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Der Schnaps, der Rauchtabak und die verfluchte Liebe

Alexander Roda Roda: Der Schnaps, der Rauchtabak und die verfluchte Liebe - Kapitel 8
Quellenangabe
typesketch
booktitleDer Schnaps, der Rauchtabak und die verfluchte Liebe
authorAlexander Roda Roda
year1908
firstpub1908
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleDer Schnaps, der Rauchtabak und die verfluchte Liebe
pages266
created20160730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Preuß.

Man kann das nicht Manöver nennen – es war die reine Idylle.

Um sechs Uhr morgens rückten wir aus. – Nicht weit – nur etwa bis ans Ende der Kurpromenade – dort war Dispositionsausgabe. Man stellte sich im Halbkreis auf, und während General Wotzelak mit dem Hornzwicker auf der Nase die Annahme von sich gab, kokettierte man über die Nordränder der Karten hinweg mit den Badebedürftigen.

Täglich dieselbe Geschichte: der Feind rückt von Untereisenbad an, und wir aus Schwefelbad sollen ihn am Vordringen hindern; oder auch umgekehrt. Jedenfalls war die Affäre um zehn Uhr mehr oder weniger geordnet – »und die sonngebräunten Krieger« – stand im Kurjournal – »rückten unter schmetternden Klängen ein.«

Da war, zum Beispiel, ein Ordonnanzoffizier da, ein Reservebolzen aus Wien, Sohn eines Großviehhändlers, mit etlichen 120 Kilo Lebendgewicht. Er machte vormittags seinen ganzen Dienst, trank zwölf Krügel Bier und tanzte abends auf der Reunion.

Solche Manöver waren das.


General Wotzelak pflegte nachmittags im Kurhaus Tarock zu spielen – mit den beiden Infanterieobersten und dem Artilleriehäuptling. Ganz gemütlich, im Extrazimmer, mit offener Bluse – und den Point um einen halben Kreuzer.

Da, eben war Oberst Kandelhofer am Mischen, trat 200 der Kanzleiisraelit von der Brigade ein und brachte dem Herrn General einen Privatbrief.

General Wotzelak besah das Schreiben von allen Seiten, stellte mit Befriedigung fest, daß es von keinem seiner Neffen herrühre – und öffnete es.

Nicht daß er sich verfärbt hätte. Ja, er behielt sogar vollkommen seine Selbstbeherrschung. Und doch sahen die Tarockpartner, daß dem Chef etwas sehr, sehr unangenehmes passiert sein mußte.

General Wotzelak schob den Brief dem Obersten Kandelhofer zu; der las ihn stumm mit jener Andacht, die man einer Botschaft des Korpskommandanten schuldet, und gab ihn, ohne erst zu fragen, weiter.

»Lieber Kamerad Wotzelak!

Heute abend wird sich Dir der preußische Artillerieleutnant v. Drosedow vorstellen. Er ist mir empfohlen worden, ich empfehle Dir ihn wärmstens weiter. Gib ihm einen taktvollen, womöglich adeligen Offizier bei, der dem fremden Kameraden alles zeigen und erklären soll.

Besten Gruß, lieber Wotzelak, von Deinem alten

Warnay, FML.

P. S. Die Aufmerksamkeit des Gastes wird natürlich mehr auf die Reize der Landschaft, als auf militärische Vorgänge hinzulenken sein.«


Oberst Kandelhofer legte die Karten hin, denn von einem Weiterspielen konnte bei dieser Sachlage doch keine Rede sein.

Der General aber sprach:

201 »Der Preiß is an Artillrist, also folglich gehört er den Bimsern.«

Der Hauptmann erhob Vorstellungen.

»Da is nix zum Reden, das is selbstverständlich, daß, wenn ein Preiß herkommt un is an Artillrist, daß er wieder muß zu die Artillristen so quasi zugeteilt wern. Wenn im andern Fall ein Gavallerist käm, no so möcht doch kan Menschen einfallen, ihm zu die Bäcken oder zur Sanität zu schicken.«

»Herr Generalmajor,« rief der Häuptling, »ich bitt gehorsamst, ich kann den Preisen doch schon absolut net brauchen. Was soll ich ihm denn zeigen? Die alten Feuerspritzen? Wo s' in Deutschland draußten seit Jahren Schnellfeuergschütz haben? Es wäre a Blamasch für die Armee.«

Der General sah das ein. »Gut – alsdann kriegt der Kandelhofer 'n Preisen.«

Der Oberst fuhr auf, wie von einer Horniß gestochen. »Aber, Herr General! Ich mit meine gflickten Röck?«

»Nein, nein. Bei der Infanterie gehts nicht. Warum willst denn den Preisen nicht zu die Husaren tun, Herr General?«

»Natürlich, zu die Husaren. Die haben a Pferd für ihm, an adeligen Begleiter – schad, daß der Korpskommandant net a no a Hofdame für in der Nacht vorgschrieben hat; sie haben gute Monturen, sie sollen dem Preisen die Augen auswischen.«


Rittmeister Baron Hortobágyi schwankte lange, ob er es selbst tun sollte – denn der erwartete Preuße 202 war bloß Leutnant und »von«. Aber ihm zu imponieren, war man dem Prestige der Waffe schuldig.

Hortobágyi fuhr also zuerst im Gig beim Kursalon vor und ließ den Alkohol einkühlen. – Dann auf den Bahnhof.

Er wartete und wartete.

Plötzlich fiel ihm etwas ein: Es wäre ja unnatürlich, geradezu grotesk. Aber wenn der Preuße wirklich mit der zweiten Klasse ankäme – alles was recht ist, aber das kann man von einem 17er Husaren, wenn er sich schon dazu hergibt, entgegenzufahren, nicht verlangen: wenn der Preuße zweiter Klasse fährt, dann wollte Hortobágyi einfach verschwinden.

Er stellte sich also so auf, daß er den einfahrenden Zug gedeckt beobachten konnte. Als der Gast standesgemäß eintraf, schritt Hortobágyi vor und stellte sich ihm nonchalant in den Weg, um sich ansprechen zu lassen. – Er fuhr ihn zum Stationskommando und endlich ins Kurhaus.

Da war alles aufs beste gerichtet: ein Souper und Schampus. Und weil man so viel vom Jeu der preußischen Offiziere hört, sollte auch gespielt werden, aber Färbel. Das kann der Preuß nicht, die Husaren machens unter sich – eine Viertelstunde und um ungewechselte Hunderter. Nachher gibt man sichs Geld heimlich wieder.

Nur imponieren.


Im Café las ein Kadett Witzblätter. Oberst Kandelhofer erblickte ihn und befahl ihm, sofort dem Adjutanten zu bestellen:

203 »Morgen Paradesorten.«

Der Kadett freute sich ungemein, seinem Hauptmann gegenüber den Unterrichteten spielen zu können, und brachte ihm die Neuigkeit in die Wohnung.

Der Hauptmann war wütend. »Was? Wegen an preisischen Leutnant soll ich meine eingekampferten Monturkisten aufmachen? Wem is denn der Blödsinn eingfallen? – – Aber so sein s', die Herren hier an der Peripherie! Wann zu uns, zu Hoch und Spleni nach Wien, an ausländisches Kaiserhaus mit Generalität is zu Besuch gekommen, hat man bei die Kompagnien nichts davon gewußt, ehe nicht der Spinat da war.« – Plötzlich glitt der Blick des Hauptmanns am Kadetten herab. – »Ja – Sie! Was fallt denn Ihnen ein? Wo Sie wissen, daß an fremdes Offizierkorps hier is, tragen Sie a Menscherkappl mit vorschriftswidrigem Sturmband? Drei Tage Quartierarrest wegen Kompromittierung der Monarchie!«

Die Kunde von der Anwesenheit des Preußen hatte unter den Damen Bewegung hervorgerufen. In den beiden Offiziersmenagen sprach man nur von ihm. Ein Major, der in Preußen gewesen war, gab seine Eindrücke zum besten: ganz nette Menschen, nur schandbar gefroren und taktlos. Und sie reißen furchtbaren Pflanz und sagen alle »Sie« zueinander. Übrigens, gar so viel, wie man da hermacht, ist an ihnen auch nicht dran.


Indessen saß General Wotzelak bekümmert in der Kanzlei und dichtete Befehle. »Lassen S' gut sein, Rakowitsch, die Sache is kein Spaß. Spion bleibt 204 Spion. Au contraire, ein Spion is mir lieber. Der erzählt wenigsens nicht herum, was er gsegen hat. Aber der Herr von Drosedoff kommt nach Haus und macht sich am End übern Wotzelak und seine Brigad lustig. Schreiben S' hin: Ausrückung vier Uhr. Marschadjustierung mit Feldgeräte, berittene Truppen mit Futter. – – Was sagen S'? – – Ja, die Spediteure auch. Sonst sagt der Herr Bilse z' Haus, unser Train is a Veteranenverein. – Haben S'? – – Und alle bisher geduldeten Erleichterungen sind aufgehoben. – – – – – – – – – – – – – – – – – – Ja, Sie haben leicht reden, Sie sein der Herr Zugeteilte un tragen ka Verantwortung. Wenn ein Pallawatsch herauskommt – auf wen fallt 's? – Auf mich. Eins, zwei – is an Erlaß vom Ministerium da mit siebenundneunzig deutsche Drucksachen zur Äußerung: wieso ich hab dulden können, daß die Hornisten in Anwesenheit von die ausländischen Gäst falsch blasen. – – Aber wenn mir morgen aaner auffallend wird, den sperr ich ein, daß ihm die Schwarten krachen. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Sie sein ja a Generalstäbler, Sie müssen doch irgend an taktischen Schimmel bei sich haben. – – Den C. v. H.? – Um so besser. Sein S' so gut un schicken S' mir ihn nachher durch 'n Andersgläubigen in die Wohnung. – – – – – – – – – – Meiner Seel, an Inspizierung von Seiner Exzellenz war mir lieber. Der kennt mi. Der weiß: ich bin der Wotzelak, sieben Jahr Referent für Personalangelegenheiten im Präsidialbureau, mittelst Dekret 205 belobt – 1878 Militärverdienstkreuz mit der Kriegsdekoration. – Aber da kommt so a Preiß daher, an aufgeblasenes Bürschl – irgend aaner patzt, zum Beispiel der Kandelhofer mit seine vorsintflutlichen Ziehungen, oder der Hortobágyi mit seiner Attackiererei . . . He! Korporal Huhn! – Huhn!! – Sitzen Sie auf die Ohren??«

»Befehlen, Herr Genralmajor?«

»Dackeln S' hinüber und sagen S', ich laß 'n Herrn Rittmeister Hortobágyi bitten.«

Baron Hortobágyi geruhte, endlich zu kommen.

»No – wie is, Hortobágyi?«

»Herr Generalmajor, ich melde gehorsamst, ajßerst ongenehm!«

Der Brigadier klopfte ihm auf die Schulter. »Du wirst deine Sachen schon gut machen, das weiß ich. Also wie gesagt: durchaus reserviert; keine Silbe zuviel über dienstliche Angelegenheiten. Denn diese Herrschaften haben, wann s' zruckkommen, schriftlich über ihre ›Eindrücke‹ im Ausland zu berichten. – Heut sagst d' ihm was, und nächsten Monat liest d' es im Militärwochenblatt. Also aufpassen, Hortobágyi!«

»Jawohl, Herr Genral!«

»Das kann eine europäische Angelegenheit werden. Ich kenn das. Also aufpassen, Hortobágyi!«

»Jawohl, Herr Genral! Wir sprechen mit ihm mehr von die Weiber.«


Als dieses Manöver endlich zu Ende war, da hielt General Wotzelak auf einem sonnbeschienenen Feld 206 die Besprechung. Eine Besprechung, drei Stunden lang und siebzehnhundert Klafter breit: das Kapitel »Infanteriegefecht« aus C. v. H's »Lehrbuch der Taktik«, Seite 46 bis 213, erster Band.

Und als auch das zu Ende war, die ganze Aufregung, Schinderei und Wissenschaft, gedachte General Wotzelak höflich zu sein, hängte den hochdeutschen Unterkiefer ein und sprach:

»Nun, Herr Leutnant von Drosedoff – wie behagt es Ihnen bei uns?«

Der Preuß wölbte unendlich langsam die Brauen und murmelte:

»Ejal duhn . . . ejal duhn . . .«

»Was sagt er?« fragte man einander.

Hortobágyi war durch persönlichen Umgang in die Geheimnisse der norddeutschen Sprache eingedrungen und dolmetschte schnarrend:

»Komerad konschtatiert hiemit gehorsamst, daß er is seit vier und zwanzig Stund vollkommen besoffen.«

Da fiel dem General Wotzelak ein Stein vom Herzen, und er gab Hortobágyi zur Dekorierung ein. 207

 

Kriegserfahrung.

Die Küster reden von der ewigen Seligkeit, und am Generalstabstisch bei der Alten Post in Wiener-Neustadt redete man natürlich von der Taktik.

Wenn nun die Ansichten besonders heftig aufeinanderprallten und einer von den jungen Akademielehrern den Mund gar zu voll nahm, da konnte der alte Knötzel aus seiner Lethargie erwachen.

Er tat das immer auf die gleiche Weise: zuerst die Ohren zurück, dann die linke, heile Hand – ein Arm fehlte ihm – mit ausgespreizten Fingern in die Luft.

Und alles verstummte.

»Befehlen Herr Oberst?« fragte Oberleutnant Römpler regelmäßig.

»Befehlen? – Was hab ich zu befehlen? – Ich bin ein alter Pensionist. – Nur so viel sag ich euch, meine Herren: redts am liebsten gar nicht von solche Sachen. Grad in Taktikfragen heißts: Audiatur et altera pars – was wird der Feind dazu sagen?«

Römpler, der Streitlustigste, fuhr drein mit einer Menge von Daten, Namen und Beispielen aus den letzten Feldzügen und versuchte zu beweisen, daß . . .

»Ich bitt dich, laß sein«, sprach der alte Knötzel und lächelte leise. »Laß sein! Hör du zerscht selber die Schrapnells – pp–puffen un sss–sausen, alsdann wirst über manches, was d' in die Schulen glernt hast, anderscht denken un wirst sagen därfen, was möglich is und was net.«

Römpler versuchte jedesmal die verlorene Partie durch Überschreien zu retten.

208 Die andern Herren vom Generalstab aber waren klug und lenkten das Gespräch vom Krieg ab auf Comtesse Bianca.

»Denn wer keinen Krieg mitgemacht hat, das ist kein ganzer Soldat – das ist ein Küster, der von der ewigen Seligkeit redet, und hat doch nur einen Pfarrer davon predigen gehört, der auch nie drüben gewesen ist.«

Oder es kam die Sprache auf das Reglement.

»Alles schön und gut,« sagte Oberst Knötzel mit ausgespreizten Fingern und gespannten Ohren, »aber wer die Kartätschen heulen gehört hat und das Kleingewehr –rrr–rrr–platsch! – platsch! – der weiß, was Papier wert is.«

Da schwieg selbst Oberleutnant Römpler.

Einmal, in einem besonders hitzigen Wirtshausgefecht, fiel dem Hauptmann Schild eine Episode ein, die steht im Generalstabswerk über 1878. – Und er sagte:

»Herr Oberst müssen ja das besser wissen – Sie waren ja doch bei Doboj.«

»Ich – bei Doboj? – Nein.«

»No, wenn auch nicht grad im Gefecht von Doboj, so doch im Okkupationsfeldzug.«

»Ich – im Okkupationsfeldzug? – Nein.«

»Gut. Macht nichts. – Tobitschau 1866 war ja der gleiche Fall. Sie waren ja bei Tobitschau, Herr Oberst.«

»Ich bei Tobitschau? – Nein.«

»Aber 1866 . . .?«

»Ich – 66 –? –Nein.«

Tiefe Stille.

209 Nur Oberleutnant Römpler zog ingrimmig die Brauen hoch und streckte alle zehn Finger aus.

»Ja, wo haben eigentlich Ihre vielen Schrapnells gepfiffen und geheult, Herr Oberst?«

»Erlaubts einmal,« rief der alte Knötzel entrüstet, »wann ma vierzehn Jahr Mitglied der Schießversuchskommission gewesen is . . .?«


Seitdem redet man am Generalstabstisch nie mehr von Comtesse Bianca.

Sondern nur mehr von der Taktik. 210

 

Die Rechnung.

Vor einigen Jahren stand bei Neunerulanen ein Oberleutnant Prinz Liechtenberg, ein mächtiger Kavalier vor dem Herrn. Er hielt sich eine Menge von Dienern und hatte zwölf Pferde und zwei Mätressen auf der Streu.

Mit dem Taufnamen hieß er Heinrich. Am 11. Juli, dem Vorabend seines Namenstages, ging es natürlich himmelhoch her.

Um drei Uhr am Morgen wollte der Prinz nach Haus – denn für fünf Uhr war Ausrückung angesagt, und Seine Durchlaucht pflegten regelmäßig vorher zu baden – da zwang man ihn, zu bleiben und das gewohnte Bad an Ort und Stelle zu nehmen.

Endlich, als die Trompeter draußen schon zum Satteln bliesen, verlangte der Prinz die Rechnung.

Der Hotelier brachte sie persönlich:

Souper für 27 Personen 270  Gulden.
113 Flaschen Medoc 565 "
135 Flaschen Pomery 1350 "
13 Flaschen Cognac Martell
17 Fensterscheiben
1 Bad
2 Spiegel
6 Flaschen Curaçao
1 Lampe
Klavierreparatur

. . . usw., usw. – Kurz: gigantisch.

Eine halbe Stunde später marschierte das Regiment die Straße daher – die Herren Offiziere mit zerknitterten Physiognomien.

211 Als sie am Hotel vorbeikamen, stürzte ihnen atemlos der Pikkolo entgegen.

»Durchlauft! – Durchlauft!«

Der Prinz versuchte, nichts zu hören, aber der Kleine trabte unverdrossen nebenher und rief sein:

»Durchlauft!«

»Na – was willst denn, Lausbub?«

»Durchlauft – es sein mir noch zwaa Zigaretteln zum Zahlen.« 212

 

Die Zigarren.

Hauptmann Wandörffl und Oberleutnant Krok ritten von Wiener-Neustadt übers Steinfeld nach Traiskirchen.

Sie waren eine Viertelstunde unterwegs, da griff Oberleutnant Krok nach seiner Zigarrentasche – sie war nicht da.

»Haben Herr Hauptmann vielleicht eine Zigarre für mich?« fragte er bescheiden.

»Gewiß hab ich Zigarren – sogar fünf. Da – schau! Aber ich geb keine her. Wenn man einen dreistündigen Ritt vor sich hat – durch eine sterbenseinsame Gegend noch dazu – so versorgt man sich eben. Das mußt du lernen – und darum geb ich dir nichts.«

Hauptmann Wandörffl zog eine Zigarre hervor und knipste sich sie ab.

»Was? Fein? Das möchst auch gern haben?« sagte er.

Dann suchte er Zündhölzer.

Zuerst im Mantel.

Nichts.

Dann in der Packtasche.

Nichts.

»Geh, Krok, hast ein Stückl Feuer bei dir?«

Krok trabte zehn Schritte weiter vorn. Er hörte nicht.

Wandörffl knöpfte seufzend den Mantel auf und suchte die Bluse ab.

Endlich die Hose.

Nichts.

Oberleutnant Krok hatte sein Pferd verhalten. 213

»Herr Hauptmann,« sagte er, »Feuer muß man in solchen Fällen immer bei sich haben.«

Strich ein Hölzchen an, ließ es lustig brennen und warf es weg.

Der Hauptmann steckte seine Zigarre mißmutig wieder ein. Er nahm sich vor, nicht ans Rauchen zu denken.

Sie sprachen von Pferden, von Frauen, vom Dienst. – Da sah man dort, weit am Horizont, einen Eisenbahnzug kriechen.

»Wenn die verfluchte Lokomotive rauchen kann . . .?« dachte Wandörffl – holte seine Zigarre hervor und bot eine zweite dem Oberleutnant an.

»Da hast, du Wucherer: eine Zigarre für ein Zündholz.«

»Bedaure, Herr Hauptmann, ich geb Zündhölzchen nur her, wenn ich vier von deinen fünf Zigarren bekomme.«

». . . Unverschämt« – war das mildeste Wort, das dem Hauptmann im Augenblick einfiel.

Nach einer halben Stunde Reitens hatte Krok vier Zigarren. 214

 

Der gute Ton.

Oberst Mullinger, Kommandant der Infanteriekadettenschule, hat seinen Zöglingen ein Buch gewidmet:

»Der gute Ton im Kadettenkorps.«

Das Buch hat einige ungemein interessante Kapitel:

  1. Verkehr des Kadetten mit sich selbst.
  2. Verkehr des Kadetten mit seinesgleichen.
  3. Mit Damen.
  4. Mit Vorgesetzten. 215

 

Aus der Chronik des Dragonerregiments Prinz von Mazedonien Nr. 17.

Am 5. März.

Laut Personalverordnungsblatt Nr. 8 vom 3. d. M. wurde zum Regiment zutransferiert: Oberstleutnant Richard Ribar, der bisher im Operativen Bureau des Generalstabes, dann als Lehrer an der k. und k. Kriegsschule Verwendung gefunden hatte und auf beiden Posten wiederholt durch Allerhöchste Gnadenbeweise beglückt worden war. In Oberstleutnant Ribar, dem berühmten Autor der »Geschichte des Feldzuges 1866 in Italien«, gewinnt das Offizierskorps einen liebenswürdigen Kameraden und hervorragenden Mann der Wissenschaft.

Am 15. März

hatte das Regiment die Ehre, als Gast begrüßen zu dürfen: den Herrn Major Karl Grafen zu Sauwitz, Kammervorsteher Sr. Hoheit des durchlauchtigsten Herrn Herzogs Arbogast. Der Herr Major, welcher in Privatangelegenheiten hier weilte, bezeigte großes Interesse für die Verhältnisse der Garnison und besichtigte die Ubikationen des Regiments. Er hinterläßt bei allen, die das Vergnügen hatten, mit dem ritterlichen Kameraden zu verkehren, den besten Eindruck.

Am 1. Mai.

Durch Allerhöchste Huld und Gnade wurde dem altberühmten Regimente Mazedoniendragoner eine glänzende Auszeichnung zuteil, die sowohl im Offizierskorps wie bei der Mannschaft jubelnde Freude 216 hervorrief. – Mit Personalverordnungsblatt Nr. 17 vom 29. v. M. wurde nämlich zum Leutnant ernannt und gleichzeitig zum Regimente zutransferiert: Se. kgl. Hoheit, der durchlauchtigste Herr Herzog Arbogast von Mazedonien. – Wiewohl noch in dem jugendlichen Alter von 17 Jahren stehend, hat Se. kgl. Hoheit doch schon bei mannigfacher Gelegenheit bewiesen, daß gerade bei höchstihm die traditionelle bravouröse Schneid des durchlauchtigsten Hauses Mazedonien in besonderm Maße ausgebildet ist. Möge sich der frische, fröhliche Reitergeist des jugendlichen Prinzen auch während höchstseiner Dienstzeit bei Mazedoniendragonern zum Segen der Armee betätigen!

Am 19. Mai

trafen Se. kgl. Hoheit, der Herr Leutnant Herzog Arbogast mittelst Separatzuges auf dem Bahnhofe ein und wurden von den Spitzen der Militär- und Zivilbehörden ehrfurchtsvoll empfangen. Der Regimentskommandant Oberst Freiherr von Oheins richtete an den durchlauchtigsten Herrn Herzog im Namen des Offizierskorps Worte untertänigsten Dankes für die dem Regimente widerfahrene Ehrung, begrüßten höchstihn als Angehörigen des Regiments und stellten Sr. kgl. Hoheit das Offizierskorps vor. Hierauf folgte die Fahrt durch die beflaggten Straßen nach der Kaserne. Auf dem ganzen Wege standen Vereine und Schuljugend Spalier. Die loyale Bürgerschaft begrüßte Se. kgl. Hoheit mit nicht endenwollenden brausenden Zurufen. Auf dem Formierungsplatze der Kaserne stand 217 das Regiment in Paradeaufstellung und leistete beim Eintreffen Sr. kgl. Hoheit die Ehrenbezeugung. Am Abend fand in der Offiziersmenage ein glänzendes Empfangsfest statt, das die Angehörigen des Regiments lange beisammenhielt.

Am 20. Mai

wurde mittelst Regimentskommandobefehles Nr. 140 Se. kgl. Hoheit, der Herr Leutnant Herzog Arbogast bei der 3. Feldeskadron eingeteilt, wo höchstderselbe den ersten Zug kommandieren werden.

Am 21. Mai.

Se. kgl. Hoheit haben anzuordnen geruht, daß den Dienstpferden höchstihres Zuges eine Extrahaferration zu Lasten der höchsten Privatschatulle verabfolgt werde. Diese humane Anordnung rief bei Offizier und Mann große Begeisterung hervor.

Am 23. Mai.

Der vor Freude über den Gnadenakt Sr. kgl. Hoheit, des Herrn Leutnants Herzogs Arbogast vorgestern verstorbene Wachtmeister Podeschwa der 3. Feldeskadron, ein braver, alter, musterhaft dienstfreudiger Unteroffizier wurde heute mit den in Punkte 392 des Dienstreglements, 1. Teil, vorgeschriebenen militärischen Ehren zu Grabe geleitet.

Am 24. Mai.

Das Regiment wurde von Sr. Exzellenz, dem Korpskommandanten G. d. K. v. Valvy inspiziert. Se. Exzellenz drückten insbesondere auch Sr. kgl. Hoheit, dem 218 Herrn Leutnant Herzog Arbogast für die vortrefflichen, in Ansehung der kurzen Zeit von drei Tagen doppelt erstaunlichen Ausbildungsresultate bei Mann und Pferd den Dank im Namen des Allerhöchsten Dienstes aus. – Aus Anlaß dieser Inspizierung fand am Abend eine gesellige Zusammenkunft des Offizierskorps in der Messe statt, wobei Se. kgl. Hoheit durch ein Kraftstück brillierten, welches im Hinblick auf die Jugend Sr. kgl. Hoheit besonders bewundernswert ist. Se. Hoheit warfen nämlich gegen ein Uhr nachts das Klavier der Offiziersmesse aus dem Fenster des ersten Stockes.

Am 26. Mai

fand das Leichenbegängnis des zwei Tage vorher durch einen stürzenden Gegenstand verunglückten städtischen Nachtwächters Nawratil statt. – Se. kgl. Hoheit, der Herr Leutnant Herzog Arbogast riefen durch einen wahrhaft munifizenten Wohltätigkeitsakt den Jubel der gesamten loyalen Bürgerschaft hervor, indem höchstderselbe anzuordnen geruhten, daß der Witwe Nawratil ein noch ziemlich gut erhaltenes Klavier als Geschenk überreicht werde.

Am 27. Mai.

Se. Majestät haben dem Regimente neuerdings einen Beweis Allerhöchstihrer Huld und Gnade gegeben. Laut Personalverordnungsblatt Nr. 25 vom 25. Mai wurde verliehen: dem Herrn Oberstleutnant Richard Ribar für seine äußerst ersprießliche Dienstleistung als Lehrer der Taktik an der k. und k. Kriegsschule der Eiserne Kronen-Orden 3. Klasse mit Nachsicht der 219 Taxen. Aus diesem Anlaß fand in der Offiziersmesse ein geselliger Abend statt, der recht animiert verlief.

Am 22. Juni

fand zur Vorfeier des Sieges von Custozza, an dem das Regiment Mazedoniendragoner glänzenden Anteil genommen, ein geselliger Abend in der Offiziersmesse statt. Se. kgl. Hoheit bezeugten durch sprühende Laune höchstihr Interesse an den Geschicken des Truppenkörpers, dessen Traditionen ja mit der Geschichte der höchsten Familie so innig verwachsen sind. – Hier sei zum Gedächtnis für nachfolgende Generationen eine kleine Anekdote aufgezeichnet, die Zeugnis ebensowohl für den Esprit des hohen Herrn wie für höchstseinen Frohmut ablegt. – »Welcher Unterschied«, fragten Se. kgl. Hoheit, »besteht zwischen unserm Herrn Regimentskommandanten und dem Herrn Oberstleutnant Ribar?« – Der junge Prinz weideten sich einen Augenblick an den hilflosen Gesichtern der Umgebung und erklärten dann: »Unser Regimentskommandant schlägt jeden Taktiker, der Herr Oberstleutnant wird jeden Tag dicker.« – Dieses kleine Scherzwort rief bei allen Anwesenden wahre Lachsalven hervor und machte rasch die Runde in der Garnison.

Am 29. Juni

wurde unserm hochverehrten Regimentskommandanten, dem Herrn Obersten Freiherr von Oheins für die hervorragende taktische Ausbildung des Regiments die belobende Anerkennung des Korpskommandos ausgesprochen. 220

Am l. August

schied aus dem Regimentsverbande der Herr Oberstleutnant Richard Ribar; derselbe war als kriegsdienstuntauglich, auch zu jedem Landsturmdienste ungeeignet in den dauernden Ruhestand übersetzt worden.

Am 3. August.

Unser hochverehrter Regimentskommandant hat dem Offizierskorps drei Klaviere leichterer Gattung gestiftet, die nach und nach in der Menage aufgestellt werden sollen. Zu Ehren des Spenders fand ein intimer Abend statt. Hierbei war der kleine Park vor dem Offizierstrakt hübsch mit Lampions dekoriert und (im Sinne einer Vereinbarung des Regimentskommandos mit dem Stadtmagistrate) für den Verkehr gesperrt.

Am 6. August

fand in der Offiziersmesse aus Anlaß des höchsten Geburtstages Sr. kgl. Hoheit ein glänzendes Fest statt. Se. kgl. Hoheit bewiesen neuerdings höchstihre Kraft und Ausdauer, indem höchstsie eigenhändig und unter Ablehnung jeglicher Unterstützung drei Klaviere aus dem Fenster warfen. – Das Fest vereinigte die Teilnehmer noch bis ins Morgengrauen hinein, und gehört dasselbe zu den schönsten kameradschaftlichen Veranstaltungen, die das Regiment seit Jahren erlebt hat.

Am 10. August.

Das Offizierskorps wurde durch die Nachricht von einer Erkrankung Sr. kgl. Hoheit in große Besorgnis versetzt. Se. kgl. Hoheit haben nämlich in der Nacht 221 vom 6. auf den 7. d. M. nach dem höchsten Geburtsfeste auf einem Spaziergange durch die Stadt einen Katarrh akquiriert, der nach ärztlichem Befunde zwar heilbar, jedoch sehr langwierig ist und wegen der damit verbundenen schleimigflüssigen Absonderung höchstseiner Speicheldrüsen Se. kgl. Hoheit leider lange am Reiten verhindern wird.

Am 12. August.

Ein telegraphischer Erlaß des k. und k. Kriegsministeriums enthob den Herrn Major Grafen von Sauwitz, bisher Kammervorsteher Sr. kgl. Hoheit, des Herrn Leutnants Herzogs Arbogast, von dieser Dienststelle.

Am 28. August.

Laut Personalverordnungsblatt Nr. 31 vom 25. d. M. wurden mit Wartegebühr beurlaubt: Se. Exzellenz, der Korpskommandant G. d. K. v. Valvy – und unser vielverehrter Regimentskommandant Oberst Freiherr von Oheins. – Das goldene Verdienstkreuz mit der Krone wurde verliehen: unserem beliebten Regimentsarzte Dr. Bröckel für seine Verdienste um den Gesundheitszustand der Mannschaft des Regiments.

Am 28. August.

Die Nachricht von der Abtransferierung Sr. kgl. Hoheit, des Herrn Leutnants Herzogs Arbogast versetzte das Regiment in tiefe Trauer . . . 222



 

Schleicher & Schunderle.

Die Geschichte ist die, daß in Apatin zwei Regimenter standen, Infanterie und Husaren, hingegen gabs nur ein Café, in das man gehen konnte. Es hieß Zentral.

Im Zentral traf man regelmäßig den Infanterieobersten und andre Veteranen – darum ging, wer sich irgend lieb hatte, nicht hin. Und fühlte jemand das Verlangen, bei Regen den Sonnenschein abzuwarten, dann setzte er sich – mehr nach hinten – ins Metropole, das andre Café, in das man nicht gehen konnte.

Im Café Metropole – mehr nach hinten zu, an der Wand – pflegte die Firma Schleicher & Schunderle Schach zu spielen: bis zehn Uhr mit Figuren und später mit Schnäpsen. Der König war ein Kognak mit drei Sternen, die Königin eine Hausspezialität, Aprikosenlikör, und die Bauern gemeine Lagerfeuer. – Wer eine Figur nahm, durfte sie trinken. Schleicher & Schunderle hatten ihren Spaß daran.

Schleicher & Schunderle, das waren zwei steinalte Degen, majorisierende Oberleutnants: Schleicher bei den Fußvölkern, Schunderle bei den Husaren.

Schunderle war aber nur der Spitzname des vielgeprüften Dulders. In Wahrheit war er ein Baron, und ehe er zu Apatin 2rπ-Husar geworden war, hatte er die elegantesten Hindernisrennen mit dem Monokel im Auge gewonnen.

Davon pflegte er Schleichern, seinem Freund, zu erzählen, wenn sie wieder einmal um die dritte Morgenstunde so recht im Nebel von Austerlitz beisammensaßen.

223 »Siegst, Schleicher,« sprach er, »eigentlich bist du gar keine Gesellschaft für mich. Im Gegenteil: man mokiert sich über unsre dicke Freundschaft. ›Par nobile fratrum‹, pflegt der Regimentsbader zu sagen. Ich bin der Nobile, du bist der Fratrum, und wir beide sein das Paar. – Gut, man mokiert sich. – Warum? Weil du ein Fußfantrist bist. – Mein Gott, es is ja was dran . . . Aber ich find, ein wirklich gut erzogener Mensch, wenn er weiß, der andre is Fußfantrist, laßt er das den andern gar nicht fühlen.«

»Erlaub einmal . . .?« wollte Schleicher auffahren – er war aber zu müd dazu. Er knurrte nur.

Schunderle verstand »Prost«, trank aus und ließ sich zwei Grogs anmessen.

»Nach den vielen geistigen Getränken,« sagte er, »tuts einem ordentlich wohl, einmal einen Grog zu trinken.«

Dieser Ansicht war auch Schleicher. Wie denn Schleicher überhaupt meist Schunderles Ansicht teilte – daher die Freundschaft.


In dieser schönen Geselligkeit verbrachten sie drei, verbrachten sie fünf Jahre, und nichts vermochte ihre innige Freundschaft zu stören. Schunderle sollte demnächst Rittmeister werden, Schleicher Häuptling – die Firma Schleicher & Schunderle, Spirituosen en gros, florierte immer noch im Metropole. Nur hatten sie jetzt eine Filiale – im Hotel Bakalowitsch, gegründet 1899.

Im Hotel Bakalowitsch bediente eine Kellnerin, die 224 hieß wegen ihrer einseitigen Vorliebe für Reiterei Husarah. Sie war tornisterblond, hatte eine durchgehende Blässe – und Hände nicht wie eine Kellnerin, pflegte Schleicher zu sagen, sondern wie eine Fürstin.

Auch ansonsten war Schleicher Husarah gegenüber sehr dienstfreudig. So oft sie vorbeikam, schlug er innig die Augen zu ihr auf und kniff sie in den Oberschenkel. Husarah aber kümmerte sich nicht um ihn, sondern fuhr fort, am Freiwilligentisch Gnaden auszuteilen und Ringe entgegenzunehmen. Immer nur von Kavalleristen. Denn diese Waffe habe, nach Husarahs Versicherung, die Eigenschaft, hochanständig zu sein und eben nur aus Hochanständigkeit Geschenke zu machen; während die Infanteristen gewöhnlich unechte Sachen spenden.

»Das Mädel is eigentlich viel zu schad zu einer Kellnerin,« sprach Schleicher eines Abends. »Sie is gebildeter als gar manches ärarische Weib. Und packschierlich, was das anbelangt . . .« – Schleichers Stimme zitterte zärtlich – ». . . was das anbelangt, kann man sie doch überhaupt nicht vergleichen. Es is schad um sie. Man sollt sie retten.« – In dieser Nacht scheint bei Schleicher die Liebe zu Husarah erwacht zu sein, Husarah aber ging schlafen.

In dieser Nacht kam Schleicher auch auf seine Zukunft zu sprechen. Im Mai, versicherte er, würde er Hauptmann werden – vorausgesetzt, daß das Avancement nicht gerade vor ihm abschneidet. Vorher aber würde er noch die Infanterieequitation mitmachen.

225 »Was du nicht sagst,« rief Schunderle. »Auf die Art könnt ich ja noch dein Reitlehrer werden.«

Schleicher öffnete groß und weit die Augen – so, als käme aus der Ferne das Glück leibhaftig auf ihn zu und wolle ihn umarmen. Fast traten ihm die Tränen in die Augen.

»Du – mein Reitlehrer? Du, Schunderle?« – Das wäre mehr als Glück gewesen.

Schleicher hatte es nämlich schon einmal mit dem Reiten versucht, aber mit sehr ungünstigem Erfolg. Der Lehrer habe ihn geradezu gehaßt, geleistet habe er mindestens so viel wie die andern. Und wieder aufs Pferd müssen, das dünkte ihm eine Prüfung des Himmels.

»Ja, ja,« sagte Schunderle, »ich hab da heut mit dem Adjutanten dischkuriert, er hat mir erzählt, der Oberst will mir dieses Jahr die Equitation geben.«

Schleicher war selig. Ein Winter unter Schunderles Oberhoheit – das sollte nicht der ärgste Winter werden.


Aber gerade die Zwitterstellung Schunderles als Freund und Vorgesetzter zeugte die erste Spannung der beiden Schnabesfreunde.

Schleicher eignete sich so gut wie gar nicht zum Reiten. Er hatte es von der leichten Kavallerie, daß er leicht herunterfiel, und von der schweren, daß er schwer wieder hinaufkam. – Am Morgen pflegte er gern ein wenig zu spät zu kommen, und wenn dann sein Leibpferd vergriffen war, des Tierarztes alter Jodoformdiwan Melitta – da fühlte er sich 226 verraten. – Beim theoretischen Reiten oben in der Bibliothek schrieb er, statt aufzupassen, dem Obersten Haradauer – so laut, daß man ihn bis ins dritte Zimmer schnarchen hörte. – Im dritten Zimmer saß gerade der Major, las die Armeezeitung, kam herüber und fragte, was es gebe.

Er doziere eben über Strahlfäule, meldete Schunderle gehorsamst.

»Na, und was wissen Sie davon, Herr Oberleutnant Schleicher?« fragte der Major.

Schleicher lüftete das Nachtgewand der Augen und antwortete nichts weiter als:

». . . . Das Stallfeuer . . .«

Worauf der Major mit einem Disziplinarblick auf Schunderle davonging.

Indessen dauerten die Nachtübungen im Hotel Bakalowitsch immer noch an, nur pflegte Schunderle jetzt vor der Frühfütterung, dem Grog, noch Charaden aufzugeben – zum Beispiel:

Allasch,
Rostoptschin und
Scherrybrandy,

alles zusammen in ein Glas gemischt. Jeder mußte davon trinken, und die Lösung des Preisrätsels lautete:

Gesäß.

Überhaupt wars in der Filiale sehr lustig. Die Infanterieequitanten gingen sämtlich hin, um an ihres geliebten Reitlehrers Lippen zu hangen. – Hatte Schunderle schon vordem, wie alle Kavalleristen, viel zu tun und wenig Arbeit gehabt – jetzt, als 227 Equitationskommandant, konnte er jeden Nachmittag von zwei bis neun sein bürgerliches Schläfchen schlummern – vom allgemeinen Infanterierespekt gehegt, blühte er auf, sein Geist wurde täglich gelenkiger, sein Lebensmut wuchs. – Husarah merkte es geschmeichelt, denn sie schriebs, die Törin, ihrem Einfluß zu.

Eines Abends wurde bei Tisch wieder einmal eifrig geritten. Schunderle zog seinen alten Freund bei Kopf und Beinen auf, weil Schleichers inneres Quecksilber beständig unter dem Gefrierpunkt stehe; er pflege wie der Stiefsohn des Winterkönigs auf die Reitschule zu kommen – in Pelzbluse und Pelzstiefeln – nächstens werde er sicherlich mit Hermelinsporen erscheinen.

Schleicher wurde empfindlich. – Er stelle auch so seinen Mann.

»Wirklich? Na, dann zieh einmal deine Pelzbluse an und versuch, aufn erstbesten Fiakergaul zu steigen. Wenns d' hinaufkommst, zahl ich ein Schnapsrätsel mit ›Dudelsackpfeifer‹.«

Und schon pfiff Schunderle seinen Leibfiaker, Nr. 17, herbei – der hatte gegenüber von Bakalowitsch seinen Standplatz.

Es führte aber gerade dieser Nr. 17 eine Stute, Irene, die sie von den Husaren ausgemustert hatten, weil sie immerzu rossig war und in der Einteilung quiekte.

Schunderle ließ den Fiaker von links vorfahren, damit Irene vorn stünde, und sie kam schon schweifwedelnd daher.

Ahnungslos stieg Schleicher hinan, saß beinahe 228 triumphierend oben, da sang Irene ihre Arie, strahlte eine Silbe, und Schleicher lag im Dreck.

Eine Stunde darauf führte Schunderle die Husarah heim und verbrachte mit ihr die Nacht vom 15. Februar auf den 6. März.

Schleicher schnob flüssige Galle. – Als ihn Schunderle am nächsten Tag auf der Reitschule ermahnte, taubengraue Handschuhe anzuziehen, wenn er einen kaiserlichen Sattel zum Anhalten benutze – da beschloß Schleicher, sich marod zu melden.

Und als ihm Schunderle noch zurief, er tanze wie eine Sau durch die Ecke und sitze oben wie hinaufgekackt und angefroren – da ließ Schleicher seinen ehemaligen Freund durch zwei Sekundanten verachten.

Und die jüngsten mußtens sein, die aufzutreiben waren – Schunderle sollte sehen, daß man sich nichts, nichts, gar nichts aus ihm mache. Zwei neunzehnjährige Bürschel, die noch mutieren – mit Schweißfüßen, kolossal unangenehm.

Und grob sollten sie dem Schunderle kommen und keine Entschuldigung gelten lassen, und lebendig vor die Klinge sollten sie ihn bringen.

Sie versprachen alles, was Schleicher nur verlangte, freuten sich ungemein über den ehrenden Auftrag und fuhren in voller Kriegsbemalung zu Schunderle in die Wohnung.

Schleicher erwartete sie im Café Metropole. Lang; sehr lang, in rabiatem Brüten.

Das Duell kam aber nicht zustande. – Die Sekundanten kehrten mit der Erklärung zurück: Schunderle 229 gebe zu, von Herrn Oberleutnant Schleicher gesagt zu haben, er säße im Sattel wie hinauf . . . usw. – aber – so wie Schunderle ihnen die Sache beschrieben habe – könnten sie nicht umhin, zu gestehen: er habe nach ihrer Überzeugung recht.

Schleicher war entrüstet, vernichtet, tobsüchtig. Er schwor Stein und Knochen, nie mehr so junge Leute mit derlei Angelegenheiten zu betrauen – da er sie aber keiner ehrenrätlichen Mißhandlung aussetzen wollte, bliebs dabei, und die Sache verlief im Sand.

Die Firma Schleicher & Schunderle besteht nicht mehr. – Vorbei, für immer vorbei.

Sie sind sich erzstockfeind, Schunderle ist auf der Reitschule zu Schleicher direkt höflich. 230

 

Die Fische.

Der Herr General war bei uns zum Essen, es gab ihm zu Ehren Forellen.

Zwei Stück per Mann und Nase – das hatte uns der Menageoffizier eingeschärft.

Während des Liebesmahls kam er ins Unterhaus geflogen und verkündete:

»Der jüngste Kadett nur einen Fisch! Seine Exzellenz haben drei genommen.« 231

 

Orthographie.

Oberleutnant Charles de Caragnac, Fünferdragoner, entstammt einer Emigrantenfamilie, die ist seit mehr als hundert Jahren in Steiermark ansässig.

Unlängst richtete er ein Urlaubsgesuch an die Brigade und unterschrieb:

Kharles de Karagnak.

Das Regiment schickte das Dienststück mit einer Rüge zurück.

Caragnac erschien sofort in der Adjutantur und sprach mit hämischem Lachen:

»Bevor daß man sich blamiert, erkundigt man sich doch lieber zerscht. Fragts den Regimentsarzt – da werds ihrs ausdrücklich hören: man schreibt jetzt alles mit K.« 232

 

Das Ausbildungsprogramm.

Unser Regimentsarzt hielt gerade Schule mit den Blessiertenträgern, da brachte man eine Tragbahre herein.

»Himmelherrgott, was is denn schon wieder?«

»Herr Rementsarzt, meld ghursamst, Infantrist in Wasser follen, is e fast ersuffen.«

»Tut mir leid,« sagte der Regimentsarzt, »ich kann mich durch einen einzelnen Mann nicht im Ausbildungsprogramm stören lassen. Wir sind grad beim Erfrieren – Korporal Nechledil, lassen Sie ihn mit Schnee abreiben.« 233

 

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