Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexander Roda Roda >

Der Schnaps, der Rauchtabak und die verfluchte Liebe

Alexander Roda Roda: Der Schnaps, der Rauchtabak und die verfluchte Liebe - Kapitel 7
Quellenangabe
typesketch
booktitleDer Schnaps, der Rauchtabak und die verfluchte Liebe
authorAlexander Roda Roda
year1908
firstpub1908
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleDer Schnaps, der Rauchtabak und die verfluchte Liebe
pages266
created20160730
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Der Pionier.

Im Spital zu Bruck lag ein Pionier, der behauptete, eine schmerzhafte Starre im Genick zu spüren.

Eines Morgens, als der Sanitätswärter an das Bett des Pioniers trat, war der Pionier tot.

»Sei Glück«, sagte der Wärter. »Grod heunt hot eahm dar Herr Stabsarzt zwegen Simulation einspirren wolln.« 166

 

Der Trambahngaul.

Hauptmann Großner vom Wiener Infanterieregiment Nr. 4 hat auf der Auktion einen ausrangierten Pferdebahngaul gekauft.

Ein feiner Gaul, ein famoser Gaul – nur bleibt er leider auf jeder Haltestelle stehen.

Aber Großner hat ein Mittel dagegen gefunden: er hat sich eine Trambahnklingel gekauft und gibt jetzt, so oft es nötig ist, das Abfahrtszeichen. 167

 

Ein Geheimnis, das zwanzig wissen.

Dieser Malchowski war einmal vor vielen Jahren mein Regimentskamerad. Er war damals vier Jahre Oberleutnant – da kann man sich ja ausrechnen, wie lang es beiläufig her ist.

Ein brillanter Reiter. Sogar im Institut hat der Mann seinerzeit Aufsehen erregt. Er brachte eine Beschreibung zum Regiment mit – mit der kann man in bessern Zeiten Bischof werden.

Ehe er zu uns kam, hatte ichs ja viel angenehmer gehabt: ich war der einzige Institutler, also Equitationskommandant. Er war um etliche Brottage älter – da wurde er mein Vorgesetzter.

Vielleicht tat mir das in der ersten Woche leid. Später nicht mehr. Nein, sicher nicht. Malchowski hatte eine Art, schweigend zu lehren – die zwang einen zum Gehorsam und zur Anhänglichkeit.

Wer ihn nur in seinen kranken Tagen gekannt hat, kann sich den jungen Malchowski gar nicht vorstellen: lauter Kraft und Sehne vom Scheitel bis zur Zehe; langes, schwarzes Haar – und Augen so schwärmerisch und so tief wie eine italienische Frau. Ich habe niemals wieder solche Augen gesehen.

Er war ein Berufsfanatiker. Wozu euch viel erzählen? Ich komm einmal im Winter, früher als sonst, auf die Reitschule, und im Torflur hockt verschlafen sein Pferdewärter.

»Wie,« frag ich, »der Oberleutnant ist schon hier?«

»I meld ghorsamst, der Herr Oberleidnant is seit gestern abend hier.« 168

So hat der Mann gearbeitet. Tag und Nacht war ihm gleich. Wenn er ein diffiziles Pferd hatte, konnte man ihn stundenlang umhergehen sehen und nachdenken. Er lebte und starb für diese blöden Tiere.

Zu uns Herren stand er in einem ganz eigenen Verhältnis: die notwendigsten Ausstellungen beim Reiten und einige gesellschaftliche Phrasen – sonst kein Wort. Und doch – wir hatten fünfzehn Offiziere in der Equitation – jeder, auch ich, hatte ihn ins Herz geschlossen. Eine Perle von einem Menschen. Immer verlangte er von den andern ein Drittel von dem, was er selbst leistete.


Täglich Punkt ein Uhr nachmittag saß er auf und ritt ins Terrain. Bei der Abendfütterung fehlte sein Pferd. – Ich hatte es oft bemerkt – aber ich kam noch nicht dazu, mir Gedanken darüber zu machen, da hatte die Sache schon aufgehört. Er pflegte nun von der Menage weg nach Haus zu gehen und blieb unsichtbar bis zum nächsten Tag.

Eines Morgens, im Frühjahr, komme ich um drei Uhr den Chargiererstall visitieren. Da stand auch Malchowskis eigenes Pferd. – Der Box ist leer.

»Hallo,« frage ich, »wo ist die Stasie?«

Der Stallwart meldet, Malchowski wäre ausgeritten. – Ich will natürlich nicht weiterforschen, aber der Mann erzählt ungefragt:

»Herr Oberleidnant reit jetz jeden Abend aus.«

Da hatte ich also die Erklärung, warum Malchowski immer so schläfrig ist . . . 169

Ich gehe nächstens auf ihn zu und sage ihm:

»Du – wenn es dir angenehm ist, daß ich deine erste Longeabteilung übernehme – ich bin gern bereit.«

Er drückt mir die Hand, und die Sache ist abgemacht. Von nun an hat er erst um acht Uhr zu tun, und wir bilden uns ein, daß er etwas besser aussieht und auch besser gelaunt ist.

Unwillkürlich fragt man: was hat der Mann eigentlich von der Mittagsmesse an bis zum nächsten Morgen gemacht? – Ja – darüber waren wir uns alle zusammen auch nicht klar. Einmal wollte der Major ganz ernstlich wissen, ob Malchowski nicht im Konkubinat lebe. Davon war natürlich keine Rede. Es war ein Rätsel – und kein so interessantes, daß man darüber hätte viel grübeln mögen. – Mein Gott – er ist ein Sonderling. Ist das nicht Erklärung genug?

– – – – Mir kam eines Tages freilich eine ganz andre Erklärung.


Wir sind auf der Reitschule.

Malchowski ist sonst pünktlich wie das Verhängnis – heute fehlt er. Er fehlt um acht Uhr und fehlt noch um halb neun. – Das ist schließlich kein Unglück – er ist vielleicht unwohl – und wenn auch nicht – es ist heute kein besondrer Tag – keine Inspizierung oder dergleichen. Ich lasse also seine Remonten ruhig bewegen.

Um neun Uhr – wir sitzen im Kobel und rauchen – da sagt einer von den Equitanten: es wäre vielleicht gut, wenn ich Malchowski beim Regiment marod 170 meldete. Man kann doch nicht wissen: am Ende kommt der Oberst und fragt nach ihm.

Mir scheint das sehr plausibel. Ich schreibe einen Dienstzettel in Malchowskis Namen. Da fällt mir plötzlich ein: Malchowski könnte sich ja schon selbst marod gemeldet haben, und der Bursch hat den Zettel vielleicht geradeaus in die Adjutantur getragen.

Ein Kadett läuft in den Stall, ob der Pferdewärter nicht etwas wisse, und kommt bleich und atemlos zurück: Stasie und Dius – Malchowskis Pferde – und Puntschikar, der sie putzt, sind seit gestern abend nicht zurückgekommen.

Alle wußten, daß Malchowski hie und da die Nacht auf der Reitschule verbracht hatte – früher, solang er neu in der Garnison war. Daß er aber jetzt regelmäßig spät am Abend auszureiten pflegte – das wußte nur ich allein. – Man kann sich denken, wie verblüfft die Equitanten waren, als sie es erfuhren. Nicht einer war unter uns, der sich nicht dachte: Malchowski liegt jetzt schwer verletzt in irgend einem Graben. So groß schätzte man seine Passion ein.

In diesem Augenblick ruft mich der Feuerwerker hinaus: Puntschikar sei mit einem Handpferd eingerückt und habe mir – aber nur mir – eine dringende Meldung zu machen.

»Was ists also, Puntschikar?«

»Herr Oberleidnant, i meld ghorsamst, dem Herrn Oberleidnant Malchowski muß a Unglück gschegen sein.«

»Ja, bist du denn nicht mit ihm gewesen, daß du es nicht bestimmt weißt?« 171

Und der Mann erzählt: Malchowski reitet täglich nach einem bestimmten Dorf – der Pferdewärter nennt es. Vor dem Dorf sitzt Malchowski ab, und Puntschikar muß die Pferde halten. Früher hat sich das immer am Nachmittag abgespielt – seit einiger Zeit aber in der Nacht. Diesmal hat Puntschikar bis neun Uhr früh gewartet – der Herr ist nicht zurückgekommen . . .

»Warum hast du nicht nach ihm gesucht oder wenigstens gefragt?«

»Herr Oberleidnant, i meld ghorsamst, i hab net därfen.«

Eine Weibergeschichte also . . .

Die Lage war für mich peinlich: Malchowski hatte mich nicht eingeweiht und war auch nicht der Mann, für unerbetene Einmischungen zu danken. – Andrerseits: mit rechten Dingen konnte es nicht zugegangen sein.

Ob ich wollte oder nicht – es blieb mir nichts übrig, als Puntschikar weiter auszuholen.

O, er wußte genug. Er sagte mir sogar den Namen der Dame – und daß die Bauern ihn schon oft gewarnt hätten: »Paß auf, Soldat! Wenn du einmal knallen hörst, kannst gleich zu euerm Geistlichen galoppieren, denn für euern Arzt wirds zu spät sein.«

Ich befahl dem Pferdewärter, sich mit Stasie und Dius bereitzuhalten und unbemerkt zu folgen. – Den Herren aber rief ich zu:

»Blinder Alarm. Malchowski ist ein Pferd kaufen gefahren, und sein Bursch hat vergessen, mirs zu melden.« 172

Wir trabten ein paar Wände, da sagte ich:

»Zu dumm, diese ewige Knochenmühle. Der Kater ist fort, machen wir uns einen guten Tag.«

Alle waren freudig beim Spazierenreiten.

»Feuerwerker, wenn der Herr Oberleutnant Malchowski kommt, melden Sie, ich bin dort und dorthin geritten.«

»Was, so weit?« riefen alle verwundert.

Durch die Stadt gings mit Schwatzen und Lachen. Jeder bat um einen andern Weg – jeder wollt an seinem Mädel vorbeikommen. Ich aber brannte vor Besorgnis. Kaum waren wir im Weichbild, da schlug ich ein Tempo an, das in keinem Reglement steht.

In dem gewissen Dorf requirierte ich ein paar Bauern zu den Pferden, befahl »Absitzen!« – und schnurstracks durchs Parktor ins Schloß.

Ob ich den Gutsherrn kannte? Keine Spur. Niemand von uns kannte ihn. – Man wird doch bei der Herrschaft Aufwartung machen dürfen?

Und hat sich hier in der Nacht wirklich eine Szene abgespielt – na, wenn wir auch unbewaffnet sind – wir sind unser sechzehn.

Ich lasse mich also melden.

Der Gutsherr kommt uns ein wenig überrascht entgegen. Unsre Reitanzüge sind auch nicht eben so, daß man den Überfall für eine Anstandsvisite ausgeben könnte.

Man sieht ihms an, dem Guten, wie – ungeladen wir ihm kommen. Er gibt ziemlich deutlich zu verstehen, daß er keine Zeit hat. Aber gerade seine frostige 173 Unart freut mich von Herzen. Ich weiß jetzt: wenn Malchowski überhaupt hier ist – der Mann hat keine Ahnung davon.

Freilich ist Malchowski hier. Das verrät die entsetzte Blässe der Dame des Hauses. Sie erscheint in der Portiere und bleibt fast am Türpfosten haften. Ihr Blick hat schon die Frage getan: Was wollt ihr hier? Kommt ihr mich verraten; kommt ihr nur helfen?

Ja, wir kommen Ihnen helfen, Gnädigste! – Wir haben uns eine halbe Stunde abgequält, mit Ihrem Mann Konversation zu machen – höfliche Konversation mit einem Menschen, der uns unhöflich als Eindringlinge behandelt.

Zehnmal muß ich Herren zurückhalten, die durchaus aufbrechen wollen – denn es gibt noch immer solche, die das alles nicht verstehen.

Da – endlich tritt er ein – Malchowski. Er hat noch nicht Zeit gehabt, eine Silbe zu sprechen – da stelle ich ihn schon den Herrschaften vor:

»Unser Kommandant. Hat nicht mit uns zugleich kommen können. Ist ein Pferd kaufen gewesen.«

Er drückt mir die Hand, wir bleiben noch zehn Minuten. Dann scheiden wir.

Wir schreiten über den knirschenden Kies zum Parktor hinaus. An einem Gitterfenster des Kastells seh ich ein Mädchen mit verweinten Augen. Ich denke mir, es muß die Kammerjungfer gewesen sein. Sie erblickt Malchowski unter uns, da faltet sie die Hände wie zu einem Dankgebet.


174 Wenn man mich um eine Erklärung des Vorfalls fragt – ich weiß keine. – Niemand hat mehr über die Sache gesprochen.

Aber grade an der Absichtlichkeit des Schweigens merkte ich, daß die Herren samt und sonders begriffen hatten.

Ein Geheimnis, das zwanzig wußten.

Was war aber damals in der Nacht geschehen?

Ich kann mirs nicht anders zusammenreimen: der Gutsherr muß unerwartet heimgekehrt sein, und der getreuen Kammerjungfer blieb nichts übrig, als Malchowski zu verstecken. Er konnte dann sein Versteck nicht verlassen – bis er sich uns unbemerkt anschloß – als einer der unsern.

Wie blind aber Verliebte sind:

Malchowski und seiner Dame schien gar nicht der Gedanke an unsre Mitwissenschaft gekommen zu sein. Glaubten die Leute, wir wären zufällig – glücklicherweise – zu Besuch gekommen? Oder liebten sie einander so glühend, daß sie der ganzen Welt Trotz bieten mußten?

Wie immer – Malchowski ritt auch später fast jeden Abend hinaus.

Ein Geheimnis, das zwanzig wußten. 175

 

Josef.

Der Einjährig-Freiwillige Feuerwerker-Offiziersaspirant von Janowski hat sich heute nicht einmal rasieren lassen. Denn wozu? In die Oberstadt kann er ja doch nicht gehen. Auch sonst nirgends hin.

Er hat zwei Stunden vor dem Gittertor der Kaserne gestanden und sich die Zeit damit vertrieben, die Leute neidisch abzuschätzen: der hat Geld – der hat viel Geld. – Ja – das viele Geld, das in der Welt ist: da gibt es Marmorpaläste und Equipagen. Janowski möchte jetzt nur so viel haben, wie da die Turmuhr gekostet hat. Nein, nur der eine Zeiger. Übergenug wärs für heut abend.

»Tschau!« näselt Leutnant Friedl, ein Akademiker. Er stelzt großartig nach der Oberstadt. – Auch so einer: nie ein Moos, schon in der ersten Monatswoche nicht – und doch überall Kredit. Wie der das anstellt?

Aber ein Entschluß muß gefaßt werden. Man kann doch nicht den ganzen Sonntagnachmittag da stehen.

Janowski steckt die Hände in die Hosentaschen und schlendert hinüber in den Beserlpark, den Säbel rasselnd hinter sich. Was er dort will, weiß er selbst nicht.

Da sitzt auf der zweiten Bank ein wundernettes Dienstmädchen.

Janowski geht einmal vorüber und denkt sich: ist das ein hübscher Käfer! – Auf dem Rückweg blickt er scheu um sich, ob die furchtbare Verletzung der Standesehre auch gewiß keinen Zeugen haben werde – – und nimmt dann auch Platz – mehr gegen den Rand zu.

»Kiß die Chandj, Freilein! Sie erljauben schonj?« 176 – Er sagts mit einem leichten Anklang an die Sprache seiner Ahnen, von denen einjige wennjige polnjische Kenjige gewesen sind. – »So alleinj? Am Sonntag?«

Sie seufzt. »Was soll ma machen? Es is scho so.«

»No – manj geht doch gewennjlich mit dem Schatz aus.«

»Was glauben Sie eugentlich von mir?« – – Und sie mißt Janowski mit einem Blick – der könnte Bretter schneiden.

Er wird verlegen und schweigt.

»Diese Männer meinen, wann sie ein Madel alleinich segen, därftet sie schon net anständig sein.«

»Aberr ich bitte um Verzeihung, Frjeilein . . .«

»Ja – bitten! Das können s' nachher.«

». . . ich chabbe Sie ja njicht krjänken wollen. Das missen Sie doch einjsehen?«

Sie sieht es ein – und man kommt langsam ins Gespräch. Janowski rückt unmerklich näher. Immer näher, aber sprungbereit zur unverfänglichen Entfernung–wenn etwa ein Offizier auftauchen sollte . . .

Sie heißt Anna.

. . . Eine Stunde später promenieren sie tiefer in die gottverlassene Seufzerallee. Er hat schon den ersten, zweiten und dritten Kuß bekommen. Da fragt sie ihn endlich auch um seinen Namen.

Janowski hat die Geistesgegenwart, sich Josef zu nennen. Einfach – Josef.

»Sein Sie schon lang hier bein Regement, Herr Josef?«

»Seit den Manjövvern.«

177 »O – erst acht Täge?« – Also darum! Darum ist ihr dieses Glück in den Schoß gefallen, einen wahrhaftigen Feuerwerker – am Ende gar . . .

»Sein Sie in der Kanzlei? – Nein? Sie sein dienstführender Feierwerger?«

»Warrjum freit Sie das so, Frjeilein Annerl?«

»Wissen S', die was in der Kanzlei sein, sein mir nicht sympaathisch. Sie sein auch nicht so wie die Dienstführenden, sie sein mehr grandig. Herentgegen die bei der Truppe sein mehr lustig.«

»O! Wocher wissen Sie das, Frjeilein Annerl? Chabben Sie schon so ville Bekanntjschaften gechabbt?«

»Waß denken Ssie von mir? Ich weuß daß von die Freundinnen.«

Er drückt sie innig an sich, bekommt wieder einen strafenden Blick ab, macht sich aber diesmal gar nichts mehr daraus. Im Gegenteil. Er nimmt ihren Kopf zwischen die Handflächen, sieht mit Wohlbehagen die schwellenden Lippen an und küßt sie.

Da wird sie weich und gesteht:

»Daß ich Ihnen nicht anlüg, Herr Josef . . . No ja, was soll ich Ihnen anlügen? Die Herren Feierwerger sprechen mitanand ja so nur über uns Madeln. Is glei besser, ich sag Ihnens: ja, ich hab schon einmal eine Bekänntschaft gehabt – mit 'm Herrn Zugsführer Walchner, wie daß er noch Vormeister bein Kader gewesen is. – Och Gott – ich hätt mich lieber nicht an ihm erinnern sollen. Was hab ich Nächte wegen ihm geweint.«

178 »Chat er Ihnen was angetan, Frjeilein Annerl?«

»Waß glauben Ssie eigentlich von mir, Herr Josef? – Ich laß mir von keinem Mann was antun. Ich bin kein solches Madel. – Sondern beleidigt hat er mich. Überhaupt hat er keinen Charakter. Und ein Mann, der was keinen Charakter hat, das is bei mir kein Mann. – – Aber nicht, daß Sie ihms vielleicht entgelten lassen, Herr Josef . . .«

Anna schwebt im siebenten Himmel. Ein Feuerwerker, dazu noch einer in eigener Montur, ein bildhübscher, junger Kerl. Und so bescheiden und manierlich. Nicht eine in der ganzen Gasse hat einen Feuerwerker.

»Gehn mir ein bissl am Korso, Josef!« schlägt sie vor, zitternd vor schüchterner Glückseligkeit.

Nein, auf den Korso geht er nicht.

»Also in die Veteranische Höhle.«

Nächstens – gern. – Heute – nicht.

Er sucht nach einer passenden Ausrede für die Weigerung – sie ist nur dem Mangel an Moneten entsprungen – und gerät auf sein unrasiertes Gesicht. Sie billigt zwar den Grund nicht, aber ihr imponiert der feine Mann, der sich öffentlich nicht zeigen mag, wenn er auch nur einen Tag nicht rasiert ist.


Es beginnt mählich zu dunkeln – der Laternmann zündet an. Vom Festungsturm schlägt es acht, die Glocke bimmelt zum Abendsegen.

Da schrickt Annerl aus Janowskis Armen auf.

179 »Jessas, schon acht? – Ich muß nach Haus, Josef.«

»Oh! Schonj –. Schade!« – Und er will sich verabschieden.

»Begleitst mich nicht heim –?« fragt sie leise.

Er lacht.

»Du könntst mich schon heimbegleiten, Josef . . . Die Frau is . . . in Thiater . . .«

Da durchblitzt ihn ein herrlicher Gedanke. – Ja und ja, allen zum Trotz wird er mit ihr gehen. Bei Gott, er wirds riskieren. Dieser Götterspaß! Ein wahrhaftes Abenteuer im Soldatenrock – sein erstes. – – – Und finster ist es auch genug.

Er ist wie ausgewechselt. Alles Knabenhafte – die Furcht, ertappt zu werden, ist abgestreift. Der Übermut, die Frechheit des ausgepichten Don Juans hat ihn gepackt. Sporenklirrend, den Säbel rasselnd hinter sich und Annerl am Arm – überquert er die helllichte Kirchengasse, gibt nonchalant den Kanonieren ihren Gruß zurück und steht auf einmal in Annerls Flur.

»Wart nur, Josef, ich mach erst Licht.«

Da, als der Dämmerschein der Ganglampe empor wächst, da fällt Janowskis Auge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . auf das Schild der Wohnung, in die er eintreten soll.

»Frau Bettina Deutsch.«


Seltsames Schicksal! Vier Wochen hat er heuer auf Schießübungen und sie zur Kur im Bad Daruwar 180 verbracht. All die Nächte der vier Wochen haben ihm die deutlichen Avancen dieser Frau gekostet, und er hat seine Blödigkeit nicht überwinden können. – Seit er in die neue Garnison eingerückt ist, hat er sich täglich vorgenommen, Mut zu fassen, Besuch bei der üppigen Frau zu machen und . . .

Und nun überschreitet er ihre Schwelle am Arm ihres – Dienstmädchens.

Wenn sie das wüßte! – Aber sie ist . . . in Thiater.

»Alsdann setz dich, Josef, daß du mir den Schlaf nicht wegtragst.« – Annerl schiebt ihm einen Stuhl hin, noch einen für sich daneben und legt ihren Arm zutraulich um Janowskis Nacken. – »Was hast denn? Was bist denn auf einmal so still?«

»O – njichts. Gar njichts«, sagt er. Lacht und hat seine Laune wieder.

Es ist auch zu köstlich: er bekommt sogar zu essen. Mit wohlwollender Selbstverständlichkeit beschneidet Annerl das Beefsteak der Herrin – für ihn.

Er erschrickt nicht wenig, als mitten im Mahl ein Schlüssel das Schloß draußen sucht.

»Nur das Abwaschmädel«, beruhigt ihn Annerl.

Eine Weile geniert ihn die Gegenwart der kleinen Dritten – als aber Anna ihr Benehmen so gar nicht ändert, übersieht auch er sie.

Gegen zehn Uhr öffnet Anna das Fenster, schlägt den Flügel der Küchentür auf und zu, um den Zigarettenrauch zu vertreiben, und verbannt ihren Josef ins Dienstbotenzimmer.

181 »Pepi, steck dir Zündhölzeln in die Sporenradeln – weißt, daß man dich nicht hört.«

In ihm prickelt alles vor Vergnügen. Er bedauert nur, daß er nicht auch noch in den Schrank hat kriechen müssen – das gehörte eigentlich so mit dazu.


Am nächsten Tag gegen zwölf Uhr klingelts.

»Eine Visite«, denkt Annerl und geht öffnen.

Und da steht – sie traut ihren Augen nicht – da steht in glänzender Paradeuniform, Lackstiefeln und Tschako – mein Gott, ist ers denn wirklich? – – ihr Josef.

»Jesus, Maria – was is dir eingefallen?« möchte sie stammeln, aber sie kommt nicht dazu.

Er überreicht ihr seine Karte – ganz so näselnd wie der Leutnant Friedl aus der Akademie.

»Äh . . . Melden Sie mjich bei der Gnjäddigsten.«

Willenlos, zögernd, betäubt trägt sie die Karte fort. Im Gehen liest sie darauf mit weitaufgerissenen Augen, die alles doppelt sehen:

»Stanislaus Ritter von Jan . . .«

Nun sitzt er drinnen. Und wetteifert an Keckheit mit der genußhungrigsten Frau der Welt. Bettina merkt mit freudigem Grauen die Veränderung an ihm.

Die pikante Lage reizt ihn. Er fühlt sich selbst dieser Lebedame um ein Geheimnis überlegen und gefällt sich ungeheuer.

»Darrjf ich um ein Gljas Wasser bitten, Gnjäddigste?« fragt er plötzlich.

Frau Bettina klingelt.

182 Anna, immer noch in ihrem hilflosen Staunen, kommt mit dem leeren Wasserglas in die Küche zurück, die hellen Tränen in den Augen – und schreit das Abwaschmädchen an:

»Diese Männer! Jetzend hat er die gnä Frau gezwickt.« 183

 

Der Brief.

Tutzi,

ich werde dieses letzte Schreiben an Sie, sobald es gesiegelt ist, in meine Brusttasche stecken. Dem Rittmeister Gerlach habe ich das Wort abgenommen, daß er es Ihnen nach meinem Tod ohne Zeugen übergeben werde. Gerlach wird Ihnen auch die Todesnachricht schonend beibringen und sich damit sehr beeilen (ich habe ihn darum gebeten), sonst könnte ihm jemand flink und brutal zuvorkommen.

Schonend beibringen! Das heißt, man wird Sie mit halben Andeutungen quälen, arme Tutzi, immer mehr erregen und Ihnen, wenn Ihre Angst durch nichts mehr gesteigert werden kann, plötzlich sagen: mein Herz habe aufgehört zu pochen. Arme Tutzi, da wird auch Ihres stillestehen.

Die Szene wird sich, kalkuliere ich, um neun Uhr abspielen. Jetzt ist es fünf, ein dämmeriger Morgen, schrecklich kalt. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Der Abschied von dieser Welt sollte mir wohl durch kleinliche Ärgernisse erleichtert werden, denn gegen drei Uhr ging mir die Lampe aus . . . eben als ich daran war, nach zwei langen letzten Briefen an Mama und die Schwester den längsten, den allerletzten – diesen Brief an Sie zu beginnen. So brachte ich furchtbare Stunden im Finstern zu, bis mich die Dämmerung daraus erlöste.

Und weil ich Sie doch nicht mehr sehen werde, Tutzi, muß ich das unmögliche versuchen: Ihnen noch alles, was ich auf dem Herzen habe und 184 meine, in einem Menschenleben nicht aussprechen zu können, auf ein paar Blättern, in ein paar Stunden zu schreiben.

Tutzi, es ist etwas schreckliches vorgefallen, wovon Ihr ruhiger Schlaf nichts ahnt. Gestern, als ich Sie eben verlassen hatte, die Lippen brannten mir noch von Ihrem Kuß, diesem einen Kuß – da kam Ihr Mann zu mir. Ich fühlte gleich ungewöhnliche Dinge nahen. Doch etwas so schreckliches ahnte ich nicht.–– Er begann ruhig von unserm Verkehr zu sprechen, wie er mich Ihrer guten Mutter vorgestellt, dann von den beiden Regimentsausflügen, von dem Abendessen bei Major Krenzig – und rief auf einmal:

»Was haben Sie damals auf dem Heimweg meiner Frau erzählt, wie Sie allein mit ihr gegangen sind?«

Ich war so überrascht durch die Frage – den Ton – daß ich schwieg.

»Ah,« sagte er, »warum erbleichen Sie?«

Ich antwortete, daß ich mich zwar im Augenblick nicht an den Gegenstand des Gesprächs mit Ihnen zu erinnern wüßte – jedenfalls aber sei es nichts gewesen, was »den Herrn Oberstleutnant zu dieser Frage berechtigte«.

Gott, Tutzi, ich wollte es ja fest herausbringen. Aber aus seinen Augen drang langsam ein grauer Strahl und legte sich mir um die Kehle wie eine drosselnde Schlinge. Ihr Mann beugte sich vor und sagte mir, von Angesicht zu Angesicht eine Spanne weit – so kühl, wie der Morgen heute ist:

»Sie haben mich betrogen. Sie haben ein 185 Verhältnis mit meiner Frau. Sie werden sich mit mir schießen.«

Sie wissen, Tutzi, womit ich entgegnete: mit einem Eid auf Ihre unberührte Ehre. Da zog Ihr Mann auf einmal mein Bild hervor – er muß Ihre Tischlade erbrochen haben – und las: »Der geliebten Tutzi, der kleinen Göttin meiner Seele . . .« – Und soviel ich auch beteuerte, daß unser Verkehr sich immer nur auf backfischmäßige Schwärmereien beschränkt hat, daß Sie mir nie mehr gewährt haben als ein angenehmes Wort nach vielen, vielen unangenehmen, daß ich von Ihnen nie – er möge Sie und, wenn er wahnsinnig sei, auch Ihre Dienstboten befragen – anders als bei offenen Türen empfangen worden bin – er blieb dabei, wir müßten uns schlagen.

Da, Tutzi, wurde ich gewahr, welch einen häßlichen Charakter Ihr Mann hat. Ich stellte ihm vor, daß er Ihren unangetasteten Ruf durch das Duell in die Gosse trete. Er aber hörte nicht auf mich. – Warum? – Weil ihm sein Wohl, sein Ruf, seine Laufbahn alles wert sind – auch Sie. Weil doch vielleicht dieser und jener einmal den Verdacht aussprechen könnte, Sie hätten mit mir die Ehe gebrochen, das Gerücht davon seiner Karriere schaden und unter dem Gefühl, in der Leute Mund zu sein, seine Sicherheit des Auftretens leiden könnte, darum, dafür – opfert er Sie und – mich.

Tutzi, wenden Sie nicht ein, daß ich ja im Zweikampf die gleichen Chancen hätte wie er. – Nein, ein Wild, das nach erschöpfender Jagd stillhält, weil es nicht 186 weiter kann, werde ich vor seiner Pistole stehen, und er wird mich niederknallen.

Er hat sich gute Bedingungen gemacht: fünf und zwanzig Schritte Distanz mit fünf Schritten Avance. Kaum wird das Signal gegeben sein, da geht er vor und zielt und – zielt – drückt ab, und ich liege da. Fehlt er mich auch zum erstenmal – was soll ich? Ein Leben verteidigen, das nichts nutz ist? Morgen zieht man mir den Offiziersrock aus, und ich, der ich nichts besitze und nichts gelernt habe, bin ein Bettler, der seine Tutzi nie, nie erringen kann. – Und wenn ich auch wollte – ich könnte ihn nicht töten. Ich fühle, ich bin zu schwach – oder ein Nervöser, ein Narr – oder ein Feigling – – kurz, ich kann nicht. Vielleicht werde ich mich grade noch genug beherrschen können, an ihm vorbeizuzielen. Nicht zu auffallend, es sähe wie eine Bitte um Schonung aus.

Ich beschwöre Sie, rächen Sie mich an ihm, Tutzi! Wissen Sie, was er tun will? Mit Ihnen fortleben, als wäre nichts geschehen – nach außen hin, um den Schein zu wahren. Daheim aber wird er Ihnen jeden Bissen von seinem Tisch mit hämischen Giftbrocken verbittern.

Dulden Sies nicht! Rächen Sie mich! Gehen Sie von ihm! Keinen Gedanken hat er für Sie gehabt, zahlen Sies ihm heim! Gestehen Sie ihm einen Betrug, der nie geschehen ist, und lassen Sie ihn mit seiner verletzten Eigenliebe allein.

Tutzi! Erinnern Sie sich, wie Sie mit den Flammenzungen meines Verlangens gespielt haben, wie rasend ich Sie geliebt habe, Tutzi?

187 Gott im Himmel, wenn der selige Glanz Ihrer Augen nicht bloße Koketterie, Ihr Liebeswort nicht erheuchelt gewesen ist und ich Ihre Puppe, Sie großes Kind – wenn Sie Ihrem Gewissen folgen, werden Sie den Menschen für sein Verbrechen an mir – strafen. Gilt Ihnen nichts, was ich in dieser Stunde wünsche – unter den Qualen der Angst, im Begriff, in den Tod zu gehen – – Ihretwegen?


Ich muß abbrechen, Gerlach und Raindl sind mich holen gekommen.

Küsse, heiße Küsse, Tutzi! Ich flehe Sie an, üben Sie Vergeltung. Der Gedanke, Sie könnten mit meinen Wünschen auch weiter spielen, wenn ich unter der Erde bin, macht mich rasend. Sind Sie wirklich nur eine Kokette? Ist denn das möglich? Und ich sterbe dafür?

Küsse, Tutzi! 188

 

Etikette.

In Prag hatten zwei Oberleutnants Krach miteinander, es kam zur Forderung.

Der Oberst wollte ein Duell nicht zugeben; die Gegner sollten sich versöhnen.

Sehr schön. Aber beide behaupteten einmütig, die Beleidigten zu sein: der andre sollte herkommen und abbitten. Ohne Abbitte keine Versöhnung.

Endlich, nach langwierigen Unterhandlungen, machten die Sekundanten folgenden Vorschlag:

Die Gegner stellen sich, der eine im Adjutantenzimmer, der andre daneben im Kommandantenzimmer auf. Die Verbindungstür wird von einem Unparteiischen geöffnet. Ein Tambour rührt die Trommel. Nach dem Takt der Trommel schreiten die beiden Gegner gleichzeitig sechs Schritte aufeinander zu, strecken einander gleichzeitig die Hände entgegen und sagen beim sechsten Schritt gleichzeitig:

»Pardon, Kamerad!«

Aber die Sache kam nicht zum Klappen, weil Oberleutnant Hedbawny kurze Beinchen hat. Er war beim sechsten Schritt noch nicht nahe genug am Gegner, um ihm die Hand zu drücken.

Und ehe er einen Schritt mehr zur Versöhnung mache als der Gegner – sagte er – wolle er sich lieber schlagen. 189

 

Schipsel.

»Herr Leutnant,« sprach der Oberst eines Tages, »morgen kommt der Herr Brigadier. Ich erwarte, daß Sie Ihren Schipsel so gründlich einsperren werden, daß er die Inspizierungstage unsichtbar bleibt.«

»Herr Leutnant,« sagte auch der Major, »Sie haben da ein Hundevieh, das treibt sich mit Vorliebe auf der gedeckten Reitschule herum. Morgen kommt der Brigadier. Lassen Sie Ihren Hund noch heute auf meine Kosten von einem vorbestraften Mann erwürgen.«

Der Herr Rittmeister drückte sich kordialer aus:

»Du – vermach deinen Mopspudel-Dachspintsch-Bastard einer frommen Stiftung – die Generalität kommt uns beaugapfeln.«

Es ist ja selbstverständlich und braucht gar nicht erst erzählt zu werden, daß Schipsel pünktlich zur Stelle war, als der Herr Leutnant dem Brigadier die Anzahl der Reiter meldete. Es ist auch natürlich, in Schipsels Charakteranlage tief begründet und leuchtet jedem ohne weitres ein: daß der Köter in Ausübung seines Berufes wie irrsinnig bellte.

Der Oberst rang die Hände.

Der Major stieg eine supponierte Beobachtungsleiter hinan.

Der Rittmeister wand sich im Kindbettfieber.

Alle mit haßerfüllten Blicken auf den armen Leutnant.

Der Brigadeadjutant aber kehrte sich mit dem bekannten Generalstabskopfschütteln von dem ekelhaften 190 Hund ab und äußerte Beileid für die Zwischenvorgesetzten.

Da fuhr der General herum.

»Feiner Hund – das. Gehört er Ihnen, Herr Leutnant? – Ja? – Wie heißt er? – Schipsel? – So is recht, Schipsel! Gib nur ordentlich Hals, Schipsel! Die Pfertln sollen sich dran gewöhnen.«

Im Nu leuchtete ein Vollmond im Gesicht des Herrn Obersten auf.

Der Herr Major nannte Schipsel einen Mordskerl.

Der Rittmeister lockte ihn an sich, um ihn zu streicheln.

Und der Brigadeadjutant fragte, ob man nicht ein Puppy von dieser herrlichen Zucht haben könnte. 191

 

Härtel und die Faktoren.

Härtel zu Härtefeld, Karl Freiherr von, ist k. und k. Kämmerer und Oberleutnant bei Dembski-Dragonern Nr. 17.

Der Faktor (Mehrzahl: Faktoren) ist eine Zahl, die multipliziert werden soll – oder auch, in übertragenem Sinn, eine von jenen Ursachen, deren viele zusammenwirken müssen, um ein bestimmtes Ergebnis herbeizuführen.

Hingegen ist der Faktor (Mehrzahl: Faktorkes) ein Untertan Seiner Majestät, des Königs von Galizien und Lodomerien, lebt in ungezählten Exemplaren östlich der Kultur und hilft allen, die dahin verschlagen werden, den Kampf ums polnische Dasein fechten.

Wenn man nach Galizien versetzt wird, erwartet einen der Faktor an der Bahn. Er grüßt höflich und geleitet einen zum Wagen; zu seinem Wagen.

Man möchte ins Hotel fahren: aber der Faktor hat einem schon die Wohnung besorgt. Man will Möbel kaufen: aber der Faktor hat sie schon – auf heute – bestellt. Man will sich schlafen legen: der Faktor sagt, es schicke sich, in der Offiziermenage vorzusprechen.

Er hat auch schon über den Abend verfügt und zieht ein Theaterbillett aus der Tasche. Er wartet vor dem Chantant und bringt einen nach Haus, »weil mä sich doch noch nix auskennt«.

Das ist der Faktor.


In Tarnopol, Gertrudigasse Nr. 17, wohnt Simon Deutscher, die Seele von einem Menschen. Ein wahrer 192 Vater jedes Kavallerieregiments, das just in Tarnopol liegt. Er zöge sein letztes Hemd aus und borgte es her – wenn jemand gerade auf Simon Deutschers Hemd Wert legte – borgte es her auf einfachen Bon und ohne Giranten.

Bei Dembski-Dragonern war die Sache besonders idyllisch, weil sie doch Nr. 17 haben und Simon Deutscher auch. Sie ernannten ihn zu ihrem zweiten Inhaber und schrieben sich statt »»Feldmarschalleutnant von Dembski Nr. 17« einfach »Dragonerregiment Simon Deutscher, Tarnopol, Gertrudigasse Nr. 17«.

Leider störte eines Tages Oberleutnant Baron Härtels jugendlicher Übermut das innige Verhältnis des Truppenkörpers zu seinem Faktor durch einen Roheitsakt, der selbst bei sehr nachsichtigen Menschen nichts als Verurteilung findet. Als nämlich Simon den Härtel einmal auf die Reitschule besuchen kam, um daran zu erinnern, daß gestern der 1. Dezember gewesen sei, ließ Härtel den greisen Edelmenschen hinterrücks auf ein Pferd heben und longierte ihn eine halbe Stunde lang im Trab und Galopp auf beiden Händen.

Alles, was recht ist. Aber wie kommt ein so dienstfertiger, wirklich sehr anständiger Mensch dazu, sich longieren zu lassen?

Hätte übrigens alles noch nichts ausgemacht, denn Simon Deutscher war von den Ulanen, die vorher in Tarnopol gewesen waren, bei ähnlichen Gelegenheiten im Reiten genügend vorgebildet worden.

Doch Härtel bemühte sich, Simon Deutscher durch eingeschaltete Barrieren zum Abfall vom Väterglauben 193 zu bewegen, und das ließ sich Simon nicht gefallen. Er kündigte dem ganzen Regiment den Kredit und bereitete so insbesondre den Herren Stabales manche bittere Stunde.

Härtel aber schwenkte mit fliegenden Fahnen auf den Sobieskiplatz ein: zu Aron Löffelgrapser und Srole Veilchenbauch.

Nach einem halben Jahr hatten seine Finanzoperationen zu einer vollkommenen Ablösung von der Basis geführt.


Um diese Zeit geschah es, daß der Korpskommandant Härtels Obersten rufen ließ und ihn bat, einen energischen, betriebsamen Offizier für den Posten des Personaladjutanten namhaft zu machen.

Dem Obersten von Dembski-Dragonern rühmt die Qualifikationsliste nicht umsonst ein rasches Erfassen gegebener Situationen nach. Mit einem Blick erkannte er die prachtvolle Gelegenheit, Härtel loszuwerden: Härtel ist ja ein geborener Personaladjutant; er ist witzig und spielt geradezu ideal Tarock; Vater ist Truchseß, Mutter Sternkreuzfixhagelordensdame; er hat eine Menge Bahnhofspinat – erst unlängst wieder gelegentlich der Durchfahrt des Schahs von Persien den Sonnigen Löwenorden an der Luftröhre. Härtel ist auch energisch und betriebsam, ganz wies der Korpskommandant verlangt hat. (Wer bei den bekannt diffizilen tarnopolitanischen Kreditverhältnissen in so kurzer Zeit so hohe Kontributionen aufbringen kann, ist betriebsam.) – Allerdings ist Härtel auch abominabel 194 verschuldet. Aber ein halbes Jahr hält ers schon noch aus – und länger treibts der Korpskommandant auch nicht – mit seinem Sprachfehler. (Er kann mit den Schlachzizen nicht höflich sprechen.)

Also machte der Oberst Seiner Exzellenz den Härtel namhaft, redigierte Härtels Strafprotokoll auf ein menschliches Format, und Härtel wurde Personaladjutant.

Er brauchte nun mindestens einen neuen Helm und ein Band zum Großkreuz der Kriegsmedaille. Alles zusammen kostet fünfundvierzig Gulden. – Härtel beschloß, die Summe nach oben hin abzurunden und sich dreihundert auszuleihen. Auf Grund der neuen Ehrenstellung gelang der Pump bei Aron Löffelgrapser ohne Schwertstreich.

Am Tag nach Härtels Dienstantritt erschien Srole Veilchenbauch im Adjutantenzimmer und sprach vorwurfsvoll:

»Oi weh, von Sie hätt ach mr dos nix gedenkt, Herr vün Adjutantleben!«

»Wos hättst dü dr nix gedenkt, Srole?« fragte Härtel mit ehrlicher Neugier.

»Nü, doß Se wern zu Löffelgrapsern gehn, zu ä soi ä Ganef.«

»Aber Sroleleben, mei Gold,« rief Härtel, »bis zwaahündert Johr sollst de mr leben ün gesünd sein ün lauter Fraad haben mit dei Weib – – bist de meschugge? Wenn de bist eifersüchtig af dei Freund Löffelgrapsern, daß r mr hat geborgt Geld – nü, borg mir aach dreihündert Gülden zu antisemitische Perzenten 195 – wer ach sein dein stets wohlaffektionierter Oberleutnant Baron Härtelleben.«

»Wie heißt Geld, Herr vün Adjutant? Ich soll Ihnen borgen? Sie sennen mr nix mehr güt for Geld. Wer mit Ganef Löffelgrapsern zu tün hat, is ah konträr ä vernichtete Exestenz. – Ich komm, Se sollen mr zürückgeben.«

»Srole – keine unanständige Eile, wenn ich bitten darf! Geld zürückgeben geb ach überhaupt nix, sondern ä pickfein Wechsele kännst de hoben.«

»Nü – wer ach mr auf Ehre zü helfen wissen. Ich wer gehn zü steigen züm Herrn vün Korpskommädanten, wer ach sehn, ob Se mr wern jo zürückgeben äs Geld.«

»Srole, dü kennst noch nix mei Seelenleben. Wenn de werst kümmen zü steigen zü mei Schef, wer ach dr müssen geben einünsiebezig Pätsch – fünewedreißig rechts – fünewedreißig links – ün aanen Patsch af de Nos – der Symmetrie wegen. Srole, es wär mr leid um dei Scheenheit.«

Aber es half nicht: Srole Veilchenbauch meldete sich stützig. Beim nächsten Donnerstagsempfang zeigte er den Oberleutnant Baron Härtel beim Exzellenzherrn an: 850 Kronen, sofort zahlbar.

Damals war der Krieg in Ostasien. Seine Exzellenz berechnete eben die Chancen eines Angriffes auf Moskau während des ostasiatischen Krieges, wobei Deutschland den Feind im Norden zu beschäftigen hätte – Rumänien, die englische Flotte und die Türkei sollten im Süden angreifen, die Perser aber einen Aufstand 196 in Turkestan organisieren, um dem mit Japan verbündeten Armeekorps Seiner Exzellenz die Wege zu ebnen.

Der Besuch Srole Veilchenbauchs erschien dem Korpskommandanten unter diesen Umständen als lästige Störung. – »Herr Oberleutnant, bringen Sie die Angelegenheit binnen achtundvierzig Stunden ins reine«, sagte er und kehrte wieder zu seinen Karten zurück. Es handelte sich nämlich noch um eine Aktion der Tibetaner.

Binnen achtundvierzig Stunden? – Härtel jubelte innerlich auf. So lang hatte man ihm beim Regiment nie Zeit gelassen.

Er bat den Justizchef des Korps, einen armeebekannten Schotterkavalier, am Samstagmorgen tausend Kronen aufs Bureau zu bringen – in einer Stunde würden sie unbeschädigt wiedererstattet werden – und ging an diesem Morgen, mit den tausend Kronen bewaffnet, zu Srole.

»Srole, Ribiseln sollen dr wachsen im Dünndarm: da hast dü 850 Kronen.«

Srole wurde wachsbleich. – »Herr vün Adjutantleben – heunte is doch Schabbes?!!«

»Wos geht dos mich an? Ich bin ä Goj. Du hast dü 850 Kronen – schreib ä Quittung.«

»Herr vün Adjutantleben – Se wern doch en armen Menschen nix unglicklich machen? Oder wissen Se am End züfällig nix, doß ich bin ä Isralit? So sog ach Ihnen jetz: ich bin ä Isralit. – An Schabbes därfen mir ka Geld nix nemmen. Un schreiben doch scho gor nicht.«

197 Da grinste Härtel seine garstigste Fratze und sang:

»Sroleleben, wenn dü willst ka Geld nix nehmen, wer ach mrs nach Hause nehmen.«

Sang es, kehrte dem armen Srole schnöd den Rücken und meldete Seiner Exzellenz gehorsamst: der Gläubiger verweigere die Annahme des Schuldbetrages. – Seine Exzellenz stellte eben die Bocharen in sein Marschechiquier ein.

Dann aber vollführte Härtel eine der vernünftigsten Taten seines Lebens: er verfaßte eine Nänie an seinen Oheim. Er schrieb nicht um 850 Kronen, denn der Oheim pflegte nach alter Erfahrung nur die Hälfte zu bewilligen; er schrieb gleich um 1700.

Onkel Theobald hatte aber diesmal eine denkwürdig gute Stunde und wies 1700 an. Wahrhaftig, ganze 1700. Er irrte sich bloß und schickte statt der Kronen – Gulden.

Oberleutnant Härtel brauchte drei geschlagene Stunden, es zu fassen. Leider wußte er das große Glück, das ihm in den Schoß gefallen war, nicht besser zu feiern als damit, daß er zwei Verhältnisse mit drei durchziehenden Chanteusen begann.

Und das kostete ihm 1900 Gulden bar. 198

 

Die Kritik.

Der Divisionär kam unser Gefechtsexerzieren ansehen.

Es ging einfach schauderhaft.

Nach der Übung versammelte er die Berittenen – na, das kann gut werden! – und redete also:

»Herr Oberst, ich gratuliere Ihnen. Jawooohl, ich gratuliere Ihnen. Trotz der langen Zeit, wo Sie Kommandant sind, haben Sie das tüchtige Regiment nicht ganz ruinieren können.« 199

 

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.