vorweisen, und wenn Sie ihn darauf anreden, machen Sie ihn glücklich!«

»Das werde ich mit Vergnügen tun.«

»Er liebt Sie jetzt schon, dann aber wird er Sie vergöttern!«

Annina ward bald inne, daß die Heirat mit Trélaurier sie in ein Märchenland versetzte und daß ihr Vetter Tristan sie nicht getäuscht hatte, wenn er sagte, sie werde an seiner Seite Ruhe finden. Dieser Felix, der von den hunderttausend Franken, auf welchen Betrag er Vernauts Jahresausgaben schätzte, als von einer Kleinigkeit sprach, und der den Schmuck einer Königin herkommen ließ, damit seine Braut ihre Juwelen aussuche, war offenbar ein Mann von verfeinertem Geschmack, der vornehmen Luxus liebte. Er setzte dem jungen Mädchen auseinander, daß er seit zehn Jahren die seltensten alten Möbel, die wertvollsten Teppiche und Stickereien kaufe und im zweiten Stock seines Hauses ein wahres Lager von köstlichen Antiquitäten aufgestapelt habe für den Tag, wo er Verwendung dafür haben werde. Dieser Tag sei nun gekommen, er schicke sich daher an, die bisherige Einrichtung seiner Wohnung umzugestalten, und bitte die Braut, sich daran zu beteiligen.

»Sie werden mir sagen, was Sie davon halten, denn ich möchte, daß Ihr Heim Ihnen lieb wird, und will alles nach Ihrem Wunsch einrichten. Ein Tag, den Sie mit Ihrer Frau Tante in Paris zubringen, wird genügen, um alles mit dem Tapezierer zu verabreden, dann ist der Rahmen geschaffen, und wenn Sie dann häuslich eingerichtet sind, werden Sie alles, was Ihrer Beachtung würdig ist, über die Räume verteilen lassen. In dem Möbellager meines zweiten Stockes findet sich allerlei: Bilder, Fayencen, Bronzen, Spiegel und Nippes jeder Art. Sie werden Ihre Auswahl treffen: was Ihnen nicht zusagt, geht wieder auf Auktionen, und was fehlt, werden wir gelegentlich ergänzen.«

Für Annina hatten diese Mitteilungen solchen Reiz, daß sie der Tante keine Ruhe mehr ließ, bis diese ihr Gelegenheit gab, ihr Haus, ihre Möbel, ihre Kunstgegenstände zu besichtigen. Bei dieser Gelegenheit offenbarte sich Vernaut als berufener Kunstkenner, und es zeigte sich deutlich, daß er es war, der all die Herrlichkeiten ausfindig machte, die Trélaurier ansammelte. Er erklärte den Ursprung der schönen Salonmöbel aus der Zeit Ludwigs XIV., die für Frau von Maintenon von den Schülerinnen von Saint-Cyr gestickt worden waren und sowohl historischen als künstlerischen Wert hatten, ließ die Damen eine köstliche Zimmereinrichtung im Stil Ludwigs XVI. bewundern, die aus dem Besitz der Prinzessin von Lamballe stammte und mit Gobelins bezogen war. Er machte sie auf die Applikationsstickerei von Caffiéri, die mit vergoldeten Bronzen geschmückten Konsolen von Riesener, die Spiegel mit den geschnitzten Rahmen von erlesener Stilreinheit aufmerksam und führte der entzückten Annina und dem beglückten Trélaurier all ihre Schätze vor. Im Empfangssaal zeigte und erklärte er ihr die kostbare Reihe indischer Teppiche nach Coypel, im Billardsaal die Bilderreihe aus Don Quixote in Intarsia von Beauvais. Anninas kleines Wohnzimmer war mit alten chinesischen Seidenstoffen bespannt, die auf blaßrosa Grund feenhafte Stickereien mit Darstellungen von Teichen, Brücken, Pagoden, den lichten Himmel durchschneidenden Flamingos zeigten. Jeder Raum hatte seinen besondern Stil und die dazu gehörige Einrichtung, die nicht nur von ausgesuchtem Geschmack war, sondern auch bedeutende Werte darstellte.

Was aber Annina noch besser gefiel, war der frisch grünende hübsche Garten hinter dem Haus, der an die Gärten benachbarter Privathäuser stieß und mit diesen eine grüne Weite bildete, die den Augen so wohl tat wie dem Herzen. Auf der Terrasse stehend, die nach dem Blumengarten führte, fühlte sie sich innerlich von Glück durchdrungen. Alles, worauf ihr Blick ruhte, die leuchtenden, duftenden Blumen, das Laubdickicht mit den zwitschernden nistenden Vögeln darin, atmete Ruhe, stilles Behagen. Sie wandte sich nach Trélaurier um, der ihr gefolgt war, und reichte ihm mit dankbarem Lächeln die Hand hin. Er fühlte, daß sie sich mit dieser Bewegung ihm schenkte, nun wahrhaft sein eigen war. Seine vor innerer Erregung zuckenden Lippen hätten ihr seine Seligkeit darüber aussprechen mögen, aber er wußte nichts zu tun, als die weißen, jugendlichen Finger zu küssen, die er zwischen den seinigen hielt. Vernaut, der hinter ihnen stand, war ein glückstrahlender Zeuge dieser endgültigen Verlobung, und er war nahe daran, Annina zu danken für die Glückseligkeit, die sie Trélaurier bereitete. Er wußte aber dem jungen Mädchen begreiflich zu machen, daß sie nicht nur Felix heirate, sondern auch ein wenig ihm gehöre, daß er sich im stillen vornahm, ihr dienstbar zu sein als eine Art Sekretär, der keinen andern Lohn forderte, als ein freundliches Lächeln, ein gütiges Wort, dessen Ergebenheit aber jede Probe bestehen würde.

Diese reizende Annina war aber von Anfang an entschlossen, sich mit Güte überhäufen zu lassen. Sie hatte sich mit Leichtigkeit auf die gewünschte Höhe geschwungen und paßte sich dem Reichtum und der Großartigkeit des Trélaurierschen Hauses an, als ob sie ihr Leben lang an nichts andres gewöhnt gewesen wäre. Das kleine Mädchen, das erst vor einem Jahre die Klosterschule verlassen hatte, nichts vom Leben wußte, als was ihr die Tante Perceval, allerdings eine sehr gescheite Frau, die den Glanz des zweiten Kaiserreichs erlebt hatte, davon zu erzählen für gut fand, entwickelte sich sofort zu einer Frau, die das Gewicht der Trélaurierschen Millionen ohne Wanken trug. Sie hatte von Natur eine unschätzbare Gabe, nämlich sich in jeder Lebenslage, worein man sie stellte, gut zu halten, immer im richtigen Ton das rechte Wort zu sagen und in ihrem ganzen Auftreten den Eindruck höchster Vornehmheit hervorzurufen.

Durch diese natürlichen Gaben gewann sie beim ersten Erscheinen in der Gesellschaft eine herrschende Stellung. Durch ihren Mann in die unzugänglichsten, anspruchsvollsten Häuser eingeführt, war sie darin vom ersten Augenblick an vollkommen heimisch. Die alten Damen, deren Kritik man fürchtete, mühten sich vergebens, diesen Neuling einzuschüchtern, sie zeigte eine unerschütterliche Sicherheit, verbunden mit einer leichten, bescheidenen und doch stolzen Anmut, die alle Herzen gewann. Man erklärte sich diese tadellose Haltung aus ihrer Abstammung.

»Mag sie auch nur eine Bankiersfrau sein, so ist sie eben doch schließlich eine Saint-Yrieix! Und die Saint-Yrieix sind vom besten Blut des Poitou. Ein Saint-Yrieix stand bei Bourges an der Seite Karls VII. Übrigens ist Trélaurier auch ein prächtiger Mensch ... jetzt hat er wieder den Nocarts, die am Ertrinken waren, auf die Beine geholfen; er ist wirklich die Vorsehung der Partei!«

Annina trug äußerlich mehr die Saint-Yrieix, als die Trélaurier zur Schau. Sie, die einen Juwelenschrein ohnegleichen besaß, trug sehr wenig Schmuck, ihre Toiletten von bester Mache waren immer von vornehmer Einfachheit, sie fiel durch nichts auf als durch ihre Schönheit, und diese zu vermindern, lag nicht in ihrer Macht, sie hatte sich vielmehr durch die Ehe zu sieghaftem Glanz entwickelt. Sie bot der Bewunderung der Männer und dem Neid der Frauen einen braunen Dianenkopf mit glühenden, durch tiefdunkle Wimpern verschleierten Augen, einen Mund mit brennend roten Lippen, kleine zarte, perlmutterschimmernde Öhrchen, umrahmt von lockigem Haar, das wie Jet glänzte, eine Haut von blassem Goldton und zeigte beim Lächeln blendend weiße Mäusezähnchen, die das ganze Gesicht erhellten und ihm einen Zug von Jugend, ja Kindlichkeit verliehen. Sie war nicht groß, aber sehr gut gewachsen, schlank und doch üppig, alles zusammengenommen »eine der hübschesten Frauen von Paris«, ein Urteil, das von niemand angefochten wurde.

Von ihrem ersten Auftreten in der Gesellschaft an, das ein ungewöhnliches Aufsehen erregte, hatte sie alle jene jungen Männer angezogen, die aus der Liebe ihren Lebensberuf machen. Sie wurde der Gegenstand des Verlangens für alle gewerbsmäßigen Frauendiener von Paris. Wer den Ehebruch zu seiner Spezialität machte, erprobte die Kraft seiner Verführungskunst an ihr. Es war verlorene Liebesmühe. Trélaurier war anfangs etwas erschrocken über diese Mobilmachung der Verführung, dieses Aufgebot weißer Hemdenbrüste, diese Entfaltung blonder, brauner und sogar grauer Schnurrbärte, denn die alten Gecken fingen ebenso rasch Feuer wie die jungen, aber er beruhigte sich bald angesichts der bewundernswerten und schönen Gleichgültigkeit, womit seine Frau all diese diebischen Versuche aufnahm. Sie entmutigte nicht einen von ihren Verfolgern, machte sich über alle lustig und gab jedem einzelnen zu verstehen, daß wer solchen gefährlichen Kämpen widerstanden habe, für alle Zeit gefeit sei. Das war für jeden ein Trost, die Gemüter beruhigten sich, und aus den Anbetern wurden Freunde der Frau und sogar des Gatten.

Auf diese Weise wurde Trélauriers Haus in kurzer Zeit das angenehmste von Paris. Die Liebedürstenden, die den erlesensten Adelskreisen angehörten, stellten sich ohne Hintergedanken ein, nur um Annina zu sehen, um freundlich bewillkommnet zu werden durch einen Händedruck, ein bezauberndes Lächeln. Künstler drängten sich zwischen die Weltleute, und es gab Abende, wo man Trélauriers Empfangsräume für einen Anbau des »Instituts« hätte halten können. Man bekam bei ihm vortreffliche Musik zu hören und reizende Theateraufführungen zu genießen. Auch der Prinz von Wales verkehrte vor seiner Thronbesteigung gerne bei dem Bankier.

Ungefähr ein Jahr nach dessen Verheiratung wurde der Vicomte von Preigne durch Tristan von Saint-Yrieix in Trélauliers Haus eingeführt. Der schöne André hatte keine Ahnung von den Heiratsplänen, die sein Freund einst für ihn geschmiedet hatte, er war überdies zur Zeit in eine reizende Schauspielerin vom Théâtre français vernarrt, die soeben für die Spielzeit in Petersburg gewonnen worden und in den fernen Norden gezogen war. Der Vicomte ließ sich also nicht träumen, daß zwischen ihm und Annina schon ein geheimes Band bestand. Er kam vom Land des Eises zurück, und zwar seiner Komödiantin ledig, da ein Gardeoffizier, der Fürst Brebianoff, ihm diese weggeschnappt hatte, dafür mit einem stattlichen Geldsack belastet, den er am letzten Abend im dortigen adligen Klub gewonnen hatte.

Annina empfing den ohne sein Wissen abgewiesenen Freier mit einiger Neugier, im übrigen jedoch ganz in der nämlichen Weise wie alle jene Herren seiner Art. Von der Schönheit der jungen Frau überrascht, wagte Preigne einige glühende Blicke, um auf den Busch zu klopfen, warf ein paar feurige Worte hin, um einen etwaigen Überfall vorzubereiten, stieß aber auf eine so vollständige Verständnislosigkeit für seine Absichten und eine so sichtliche Gleichgültigkeit, daß er den Plan fallen ließ. Das Geplänkel endete in Gelassenheit, wie ein Manövergefecht, und André suchte sich, überzeugt, daß hier nichts zu machen sei, andre Jagdgebiete. Annina atmete erleichtert auf, als sie sich von einer Aufmerksamkeit befreit sah, die ihr wegen ihrer Hintergedanken ganz besonders peinlich gewesen war, und wußte dem jungen Manne Dank, daß er sich nicht weiter mit ihr beschäftigte. Wäre er zudringlich gewesen, so hätte er geradezu ihren Widerwillen erregt, seine Zurückhaltung dagegen gewann ihm ihre Sympathie. Sie fing an, ihn ganz im stillen für eine Art von Opfer anzusehen. Er war der Mann, der von ihr hätte geliebt werden können, und sie fühlte sich durch ein geheimes Band mit ihm verknüpft.

Das war zu einer Zeit, wo André sich am unbesonnensten den Torheiten überließ, die dazu beitrugen, seinen schlechten Ruf vollends auszubilden. Er war in einen Kreis von Damen der Gesellschaft geraten, Damen, die von boshaften Zungen die »Kobolde« getauft worden waren, und er war der verhätschelte Liebling all der Schönen, die, zwischen Jugend und Alter stehend, ein glänzendes Freudenleben führten, sich herzlich wenig um das Gerede der Leute kümmerten und ihren Ehemännern, die selbst ihren Freuden nachgingen, unbeschränkte Freiheit ließen, sich aufzuführen, wie sie mochten. Sie gaben ihn von Herz zu Herzen weiter als auserwählten Galan, und als eines Abends im Haus einer dieser Damen alle beim fröhlichen Mahl saßen, machte sich der Vicomte den Spaß, eine wie die andre öffentlich zu duzen, da ja eine wie die andre ihm die Rechte eines Geliebten eingeräumt hatte. Sehr verwundert über diese Entdeckung, brachten sie dem gemeinsamen Besieger eine gemeinsame Huldigung dar, legten auf der Stelle eine Beitragsliste an und verehrten ihm einen in Silber ausgeführten herrlichen Tiger von Barge mit der Inschrift: »Kein Raub ist ihm je entronnen!«

Das war der wenig ruhmvolle Anfang seiner Berühmtheit. Die Damen der Halbwelt, die solche Siege sehr ergötzlich fanden, wollten ihn in ihre Kreise ziehen, aber er weigerte sich, sein Jagdgebiet aufzugeben.

»Die dummen Gänse langweilen mich,« warf er nachlässig hin, »und ich hab's nicht nötig, mich ihretwegen anzustrengen. Geld würde ich von ihnen nicht annehmen, weil es auf zu schmutzige Weise verdient ist, was können sie mir also zuliebe tun, was die Damen der Gesellschaft nicht auch täten!«

Dieser junge Sultan von sechsundzwanzig Jahren mit den hübschen blauen Augen, dem blonden Schnurrbart, der Wespentaille und der rosigen Haut eines jungen Mädchens war der verwegenste Freibeuter, den die Erde je getragen hatte. Wäre er nicht als Vicomte, nicht mit Vermögen, nicht in vornehmer Umgebung zur Welt gekommen, so hätte er das Zeug zu einem Räuberhauptmann gehabt. Er war gierig und blutdürstig, wußte von Gewissen und Grundsätzen so wenig als irgend ein Anarchist. In seiner Sphäre nahm er es mit den schlimmsten Raufbolden der Arbeiterviertel auf, und die Angst vor der Pistole oder dem Degen war sein Mittel Männern gegenüber, denen er im Klub ihr Geld abgewann, ihre Frauen wegnahm und ihnen obendrein mit verblüffender Überlegenheit und unvergleichlicher Ruhe Ungezogenheiten sagte, seine Persönlichkeit durchzusetzen. Octave Régnault, der große Psycholog, der ihn des öfteren in Gesellschaft getroffen hatte, charakterisierte ihn mit den Worten: »Das Temperament eines Schinderhannes im Körper eines Diplomaten! Er ist vollkommen vornehm, korrekt, schick in seinem Benehmen wie ein Korpsbursche, aber seine Gedanken sind unheimlich, seine Handlungen ungeheuerlich. Doch wer hätte den Mut, ihm das zu sagen? Er hat meines Wissens im sittlichen Sinn Verbrechen begangen, wovon jedes einzelne hinreichte, jeden von uns unmöglich zu machen, ihm den Zutritt selbst zu ziemlich gemischter Gesellschaft zu verschließen, und um ihn reißt man sich. Er hat sich seine Stellung durch Frechheit erzwungen, sie auf die menschliche Feigheit gegründet, ich betrachte ihn deshalb als unüberwindlich.«

Das war um die Zeit, als er die Marquise von Courgiron zu Grunde richtete und nebenbei die arme kleine Linguet um Unschuld und Leben brachte, um nur anzuführen, was von seinem empörenden Lebenswandel allgemein bekannt wurde. Man fürchtete aber die Verwegenheit seiner Zunge und die Gewandtheit seiner Waffen derart, daß niemand offen mit ihm zu brechen wagte. Übrigens muß auch festgestellt werden, daß die Frauen ihn nie um ihre Unterstützung betteln ließen, und daß sie den fürchterlichsten Anklagen gegen seine Person die glühendsten Lobpreisungen entgegensetzten. Um den Vicomte von Preigne entstand also jene Strömung und Gegenströmung von Haß und Bewunderung, die nötig ist, wenn Legenden entstehen und ein Ruhm dieser Art bekannt werden soll. In diesem Zwiespalt der Meinungen konnte ein Unparteiischer sich kaum zurechtfinden, und es war auch für den ernstlich dazu Gewillten schwierig, ein klares Urteil zu erlangen, man mußte wohl oder übel ins eine oder andre Lager treten, für oder gegen den Vicomte Partei nehmen. Ob der Held dieser Parteizwiste aber beweihräuchert oder zerrissen wurde, jedenfalls stand er auf der Schaubühne, und mochte sein Glanz vom Himmel oder aus der Hölle stammen, ein Lichtkreis umgab ihn, er war eine der Sehenswürdigkeiten der Pariser Gesellschaft. Während er auf diese Weise in die Rolle des Halbgotts hineinwuchs, hielt sich der Vicomte von Annina fern. Er verkehrte am häufigsten in Kreisen, wohin Trélaurier seine Frau nicht gerne führte, und auch Tristan hatte sich, trotz seiner arglosen Bewunderung für Preigne, einigermaßen abgewendet von der Bahn, die dieser wie ein erobernder Dionys im Gefolge von liebe- und weintrunkenen Mänaden durchzog.

Saint-Yrieix zahlte nicht zu den Heißhungrigen, die sich über die Grenzen ihres Verlangens und ihrer Lust täuschen, er hatte maßvollere Gelüste und fürchtete die Ermüdung, da er von Natur ein Faulpelz war. Seine Beziehungen zu der reizenden Frau von Préjean, einer verteufelten Globetrotterin, zehrten alles auf, was er an Tatkraft besaß, und er brauchte eine Hälfte des Jahres, um sich von den Anstrengungen der andern Hälfte auszuruhen. Er mußte immer darauf gefaßt sein, jetzt nach Norwegen gejagt zu werden, um die Mitternachtssonne zu sehen, oder nach Ägypten reisen zu müssen, um nilaufwärts bis zum vierten Katarakt zu schiffen. Mit Hilfe des Automobilsports konnte er solchen Anforderungen genügen, und für Frau von Préjeans Liebesglut hatte sich in den sechzig Kilometern in der Stunde eine Ablenkung finden lassen. Während sie den Panhard zu dreißig Pferdekräften lenkte, konnte er, neben ihr sitzend, ausruhen. Das war immerhin ein Vorteil und ermöglichte ihm, Trägheit mit Fortbewegung zu verbinden. Er gab freilich zu, daß an heißen Sommertagen in blendendem Sonnenschein der Straßenstaub nichts weniger als angenehm zu schlucken war. Zu Gunsten dieses Sports hatte er sich dem Vicomte etwas entfremdet, der zügellos seinen Vergnügungen nachging, und Tristan war ehrlich genug, eines Tages Annina gegenüber die Bemerkung fallen zu lassen: »Du warst die Vernünftigere von uns beiden, als du Trélaurier heiraten wolltest, und hast ein gutes Geschäft gemacht. Der unglückliche Preigne, den ich dir als Freier empfahl, hat sich ganz schlimm ausgewachsen, und Gott mag wissen, wie du jetzt dran wärst, wenn du nicht so viel Hellsichtigkeit gehabt hättest.«

Annina sagte nichts darauf, innerlich aber fühlte sie sich verletzt, daß der Vetter ihre Heirat ein gutes Geschäft nannte, und für ihr Leben gern hätte sie gewußt, was es mit dem Ungeheuer, das sie um ein Haar verschlungen hätte, eigentlich für eine Bewandtnis habe. Der rätselhafte Mann, von dem sie gleichzeitig so viel Schlechtes und so viel Gutes zu hören bekam, reizte ihre Neugierde, es kam ihr vor, als ob Ungerechtigkeit oder Überschwenglichkeit im Spiel sein müßten, wenn ein und derselbe Mensch so leidenschaftlich verlästert und gepriesen wurde. Sie fühlte sich ihrer selbst so vollständig sicher, daß es sie nicht im geringsten beunruhigte, dem Vicomte von Preigne Trotz zu bieten, sie hatte ja Männer genug kennen gelernt, die sich angemaßt hatten, ihr willkommen zu sein, und die mit langer Nase abgezogen waren. Die Gewohnheit des Sieges macht verwegen, Annina hielt sich für uneinnehmbar und war geneigt, mit dem Feuer zu spielen. Bei einem Fünfuhrtee bei Frau von Préjean geschah es, daß sie dem Vicomte gegenüber zu sitzen kam. Sie saß mit der Freundin plaudernd im Salon, indes Tristan, Valançon und der General Boillier auf der Estrade über der Halle ein Spielchen machten. Ohne sich anmelden zu lassen, als vertrauter Freund, erschien der Vicomte, dessen leichter Schritt auf den dicken Teppichen kaum zu hören gewesen war, in dem breiten Rahmen der von der Halle nach dem Salon führenden Türe. Er lächelte, verbeugte sich vor Frau von Préjean, küßte sittsam die ihm hingestreckte Hand und setzte sich, ein niederes Stühlchen herziehend, mit bescheidener Miene zu den beiden Frauen. »Was wandelt Sie an, zu mir zu kommen, Vicomte?« fragte Frau von Préjean. »Es ist mindestens ein Jahr her, daß Sie zuletzt auf diesen Einfall kamen!«

»Sehr erklärlich, da Sie nie daheim sind,« versetzte er mit sanfter Stimme. »Am Sonntag sagte mir Tristan bei den Rennen, daß Sie sich wieder häuslich niedergelassen hätten, und wie Sie sehen, bin ich da!«

»Und dafür sollen Sie mit Kuchen belohnt werden ... Strecken Sie den Arm aus und bieten Sie Frau Trélaurier den Teller an, dann haben Sie das Recht, sich selbst zu bedienen!«

Der Vicomte stand auf, tat sehr artig Pagendienste am Teetisch, verzehrte mit jugendlichem Appetit Süßigkeiten, goß den Muskatwein ein und verdiente sich das Lob der Hausfrau.

»Sie betragen sich so artig wie ein Knabe, der mit der Puppenküche spielen darf. Man sollte nicht denken, daß Sie so verderbt sind!«

»Geschieht nur, um den Leuten Sand in die Augen zu streuen,« versetzte er lustig.

»Wahrhaftig, man könnte Ihnen auf Ihr ehrliches Gesicht die Absolution ohne Beichte geben.«

Er lachte hellauf, so frisch und harmlos wie ein Kind. Annina betrachtete ihn verwundert – das war der Vampyr, der den Frauen, die ihn liebten, das Leben kostete, der Raufbold, der jeden Nebenbuhler niederstach, wenn er sich vor seine Klinge wagte! Sie sah nur einen reizenden jungen Menschen von schlanker Gestalt mit ruhigen Bewegungen und einem höchst anziehenden Gesicht, der die Worte hübsch und besonnen zu setzen wußte. Der lange, weich herabhängende blonde Schnurrbart umrahmte Wangen so weiß und rosig wie die eines sechzehnjährigen Mädchens, und die stahlblauen, von dunkeln Wimpern beschatteten Augen hatten einen schwermütigen Reiz, der dem ganzen Gesicht eine entzückende Weichheit verlieh. Artig wie ein Kadett an seinem Ausgehtag saß er zwischen den beiden Frauen, ging mit größtem Vergnügen auf ihr Geplauder ein und beteiligte sich mit Takt und Anmut daran, indem er den kleinen Geschichten, die sie sich erzählten, immer noch den einen oder andern Zug beizufügen wußte. So verfloß eine Stunde, ohne daß Annina es innegeworden wäre, und als es sechs Uhr schlug, glaubte sie kaum ein paar Minuten bei der Freundin gewesen zu sein.

»Ach mein Gott!« rief sie, rasch aufstehend. »Ich verplaudre mich... Schon so spät, und ich erwarte zwanzig Gäste zu Tisch.«

»Wovon ich einer bin, Liebste! Warten Sie doch noch auf mich...«

»Nein, nein! Ich muß noch zwei Besorgungen machen, ehe ich nach Haus gehe!«

»Der Schlingel da hat Sie die Zeit vergessen lassen,« bemerkte Frau von Préjean. »Geben Sie nur zu, daß er besser ist als sein Ruf.«

André seufzte, setzte eine Armesündermiene auf und sagte lachend: »Das will nicht viel heißen, denn sein Ruf ist grundschlecht!«

»Er wird wohl zu drei Vierteilen unverdient sein, hm?« fragte Frau von Préjean neckend.

»Nicht einmal,« versetzte er gelassen.

»Seien Sie kein Prahlhans! Wenn Sie waren, wie man Sie schildert, und doch der sein könnten, den Sie uns eben gezeigt haben, so müßten Sie ja ein Ungeheuer an Heuchelei sein!«

»Viel Gutes ist nicht an mir, das dürfen Sie glauben!«

Er wandte sich Annina zu, verbeugte sich mit einer gewissen Demut vor ihr und sagte vollkommen ernsthaft: »Ich habe das nie so sehr bedauert wie heute, weil die gnädige Frau vielleicht Ihre Ansicht teilt.«

Damit begab er sich auf die Estrade, wo die Spieler immer noch bei den Karten saßen.

Von diesem Zusammensein nahm Annina den Eindruck mit, daß der Vicomte von Preigne unstreitig verleumdet werde, daß er einen großen Unterschied zu machen wisse zwischen einer anständigen Frau und einer Kokette, und daß dieser große Sünder zur Tugend zurückgeführt werden könnte. Nichts ist verführerischer für großmütige Naturen als der Bekehrungseifer, er führt zu allen Überspanntheiten, begünstigt alle Ausschreitungen. Was man in guter Absicht tut, wird durch die Absicht lobenswert und berechtigt, wäre es auch das Abgeschmackteste und Unpassendste. Nächstenliebe oder Religion breiten ihren himmlischen Deckmantel über bedenkliche Zugeständnisse und lassen alles verzeihlich erscheinen. Trotzdem wären die Erlösungspläne, die Annina in ihrer Barmherzigkeit für den Vicomte schmiedete, ungefährlich gewesen, hätte der, den sie zu retten träumte, nicht im selben Augenblick daran gedacht, sie zu Grunde zu richten. Mit dem kalten, durchdringenden Blick des geübten Frauenkenners hatte André sofort bemerkt, daß seine Gegenwart beunruhigend auf Frau Trélaurier wirkte, und Annina war sich des Anteils, den ihr der Vicomte einflößte, noch nicht voll bewußt, als dieser sich schon sagte: »Ein verteufelt hübsches Frauchen, das ganz geneigt scheint, von ihrer Höhe herabzugleiten.«

Er war klug genug, seine Gedanken nicht zu verraten. Ein einziger kühner Blick zu dieser Stunde, ein sieghaftes Lächeln, und er hätte sich das Spiel für alle Zeiten verdorben gehabt, Annina hätte ihn durchschaut, verurteilt und würde sich mit Entsetzen von ihm abgewendet haben. Aber André wußte Maß zu halten, er verdiente seinen Ruf, wie er frech genug in Anninas Gegenwart gesagt hatte. Er war ein Virtuose in der Kunst, Weiber zu verführen, sie war ihm angeboren und er hatte jenen sicheren Feldherrnblick, der ein Schlachtfeld nur anzusehen braucht, um zu wissen, von welcher Seite der Angriff gemacht und wo der Hauptstreich geführt werden muß, soll der Sieg errungen werden. Während er mit Annina Süßigkeiten knusperte und spanischen Wein schlürfte, beobachtete er sie scharf, und den unschuldigen Augen unter den langen blonden Wimpern entging keine Bewegung der jungen Frau. Er kannte sie nach Verlauf einer Stunde, als ob er jahrelang aufs vertrauteste mit ihr verkehrt hätte.

»Diese höchst ehrbare Frau ließe sich wahrhaftig leicht hinreißen,« dachte er im Hinausgehen. »Sie würde sogar das ganze Geschäft selbst übernehmen, man brauchte sie nur machen zu lassen. Aber es würde alle möglichen Geschichten geben, wegen Saint-Yrieix und dieser Frau von Préjean! Nun, man muß eben zusehen, schließlich ... was einem schmeckt, weist man nicht zurück!«

Nachdem er die Sache bei sich so weit festgestellt hatte, bekümmerte er sich nicht weiter um Annina, sondern setzte seinen gewöhnlichen Lebenslauf fort, der darin bestand, am Vormittag nach der Scheibe zu schießen, von fünf bis sechs Uhr im Klub zu spielen und Abends die Frau Marquès, eine Peruanerin, die er toll gemacht hatte, und die sich seinetwegen entsetzlich bloßstellte, in Gesellschaft zu begleiten, übrigens war ihm zur Zeit das Glück hold, er hatte kürzlich in Namur die Bank gesprengt und gegen den berühmten Schützen, den Major Clinton, den Hortensienpreis gewonnen. Er gönnte sich die Lust, seine schöne Peruanerin bis aufs Blut zu quälen, weil er sie seit acht Tagen unausstehlich fand, und sie mit der kleinen Clarissa Harlowe von der Skala schnöde hinterging. Die Seele des Vicomte war durch und durch häßlich, und andern weh zu tun, machte ihm Vergnügen.

Gerade weil sie ihn nicht mehr zu sehen bekam, beschäftigte sich Annina mit ihm. Bei den gemeinsamen Freunden nach ihm zu fragen, wagte sie nicht, aus Furcht, zu boshaften Bemerkungen Anlaß zu geben, was sie um jeden Preis vermeiden wollte. Und doch kam es ihr schwer an, nicht einmal von dem Bösewicht mit dem Gesicht wie Milch und Blut sprechen zu hören. Sie hielt sich indes schadlos dafür, indem sie um so mehr an ihn dachte. So vergingen mehrere Wochen, bis Annina, die in Frau von Préjeans Loge einer Aufführung des Siegfried beiwohnte, André im Parkett auftauchen sah.

»Sehen Sie, Ihr Freund, der Vicomte, kommt eben ins Parkett,« konnte sie sich nicht enthalten zu sagen.

»Was für ein Vicomte?«

»Herr von Preigne.«

»Sie sagen ›der Vicomte‹, als ob es nur diesen einzigen gäbe!«

Annina errötete hinter ihrem Fächer, so sehr fühlte sie sich von dieser Bemerkung betroffen.

»Ja, Sie haben recht, das ist er wahrhaftig, der schöne André,« fuhr Frau von Préjean fort, indem sie ihr Opernglas aufs Parkett richtete. »Was kann er nur hier wollen? Musik ist ihm ja ein Greuel! Sollte er gegenwärtig im Ballettkorps beschäftigt sein?«

»Was? Sie glauben...«

»O, ich glaube nichts, aber ich halte alles für möglich! Bei ihm ist das Unwahrscheinlichste vorauszusetzen! Würden Sie es glauben, daß er in letzter Zeit einem Überbrettlsänger die ›Diva‹ einer Singspielhalle streitig machte und sich auch noch damit brüstete, diesen Nebenbuhler aus dem Feld geschlagen zu haben? Kaum aber war er Sieger geblieben, kaum hatte die junge Artistin, die noch ganz benebelt war von ihrem Triumph, ihren Kontrakt gebrochen, um freier zu sein, so ließ er sie mit einem Prozeß gegen ihren Direktor auf dem Hals sitzen! Das ist so seine Art ...«

»Er grüßt Sie ...«

»Ja ... Guten Tag! Er wird jedenfalls sofort heraufkommen, und dann werden wir ja erfahren, was ihn hierherführt ...«

»Als ob er Ihnen das sagen würde!«

»André! O, Verstellung gibt's bei ihm nicht! Bei diesem Jüngling kann man wenigstens nie behaupten, getäuscht worden zu sein, denn man weiß, wohin der Weg führt, von Anfang bis zum Ende. Wenn er sich einer Frau bemächtigt, brauchte sie ihn eigentlich nur zu fragen: ›Wann läßt du mich wieder fahren?‹ Er würde ihr's offen sagen!«

»Vielleicht hat er nie geliebt.«

»Darauf redet er sich ja hinaus, aber das ist die herrliche Taktik aller Lebemänner, und man darf dieser Behauptung nur halbwegs Glauben schenken. Man muß sich eher sagen, daß solche Männer den geheimsten Untergrund menschlicher Natur kennen und darauf rechnen, daß nichts die Frauen so sehr anzieht, als schwierige Aufgaben. Einem Mann, der nie geliebt hat, Liebe einflößen! Wie ruhmvoll!«

Diese abermalige Warnung, die Annina erteilt wurde, als ob sie es nötig hätte gegen eine geheime Neigung für den Vicomte gewappnet zu werden, verdroß die junge Frau umsomehr, als wirklich Grund dazu vorhanden war.

»Warum reden Sie so beharrlich von den Wolfsfallen?« entgegnete sie etwas gereizt. »Ich kann Sie versichern, daß ich nicht die geringste Lust habe, mich in Gefahr zu begeben.«

»O, das weiß ich ja!«

Der Akt schloß mit dem Zwitschern des Zaubervogels, der Vorhang fiel, und im nächsten Augenblick traten Saint-Yrieix und der Vicomte in die Loge.

»Himmel! Halten Sie es für möglich, etwas trostlos Langweiligeres zu hören, als diese Musik?« bemerkte Tristan, während der Vicomte die beiden Damen begrüßte.

»Ich für mein Teil finde sie wunderschön!« sagte der Vicomte mit einem weichen Blick auf Frau Trélaurier.

»Du! Du hörst ja keinen Ton davon! Du hast ganz andre Dinge im Kopf!«

»Die kleine Sängerin von der Skala etwa?« warf Annina lachend hin, um die Tapfere zu spielen.

Er verteidigte sich nicht und widersprach nicht.

»O nein, gnädige Frau,« sagte er gelassen und einfach.

»Da man gerade davon spricht, sag mir doch, André, warum du die Kleine hast sitzen lassen?« fragte Tristan.

»Weil ich den Tabaksgeruch der Singspielhalle nicht ertrug.«

»Ach! Und du hattest keine Gelegenheit, sie anderswo zu sehen?«

»Anderswo war sie mir langweilig! Sobald sie den Theaterflitter abgelegt hatte, abgeschminkt, umgekleidet, vom Brettl weg war, kam ein Gänschen zum Vorschein, über dessen Dummheit man hätte heulen können.«

»Sie ist doch hübsch?«

»Was will das heißen? Eine Frau hat nur Wert durch die Illusion, die sie hervorruft, unsre Phantasie macht ja die ganze Geschichte! Tatsächlich ist ja eine Frau genau so viel wert wie die andre ...«

»Das heißt?«

Alle sahen ihn lächelnd an und erwarteten seinen Ausspruch mit Neugierde. Dieser war seiner würdig und ebenso klar als knapp. Mit hochmütiger Miene und spöttisch zuckenden Lippen warf er das Wort hin: »Herzlich wenig.«

»Danke schön!« rief Frau von Préjean.

Ihr Blick flog zu Annina hinüber, als ob sie ihr sagte: »Nun, hatte ich nicht recht mit meiner Bemerkung von vorhin? Sie hören's ja, wie unverblümt er sich äußert. Er scheut vor nichts zurück, und ein solches Wort würde ihn doch für immer unmöglich machen, wenn er's vor andern Frauen ausspräche, als vor uns, die wir so gar keine Absichten auf ihn haben.«

Annina aber machte mit einer Gereiztheit, deren eine solche Behauptung gar nicht wert war, eine halbe Wendung und versetzte in beinah heftigem Ton: »Wenn Sie in der wirklich guten Gesellschaft verkehrten, glaube ich, daß Sie andrer Meinung wären, Vicomte! In den Kreisen, wovon Sie sprechen, mußten Sie freilich zu der eben geäußerten Ansicht gelangen. Das ist sehr bedauerlich ... für Sie nämlich!«

Der Vicomte verbeugte sich respektvoll. Das herbe Wort schien ihn tief getroffen zu haben; er starrte ein Weilchen schweigend vor sich hin, als ob er noch dem harten Urteil lausche, stand dann auf, verabschiedete sich und verließ die Loge.

»Was hat Sie nur angewandelt, Liebste?« fragte Frau von Préjean, sobald sie mit Annina und Saint-Yrieix allein war. »Nimmt man die paradoxen Behauptungen eines Tollkopfs wie der Vicomte je ernsthaft?«

»Er hat mich geärgert, und ich hielt es für nötig, ihn in seine Schranken zurückzuweisen. Der Mensch ist wirklich zu frech geworden.«

»Ich glaube, daß Sie ihn empfindlich verletzt haben.«

»Das wäre mir sehr angenehm! Er geht mir auf die Nerven, Ihr großer Sieger ... ich bin nahe daran, ihn unausstehlich zu finden!«

»Man tut besser, sich gar nicht mit ihm zu beschäftigen,« bemerkte Tristan gelassen. »Wer sich mit ihm in ein Spiel einläßt, verliert unfehlbar.«

Der Beginn des dritten Aktes machte der Unterhaltung ein Ende, aber während Siegfried die Walküre erweckte, hing Annina ihren Gedanken nach und konnte nicht so ruhig werden, als sie es gewünscht hätte. Immer mehr drängte sich ihr die Gewißheit auf, daß der Vicomte seine unpassende Redensart nicht aufs Geratewohl vom Stapel gelassen, sondern daß er sie auf sie gemünzt hatte, sie hatte verletzen wollen. Vergebens mühte sie sich, diesen Gedanken zu verscheuchen, eine dumpfe Verdrießlichkeit blieb in ihrem Gemüt, bis das Erscheinen Trélauriers, der von einem Diner beim Finanzminister kam, um seine Frau abzuholen, eine glückliche Ablenkung brachte. Einige Tage darauf, als Frau von Préjean sie besuchte und sie dabei mündlich zu einer Gesellschaft einlud, gab sie zur Antwort: »Ich komme unter der Bedingung, daß Sie Herrn von Preigne nicht einladen ...«

»Du liebe Zeit! Er ist also verworfen, verstoßen, verbannt aus Genua und darf sich nicht mehr Pietro nennen? Was hat Ihnen der arme Bursche nur zu Leid getan?«

»Sprechen wir nicht von ihm, wenn ich bitten darf! Sie sind äußerst ... milde, sonst würden Sie einen so schlecht erzogenen Menschen nicht empfangen ... mir wäre es jedenfalls unangenehm, wieder in seiner Gesellschaft zu sein.«

»Wahrhaftig! So tragen Sie ihm sein Geschwätz nach?«

»Gegen schlechten Ton muß man unbarmherzig sein. Wer Damen wie Dirnen behandelt, verdient keine Gnade. Ich bin sonst nicht pedantisch, aber ich verlange, daß man die Form wahrt.«

»Damit sprechen Sie entsetzlich pharisäische Grundsätze aus, meine Liebe, und verheißen der Heuchelei eine Prämie!«

»In einer Zeit, wo der Anstand so viel verletzt wird, ist es schon verdienstlich, den Schein zu wahren. An das ungehobelte Benehmen der Stammgäste am Biertisch, den rohen Ton vom Totalisator könnte ich mich nie gewöhnen!«

Frau von Préjean verteidigte ihren Freund nicht weiter, aber als sie ihn ein paar Tage darauf im Boulogner Gehölz traf, beging sie die Ungeschicklichkeit, ihm Vorwürfe zu machen und ihm Frau Trélauriers Entrüstung zu schildern. Der Vicomte schien ganz ungerührt davon zu bleiben und erwiderte einfach: »Ihre Freundin ist die personifizierte Zimperlichkeit! Sie kann ganz ruhig sein, es fällt mir nicht ein, sie zu belästigen! Wenn ich sie in Gesellschaft zu einer Türe hereinkommen sehe, werde ich zur andern hinausgehen! Genügt Ihnen das?«

»Nur nichts übertreiben! Wenn Sie ihr absichtlich aus dem Weg gehen, ist es für ihren Ruf ebenso bedenklich, als wenn Sie ihr den Hof machten!«

»Was geht mich das an? Die Dame ist mir langweilig, vollkommen gleichgültig! Bildet sie sich etwa ein, daß ich Absichten auf sie hätte? Das wäre eine merkwürdige Selbsttäuschung! Sie liebt die Leute nicht, die einen vertraulichen Ton anschlagen, sie scheint sich aber in ihrer Phantasie sehr vertraut mit ihnen zu befassen. Beruhigen Sie die Dame, ich bitte Sie! Und versichern Sie ihr, daß sie einseitig Krieg führt!«

So wurden der Vicomte und Frau Trélaurier, ohne daß irgend etwas zwischen ihnen vorgefallen wäre, durch Geschwätz und taktlose Bemerkungen voreinander gewarnt, und beide hatten sich schon mehr als nötig erhitzt, als der Zufall, dieser große Regisseur menschlichen Handelns, es auf sich nahm, sie in einer entscheidenden Weise zusammenzuführen.

Man war schon im vollen Frühling, als Mrs. Waldmann, die amerikanische Millionärin, deren Palast am Rond-Point de l'Etoile mit Recht für seine Pracht berühmt ist, auf den Einfall kam, die Reihe ihrer vielbegehrten Gesellschaften durch einen Maskenball zu beschließen. Die ganze elegante Welt kam in Aufruhr bei dieser Nachricht, die Schneider wurden schier zu Tod gehetzt, die Juweliere wußten nicht mehr, wo ihnen der Kopf stand, die Zeitungen erhöhten die Spannung durch fortlaufende Notizen über den Glanz des bevorstehenden Festes, Andeutungen über Kostüme, die Aufsehen erregen würden, Einzelheiten über die Ausschmückung der Räume und des Gartens. Man machte die tollsten Versuche, sich in elfter Stunde noch eine Einladung zu verschaffen, und Frau Waldmann überwarf sich zu guter Letzt mit einer ganzen Anzahl von Bekannten, deren Ansprüche sie nicht befriedigen konnte. Ihr Gatte war drauf und dran, mit dem nächsten Schiff abzureisen, um in Amerika Ruhe zu finden. – Er gab ja willig Geld aus, aber quälen lassen wollte er sich nicht, und jetzt waren ihm alle Zeitungsschreiber von Paris auf den Fersen.

Frau Trélaurier, die natürlich an dem Fest teilnahm, hatte sich zu einem hübschen Pierrettenkostüm in Schwarz entschlossen, das ihre schlanke Gestalt und die schönen Schultern vorteilhaft zur Geltung brachte, und dessen Röckchen kurz genug war, unterm Netzgespinst der seidenen Strümpfe auch die feine Linie der wie Elfenbein schimmernden Beine bewundern zu lassen. Trélamier hing sich den Mantel eines venetianischen Edelmanns um und gedachte, im Freundeskreis sein Spielchen zu machen, während seine Frau, die all ihre Bekannten hier traf, nach Herzenslust tanzen mochte bis zum frühen Morgen.

Der Ball erfüllte, was man sich davon versprochen hatte, er bot den glänzendsten Rahmen für eine blendende Gesellschaft. Die Überfülle prachtvoller Kostüme entsprach dem unerhörten Luxus, den die Gastgeber entfalteten. Es flimmerte von Atlas und Sammet, Federn und Edelsteinen, weiße Nacken und Schultern leuchteten aus dem Farbengeriesel, Flitter, Gold und Silber funkelten im elektrischen Licht. Braune und blonde Haare, gepuderte Köpfe mit schmachtenden Augen, verheißungsvoll lächelnde Lippen, ein Geplänkel von heischenden, sprühenden und zärtlichen Blicken, ein Durcheinanderwogen der Falbeln Ludwigs XV., der Schnürbrüste der Renaissance, der Tunikas des Direktoriums und der phantastischen Einfälle modernen Geschmacks, ein Tohuwabohu von Reden und Lachen. Das Bild, das sich dem Auge bot, war äußerst überraschend, und die Masse der Geladenen war so groß, daß in den ersten Stunden an Tanzen nicht zu denken war; man mußte sich darauf beschränken, die festlichen Räume langsam zu durchwandeln.

Frau von Préjean, die Sommières, Frau Lacheral, die reizende Frau des Malers Valançon und Frau Trélaurier hatten sich in das kleine Privatzimmer der Hausfrau im ersten Stock geflüchtet und saßen plaudernd beisammen, um abzuwarten, bis das Gedränge abnehmen würde. Saint-Yrieix, der als Incroyable erschienen war, und Valançon, der ein reiches Kostüm aus der Zeit Heinrichs III. trug, brachten den Damen von Zeit zu Zeit Kunde von der Menschenmenge unten, die sie in ihren Berichten als Überschwemmung bezeichneten.

»Der Wasserstand fängt an zu sinken. Man kann im Saal schon gehen, ohne die Füße seiner Nebenmenschen zu zermalmen, in einer Stunde etwa wird man tanzen können.«

»Da wird's gerade an der Zeit sein, daß man zu Bett geht!«

»Ach, das lassen Sie sich ja nicht einfallen! Vor dem Abendbrot? Im Wintergarten sind hundert kleine Tische aufgestellt ...«

»Und der Kotillon! Man erzählt sich, daß er hunderttausend Franken koste! Alle Geschenke in Gold! Die Damen bekommen Spitzenfächer, ihre Tänzer Diamantnadeln!«

»Verscherzen wir also unser Glück nicht und bleiben wir,« erklärte Valançon.

»Haben Sie den Vicomte von Preigne gesehen?« fragte Frau Sommières plötzlich. »Ich höre, er sei in der Tracht Karls I. da, und sein Kostüm habe außerordentlichen Schick. Es scheint das schönste Herrenkostüm des Abends zu sein. ...«

»Ja, es ist wirklich wundervoll,« warf Tristan hin. »Aber der Mann darin war höchst verdrießlich und sagte mir, er halte das Gedränge und die Rippenstöße nicht länger aus. – Er muß schon fort sein.«

Frau Trélaurier vernahm diese Kunde mit Erleichterung, Sie wußte selbst nicht warum, aber sie hatte sich vom Eintritt ins Haus an davor gefürchtet, den Vicomte plötzlich auf sich zukommen zu sehen. Sie fühlte sich ordentlich befreit, plauderte und lachte erst jetzt mit unbefangener Heiterkeit. Dann erklärte sie, daß sie am Verschmachten sei, und bat Saint-Yrieir, sie hinunterzuführen, um ihr irgend eine Erfrischung zu verschaffen.

»Gut, versuchen wir's!«

Sie verließen die Freunde und betraten die prachtvolle Marmortreppe mit goldenem Geländer, auf deren Stufen viele der Geladenen sich zusammendrängten, um das entzückende Gesamtbild der Halle zu genießen, wo sich die bunte, bewegliche, lärmende Menge in den aus Bogenlampen fallenden Lichtströmen bewegte. Das auf der Galerie der Halle untergebrachte Orchester ließ Walzerklänge ertönen, die sich wie murmelnde Wellen weit hinausbreiteten, einzelne Paare singen an, sich zu drehen und zu wiegen, drängten die Plaudernden in die Ecken zurück und erweiterten allmählich den Kreis des Tanzes. Saint-Yrieie und Annina schlängelten sich durch die Gruppen und erreichten glücklich den Speisesaal, wo das Büfett aufgebaut war, doch eine sechsfache Mauer von Nahrungsheischenden türmte sich davor auf, und nur mit größter Schwierigkeit gelang es den Herren, ein belegtes Brötchen, ein Gefrorenes oder einen Kelch Sekt zu erobern, womit sie dann triumphierend zu den abseits vom Gedränge wartenden Damen eilten.

»Höre, ich weiß, daß in Waldmanns Arbeitszimmer für die Eingeweihten ein zweites Büfett bereit steht. Wenn du dich nicht vor krummen Wegen scheust, so gelobe ich, dich zu dieser geheimen Quelle zu führen.«

»Um ein Glas Wasser ginge ich in die Hölle!«

»So weit werde ich dich nicht führen, und du wirst wohl noch etwas Besseres vorfinden.«

Sie betraten einen Seitengang, durchschritten den Vorplatz der Küchenregionen, gelangten zur Dienerschaftstreppe, wo Tristan eine kleine Türe öffnete, und standen in dem großen, nur dämmerig beleuchteten Arbeitszimmer des Amerikaners, in dessen Ecke ein reich gedeckter Tisch stand.

»Was habe ich gesagt?« rief Saint-Yrieix. »Wir sind übrigens nicht die einzigen, die diese vortreffliche Einrichtung kennen: es ist schon jemand hier gewesen ...«

Dabei wies er auf die halb offenstehende Tür zum Wintergarten und auf ein Seitentischchen, wo halb geleerte Sorbettschalen standen.

»O, schnell! Schnell! Schenke mir ein!« rief Annina fröhlich, indem sie zur Kredenz trat. »Und dann geh hinauf und hole unsre Freunde, die da oben Trübsal blasen, nichts sehen, nichts hören und nichts zu nagen und zu beißen haben.«

Sie trank mit Wonne in kleinen Schlückchen den eiskalten Wein, das hübsche blasse Gesicht mit den blinkenden Zähnen und roten Lippen zu Tristan emporgewendet.

»Ein vortrefflicher Einfall!« sagte er. »Ich gehe über die Dienerschaftstreppe, das ist viel näher, und bringe sie alle herunter ... Du willst hier warten?«

»Gewiß! Diese tiefen Lehnstühle sind ja geradezu verlockend ... und ich werde nichts mehr anrühren, bis ihr da seid.«

Er ging. Nur leise drangen die Geigentöne und das Geräusch des Festes, das in der Entfernung auch zur Melodie wurde, durch die Wände zu Annina herüber. Es war wonnig kühl in dem zur Hälfte in Dunkelheit gehüllten Raum, und ein Gefühl erquickender Ruhe beschlich die junge Frau. Im Wintergarten sah sie durch die halb offenstehende Glastüre die kleinen Tische mit vier Gedecken blinken. Da alles bereit war, ließ sich kein Diener mehr blicken, und zwischen dem saftigen Grün der Blattpflanzen war nichts zu sehen, als der schimmernde weiße Damast. Das Geräusch einer aufgehenden Türe weckte Frau Trélaurier aus ihrem Hindämmern. Überzeugt, daß die Freunde unter Tristans Führung erschienen, fragte sie ohne sich umzuwenden: »Schon da?«

»Ja, gnädige Frau,« versetzte eine Stimme, deren liebkosender Klang sie erbeben ließ.

Mit flackerndem Blick fuhr sie in die Höhe. Vor ihr stand in einem prächtigen Kostüm von braunem Sammet, eine blonde Perücke auf dem hübschen Kopf, mit dem breiten Federnhut, einem Spitzenkragen, der den frauenhaft weißen und zarten Hals freiließ, die Faust auf dem Knopf seines langen vergoldeten Degens, mit lächelnder Miene André von Preigne. Sie wollte hastig hinauseilen, aber geschmeidig und gewandt vertrat er ihr den Weg und hielt sie fest. Sie fühlte, daß er den Arm um sie schlang. Zornbebend wollte sie sich losreißen, sich zur Wehr setzen, aber der Druck, dem sie unterlag, machte jeden Widerstand unmöglich. Sie wollte schreien, aber nur ein erstickter Laut kam über ihre Lippen. Im selben Augenblick sah sie das hinreißend schöne Gesicht über sich gebeugt und wilde Küsse schwirrten wie feurige Schmetterlinge auf ihren Hals, ihre Schultern. Sie warf sich zurück, um diesen Küssen auszuweichen, aber sie war fest umgarnt, und als sie ihrem Überwinder ein beleidigendes Wort zurufen wollte, schmolzen die zornig geschürzten Lippen in einer wonnigen Liebkosung. Es wurde ihr schwarz vor den Augen, daß sie den harten triumphierenden Blick der seinigen nicht mehr sah, sie wollte ihre weißen Zähne in die Lippen bohren, deren Berührung eine Beschimpfung war, aber sie fühlte sich im Innersten erschüttert und gab, plötzlich von einem Taumel erfaßt, die Verteidigung auf.

Als Tristan wenige Augenblicke darauf mit den Freunden, die höchlich belustigt waren über ihre Schleichwege, in Waldmanns Arbeitszimmer trat, fand er Annina allein, in demselben Lehnstuhl, wo er sie verlassen hatte. Der schöne Karl I. war spurlos verschwunden. Als Frau Trélaurier die Freunde lachen und schwatzen hörte, blickte sie sich um, und sie fragte sich, ob sie nicht der Spielball einer Sinnestäuschung gewesen sei. Aber sie fühlte die Lippen des Vermessenen noch auf dem Marmor ihrer Haut beben, der seine berauschende Duft seines Schnurrbarts umflutete noch ihre Nasenflügel, sie fühlte noch, wo seine Arme sie wie eiserne Ringe umschlossen hatten.

»Nun, Annina, was ist Ihnen denn?« fragte Frau von Préjean. »Sie sehen ja ganz benommen aus?«

»Ja, nach der Hitze oben fror ich hier...«

»Man muß das Fenster schließen!«

»Nein, es wird besser sein, ich gehe nach Hause.«

»Was? Jetzt schon! Und Sie hatten doch solche Lust, lange zu bleiben!«

»Mir ist nicht wohl... Tristan hat wohl die Güte, mich zu meinem Mann zu führen...«

»Ich stehe zu Diensten!«

»Das ist ja reizend! Sie werden fahnenflüchtig! Launen sind doch sonst nicht Ihre Sache...«

»Entschuldigen Sie mich, ich fühle mich wirklich sehr elend...«

Sie erblaßte bei diesen Worten und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Frau von Préjean trat zu ihr und fragte leise: »Annina, was ist denn geschehen?« Frau Trélaurier gewann mit größter Anstrengung ihre Ruhe wieder. »Nichts ... mir ist nicht wohl, wie ich Ihnen sagte. Suchen Sie nicht nach Gründen, die nicht vorhanden sind. Es ist schon spät ... ich wollte ja vorher schon gehen, wie Sie sich erinnern werden, doch Sie hielten mich davon ab. Derartige Massengesellschaften machen mir gar keinen Spaß! Gute Nacht! Auf Wiedersehen!«

Sie schüttelte die Hände, die sich ihr entgegenstreckten, dann ging sie am Arm des Vetters hinaus.

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