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Stanislaw Przybyszewski: Der Schrei - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Schrei
authorStanislaw Przybyszewski
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleDer Schrei
pages1-179
created20020920
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1918
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IX

Sie sahen sich lange an.

Es war eigentlich kein Sehen. Eher ein rein körperliches Einander-Betasten mit sehenden Fühlhörnern, ein gegenseitiges Sich-Umklammern mit elastischen Fang- und Saugarmen, die sich ineinanderfrassen, um sich gegenseitig die ganze Seele auszusaugen.

Lange, lange – vielleicht eine Ewigkeit dauerte dieses Ringen auf Tod und Leben.

Endlich schloss Gasztowt die Augen, und als er sie wieder zu neuer Kampfeswut hob, sah er nichts.

Aber es dauerte nur eine Tausendstel Sekunde, denn wieder sah er deutlich Weryho vor sich. Und seltsam: weit deutlicher und klarer als je zuvor: zum ersten Male sah er ihn wirklich und leibhaftig:

Sich selbst!

Ein sinnloser Schreck erfasste ihn, seine Knie gaben nach, er verlor das Gleichgewicht und fuchtelte mit den Armen in der Luft.

»Was geht mit Ihnen vor?« hörte er eine weit-ferne Stimme – er riss die Augen auf, aber wieder sah er nichts – nur in seinem Hirn dröhnte der Fluch, den er über sich selbst geschleudert hatte: du wirst blind sein, obgleich du das unsichtbarste Stäubchen zu sehen vermagst!

Ja! Er war blind geworden! wieherte in ihm ein Wirbelsturm von Todesangst.

Aber nein! Denn jetzt wieder tauchte Weryho vor ihm auf, nur das Gesicht, das er noch vor einer Weile deutlich zu erkennen glaubte, schien nebelhafte Formen und dann wieder einen abstrakten Ausdruck anzunehmen – er wusste nicht: den eines »Führers«, eines Cäsar, Antinous, eines Wohltäters – oder eines Verbrechers, – er konnte sich in dem Gesicht nicht mehr zurechtfinden.

»Jetzt hat es keinen Zweck mehr, dass wir hier stehen – sie ist schon sicher auf den Grund gegangen – jetzt wäre jegliche Rettungsaktion ganz umsonst . . .«

Weryho sprach es mit einer ernsten, beinahe traurigen Stimme.

»Das war übrigens vorauszusehen,« meinte er nach einer Weile, »gestern haben Sie Ihren geglückten Rettungsversuch beinahe mit dem Leben bezahlt – heute schlagen Sie es sich aus dem Kopf – Sie sind todmüde, alle Liebesmüh wäre umsonst . . .«

»Aber ich habe sie doch selbst in den Fluss hinabgeworfen!« schrie Gasztowt in sinnloser Wut.

»Wozu regen Sie sich so auf? Was ist denn so Grosses oder so Aufregendes dabei?«

Weryho lächelte vornehm und diskret.

»Ich sehe keinen Grund für Ihre Aufregung – Sie wollten doch nur den Schrei hören – weiter nichts – den Schrei, den Sie gestern gehört haben und der wahrscheinlich in Ihrem Gedächtnis verblasst war, wollten Sie sich auffrischen – das ist doch so klar und so selbstverständlich!

»Sie wollten den Schrei malen, und dazu war es nötig, dass Sie ihn noch einmal und vielleicht noch viele Male hören . . . Mein Gott, wie viele der gewaltigsten ›Kreuzigungen Christi‹ haben wir den mittelalterlichen Malern zu verdanken, die irgend einen Bettler von der Strasse in ihr Atelier hinauf lockten, ihn dort mit Hilfe ihrer Schüler ganz einfach ans Kreuz schlugen, um in gemächlicher Ruhe die Todesagonie des Heilands an dem verreckenden Taugenichts zu studieren – man sagt, dies sei nur eine Legende, aber ich könnte darauf schwören, dass die ›Kreuzigung‹ des gewaltigen Mathias Grünewald dieser einfachen Tatsache ihr Dasein verdankt.

»Übrigens müssen Sie diesmal mit diesem Schrei des ersoffenen Weibes zufrieden sein. Er war exquisit – er hat alle Himmel und alle Höllen von Grund aus aufgerüttelt . . .«

Gasztowt wich zurück, taumelte, seine Sinne fingen an sich zu verwirren in wahnsinnigem Schreck:

Er hatte den Schrei nicht gehört!

Er war taub, obwohl er hörte, obwohl ihm das leiseste Geräusch zum mächtigen Orgelgedröhn anwuchs – sein Fluch, den er auf sich geschleudert hatte, war in Erfüllung gegangen.

Jetzt haben sich alle Flüche erfüllt und vollzogen.

Und eine dumpfe, brütende Stille nistete sich in seiner Seele ein.

Nur etwas schien in ihm geheim zu beschliessen, aber was es war, das wusste er nicht.

»Wissen Sie was,« sagte Weryho plötzlich, »ich habe einen prächtigen Einfall! Ich wohne hier in der Nähe . . . Sie werden mich zu grösstem Dank verpflichten, wenn Sie jetzt bei mir einkehren. Ich habe eine Flasche Kognak seltenster Marke, das wird uns warm machen, – es ist ganz merkwürdig frisch geworden in dieser Nacht . . . dabei muss ich heute – schon in ein paar Stunden – in zwingendster Angelegenheit verreisen, so könnten wir bis dahin einige Stunden miteinander verbringen . . . Aber vielleicht sind Sie zu müde?«

»Durchaus nicht!« Gasztowt wusste, dass Weryho ihm etwas Wichtiges, etwas für sein ganzes Leben Entscheidendes zu sagen hatte, und ebenso gut wusste er, dass er sich jetzt um keinen Preis von ihm trennen mochte.

»Durchaus nicht?!« Weryho lachte – »ich habe mich an diese Ihre Höflichkeitsphrase bereits gewöhnt« – er hielt plötzlich inne– »überdies habe ich Ihnen wirklich etwas mitzuteilen – nicht wahr? Das haben Sie doch soeben auch gedacht?«

Gasztowt antwortete nicht, nickte nur zustimmend, er wusste ja, dass der Andere ohnehin alle seine Gedanken las.

Sie gingen schnell, denn plötzlich war es bitter kalt geworden – es war wohl schon gegen Morgen.

Sie gingen durch geheimnisvolle Gässchen, immer tiefer hinunter, und schliesslich schien es Gasztowt, dass sie auf dem Grund dunkler, tiefer Kanäle dahinschritten – links und rechts ragte zu beiden Seiten ein hohes Gemäuer, von keinem Fenster durchbrochen.

»Hier sind die Häuser nach orientalischer Sitte gebaut,« erklärte Weryho – »die Fenster gehen nach innen, auf den Hof hinaus.«

Jetzt wechselten sie kein Wort mehr und endlich blieben sie an einer Stelle der Mauer stehen. Weryho öffnete mit dem Schlüssel eine kleine Pforte, die sich mit donnerndem Geräusch hinter ihnen schloss.

»Jetzt könnten Sie ohne meine Hilfe nicht mehr hinaus,« lachte Weryho – »wenn Sie mich zum Beispiel ermorden wollten – was für ein fabelhafter Gedanke! würden Sie auf keine Weise dies Haus verlassen können – dies Pförtchen öffnet sich nur, wenn ich in meinem Zimmer auf eine geheime Sprungfeder drücke – eine prächtige Mausefalle – was?«

Aber Gasztowt hörte kaum hin, er hatte Mühe, sich in einem langen und finsteren Korridor vorwärtszutasten, und fiel dabei vor tödlicher Ermüdung beinahe um.

»Hier!« sagte Weryho, drückte auf einen Knopf in der Wand, die Tür öffnete sich, elektrisches Licht blitzte gleichzeitig auf und sie betraten einen kleinen Salon, der wie ein kostbares und überreiches Antiquariat aussah.

Gasztowt sah sich erstaunt um.

»Mit der Zeit« – Weryho lächelte – »hat sich hier manches Gerümpel angesammelt, – aber, wie Sie sehen, ist Raum genug da.«

Weryho schob Gasztowt einen Fauteuil zu, rückte einen runden Tisch heran und stellte die Kognakflasche darauf.

»Trinken Sie,« nötigte Weryho mit sanftem Zwang – »ich glaube kaum, dass der französische Präsident diesen Kognak zu trinken bekommt – übrigens sind Sie der erste Fremde, der die Schwelle meines Hauses betreten hat – ich verwahre hier zu grosse Schätze, um jemanden einlassen zu können – und meiner Schatzkammer werde ich alsbald als höchstes Gut Ihren ›Schrei‹ einverleiben.«

Gasztowt erschauerte, aber er sagte nichts, betrachtete nur mit angestrengtester Aufmerksamkeit die kostbare Tischplatte, in die Pfauen, Paradiesvögel, aller Art Wundertiere geschnitten und mit den feinsten Plättchen aus Malachit, Syenit und dem verschiedenfarbigsten Marmor inkrustiert waren.

»Trinken Sie doch,« bat Weryho und rückte seinen Stuhl dicht an den Fauteuil heran, in dem Gasztowt sass.

Er stiess an Gasztowts Glas und lachte plötzlich mit einem erzwungenen, fast beleidigenden Lachen:

»Ich habe mich mit aller Macht dagegen gewehrt, als Sie mir durchaus einreden wollten, Sie hätten in der ›wilden Marderkatze‹ Komödie gespielt – ich war direkt beleidigt, als Sie sich einen Histrion, einen Jahrmarktskomödianten, einen Harlekin schimpften – erinnern Sie sich? Ich glaubte, dass Sie nur Ihre tiefe Scham verschleiern wollten. Aber jetzt glaube ich, dass Sie der gewaltigste Schauspieler sind, den je die Erde hervorgebracht hat.«

Gasztowt sah sich plötzlich allein, aber das war wohl nur wieder das alte Gaukelspiel – Weryho würde sicher bald zum Vorschein kommen.

»Ja!« er sah wieder Weryhos Gesicht, es schien widerwärtig zu grinsen – »das, was ich heute gesehen habe,« – deutlich hörte er jetzt auch Weryhos Stimme – »das war das Unerhörteste, was je mir zu sehen und zu hören beschieden ward – eine Komödie, die zu einer grauenhaften Wirklichkeit wird, ist keine Komödie mehr, eher eine göttliche Tat! Das war eine Entspannung der geheimsten Menschenkräfte, um nur ein Ziel zu erreichen, ein übermächtiges Unterjochen des Gehirns unter die Gewalt eines Übergehirns durch eine mystische Kraft, mit der vielleicht nur noch ein Yoghi seine Blutzirkulation nach Belieben regeln und seinen Stoffwechsel beschleunigen oder unendlich zu verlangsamen vermag . . . In Ihnen hat sich das Versprechen des Satans erfüllt: › Eritis sicut Deus!‹«

Weryho sprach wie in einer hellseherischen Verzückung.

»Vor ein paar Stunden habe ich Ihre Hand geküsst und Sie angefleht, mir ›den Schrei‹ zu malen, und jetzt bereue ich es nicht: im Gegenteil, ich werfe mich auf die Knie nieder vor dem Genie in Ihnen, das die Kraft besitzt, die Sterne aus ihren Bahnen zu stossen, wenn es für seine Kunst erforderlich ist. Oh, wie ich das göttliche Schauspiel genossen habe, als Sie das Weib auf die Brücke lockten – wie Sie mit sich gekämpft und gerungen haben – und jetzt – jetzt, diesen Triumph mitzuerleben, ihn nur in dem fernsten Abglanz durchzukosten, den Triumph, der Ihre Seele von einem Pol zum anderen treibt, dass Sie den Schrei gehört haben! Für einen Augenblick dieses Triumphes würde ich, sollt ich tausend Leben erleben, alle – alle hingeben – diesen Schrei mitempfinden zu können, mit Ihnen, würde mir kein Schatz zu kostbar sein – ach! ach! diesen heutigen unerhörten Höllenschrei!«

In Gasztowts Seele ging eine schwarze Sonne auf und es entstand eine tiefe Finsternis, in der nur zwei kalte Scheiben ein giftiges Fäulnislicht ausstrahlten: die Augen des Tausendfüsslers – des Elends, das wie ein unermesslicher Trichter alles in sich verschlang.

»Jetzt weiss ich es, jetzt glaube ich inbrünstig,« sprach Weryho in verzückter Begeisterung, »dass Sie Gott werden und das erschaffen werden, woran noch kein Mensch je zu denken gewagt hat.«

Gasztowt sah ihn qualvoll angestrengt an, er zwang sich, ihn zu sehen, aber seine Augen kehrten unablässig und hartnäckig in die Tiefe seiner eigenen Seele zurück und suchten nach dem Schrei, den es dort nicht gab – denn er hatte ihn nicht gehört. Sie frassen sich hinein in die leere Öde, aus der eine finstere Sturztiefe gähnte, deren Grund nicht zu sehen war.

Jetzt endlich vermochte er seine Augen von diesem Abgrund loszureissen und liess sie herumschweifen, bis sie auf der marmornen Platte, die auf seltsamen Sphinxen ruhte, haften blieben.

Das war wohl ein Schreibtisch, dachte er und betrachtete die Sphinxe – sie schienen geheimnisvoll zu lächeln, blinzelten mit den Augen und flüsterten eine merkwürdige Zeichensprache:

»Kannst du denn nicht sehen?«

Er richtete jetzt sein Augenmerk mit grösstem Fleiss und angespanntem Eifer auf alle umherliegenden Gegenstände, da fiel sein Blick plötzlich auf die glänzende Marmorplatte des Schreibtisches, suchte sie aufmerksam ab: mitten auf der Platte lag eine Pistole.

Ihn packte ein Schüttelfrost – unfassbare Kraft fing an seine Muskeln zu schwellen – sein Gehirn fing an zu wachsen und das Schädeldach zu sprengen: ein Beschluss reifte in ihm – er hörte ihn wie das Brausen eines unterirdischen Ozeans, der in vorsintflutlichen Orkanen sich ausraste – aber worauf der Beschluss gerichtet war, wusste er nicht.

»Und diesen Schrei werden Sie für mich malen!« – Weryho sprach leidenschaftlich und abgerissen – »für mich, für mich werden Sie ihn malen – ich werde das Bild mit allen meinen Schätzen erkaufen . . .«

Gasztowt sah ihn abwesend an – er sah nur die Pistole, die sich hin und her zu bewegen schien und ihn gebieterisch anschrie, er solle sie in die Hand nehmen.

»Ich habe eine seltene Sammlung des kostbarsten Edelgesteins« – Weryho überstürzte sich in dem wilden Getümmel seiner Worte – »ich habe Klumpen der verschiedenfarbigsten Amethyste vom Ural, die in allen Regenbogenfarben schimmern, ich habe einen Haufen von gelben Topasen aus Böhmen und Sachsen, Rubine aus Birma, tiefblaue Saphire vom Himalaya, ich habe Smaragde aus Singapore, so gross wie Strausseneier, Karneole aus Indo-China und haselnussgrosse Demanten vom Kap, unschätzbare Massen von Lapislazuli aus Afghanistan und ultramarine Steinplatten aus dem Baikalsee – ich habe . . .«

Gasztowt hörte nicht hin, denn er war jetzt nur noch ein Auge, das an der Pistole festklebte.

»Ist es noch zu wenig? Noch immerzu wenig? Nun, dann werde ich Ihnen meine kostbare Waffensammlung hingeben, wie es eine zweite auf der ganzen Welt nicht gibt – ich habe die seltensten Yatagane, Kindschale, Kordelase, mit kostbarstem Edelgestein übersät, von fabelhaft meisterhafter Ausführung – das alles gebe ich Ihnen für den Schrei . . . Hören Sie, was ich sage?« Weryho fasste ihn am Rock – »hören Sie?«

Gasztowt sah ihn lange und durchdringend an – endlich vermochte er seine Augen von der Pistole wegzureissen – er sah ein schmerzhaft verzerrtes Gesicht in namenloser Verzweiflung zucken, und wieder, wie im Spiegel, erkannte er sein eigenes, aber nur auf ein kurzes Aufblitzen, dann wieder sah er Weryhos Gesicht, das ihm grausam, unerbittlich, blutrünstig vorkam . . .

»Ich werde dieses Bild nicht malen!« stiess Gasztowt endlich hervor.

»Was?! Was?! Sind Sie wahnsinnig geworden?« Weryho war wie vom Blitz gerührt.

»Ich werde den Schrei nicht malen, weil ich ihn nicht gehört habe!« – Gasztowt schrie es in kochender Wut und wildem Hass.

Weryho starrte ihn eine Weile ganz sprachlos an, verblüfft, zitternd vor Schreck, dann brach er in ein langes, pfeifendes, heiseres Gelächter aus.

»Ha, ha, ha! Welch ein Satanskerl! Welch höllischer Komödiant! Was für ein verbrecherischer Lügner, der mir einreden möchte, er habe den Schrei nicht gehört – den Schrei, unter dem die Erde bebte und der Himmel barst. Ha, ha, ha! Was für ein unglaublicher Possenreisser! Ha, ha, ha!«

Und plötzlich versteinerte sein Gesicht und verwandelte sich in eine mordgierige, blutlechzende Henkersfratze:

»Sie werden das Bild dennoch malen! Sie werden mir den Schrei noch grässlicher darstellen, als er schon war! Ich lasse Sie nicht fort – Sie kommen von hier nicht weg, ehe Sie das Bild gemalt haben. Sie sind mein Gefangener und Sie wissen, dass nur ich allein Ihnen die Tür öffnen kann. Verrecken, verhungern sollen Sie hier, wenn Sie den Schrei nicht malen!«

Gasztowt schnellte vom Fauteuil auf – die schwarze Sonne in seiner Seele begann aufzuleben und sich zu erwärmen in wachsendem, wutentbranntem Hass:

»Ich werde den Schrei nicht malen!« keuchte er heiser hervor.

»Sie werden ihn malen! Sie müssen ihn malen, wenn Sie nicht des Todes sein wollen,« triumphierte Weryho und trat drohend dicht an ihn heran. »Nicht deshalb hab ich in qualvollster Mühe an Ihrer Seele gearbeitet und sie zur Aufnahme des Schreies würdig gemacht, nicht deshalb bin ich Ihnen Schritt auf Schritt gefolgt und habe bis zur Erschöpfung all meiner Kräfte auf Sie eingewirkt, dass Sie alle meine Befehle ausführten, nicht deshalb hiess ich Sie die Dirne aus dem Wasser ziehen, denn ich wusste, dass der Schrei damals in Ihnen noch nicht zur Reife gelangt war, nicht deshalb hiess ich Sie, sich die Seele nackt spielen, um sich den Schrei aufzufrischen, und nicht deshalb liess ich Sie das Weib wiederfinden, habe es Ihnen auf die Brücke geschleppt, dass Sie es morden konnten . . .«

Gasztowt wich dem rasenden Ansturm aus und schlich nahe an den Schreibtisch, wo er die Pistole wusste, und immer mächtiger begann die schwarze Sonne Licht und Wärme eines verbissenen Entschlusses auszustrahlen.

»Nicht deshalb », schäumte Weryho, »habe ich mich vor dir gebeugt und deine Hand geküsst, damit du jetzt so unverschämte, infame Mätzchen machst und mich zum Narren hältst – Ha, ha, ha! Da kennst du mich schlecht – ich brauche dich nicht einmal hier einzukerkern, ich weiss mir noch besseren Rat für dich . . .«

Er drängte sich dicht an ihn heran und riss ihm blitzschnell die Stahlkette mit dem Ring aus der Tasche, begann dann herumzuspringen und hielt mit ausgestrecktem Arm triumphierend den Ring in die Höhe.

»Ha, ha, ha! Jetzt hab ich dich! Jetzt wirst du mir den Schrei malen! Du musst, du musst ihn jetzt malen, wenn du den Ring zurückhaben willst« – er schwang die Kette in der Luft und der Ring klirrte um sie herum mit dünnem Klang.

Gasztowt starrte ihn wie versteinert an, wollte schreien, aber er vermochte es nicht, wollte sich auf ihn hinstürzen, aber er schien an allen Gliedern gelähmt zu sein, ein wüster Sturm der Verzweiflung schüttelte ihn hin und her, riss an seiner Seele, um sie von Grund aus zu entwurzeln, es rang in ihm wie im Todeskampf – und endlich brach sich seine Stimme freie Bahn:

»Und du, du,« keuchte er mühsam, »der du in meiner Seele die geheimsten Gedanken liest, sie mir unterschiebst und sie zu meinen eigenen machst, der du jeden meiner Schritte berechnest und lenkst, mir in die Adern das höllische Gift des Verlangens eingeimpft hast, das erschaffen zu wollen, was nur ein Gott erschaffen kann . . .«

»Du sollst Gott werden! Ich befehle dir, Gott zu werden!« unterbrach ihn Weryho mit wildem Triumphgeschrei.

»Du, du . . .« Schäumend vor Wut packte Gasztowt ihn am Arm – »du siehst nicht, weisst es nicht, dass ich es nicht kann, dass meine Seele lahmgelegt ist, dass Ohnmacht in mein Schaffensmark sich eingefressen hat, dass ich nicht imstand e bin, den Schrei zu malen?!«

»Du musst ihn malen!« sagte Weryho düster, aber in seiner Stimme klang etwas, woraus Gasztowt heraushörte, dass er gesonnen war, nachzugeben.

»Fühlst du denn nicht,« drang er auf Weryho in letzter Verzweiflung ein – »dass ich durch dieses Geständnis mir meine Seele entzweigerissen habe, siehst du sie nicht aus tausend Wunden bluten? Gib mir den Ring zurück!«

»Du willst also nicht Gott werden?« fragte Weryho und starrte ihn finster an.

»Ich kann es nicht! Ich bin gelähmt, ohnmächtig, meine Kraft ist aufgezehrt – gib mir den Ring zurück! Alle Flüche sind in Erfüllung gegangen . . .«

In Weryhos Gesicht ging eine seltsame Verwandlung vor sich.

Er wurde fast traurig, bekam plötzlich einen bekümmerten, unschlüssigen und verwirrten Ausdruck – es zuckte nur noch wie von verbleichenden Sturmblitzen.

»Sie haben mich angesteckt,« versuchte er zu scherzen und lächelte ein erzwungenes Lächeln – »verzeihen Sie mir, dass auch ich mich in einem dummen Komödienspiel versucht habe – nur kam dabei nichts heraus, als ein tiefes Unbehagen, dass ich es so ordinär und gemein gespielt habe . . . Ich verstehe ja selbstverständlich, dass man ebensowenig den Schrei wie das Vibrieren der Luft oder die Ätherbewegung malen kann – Farbe und Stimme schliessen doch einander aus – ha, ha, ha!« kicherte er leise in sich hinein – »das übersteigt wirklich die menschlichen Möglichkeiten – Sie haben vollkommen Recht, dass so etwas nur ein Gott bewerkstelligen könnte – und selbstverständlich gebe ich Ihnen den Ring zurück – ich wollte Sie nur erschrecken, habe wieder nur unbeholfen dasselbe versucht, was Sie an sich selbst mit Ihrem eigenen Fluch versuchten, als Sie sich durch ihn zur letzten Kraftanstrengung aufraffen und die Stimme, oder vielmehr den Schrei in Farbe umsetzen wollten . . .«

»Sie haben mich fluchen gehört?«

»Ja, ich höre alles« – Weryho lächelte freundlich – »hier haben Sie Ihren Ring – dafür aber müssen Sie mir eine Bitte erfüllen.«

»Jede, die Sie nur von mir wünschen – nur den Schrei nicht, den kann ich nicht malen« – Gasztowt kroch in sich hinein, beruhigte sich aber, als er den Ring entgegennahm, und steckte ihn in die Westentasche, diesmal zusammen mit der Stahlkette.

»Sie sind vorsichtig und misstrauisch geworden,« lächelte Weryho. »Ja, Sie haben vollkommen Recht, den Ring nicht durch die Kette zu verraten – aber es könnte doch vorkommen, dass es jemanden nach Ihrem Ring gelüstete, und deshalb bitte ich Sie dringend, diese Pistole von mir als Geschenk anzunehmen« – Weryho nahm die Pistole vom Schreibtisch und steckte sie Gasztowt in die Rocktasche.

Er goss Kognak in die Gläser.

»Also noch einen Abschiedstrunk – und jetzt, da Sie mir versprochen haben, jede meiner Bitten zu erfüllen, werden wir in Ihr Atelier gehen – Sie haben dort ein Bild, von dem ich völlig besessen bin – ich werde nicht zu Ruhe kommen können, ehe ich es hier habe – und da ich, wie Sie wissen, heute unbedingt verreisen muss – ich weiss nicht, auf wie lange, so werde ich mir jetzt das Bild holen und es gleich bei meinen kostbarsten Schätzen hier verbergen . . . Also gehen wir . . .«

Das Licht erlosch und sie kamen jetzt ohne weitere Zwischenfälle gleich auf die Strasse. Vor ihm stand Weryho.

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