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Stanislaw Przybyszewski: Der Schrei - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Schrei
authorStanislaw Przybyszewski
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleDer Schrei
pages1-179
created20020920
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1918
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Sie gingen noch immer in einem dämmernden Zwielicht, obwohl die Sonne doch schon längst aufgegangen sein musste.

Warum ging sie nicht auf? dachte Gasztowt tiefgründig nach – und hatte das Rätsel gelöst: solange er die schwarze Sonne in sich trug, konnte keine andere aufgehen.

Er versicherte sich, dass er den Ring und die Stahlkette in der Westentasche hatte, die Pistole befühlte er liebevoll und war ungemein erfreut: jetzt würde er schon seinen Ring zu beschützen verstehen.

Weryho kam ihm jetzt als ein gewaltiger Wohltäter vor, dass er ihm diese Waffe geschenkt.

»Müssen Sie wirklich heute verreisen?« fragte er fast bedauernd.

»Ja! Ganz unbedingt und ohne jeden Aufschub – ich bin eigentlich mehr als müde, aber das Verlangen, das Bild, von dem ich ganz besessen bin, endlich in meinen Händen zu haben, macht mich frisch und munter. Sie ahnen nicht, welche Unruhe ich durchlebt habe bei dem Gedanken, Sie könnten das Bild anderweitig verkauft haben.«

Weryho sprach noch etwas, aber Gasztowt war zu zerstreut, um hinzuhorchen.

Die schwarze Sonne begann wieder Licht und Wärme auszustrahlen – es wurde immer heller in ihm, eine ungeahnte Kraftfülle ergoss sich in seine Adern, er wurde wieder stark, ja sogar lustig.

»Da sind wir am Ziel!« Er blieb vor einem Hause stehen und suchte nach den Schlüsseln – »ich wusste nicht, dass wir so nahe beieinander wohnen . . . wie glücklich ich bin, dass ich den Ring nicht mit den seltenen Schätzen, von denen Sie sprachen, loszukaufen brauchte, sondern mit irgend einem dummen Bild – oh, Sie sind bescheiden und allzu genügsam . . . Aber Sie haben eine grausame Komödie mit mir gespielt, dagegen waren all meine ordinären Possenspiele eine lächerliche, läppische Kinderei – ha, ha, ha!«

Weryho lächelte, sagte aber nichts, was Gasztowt sehr verdross – er hätte sich doch wenigstens gründlicher entschuldigen können, als er es getan, und wieder empfand er einen brennenden Hass gegen den Menschen, der ihm das entsetzliche Ohnmachtsgeständnis durch den gemeinsten, niederträchtigsten Clowntrick erpresst hatte.

Er suchte noch immer nach den Schlüsseln, aber er fand sie nicht.

»Die Tür ist doch offen,« meinte Weryho.

Die Tür stand wirklich angelweit offen, sie traten in den Flur und stiegen langsam die steilen Treppen hinauf.

»Sie scheinen in nächster Nachbarschaft des Himmels zu wohnen,« lachte Weryho.

»In ihm selbst, mein Herr, in ihm selbst. Der misslungene Herrgott, der ich bin, trug schon vorher Sorge, mit dem eigentlichen in eine nähere Berührung zu kommen – ha, ha!« grinste Gasztowt und öffnete endlich die Tür zum Atelier.

»Nun bin ich froh, wieder in meinen vier Wänden zu sein – es ist doch verflucht lange her, dass ich hier war . . . ich selbst bin gar nicht müde – aber Sie müssen sich ausruhen – oh! setzen Sie sich hierher.« Er warf einen Haufen bemalter Leinwand vom Sofa herab – »hier auf das Sofa, aber nur vorsichtig, es kracht und wackelt und birst in allen Fugen, gerade wie sein Herr – ha, ha, ha!«

Weryho schien gar nicht auf ihn zu achten, was Gasztowt immer mehr in Wut versetzte, – sah sich nur im Atelier um.

»Jetzt werde ich Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie Ihr Versprechen einlösen, mir meine Bitte erfüllen und mir das Bild überlassen.«

»Welches Bild?« grinste Gasztowt und befühlte die Pistole.

»Sie wissen schon – das Bild mit dem unterstellten Bein . . .«

Gasztowt schien sehr erstaunt:

»Wie? Habe ich recht gehört? Dieses Bild wollen Sie haben? Diese kleine, dumme, lächerliche Strassenepisode?«

»Ja, gerade dies Bild! Gerade dies – ich bin, wie Sie wissen, ganz besessen von ihm.«

»Nun! Wie Sie wollen! Ich habe mein Versprechen gegeben und will es einlösen – aber ich hätte nicht gedacht, dass ein vornehmer Kenner von Ihrem Schlag . . .«

»Ich gebe Ihnen dreissigtausend Frank für dies Bild. »

»Sind Sie wahnsinnig geworden? Dreissigtausend für diesen erbärmlichen Kitsch?«

»Ich bitte Sie dringend um dieses Bild, Sie haben es mir versprochen – Ihr Ring ist Ihnen doch mehr wert als dies Bild?!«

Gasztowt suchte fiebernd in den Stössen von Leinwand, die Hände zitterten ihm, vor den Augen wurde es ihm bald finster, bald blendete sie eine übermässige Helle.

Endlich zog er ein Bild hervor und rollte es vor Weryho auf:

»Dies Bild also wollen Sie haben, dies erbärmliche Machwerk?!«

»Ja, gerade dieses – oh, wie glücklich ich bin, es wieder betrachten zu können – wollen Sie es mir dort aufhängen – ja dort! Oh, wie gewaltig dies Bild – wie unerhört in seiner Macht!«

Weryho schien ganz im Betrachten des Bildes zu versinken:

Im Hintergrund eine rasende, wutentbrannte Menschenmenge mit heulenden, rachsüchtigen Fäusten, ganz besessen von irrsinniger Vernichtungsbrunst – ein sich hervorwälzender Knäuel von ineinander verkrampften, sich erdrückenden Leibern, in der blutrünstigen Gier, den Verbrecher zu fassen, der der Rache zu entrinnen versucht.

Der Verbrecher – vielleicht ein Anarchist, der soeben eine Bombe vor die Karosse eines Mächtigen dieser Welt geworfen, vielleicht der Schächer, der sich von seinem Kreuze losgerissen, um in verzweifelten Sprüngen das Paradies zu erreichen, das ihm der sterbende Christus versprochen – sieht sich nach der Menge um, um die Entfernung, die ihn noch von den Verfolgern trennt, abzumessen; in seine Augen hat sein Herz sich verkrochen und schlägt wie der besessene Klöppel an den Glockenmantel beim Sturmgeläut – seine Augen werden blind von diesem rasenden Geläute und sehen nicht, wie dicht vor ihm ein Henker an der Mauer lehnt und sein Bein über die ganze Strasse wie eine teuflische Barriere hinstreckt, über die er unfehlbar stolpern, zu Falle kommen und zur Strecke gebracht wird.

Weryho sog sich mit seinen Augen gierig in das Bild ein, er schien die Farbenflecke zu durchsuchen, um hinter ihnen noch etwas anderes herauszufinden, er bewegte den Mund, als wollte er den Verbrecher zu noch grösserer Eile antreiben, und keuchte in banger Erwartung, wann er über das verräterische Bein langhin auf die Strasse fallen würde.

»Das ist unerhört – das ist göttlich! Dies Bild ist eine Gottestat!« murmelte Weryho verzückt.

Gasztowt nahm jetzt die Pistole aus der Rocktasche, steckte sie in die Hosentasche, entsicherte sie und spannte den Hahn.

Weryho wandte sich plötzlich nach ihm um:

» Wollen Sie mir nur noch erklären, warum der Henker, der das Bein vorstreckt, und der Verbrecher, dem es zum Verhängnis wird, dasselbe Gesicht haben – und merkwürdigerweise Ihr eigenes Gesicht?! Sehen Sie doch: beide sind Autoporträts von Ihnen!«

Gasztowt warf sich plötzlich über ihn, packte ihn am Halse und würgte ihn in irrer Wut:

»Von dir, von dir, du verfluchter Satan!«

Er zog den Revolver aus der Tasche, drückte los und hörte ein paar Schüsse – nein! er sah sie in einem Sturm von blendenden, schreienden Blitzen.

Und gleichzeitig fühlte er einen gewaltigen Faustschlag, der ihn hintenüber zu Boden streckte.

Aber er empfand keinen Schmerz – nur ein unnennbares, seliges Gefühl des Erlösungstriumphes: nun hatte er sich endlich von Weryho befreit.

Er richtete sich mit unmenschlicher Anstrengung halb auf, um seine Augen an Weryhos Todesqual zu weiden, aber im selben Augenblick zerriss die ganze Luft der Orkan eines grässlichen Schreis, der die Sterne aus ihren Bahnen in das leere Nichts hinabstürzte.

Wie ein Wirbelwind umraste ihn das Gefühl verzücktesten Glückes:

Jetzt, jetzt endlich hatte er den Schrei gehört!

Er richtete sich auf und fiel dann in die Knie . . .

Jetzt würde er das Bild malen – vor ihm hing es, wie er es gestern angefangen hatte – er kroch auf dem Bauch zu dem Bild –jetzt nur den Pinsel und die Palette zur Hand – jetzt, jetzt . . .

Noch einmal, wie von einem letzten Todeskrampf emporgeschnellt, richtet er sich auf und fällt dann langhin auf den Boden, und mit verhallendem Echo verzittert es in der Luft:

Der Schrei – jetzt – jetzt – dieser Schrei . . .

Edward Munch: Der Schrei (1893)

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