Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Stanislaw Przybyszewski: Der Schrei - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Schrei
authorStanislaw Przybyszewski
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleDer Schrei
pages1-179
created20020920
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1918
Schließen

Navigation:

VIII

Wo war er denn nur?

Vielleicht wieder in seinem Atelier?

Aber nein! Irgendwo in dem Saal eines verhexten Hauses. Er hörte das Geräusch von Stühlen, die man wegrückte, von Schritten, die ängstlich und verstohlen irgendwo verhallten – in sein Ohr drang keuchendes Geflüster, ab und zu sah er ein Irrlicht, wie wenn Tausenden von weit aufgerissenen Augen eine Fäulnisphosphoreszenz entströmte, er hörte sein eigenes Zähnegeklapper vor unfassbarem Grauen, er wagte nicht sich vom Fleck zu rühren, damit ihn nicht irgend eine boshafte Drut von hinten anpacken konnte, er kroch in eine Ecke, sah hin und erstarrte vor Entsetzen:

Die Bretter des Fussbodens hoben sich allmählich und aus dem tiefen Riss kroch ein ungeheuerlicher Tausendfüssler hervor.

Er war so widerlich, ekelhaft und monströs, wie er ihn noch nie gesehen hatte – und doch hätte er sich schon längst an ihn gewöhnen müssen.

Er sah, wie das ekle Gewürm mit seinen tausend Füssen um den runden Saal herumkroch, sah, wie es sich fortwährend in neue Ritzen verkroch und wieder verschwand, aber er wusste ganz genau, dass es wieder zum Vorschein kommen würde – und er irrte sich nicht – er sah den Tausendfüssler sich wieder hocharbeiten, sah ihn auf dem geborstenen Plafond herumkriechen, riesenhaft, in gespenstischer Grosse, in tötendem Grauen.

Nun wusste er, was es war: wohin er sich auch verstecken, fliehen, verkriechen mochte, immer würde er ihn sehen, nie mehr diese Vision loswerden, ihm wurde nur eine Offenbarung zuteil, die er zu sehen verlangt hatte: den übermächtigen Tausendfüssler, den Beherrscher der Strasse, ihres Hungers, ihres Elends, ihres Unrats – er hatte das fürchterliche Symbol des kalten, gleichgültigen Lebens erblickt: das tausend- – nein! das myriadenfüssige Elend!

Die Haare sträubten sich ihm und das Entsetzen schmerzte ihn körperlich so furchtbar, dass er sich blindlings zur Flucht wandte.

Und durch irgend ein Wunder öffnete sich die Wand und er kam ins Freie.

Die Knie schlotterten unter ihm, er hörte das rasende Hämmern seines Herzens – er blieb stehen.

Aus dem Innern des Höllenhauses drangen unruhige, verworrene Laute an sein Ohr; es war wie das Bersten von Brettern, das Krachen einfallenden Deckengebälks, dann wieder etwas, wie wenn man Schutt beiseite wirft, um nach verborgenen Schätzen zu suchen, ein Graben und Wühlen – der Tausendfüssler sucht nach ihm, das Ungeheuer arbeitet sich jetzt durch die Wandmauer hindurch – noch einen Augenblick!

Und als hätte ihn eine fremde, gewaltige Macht gepackt, wandte er sich zur Flucht.

Die Füsse fühlte er nicht den Boden berühren, ihm schien, er wäre nur ein Herz, das wie ein Spielball vom Boden aufschnellte, im rasenden Sprung wieder niederfiel und wieder in die Höhe zuckte – ab und zu fiel er in der schwarzen Finsternis lang hin auf den Boden, raffte sich auf, wusste nicht, ob er geradeaus lief oder sich im Kreise drehte, streckte seine Arme weit von sich, weil er wusste, irgendwo würde er auf eine Mauer stossen und nicht weiter können – aber endlich atmete er hoch auf, glücklich.

Er kam auf einen geräumigen Platz, seltsam beleuchtet von einem bläulichen, nebligen Licht – es konnte Frühlicht sein oder auch späte Abenddämmerung – das vermochte er nicht zu unterscheiden.

Er blieb mitten auf dem Platze stehen und sah vor sich eine Menge Alleen, die nach allen Richtungen ausliefen – es erfüllte ihn mit dem grössten Schreck, dass er nicht wusste, welche Richtung er einschlagen sollte – er hatte völlig das Gefühl verloren, wohin es geradeaus ging und wo er wieder auf die alte Stelle zurückkehren würde.

Wäre es noch ein öffentlicher Platz mitten in der Stadt gewesen – aber es war eine Lichtung im Wald – ringsherum starrte eine dunkle Mauer von riesigen, hochragenden Bäumen, und auch die Alleen schienen nur ein Blendwerk seines überhitzten fiebernden Gehirns zu sein – denn er sah keinen Weg vor sich.

Immer heftiger schüttelte ihn der grausige Frost des Entsetzens – er hörte in diesem Walde seltsame Stimmen, das Krachen von Ästen, den dumpfen Widerhall von kriechenden, vorsichtigen Schritten: sicher war es das tausendfüssige Ungeheuer!

Und wieder wandte er sich zur blinden Flucht, wie ein umstelltes Wild, sinnlos vor sich hin.

Aber seltsam: er traf auf keinen Baum, auf kein Hindernis, es war ihm nur, als müsste er sich durch eine schwere, dicke Nebelmasse hindurcharbeiten, die er mit weit vorgestreckten Armen auseinanderriss, und jetzt wurde dieser Nebel zu einem breiten, elastischen Tuch, auf das er sich weit vorgebeugt hinwarf und in unglaublicher Schnelligkeit zu schwimmen begann, wie von starken Meereswellen getragen – aber es dauerte nicht lange, denn schon fühlte er harten Boden unter seinen Füssen und gleichzeitig einen grässlichen Schmerz, der sich aber mit keinem menschlichen, weder einem körperlichen, noch einem seelischen, vergleichen liess – es war wie der Schmerz mühsam entzweigebrochener Äste, tief durchfurchter Erde, in kleine Stücke zersprengter Felsen, vom Himmel herabgerissener Sterne – und er hörte sich jetzt laut und qualvoll schluchzen und konnte sich nicht vergegenwärtigen, dass er sich in einem Weinkrampf wälzte – er hatte völlig das Gefühl seines eigenen Selbst verloren.

Nur ein Gefühl noch hielt sein nach allen Richtungen zerstiebendes Ich mit straffen Zügeln zusammen: ein grässliches Angstgefühl, dass sich in ihm etwas ganz Ungeheuerliches vollziehe.

Und wieder sank tiefe, schwarze Nacht auf sein Gehirn herab.

Und in dieser Nacht – wann hatte er sie doch schon einmal erlebt – gestern? vor einem Jahr – einem Jahrtausend? – hörte er wieder das Brausen von weiter Ferne heranflutender Wogen: himmelhoch ragende Wasserwälle im Donner des Jüngsten Gerichts und höllischem Gebraus – jetzt wölbte sich die entsetzliche Wasserkuppel hoch über ihm, jetzt würde sie bersten und mit Wolkenbrüchen über ihn niederstürzen – jetzt würde er den Schrei hören, der ihm den Abgrund tiefster Geheimnisse beleuchten musste – den Schrei, den gewaltigen Blitz, der den Himmel in tiefe, feuersprühende Furchen zerpflügt und auf ihm eine Feuersbrunst entfacht von irrsinnig gewordenen Farben, in denen giftige Gase brennen, mit denen die kochende Lava aus einem Vulkankrater hervorschiesst und auf dem Spektrum der Nacht meilenweite Farbenstreifen einzeichnet, von denen das Auge erblindet!

Oh, nur noch einmal diesen Schrei der tobsüchtigen, epileptischen Farben hören!

Und ihn packte ein wüstes, blutrünstiges Verlangen, diesen Schrei in seinen Ohren erdröhnen zu hören, ihn zu fühlen, wie er in den geheimnisvollen Knotenpunkt aller Sinne hineinströmte, so dass er zu einem allmächtigen Sinn wurde – der Schrei – tausend Sinne zugleich in einem – und er mit diesem einen, aus tausend Komponenten zusammengesetzten Sinn, die ganze Welt umfassen konnte – nein! nicht die Welt! Was ging ihn die Welt an? –

Die Strasse! Die Strasse!

Mögen dann die Harpyien seine Speise verunreinigen – er wird sie verschlingen mit der Wollust des verwöhnten Feinschmeckers –

Möge sein Wein mit bitterster Galle vermischt sein – er wird ihn mit einer Seligkeit schlürfen, als hätten ihm die Götter ihr Ambra gereicht.

Mögen ihm scharfe Kieselsteine als Ruhekissen dienen, er wird sie als Eiderdaunen empfinden – und die Tore der Leprarien werden ihm zu goldenen Eingangspforten, durch die er einschreiten wird in das geheimste Heiligtum der Kunst.

Dann wird sich der Fluch seiner Mutter wenden und zur heiligen Gnade des göttlichsten Segens werden.

Wenn er nur diesen Schrei noch einmal zu hören bekäme!

Müde fiel ihm das Haupt auf die Brust herab und er ächzte und stöhnte im verkrampften Schmerz, denn er wusste, dass sein Verlangen sich nicht erfüllen würde, seine Nacht war taub und konnte keinen Schrei gebären.

Und dem Fluch der Mutter gesellte er seinen eigenen:

»Und du wirst taub sein, obgleich du hören wirst, blind, obgleich du das unsichtbarste Stäubchen zu sehen vermagst, und stumm, obgleich deine Zunge gelöst ist.« – Er dachte lange nach, aber einen schwereren Fluch konnte er für den Schöpfer nicht finden . . .

Schade! Schade! Dass er nicht zorniger sich verfluchen konnte! Vielleicht würde ihm vor seinem eigenen Fluch mehr grauen als vor dem seiner Mutter, vielleicht würde er auf ihn so einwirken wie die furchtbare Erschütterung des Schreckens, der Taubstummen Stimme und Gehör wiedergibt und Blinde sehend macht . . .

Ohnmacht! Grauenhafte Ohnmacht!

Er war zu schwach selbst um zu fluchen, dazu benötigte man gewaltiger Kraft und gottgewordenen Erfüllungswillens!

Er hob seinen Kopf in düsterer Verzweiflung und sah rings um sich.

Er war gar nicht erstaunt über das seltsame Lichtgewoge oder vielmehr den metallischen Abglanz von bläulichen Stahlplatten – das war das Strahlen der Augen des Weibes, das er gerettet hatte und das ihm schon gestern die Strasse, den Strom und die Brücke erleuchtete – ihn verwunderte nur der Umstand – wo war er denn eigentlich? Nein! er irrte sich nicht: er sass auf derselben Bank auf dem nämlichen Platz wie gestern, hier hatte er den Busspsalm seiner Mutter gesprochen, hier hatte er auf das Gewirr der einmündenden Gässchen hingeblickt und von hier aus den Weg des Schattens genommen, den das Weib, das sich ertränken wollte, hinter sich warf.

Welches Wunder hatte ihn hergeführt?

Er erschauerte.

Ja! er irrte sich wirklich nicht – hier in der Nähe der schwarze Strom und die Höllenbrücke – oh, oh! noch einmal diesen Schrei hören!

Er schnellte plötzlich hoch, sein Herz setzte aus, er zitterte und bebte an allen Gliedern: vor ihm stand das Weib!

Er wich zur Seite in keuchender Angst.

»Was hat dich denn so erschreckt?«

Ihre Stimme! Er riss die Augen weit auf – und sah jetzt deutlich ihr Gesicht und ihre ausgestreckte Hand.

»Erkennst du mich nicht?«

Sie nahm ihn bei der Hand.

»Kennst du mich nicht wieder?«

Er kam allmählich zu sich und empfand einen Ekel, als hätte ein schleichender Lurch seine Haut berührt. Schon wollte er seine Hand schroff wegziehen, die Dirne, die ihm die Erhabenheit der Strasse durch ihren unzüchtigen, geilen Tanz beschmutzt hatte, wegstossen, als ihm plötzlich ein Gedanke wie ein greller Schöpfungsblitz den tiefsten Grund seines Inneren in flammender Helle erleuchtete.

Jetzt wurde er auf einmal den versteckten, geheimen Willen gewahr, einen felsharten, unabwendbaren Beschluss, der dort schon längst in voller Reife seiner Erfüllung harrte.

Ein gewaltiger Triumph von Erlösung durchzuckte, durchwühlte seine Seele – denn jetzt wusste er, dass er noch einmal den Schrei hören würde – hören musste, und sollte das ganze All zu Stücken zerbersten.

Und gleichzeitig fühlte er, dass er sich vervielfältigte und in ein paar Menschen auseinanderfiel: einen, der kalt, streng, hart und grausam Wache hielt, dann einen, der schweigend, düster und herrisch ihn unter den Arm packte, und dann wieder einen, der wie automatisch angekurbelt überaus glücklich erschien und, als folge er einem übermächtigen Befehl, eitel Wonne, eitel glückseliges Überströmen war.

»Oh! Wie sollte ich dich nicht wiedererkannt haben?! Aus einem tausendstimmigen Gewirr würde ich deine Stimme sofort erkennen, und sähe ich Myriaden von Augen, die deinigen würde ich unfehlbar aus dem verschwommensten Lichtglanz sofort herausfinden – ich bin nur erstaunt und angenehm überrascht, dass du mich hier zu finden vermochtest . . .«

»Du sagtest mir, du hättest ein Verbrechen begangen.«

»Ich sagte es,« bestätigte er heiser – »ich bin ein grosser Verbrecher.«

»Also siehst du, die Verbrecher kommen immer wieder auf den Platz zurück, wo sie das Verbrechen begangen haben – hier hast du es beschlossen, als du mir gestern Schritt für Schritt nachgeschlichen bist . . . ich wusste, wo ich dich zu suchen hatte.«

»Du hast nach mir gesucht?!« Er liess seine Stimme in überquellendem Glück erzittern, und seine Stimme gehorchte.

»Ja, ja! Ich habe in Hast und Angst nach dir gesucht, um dir zu sagen, dass ich dein Elend nicht bemitleide – ich liebe es!«

Gasztowt durchschüttelte zornige Wut, aber sein Nachbar beschwichtigte ihn mit einem heftigen Ruck.

»Du! Du liebst mein Elend?! O sag es noch einmal!« Er strömte über vor heissem Dank – »Wie ich dir dankbar bin! Auch ich liebe das deinige – ich verehre, ich vergöttere es!«

Er bekam Angst, ob er nicht zu hoch gegriffen hatte, ob sein Stimmfall nicht allzu hitzig war, – aber er war sicher, dass sie ihm blindlings vertraute.

»Ja! Ich liebe dein Elend und ich leide, leide . . . Ich weiss, dass mein Schrei dich erlösen könnte, aber er ist in meiner Brust taub geworden – er hat sich da im Inneren festgestaut und kann nimmer durch die Kehle durchbrechen . . .«

Gasztowt erbebte in tiefster Unruhe. Angst, dass er den Schrei nicht hören sollte, lähmte ihn. Aber sein Nachbar wachte, wieder gab er ihm einen Ruck – und heftiger noch und leidenschaftlicher begann er zu ihr zu sprechen.

»Es handelt sich jetzt gar nicht mehr um den Schrei! Durchaus nicht – das war nur das Fiebern meines kranken Gehirns . . . Nach dir habe ich gesucht, nach dir mich krank gesehnt – mein Elend birgt eine grenzenlose Liebe, mit der sich keine andere vergleichen liesse.«

Und sein Nachbar flüsterte ihm ins Ohr: noch stärker, noch eindringlicher!

»Die Liebe, die Liebe allein liess mich nach dir suchen! Wenn du dich beschmutzt fühlst, wirst du dich in Engelsfrische reinwaschen können, bist du vor Kälte erstarrt, wirst du dich in der Gluthitze meines Herzens erwärmen . . .«

Die schändlichen Lügen verstopften ihm die Kehle mit breiigem Kot, seine Stimme wollte sich ihr nicht entwinden – er schämte sich seines hinterlistigen, gemeinen, niederträchtigen Spieles, alles in ihm gellte im heftigsten Aufruhr und verweigerte den Gehorsam, seine Seele schwitzte Blut vor widerlicher Qual, aber das Verlangen, noch einmal den Schrei zu hören, der seine Kunst in die erhabensten Höhen des göttlichen Hellsehens emporheben konnte, überschrie in ihm den Zorn und den tausendstimmigen Zank und Hader in seiner Seele und rang nieder die Scham, die Schande und den Ekel.

Jetzt begann er im hastigen Sprudel die heissesten Liebesworte aus sich herauszuwerfen, er taumelte, überstürzte sich, fasste sie an den Händen, zog sie an seine Brust, überwand den körperlichen Schmerz, den ihm ihre Berührung verursachte – nur um den Schrei zu hören, in dem sich ihm die Strasse in ihrem rätselhaftesten Geheimnis offenbaren sollte, in dem kaum zu ahnenden Versteck, in dem sie in ihrer majestätischen Synthese verborgen ruhte.

Und er bezwang sie mit dem unüberwindlichen, sieghaften Werben seiner Liebe – immer enger presste sie sich an seine Brust, ihre trunkenen verlangenden Hände umschlangen seinen Hals – ihre gierigen Lippen suchten die seinen – er schüttelte sich vor physischem Ekel, aber er umfasste sie, hob sie hoch und warf sie sich auf die Brust, umklammerte sie fest und presste sie immer heftiger an sich:

Jetzt habe ich dich, grinste es in ihm in wildem Hohngelächter, jetzt werde ich deinen Schrei doch hören!

Er schielte zu dem felsharten Unbeugsamen hinüber, der auf der Wacht stand: er nickte mit dem Kopfe.

Und leidenschaftlicher noch flüsterte er ihr sein heisses Liebesgift ins Ohr.

Sie verging in seinen Armen.

»Ah, ah . . . das also ist die Liebe! Oh, wie süss – wie himmlisch – oh, ich vergehe!«

Jetzt hab ich dich, du infames Luder! Er biss die Zähne aufeinander in steigender Wut.

»Zu einem neuen Leben werde ich dich wiedergebären, reinigen werde ich dich mit meiner Liebe, dass du des Gottesthrones teilhaftig werdest – zerschmelzen werde ich dich in der Glut meiner Liebe . . . Oh, komm, komm – dort auf dem Brücke, von der du dich gestern in den Strom warfst und dich dem Satan Tod opfern wolltest, dort werde ich dich dem neuen Leben antrauen, dort werden wir unsere heilige Trauung vollziehen . . . Komm – komm! Dort wollen wir einander das heilige Gelübde ablegen . . . Dort auf dieser Brücke . . .«

Jetzt erst merkte er, dass sie schon eine geraume Weile, eng aneinandergepresst, hin und her taumelten, dieselbe Strasse entlang wie gestern! – schon blinkte im bläulichen, metallischen Widerschein unsichtbarer Welten der schwarze Strom, schon geisterte in der Ferne das grausige Brückenjoch, ein steigernder Triumph weitete ihm seine Seele – und gleichzeitig wuchs in ihm der lähmende Schreck, sie könnte das ganze Lügengewebe und sein niederträchtiges Spiel durchschaut haben und jetzt selbst mit ihm eine verächtliche, höhnende Komödie spielen.

Aber nein, nein! Sie war wie von Sinnen, ganz befangen, bezaubert von ihrem Glück.

Und ein paar Schritte vor ihnen schritt finster und unbeugsam der Wachthabende.

Sein Nachbar verschwand plötzlich.

Aha! Er ist wohl wieder um eine Droschke gelaufen, dachte Gasztowt und unterdrückte mühsam das Lachen – Heute wird sie nicht nötig sein, grinste er.

Da blieb sie plötzlich stehen:

»Ich habe Angst,« keuchte sie und sah sich wirr um.

Gasztowt durchrieselte ein stachelnder Schreckschauer.

»Du hast Angst? Jetzt – jetzt hast du Angst?!« Seine Stimme keuchte in der letzten, qualvollsten Anstrengung. »Jetzt, da wir die Schwelle eines Glückes überschreiten sollen, das mit den kostbarsten Schätzen das tiefste Elend vergoldet, mit der Lichtpracht aller Weltensonnen überstrahlt – da ich dich vor jeglicher Gottheit als meine Braut mir antrauen werde – jetzt weichst du zurück?! Ach komm, komm!« drängte er in sinnloser, leidenschaftlicher Erregung – »dort auf der Brücke werde ich dir ein Gelübde ablegen, heiliger und mächtiger noch als das, welches Gott und die Welt aneinander bindet.«

Sie traten auf die Brücke. Sie ging eigentlich nicht, sie war halb ohnmächtig, er trug sie mehr als sie ging.

Sie begann plötzlich Widerstand zu leisten, sie entglitt seinen Armen und fiel zu Boden, er hob sie wieder auf und sprach ununterbrochen, immer heissere Liebesbeschwörungen: ein schäumender Strom der glühendsten Betörungen ergoss sich über seine Lippen – es kam ihm vor, als stolpere er über seine eigenen, tückisch ausgestreckten Beine, als habe er sich an die Flügel einer rasenden Mühle angekrallt und wirble jetzt mit ihr zusammen herum.

Aber nichts verfing. Er fühlte, wie sie sich ihm gewaltsam zu entwinden suchte.

»Lass mich los!« schrie sie gell auf.

»O nein! nein!« er biss wütend die Zähne aufeinander – »jetzt nicht mehr, mein Täubchen! Ha, ha, ha – jetzt nicht!«

»Lass mich los!« schrie sie in tödlicher Angst und schlug mit den Fäusten um sich.

»Jetzt!« hörte er einen steinharten Befehl.

Ja, ja – jetzt werde ich dich loslassen, grinste Gasztowt mit wütendem Hohn. Er umklammerte sie mit seinen Armen, in denen er jetzt eine unmenschliche Kraftfülle empfand, riss sie von sich los, wie einen angesaugten Blutegel, und mit einem gewaltigen Schwung warf er das federleichte Weib über die Brüstung der Brücke in den Strom hinein.

»Schrei!« brüllte er auf.

Sein Herz wuchs ihm ins Hirn hinein und sprengte ihm die Schädeldecke auseinander.

Aber er hörte keinen Schrei.

»Schrei!« Als berste ihm die Brust vor Wutgeheul.

Nichts als das Brausen der schäumenden Stromschnellen.

Und schon wollte er selbst in den Strom stürzen, das ertrinkende Weib erfassen, es am Halse packen und würgen, würgen, um den Schrei aus ihm herauszupressen, da fühlte er, dass jemand ihn von hinten packte und ihn gewaltsam zurückriss. Er wandte sich um und wurde zu Stein:

Vor ihm stand Weryho.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.