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Stanislaw Przybyszewski: Der Schrei - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Schrei
authorStanislaw Przybyszewski
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleDer Schrei
pages1-179
created20020920
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1918
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III

Als er erwachte, konnte er sich nicht zurechtfinden, wo er eigentlich war.

Als hätte sich eine schwarze, öde, dumpfe Nacht um ihn gebreitet.

Und in dieser Nacht hörte er das Brausen aus weiter Ferne heranflutender Wogen – näher, noch näher – jetzt sah er sie schon ganz deutlich, wie sie sich immer höher emporwälzten, sich in der Höhe stauten, zu einem himmelhochragenden Wasserwall emporwuchsen – meilenbreit – im Donner des Jüngsten Gerichts und höllischem Gebraus . . . Und er sah den grauenhaften Wall noch immer anwachsen, ihn näher und näher auf sich zukommen in gewaltigen Sprüngen, als wälzte er sich über hochragende Kämme unterseeischer Gebirgsketten – jetzt sah er die entsetzliche Springflut wie eine taumelnde Mauer dicht vor sich – jetzt, jetzt musste er einen furchtbaren Schrei hören, denn dieser Wasserwall musste ihn mit der Schwere eines Wolkensturzes unter sich begraben und ihn zu Brei zermalmen.

Aber er hörte keinen Schrei . . .

Und wieder wälzten sich von den Rändern des Horizontes neue Flutwellen heran, noch mächtigere Wasserkonvoluten, aber auch diese brachen unter ihrer eigenen Schwere zusammen, stürzten in die Tiefe, lösten sich in meilenbreite Schwaden, ergossen sich mit seichter Flut über den Ufersand – und auch jetzt hörte er keinen Schrei, nur eine demütige Anbetung der sandigen Untiefen im leisen Gewimmer.

Er horchte gespannt in sich hinein: ein gespenstisches, schauerliches Lied, irgendwo auf der Strasse geboren – aber nein! es war kein Lied, denn er konnte keine bestimmten Gehörseindrücke unterscheiden – das, was er empfand, war eher eine Reihe schnell auf einander folgender schmerzhafter, seelischer Erschütterungen: die Schauer düsterer Balladen, frostiger, eiskalter Glanz verzweifelter Litaneien, Mark und Bein erschütternde Psalmodie von Grabgesängen, das keuchende Gestöhn von Sturmglocken, das das Blut zu Eis erstarren lässt – aber er hörte nicht den Schrei, in dem sich doch das tiefste Geheimnis der Strasse ihm offenbart hatte.

Im Gegenteil:

Etwas in ihm wurde zu einem bodenlosen Trichter, worin sich ihm das ganze All lautlos in abgründige Tiefen zu ergiessen begann – ihn würgte eine dumpfe, schwüle Stille, er selbst löste sich in Teile und Teilchen auf, fing sich an zu verlieren, im Himmelsall zu zerfliessen und mit ihm zusammen in dem dunklen Abgrund des Trichters zu versinken . . .

Und doch hatte er einen Schrei, einen gewaltigen Schrei gehört, der die ganze Welt aus den Angeln hob – wann – wann war es nur?

Dieser Schrei! Dieser Schrei!

Es begann langsam in ihm zu dämmern.

Aber das alles war wohl nur ein Traum . . .

Er warf den Pelz ab – wieso mochte nur der Pelz hierher gekommen sein? – setzte sich aufs Sofa und sah sich um: die Tür zum Nebenzimmer war offen – er stand auf und sah hinein: niemand war dort – nur eine Wasserlache auf dem Boden rief ihn in die Wirklichkeit zurück – also war das alles doch kein Traum – alles: die wirklichste, sonnenhelle Wirklichkeit!

Sie war also aufgestanden, hatte sich angekleidet, als er im tiefsten Schlafe lag, war witzig genug, ihn zum Spott mit dem Pelz zuzudecken, und war ihrer Wege gegangen.

Wie das alles unsagbar lächerlich war!

Wie schauderhaft lächerlich und dumm und albern! Oh, die Strasse hat schon ihren Witz, einen boshaften, schmerzhaft bissigen Witz!

Und er empfand eine tiefe, qualvolle Scham, aber nur einen Augenblick, denn gleichzeitig hörte erden ersten Vers des Busspsalmes, mit dem seine wahnsinnige Mutter ihn der Kunst angetraut hatte:

»Alle Scham und Schande wird dir auferlegt werden, und du wirst sie tragen!«

Und gleich, zugleich vergass er alles.

Er ging eine Weile in dem Atelier auf und ab – in seiner Seele fing es an zu wachsen und zu schwellen, sie erzitterte wie eine tausendsaitige Harfe unter reissenden Arpeggios, erdröhnte in gewaltigen Akkorden – breitete sich über ihre Pole hinaus, weil sie den Umfang dieser Übermacht von Tönen nicht fassen konnte, dieser ins Uferlose wachsenden Macht, um den grossen Schrei zu gebären: das schauerliche Geheimnis, nach dem er so lange vergebens gefahndet hatte.

Und er sah jetzt den Schrei als einen gewaltigen Blitz, der die Luft in Fetzen riss, den Himmel in tiefe, feuerstrotzende Furchen zerpflügte und auf ihm eine Feuersbrunst entfachte von tollgewordenen Farben, in denen giftige Gase brennen, verspritzt von dem Gischt des kochenden Gemenges verschiedenartiger Metalle, – und es sah aus, als ob die Regenbögen von entstehenden Welten in tödlicher Wut miteinander rangen.

So! Ja! so musste der Himmel schreien!

Er spannte fiebernd die Leinwand über den Rahmen, wusch die Pinsel, zerrieb die Farben auf der Palette.

Und tief unten, hinter dem Rand des Horizontes, langsam sich heranwälzende Wasserwälle, bis hinauf in den Himmel sich emporstauend, über ihnen das übermächtige, höllische Brückenjoch – so! so!

Nur es nicht aus den Augen verlieren – dass nur nicht in den Ohren der Schrei erstirbt – jetzt würde er endlich die Synthese der Strasse erschaffen – »der Strasse!« schrie er gell auf.

Er pfiff, er lachte, er sang, peitschte sich hinein in die Ekstase des Schaffens, er biss die Zähne zusammen, denn das Feuer, das in seinen Adern raste, begann ihn zu schmerzen, in den Augen sprühten im wilden Zickzack die Blitze, die er vergebens zu verscheuchen suchte – seine Seele schütterte in ihren Grundfesten, um sich aus dieser vorschöpferischen Qual zu erlösen, und plötzlich kam der grosse Augenblick der Befreiung: ein verzücktes Herumschweifen trunkener Augen in dem unbegrenzten Raum überweltlicher Geheimnisse, er überschritt die heilige Schwelle: er erschauerte und erlöste sich in einer solch weltentrückten Sammlung und einer solchen übermenschlichen Anspannung aller Kräfte, dass er sein Dasein vergass, in ganz anderen Dimensionen aufzuwachen glaubte – er hätte jetzt im lodernden Feuer stehen können und würde nicht gemerkt haben, dass er brannte.

Er wusste nur, dass sich in ihm jetzt ein schmerzhaftes Mysterium vollzog, aber er empfand keinen Schmerz – er fühlte deutlich, dass sich etwas in tiefster Not von dem Grund seiner Seele loslöste und sich zu einem neuen Leben umformte, aber er spürte nicht die Qualen der Geburt – es kam ihm vor, dass er nicht mit Händen arbeitete, sondern mit den Augen die Farben auf die Leinwand auflegte, sie mit dem Schrei, der sich seiner Kehle ohne sein Wissen entriss, zu heisser Glut entfachte – mit den Worten des irrsinnigen Busspsalmes führte er die dumpfe, dämmrige Strasse mit den tastenden Händen, den in dumpfer Verzweiflung taumelnden Schritten, in der Qual des Verlangens vertrockneten Augen in die Tiefe –; die Strasse verröchelnder Seufzer, keuchender Schreie, die durch die Sturmflut des reissenden Stromes entzweigerissene Strasse, –und hoch über ihre Teile, hoch in den Himmel hinauf das höllische Brückenjoch – jetzt nur noch den Schrei, der die Luft in Fetzen reisst, den Himmel mit glühenden Farbenfurchen durchackert und auf ihm die Feuersbrunst besessener Farbenwut entfacht – jetzt nur noch dies eine!

Und im selben Nu verschwand in dem abgründigen Trichter die gischtige Flutwelle der Eingebung, zu Eis gefror sein Blut. Etwas hatte ihm wieder die Teufelsbrillen vor die Augen gesetzt, durch die er einen erbärmlichen, formlosen Farbenwirrwarr erblickte, ein jämmerliches, elendes Machwerk: seine Ohnmacht und die kindische Unfähigkeit, seine Vision in Wirklichkeit zu verzaubern.

»Lasciate ogni speranza!« er hatte Lust, es aus allen Kräften hinauszubrüllen, er wusste nicht, ob in furchtbarem Weinkrampf oder irrsinnigem Wutausbruch – er packte das Bild, warf es in die Ecke, taumelte auf das Sofa – in seinen Augen brannte schmerzhaft die Angst, sie schlug in kurzen, abgerissenen Rhythmen in seinen Stirnadern mit einer solchen Kraft, dass er deutlich fühlte, wie alle Blutgefässe platzten.

Woher nur diese höllische Ohnmacht?

Er hörte in sich ein rasendes Spottgewieher, ein wüstes Zähneklappern der Verdammnis – sein Kopf barst, und mit letzter, verzweifelter Anstrengung begann er sich zu beruhigen.

Er sprach sich zu, eindringlich und begütigend, sprach mit einem erstaunlichen Aufwand an überzeugendster dialektischer Kraft – er führte seine physische Erschöpfung ins Feld, seinen völligen Kräfteverfall infolge von Hunger und äussersten Entbehrungen usw. usw. – für das Argument, dass alle grossen Künstler Hunger und Not gelitten hätten, brachte er tausend andere Argumente vor, die jenes zuschanden machten – mit seltener Geschicklichkeit parierte er in der Luft die schwersten Schläge, die ihn schon ganz zu zermalmen drohten, sprang behende beiseite, als er schon über ein tückisch gestelltes Bein stolpern und zu Boden fallen sollte, vertrat vor dem Tribunal der strengsten Richter eine Sache, die schon ganz verloren schien, mit solcher Begeisterung und Überzeugungskraft, dass selbst der Staatsanwalt, die Schuldlosigkeit erkennend, Freispruch beantragen musste – denn im letzten Grunde lastete doch auf ihm der Fluch, mit dem seine eigene Mutter ihn beladen hatte: er sollte gezwungen werden, das Brot zu essen, das durch die Harpyien besudelt ward, aus stinkenden Pfützen seinen Wein zu trinken und bei den Aussätzigen Herberge zu suchen . . .

Dieser Fluch war unabwendbar, dagegen konnte keine weltliche noch himmlische Macht etwas ausrichten.

Er war erlöst und reingewaschen.

Und nach diesem unsagbar wohltuenden Freispruch hätte er sich nun ganz wohl fühlen müssen – ganz gewiss – hätte ihm nicht die Erinnerung an seine gestrige Schandtat das Gehirn mit brennender Scham zermartert.

Wie konnte er nur so erbärmlich handeln und einen Menschen gegen seinen Willen retten!

»Retten!« brüllte er heiser auf.

»Retten!« wiederholte er und grinste: das war doch tausendmal schlimmer, als hätte er sich hinterlistig in ein fremdes Geheimnis eingestohlen, als hätte er einen fremden Brief überm Dampf geöffnet oder jemanden durch das Schlüsselloch belauscht!

Jetzt wurde er ernstlich auf sich böse.

Was würdest du, Rohling, der du bist, dazu sagen, wenn dich irgend ein Dummkopf gerade dann »retten« wollte, wenn du endlich, übersatt vom Leben, von Ruhm und Hunger, beschlossen hättest, dich vom Sein in das Nichtsein hineinzubugsieren?!

Rettung! nennen sie das! Ha, ha, ha! Gasztowt schüttelte sich vor bösem Lachen – ach! wie gemein, wie nichtswürdig!

Gewaltsam die Seele an den Körper anschmieden wollen, die sich mit allen Kräften in das Jenseits loszureissen versucht – die todmüde Seele nach der grässlichen Wanderung durch die allzu lange, stinkende, unflätige Gasse, die sich Leben nennt – sie wieder hineinpferchen in das Aasgehäuse, das sie voll Ekel und Abscheu endlich verlassen wollte – oh! das ist gemeiner und niederträchtiger, als würde man einen Sklaven, dem man soeben die Freiheit geschenkt, wieder in seine finstere, modrige Gruft zurücktreiben!

Gemein und dumm hatte er gehandelt! Jetzt konnte er nur allzugut verstehen, dass sie so insgeheim sich aus seinem Atelier weggestohlen hatte – sie wollte ihm nur die tiefe und brennende Scham ersparen – ihm und sich selbst, denn zweifellos hatte sie sich über ihn schmerzlich geschämt.

Jedenfalls war die Geschichte noch immerhin günstig abgelaufen, insofern als niemand dieses dumme, lächerliche Abenteuer beobachtet hatte – sonst hätte er sich auf der Polizei melden müssen, sich dort legitimieren, lang und breit erzählen, wer er sei, wie er dazu käme, ein wildfremdes Weib zu retten, wozu er doch keine polizeiliche Befugnis hätte, sein Name wäre wahrscheinlich wegen groben Unfugs in die Zeitungen gekommen und damit hätte er glücklich den Gipfel der himmelhoch ragenden Lächerlichkeit erklommen.

Und als er sich das alles gründlich überlegte, beruhigte er sich vollkommen.

Er zündete sich eine Zigarette an und streckte sich langhin auf das Sofa.

Den Kopfschmerz empfand er, als hätte sich in seinem Hirn ein angenehmes, glutloses Feuer entzündet, und das quälende Zucken und der stechende Schmerz in den Extremitäten kam ihm als etwas angenehm Prickelndes vor – und als er sich tiefer in die Analyse des Schmerzes vergrub, musste er darüber lachen, dass man sich seiner nach Kräften erwehrt, wo er doch, überkippend, ein enormes Lustgefühl auslöse – und gleichzeitig fühlte er, dass er sich verdoppele – ganz gewiss, in zwei distinkte Wesen spalte – und behorchte mit grösstem Vergnügen das listige und ausserordentlich geschickte Gespräch, das der Andere mit dem Weibe angeknüpft hatte.

Er hatte sie nämlich zufällig auf der Strasse getroffen – und das war ausserordentlich günstig, denn er wollte unter allen Umständen eine kleine Aussprache herbeiführen und nötigenfalls erzwingen, um sich zu entschuldigen und seine Gründe klarzulegen, warum er diese schändliche Tat begangen hatte.

Auf diese Weise würde er auch dem Lächerlichen an dieser ganzen Sache die Spitze abbrechen.

Aber sie schien ihn gar nicht anhören zu wollen, denn sie ging schnell weiter, und so konnte er ihr nur bruchstückweise die ganze Sache vortragen.

Er kenne sie nämlich schon seit längerer Zeit, er habe sie öfters gesehen und immer habe er sich für sie in hohem Masse interessiert.

Gasztowt hörte erstaunt die frechen Lügen seines Doppelgängers an und war gespannt, wozu sie dienen sollten.

Er beschrieb ihr das Glück des Künstlers, der sich eine ganze – ja wirklich! mehr als eine ganze Woche die Mühe gegeben hatte, die unsagbare Grazie ihrer Bewegungen im Gedächtnis festzuhalten, sich den seltsamen Ausdruck ihrer Augen einzuprägen; und so werde sie sich auch die Qual dieses Künstlers vorstellen können, in dessen Gehirn das Gesicht des Weibes greifbar lebendig war, – doch wenn er in sein Atelier kam und es malen wollte, verschwand alles wie weggefegt – deshalb, nur deshalb sei er ihr gefolgt, habe sich wie ein Schatten hinter ihr hergeschleppt . . .

Wozu nur diese blödsinnigen Lügen? dachte Gasztowt erstaunt. Er war immer mehr gespannt, wie die Sache ablaufen würde.

Sie müsse ihm das nicht übelnehmen, denn ein solches Modell zu finden, wie sie sei, das käme selten vor, ein solches Glück sei selten einem Künstler beschieden . . . Und so, nur so sei es gekommen, dass er die schändliche Tat der Rettung ausgeführt. Das war gemein, brutal, niederträchtig, dass er sie daran gehindert habe, sich von dem widerlichen Leben zu erlösen, aber so sei nun einmal seine Seele: brutal, zynisch, egoistisch – für sie bedeute ein noch nicht gemaltes Bild tausendmal mehr als das grösste Glück eines Mitmenschen.

Warum lüge er so dumm, frech und naiv? was bezwecke er damit? fragte sie plötzlich und blieb stehen. Er habe sie doch niemals früher gesehen, seine dumme Rettung sei doch nur das Werk eines infamen Zufalls – und jetzt solle er sich zum Teufel scheren.

Recht so! das geschieht dir recht für deine infamen Lügen! Gasztowt rieb sich vergnügt die Hände.

Nun war der Andere ganz zerknirscht und zermürbt.

Ja, er verdiene ihre heftigen Worte, sie könne ihn noch ganz anders strafen für seine Lügen, aber er habe sie nur deswegen vorgebracht, um seine rohe Tat ein wenig zu mildern und seine eigene Scham zu betrügen – da ihm das nicht gelungen sei und sie sein Lügengewebe durchschaut habe, so müsse er die reine Wahrheit sagen . . . Das, was er getan hatte, geschah nicht in irgend einer schlechten, ordinären Absicht – nein! im Gegenteil – es war nur eine reine Reflexbewegung . . . Er konnte doch nicht wissen, dass sie den Sprung über die Brückenbarriere absichtlich riskieren wollte, eher musste er voraussetzen, dass es ein unglücklicher Zufall war – ein plötzlicher Schwindelanfall, den er übrigens auch verspüre, wenn er von der Höhe in die Tiefe und namentlich ins Wasser hineinblicke, und es sei ja bekannt, welche enorme Anziehungskraft das Wasser auf den Menschen ausübe, das habe bereits Goethe gewusst und es eindringlich in seinem »Fischer« geschildert.

Gasztowt fieberte. Seine Gedanken tummelten sich in den unglaublichsten Sprüngen, rissen fortwährend, er verlor den Zusammenhang und wurde schliesslich sehr gereizt.

Das ist alles Blödsinn und krankhaftes Gefasel! Wenn er jetzt die absolute Notwendigkeit empfand, auf die Strasse zu gehen, so brauchte er doch für diese Tatsache keine so blödsinnigen Vorwände aufzuführen.

Er wollte das Weib doch sicher nicht aufsuchen, in Grund und Boden müsste er sich vor ihr schämen, ja geradezu vor Scham vergehen, sollte er sie zufällig treffen – wenn er also jetzt durchaus und unter allen Umständen auf die Strasse hinaus wollte, so nur deswegen, um seinen brutalen Hunger zu stillen, der ihm die Eingeweide zerriss, – seinen Durst müsste er stillen, er fühlte ja die Zunge wie einen trockenen, verbrannten Fleischfetzen, – dabei hämmerte es in seinem Kopfe, als müsste der Schädel auseinanderspringen.

Deswegen, nur deswegen müsste er jetzt auf die Strasse gehen!

In seiner Seele wuchs immer tiefer bebende Angst, keuchender Schreck und kranke Unrast.

Nur ein Gedanke band ihn mit starken Fesseln an die Wirklichkeit: wie konnte er auf die Strasse gehen, da er doch keinen Sou bei sich hatte?

Dass er nicht gestern daran gedacht, als er dem Droschkenkutscher winkte – was wäre das für ein widerlicher Skandal gewesen, wäre der Kutscher nicht so diskret verschwunden!

Aber er hatte jetzt keine Zeit, über die Folgen nachzugrübeln – er musste auf die Strasse – er musste seinen Heisshunger um jeden Preis stillen, und mit kranker, irrsinniger Energie – nur auf die Strasse zu kommen – stürzte er sich auf die Suche nach Geld, das doch in irgend einem geheimen Schubfach verborgen sein musste oder irgendwo, in guten Zeiten ganz vergessen, sich unter die Leinwand verirrt haben konnte . . .

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