Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Stanislaw Przybyszewski: Der Schrei - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Schrei
authorStanislaw Przybyszewski
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleDer Schrei
pages1-179
created20020920
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1918
Schließen

Navigation:

V

Auf der Strasse blieb er stehen. Er fühlte sich ein wenig erschöpft, aber das war sicher nur Einbildung, denn – im Gegenteil – er fühlte eine angenehme Erregung, war sogar lustig – es war etwas in ihm von einem Rekonvaleszenten, für den nur die ersten Schritte beschwerlich sind, der aber, wenn er die Gesundheit wiederkehren fühlt, vor Freude am liebsten einen Luftsprung machen würde.

Gasztowt ging schnell über die Hauptstrasse: sie war ihm widerlich, gemein in ihrem ekelhaften Protzentum, ihrer ordinären, durch die Schutzmannschaft geregelten Ordnung und Sicherheit, ihrer abgrundtiefen, langweiligen Hypokrisie: keine Prostituierte, kein Zuhälter, kein bleicher Verbrecher – ja, fürwahr, das war eine geschmacklose Klein-Moritz-Karikatur der Strasse an sich: zu eng für den Triumphzug eines siegreichen Cäsars, der sich die halbe Welt tributpflichtig gemacht hat – zu breit für das weit hinter die Grenzen der bürgerlichen Moral und der ordnenden Gerechtigkeit ausgestossene Elend, das hier keine Barrikaden aufwerfen und sich, wenn auch nicht eine anerkennende Achtung, so doch die Angst der »Ordentlichen« erkämpfen könnte – und so bog er schleunigst in die engen Quergassen ein: die eigentliche Welt der Strasse, deren Hunger alle Werte umstülpte, die Flügel der menschlichen Seele zum trotzig-kühnen Fluge weitete, dem heimlosen Enterbten Macht über die Herrschaft des Goldes verlieh und das verfaulte, träge Blut in einer plötzlichen Wut aufschäumen liess, die Tiaren und Kronen auf geheiligten Häuptern bedenklich wackeln liess . . .

Unwillkürlich ging er in der Richtung eines elenden, verrufenen Winkels, wo er einstmals die schönsten und wertvollsten Studien für seine erhabene Synthese gemacht hatte, in der er »die« Strasse geben wollte.

Er kannte dort ein kleines, höchst verdächtiges Kaffeehaus, in dem er einst ganze Nächte verbracht hatte im heissen Bemühen, sich in den tiefsten Grund der Seelen dieser geheimnisvollen Menschen hineinzubohren, die da sich im Dunkel verkrochen, weiss Gott wovon lebten, wilden Hass und Rachegier mühsam in sich erstickten, Menschen, welche die Schande und das äusserste Elend zum Erbrechen widerlich gemacht hatte, – doch in jedem von ihnen konnte er etwas Unfassbares ausfindig machen, das von etwas Erhabenem trächtig war, gleichgültig, ob es sich später in einer grossen Tugend oder in einem grossen Verbrechen äussern sollte . . .

Ja! gleichgültig was es wird, wiederholte er, wenn es nur nicht die ordinäre Alltäglichkeit ist, wenn es nur nicht den widrigen, brenzligen Geruch der öffentlichen Ordnung ausatmet, unter deren gütigem Schutz die Prostitution sich machtvoll breit macht, die rechtlose Aussaugung sich als das höchste Staatswohl brüstet und der Egoismus des Goldes seine Orgien feiert – ja! gleichgültig was, wenn es nur die Erhabenheit der Strasse nicht beschmutzt, der von Kot und Elend strotzenden Strasse, der Wiege aller Umstürze und Revolutionen, der Strasse, die unablässig ihr wutschnaubendes, rachedurstiges »Ça ira!« in die Welt hinausbrüllt, »Ça ira« der rächenden Vergeltung und ausgleichenden Gerechtigkeit, »Ça ira« der todesmutigsten Aufopferung und des erhabensten Blödsinns . . .

Das ist alles vollkommen gleichgültig, wenn es nur erhaben ist . . .

Und mit stolzer und tiefer Andacht besah er sich die alten, schwarzen Häuser, von denen ein jedes ihm wie ein mit geheimen Hieroglyphen beschriebenes Schriftstück erschien; wenn man nur den Schlüssel kannte, mit dem man die Rätsel und Geheimnisse, die sich in ihm bargen, entziffern konnte!

Und auf der schlecht gepflasterten Strasse, deren spitzige Steine ihm die Sohlen wund rissen, ging er wie auf einem weichen, dichten Teppich, und das Geschrei, das Gejohle, das Lachen und die Flüche, die aus den Kellerräumen hin und wieder an sein Ohr drangen, schienen ihm ein herrliches Vorspiel zu sein für ein künftiges, blutrünstiges, völkermordendes aber glorreiches Ringen – ein fernes, sturmwütiges Donnern des Ozeans, der seine Fluten langsam heranwälzt, um die himmelragenden Festen der Ordnung und des Geldes zu stürmen:

»Ça ira!»

Aber plötzlich sank er in sich zusammen, die Sturmflut einer krankhaften Erregung fing an zu verebben, kalter Schweiss trat ihm auf die Stirn, seine Beine wankten und zögerten, ihn weiter zu tragen. Er war glücklich, als er ganz in der Nähe die ihm so vertraute, so gut bekannte grüne Laterne erblickte, die über dem Schild des Cafés »zur wilden Marderkatze« in dem Wind hin und her schwankte.

Er durchquerte den schmutzigen Ausschank für die Stehgäste und betrat ein unerfülltes Zimmer, wo er in der Ecke noch einen Tisch vorfand, an dem er sich schwer auf einen Sessel niederliess.

Das Café schien seit der Zeit, da er das letzte Mal hier war, eine ziemlich grosse Umwandlung erfahren zu haben.

Das Zimmer war geräumiger, neu getüncht und präsentierte sich halbwegs anständig und sauber, was ihn nicht besonders erbaute – die alte Spelunke war ihm lieber.

Er betastete die Westentasche – der Ring war da – also war alles in Ordnung. Er fühlte sich im übrigen hier ganz wohl und befand sich in einer erfreulich heiteren und selbstsicheren Verfassung. Übrigens fühlte er, dass er hier nichts Schlimmes zu befürchten brauchte, um so weniger, als die Kellnerin, die jetzt an ihn herantrat, ihm im höchsten Masse sympathisch erschien.

Sie hatte ein aufgedunsenes Gesicht und trübe, schwarze, umränderte Augen von einer merkwürdig tiefen Melancholie.

Er bestellte eine Portion Wurst mit Sauerkraut, ein Gericht, das man, wie er sich von früher her erinnerte, hier zu jeder Zeit bekommen konnte, und ein Glas Bier.

Er ass langsam und mit nachlässiger Gleichgültigkeit, denn er wollte nicht, dass jemand bemerken könnte, wie hungrig er im Grunde war; da ihm aber das Essen über alle Massen schmeckte, bestellte er sich noch eine Portion und liess sich dazu ein grosses Glas von dreifach versteiftem Schnaps bringen sowie einige Zigaretten.

Wieder betastete er ängstlich die Westentasche: alles in Ordnung . . . übrigens war er überzeugt, dass die Kellnerin, die auf ihn den Eindruck einer aufgedunsenen, wassersüchtigen Madonna machte, ihm keinerlei Schwierigkeiten in den Weg legen würde . . .

Sie brachte auch wirklich alles, wie er es sich gewünscht hatte, und schleppte sich mit traumbefangenen, melancholischen Schritten weiter zu den anderen Tischen. Gasztowt ass wieder mit derselben nachlässigen Umständlichkeit und hatte nicht geringe Lust, sich eine dritte Portion zu bestellen, aber dadurch könnte er verraten, wie gründlich ausgehungert er war, das könnte Misstrauen erwecken – und es wäre leicht möglich, dass er jetzt schon seinen Ring zeigen müsste, um seine Zahlungsfähigkeit zu beweisen – doch diesen bedeutungsvollen Moment wollte ermöglichst weit hinausschieben, bis der letzte Gast das Café verlassen haben würde.

Er zündete sich eine Zigarette an, trank mit einem Schluck das Glas Branntwein herunter und sah sich ruhig und umständlich um, mit der Miene eines alteingesessenen Stammgastes.

Wie alles hier merkwürdig still vor sich ging: die Menschen schrien hier nicht, zankten sich nicht, sprachen leise miteinander, eigentlich nicht mit Worten, sondern mit Blicken und kurzen Gesten – er hörte auch kein Lachen, sah nur ab und zu eine leichte Verzerrung um die Mundwinkel, ein Anspannen der Gesichtsmuskeln, und dies verriet etwas, das man allenfalls ein Lächeln nennen konnte, aber nichts weiter.

Am Nebentisch sassen ein paar Menschen, die Karten spielten: einer hielt die Bank, die anderen zogen die Karten.

Man spielte in feierlicher Sammlung – die Spieler, als wären sie versteinert: keine Miene verriet, was bei dem wechselnden Spielglück in ihren Seelen vorging. Es war unmöglich zu erraten, wer verspielte und wer gewann – so seltsam gleichgültig zahlte man den Gewinn aus, und wie von ungefähr und völlig zerstreut heimste man ihn ein. Die Handbewegungen der Spieler machten den Eindruck einer automatisch funktionierenden Maschinerie, die Augen waren halb erloschen und glasig und geruhten kaum, die Karten anzuschauen, die Gesichter so gleichgültig und gelangweilt, als handelte es sich um eine langweilige, höllisch monotone Fabrikarbeit und nicht, wie Gasztowt bald merkte, um bedeutende Summen.

Nur einen Augenblick gab es eine stumme Bewegung.

Einer der Spieler hatte den Bankier an der Hand festgehalten und aus dem Ärmel seines Rockes eine Karte herausgezogen: die Volte war misslungen.

Gasztowt hörte einen dumpfen Faustschlag, unter dessen Wucht der ungeschickte Bankhalter vom Stuhle fiel: er sah ihn einen Augenblick in der Luft schweben und dann sah er, wie durch die Hintertür eine Menschengestalt mit erstaunlicher Geschwindigkeit und achtungswerter Präzision hinausflog – und, als wäre nichts geschehen, wurde das Spiel fortgesetzt.

An einem anderen Tisch sassen einige Männer. Einer von ihnen sah aus wie ein geborener »Führer« und schien den anderen den Plan künftiger Raubzüge zu entwickeln. Ganz von der Wichtigkeit seiner Mission durchdrungen, sass er da – ernst und befehlend, schien keinen Einwurf zu dulden und an blinden Gehorsam gewöhnt zu sein: schweigend zeichnete er mit dem Bleistift auf ein Stück Papier, über welches sich die anderen tief herabbeugten, machte Zeichen, mit dem Finger wies er jedem seinen Standort an, nickte mit dem Kopf dem einen zu, dieser antwortete bejahend mit demselben Kopfnicken, den andern mass er starr mit den Augen, auch dieser schien alles begriffen zu haben.

Noch einmal wies der »Führer« mit dem Finger auf verschiedene Punkte seiner Karte, die wahrscheinlich von besonderer Wichtigkeit waren, dann zerriss er in tiefem Schweigen das Blatt Papier in kleine Stücke.

Gasztowt freute sich, dass er morgen in den Zeitungen den ausführlichen Bericht über einen hier bis ins Einzelnste ausgearbeiteten und wahrscheinlich höchst gelungenen Einbruchdiebstahl oder dergleichen würde lesen können.

Es musste sich hier um eine sehr grosse Sache gehandelt haben, dachte er: das Schweigen, das jetzt an jenem Tische folgte, schien ihm bedeutsam zu sein und an einer grossen Mannigfaltigkeit wichtiger Begebenheiten trächtig.

Gasztowt war im höchsten Grad entzückt.

In welchem, selbst dem vornehmsten und exklusivsten Klub, in welcher aristokratischen Gesellschaft hätte er Menschen von einer so auserlesen vornehmen Lebensart finden können!?

Und über welch gewaltige Intelligenz, Scharfsinn, wunderbare Orientierungsgabe und Diskretion mussten diese Menschen verfügen, wenn sie sich nur mit kurzen, kaum sichtbaren, blitzschnellen Bewegungen, ein tausendstel Sekunde dauernden Augensignalen und einem rätselhaften, unauffälligen Spiel der Gesichtsmuskulatur untereinander verständigen konnten!

Oh, wie er sich hier wohl befand! Nirgends hätte er sich wohler fühlen können!

Ihm gegenüber, an der Wand, sass an einem Tisch ein junges Paar: eine Frau und ein Mann. Obgleich er sie bisher gar nicht beachtet hatte, wusste er genau, dass sie sorgsam vermieden, einander anzusehen, und kein Wort miteinander gesprochen hatten. Ihr Gesicht sah er deutlich: kalt, ruhig, eisig und völlig gleichgültig. Seinen Kopf sah er von hinten: er schien schwer zu sein und ungefüge – fast leblos und, als wäre er von seiner Eigenschwere zwischen die Schultern eingedrückt, als könnte er sich nicht aufrecht halten, war er jetzt auf den Tisch herabgesunken.

Aber jedesmal, wenn er sich automatisch langsam aufrichtete, und jedesmal, wenn ihre Augen sich anscheinend begegnen mussten, sah er das Gesicht des Weibes in einem hässlichen, giftigen Lachen aufzucken – es grinste höhnisch und schien zu einer Stahlpeitsche zu werden, mit der sie ihn unerbittlich, mitleidlos, in kalter Verachtung und zynischem Hohn zerfleischte.

Gasztowt interessierte diese stumme Szene und er begann sie mit gespanntester Aufmerksamkeit zu beobachten – da plötzlich stockte ihm der Atem in der Brust.

Er sah es ganz deutlich: der Rücken des Mannes krümmte sich gewaltsam wie bei einer fauchenden Wildkatze, – er sah nicht, aber ahnte die Hand, die sich fiebernd vorstreckte, leise über den Tisch kroch – und plötzlich ein gedämpfter Schmerzensschrei: in der eisernen Umklammerung der wütenden Hand duckte und wand sich das Weib, kauerte schliesslich bewegungslos auf dem Boden, aber niemand schien darauf achtzugeben.

Nur der »Führer« allein, der jetzt vereinsamt an dem Tische sass, streifte das Paar mit seinen müden Augen und schien nicht verstehen zu können, wie man es wagen konnte, sein tiefes Brüten durch einen blödsinnigen Eifersuchtsausbruch, oder was es auch war, zu unterbrechen.

Plötzlich begegneten sich ihre Augen. Sie hakten sich aneinander fest und konnten sich nicht voneinander losreissen.

Kalte Schauer überliefen Gasztowts Rücken.

Das waren dieselben Augen, die ihn schon gestern durchbohrt hatten, als er seine Schmach, seine Schande dort in dem Ausstellungssaal durchleben musste.

Ja! Dieselben Augen – er fühlte jetzt ganz deutlich: ein gewisses Unbehagen, das er trotz alledem während der ganzen Zeit hier empfunden hatte – es musste von dem Anstarren dieser Augen herrühren, und er wusste sich jetzt ganz gewiss beobachtet, behorcht, verfolgt . . .

Zuerst packte ihn ein panischer Schreck, er wollte sich aufraffen und fliehen – weit, weit weg von diesen verdammten Satansaugen, aber im selben Augenblick besann er sich.

Kranker Wahnsinn! fuhr er sich an – wovor ängstigte er sich? Wieder diese sinnlosen Einbildungen? Der Mensch starrt ihn an, weil er ihn selbst so hartnäckig und erschreckt anstarrt – der Mensch kennt ihn ja gar nicht, er sieht ihn an, gleichgültig, weltfern, höchstens mit einer höhnischen Grimasse, weil er nicht versteht, warum ich ihn so anstarre . . .

Und um nur ja dem kranken Wahn keinen Einlass in sein Gehirn zu gewähren, drehte er sich um und suchte nach etwas, womit er sich ablenken könnte.

Und jetzt erst merkte er, dass schon seit geraumer Zeit ein junger Mann auf einer Art Podium stand und Geige spielte – neben ihm kauerte ein Mädchen und begleitete ihn auf der Harfe.

Und es war ihm, als wäre er eben aus einem tiefen Traum erwacht.

Das, was ihn vor kurzem als ein geheimes Schweigen, wenn nicht geängstigt, so doch verwundert hatte, war eigentlich eine zwanglose, zwar nicht übermässig laute, aber ganz fröhliche, gesellige Unterhaltung.

Das Weib, das er kurz vorher von dem eisernen Arm des Mannes zu Boden geworfen gesehen hatte, hob jetzt in aller Seelenruhe das Taschentuch auf, das ihm offenbar entglitten und auf den Boden gefallen war.

Der stahlgepanzerte »Führer« mit den müden Augen, die ihn eben noch so seltsam und geheimnisvoll angestarrt hatten, dass er vor ihnen Reissaus nehmen wollte, hatte sich eine neue Zigarette angezündet und schien, ohne irgend ein grösseres Interesse zu verraten, auf das geile Geflüster einer tief dekolletierten Dame hinzuhorchen, die sich an seinen Beinen zu schaffen machte.

Am Nebentisch sass ein anmutig und gottvoll ausgelassenes Menschenkind auf den Knien eines Gigerls, schlug mit den hohen Absätzen ihrer eleganten Halbschuhe auf der marmornen Tischplatte den Takt zur Musik, wobei sie auf ziemlich unanständige Art ihr Hinterteil hin und her wippte.

Der Bankhalter, den er vor kurzem in parabolischer Wurflinie durch die Hintertür hinausfliegen gesehen hatte, mischte jetzt wieder in seligster Ruhe würdevoll die Karten, und die aufgedunsene Kellnerin mit den melancholischen, schwarzumränderten Augen machte sich zwischen den Tischen mit einer Behendigkeit zu schaffen, die zu ihrem Rubensschen wassersüchtigen Fettumfang seltsam kontrastierte.

Gasztowt schwankte einen Augenblick.

Er überlegte, ober sich jetzt erdreisten könnte, die Kellnerin nicht um ein Gläschen, sondern um ein grosses Wasserglas eines dreifach verstärkten Schnapses zu bitten, aber das Betasten des Ringes zerstreute seine Bedenken und machte ihn zuversichtlich: im Nu bekam er das Gewünschte.

Einen Augenblick sehnte er den vornehmen Traum zurück, in dem er alles in gedämpftem Lichte gesehen, sich schon an gemessene, diskret-weltmännische Manieren gewöhnt und nur einen wohltuenden Flüsterton gehört hatte, aber, da es ihm nicht schwer gefallen war, all diese Gestalten, die er jetzt in normalen Proportionen sah, in ganz anderen Dimensionen als wirklich anzusehen, so lebte er sich rasch in die neue Situation und den rapiden Szenenwechsel ein und machte sich mit ihm vertraut.

Ganz besonders fesselte die merkwürdige Musik seine Aufmerksamkeit – sie hielt ihn ganz und gar in ihrem Bann.

Ein anderes Mal hätte sie ihn zur Verzweiflung gebracht. Heute war sie für ihn ein Labsal und ein Hochgenuss.

Auch der Spieler schien ein vollendeter Virtuose zu sein, er spielte mit seltener Bravour und tiefem Verständnis dessen, was er spielte, ja! er spielte sozusagen perspektivisch, und Gasztowt gereichte es zur tiefen Freude, für alle diese dummen, banalen, geist- und hirnlosen Melodien ihre eigentliche Perspektive, die der Spieler ihm offenbar suggerierte, zu zeichnen:

Im Takt dieses Walzers z. B. sah er Menschenpaare sich stumpfsinnig drehen – Menschen, die nichts mehr zu verlieren hatten, denen es nicht mehr zu einer Schnapsflasche reichte und die sich wenigstens an dem drehkranken Getümmel berauschen wollten.

Er sah die ausgemergelten Beine der Tänzer, um die wie um Totengerippe zerschlissene Hosenfetzen herumflatterten, er hörte den pfeifenden Atem der schwindsüchtigen Weiber, sah weit aufgerissene, tief in die Höhlen eingefallene, fieberglänzende Augen und hektische, rostbraune Flecke auf den abgemagerten Gesichtern – und gerade mit dieser schauerlichen Verwüstung des Menschenfleisches harmonierte die ganze dumme, stumpfsinnige Musik, die der Satan Elend seinen erbärmlichen Kindern zum Tanze aufspielte.

Jener Cakewalk z. B. karikierte vorzüglich die unerhörte Lächerlichkeit des Affen, der mühsam erlernt hatte, auf zwei Beinen zu stehen, und sich nun Mensch nannte! Jetzt ist er unsagbar stolz darauf, dass er die unflätigen Bewegungen eines gemeinen Geschlechtsaktes nachahmen und die lächerlichen Zuckungen eines ragenden Phallus mit seinen Händen und Beinen wiedergeben kann! Ist das nicht eine herrliche Offenbarung des menschgewordenen Schweins!?

Oder dieser Zuavenmarsch! Das war doch ein unglaublich grossartiger Ansporn für die vertierten Sklavenhorden, die zur Schlachtbank getrieben werden, in eine wahnsinnige Massenabschlachtung, die man Krieg nennt – den Krieg, der wütend entbrannte, weil China das englische Opium nicht kaufen wollte – wie das alles gemein und lächerlich war in seinem monströsen Elend – was Wunder, dass auch diese Musik dumm und lächerlich sein musste und zugleich die tiefste Philosophie des Menschen-Affen bedeutete: das Menschen-Schwein, das Menschen-Vieh, das gerade gut genug gemästet war, um ins Schlachthaus geführt zu werden . . .

Er war jetzt über diese Musik ganz entzückt – er sah sie in einer phantastischen, grotesken Bilderreihe. Jede Melodie, die er schon zu eklem Überdruss gehört hatte, dass er dabei hätte erbrechen können, bekam jetzt einen neuen Sinn und öffnete ihm ganz neue, ungeahnte Perspektiven.

Es offenbarte sich seinen Augen das ganze Leben der Strasse mit seinen grotesken Galgensprüngen in unzüchtigen Kontorsionen, schmerzhaften und dabei unendlich komischen Verkrampfungen; es wand sich im unflätigen, trunkenen Rausch, erstickte am heiseren, vertierten Lachen, an Flüchen, Verwünschungen und Lästerungen . . .

Ja, ja, dachte er tief befriedigt – man muss nur verstehen zuzuhören, und dann wird selbst die blödeste, höllisch dumme Melodie zu einer unerhört tiefen und betörenden Offenbarung – und das Herrlichste an dieser Musik, das ist eben, dass sie die düsterste Stimmung in taumelnde Sorglosigkeit umwandelt, den erbärmlichen, flennenden Menschenjammer mit einer breiten, herrischen Geste abtut und mit verächtlichem Hohne dem Leben in seine infame Fratze speit . . .

Er nahm aus seinem Glas einen tüchtigen Schluck, zündete sich eine neue Zigarette an und war ganz und gar guter Dinge.

Plötzlich wurde er aus seinem friedlichen Nachdenken in der unangenehmsten Weise aufgescheucht.

Der Geiger, der Virtuose, den er eben noch so bewundert, der ihm die neuen Perspektiven eröffnet hatte, stand vor ihm mit einem Teller, auf dem er Geld einsammelte, und wartete, bis Gasztowt etwas hinlegte.

Gasztowt geriet in die peinlichste Verlegenheit, denn er wusste, dass er nicht einen Sou bei sich hatte – sah sich ratlos um – wandte sich dann ab, als wollte er dem Künstler bedeuten, dass er nicht gewillt sei, ihm etwas zu geben, aber der blieb herausfordernd stehen, schüttelte den Teller, dass die Münzen klapperten, und fuhr ihn unverschämt an:

»Bitte, beeilen Sie sich ein wenig!« es klang wie ein harter Befehl.

»Aber ich habe nicht einen Sou!« platzte Gasztowt verzweifelt heraus.

»Ha, ha, ha! Faule Ausreden! –Hier muss man Geld bei sich haben – hier gibt jeder, muss eben geben.« Die Worte stachen Gasztowt wie glühende Stecknadeln. Er sah sich wieder um mit ängstlicher Ratlosigkeit.

Das ganze Café starrte ihn höhnisch an, es war ihm, als durchlöcherte ihn ein halbes Hundert böser, spöttischer, höhnisch-neugieriger Augen, er hörte die Münzen auf dem Teller klappern, den der unverschämte Geiger immer energischer schüttelte, und seine Augen hakten sich wieder an denen des »Führers« fest. Und in der schwülen, erwartungsvollen Stille, die plötzlich in dem Café entstanden war, schrien diese Augen unabwendbare Befehle. Aus diesen Augen strömte ein kaltes, schneidendes Licht, das ihn bis ins Mark erschütterte.

Vergebens rang Gasztowt mit diesen Augen und wollte sich von ihnen loslösen. Er fühlte, dass dieser Blick ihn von seinem Stuhl hochzwang und gleichzeitig den höllischen Teller in immer wütendere Bewegung versetzte.

Und im selben Nu schoss ihm ein befreiender Gedanke ins Gehirn – jetzt erst vermochte er sich aus den Teufelskrallen der giftigen Augen zu befreien:

»Gib deine Geige her!« schrie er heiser den Spieler an.

Der Virtuose betrachtete ihn eine Weile – Gasztowt merkte dabei hellseherisch, dass er sich mit seinen Augen – oder vielleicht auch mit seinem Rücken – mit dem »Führer« in Verbindung setzte; er wusste ganz genau, dass diese beiden Halunken unter einer Decke steckten, aber das war ihm jetzt gleichgültig.

Er streckte die Hand nach der Geige aus, und der Virtuose, als folge er einem fremden Befehl, reichte sie ihm mit tiefer Verbeugung.

Gasztowt leerte sein Glas, rauchte eine Weile. Kalten Schweiss fühlte er seinen Körper entlangrieseln, vor seinen Augen wurde es dunkel, aber das dauerte nur einen Augenblick.

Er empfand plötzlich ein seltsames Machtgefühl – nahm die Geige, stimmte sie, schob sich den Hut über die Augen, wartete ein wenig, denn er fühlte, dass sich wieder diese fremden Augen mit gierigen Fangarmen an seiner Seele festsaugten – er sah hin: der »Führer« sass ganz allein an seinem Tisch, und sein Gesicht erschien ihm hart, streng, gespenstisch – düster und grausig.

Gasztowt riss ein paar wilde Akkorde aus der Geige mit solcher Kraft, dass die Töne nicht aus der Geige zu kommen schienen – als hätte eine Orgel sie hinausgebrüllt.

Noch einmal peitschte er die Saiten mit dem Bogen auf, den Hut warf er ab, weil er ihm hinderlich war, und begann zu spielen.

Zuerst den wüsten Rakoczy-Marsch in seiner eigenen Paraphrase, in den unglaublichsten Oktaven, Dezimen, wildem Akkordengetümmel. Er zwang die Geige, dass sie wie ein Orchesterwerk erdröhnte, sprang plötzlich zur Carmagnole über, liess die Geige keuchen und schreien: »Dansons la Carmagnole, vive le son du canon!« verflocht dies alles mit dem wahnsinnigen heiseren Gekrächz, das sich aus dem tiefsten Grund des menschlichen Elends herausriss: »Ça ira, ça ira! les aristocrats, on les pendra!« und es erbrauste das blutrünstige Lied der Barrikaden, das über Leichenhaufen, unter dem Donner der Kanonen, dem Gestöhn der Verendenden, dem Geschrei und Grauen der Verzweiflung sich in mächtigen, aufgepeitschten, schäumenden Wogen ergoss: »C'est la lutte finale!«

Die Gäste sahen sich im tiefsten Erstaunen an – Gasztowt schien sich in einem Abgrund von düsterster Ekstase zu verlieren.

Er spielte den besessenen, von der gespenstischen nächtlichen Windsbraut gepeitschten Tanz über Gräbern und Abgründen, den Triumphmarsch des Todes, der stolz die Schlachtfelder in weiten Schritten durchmass und über die reichen Garben sich freute, er spielte das Grauen des Alpdrückens, das sich Nacht für Nacht auf die Brust der Elenden und Ausgestossenen herabwälzt und sie würgt und ihre Glieder verkrampft, und den Hunger spielte er, der sich mit zähnefletschender Gier in das Fleisch des eigenen Kindes hineinbeisst, und die Schande des jungfräulichen Leibes, der sich in dem stinkenden Pfuhl der unflätigsten Gossenunzucht wälzt, er spielte die Blutsymphonie des gemeinen Raubmordes und die sühnende Rache der »Roquette« – er spielte alles, was er einst gemalt hatte – er spielte die Strasse.

Jetzt begann er plötzlich angestrengt zu horchen, ob er nicht den Schrei hören würde, den zu malen er sich vergebens abmühte, jedoch sicher spielen zu können glaubte . . .

Er vergass völlig, wo er eigentlich war – alle Menschen ringsherum strömten ihm in eine dunkle Masse zusammen, ein chimärenhaftes Untier, von dem nur ein Paar riesige Augen sichtbar waren, Augen, die nach Blut lechzten und in Zerstörungs- und Vernichtungssucht keuchten – und von diesem Augenpaar gebannt, zu Stein erstarrt, stand ein Weib, das die Brüstung einer Brücke krampfhaft umklammert hielt – sie sah das grausige Ungeheuer näher und näher auf sich zukommen, aber sie war gelähmt, konnte kein Glied bewegen . . .

So schrei doch! Schrei! raste Gasztowt. Und im selben Augenblick hörte er einen grausigen Schrei, der die Luft in Fetzen zu zerreissen schien – einen Schrei, der sich mit einer Flut von Farben in seine Seele ergoss, tollgewordenen Farben, in denen giftige Gase brannten, mit denen die Gischt kochenden Gemenges verschiedenartiger Salze und Metalle herumspritzte – und es sah aus, als ob die Regenbogen werdender Welten im tödlichen Ringkampf sich ineinander verkrampften . . .

Jetzt verliessen ihn die Kräfte, er erschöpfte seinen tiefsten Grund, riss alle Schleier von seiner Seele – und erschauerte: er sah sich nackt.

Er schlug mit dem Bogen auf die Saiten, dass eine kreischend zersprang – warf die Geige auf den nächsten Tisch.

Lauge herrschte Totenstille – dann brach ein wütender Beifallssturm los: das Publikum schien völlig ausser Rand und Band zu geraten – Gasztowt schien es, er befände sich in einem Tollhaus. Er stand zitternd, verängstigt da, konnte sich nicht zurechtfinden, wo er war, was mit ihm geschah – nur das eine wusste er klar und deutlich, dass er noch etwas zu vollbringen hatte, etwas Unfassbares, etwas, das völlig seine Kräfte überstieg, seinem Verständnis immer ferner entrückte, und das er doch vollziehen musste.

Und in seinen Ohren dröhnten die Worte seines Fluch und Busspsalmes:

»Jegliche Scham und Schande wird dir auferlegt werden, und du wirst sie tragen . . .!«

Er wankte, zauderte, riss immer weiter die Augen auf:

»Und an dem Tor der Aussätzigen wirst du deine Hände ausstrecken und Geld erbetteln zur Wegzehrung, denn Sturm und Regen werden dich von deinem Lager aufpeitschen . . .«

Jetzt schwankte er nicht mehr, überlegte nicht länger, nahm demütig seinen Hut vom Boden auf und begann langsam von Tisch zu Tisch zu gehen.

Das Publikum war vor Erstaunen wie von allen Himmeln gefallen, es konnte nicht fassen, dass der Gewaltige, der es noch vor einem Augenblick unter seine Macht beugte und es im Grauen und tiefster Erschütterung erschauern liess, jetzt sich selbst den Lohn einheimste – aber willig warf es seine Gaben in überreichem Masse in den Hut, und selbst aus den entlegensten Ecken drängten Hände herbei, um ihre Münzen hineinzuschütten.

Gasztowt taumelte zwischen den Tischen mit seinem hingestreckten Hut wie im somnambulen Schlaf; er sah niemanden, beachtete auch nicht die Hände, die sich ihm entgegenstreckten: eine entsetzliche, ekelhafte Scham hämmerte an seinen Schläfen, er schluckte und würgte an der erbärmlichen Schande, unter deren Joch er sich begeben musste – da plötzlich kam die Erlösung:

Er sammelte doch nicht für sich – Gott bewahre! Er sammelte doch das Trinkgeld ein für den unverschämten Virtuosen, der ihm die Geige gab, auf dass er den Schrei noch einmal zu hören bekäme, den zu malen er sich vergebens abgequält hatte – und mit einem Male wurde er frei, atmete tief auf und heisse Erlösungsglut strömte ihm in die Augen.

Er brauchte ja doch das Geld nicht für sich – er war ja reich – er hatte ja den goldenen Ring, und der würde schon für ihn langen.

Und das freudige Bewusstsein, dass er nicht für sich sammle, machte ihn sicher, kühn, ja – sogar herausfordernd – es kam ihm vor, er sei ein Priester, habe soeben eine erschütternde Predigt von der tiefen Not des heiligen Stuhls gehalten und sammle jetzt von seiner Gemeinde den heiligen Peterspfennig für den Papst ein.

Er schüttelte den Hut, in dem die Münzen mit einem kitzelnden Klang sich durcheinander schoben, und sah sich lächelnd im Lokal um.

Jetzt zuckte er zusammen.

Wieder begegneten seine Augen denen des »Führers« und wieder verflochten sie sich ineinander. Er fühlte ihre unbezwingbare Kraft, die ihn gewaltsam dorthin zog, wo der fremde Mann sass.

Ihre Augen rangen miteinander im heftigen Hin und Her, im erbitterten, gehässigen Kampfe, aber diesmal wehrte sich Gasztowt mit allen Kräften.

Das Gesicht des »Führers« war nicht mehr steinern, es belebte sich. Etwas überflog es, wie ein siegbewusster Hohn, auch die Hand sah er, wie sie sich mit etwas Blinkendem, wahrscheinlich einem Goldstück, zu ihm hinstreckte, aber der Wille, dass der Andere selbst an ihn herantreten sollte, wurde in ihm so mächtig, dass er nur den Hut schüttelte, einen Augenblick wartete und sich dann mit triumphierendem Lächeln abwandte.

Er trat an den Tisch, an dem der »unverschämte Virtuose« ruhig sass, drückte ihm heiss die Hand und schüttete den ganzen Inhalt seines Hutes vor ihm aus.

Dieser bedankte sich nicht, sah kaum auf das Geld hin, nickte nachlässig mit dem Kopfe und zündete sich bedächtig eine Zigarette an.

Und wieder hörte Gasztowt einen Beifallssturm, dass alle Fenster im Zimmer klirrten: die Strasse beklatschte sein blödsinniges Beginnen ebenso stark, wie sein Spiel, widerwärtig, ekelhaft – aber nein! nein!

Die Strasse hat eine reiche und verschwenderische Seele – sie ist anbetungswürdig, wenn sie aus dem Übermass ihres Elends schöpft und ringsum vergeudet, und die Strasse allein hat das überfeinerte Gefühl für alles, was Recht und was Unrecht ist, die Strasse allein hat den sicheren Instinkt, mit dem sie Spreu vom Weizen zu scheiden versteht – kein Wunder, dass Gott – Christus – die Strasse so tief in sein Herz geschlossen hat.

Er setzte sich hin, trank das Glas leer, und durch sein Hirn tänzelte zu Ehren Christi eine Gassenhauerstrophe:

Christ aux yeux doux
Qu'es mort pour nous,
Chauff' la terre ous –
Qu'on fait leur trou!
          Pierreuses,
          Trotteuses,
A' marchent l' soir
Quand y fait noir,
Sur le trottoir!

Ha, ha, ha! Du sanftäugiger Christus – wärme auch für mich die Erde, in der man mir mein letztes Loch gräbt!

Auch für mich!

Er stützte sein Haupt, das ihm schwer wie ein Klumpen Blei vorkam, in beide Arme – alles ringsum begann nachzugeben, zu versinken, dann wieder in seltsamsten Sprüngen herumzuwirbeln, zu taumeln und zu schwanken, er wollte seinen Kopf heben, um zu sehen, was denn eigentlich vorgehe, aber die Angst, er könnte wieder den Augen des »Führers« begegnen, die ihm wieder etwas Unerhörtes befehlen und ihn zwingen würden, den Befehl auszuführen, liess ihn sein Haupt noch tiefer in die breit ausgestreckten Handflächen hineindrücken.

Nur diese Augen nicht mehr sehen – nur nicht mehr willenlos ihren höllischen, ungeheuerlichen Befehl befolgen müssen! . . Denn ungeheuerlich und unglaubwürdig, so unfassbar in der ganzen ekelhaften Schamlosigkeit kam ihm alles vor, was er soeben durchlebt: dass er seine Seele entblösst hatte, dass alle die Flüche, die grässlichen Prophezeiungen, die an seinem Ringe hafteten, alle auf einmal in Erfüllung gegangen zu sein schienen.

Eine dumpfe Wut kochte schäumend in seinem Inneren – jetzt wusste er genau, dass er alles auf den Befehl des »Führers« getan hatte, dass dieser Satan den Geiger veranlasst hatte, ihn mit dem Sammelteller zu belästigen, und wieder ihn veranlasst hatte, seine erbärmliche Scham mit einer noch grösseren Schande loszukaufen – da plötzlich erinnerte er sich, dass ihm der »Führer« etwas schuldig geblieben war – ein blankes Goldstück!

Er wollte sich jetzt erheben und an ihn herantreten– da erinnerte er sich, dass ihn noch etwas Unangenehmes erwartete – nämlich die Geschichte mit dem Ring, mit dem er doch seine Zeche bezahlen sollte – so wollte er doch lieber warten, bis alle Gäste fort waren . . .

Aber es war so merkwürdig still geworden – er horchte erstaunt hin: nichts rührte sich ringsumher.

Vorsichtig hob er den Kopf und sah sich verwundert um: das ganze Café war leer – nur in einer Ecke beim ärmlichen Talglicht sass der Geiger, dieser schamlose, niederträchtige Kerl, und überzählte immer von neuem das Geld.

»Es fehlt noch ein Goldstück – ein Goldstück!« hörte Gasztowt ihn murmeln und erschrak heftig.

»Ein Goldstück fehlt!« schrie der Geigenmensch wütend auf – »er hat mich um ein Goldstück betrogen!« er schlug mit der Faust auf den Tisch.

Gasztowt zitterte vor Angst – wollte an ihn herantreten, sich entschuldigen, er zauderte, wankte, kam mit einem Ruck zur Besinnung:

In den Nebelschwaden, die ihm alle Horizonte verschleierten, sah er plötzlich die Augen des »Führers« . . .

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.