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Stanislaw Przybyszewski: Der Schrei - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Schrei
authorStanislaw Przybyszewski
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleDer Schrei
pages1-179
created20020920
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1918
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IV

Eine gute Stunde war verstrichen – vielleicht mehrere – er wusste es nicht.

Gasztowt sah sich fast triumphierend in seinem Atelier um.

Der Schweiss rann ihm von der Stirn, denn er hatte sich schwer abgearbeitet.

Er hatte geglaubt, er müsste doch in irgend einem Winkel etwas finden. Es kommt doch öfters vor, dass ein Geldstück aus der Westentasche herausfällt oder auch aus der Hosentasche, wenn man z. B. das Taschentuch herauszieht – wenn man nur gründlich suchte, müsste es sich irgendwo auf dem Boden vorfinden.

Und mit grösster Achtsamkeit durchsuchte er und durchwühlte die ungerahmte Leinwand, die in hohen Stössen überall auf dem Boden umherlag – vergebens . . . Da erinnerte er sich, dass er einmal in einem Buche einen Fünffrankschein gefunden hatte, wahrscheinlich hatte er in seiner Zerstreutheit diesen Schein in ein geöffnetes Buch gelegt – da hatte jemand an die Türe geklopft, und er hatte wahrscheinlich das Buch zugeklappt – na also! Warum sollte diesmal nicht etwas Ähnliches geschehen sein?

Er durchblätterte die wenigen Bücher, die er noch besass; aber das Wunder wollte sich nicht wiederholen.

Er hatte tatsächlich Grund genug, zu triumphieren. Von vornherein hatte er doch gewusst, dass er nichts finden würde, und doch hatte er sich durch eine dumme Hoffnung, es müsste ein Wunder geschehen, nasführen lassen.

Gott sei Dank, dass er noch ein paar Zigaretten hatte!

Er zündete sich eine an, tat ein paar gierige Züge und empfand für einen Augenblick etwas wie einen Lichtblick – aber nur für einen Augenblick!

Er hatte wühlende Kopfschmerzen, ein unangenehmes Brennen in den Augen, die trockenen Lippen waren verklebt vom weissen Speichel des Fiebers. Der Zigarettenrauch machte ihn schwindlig und über seine Augen fiel ein nebliger Dunstschleier. Er sank auf das Sofa, das unter seiner Last schmerzlich aufstöhnte, was ihn höchlichst verwunderte, weil es ihn dünkte, er habe infolge der Auszehrung jegliches spezifische Gewicht eingebüsst.

Ja, das war Hunger – ein ganz ordinärer Hunger, ein Gefühl für sich, etwas, das jeglichem analytischen Versuche spottete und bei den mühsamsten gedanklichen Kombinationen nicht einen Bruchteil übrig liess, da es restlos in sich aufging.

Zweifellos!

Zwei in zwei geht einmal – bleibt kein Rest – Hunger in Hunger bleibt ewig Hunger: dagegen hilft nichts.

Schläfrigkeit befiel ihn allmählich, seine Glieder begannen sich zu lösen, wie Homer sagt, und vielleicht wäre er eingeschlafen, hätte ihn nicht das widerliche Gefühl des klebrigen Speichels gequält, den er nicht los werden konnte: er stand vom Sofa auf, trank ein Glas Wasser und noch ein zweites, blieb wieder mitten im Atelier stehen und sah sich wieder in steigendem Triumphgefühl um.

Er hatte sich auch nicht einen Augenblick geirrt. Hätte er noch einmal alles aufs peinlichste durchsucht, selbst den Staub durchgesiebt, nicht einen Pfennig hätte er gefunden – Leinwand war genug da, und alles so schön bemalt, aber was gingen ihn jetzt seine Bilder an! Eher hätte er vor Hunger krepieren können, bevor er für sie einen Käufer fände, – sie waren über jeden Preis erhaben.

Was waren die Visionen des wohl durch Tollkraut hervorgerufenen Deliriums eines Hieronymus Bosch, die ungeheuerlichsten Phantasmagorien eines Goya, die opiatrischen Halluzinationen des Ensor, die untüchtigsten, satanischen Offenbarungen eines Rops, die schauerlichen, vom wüstesten Hass geifernden Grotesken des grossen Daumier, oder die unbeholfenen, grandiosen Scheusslichkeiten eines Wirtz im Vergleich zu dem, was er geschaffen hatte!

Tiefer als sie alle vermochte er in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele zu schauen, aus den finsteren, unterirdischen Gängen hatte er die dort kauernde menschliche Bestie ans Tageslicht gezerrt, die apokalyptische Bestie, die nach Mord und Marterqualen lechzt, sich in den widerlichsten Unzuchtsorgien wälzt, sich am Blute nicht satttrinken kann und in einem Samenüberfluss schwelgt, aus dem ein noch niederträchtigeres Geschlecht erstehen soll.

Bis an das Magma jeglichen Daseins war er gedrungen – und dies Magma war der Hunger.

Und er malte den Hunger, immer und wieder den Hunger, den nie gesättigten Hunger, den zu stillen nichts imstande ist.

Er malte den Hunger des Verlangens und der nimmersatten Geschlechtsdämonen, der in seinem satanischen Überschwange nach Blut schrie, den Hunger der Macht und des Ruhmes, der eine ganze Welt in Trümmer legte, in den Eingeweiden der Erde Konvulsionen hervorrief und auf dem Himmel die Wolken zu wüstesten Ungeheuern zusammenballte: grässlichen, vorsintflutlichen Reptilien, die mit riesigen Zähnen aufeinander einhackten, verzweifelt miteinander rangen, um sich in Stücke zu reissen – er malte den Durst der Erkenntnis und des Verlangens, die letzten Dinge zu erfahren: den geradesten Weg zum Irrenhaus, in dem sich Götter in einer unerhörten Majestät völligen Stumpfsinns und Idiotie tummelten – der ewigen Verdammnis verfallene Philosophen, die ihre Schädel an eisernen Toren zertrümmerten, so dass das Gehirn herumspritzte, und unter diesen besessenen, tollwütigen Furien der mächtige Dalai-Lama, der jegliches Wissen besessen hatte: aus den tief eingefallenen, übermässig geweiteten Augen schlugen die Flammen des Wahnsinns heraus – von dem nackten Skelett, das mit einer in tiefe Falten gefurchten Pergamenthaut überzogen war, hing in Lumpen und Fetzen ein verschlissener Purpurmantel herab und das Haupt krönte eine unsagbar lächerliche, aus Stroh geflochtene Tiara.

Aber grauenhaft und wirklich satanisch wurde der Hunger, als er sich als heilig zu gebärden begann. Der heilige Hunger, der Tausende und Abertausende auf uneinnehmbare Wälle trieb, die Gräben mit Leichen anfüllte und aus den zu Stücken zerrissenen, vom Kugelregen durchsiebten Menschenleibern lebendige Brücken schuf, über die neue Heerscharen vorwärts stürmten, um einen neuen Wall für die noch Überlebenden zu schaffen, ohne Ende, ohne Mass, damit endlich der Sieger die Siegesfahne auf der Feste aufpflanzen konnte, inmitten des dampfenden Blutnebels und des ächzenden Gestöhns der Sterbenden, die Siegesfahne mit der gott- und menschenschänderischen Aufschrift: es sei süss und ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben!

Der Hunger, einzudringen in das Reich des ewigen Lichtes – der heilige Hunger, der ein wehrloses Volk nach dem anderen mit Stumpf und Stiel ausrotten, auf der ganzen Erde Scheiterhaufen erstehen liess, auf denen man zahllose Märtyrer schmauchte, der den Menschen sich an Erfindungsgeist von immer neuen Martern selbst mit dem allergrausamsten Jehovah messen liess, und alles um der grösseren Ehre des Herren willen – ja! dieser Hunger war fürwahr grässlich, grauenhaft, übermächtig in seinem wahnsinnigen Überschwange, in seiner alles zermalmenden Tollwut – aber grenzenlos lächerlich war der Hunger des einschrumpfenden, unwillig brummenden Magens des Priesters der Kunst!

Das war schon eine groteske, chimärenhafte Karikatur des Hungers, – der gemeine, stumpfsinnige, blöde Sancho Pansa eines erhabenen Don Quijote, ein dummer, aufdringlicher, widerwärtiger Famulus, der einen göttlichen Faust, welcher eben in himmlischen Wundern untergetaucht ist, fortwährend an seinem Rocke zupft – nichts im Vergleich damit ein quälendes Schlucken, das einen mitten in der intensivsten Liebesekstase befällt, und nichts die Lächerlichkeit eines plötzlichen Zahnschmerzes, der die Himmelfahrt eines in erhabensten Visionen schwelgenden Dichters begleitet.

Gasztowt krümmte sich vor höhnischem Lachen – und dies alles um der Kunst willen!

Nun hatte er Lust, sich auf seine Bilder zu stürzen, sie in Stücke zu reissen, auf einen Haufen zu sammeln, ihn anzuzünden und sich zu freuen an dem Prasseln der Ölfarben, seine Augen zu sättigen an dem stinkenden Rauch, der dem blakenden Leinwandhaufen entsteigt – aber er hatte keine Kraft dazu – und mit jähem Ruck befiel ihn eine entsetzliche Langeweile.

Es kam ihm vor, als sei die ganze Welt nur ein riesenhafter Leviathan, der ihn – den Propheten Jonas – einst hinuntergeschluckt und ihn jetzt aus dem vor grässlicher Langeweile gähnenden Rachen auf das Eiland des elenden Sofas herausgeworfen habe – und alles ringsumher gähnte: das Sofa langweilte sich im schneidenden Gekreische der verrosteten Sprungfedern unter der Last des auf ihm gähnenden Menschen – scheussliche Langeweile gähnten seine Bilder mit ihrem öden, ausgemergelten Symbolismus, aus jeder Ecke schnaufte unwillig die Langeweile, und selbst seine Stiefel, auf die er jetzt sein besonderes Augenmerk richtete, schienen zu gähnen, denn die Sohlen lösten sich bedenklich von dem Oberleder.

Und seine Langeweile nahm so verzweifelte Dimensionen an, dass er gar nicht fühlte, wie die Angst und das Grauen des morgigen Tages immer höher in ihm stiegen und mit den scharfen Zähnen eines Ichneumons seine Nerven zersägten.

Als er sich endlich auf sich selbst besann, empfand er tiefe Scham: über seine Wangen rollten Tränen des Verlassenseins, der Ohnmacht und des tiefen Schmerzes.

Nun, das war des Guten zu viel. Das fehlte noch! Wütend über sich selbst ballte er die Fäuste, aber die milde Mitternachtssonne des Verzichtes und der Ergebenheit beruhigte die Flutwelle des Zornes.

Jetzt hatte er das Gefühl, als sässe er auf dem Gipfel einer Anhöhe in einem bequemen Schlitten auf frisch gefallenem Schnee. In der Tiefe blaute dämmernd ein Tal und vor ihm stieg wieder eine andere Anhöhe auf, mit einem noch höheren Gipfel.

Eine unsichtbare Hand stiess den Schlitten ab – wie im Fluge sauste er hinab ins Tal, und die Wucht des Anlaufes war so stark, dass er noch den anderen Gipfel erreichen konnte.

Nun sah er hinab in die Tiefe: dort unten eine Strasse, die ganz im elektrischen Lichte badete – auf den Trottoirs wimmelten Menschen wie in einem Ameisenhaufen und mitten durch die Strassen sausten die elektrischen Strassenbahnen.

An seine Ohren drang das dumpfe Geräusch und Gerassel der Strasse – er sah die Menschenwogen, die aufeinander zuströmten, einander auswichen, dann sich wieder stauten und von neuem vorwärts fluteten, – und er empfand Sehnsucht, sich in diese Flutwellen hinabzuwerfen und von ihnen getragen zu werden, gleichgültig, an welches Ufer sie ihn bringen würden.

Etwas zog ihn gewaltsam auf die Strasse hinab. Mechanisch suchte er seinen Hut und seinen Stock, aber da er weder das eine noch das andere sofort finden konnte, wollte er sich mit dem Suchen nicht überanstrengen, um so mehr, als er ja ausgehen konnte, wann er nur wollte – die Zwischenzeit konnte er gut ausnützen . . . Ausruhen musste er, denn er empfand im Gehirn dumpfe Schläge, wie beim Holzhacken in der Kehle eine Trockenheit, als ob er heissen Wüstensand geschluckt hätte, und in den Fingerspitzen ein unangenehmes Prickeln, als hätte man ihn mit seinen Nadeln gestochen.

Er hatte ja noch Zeit, auf die Strasse hinauszugehen und masslos bis zum völligen Rausch das übermächtige Symbol des menschlichen Hungers: die Strasse – in sich einzuschlürfen.

Und niemand hatte bis jetzt die Strasse gemalt, zu malen vermocht!

Ja richtig! Delacroix – sein Barrikadenkampf! Dieser höllische Heisshunger nach Freiheit! Grossartig – übermächtig – ja! das ist wahr, aber das war noch nicht das – das Letzte – das Restlose! Da sollte ein wahnsinniger Satan Weiber, Greise und Kinder hinter sich herschleppen und sie zu neuen Barrikaden einstampfen – die Mauern sollten mitkämpfen, denn die Mauern der Strasse sind lebendige Wesen, gieriger, rachsüchtiger noch als der Mensch . . .

Die Strasse zu malen! O Seligkeit, o unsagbare Schönheit!

Eine priapische Strasse, um die Mitternacht herum, mit einer Herde hungriger, verschlagener, heimtückischer Weibchen, hinter ihnen wie brünstige Hengste verknäultes Gemenge von geilen Satyrn, oh! dieser höllische und so unendlich lächerliche Hunger des ragenden Phallus!

Eine Strasse, überdicht bevölkert mit einer zahllosen Menge von Krüppeln, Prostituierten, Zuhältern, Dieben, Messerhelden, die sich trunken nach dem stinkigen Nachtasyl hinwälzen –

Eine Strasse mit der verächtlich grinsenden Pfandleihe, zu deren noch verschlossener Pforte eine gottvergessene, nach vertierendem Rausch lechzende Menge sich während der Karnevalszeit drängt: das Letzte wird verpfändet – Aschermittwoch vor der Tür – der Hunger des morgigen Tages fletscht grinsend die Zähne, aber was ist der Hunger des Magens gegen den wütenden Hunger, noch das Heute zu geniessen – einmal noch, das letzte Mal, in trunkener Gier, in wütender Brunst, in verreckendem Betäubungsverlangen –

Und eine Strasse, streng, ernst und hoheitsvoll, wie das Gesicht eines an Grössenwahn leidenden Jehovahs, steil hinan laufend und abgeschlossen durch ein mächtiges Heiligtum: die Börse – und höher noch, den Montmartre-Berg hinan, einem blödsinnigen, in den Delirien der Rückenmarksschwindsucht erzeugten Versailles vergleichbar: ein unermessliches Bordell, das liebend mit weiten Armen die ganze Stadt rings umfängt – und über all dem thronend auf dem höchsten Gipfel ein schlotterndes, greisenhaft greinendes Sacré-Cœur, zu dessen Füssen der erste konsequente und überzeugte Atheist auf dem Scheiterhaufen schmort!

Auf den Armen des in den Himmel ragenden Kreuzes, auf der Kuppel der Basilika, sitzt rücklings der Satan, spielt die Flöte mit unsagbar lustiger Gebärde und lockt und lockt:

»Kommet alle zu mir, die ihr beladen seid!«

Ha, ha, ha! Gasztowt wälzte sich in verkrampftem Lachen.

Die Strasse, die Strasse, die Strasse! dröhnte es in seinen Ohren.

Er war besessen von der Vorstellung der Strasse.

Die Strasse des unzüchtigen Handels und Feilschens, die Strasse der Geschlechtsgier und widerlicher Unflätigkeit, die Strasse des Meuchelmordes und verbrecherischer Liebeshändel, die Strasse der freudetrunkenen Hoffnungen und in konvulsivischem Verzweiflungsgeheul sich wälzenden Enttäuschungen, die Strasse der Mastschweine, die nicht einmal Zeit haben, siebenmal am Tage zu sündigen wie jene, die den Gerechtesten zugezählt werden, und die Strasse, auf der die Märtyrer der Liebe schleichen mit roten Geschwürkränzen um die Stirne, die Strasse, über die zahllose Särge ziehen während der Pestzeit, über die der sinnlose Karnevalstrubel rast, oder im triumphierenden Paradeschritt die Reste der stolzen Untertanen einherstolzieren, die mitleidige Kanonen als Futter verschmäht haben, oder die eine zahllose Menge derer, die nicht arbeiten, aber essen wollen, verrammelt hat.

Die Strasse!

Gibt es ein mächtigeres Symbol des menschlichen Lebens – eine gewaltigere Offenbarung des alle Himmel und Höllen des Daseins umfassenden Hungers?!

Er fieberte.

Jetzt musste er auf die Strasse hinaus!

Jetzt wird er einem Fetischisten nachschleichen, der mit einer Unzahl von Vorsichtsmassregeln auf den Augenblick lauert, wo er einem Mädchen den Zopf abschneiden kann – dort wird er auf einen Viertelsekundenblick die Hand eines Taschendiebes erhaschen, die in dem Frauengewühl an einem Schaufenster mit den modernsten Hüten in die Rocktasche einer Dame hineintaucht und mit staunenswerter Geschicklichkeit das Portemonnaie herausfischt – dort wieder wird er sich an dem Anblick eines Herrn weiden, der, von den Furien unzüchtiger Gelüste gepeitscht, sich an eine junge Dame wendet und ihr etwas zuflüstert –

»Sehr gerne, mein Herr, aber doch nicht hier auf der Strasse!«

Ha, ha, ha! gut abgeblitzt! Gasztowt grinste.

Er suchte sich aufzurichten.

Er musste jetzt gehen.

Vielleicht würde er sie treffen.

Wen? staunte er heuchlerisch – wen denn, zum Teufel?

Aha! Ja, richtig! Nun! warum denn nicht? Aber mit grösstem Vergnügen, das wäre wirklich ein prächtiger Zufall.

Er würde ihr bei dieser Begegnung seine grösste Freude ausdrücken, denn bei dieser Gelegenheit würde er ja endlich ihre Stimme hören.

Er hatte zwar einen furchtbaren Schrei gehört, aber er war nicht sicher, ob sie ihn ausgestossen hatte – möglich, dass er aus seinem Inneren kam, und nichts hatte er so bedauert, als eben das, dass er ihre Stimme nicht zu hören bekommen hatte.

Dabei hatte er die absolute Überzeugung, dass, wenn er sie zu hören bekäme, er dann etwas Unfassbares, Unglaubliches schaffen würde, – woran noch kein Mensch überhaupt zu denken gewagt: er würde die Sprache der Strasse malen, dieser kirchhoffriedlichen, von verzweifelten Todeskämpfen erschöpften, mit verschlissenem Trauerflor festlich geschmückten Strasse . . .

Dann erst werden seine Bilder zu leben beginnen, wenn er dazu kommt, sie sprechen und schreien zu lassen: ein ungeahntes Leben wird diese lange, dämmrige Strasse empfangen – auf ihr die wankende Gestalt, die an den Mauern entlang schleicht – im Hintergrund die gespenstische Brücke – das Schafott, an dem der Beherrscher alles Lebens: der Tausendfüssler, seiner Opfer harrt.

Das alles würde sich in ein grosses, geheimnisvolles Leben kleiden und laut zu sprechen anfangen, sobald er nur ihre Stimme zu hören bekäme . . .

Schliesslich könnte er ihre Stimme auch ebensogut in Tönen wiedergeben, er wusste ganz genau, dass er sie spielen könnte, er würde sicher seiner Geige dies Wunder erzwingen.

Aber leider hatte er keine Geige – er sah auf die Stelle an der Wand, wo sie einst gehangen . . . Ja, er hatte keine, es war ihm schwer genug geworden, sich von ihr zu trennen, noch immer empfand er schmerzhafte Stiche in seinem Herzen, wenn er sich an seine herrliche Cremoneser Geige erinnerte – er hatte sie aber los werden müssen, damit der Ton ihm nicht die Farbe ertötete, dass seine Farbenwut durch keinen Ton gezähmt wurde . . .

Er schüttelte sich plötzlich:

Nein – das war wieder gelogen! Er hatte die Geige ganz einfach verschachern müssen, um ein Dach über seinem Kopfe zu haben – der Erlös für die Geige hatte den jährlichen Mietzins des Ateliers gedeckt, als er schon aus ihm hinausgeworfen werden sollte.

Jedenfalls war es sehr schade, dass er die Geige nicht hatte, – sicher hätte er auf ihr ihre Stimme in den feinsten Tönungen wiedergegeben, selbst den Schrei würde er ihr zu entreissen verstehen . . .

Schade – schade! . . .

Aber seine Gedanken schienen übermüdet zu sein, er horchte noch auf ihr wirres Träumen hin, doch fand er keinen zusammenhängenden Sinn in ihnen – nur von unten auf arbeitete sich ein dumpfer Befehl in ihm hoch:

Nun aber hinaus auf die Strasse!

Ja, ja! Jetzt wollte er es nicht mehr aufschieben – jetzt musste er auf die Strasse gehen. Unruhig ging er auf und ab und durchsuchte noch einmal mechanisch seine Taschen.

Plötzlich zuckte er zusammen – aus der Westentasche zog er den Ring hervor.

Wie kannst du nur so leichtsinnig sein, fuhr er sich wütend an, und diesen Ring lose in der Westentasche tragen – diesen Ring, mit dem sein ganzes Leben unlösbar verkettet war, dessen Fluch ihn zum erhabensten Künstler gemacht hatte!

Wie leicht hätte er ihn verlieren können, jetzt grade, wo er ab und zu ganz unzurechnungsfähig; war, verwirrt und ganz krankhaft zerstreut!

Er suchte in der Schublade des Tisches herum, und unter verschiedenem alten Kram und Gerümpel fand er endlich eine Stahlkette, an der er einst eine Uhr getragen hatte.

Er war entzückt über diesen Fund, befestigte den Ring sorgsam an der Stahlkette, diese wieder an seiner Weste und steckte den Ring in die Tasche:

Das macht sich sehr gut, grinste er, es sieht aus, als sei ich in dem kostbaren Besitz einer Uhr!

Ja, ja, ich habe sie einmal gehabt, die kostbare Violine auch, nur den mottenzerfressenen Pelz wollte niemand kaufen . . .

Nun überlegte er angestrengt, ängstlich, entsetzt – Schrecken fuhr ihm durch die Glieder bei dem Gedanken, dass er jetzt ganz ruhig in irgend eine Kneipe einkehren, sich Speise und Trank geben lassen könnte, um dann schliesslich unter dem Vorwand, dass er das Geld vergessen hätte, den goldenen Ring der Kellnerin als Pfand zu überlassen.

Aber, obwohl ihm der Gedanke ungeheuerlich vorkam, dass fremde Hände diesen Ring betasten, – gradezu frevelhaft, dass fremde Augen seinen Wert abschätzen könnten, – so wusste er doch mit unfehlbarer Sicherheit, dass er es doch tun würde, und war schliesslich glücklich, die Anziehungskraft der Strasse so übermächtig auf sich wirken zu fühlen, dass alle Überlegungen und Bedenken jetzt nichts mehr zu fruchten vermochten.

Wie froh war er im Grunde, dass er sich nicht mehr mit hemmenden Gedanken abzuplagen brauchte . . .

Also wird er schlimmstenfalls, wenn er, todmüde von dem Absuchen der Strassen, ohne das Weib gefunden zu haben, irgendwo einkehrt, sich ehrbar hinsetzen – essen und trinken, ja! es überlief ihn heiss – endlich essen und trinken zu dürfen – er konnte es in vollster Seelenruhe tun, denn er hatte ja ein Pfand einzusetzen – ja! das war ein prachtvoller Gedanke.

Aber auch abgesehen von der Qual des Hungers und Durstes, hätte er sowieso unter dem Zwang eines unüberwindlichen Verlangens auf die Strasse gehen müssen: er war ja ganz krank von dem unbezähmbaren Verlangen, jetzt Menschen zu sehen, – überdies wird es ihm jetzt ein geradezu wollüstiges Gefühl bereiten, wenn ihm das Licht, das sich aus einer stinkenden Lampe mühsam durch den unglaublich widerlichen Tabaksqualm durcharbeitet, die Augen beizt – ein Hochgefühl wird es für ihn sein, einen Anfall von Keuchhusten zu bekommen von dem Geruch des alten ranzigen Specks, auf dem in der danebengelegenen Küche alle Speisen bereitet werden – und mit welcher Wollust wird er auf das Geschrei und das Gejohle unmenschlich besoffener Arbeiter hinhorchen und die Luft einatmen – diese fabelhafte Luft, geschwängert von scheusslichen Fuselausdünstungen.

Ja! dies alles wird ihm masslose Freude bereiten, – und nirgends konnte man die Strasse so selig, so intensiv geniessen, sie ganz und gar in sich aufnehmen, wie gerade in diesen unterirdischen Nachtspelunken!

Sonniges Lachen irrlichtete in seiner Seele: vielleicht wird er einen unflätigen Tanz zu sehen bekommen, – unglaublich schwer zu zeichnen in seinen Verdrehungen, seinen unzüchtigen Zuckungen und bestialischen Verkrampfungen – vielleicht wird er auf das Gequietsche einer unglaubwürdigen Geige andächtig horchen können, oder auf das Ächzen und Stöhnen einer verstimmten Gitarre, auf deren verrosteten Saiten irgendeine schwindsüchtige Dirne herumzupft und dabei heiser brüllt:

Les ch'veux frisés,
Les reins vidés,
Les pieds usés,
Les os cassés,
          Pierreuses,
          Trotteuses,
A' marchent l' soir
Quand y fait noir,
Sur le trottoir!

Herrlich! Herrlich! Das wirkliche Pathos der Distanz!

Er war über alle Massen erfreut, dass er dies alles sehen und hören sollte, verscheuchte alle Gedanken, die ihm seine festliche Laune irgendwie verderben konnten, betastete die Westentasche, ob der Ring wirklich da war, setzte sich mit grosser Bravour den Hut auf und, beseelt von hoffnungsvollem Unternehmungsgeist, ging er die Treppen hinab – auf die Strasse . . .

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