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Stanislaw Przybyszewski: Der Schrei - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Schrei
authorStanislaw Przybyszewski
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleDer Schrei
pages1-179
created20020920
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1918
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VII

Als wäre er mitten in eine seltsame Maskerade hineingeraten.

Er sah sonderbare Frauengestalten mit weissen Perücken, ihre Gesichter waren mit gelbem Wachs überzogen, aber statt der Augen war der Mund mit einer Maske verhüllt, mit einem schmalen, schwarzen Bande, und wenn sie auf und ab hinter diesem schwarzen Bande ihre weissen, schmalen Finger hindurchsteckten, machte es einen unglaublich seltsamen Eindruck: man glaubte überall Totenschädel zu sehen.

Dort sah er wieder halbnackte Kokotten, die schamlos, mit kalten, raffinierten, unflätigen und unzüchtigen Bewegungen sich auf den roten Sammetsofas an den Wänden ringsherum räkelten, ihre Augen waren mit schwarzer Kohle dick unterstrichen, die Brauen mit gemeinster Karminfarbe überkleistert, und ihre Lippen, mit giftgrüner Farbe ummalt, machten den Eindruck unsagbar ekelhafter, vom Wundbrand zerfressener Saugorgane.

Dort wieder ein Schwarm Backfische in kurzen Röcken, die nichts verschleierten – sie hüpften herum auf dünnen Beinchen, aus den durchsichtigen Chlamiden schimmerten welke Brüstchen, die Wangen waren eingefallen und glühten in hektischer Röte, die Augen brannten in gieriger, unzüchtiger Brunst.

Und eine würdige Gefolgschaft bildete ein Schwarm von durchaus unglaubwürdigen Männern. Er sah zahnlose Greise mit völlig kahlen Köpfen, nur hinten hing auf die betressten Uniformen eine Art von fettigem Weichselzopf herab – sie gingen, als hätten sie in ihren Gliedern statt Knochen elastische Sprungfedern, machten bei jedem Schritt lächerliche, nach allen Seiten hin- und herflatternde Bewegungen, wie man sie nur in den ältesten Kinos sieht, bewegten den Mund und atmeten wie Wachsfiguren im Panoptikum, wenn sie aufgedreht werden – er sah auch junge Leute, aber es war, als hätte sich das Knochengerüst in ihnen aufgelöst – sie sahen aus wie lederne Schläuche, die hin- und herrutschten, wie die Figürchen in einem Marionettentheater, und zwischen ihnen schlängelten sich halbwüchsige Knaben hindurch mit verloschenen Augen, mit rachitischen Beinen und den langen, bis an die Erde reichenden Armen eines alten Orang-Utans.

Gasztowt staunte und erschrak heftig in diesem Gespensterhaus. Er wollte entweichen, aber konnte nirgends eine Tür entdecken.

In ängstlicher Erwartung schloss er die Augen, tappte blindlings umher, und als er auf einmal aus seinem Todesschreck erwachte, sah er zu seinem Erstaunen, dass er an einem kleinen Tische sass, mitten im Publikum, aber nicht dem, das ihm soeben den fürchterlichsten Schreck eingejagt hatte, sondern in einem zwar nicht ganz gewöhnlichen, aber doch jedenfalls passablen Publikum, das ihm verflucht blasiert und unendlich gelangweilt erschien.

Alle sassen sie an eben solchen Tischchen wie er – gossen sich aus den Flaschen irgend einen dickflüssigen Trunk in die Gläser, und auch er griff nach der Flasche, die sich durch irgend ein Wunder vor ihm vorfand, goss sich ein Glas voll und trank es bis zur Neige.

Im ersten Augenblick empfand er einen Schmerz, als berste ihm die Hirnschale entzwei, aber zugleich fühlte er eine seltsame Seligkeit und Ruhe sich in seine Adern ergiessen . . .

Er erinnerte sich plötzlich, dass er das erste Publikum, das ihn so tief erschreckt hatte, eigentlich nicht vor sich gesehen – er hatte es erblickt ganz weit in der Ferne, in einem Riesenauge, das in dem Phosphor der Fäulnis und des Verderbs glühte – dem Auge des grässlichen Tausendfüsslers. Wenn er jetzt aber in dem anderen Auge noch ein weit grässlicheres Schauspiel zu sehen bekäme, würde er sich durchaus nicht beunruhigen und sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen lassen – so gut, so wohl, so selig fühlte er sich jetzt . . .

Nur eine gespannte Erwartung empfand er rings um sich, und auch er erwartete irgendwelche Dinge, die da kommen sollten, in völligster Seelenruhe . . .

Seine ganze Aufmerksamkeit war jetzt auf ein Etwas gerichtet, das im Hintergrunde mit einem scharlachroten Vorhang verdeckt war.

Von dort würde ihm wahrscheinlich die Erlösung für sein Warten kommen.

Und er irrte sich nicht.

Aber da ihm alles so sonderbar vorkam, überzeugte er sich, dass er nicht träumte: er betastete die Westentasche – der Ring war da!

Er atmete erleichtert auf.

Nun sah er neben dem Vorhang einen Mann, der eine Geige stimmte – er lächelte vergnügt: oh! es war ja der bekannte Droschkenkutscher – auch dieser schien ihn erkannt zu haben, denn er blinzelte ihm verstohlen zu: nun wird es bald losgehen!

Der Spielmann verschwand plötzlich mit dem unvermeidlichen Mädchen, das auf der Harfe die Begleitung spielte, und durch das ganze Café ging ein Aufatmen der Erleichterung.

Nach einer Weile hob sich der geheimnisvolle, scharlachrote Vorhang, Gasztowt sah auf einer winzigen Bühne eine äusserst primitive Dekoration, die läppisch das Innere einer italienischen Taverne vermuten liess. In einer Ecke sass der phantastisch kostümierte Geigenspieler, der jetzt Mandoline spielte, ihm zu Füssen kauerte das Mädchen mit der Harfe.

Nach einem kurzen Vorspiel erschien plötzlich ein Weib auf der Bühne – sie trat langsam, zaudernd ein, schwerfällig, fast widerwillig und widerstrebend, als ob sie nur gezwungen einem Befehl gehorchte. Sie sah vor sich hin mit weit aufgerissenen Augen, die ganz starr und wie erstorben schienen, und ihr Gesicht war so schmal und klein, dass man im ersten Augenblick nur die Augen, einzig allein die grossen Augen mit ihrem trüben, gläsernen Ausdruck zu sehen vermeinte.

Gasztowt zuckte zusammen.

Das war doch sie! er rieb sich die Augen – nein! er irrte sich nicht – er war so erstaunt, von dieser Erscheinung so überrascht, dass er ganz vergass, wo er sich befand, und seine Augen unstet umherirren liess, um sich zu überzeugen, dass es keine Traumvision war.

Einen Augenblick lang fuhr es ihm durch den Kopf, es könnte hier nur eine zufällige Ähnlichkeit im Spiele sein, es müsste doch völlig ausgeschlossen sein, sie hier zu treffen, ganz und gar und unter allen Umständen ausgeschlossen; noch einmal richtete er seine Augen mit angestrengtester Aufmerksamkeit auf das Weib: nein! er irrte sich nicht – sie war es, zweifellos.

Und offenbar hatte sie die schwere Last seiner Augen auf sich ruhen gefühlt, denn ihr Gesicht zuckte auf, die halb erloschenen Augen erglänzten – begannen unruhig von einem Tisch zum anderen zu flattern und bohrten sich schliesslich tief in die seinen.

Und ihre Augen packten sich, schraubten sich ineinander unzertrennlich fest, und es schien, als müssten sie sich jetzt ganz automatisch in Bewegung setzen, um dicht aneinander zu kommen: da plötzlich sprang aus einer Ecke ein junger, schöner Mann auf sie zu, fasste sie um den Leib, – schneller und lauter begann der Mandolinenspieler das Instrument zu bearbeiten und immer schneller liefen die dünnen Finger über die verstimmten Saiten der Harfe.

Und nun begann ein wilder, leidenschaftlicher Tanz, ganz unwahrscheinlich in seiner elementaren Ausgelassenheit – weltentrückter Ekstase.

Das Weib, das ihm noch vor einer Weile schwerfällig und beinahe schlaftrunken erschien, verwandelte sich plötzlich in eine wilde Mänade: sie stand wie im Feuer, ihr schwarzes, reiches Haar flatterte nach allen Seiten, aus ihrer Kehle drang ein kurzer, pfeifender Schrei, ihre Arme, die sich über dem Haupt verflochten, sich dann über der Brust kreuzten, dann wieder den Boden berührten, um wieder emporzuschnellen, glichen geschmeidigen Schlangen in lüsternen Windungen, in gierigen Sprüngen, kriechenden Listen und schleichenden, verführerischen Wagnissen; die Beine glitten so schnell hin und her, dass man ihre Bewegungen kaum fassen konnte, nur ab und zu flogen sie unter dem Kleide hervor in die Höhe, jäh und gewaltsam, als wollten sie sich von den Hüften losreissen.

Der geschickte Tänzer lief bald von der einen, bald von der anderen Seite an sie heran, liess sie sich wie einen Kreisel um sich selbst drehen, fasste sie um die Hüften und liess sie wieder los, fasste sie von neuem, riss sie an seine Brust, umfing sie mit einem Arm, um sie gleich wieder mit dem anderen zu greifen, schien mit ihr Ball zu spielen mit einer Gewandtheit und Leichtigkeit, als spiele er mit etwas Körperlosem.

Aber jedesmal, wenn sie ihr Gesicht dem Publikum zuwandte, fühlte Gasztowt ihren sengenden Blick, der ihn zu verschlingen suchte und an seiner Seele mit ätzender Säure frass.

Nein! das war doch unmöglich, dachte er, ganz ausgeschlossen, dass es dasselbe Weib sein könnte: jene dort auf der Brücke, die sich in das Wasser geworfen hatte, und diese hier, die er besessen von dem höllischen Tanze sah, – dies ausgelassene, herausfordernde, schamlose Weib!

Jetzt wurde der Tanz zu einer wüsten, unflätigen Orgie – entfesselte sich hart am Rande einer brutalen, tierischen, schamlosen Geschlechtsbegierde.

Gasztowt liess angeekelt den Kopf sinken. Er wollte nicht sehen, was ihm die Erhabenheit der Strasse beschmutzte.

Mit Wollust würde er einem Tanze des wildesten Grauens zuschauen, einem Tanze über dem Abgrund zwischen Tod und Leben, einem entmenschten, blutrünstigen Tanze auf dem Schlachtfelde des Lebens, dem irrsinnigen Veitstanze des Hungers und des Galgens, der Rache und des Hasses in Todeszuckungen – aber diesen Tanz konnte er nicht länger anschauen: er roch nach der Pfütze.

Und deshalb hatte er sie dem Tode entrissen, um sie in diese Kotlache hinabzustürzen! Dem Tode hatte er sie entwunden, um ihr ein Bad in dem kotigen Rinnstein des Lebens zu bereiten . . . Er erschauerte und duckte sich unter der grauenhaften Erkenntnis, dass er ein scheussliches Verbrechen begangen hatte, das er durch kein noch so grosses Opfer würde sühnen können.

Und vielleicht war es nur ein höllisches Blendwerk, eine kranke Einbildung seines fiebernden Hirns? – er hob langsam den Kopf – und verstohlen, als fürchtete er, ihren Augen zu begegnen, blickte er auf die Estrade: er sah nur ein paar Beine in der Luft – der Tänzer hatte sie bei den Armen gepackt, sie in die Luft geworfen, ein paarmal schnell herumgewirbelt, dass sie horizontal in der Luft schwebte, und liess sie jetzt zu Boden gleiten.

Und im selben Augenblick hatte sie Gasztowt mit ihren Augen gepackt, und als hätte sich in ihnen ein Abgrund von Hass geöffnet – schienen sie wilden Hohn auszuschreien, Flüche und Verwünschungen herauszubrüllen, und jeder dieser lautlosen Schreie peitschte seine Seele mit bis zur Rotglut erhitzten metallnen Ruten.

»Schau zu, verfluchter Verbrecher, in welches Leben du mich hinübergerettet hast! Sieh, zu welcher Qual du mich verdammt hast! Sieh, in welcher Kotlache ich mich wälzen muss, denn du hast mich zum Leben gezwungen, und ich muss leben, weil du, verbrecherischer Wohltäter, meinen Willen bezwungen hast!«

Ihr kleines Gesicht verkrampfte sich in konvulsivischem Lachen, und die fletschende Reihe scharfer, schmaler Zähne schien sich in seine Haut einzubeissen, seine Adern zu durchschneiden, und ihr Mund, dieser unzüchtige Mund einer Hetäre, sein Herzblut zu schlürfen.

In seinem Kopfe wurde es wirr – er hörte nicht das Begeisterungsgebrüll der Anwesenden, es wurde dumpf und taub um ihn herum und in den Augen eine entsetzliche Öde und Nacht.

Das tausendfüssige Elend kroch langsam über die ganze Welt, mit tausend Füssen krallte es sich ein in ihre Grundfesten, legte sich über sie mit seinem Riesenleib und nahm sie in seine Gewalt.

Kalte Schauer liefen über seinen Rücken – er wachte auf und sah mit irren Augen um sich.

An einem Tische ihm gegenüber, neben einem Mann, dessen Gesicht in viehischer Begierde ganz rot angelaufen war, sass – sie! Ja! Jetzt war jeder Zweifel geschwunden – sie war es tatsächlich und in Wirklichkeit – sie!

Sie schmiegte sich an den anderen, der sie immer leidenschaftlicher an sich presste, streichelte seine Wangen, und gleichzeitig sah sie unverwandt Gasztowt an, mit herausfordernden, schamlosen Blicken.

Und als wollte sie ihm die grosse Wohltat, die er ihr erwiesen, ganz deutlich vor Augen führen und ihm zeigen, wie unendlich dankbar sie ihm war, umhalste sie den anderen und setzte sich auf sein Knie und, um ihn ganz zu überzeugen, dass sie den Weg zum Leben wirklich gefunden hatte, leerte sie ein Glas Champagner nach dem anderen, auf einen Zug.

Aber nicht eine Sekunde wandte sie ihre Blicke von Gasztowt ab, dessen Augen Verzeihung von ihr erflehten.

Jetzt bohrte sie tiefer und schmerzlicher noch ihre Augen in seine Seele ein, knirschte mit den Zähnen, schenkte ein Glas Champagner voll und goss den ganzen Inhalt ihm ins Gesicht.

»Ich taufe dich mit dem Wasser des neuen Lebens, zu dem du mich vom Tode erweckt hast« – sie lachte aus vollem Halse, und über den ekelhaften Leib des riesigen Tausendfüsslers, den er nicht sah, aber allmächtig und allwesend um sich fühlte, ergoss sich die Flutwelle eines gütigen und tief vergnüglichen, zufriedenen Lachens.

Gasztowt trocknete sich das Gesicht und nahm ruhig die Schmach hin, die sie ihm angedeihen liess, denn er wollte wenigstens ein winziges Stückchen seiner grossen Schuld abbüssen . . .

Aber sie wurde wütend, weil er so demütig war: immer wildere Flammen des Hasses schlugen aus ihren Augen hervor. Sie machte ihrem Galan den Rock auf, durchsuchte die Westentasche, zog ein Goldstück heraus und warf es verächtlich vor Gasztowt hin.

Gasztowt verbeugte sich tief, nahm das Goldstück auf, denn er wusste, dass er auch diese Demütigung ertragen musste, um die Grösse seines Verbrechens ein wenig zu mindern.

Und das tausendfüssige Elend blähte sich auf vor vergnügtem Lachen, denn die grösste Tugend der Elenden ist die Demut . . .

Sie erblasste vor übermässigem Zorn, stiess den Mann, den sie soeben noch so schamlos umfangen hatte, mit solcher Kraft von sich, dass er beinahe vom Stuhl gefallen wäre. Dann setzte sie sich neben Gasztowt an seinen Tisch.

Sie drückte ihr Gesicht in beide Handflächen – das winzige Gesicht, in dem zwei Augen wie riesige schwarze Kohlen glühten, und sah ihn an, als wollte sie ihm seine Seele in Fetzen reissen.

»Hast du nach mir gesucht?« fragte sie giftig.

»Ja! ich habe nach dir gesucht,« antwortete er demütig. »Ich wollte dich um Verzeihung bitten für das Verbrechen, das ich an dir begangen. Aber ich wusste nicht, dass ich dich in noch tausendmal grösseres Elend stürzen würde, als ich dich vom Tode rettete. Nun, jetzt ist es zu spät, ich kann es nicht ungeschehen machen. – Übrigens wusste ich, dass du sowieso dich auf diese oder jene Weise wirst von dir befreien wollen. Und das hast du so gründlich besorgt, dass du dich ganz und gar in dir zerstört hast. Wäre nicht die äussere Hülle da, aus der du dich selbst hinausgejagt hast, um eine mir ganz fremde Seele in sie hineinzupeitschen, hätte ich dich niemals erkannt.«

»Also hat deine Rettungsaktion nichts geholfen?« lachte sie höhnisch und biss die Zähne aufeinander.

»Nichts – gar nichts! Sollte ich dich noch tausendmal retten, es würde nichts helfen« – sagte er salbungsvoll. »Du existierst ja nicht mehr – in der ehemaligen, äusseren Hülle haust nun eine mir ganz fremde Seele.«

»Verbrecher du!« zischte sie.

»Ich weiss es und büsse schwer genug. Ich weiss nun allzu gut, dass ich mein Verbrechen durch nichts sühnen kann.«

Sein Kopf sank ihm schwer auf die Brust.

»Aber wozu darüber reden . . . etwas Schlimmeres noch lastet auf meiner Seele.«

Sie hatte sich so gierig mit ihren Augen in ihn eingesogen, dass er unwillkürlich zu ihr aufsah.

»Du fragst, was es sei? Nun – ich kann es dir sagen . . . Ich bin hierhergekommen und habe nach dir gesucht nur deswegen, um deine Stimme zu malen. Ich habe nämlich ein Bild gemalt, wie kein Mensch gewagt hätte es zu malen – das heisst – ich habe es nicht gemalt, aber ich wollte und hätte es gemalt, wenn ich nur deine Stimme zu hören bekommen hätte. Ich wäre dann bis in die geheimsten Tiefen der rätselhaften Seele der Strasse eingedrungen, ich hätte das grausige Geheimnis des Elends, an dem das menschliche Herz krankt, enträtselt, – jeder Stein hätte dann gesprochen und die dämmrige Strasse und die hohe Brücke, von der du dich in den Strom geworfen hast – die Farbe und die Form wäre zur Sprache geworden, einer gespenstischen Mär von der in allen Fugen berstenden Seele des Menschen, von ihren Irrungen in den dunklen, engmaschigen Kreuzgängen des Daseins – die Form, die Farbe, das Wort: dies alles eine göttliche Einheit, hätte das gewaltige Mysterium erschlossen, das mit dem Worte allein nicht zu erfassen ist . . . Deinen Schrei muss ich jetzt hören, denn der gestrige ist verblasst, ich kann ihn nicht malen, er trieft zu wenig von Blut, seine Wunde ist noch nicht gross genug – noch einmal muss ich den bluttriefenden, aus allen Wunden ächzenden Schrei hören!«

Er richtete sich plötzlich auf:

»Den Schrei muss ich hören, der aus dem tiefsten Pfuhl der Unzucht, aus dem Urgrund deiner unflätigen Schamlosigkeit sich losreisst – ich muss ihn hören!«

Er stand vor ihr in grausiger Macht:

»Schrei!« brüllte er auf.

Sie sah ihn einen Augenblick erschrocken an;

»Schrei! Schrei!« er packte sie an den Armen und schüttelte sie.

Jetzt brach sie in ein gellendes Gelächter aus.

»Ha, ha, ha! Was für ein erbärmlicher Komödiant! Ha, ha, ha! Welch blödsinniger Charlatan! Womit will er mir imponieren und mich ängstigen! Ha, ha, ha!« sie drehte sich um – »habt ihr gehört, ihr guten Leute, kommt doch heran – eilt mir zu Hilfe!« Sie wälzte sich vor Lachen.

Gasztowt war plötzlich zu Stein geworden – er sank schwer auf seinen Stuhl nieder.

»Weiter – weiter! Bist du schon zu Ende?« höhnte sie.

Er sah sie lange in tiefstem Hasse an, dann lachte er giftig.

»Donnerwetter – die Komödie ist mir misslungen – ich glaubte dich schon mit der grossen Phrase ködern zu können, aber du bist zu schlau – du verflixtes Aas – jetzt muss ich mit einer ganz anderen Tonart anfangen, das Kraut aus einem anderen Fass schöpfen . . . Ha, ha, ha . . . Nun hast du mich fest an die Wand gedrückt, jetzt will ich dir die ganze Wahrheit gestehen – hörst du?«

Sie war auf einmal wie verwandelt, sie sah ihn starr und mit tiefem Ernst an.

Er versuchte noch immer eine möglichst höhnische Fratze zu schneiden, aber er gab es auf, bemühte sich möglichst höflich zu erscheinen und befleissigte sich in seiner Anrede des vornehmsten »Sie«.

»Bitte um Verzeihung, dass ich Sie in der unverzeihlichsten Weise bis jetzt zu hintergehen trachtete . . . Ich verstehe es selbst nicht . . . Ich weiss nicht, wo mein – wahrscheinlich krankes Gehirn diese Grille eingefangen hat . . . Ich meine das mit Ihrer Stimme – das ist doch völlig sinnlos und absurd . . .«

Er sprach hastig, abgerissen und überstürzte sich in seiner Rede . . .

»Diese dumme Idee, dass ich erst Ihre Stimme hören müsste, um ein Bild zu malen! Können Sie sich etwas so Absurdes vorstellen?«

Er lachte sie verlegen an.

»Freilich wäre es eine dankbare Aufgabe für einen Maler, das Lachen eines Menschen zu malen und mit diesem Lachen die düsterste Landschaft in blühendes Eiland umzuwandeln, und umgekehrt das sonnigste und lebenslustigste Gelände zur gespenstischen Eingangspforte des Hades zu machen – und zweifellos wäre es ein ganz interessantes Experiment, die menschliche Stimme oder ihren Schrei zu malen und mit ihrem – oder vielmehr seinem, ›Timbre‹ die Mauern und Häuser und Brücken zu tönen – aber . . .« er hüstelte, besann sich und sprach dann mit betonter Ehrlichkeit:

»Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich mit allen diesen künstlerischen Vorsätzen und Absichten nur einen infamen Selbstbetrug getrieben habe – der einzige Beweggrund, weshalb ich nach Ihnen gesucht habe, war die ganz gewöhnliche Neugierde, was denn eigentlich mit Ihnen geschehen sei . . .«

Ihr Gesicht wurde tiefernst und verdüsterte sich – sie frass sich in ihn hinein, und inzwischen sprach er immer eindringlicher und verbissener:

»Ja, ich schwöre es Ihnen, dass ich jetzt die reinste Wahrheit spreche: es war wirklich eine ganz gemeine Neugierde, deren ich mich jetzt schäme, die mich aus dem Atelier heraustrieb – ich wollte in den Zeitungen lesen, ob Sie vielleicht Ihr Vorhaben von gestern erneuert hätten . . . Ja, ja! starren Sie mich nur nicht so an . . .«

Er lachte zynisch . . .

»Sehen Sie, wie niederträchtig gemein meine Seele ist! Ich suchte nach einem metaphysischen Schürzchen, um ihre schamlose Blösse zu verhüllen, ich habe den Hunger nach den höchsten künstlerischen Offenbarungen vorgeschützt und mir selbst etwas Hehres vorgelogen, wo ich nur ganz einfach von einem widrigen Sensationsgelüste geplagt war.«

Immer tiefer frassen sich ihre Augen in seine Seele hinein und saugten sich an ihr fest.

»Ja, ja! Sie können mich noch so ernst und qualvoll anstarren – aber Tatsache bleibt eben Tatsache: als ich Sie aus dem Wasser gezogen habe, war es auch nur die gemeine Neugierde, welches Ende dieses Abenteuer nehmen würde – und als ich Sie mit grösster Mühe wieder ins Leben brachte, geschah es nur in der Absicht, Sie auf einen neuen Lebensweg zu führen – und zwar einen solchen, den ich von vorneherein für Sie bestimmt hatte. Ich! Ja! Ich! verstehen Sie?!«

Er lachte auf, in wildem Triumph:

»In ein grösseres Elend, also in die vornehmste und erhabenste Lebensform, in der Sie jetzt leben, hätte ich Sie nicht hineinzwingen können!«

Er schlug sich an die Brust und kreischte mit steigendem Pathos:

»Wenn jemand, so habe ich die Taufe mit dem Champagnerwein verdient, und nie gab es einen würdigeren Menschen, dem man verächtlich ein Goldstück vor die Füsse werfen könnte, als gerade mich!

»Ha, ha, ha! Das ist mein sauer erworbener Verdienst: damit kann ich hier meine Zeche begleichen und brauche nicht in grässlichster Angst zu zittern, wie in der ›wilden Marderkatze‹, dass ich meinen prophetischen Ring werde versetzen müssen – ha, ha, ha . . .«

Sie unterbrach ihn mit einer müden Geste, zauderte einen Augenblick, dann flüsterte sie im Grauen vor etwas Unbekanntem, in geheimer Angst vor etwas, das sie mit kalten Schauern ob einer nie geahnten Grosse überlief:

»O Gott! Wie arm, wie arm Sie sind, wie unsagbar arm und elend!«

Gasztowt starrte sie an in tiefstem Entsetzen, kroch dann in sich zusammen, als wäre ein wütender Faustschlag auf ihn niedergesaust . . .

Er keuchte und stöhnte unter diesem Henkersschlag:

»Ah! Jetzt hast du dich gerächt! Oh, wie du dich gerächt hast, Satan du! Nie hat ein Mensch eine so wuchtige Ohrfeige erhalten!«

Er duckte sich nieder, starrte sie an – und plötzlich fuhr er jach in die Höhe im wilden Triumph des Schmerzes, der ihn wie ein Wirbelsturm im Kreise herumtrieb und einen Wutausbruch verbissenen Hohnes und Verachtung in ihm auslöste:

»Oh, wie ich dir dankbar bin – du – du – apokalyptische Hure! Wie dankbar! Ich habe dich wiedergefunden, du meine erhabene Strasse! Oh, wie ich dir dankbar bin, du infame Strassendirne, dass ich durch dich die stolze, majestätische Stimme der Strasse zu hören bekam – endlich die stolze, übermächtige, erhabene Geste der Strasse! Endlich hat sich mir der Abgrund eines so überreichen, eines so erhabenen, gottgetränkten Elends offenbart, dass es in seinem Überfluss noch an dem meinigen Erbarmen zeigt!«

Er packte sie an den Armen in schreiender Ekstase:

»Schrei es, brülle es in die ganze Welt hinaus – dies furchtbare Wunder, kreische es, ächze, stöhne es hinaus in solchen grässlichen Schreien, dass von ihrer Glut Erde und Himmel Feuer fangen, von ihrer interplanetaren Sturmmacht alle Welten aus ihren Bahnen herausgerissen werden . . . Schrei es hinaus, einmal noch, und ich werde Gott werden!«

Noch wollte er etwas aus sich herausstossen, aber auf einmal wurde er gewahr, dass alles um ihn sich in Rauch und Nebel aufgelöst hatte, dass ein schwerer eiserner Vorhang vor seinen Augen krachend herabgefallen war – er sah sich wieder – allein.

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