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Stanislaw Przybyszewski: Der Schrei - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Schrei
authorStanislaw Przybyszewski
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleDer Schrei
pages1-179
created20020920
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1918
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II

Er irrte lange umher und verlor sich in dem Labyrinth von einander unter allen möglichen Winkeln schneidenden Gässchen, in dem Wirrwarr der seltsamsten Arabesken, die je in einen Stadtteil eingeschnitten wurden, aber je länger er ging, um so mehr nahmen seine Kräfte zu, er fühlte sich frisch und rüstig.

Dies Herumtrotten in den gewundenen Arabeskenlinien des Gässchengewirrs hatte ihn also nicht übermässig ermüdet, aber jetzt fühlte er doch Lust, ein wenig auszuruhen.

Er hatte das Gefühl, dass er trotz alledem doch nur ein Rekonvaleszent war, der sich freilich schon ganz gut auf den Beinen zu halten vermochte, aber doch bedenken musste, dass er aus schweren Fieberträumen jetzt erst zum wirklichen Dasein erwacht war.

Noch vermengte sich ihm der Fiebertraum mit der Wirklichkeit, und es würde ihm schwer fallen zu unterscheiden, was er wirklich erlebt und was nur durchträumt hatte – er würde auch jetzt nicht den Mut haben, sich eingehend damit zu befassen, um die ganze Wahrheit zu ergründen, – ebensowenig, wie er es über sich bringen konnte – vor einer Stunde, oder war es schon länger her – zu erforschen, ob der Fremde ihn mit seinen Blicken durchbohrte, oder nur im Anblick seiner Bilder versunken war.

Aber dies alles kam ihm kleinlich und winzig vor in Anbetracht der Tatsache, dass er sich nun sehr wohl fühlte.

Er gelangte endlich auf einen kleinen Platz, der ganz verödet und vereinsamt da lag, doch ziemlich dicht mit Bäumen umstellt war. Es kreuzte sich hier eine Unmenge von Gässchen; das war ihm allerdings peinlich, denn der Platz schien ein Knotenpunkt des ganzen Verkehrs dieses Stadtteils zu sein, aber als nach längerer Weile ringsherum sich nichts rührte und er die langersehnte Ruhebank gefunden hatte, war er über alle Massen zufrieden.

Er setzte sich hin, aber nicht weil er müde war – Gott bewahre! – nur einzig allein, um sich noch tiefer zu sammeln und sein Abendgebet zu verrichten, denn es ging schon gegen den Abend.

Er hüllte sich in tiefen Ernst, seine Seele weitete sich in inbrünstiger Andacht, und in tiefster Demut begann er seinen heiligen Busspsalm zu sprechen:

»Jegliche Scham und Schande wird dir auferlegt werden, und du wirst sie tragen;

»Deine Speise werden die Harpyien verunreinigen, doch du wirst sie gierig vertilgen, denn du wirst hungrig sein;

»Dein Wein wird bereitet werden mit bitterer Galle und widrigem Wermut, doch du wirst ihn trinken, denn es wird dich dürsten;

»Scharfe Kieselsteine werden dein Kissen sein, doch du wirst dein Haupt auf sie betten, denn es wird dich nach Schlaf gelüsten;

»An dem Tor der Aussätzigen wirst du deine Hand ausstrecken und Geld erbetteln zur Wegzehrung, denn Sturm und Regen werden dich von deinem Lager aufscheuchen . .«

Mit diesem prophetischen Fluch hatte ihn seine wahnsinnige Mutter auf ihrem Sterbebette der Kunst angetraut und ihm ihren goldenen Ehering auf den Finger geschoben.

Er nahm den Ring aus der Westentasche und betrachtete ihn ehrfürchtig.

»Und ich nahm die schwerste Last des Schmerzes auf meine Schulter ohne jegliche Klage, ich schleppte das furchtbare Kreuz, in blutigen Schweiss gebadet, das Golgatha des Todes und der Verdammnis hinauf, und ich werde es noch weiter schleppen, denn fürwahr ich bin Der, dem der Herr all sein Getier zuführte, auf dass ich ihm Namen gäbe und die leeren Formen mit meinem Herzensblute füllte!

»Ja und Amen!«

In tiefster Ergriffenheit liess er sein Haupt auf die Brust herabsinken, steckte unbewusst den Ring wieder in die Westentasche, versicherte sich nach einer Weile, dass er ihn wirklich eingesteckt hatte, und alle Angst und aller Zorn und Hader des Lebens waren von ihm gewichen – er stand auf, bog in das erstbeste Seitengässchen und ging vor sich hin.

Plötzlich merkte er, dass er den Weg eines fremden Schattens wandelte.

Er rieb sich die Stirn – jetzt erst kam es ihm zum Bewusstsein, dass er schon vor einer Weile ein Weib bemerkt hatte – ein Weib mit einem schmalen, feinen Gesicht, mit übermässig grossen Augen, in denen eine tiefe Melancholie hauste – die tiefste und ganz dieselbe, von der die Kirchenväter behaupten, sie sei das Bad, worin der Teufel die menschliche Seele bade . . .

Eigentlich sah er nichts anderes als nur diese Augen, oder vielmehr einen breiten, metallisch glänzenden Strahl aus weit aufgerissenen Augen, der ihm die ganze Strasse in etwas verwandelte, das gerade mit dieser Strasse nichts gemein hatte.

Zu diesen Augen gehörte eine lange, dämmrige Strasse, in deren Öde sie etwas suchten, was einmal dort sein musste und jetzt unauffindbar war. Zu diesen Augen gehörten lange, schmale Hände, die blindlings an den langen Mauern herumtasteten, um ein verschlossenes Tor zu finden, das sich hier in der Mauer befinden musste, und zu diesen Augen gehörten tastende, zaudernde Schritte, ängstliche und erschreckte und wie von einem nachdenklichen Überlegen gehemmte Schritte, jenen vergleichbar, die jeden Augenblick Gefahr laufen, an einer steilen Felswand abzurutschen.

Und diese lange, enge Strasse, die in dem stillen aber unheilschwangeren Leuchten dieser qualvoll angestrengt blickenden und nicht sehenden Augen, unter dem Tasten der irrenden Hände aufzuwachen und von den unsicheren, wankenden Schritten beunruhigt zu sein schien, führte hinaus zu einer Brücke, die über einen Fluss gespannt war.

Er schlich hinter ihr her, trat in den langen Schatten, den ihre Gestalt auf die dämmrige, wie vom leichten Abglanz eines unsichtbaren, stahlblauglänzenden Mondes beleuchtete Strasse warf – sein Schatten verschmolz mit dem ihrigen und kroch hinter ihnen her, wie ein formloses, trunkenes Gewürm, unwissend des Zieles, dem es zustrebte.

Sie trat auf die Brücke. Er blieb in dem Tor des Eckhauses stehen, wartete und spähte.

Und plötzlich hörte er einen grässlichen Schrei – nein, er hörte nichts, er sah nur einen lautlosen Schrei – sah ihn deutlich, – sah, wie die Atmosphäre barst, als ob ein Feuerpflug eine flammende Furche in ihr aufgerissen hätte, der Strom schwoll himmelhoch an, auch wölbte sich die Brücke, als wäre sie aus einer Kautschukmasse hergestellt, und im selben Nu sah er, wie die Gestalt, deren Schatten sich von dem seinigen längst losgelöst hatte, sich über die Brüstung schwang und jählings in das wild schäumende Gewoge des vom Heisshunger hochaufgepeitschten Stromes stürzte.

Er blieb wie versteinert stehen, konnte sich nicht von der Stelle rühren.

Endlich – endlich öffneten sich ihm in diesem Schrei die tiefsten Abgründe der Strasse. Nie früher hatte er den Schrei der Strasse zu hören bekommen – jetzt erst offenbarte sich ihm die Strasse in ihrem Grauen und in der Schreckensgewalt ihrer Verdammnis.

Die Augen seiner Seele weiteten sich zum unfassbaren Abgrundsdunkel, und als wären all seine Sinne in ein einziges Organ zusammengeströmt, schlürfte er mit ihm die grausige Klarheit geoffenbarter Geheimnisse, die plötzlich aus dem Dunkel herausschrie, in sich hinein.

Den Bruchteil einer Sekunde! Denn jetzt erdröhnte ein zwingender Befehl – er hörte ihn nicht mit seinem Ohr – auch hörte er ihn nicht in seinem Inneren – es war, als ob von der Ferne, vom jenseitigen Ufer aus, über den Fluss eine Hand sich hinausstreckte, ihn mit unüberwindlicher Kraft schüttelte:

– »Rette sie! Rette!«

Das war keine Bitte, das war der Donnerkeil eines fremden Machtwillens, der kein Bedenken vertrug und jede Besinnung lahmlegte.

Und jetzt wurde er ganz Auge.

Er sah einen dunklen Fleck, der zum Vorschein kam und wieder verschwand, auf den sich schwer wälzenden Wogen herumtanzte, verlor ihn wieder aus den Augen, aber immer wieder tauchte er auf – eine gewaltige Strömung hatte ihn erfasst, er kam in die Wirbel hinein, das Wasser ergoss sich ihm in den Mund, in die Ohren, gluckste in der Nase, aber, als wäre er von dem höllischen Kantschug gepeitscht oder von einer unfassbaren Macht besessen, die seine Kraft vertausendfachte, gelang es ihm, die Strähnen ihres Haares zu erfassen; er schlang sie um seinen Arm, warf eine leblose Masse auf sich, – er tauchte unter einen Augenblick unter dieser Last, arbeitete sich aber wieder empor, jetzt warf er sich in eine Strömung, aber schon begann seine Kraft zu erlahmen und im grässlichen Schreck fühlte er den Krampf, der ihn an den Armen packte.

Schon gab er nach, – da hörte er wieder diesen höllischen Schrei, und es war, als hätte ihm ein glühendes Eisen die Haut gesengt; noch eine übermenschliche Anstrengung: die Strömung warf ihn weit abseits der Brücke ans Ufer.

Er schleppte sie mit dem letzten Aufwand seiner Kräfte das Ufer hinan – eine leblose Masse.

Jetzt hatte er ein unbezwingbares Verlangen, sich langhin auf den Ufersand zu werfen und in seligstem Erstarren von all der übermenschlichen Anstrengung zu verenden – aber wieder empfand er den brenzligen Schmerz, als senge man ihm mit glühendem Eisen die Haut: als wären ihm aus unsichtbaren Quellen ungeahnte Kräfte neu zugeströmt, als wäre sein – oder irgend ein anderer Wille, den er nicht kannte, ein gewaltiger Hammer, für den er nur ein Ambos war, ging er an die Lebensrettung des Weibes, das fast kein Lebenszeichen von sich gab.

Alles, was er jetzt tat, war etwas ganz Automatisches – er selbst war nur ein Werkzeug in irgendwelchen ihm unbekannten, aber übermächtigen Händen.

Er riss ihre Bluse auf, löste das Mieder, hob ihren Kopf hoch und liess ihn wieder fallen, streckte ihre Arme und faltete sie über ihrer Brust – alles, was ihm nur in den Sinn kam, verrichtete er mechanisch, ohne darüber nachzudenken; endlich gelang es ihm, das Weib ins Leben zurückzurufen.

Sie schlug die Augen auf.

Und ein irrsinniger, gehässiger Blick quoll aus ihnen hervor, ihr Mund öffnete sich wie zum Schrei, aber im selben Augenblick fing sie an zu schlucken, röchelte, nieste und warf unter schwerem, keuchendem Husten Wasser und immer wieder Wasser aus sich heraus.

Das brachte sie anscheinend zur Besinnung.

Sie drehte sich auf die Seite, kroch in sich zusammen, verkrampfter Husten schüttelte ihren Leib – er hob sie mit den Armen hoch, stellte sie aufrecht, bis der Hustenanfall vorüber war, legte sie wieder auf den Ufersand.

Sie atmete tief, jetzt schon ohne Beschwerden. Nur aus ihren Augen züngelte giftig schweres, dumpfes Ächzen des Schmerzes, – ein Abgrund des schauerlichsten Schmerzempfindens öffnete und schloss sich wieder.

Und wieder richtete er sie auf – er sprach kein Wort, nur der Hammer eines fremden Machtwillens, der bis jetzt auf ihn wie auf einen Ambos geschlagen hatte, schien nun auch auf sie niederzuprasseln – sie begann zu gehen, wankte wie ein sturmgepeitschtes Rohr, er schleppte sie wie eine willenlose Masse, endlich nahm er sie auf seine Arme und trug sie bis zu der Stelle, wo seine Kleider lagen – legte sie wieder hin in den weichen nassen Sand, kleidete sich schnell an. Jetzt schien sie ganz bewusst zu sein: es kam ihm vor, als verzerrte sich ihr Gesicht in einem bösen Lachen, als zwinkerten ihre Augen boshaft, – aber was ging ihn das alles jetzt an!

Weit mehr beschäftigte ihn die merkwürdige Tatsache, dass weit und breit kein Mensch zu sehen war, dass niemand den grässlichen Schrei gehört hatte, dass die Entfernung vom Ufer bis zur Strasse sich ins Unermessliche zu steigern begann und dass es noch so merkwürdig hell war, obwohl die Dämmerung schon längst eingebrochen sein musste – aber das, was ihn am meisten in Erstaunen setzte, war eine Droschke, die in schnellem Galopp heransauste.

Aber er hatte keine Zeit zum Grübeln, zum Erforschen all dieser seltsamen Zusammenhänge – er winkte der Droschke, und als erwartete der Kutscher diesen Wink, fuhr er heran und wartete mit einer nachlässig-gleichgültigen Diskretion.

Dies alles kam ihm mehr als seltsam vor, ein geheimnisvolles Rätsel. Aber er hatte keine Zeit es zu enträtseln, er fasste das Weib um den Leib, wollte sie auf die Arme nehmen, aber sie ging schon mit eigenen Kräften – er warf dem Kutscher die Adresse zu – merkwürdig, dass sie sich einen Augenblick tief in die Augen blickten – wollte noch etwas überlegen, aber dazu würde er ja noch genug Zeit finden.

Jetzt empfand er nicht die geringste Müdigkeit – im Gegenteil, er befand sich in einer merkwürdigen Aufregung, als hätte ihm jemand süsses Morphiumgift in die Adern eingespritzt. Er hörte nur unaufhörlich den entsetzlichen Schrei, in dem sich ihm zuerst das tiefste Geheimnis der Strasse offenbart hatte.

Jetzt, jetzt endlich hatte er begriffen, was seine künstlerische Ohnmacht und Unfähigkeit war – jetzt wurde es in seiner Seele sonnenklar: bisher hatte er die Strasse gemalt, so wie sie war, stumm und öde, denn er konnte ihren Schrei nicht malen – er hatte ihn bis jetzt nie gehört – oh! wie unsagbar glücklich er jetzt war, dass sich ihm endlich die Tore zu dem geheimen Tabu, wo das Geheimnis verborgen war, geöffnet hatten!

Endlich blieb die Droschke stehen.

Wieder wollte er sie auf seine Arme nehmen, aber sie ging schon mit eigenen Kräften; erst auf der Treppe wurde sie schwach – er fing sie in seinen Armen auf und trug sie in sein Atelier.

Zugleich entsann er sich, dass der Kutscher gar nicht gewartet hatte, bis er ihn bezahlte, sondern schleunigst davongefahren war.

Solche Dinge geschehen nur im Traume, dachte er.

Er öffnete die Tür zu dem Alkoven, in dem nur Platz für ein Bett war, und legte sie auf das Bett.

»Kleiden Sie sich aus und legen Sie sich nieder, – ich werde Feuer im Ofen machen – werde Ihnen die Kleider und die Wäsche trocknen – inzwischen hüllen Sie sich in meinen Pelz« – er nahm den Pelz vom Türhaken – »und sofort ins Bett! Jetzt gehe ich in das Atelier – zu schämen brauchen Sie sich nicht – wir sind ja durch eine Wand getrennt – ich bitte Sie inständigst, dass ich Sie in einer Viertelstunde im Bett antreffe, – was zum Trocknen ist, legen Sie hier auf diesen Stuhl.«

Dies alles hatte er in einem befehlenden und fast rohen Ton gesprochen. Sie sah ihn durchdringend an mit einem Blick, der ihn beunruhigte. Er wusste nicht: war es verkrampfter Schmerz, war es spöttischer Hohn – aber diesmal: ängstlich sah sie ihn an, ganz ratlos und wirr, als suchte sie die hin und her flatternden Gedanken zu sammeln – und schloss die Augen.

»Haben Sie keine Angst vor mir,« sagte er jetzt schon ganz milde, »ich werde Ihnen, weiss Gott, nichts Böses tun – ich möchte nur nicht, dass Sie sich tödlich erkälten . .«

Jetzt öffnete sie wieder die Augen, aber diesmal mit dem Blick des stummen Schreis, den er erhascht hatte, als er sie aus dem Wasser ans Ufer zog.

Er wich diesem Blick aus.

»In einer Viertelstunde komme ich wieder – ich werde inzwischen Tee kochen.«

Er schloss die Tür hinter sich und liess sie allein.

Er machte Feuer in dem eisernen Ofen und blies die Kohlen im Samowar an.

Er wollte etwas überlegen, über etwas tief nachdenken, aber für dies alles hatte er ja Zeit genug, und so wartete er geduldig, bis das Wasser im Samowar zu summen und bald darauf zu kochen begann, suchte aus irgend einer Ecke eine Tasse hervor, reinigte sie peinlichst, bereitete den Tee und klopfte an die Tür des Alkovens.

Als er nach geraumer Zeit keine Antwort bekam, trat er ein.

Sie hatte alles getan, was er ihr befohlen.

Sie lag auf dem Bett, eingehüllt in seinen Pelz, hatte sich mit der Decke zugedeckt, auf dem Stuhl lagen ihre Kleider, von denen unablässig Wasser troff und auf dem Boden eine Lache bildete.

»Ausgezeichnet! So gefällt es mir!« Gasztowt schlug einen leichten Ton an, aber ihr gehässiger Blick liess ihn schweigen.

»Trinken Sie jetzt den heissen Tee,« warf er so nebenbei hin – »dann werden Sie schlafen – ich selbst bin verteufelt müde.«

Sie antwortete nicht und regte sich nicht.

Er machte keine weiteren Umstände, schob einen Arm unter ihren Nacken, richtete sie mit sanfter Gewalt auf, goss eine Tasse heissen Tee in sie hinein, bettete sie wieder auf die Kissen – nahm, was er auf dem Stuhl vorfand, und ging hinaus.

Er schloss die Tür hinter sich – hängte ihre Kleider auf einer Schnur rings um den heissen Ofen auf und dachte jetzt nur daran, dass er nicht einschlafen durfte – es könnte Feuer ausbrechen und seine Schutzbefohlene würde vom Regen in die Traufe kommen und bei lebendigem Leibe verbrennen.

Aber er versuchte nicht diesen grauenhaften Gedanken zu Ende zu denken, auch nicht sich die Lage klar genug vorzustellen: wie vom Blitz gerührt, taumelte er zum Sofa – sah nur noch, wie aus einer Ritze sich der grässliche Kopf eines ungeheuerlichen Tausendfüsslers herausarbeitete, sah, wie das ekle Gewürm in seinem Atelier herumkroch, in anderen Ritzen verschwand und wieder zum Vorschein kam und ihn anstarrte mit Augen, die so gross waren wie Mondscheiben, – und in ihnen sah er das höllische Brückenjoch, das sich in den Himmel hinaufwölbte, und tief darunter zwischen den Pfählen das schwarze, verfaulte Gewässer – die Pfähle zitterten von dem rasenden Gewoge dieser flüssigen Lava, die sich aus dem tiefsten Lebenskrater zu ergiessen schien, sein Atelier krachte und bebte – er hörte nur noch den entsetzlichen Schrei einer Sturmsirene, der allmählich verebbte und sich in leise, weit-ferne Schallwellen auflöste – er wollte noch den Arm ausstrecken, um etwas Kohlen in den Ofen zu werfen, aber er war nicht mehr fähig, eine Bewegung auszuführen . . .

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