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Der Schnaps, der Rauchtabak und die verfluchte Liebe

Alexander Roda Roda: Der Schnaps, der Rauchtabak und die verfluchte Liebe - Kapitel 5
Quellenangabe
typesketch
booktitleDer Schnaps, der Rauchtabak und die verfluchte Liebe
authorAlexander Roda Roda
year1908
firstpub1908
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleDer Schnaps, der Rauchtabak und die verfluchte Liebe
pages266
created20160730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Konservativ.

Jahrelang hatte der Grenadier Pospischill in demselben Bett geschlafen – wenn man ins Zugszimmer eintritt, gleich links bei der Tür.

Da, als Pospischill zum drittenmal kapituliert hatte, nach vierzehn Jahren sollte er weiter hinauf zum dritten Zug übersiedeln.

»Verfluchtes Zigeunerleben«, sagte er. 106

 

Die Steigung.

Im letzten Tiroler Kaisermanöver war Oberleutnant Ogrzischko dem Hauptquartier als Motorfahrer zugeteilt.

Er hatte eben eine dringende Rückmeldung über den Monte Cles zu bringen und schob seinen Karren mühsam vor sich her.

Da erspähte ihn Major Prohaska und schrie:

»Herr Oberleutnant, warum fahren Sie nicht?«

»Es ist so steil,« wandte Ogrzischko demütig ein, »die Steigung ist eins zu fünf.«

»Und wenn die Steigung eins zu tausend wär,« brüllte der Major, »hinauf müssen Sie.« 107

 

Der Sozialdemokrat.

Unser Regiment ergänzt sich aus der untern Militärgrenze – da hats nie Sozialdemokraten und dergleichen gegeben.

Eines Tages im Herbst aber, als eben die neuen Rekruten eingerückt waren, kam Leutnant Franzl purpurn erregt in die Menage und rief:

»Denkts euch – ich hab an Sozialisten.«

»Was du nicht sagst!« antwortete alles wie aus einem Mund.

»Ja. Aber es scheint ein ganz gutartiger zu sein – ich hab ihn probiert mitm Säbel in Hintern zu pieken – er hat nichts dergleichen getan.« 108

 

Der Feldwebel.

Als der Generalstabshauptmann von Tibinger Truppendienst bei Nadaschdyinfanterie machte, hatte er einen Feldwebel in der Kompagnie, der trug seit 1882 die Tapferkeitsmedaille und diente nun schon fünf und zwanzig Jahre.

Hauptmann von Tibinger betrachtete ihn mit einer Art Ehrfurcht.

»Mein lieber Koryto,« sagte er, »der Frontdienst ist sehr anstrengend. Fühlen Sie keine Ermüdung?«

»Jawohl, Herr Hauptmann, ich meld gehursamst, mannichesmal ich gspür ich eine Reißen.«

»Na – möchten Sie sich vielleicht erholen?«

Kurz, Tibinger verschaffte seinem Koryto mit großem Aufwand von Munition einen immensen Urlaub mit Badefreiplatz und Reiseunterstützung.

Zwei Tage später war Koryto wieder da.

»Ich hab ichs nit gennen aushalten«, meldete er. »Ich hab ich mir immer denkt: bei die Gumpanie wird alles sein durchanand, wann ich bin ich nit da.«

»Sie sind aber so alt, Koryto . . .«

»Ja, ja, Herr Hauptmann, ich bin ich schon alt genug für eine Urlaub. Aber Sie seins mir noch zu jung.« 109

 

Das historische Bataillon.

Das Bataillon hatte miserabel exerziert – direkt zum Erbarmen. Der Herr Oberstleutnant sprengte wütend vor die Front und schrie:

»Ihr wollts Karler sein? Ihr wollts ein Bataillon sein, was bei Aspern gesiegt hat? Und ich soll euch kommandieren? Euch kann nur ein Schwein kommandieren. – Herr Major, übernehmen Sie das Kommando!« 110

 

Die Intendanz.

Oberleutnant Rohlitschek hatte unlängst von Risano nach Gerkowetz über das Steinerne Meer zu marschieren und verrechnete die Kosten für ein Reitpferd und zwei Tragtiere.

Gestern erhielt er die Reiserechnung rot durchstrichen zurück.

»Für derartige Dienstreisen,« schrieb die Intendanz, »hat im Sinne des Dienstbuches ›K - 4, Gebührenvorschrift für das k. und k. Heer‹ eine Barke mit vier Ruderern zur Anrechnung gebracht zu werden.« 111

 

Es geistert.

Das Schloß Janowo, im Werötzer Komitat nahe an der Drau, ist nicht etwa eine Ruine hoch auf einsamen Bergen, sondern ein freundlicher Herrensitz mitten in einem Park, und der Park wieder in nächster Nachbarschaft Janowos. Post im Ort, Eisenbahn- und Telegraphenstation Schuma.

Dieses Schloß Janowo gehört dem Baron Callini. Er ist hoch in den Dreißig. Hat vor fünf oder sechs Jahren seine Gliedcousine geheiratet, die Baronesse Callini-Kahlen – eine sehr schöne Frau.

Früher hörte man nichts von Geistern auf Janowo. Ungefähr ein Jahr nach Callinis Hochzeit gings los.

Zuerst wollte natürlich niemand an den Spuk glauben – bis sich die Zweifler durch Augenschein überzeugten.

Die erste, die den Geist zu Gesicht bekam, war die Baronin selbst. Sie sah ihn nachts – ungefähr zwischen zwölf und eins – von der Tür ihres Schlafzimmers aus. Das Schlafzimmer liegt im ersten Stock. Der Geist schlurfte den Gang zu ebener Erde entlang und blieb an der Tür des Barons eine ganze Weile stehen. – Am nächsten Tag erzählte die Baronin, noch zitternd vor Schrecken, die Geschichte ihrem Gemahl. Der Baron lachte überlegen und sprach von Halluzinationen.

Schon am selben Abend wurde er eines bessern belehrt. Von seinem Schlafzimmer aus zu dem der Baronin führte eine Wendeltreppe. Callini passierte sie um Mitternacht und öffnete eben die Tapetentür – sie ist etwas eingerostet – da sah er eine große, 112 unheimliche Gestalt durch den obern Korridor huschen. – Notabene: der Baron ist ein vernünftiger Mann, jedem Aberglauben abhold, und daher ein einwandfreier Zeuge.

Etwa einen Monat später hatte die Kammerzofe der Baronin dieselbe Erscheinung. Sie bekreuzigte sich, rief »Jesus, Maria, Josef« – da verschwand das Gespenst spurlos.

Später sahen Jean, der Diener, Franjo, der Büchsenspanner, und Resi, die Beschließerin, wiederholt die gleiche – oder dieselbe? – luftige Gestalt. Besonders häufig der Büchsenspanner. Er blieb wochenlang jeden Abend wach, um dem Geist aufzulauern – auch dann noch, als der Geist ihn einmal würgte. – Daß sich Franjo getäuscht haben könnte, ist ganz und gar ausgeschlossen. Franjos Kaltblütigkeit und Courage sind allgemein anerkannt. Der Baron hat ihn auf die Bitte der Baronin geradezu zu ihrem Wächter bestellt und ihn von allen Diensten enthoben, damit er nachts vor ihrer Tür Posten stehen könnte.

Wenn man den sogenannten gebildeten Menschen von Geistern erzählt, so schmunzeln sie gewöhnlich. Das ist aber nicht ganz berechtigt. Freilich mag in neunzig von hundert Fällen die überreizte Phantasie des Betroffenen seinen Sinnen einen Possen spielen – irgend etwas wahres muß aber doch wohl an einer Sache sein, die man in der ganzen Welt glaubt, in unzähligen Büchern beschrieben hat und täglich überall von neuem erlebt. – Weitaus die meisten Gelehrten leugnen zwar die Existenz von Geistern; aber es gibt 113 auch solche, die sie bestätigen, zum Beispiel Doktor Hinkowitsch in Agram. – Vollkommen klargestellt ist also die Frage noch lang nicht. Man braucht durchaus kein altes Weib zu sein, wenn man behauptet: Die Unmöglichkeit von Geistererscheinungen ist nicht erwiesen.

Tatsache ist, daß auf Janowo, so lang Franjo Wache hielt, also zwei oder drei Jahre hindurch, ein Geist umging, von Franjo und der Baronin öfters gesehen wurde, und daß dieser Geist jedesmal durch die versperrte – jawohl, durch die versperrte Tür in das Schlafzimmer der Baronin eintrat.

Der Baron mochte an die Sache nicht recht glauben, oder tat wenigstens so – – er wollte einmal sehen, wie es eigentlich zuginge und erschien eines Nachts unvermutet im obern Korridor.– Franjo war auf seinem Posten – und ringsum nichts zu sehen.

Da plötzlich schrie Franjo auf und zeigte in eine Ecke: es geistert.

Soviel sich der Baron umsah – er konnte nichts entdecken. Trotzdem wurde ihm so unheimlich, daß er reißaus nahm. Ihm war, das schildert er selbst, als hauche ihn etwas kaltes und feuchtes an, und bis in sein Schlafzimmer tönte ihm noch das gellende Lachen des Gespenstes nach. – In derselben Nacht sah auch die Baronin den Geist und hörte ebenfalls das entsetzliche Gelächter – ein Beweis, daß sich Franjo nicht geirrt hatte.

Dann wurde es allmählich wieder stiller. Das Gespenst tauchte immer seltener und seltener auf. Zuletzt 114 gar nicht mehr – so daß die Baronin wieder Mut faßte und auf den Wächter verzichten konnte. – Franjo wurde Forstwart in Miklosch und heiratete. – Ein reines Glück für Callinis, daß der Geist von da an Ruhe gab – denn von der zurückgebliebenen Dienerschaft hätte keiner nachts auf dem Korridor gewacht – und wenn man ihm gleich ganz Janowo zum Lohn versprochen hätte.

Wie gesagt, zwei Jahre gab der Geist Ruhe. Man begann schon, ihn zu vergessen.

Da fügte der Zufall, daß die Essegger Kavalleriebrigade ihre Konzentrierung in der Gegend von Janowo hatte. Der Kommandant und sein zugeteilter Generalstäbler kamen auf vier Wochen zu Callinis ins Quartier. – Kommandant war General Zimmermann von Treuschwert – Zugeteilter Oberleutnant Graf Egreschy.

An einem der ersten Übungstage – abends beim Souper – kam man auf die Geistererscheinungen zu sprechen.

Der General – er war übrigens in die schöne Baronin verschossen – aber ohne Glück, denn die Baronin gilt von jeher als unnahbar – der General also machte daraufhin eine Bemerkung über die splendid isolation der Baronin. Sie schlief ja allein im ersten Stockwerk. Und dem Herrn General kam die Bemerkung offenbar sehr geistreich vor. – Baronin Callini ist gut genug erzogen, um unanständige Pointen einfach zu überhören.

Item – so als hätte das Gespenst nur auf einen 115 Ruf gewartet – in derselben Nacht noch erschien es – und zwar diesmal dem Baron – gerade als er wieder einmal nach langer Zeit die bewußte Wendeltreppe erstieg. – Der Geist schlurfte – ganz wie damals – den obern Korridor entlang und huschte unhörbar zur Baronin hinein. Der Baron eilte entsetzt zurück.

Am Morgen berichtete der Schloßherr mit gesträubtem Haar sein Abenteuer. Da grinste der General – auch einer von den Superklugen – infam dazu und schlug dem Oberleutnant vor, sie sollten am Abend gemeinsam Wache halten.

Das taten sie denn auch, ohne etwas sonderliches zu erleben.

Beim Frühstück war aber die Baronin noch ganz erregt, denn ihr war der Geist trotzdem auch diese Nacht erschienen.

»Na, dann ist nicht zu helfen«, sagte der General – und legte sich am Abend resigniert schlafen. Von einem alten General ist doch auch nicht zu verlangen, daß er jede Nacht unnützem Postenstehen opfere.

Aber die geheimnisvolle Affäre gab dem Generalmajor doch keine Ruhe. – Am Vorabend des Abmarsches zu den Korpsmanövern ging er nicht zu Bett, sondern las bis gegen zwölf Uhr Rohrs »Taktisches Handbuch«. – Dann stieg er die große Treppe zum obern Stockwerk hinan, und zwar allein, denn Oberleutnant Graf Egreschy war am Abend zur Divisions-Abfertigung nach Miholjatz geritten.

Oben bemerkte der General etwas merkwürdiges: das Mondlicht fiel breit durchs Gangfenster – da 116 stand gebückt eine weiße Gestalt in langwallendem Gewand und machte geheimnisvolle Bewegungen. Plötzlich richtete sie sich auf, schritt lautlos geradeaus auf das Schlafzimmer der Baronin zu und zerfloß dort – wieder lautlos – in nichts.

Den General verließ nicht einen Augenblick die Kaltblütigkeit. Kaum war das Gespenst verschwunden, da eilte der alte Degen auf das Gangfenster zu, an dem der Geist so geheimnisvoll hantiert hatte; da lag, vom Mondlicht beschienen, ein Paar eleganter, vorschriftsmäßiger Husarenoffiziersstiefel.

Der General befühlte sie – sie waren innen noch ganz warm, außen arg bestäubt. – Nun war aber Oberleutnant Egreschy, der einzige Husar in der Essegger Ulanenbrigade, um jene Zeit doch bei der Divisions-Abfertigung in Miholjatz. Und sein ganzes Gepäck mit allen Stiefeln unterwegs nach Ungarn. – Durch welchen übernatürlichen Zusammenhang der Dinge konnten Husarenstiefel hergekommen sein?


Am nächsten Morgen war Generalmajor von Zimmermann, jung vor Neugier, schon im ersten Zwielicht aufgestanden. Dagegen verschlief Oberleutnant Graf Egreschy die Abmarschstunde. Er war wohl ermüdet von dem späten Ritt.

Er drückte sich scheu um seinen Chef herum und versuchte davonzueilen.

»He – wohin so geschwind, Herr Oberleutnant?«

»Herr Generalmajor, ich meld gehorsamst – zum Divisionskommando nach Miholjatz. Hab gestern 117 vergessen, die Meldung über die Begutachtung der Kadetten einzugeben.«

»Hm – hm. So – so,« machte der General. »Ist das wirklich so dringend?«

»Jawohl, das muß noch heut geschehen.«

»Na, wenns geschehen muß, Herr Oberleutnant, so reiten S' in Gottes Namen. Aber ich bitt Sie, ziehn S' vorher Stiefel an – die Ordonnanz hat ein Paar in der Packtasche, die Ihnen passen werden. Denn in schwarzen Damenstrümpfen, mein Lieber, noch dazu mit Monogramm und Freiherrnkrone, können S' doch unmöglich zur Division reiten.« 118

 

Die Mobakten.

Eines Tages ließ der Herr General den Oberleutnant Nowotny rufen und sprach zu ihm:

»Herr Oberleutnant, wie Sie wissen, ist mein zugeteilter Generalstäbler auf Urlaub gegangen. Ich übergebe Ihnen hiermit den Schlüssel zu den Reservat-, Streng-Reservat- und Geheimakten. Sie werden mir den Empfang des Schlüssels schriftlich bestätigen und sich des in Sie gesetzten Vertrauens würdig erweisen.«

Oberleutnant Nowotny bestätigte und erwies sich würdig: er trug den Schlüssel bei Tag an der Brust und verwahrte ihn des Nachts unter seinem Kopfkissen.

Am dritten Morgen kam ein Generalstabsoberst mit einer Legitimation des Korpskommandos und begehrte einen Mobilisierungsakt auszuheben.

Als man den Schrank zu öffnen versuchte, konnte man nicht.

Da rief die Kanzleiordonnanz:

»Warten S' bissel, Herr Obeleibmann, ich hol ich Abortschlüssel, sperrt e besser. Abe geem S' acht, hab ich meine Schuhwichs drin.« 119

 

Es verdirbt den Charakter.

Ich bin aus einem garstigen Traum erwacht und tappe mich zurecht. Wenn man so auffährt, weiß man nicht gleich, wo man ist.

Draußen ists schon hell. Mein Wirt steht gebückt neben einer Ziege und milkt sie in einen Zuber.

Ich kämme mir mit den Fingern das dürre Laub aus dem Haar und will mich waschen. Aber sie haben hier auf dem Felsen kein Wasser.

Mein Gott, wie müd ich bin! Wie vergiftet.

Soll ich dem Wirt was zahlen? Wieviel? – Der arme, gute Kerl . . . Aber wenn ich ihm viel gebe, fällts auf.

Er bringt mir schweigend den Zuber, schneidet mir ein Stück Brot zu und möchte gehen. – Ich muß ihn aber doch ausfragen, sonst verirre ich mich am Ende, und der Tag ist verloren.

»Du – Nachbar –« rufe ich – ich löffle mein Frühstück – »mir gehts schlecht seit ein paar Tagen. Ich könnt eine gute Losung brauchen.«

»Eh – dann geh nach Grahowa, dort gibts immer Arbeit.«

»Grahowa –. Glaubst du, da warten sie auf mich? Die haben mehr Scherenschleifer als du Ziegen.«

». . . Also geh nach Bejaschehir.«

»Hör mir mit den Städten auf! Ein Dorf mit Soldaten – wenn du mir das zu nennen wüßtest . . .« – Mein Gott – warum sieht er meine Hände an?

»Ein Dorf mit Soldaten . . .« – Er denkt nach. – Also hat er keinen Verdacht. – »Soldaten . . . Dort 120 oben – siehst du? – auf dem ganz steilen Felsen – dem dritten rechts von der Ruine? – Siehst du? – Dort sind Soldaten.«

»Aber wie viele? Denn wegen eines Dutzends lohnts sichs nicht.«

»Freilich, freilich . . .« – Und er beginnt mir gutwillig, umständlich und langsam die Kordonsposten aufzuzählen, so gut ers versteht.

Ich horche erregt, damit mir nicht ein Wort entgehe. Kein Wort. Jedes einzelne schreibe ich mir mit einem harten Griffel ins Hirn.

Dann überlege ich. Ich sinne und sinne und wäge ab – und werfe zur Linken, was zu leicht ist, und behalte, was taugt und habe mit einemmal alles vor mir, wie es ist und sein wird . . .

Donnerwetter – ist das ein erfolgreicher Tag! Wie hätte ich ahnen können, daß dieser Ziegenhirt so viel weiß –! Er kennt ja die ganze permanente Befestigung und Besatzung der Gegend.

»Höre,« sagt er, als ich aufbrechen will, »ich möchte dich um etwas bitten. Schleif mir das Messer da.«

Was soll ich –? Ich möchte ihm lieber einen Franken geben, denn ich bin müd – von gestern noch – von vorgestern – von all den Tagen und Wochen her, seit ich den grünen Karren schleppe und trete. – Aber was soll ich –?

»Gib her, Nachbar!« – und ich schleife. Sssss . . . geht der Wetzstein – das Wasser tropft darauf und stiebt fort.

»Dank – schönen Dank!«

121 »Dank Gott«, sag ich, packe meinen Karren und laß ihn den Saumweg hinabrumpeln – wohl eine, zwei Stunden. Er läuft von selbst – ich muß noch halten. Wenn doch alle Wege so wären!

Unten zieht die Straße. Hundert Schritte von ihr setze ich mich zwischen zwei Felsblöcke, blicke rundum, ob mich niemand sehen könne – nehme Nadel und weißen Zwirn vor und nähe mir den ganzen Plan, so gut ich ihn jetzt weiß, ins Hemd: die Tallinien – lange Stiche; die Rückenlinien – kurze Stiche; die Posten – Knoten; so viel Züge Besatzung – so viel Knoten.

Es ist wohl Mittag, eh ich fertig bin. Dann sehe ich mir die Stickerei wohlgefällig an. – Was das für ein hübsches Croquis geworden ist! Jeder Faden der Leinwand bedeutet zehn Meter. – Noch ein Vergleich mit der Kartenskizze: . . . gut, es stimmt. Also fort mit der Skizze! – Ich verbrenne sie. Ein Angeber weniger.

Mein Mittagsmahl – Brot und Käs.

Dann aber – vorwärts! Vor Abend muß ich auf dem Werk oben sein. Nicht zu spät – sonst hab ich nicht mehr Zeit, zu schleifen und mich mit den Soldaten auf guten Fuß zu stellen. Auch nicht zu zeitig – sonst schleife ich ihnen vor Abend alle Messer fertig, und sie lassen mich nicht oben übernachten.

Ich schiebe meine Last so die Straße hinan, schweißtriefend und erschöpft, ach, so erschöpft, daß ich alles vergesse – da holt mich einer ein.

Ich zucke zusammen.

122 Aber mein Begleiter ist harmlos. Ein echter Wanderbursch. Uhrmacher von Profession.

Wir sprechen wenig miteinander.

Nach ein paar Stunden setzen wir uns in den Schatten und machen Rast.

Dort mustere ich ihn erst. – Ja, wer so grobe Hände hätte, wie er! Diese Hände, meine unglückseligen Salonpfoten, werden mich noch an den Galgen . . .

Er zieht eine Nickeluhr aus der Tasche, klemmt sich eine Lupe ins Auge und beobachtet das Rädergetriebe.

»Kommen Sie weit her –?« fragt er mich.

»Von dort oben. Ich hab beim Hirten geschlafen.«

»Und gestern –?«

»Gestern in Gradatz.«

»Wie ist denn dort das Geschäft – he –?«

»Na – so – so.«

»Viele Messer?« – Und im Sprechen nimmt er noch zwei Lupen aus dem Sack, verstellt sie, jede in einer Hand, vor dem Auge hin und her . . . und . . . mein Gott – der Mann hat ja ein fertiges Fernrohr bei sich und richtet es auf den Kordonsposten –! – »Viele Messer geschliffen –? Viele Soldaten dort –?«

Ich stelle mich dumm und schweige. Wenn ich der klügere sein will, muß ich mich dumm stellen.

Wir brechen auf. Ich schiebe wieder, und er geht langsam neben mir her. Ich beneide ihn, weil er ein solch bequemes Gewerbe hat. Uhrmacher –. Den braucht man doch auch überall – die Maske ist gut.

Einmal, als ich ihn mit einem scheuen Blick streife, 123 begegne ich seinen Augen. Ich nehme mir vor, nicht mehr hinzusehen.

Wie frech er ist! Er benimmt sich, als wär er zu Haus im Café. Ungeniert spricht er über die Befestigungen und versucht, mich auszuholen. Ich will möglichst bald von ihm loskommen – der ungeschickte Mensch wird über kurz oder lang entlarvt sein, und ich mit ihm.

»Sie –«, ruft er plötzlich, »– Sie wollen da hinauf zum Kordonsposten? Und warum?«

»Halt . . . Arbeit suchen –«, stotterte ich erbleichend. – Wenn er ein Agent provocateur wäre . . . oder auch nur . . . In wessen Sold steht er eigentlich?

»Arbeit suchen Sie da oben? Ich werde Ihnen was sagen: dort oben brauchen sie keine Stickerein. – – Ich habe Ihnen nämlich vorhin mit meinem Patentfernrohr zugesehen: Sie haben ein hübsches Hemd. – – Reden wir ehrlich miteinander! – Welches ist Ihr Lieblingslied?« – Er pfeift »Boshe Zarja chranji« und sieht mich verschmitzt an.

Nur nicht verraten! Mich jetzt nicht verraten! Ich fühle, wie mein Blut einfriert.

»Was Sie für ein komischer Kauz sind!« fährt er fort. »Wir sind Kollegen – warum geben Sies nicht zu? Sehen Sie die Maschala? Da wollen wir doch beide hin. Also auf gute Kameradschaft – welches Lied Sie auch immer singen. Wenn unsre Vaterländer Feinde sind – was gehts uns an?« – Er hält die Hand hin.

. . . Ich schlage ein.

124 Wir sehen uns in die Augen. Was darin glimmt, ist Treue.

»Ja, auf gute Freundschaft!« ruf ich. Und von der Seele fällt mir eine drückende Last. Daß ich nun nach dem wochenlangen marternden Schweigen reden darf – das tut mir wohl, oh, unendlich wohl. Daß jemand um mich ist, der meine Sorgen teilt, meine Pläne, meine Freuden und Enttäuschungen, meine krampfende Angst und jubelnde Hoffnung. – Wohl, unendlich wohl.

Wenn wir unbelauscht sind – draußen auf der Wanderung – da öffnen wir unsre Herzen und lassen einander hineinblicken.

Und ich dank ihm.

Und er dankt mir.


So gehen wir von Neumond bis Neumond zusammen – von Werk zu Werk – die Spürhunde einer heiligen, markzerrüttenden Jagd. Vor uns fallen die Geheimnisse, das noble Wild; wir wühlen in ihren Eingeweiden und saugen ihre Adern aus.


Eines Tages liegen wir im Gras.

Er schläft.

Da marschiert vom Hang her – den Weg, den auch wir gekommen sind – eine Patrouille. Sie hält gerade auf uns.

In dieser Minute, wo der Henker die Hand nach meiner Gurgel streckt, denke ich einen entsetzlichen Gedanken aus: wenns drum und dran geht und die 125 Verfolger uns fassen, werde ich den Schläfer neben mir verraten, um mich selbst zu retten.

Mir ist, als verginge ein Leben, ehe die Patrouille da ist – mit riesigen Schritten aus der Unendlichkeit.

Um Gottes wi . . .

Nein.

Sie gehen vorüber.

Jetzt wage ich zu atmen.

. . . Und Dimitri Koschuhoff vom kaiserlich russischen Generalstab, mein Genosse, dessen Schlaf ich betrogen habe, ergreift meine Hand und sagt:

»Sie sind fort. – – – Aber wir müssen uns trennen.«

». . . Warum?« frage ich unsicher.

»Weil . . . weil . . . als die dort kamen, da ist mir gewesen, als sollte ich . . . Ah, denken Sie nicht schlecht von mir! – Die Furcht, die Furcht . . . Man wird zum Tier. Ich habe . . . Sie preisgeben wollen, um heil zu bleiben . . .«

Er steht auf und geht langsam, ohne sich umzublicken. Im Weggehen murmelt er:

»Unser Geschäft verdirbt den Charakter. Es verdirbt den Charakter.«

Ich habe ihm noch lange nachgeblickt.

Schade. – Schade um ihn. Ist ein treuer Freund gewesen. Der aufrichtigste vielleicht, den ich im Leben gehabt habe. 126

 

Das Geheimnis.

Oberst Steininger kam aus Bosnien nach Wien auf Urlaub.

»Was kosts –,« dachte er sich, »ich geh zu meinem Freund Bukowatz ins Arsenal – vielleicht zeigt er mir das neue Gebirgsgeschütz.«

»Lieber Bruudär«, sagte Bukowatz, »wie vieele Herrän – tschak von der Generalität – habän sich schon dafür interessierät – aber das neue Geschütz ist tiiefstes Geheimnis. Das kennen überhaupt nur die ausländischän Attachées.« 127

 

Eine Begegnung im Wald.

Ich war – ein Ränzel und eine Botanisierbüchse auf dem Rücken – aus Fondina im Montenegrinischen aufgebrochen und überschritt hart am Dorfausgang die türkische Grenze. Da führt ein steiler Weg, der kein Weg ist, durch den Buchenwald nach Dinoschi, dem ersten albanischen Ort.

Vielleicht wars auch anderswo. Genug, es war.

Ich ging und dachte – an allerlei Dinge, die niemand was angehen. Hungrig war ich wie ein Bär, der just erwacht. Die Kleider am Leib zerrissen, Haar und Bart von der langen Wanderung verwildert, die Haut gebräunt, so weit auf sie die Sonne schien. Und wohin schien sie nicht?

Ich ging stundenlang. Wenn ich eine Lichtung erreichte, setzte ich mich auf einen Wurzelknorren, sah lauernd rundum und zog die Karte aus der Sohle des Bundschuhs. Aber die Karte log auf Schritt und Tritt.

Dann wieder weiter.

Plötzlich – mitten in der einsamsten Einsamkeit, tauchte ein magerer Albaner aus dem Dickicht auf. Den langen Martini lässig auf dem Rücken, die Rechte auf den Gürtelwaffen, so stand er da wie eine überlebensgroße Statue von Bronze. So lang ich lebe, werde ich den Blick nicht vergessen. Hohn, Trotz, Macht – ein ganzes Todesurteil lag in diesem Blick.

Ich sah, daß er ein Moslim war und bot ihm Gottesfrieden.

»Steh!« antwortete er kurz.

128 Dann, als er mich gemustert hatte:

»Kannst du nicht ausweichen?«

Ich versuchte zu lächeln.

»Gewiß, Herr, wenn du viel Raum brauchst.« – Und ging im Bogen um ihn herum am Dickicht.

Er wendete sich langsam mit – da standen wir wieder Aug in Aug.

»Du bist von drüben – ein Deutscher«, sagte er. »Was machst du hier?«

»Eh – Herr – ich suche seltene Gräser – ein närrischer Mensch, weißt du, wie alle Deutschen.«

»Ja – freilich! – Gräser!« rief er hämisch. »Närrischer Mensch! – – Hunde seid ihr. Hurensöhne. Spionieren kommt ihr. – – Da – setz dich!« herrschte er und zeigte auf einen Windbruch.

Ich setzte mich gehorsam, und er neben mich.

»Hast du etwas zu trinken?«

»Ja, Herr.«

Er tat einen Schluck und schüttelte sich unmutig.

»Woher hast du das?«

»Aus Podgoritza, Herr. Zwanzig Kreuzer die Halbe.«

»So –. Von dort also kommst du. – Na, wie siehts denn dort aus?«

»Wie bei armen Leuten eben . . . Die Montenegriner sind arm, Herr.«

»Hast du einen Imbiß? – Nein? – Na, dann warte. Hier ist Maisbrot und ein Kopf Knoblauch. Teilen wir!«

Wir aßen und tranken. Die Flasche war bald leer.

129 »Wie ist es denn,« sprach er, »hast du etwas Geld bei dir?«

Ich zog gutwillig die Brieftasche und zählte ihm mein Vermögen auf die Hand: fünf und achtzig Gulden.

Er prüfte die Scheine, nickte und steckte sie zufrieden ein.

»Du hast doch wohl auch Kleingeld?«

»Herr – das könntest du mir füglich lassen. Ich hab einen weiten Weg und Hunger . . . Es sind nur zwei Gulden . . .«

»Ach, was – lächerlich! Brot und Käse gibts in jedem Haus umsonst. Gib her! – – Ist das alles? Hast du sonst nichts? Keine Ringe?«

Er suchte mir die Taschen ab. Ich hielt die Rockflügel offen – er fand meine Stahluhr. – Sie machte ihm viel Kopfzerbrechen.

»Wie teuer hast du sie bezahlt?«

»Fünf Gulden.«

»So –. Wo hat man je gehört, daß Gold und Silber schwarz würde? Und was soll sie mir? Ich erkenne die Zeit an der Sonne.«

Er warf die Uhr an den nächsten Buchenstamm.

»Sieh nur, wie du bist, Herr! Hättest du mir sie nicht lassen können?«

»Wirst dir schon eine andre kaufen. Ihr Deutschen habt ja Geld wie Spreu.«

Nun zog er ein Messer und schnitt die Riemen des Ränzels und der Botanisierbüchse durch.

»Du kannst gehen«, sagte er.

Ich stand auf, rührte mich aber nicht von der Stelle. 130

Er betrachtete mich sinnend und wiederholte:

»Du kannst gehen . . . Aber du sollst nicht sagen, wir wären Heiden. – Da hast du noch ein Stück Brot. Iß es in Glück und Gesundheit . . . Und da . . . hast du dein Kleingeld wieder: zwei Gulden fünf Kreuzer. Damit du nicht sagst, wir wären Heiden . . .« – Alles in tiefem Ernst. – »Zieh jetzt mit Gott und blick dich nicht um. – Halt dich links – rechts wohnen böse Leute, wahre Beutemacher.«

Ich grüßte und wanderte – wanderte vier Tage – über hundert Kilometer – zu unserm nächsten Konsulat. 131

 

Der Wink.

Major Meßdorfer ist dick wie ein Gasometer, aber ein brillanter Kamerad.

Unlängst kalibrierte man unsern Hauptmann auf seine Eignung zum Stabsoffizier – da gab Meßdorfer dem Hauptmann hinter dem Rücken des Obersten hervor die wertvollsten Winke.

Immer neue, immer verzwicktere Situationen wußte der Oberst zu supponieren – unser Hauptmann brauchte nur auf den dicken Herrn Major zu achten, und die Lösung war gegeben.

Zuletzt konstruierte der Oberst einen Gefechtsmoment, wie er gefährlicher seit den Thermopylen nicht mehr da war. Unser Hauptmann wußte sich absolut nicht zu helfen. Da wandte sich der umfangreiche Major auffällig nach links.

Der Hauptmann schickte seine Reserven links.

»Schlecht,« sagte der Oberst, »total verfehlt.« – Und ritt davon.

Der Major aber kam auf unsern Hauptmann zu und rief:

»Warum hast denn nicht aufgepaßt? Ich hab mich doch nach links gedreht – das heißt doch:

»Masse links.« 132

 

Der Train.

Als ich noch bei Benzigerdragonern stand, kam einmal ein Rittmeister Baron Plainingen zu uns zu Gast und wurde ungeachtet seiner Zugehörigkeit zum Train mit Spirituosen bewirtet.

Im zweiten Stadium des Trance begann der Trainer zu philosophieren und sagte plötzlich:

»Alsdann, ich bitte: wieso kommt es, daß es bei euch Dragonern so viel schlechte Reiter gibt?«

»Herr Rittmeister,« sprach unser Oberst, »man darf das nicht verallgemeinern. Ebenso wie es bei euch Trainern hie und da einen guten Reiter gibt, gibt es bei uns Dragonern hie und da einen schlechten.« 133

 

Die Ausrede.

Ich war einmal zu meinem Obersten geladen. Was mir sehr unangenehm war, denn beim Obersten spielte man Whist und ich hatte kein Geld. Absolut kein Geld.

»Du, Laurenz,« sagte ich dem Burschen, »spring einmal zu Leutnant Saller hinüber, sag ihm, er soll mir fünf Gulden schicken, und bring mir sie mit irgend einer passenden Ausrede zum Herrn Obersten.«

Laurenz ging.

Laurenz kam und sprach:

»Herr Leutnant, ich meld ghorsamst, hier wärs Geld für die versetzten Hosen.« 134

 

Der Heilige.

Bei Blagaj in der Herzegowina ist der Ursprung der Buna. Oben auf himmelhohem Grat horsten die Adler, unten gurren die Turteltauben und schießen die Forellen.

Dicht an der Quelle steht eine verfallene Moschee – ihr Hüter, der Derwisch Derwisch-Aga, erzählt uns von Hasreti Sarisaltum-Baba, dem Heiligen, der hier begraben liegt:

»Allabendlich stelle ich dem Heiligen seine Schale Wasser ans Grab und hänge ein neues Handtuch hin. Des Nachts aber, unsichtbar für sterbliche Augen, erhebt sich der Heilige, wäscht sich fünfmal, wie es der Kor'an gebietet, und legt sich wieder in den Sarg. Wenn ich am Morgen herkomme, ist das Wasserbecken leer und das Handtuch feucht.«

»Derwisch Derwisch-Aga,« fragt Hauptmann Ruch, »haben Sie in der Armee gedient?«

»Jawohl, Herr Hauptmann. Ich bin Reserve-Gefreiter im vierten bosnischen Infanterie-Regiment.«

»Reserve-Gefreiter Derwisch-Aga – ich frage Sie im Namen des Allerhöchsten Dienstes: wäscht sich der Heilige fünfmal in jeder Nacht – oder nicht?«

»Herr Hauptmann, ich melde gehorsamst: Nein.«

»Na – also.« 135

 

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