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Der schmale Weg zum Glück

Paul Ernst: Der schmale Weg zum Glück - Kapitel 9
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typefiction
authorPaul Ernst
titleDer schmale Weg zum Glück
publisherGeorg Müller
firstpub1901
year1919
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In einer philosophischen Vorlesung fand Hans seinen Platz neben einem älteren Studenten, der ihm durch eine eigne Art sehr auffiel, denn er hatte seine Stelle genau ausgemessen und durch Bleistiftlinien bezeichnet und erklärte Hansen, wie er das unumschränkte Recht innerhalb dieser Linien habe, außer daß er seine Nachbarn zur andern Seite müsse bei sich vorüber zu ihren Plätzen gehen lassen, und wenn jemand Bücher oder Hefte über die Linien hinaus neben ihn lege, so dürfe er die zurückschieben. Mit diesem jungen Mann wurde Hans schon beim zweiten Wiedersehen näher bekannt, indem sich die beiden nach jugendlicher Art über die philosophischen Fragen unterhielten, welche die ihre Generation beschäftigenden waren; und indem sie nicht wußten, daß das, was jeder für sich gedacht, von vielen Altersgenossen geteilt wurde, waren sie recht verwundert über häufige Übereinstimmungen ihrer Ansichten und empfanden die als Veranlassung zu engerem Verkehr; und es bewirkte der Jahresunterschied gleich, daß Hans als der Nehmende erschien und Heller, denn so nannte sich der andere, als der Gebende, der ihm lehrte mit Freude und Genugtuung. Dieses war das erste Mal, daß Hans das Gefühl der Freundschaft empfand, welches der Liebe verschwistert ist, und so folgte er mit Bewunderung, Glauben und Zuversicht allem, was ihm Heller sagte; der aber stand völlig, wie er sich ausdrückte, auf dem modernen Standpunkt und hatte auch einen Kreis von gleichgesinnten Freunden, die zu bestimmten Zeiten zusammenkamen, das waren Studenten, junge Kaufleute, junge Schriftsteller, Maler, Musiker und ähnliche. Bei diesen führte er Hansen ein, wiewohl der eine große Besorgnis hatte, daß er werde vor solchen Leuten nicht bestehen können mit seinem kleinen Wissen und Vermögen, und saßen sie in einem engen Hinterzimmer einer geringen Wirtschaft, das an den übrigen Tagen von Gesellschaften und Vereinen kleiner Bürger eingenommen war, die sich in sonntäglicher Gewandung und mit Bierfässern hatten photographieren lassen, um die Wände des Zimmers zu schmücken.

Hans fand seinen Platz zwischen zwei jungen Mädchen, die sich mit großem Eifer an den Reden beteiligten. Die eine war eine Russin und hatte einen russischen Studenten als Begleiter, mit dem sie in freier Liebe lebte; das war ein schweigsamer Mensch, von einer leuchtenden Blässe des Gesichtes, mit hoher Stirn und ganz dunklem Haar und langem schwarzen Bart, den er unablässig strich. Der lange Bart, den bei uns einer als Vierzigjähriger haben würde, sah sehr merkwürdig aus in dem ganz jugendlichen Gesicht. Eine Zeitungsnotiz wurde in der Ecke gelesen und besprochen, die mitteilte, daß des Russen Bruder, der als ein hervorragender Revolutionär galt, in Petersburg gefangengenommen war und in Schlüsselburg untergebracht; und wie über den Tisch herüber der Russe nach der Art des Gefängnisses gefragt wurde, machte er mit unverändertem Gesicht eine Handbewegung, die bedeutete, daß sein Bruder dort sterben werde, dann bat er mit fremdartiger Aussprache seinen Nachbar um eine Zigarette. Er war ärmlich gekleidet, und es wurde erzählt, er sei sehr wohlhabend und gebe fast alles für die Unterstützung der Arbeiterbewegung aus; auch die Frau trug sich sehr einfach und schien dazu unordentlich und sollte von sehr vornehmer Abkunft sein und aus Überzeugung ihre Familie verlassen haben.

Hans kam in eine weihevolle Stimmung, und ihm war, als sitze er neben Aposteln, denn diesen Leuten erschien ihre Pflicht einfach, und sie taten sie ohne Ruhmredigkeit. So erzählte der Russe, er wolle mit seiner Frau bald in sein Vaterland zurückkehren und hoffe, daß er etwa ein Jahr lang wirken könne, bis man ihn nach Sibirien schicke. Am allgemeinen Gespräch beteiligte er sich sehr wenig und hatte eine sonderbare Art, verächtlich über Menschen und Gedanken zu reden.

Die andere Dame, welche Helene genannt wurde, hatte die Begleitung ihres Bruders, und waren die beiden das erstemal in der Gesellschaft und wurde von ihnen erzählt, daß sie soeben sich von ihren Eltern getrennt hätten und allein lebten; der Vater der beiden war ein kleiner Kaufmann, dessen älterer Sohn war befreundet mit einem Mitglied des Kreises, der offiziell zur sozialdemokratischen Partei gehörte; der hatte ein Paket verbotener Schriften bei seinem Freunde hinterlegt, weil bei dem niemand einen Verdacht haben werde, der Vater aber hatte die Schriften gefunden, wie er in argwöhnischer Besorgnis seines Sohnes Sachen durchsuchte, und war mit ihnen gleich auf die Polizei gegangen aus Angst und aus unbedachtem Ärger über seines Sohnes Verkehr. Weil nun einige der Schriften in mehreren Stücken vorhanden waren, so nahm die Polizei an, das Paket sei zur Verbreitung bestimmt, und verhaftete den Sohn des Angebers zu dessen großer Bestürzung, und weil sich bei weiterem Nachsuchen der eigentliche Besitzer leicht ermitteln ließ, nachher auch den sozialdemokratischen Freund. Der andre Sohn und die Tochter waren über die Handlung ihres Vaters so entrüstet, daß sie erklärten, sie wollten nunmehr nicht mehr in ihrer Familie bleiben, gingen von Hause fort und mieteten sich zwei Zimmer, um für sich zu leben, was ihnen dadurch möglich war, daß sie beide Geld verdienten, nämlich der junge Mann als Reisender und das Mädchen als Buchhalterin in einem Geschäft.

Der junge Mann, der sich in der fremden Gesellschaft einsam fühlte, begann ein Gespräch mit Hans, weil der gleichfalls hier unbekannt war, und als ein redegewohnter Herr fing er bald an zu erzählen, und Hans hörte zu. Er erzählte aber mit Stolz, welche Kunstgriffe er auf seinen Geschäftsreisen anwende, um den Bürstenbindern, denn sein Artikel war Schweineborsten, Ware zu verkaufen; so habe er auf einer Tour dem jungen Mann eines Konkurrenten alle Aufträge vorweggenommen, indem er sich mit ihm angefreundet habe und ihn abends eingeladen und so betrunken gemacht, daß er sein Notizbuch durchsehen konnte. Über diese Erzählung erstaunte Hans sehr und sagte, eine solche Handlungsweise sei doch nicht redlich, der andre aber erwiderte, im Geschäft sei das nun einmal nicht anders, und wer ein guter Geschäftsmann sein wolle, der er selbst auch wirklich sei, der müsse so handeln. Die Schwester aber nickte Hansen zu und gab ihm recht; und indem sie sagte, daß sie zu ihrem Bruder schon immer ähnlich gesprochen habe wie er, setzte sie ihre Worte so, daß gleich eine freundliche und vertrauliche Beziehung zwischen ihr und Hansen entstand. Dann sagte sie zu ihm, er dürfe es nicht unpassend finden, daß sie zwischen so vielen jungen Herren sei, denn die seien doch alle Männer, die das Höchste wollten, und zudem werde sie ja auch von ihrem Bruder beschützt.

Inzwischen hielt jemand einen Vortrag darüber, ob man wohl auf der Bühne das wirkliche Leben ganz genau darstellen könne, und kam zu dem Ende, daß das nicht möglich sei, weil man ja auf der Bühne immer eine Wand fehlen lassen müsse, nämlich nach dem Zuschauerraum hin, über diesen Vortrag bezwangen die meisten ein Lachen, Heller aber lobte den Redner laut, das Hansen sehr von seinem Freunde verdroß, denn es schien ihm unehrlich. So folgten noch allerhand Reden und Gespräche.

Hans brach mit den Russen zugleich auf, und wiewohl es schon recht spät war, nahmen ihn die beiden doch noch mit sich in ihre Wohnung. Dieselbe bestand aus drei recht elenden Räumen, die hatten aber eine besondere Bedeutung, denn ein großer Teil der Freiheit, welche das Paar genoß, wurde durch diese Wohnungseinrichtung erzeugt. Sie wollten nämlich wie zwei gute Kameraden zusammen leben, nicht so, wie es in der heutigen Ehe sei, daß das Weib vom Manne unterdrückt und ausgebeutet wird; deshalb hatte der Mann eine Stube für sich, und die Frau hatte eine Stube; und nur in wichtigen Fällen und nach besonderer Anfrage und Einwilligung durfte einer des andern Raum betreten; in der Mitte aber lag ein Zimmer, das ihnen beiden gemeinschaftlich gehörte und vornehmlich für die Einnahme der Mahlzeiten bestimmt war. Hatte einer Lust, mit dem andern zu plaudern, so ging er in dieses Zimmer und klopfte an der Tür des andern, und wenn der wollte, so kam er heraus, wenn er aber nicht wollte, so beachtete er das Klopfen nicht, und jener ging wieder in seine Stube zurück.

Auf dem Tisch in diesem Mittelzimmer stand eine russische Teemaschine, deren Röhre der Mann mit Kohlen füllte, die er schnell zum Glühen brachte, und unterdessen legte die Frau einen Hering, in Zeitungspapier gewickelt, auf die Tafel, ein Brot und ein Messer. Das geschah beim Schein einer alten Petroleumlampe, der die Glocke fehlte. Der Mann ging mit weiten Schritten in dem Stübchen auf und ab, und indem er seinen weichen und schwarzen Bart langsam strich, blickte er gradeaus ins Leere, wie wenn er in weiter Ferne ein Ziel sehe, das für andre unsichtbar war durch die Wände mit den schmutzigen Tapeten; dazu erzählte er in abgebrochenen Sätzen mit fremdartigen Tönen von Schlüsselburg, daß dort die Zellen der Gefangenen unter dem Wasserspiegel lägen, und die Gefangenen würden nach zwei oder drei Jahren wahnsinnig. Die Lampe flackerte durch den Luftzug, wenn er vorbeiging. Seine Frau saß auf dem verdrückten und lumpigen Sofa und hatte die Beine auf den Sitz gezogen und die Arme um die Knie geschlagen; sie starrte unbeweglich vor sich hin.

Der Bruder war ein Künstler gewesen, ein Musiker. Ganz zarte, weiche Hände hatte er gehabt, die schonte er ängstlich seiner Kunst wegen, daß er sogar im Bette des Nachts Handschuhe trug. Ein merkwürdiges Leben hatte er in seinen Fingerspitzen; einmal durchblätterte er ein Buch, da sagte er plötzlich, das Blättern mache ihn krank, und war ganz blaß geworden und hatte fieberige Augen. Wie nun sein erstes Werk gedruckt wird und er der Korrekturen wegen in der Druckerei zu tun hat, da sieht er, wie die Bogen von der Maschine gebracht werden, in hohen Stößen, an einen Tisch, wo Kinder sitzen, welche die Bogen falzen müssen; ganz kleine Kinder waren das, von neun Jahren höchstens, Knaben und Mädchen, die sahen blaß aus und hatten fieberige Augen, und griffen eilfertig ein jedes zu, nahmen den Bogen vor sich und falzten. Als er sie befragte, antworteten sie, daß sie oft Kopfschmerzen haben, weil sie vierzehn Stunden lang jeden Tag gedruckte Bogen von einem Stoß nehmen müssen, knicken und falzen, aber es war nicht wegen der Fingerspitzen, die waren hart geworden. Zum Spielen hatten sie keine Lust, sondern sie wollten Geld verdienen und hofften, wenn sie erst erwachsen waren, so wollten sie sich Branntwein kaufen, jetzt nahmen ihnen die Eltern immer ihr Geld weg. Wie er das gehört hatte, da warf er seinen kostbaren Pelz ab und schenkte den einem Kinde, es solle ihn seinem Vater geben, und dann setzte er sich zu den Kindern, nahm einen Stoß Notenbogen und falzte Bogen, und wie seine Fingerspitzen bald rot wurden und feurig, da begann er plötzlich irr zu reden und wurde nach Hause gebracht in einem Wagen und verfiel in eine schwere Krankheit, in der er nichts von sich wußte, sondern schrie beständig, daß er Kinder gemordet habe, und einmal schrie er auch, er habe Kinderfleisch gegessen. Wie er wieder aufstand, da mochte er nichts mehr von seiner Kunst hören, sondern kleidete sich in Lumpen und ging ins Volk, pilgerte auf der Landstraße, arbeitete, was seine schwachen Kräfte konnten, und sagte den Leuten, der Kaiser und die Beamten und die Reichen müßten ermordet werden. Einmal banden ihn die Arbeiter, die ihm zuhörten, und führten ihn vor den Richter, aber er entsprang wieder aus dem Gefängnis. Ein verlorenes Mädchen lachte ihm zu, eine ganz niedrige Dirne, die von den Soldaten geliebt wurde. Zu der sagte er, daß er sich vor ihr schäme, weil sie ein größeres Leiden trage, wie einem Menschen möglich sei, da weinte sie, ging mit ihm und diente ihm. Zuletzt wollte er sich als Arbeiter verdingen bei einem Bau, wo er Gelegenheit hatte, etwas gegen den Kaiser zu unternehmen, da wurde er verhaftet, und nun wird er bald sterben, denn er ist ganz krank.

Eine Zeitlang ging der Mann stumm auf und ab. Dann sagte seine Frau: »Ich weiß, woran er sterben wird, an der Lüge. Denn wir sind alle krank an der Lüge.« Darauf sprach sie ein heftiges Schimpfwort gegen die Deutschen. »Ich habe uns durchforscht«, erwiderte der andre, »und ich glaube, wir lügen nicht. Aber wir sind feige. Das ist das Verzehrende.« Nun begannen die beiden einen Streit und erniedrigten jeder sich selbst und einer den andern, und ein sonderbarer Haß war in ihnen, und ihre Augen leuchteten voll Feindseligkeit. Auf Hansen nahmen sie gar keine Rücksicht, als sei er nicht vorhanden, und begannen russische Sätze zu sprechen, und plötzlich, inmitten einer großen Erbitterung, sprang die Frau vom Sofa und warf ihre Arme um den Hals des Mannes und redete ihn mit heftigen Liebkosungen an; da strömten aus seinen Augen die Tränen, und sie beklagte ihn, wollte ihn begütigen und war glücklich und froh. Indessen kam unter dem Sofa ein Kätzchen hervor, das dehnte sich, sprang auf das Polster und machte einen krummen Rücken, da eilte Natascha zu ihm und liebkoste es stürmisch.

In übler Verfassung verließ Hans das Haus der Russen, und mochte es gegen drei Uhr in der Nacht sein, wie er durch die verödeten Straßen fröstelnd ging. Straßenreiniger mit einer sonderbaren Maschinerie begegneten ihm. An der Ecke stand ein Mann, der in einem blankgeputzten Kessel warme Würstchen zum Verkauf bot, dessen Kundschaft bestand vornehmlich aus Studenten, die in später Nachtstunde nach Hause gingen, und von diesen sowie in Erinnerung an vorige Tage, die besser waren, hatte er sich ein eigenes Wesen angewöhnt. Hans blieb vor der jammervollen Gestalt mit dem aufgedunsenen Gesicht zerstreut stehen. » Dic, cur hic?« redete ihn der Mann an, dann holte er mit der Gabel ein Würstchen hervor und begann mit Berliner Redensarten seine Anpreisung. Hans nahm und bezahlte, und wie der Mann sein Gesicht sah, fuhr er mit Erzählungen und Ruhmredigkeit fort und sagte, Hans habe wohl seinen Sinn für das studentische Leben, und ein jeder müsse der Gottheit folgen, die ihn antreibt; so habe er für seine Person immer eine besondere Neigung zur Germanistik gehabt, und wenn er nicht durch den Trunk so heruntergekommen wäre, so könnte er jetzt wohl auf einem Lehrstuhl sitzen mit mehr Recht wie mancher andre, der weniger wisse wie er. Aber auch so, wie er jetzt nachts an der Straßenecke stehe, sei noch ein Drang zum Höheren in ihm, wie in jedem Menschen, denn er sei Volksanwalt und setze für das Volk Klageschriften und Gesuche auf, und wenn er freie Stunden habe, so lese er; so habe er Claurens sämtliche Schriften durchstudiert, weil der Mann heute unterschätzt werde, denn keiner von den gelehrten Herren gebe sich die Mühe, ihn durchzulesen.

Über diesem Geschwätz befiel Hansen ein heftiger Widerwille und zugleich eine sonderbare Angst, daß er sich von dem Manne losmachte und weiterging; und es war nun das erstemal, daß ihn die Angst befiel, die ihn von dieser Zeit an immer begleiten sollte. Sie war ganz unbestimmt und richtete sich auf nichts nach vorwärts noch nach rückwärts, aber ihm war, als begehe er ein großes Verbrechen. Jetzt schien ihm das Gefühl noch sonderbar, und er suchte nach Gründen oder Ursachen; und wie er in seinem Verstande nichts fand zur Erklärung, so wurde sie immer heftiger, daß er am Ende Furcht hatte vor dem Alleinsein und nicht nach Hause gehen mochte. In solcher Verfassung traf er einen jungen Dichter namens Krechting, den er vorher in der Gesellschaft gesehen; den begrüßte er und folgte ihm in ein Café. Krechting war ein kleiner und verwachsener Mensch, der schweigend mit langen und dünnen Beinen rüstig ausschritt, bis sie an ihren Ort kamen. Da setzten sie sich, und Krechting blickte finster vor sich hin; ganz unvermittelt fragte er dann Hansen, ob er bei den Russen gewesen sei, und wie der bejahte, pfiff er leise und trommelte mit den Fingern auf dem Marmortischchen. In dem hellen Raum saßen viele verlorene Mädchen, die sich geschminkt und geputzt hatten, und deren Augen glänzten; einige suchten die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, viele aber waren müde und ausdruckslos. Hans hatte den Drang, von sich zu erzählen und hätte mögen über seine Angst klagen, wenn der andre ihn nicht so kalt und zerstreut angesehen hätte, daß er nicht sprechen konnte. Auf der Schule hatte er den Namen Krechtings gelesen und eine undeutliche Kunde von ihm war zu seinen Ohren gedrungen, daß er eine große Achtung vor ihm gehabt; aber dieser Mensch hier entsprach gar nicht seiner Vorstellung. So stieg seine Angst und Unruhe, bis er aus Verlegenheit eine gleichgültige Erzählung begann, der Krechting eben mit so viel Aufmerksamkeit zuhörte, indem er flüchtig eine Zeitung überflog, daß Hans nicht verstummte; einmal machte er eine bissige Bemerkung über einen Schriftsteller, dessen Namen in dem Blatt erwähnt war, dann legte er es weg und sah trübsinnig vor sich hin. Endlich begann auch er zu reden und sprach abgerissen und fast für sich selbst, daß er nun zehn Jahre so lebe, indem er die Nächte durch irgendwelches Geschwätz anhöre, dann an solch ekelhaften Ort gehe wie hier, und in der Frühe komme er nach Hause; den Tag verbringe er mit sinnlosem Tun, und er wisse gar nicht, wozu das alles sei. Unterdessen seien alle seine Freunde zu Ruhm und Reichtum gestiegen, um ihn aber bekümmere sich kein Mensch. Deshalb habe er sich immer gewünscht, wenigstens einen Hund möchte er halten, damit ihn doch ein lebendes Wesen erwarte bei seiner Heimkunft, indessen seine Wirtsleute hätten ihm das nicht zugegeben. So habe er sich denn ein Glas mit zwei Goldfischen gekauft, aber die seien ihm langweilig. Hans fühlte, wie aus dem andern ein Haß gegen ihn strömte, und in ihm erhob sich ein Widerwille, wie vorher gegen den Menschen auf der Straße. Indessen erklärte Krechting sein Wesen, daß er einen Jugendfreund gehabt, mit dem habe er alle Gedanken geteilt, und seit der tot sei, bleibe für ihn die Welt leer und kalt, denn er brauche einen Menschen, von dem er zehren könne, und für sich allein sei er nur ein Schemen. Hans solle das nicht für Eitelkeit halten, wenn er ihm solche Geständnisse mache, denn ihm sei es gleich, daß er gerade zuhöre, nur habe er ein Bedürfnis, zu irgendeinem Menschen zu sprechen.

Ein Mädchen setzte sich an den Tisch der beiden, indem sie ihnen den Rücken drehte, und es fiel Hansen auf, wie durch die dünne Seidenbluse sich die Bewegungen ihrer Schulterblätter bemerkbar machten bei den Gesten, durch die sie einen Eindruck in einem verschlafenen jungen Menschen erwecken wollte, der in ihrer Nähe saß. Krechtings Augen waren wunderlich trübe geworden, wie er sie auf den Rücken des Mädchens geheftet hielt; und indem sein Gesicht eine große Anstrengung des Überlegens aufwies, fuhr er fort, daß er den Russen beneide, trotzdem der ein unreinlicher Mensch sei, ein Stück Heiliger, ein Stück Narr und ein Stück Schuft; aber dem sei es doch möglich geworden, sich die letzten Zwecke zu verschleiern durch seine sozialistischen Banalitäten, und dadurch sei der glücklich; er jedoch, Krechting, könne sich nicht blind machen, denn er wisse, daß es ein Ziel geben müsse jenseits des banalen Glückes für sich selbst oder für andre; aber er vermöge nicht zu erkunden, welcher Art und Natur dieses Ziel sei, denn er sei kein vollständiger Mensch und ihm fehle irgend etwas, das sein Jugendfreund gehabt, und den habe er verzehren müssen. Indem fühlte das Mädchen die Augen Krechtings im Rücken, drehte sich um und lächelte den beiden zu. Über Hansen kam ein Schauer als vor etwas Grausigem und Gespensterhaftem; eilig stand er auf, entschuldigte sich verwirrt und ging fort, denn es war ihm plötzlich gewesen, als sehe er zwei leblose Masken und als sei Vernichtung und Nichtsein hinter dem gedankenlosen Lächeln der Dirne und hinter den trüben Augen und den gespannten Zügen Krechtings.

Lange irrte er noch durch die Straßen, die bereits wieder lebendig wurden durch die Menschen, welche in der Frühe ihre Geschäfte betreiben müssen, bis er endlich todmüde war, und seine Gedanken waren gänzlich verschwunden; so ging er nach Hause und legte sich zu unruhigem Schlaf. Aus dem erweckte ihn am andern Morgen Heller, der unerwartet zu ihm kam; und indem er auch im Schlummer noch unter dem Eindruck des Abends gestanden, fuhr er erschreckt in die Höhe durch den Anruf des Besuchers.

Heller begann damit, daß man vor wichtigen Entscheidungen des Lebens das Bedürfnis habe, sich einem Freunde mitzuteilen, weniger, um dessen Rat einzuholen, denn ein jeder tue ja doch, was er schon vorher gewollt habe, als um selbst zur Klarheit des Willens zu kommen durch die Aussprache. Nach dieser Einleitung erzählte er, daß Helene, die er gestern zum ersten Male gesehen, einen sehr starken Eindruck auf ihn gemacht habe, vornehmlich durch eine gewisse Kühnheit und Überlegenheit des Willens, die er in ihren Zügen bemerkt, wozu dann noch der Gedanke gekommen sei, daß sie sich dieselben Gedanken errungen habe, die er selbst vertrete und voraussichtlich, denn ganz sicher könne man ja nie wissen, ob man seine Meinungen nicht ändern werde mit den älter werdenden Jahren, auch immer vertreten werde; und sei sein Geist so sehr mit diesem allem beschäftigt gewesen, daß er wohl gemerkt, dieses seien die Anfänge der Liebe. Nun halte er es für eine große Verschwendung von Kraft, wenn sich jemand einem solchen Gefühl hingebe, das durch die Zeit und die Hoffnung immer stärker werde, und dann vielleicht am Ende erfahre, daß die geliebte Dame seine Gefühle gar nicht erwidern könne oder möge; denn nicht nur die Zeit, die in der Hoffnung verbracht, sei alsdann für eine andere Tätigkeit verloren, die vielleicht mehr beglückt hätte, und wir sollten doch immer in unserm Leben das größte Glück zu erringen suchen, das uns möglich sei, ohne unsern Mitmenschen zu schädigen, sondern auch nachher, wenn er die Enttäuschung gehabt, komme eine verlorene Zeit, die je nach der Persönlichkeit des Betreffenden länger oder kürzer sei, in der einer sich nicht glücklich fühle und für alles andre unzugänglich bleibe. Aus diesen Gründen habe er sich entschlossen, schon jetzt dem Fräulein seine Gefühle zu entdecken, obgleich dieselben noch gar nicht bis zur Liebe gediehen seien, sondern nur die Möglichkeit böten, daß sich aus ihnen Liebe entwickle, welches er ihr genau und psychologisch auseinandersetzen werde, und sie dann nur fragen, ob sie meine, daß unter Umständen, wenn nämlich er sich so entwickle, wie er denke, auch sie sich so entwickeln werde, daß sie seine Liebe erwidern könne; über das sie ihm ja wohl keine ganz sichere Antwort geben werde, denn durchaus Gewisses vermöge in psychologischen Dingen kein Mensch zu sagen; aber einen ungefähren Anhalt könne sie ihm wohl bieten. Sollte alsdann die Antwort so ausfallen, wie er annehme, so wolle er ihr vorschlagen, daß sie öfters zusammenkämen, vielleicht eine Stunde täglich, und in dieser Zeit wollten sie über Literatur, Psychologie oder Sozialismus sprechen, wobei sie sich dann genauer kennen lernen würden, und so werde sich ihre Liebe nicht in phantastischer Weise entwickeln, sondern in genauem Zusammenhang mit der Wirklichkeit und den beiderseitigen psychologischen Tatsachen.

Dieser Plan erschien Hansen sehr schön und würdig solcher neuen und vollkommenen Menschen, wie Heller und Helene waren, deshalb lobte er ihn sehr und wunderte sich viel im Innern über die Menschenkenntnis und Klugheit seines Freundes. Da er aber durch seine häusliche Erziehung gewöhnt war, immer an die notwendigen Unterlagen des Lebens zu denken, so fragte er, wie der Freund sich nun seine Absichten weiter ausgedacht habe, wenn alles so eintreffe, nämlich er zu Helene und Helene zu ihm eine Zuneigung fasse.

Hierauf erwiderte Heller, daß allerdings an eine bürgerliche Ehe nicht zu denken sei, indessen könnten sie beide als gleichberechtigte und freie Menschen einen Vertrag abschließen, da sie ja ihre Gesinnungen hätten, und er selbst verdiene durch Stunden, die er Gymnasiasten gebe, so viel, daß er seinen eigenen Lebensunterhalt bestreite, und Helene habe gleichfalls ihr Auskommen, da sie einen Beruf und eine Stellung habe; indem sie aber zusammenlebten, würden sie in manchem noch sparsamer wirtschaften wie jetzt jeder Einzelne, wie sich ja im kleinsten schon der Vorteil des Großbetriebes erweise; so würden sie zum Beispiel das Mittagessen zwar wie vorher in einer Gastwirtschaft zu sich nehmen, aber das Abendessen würden sie sich zu Hause bereiten, wobei sie nicht nur mehr Glücksempfindungen in sich auslösen könnten, sondern auch sehr viel sparen. Nach diesem fuhr er fort, was Hans in seiner Antwort noch gar nicht beachtet habe, das sei, daß hier einmal eine der seltenen Gelegenheiten gegeben werde, wo zwei Menschen verschiedenen Geschlechtes in durchaus sittlicher Weise zusammenleben könnten. Denn in der auf Unterdrückung und Ausbeutung beruhenden bürgerlichen Ehe, wie wir wissen, ist ein wirtschaftlicher Zwang da für die Frau, daß sie beim Manne bleibt, auch wenn sie aufgehört hat, ihn zu lieben, denn sie würde ohne Unterhalt sein, wenn sie von ihm ginge. Dagegen in dem vorliegenden Falle halte nur die Liebe die beiden Gatten zusammen, und wenn bei dem einen das Gefühl erlösche, das doch das Natürliche sei, weil alle unsere Gefühle eine Kurve beschreiben bis zu einer Höhe und von da wieder bis zum Nullpunkt, so könne dieser dem andern ruhig seinen Zustand enthüllen, und die Trennung des Verhältnisses, das alsdann ja unsittlich sein werde, sei sehr leicht.

Nachdem Heller sich durch seine Erzählung und Darlegung Klarheit über seine Absichten verschafft, machte er sich gleich ans Werk, seinen Plan durchzusetzen, ging zu der Speisewirtschaft, wo Helene in ihrer Mittagspause ihr Essen einnahm, und traf sie dort allein an einem Tische sitzend. Es war eine Wirtschaft, wo man für billiges Geld ißt, und die Tischtücher hatten viele Flecken, und ein häßlicher Geruch war in der Luft, und eilfertige Kellner liefen hin und her, indem sie ein großes Klappern mit den Tellern machten.

Wie Heller seine Rede ungefähr in der Art vortrug, mit der er zu Hansen gesprochen hatte, wurde Helene ziemlich verlegen, denn in Wirklichkeit wußte sie gar nichts von den Ansichten, die er bei ihr voraussetzte, und hatte nur öfters über manche Reden ihres Bruders lustig gelacht, der jetzt im Gefängnis war, denn sie hielt den für etwas töricht. Nun verstand sie zwar nicht alles von dem, was Heller ihr erklärte, und wußte auch nicht recht, welche Absichten er ihr ausdrücken wollte, weil sie aber sich nie andres gedacht hatte, als daß sie einmal nach ihres Kreises Sitte heiraten werde, etwa einen elegant gekleideten Geschäftsreisenden, der ihr jeden Sonntagvormittag einen Blumenstrauß schickte, solange sie mit ihm verlobt war, so fand sie doch aus der Verwirrung heraus, daß Heller sich mit ihr verloben wolle, aber das solle noch eine Weile geheim bleiben. Deshalb sagte sie unter häufigem Stocken ihrer Rede, sie könne ihm auf seinen Antrag nicht recht antworten und wolle sich das überlegen, was er gesagt habe; denn da er ein Student war und ihr feiner erschien wie ein Kaufmann, so hatte sie wohl eine gewisse Zuneigung zu ihm. Auf diese Worte erwiderte Heller, daß er keinen andern Bescheid gehofft habe, und sehr zufrieden mit diesem sei; nur bitte er sie alsdann, daß er sie nun täglich zu einer bestimmten Stunde besuchen dürfe. Auf dieses antwortete Helene, daß ihr Bruder, mit dem sie zusammenlebte, augenblicklich nicht auf einer Geschäftsreise war, und sie verbrächten die Abende immer zusammen in ihrer Stube, und wenn es ihm recht sei, so würden sie beide sich sehr freuen, wenn er sie da besuche, sobald ihr Bruder aber reise, was in etwa zwei Wochen geschehe, weil da die Saison für den Einkauf der Schweineborsten anfange, so dürfe er nicht mehr kommen, weil sie alsdann allein bleibe, und die Leute würden ihr Übles nachreden, wenn sie ohne Beschützer seinen Besuch empfinge, obwohl er ja ein gebildeter Mann sei. Zwar schien diese Rede Heller nicht ganz das zu sein, was er gemeint hatte, trotzdem aber war er voller Freude und Hoffnung, verabschiedete sich von ihr mit Liebe und erwartete mit Zuversicht den Abend. Unterdessen besuchte Hans den Bruder Helenens, der Kurt hieß, und tat das nicht aus einer besonderen Zuneigung, sondern aus Bescheidenheit, weil er gern die andern näher kennen wollte und doch nicht wagte, an sie heranzutreten, mit Kurt aber hatte er an dem Abend manches besprochen. Er traf ihn im Geschäft in einem kleinen Stübchen, wo er einem Arbeitsgenossen gegenüber an einem Schreibpult stand und an Geschäftsbriefen schrieb. Im Zimmer war nur noch der Telephonkasten und ein großer Geldschrank, in dessen offener Tür steckte der Schlüssel, und an dem Bund hingen noch andre Schlüssel. Es war die Zeit der Mittagspause, und wie Kurt Hansen begrüßte, richtete sich auch der andere Herr von seiner Arbeit auf, schloß den Geldschrank ab und steckte die Schlüssel in die Tasche und bereitete sich zum Essen. Kurt sagte ihm, er werde noch einmal ein Unglück erleben, wenn er die sämtlichen Geschäftsschlüssel, von der Haustür angefangen bis zum Geldschrank, so leichtsinnig behandle. Inzwischen machte auch er sich straßenfertig und wanderte mit Hans zu der Wirtschaft, wo die beiden zusammen Mittag essen wollten. Wiewohl Hans zu Kurt keinerlei geistige Verwandtschaft spürte, wurde er in der Folge doch weiter mit ihm bekannt, und weil seine Wohnung nicht weitab vom Geschäft des andern lag, so machte es sich wie von selbst, daß er ihn öfters zum Mittagessen abholte, bei dem sie dann über allerhand gleichgültige Dinge mit einer gewissen Behaglichkeit redeten. Auch den Besitzer des Geschäftes lernte Hans kennen, der ein recht wunderlicher und altväterischer Mann jüdischer Abkunft war, welcher zu Hause unterdrückt wurde durch seine Frau; die hatte allerhand Bildungsabsichten und ließ ein verstiegenes Wesen schauen. Diese traf Hansen einmal im Geschäft, redete ihn an, und nachdem sie schnell allerhand aus ihm herausgefragt, lud sie ihn zu sich ein, weil er ihren Kindern Freude machen werde. Sie hatte eine hohe Haarfrisur und rauschte stattlich mit einem schwarzseidenen Kleide in dem engen Raume. Unterdessen nahm Hellers Liebschaft ihren weiteren Verlauf. Er war mit Zolas Buch über den Experimentalroman angekommen und hatte den Geschwistern vorgelesen und erklärt, was für Kurt zwar recht langweilig war, aber Helene faßte eine stärkere Zuneigung zu ihm, wiewohl auch sie nur wenig von dem begriff, was er vortrug; und da einem Verliebten solche Zuneigung nicht verborgen bleiben kann, so kamen die beiden bald zu einer Aussprache, wobei Helene jedoch immer noch in ihrem Irrtum verharrte, daß es sich bei Heller um regelmäßige und bürgerliche Absichten handle. Unter solchen Umständen, und da ihr schien, als wolle Heller aus Zartgefühl nicht mit ihren Eltern reden wegen der Handlungsweise ihres Vaters, ging sie zu ihrer Mutter, um der ihr Herz auszuschütten und ihren Rat einzuholen, und die, welche niemand aus dem ganzen Kreise kannte und sich keine rechte Vorstellung von allem machen konnte, teilte alles dem Vater mit. Dieser war zwar im Grunde einverstanden mit Helenens Wahl, weil er dachte, daß ein Studierter, wenn er erst angestellt sei, ein angesehenes Amt und sicheres Einkommen habe; aber weil er über Hellers Studien und Aussichten nichts wußte, so beschloß er, seine Zustimmung erst noch zurückzuhalten und vorerst den Bewerber um alles zu fragen, was ihm nötig erschien.

Er kam deshalb am Sonntagvormittag im Besuchsanzug und mit dem Zylinder, der von sehr alter Form war, in Hellers Wohnung und begann in freundlicher Weise mit dem zu reden, indem er Helene lobte und erzählte, daß er selbst immer sehr viel Sinn für Bildung gehabt habe und auch das Konversationslexikon in Lieferungen beziehe, und für eine Ehe sei natürlich das Wesentliche gegenseitige Liebe und Hochachtung, er aber als Vater habe doch die Verpflichtung, außerdem noch einen Punkt zu bedenken, und bei diesen Worten machte er die Gebärde des Geldzählens und sah Heller erwartungsvoll an. Der war recht verlegen über das Mißverständnis und schwieg, denn es fiel ihm nichts ein, was er hätte sagen können. Der Alte schob sein Schweigen auf die natürliche Schüchternheit eines jungen Mannes, der vor dem Vater seiner Braut steht, wollte ihn zutraulich machen und sprach deshalb weiter, indem er die Macht der Bildung rühmte und die Neuzeit lobte, welche die Bildung auch dem Volke zugänglich mache, wodurch Aberglaube und schlechte Sitten ausgerottet würden. Wie er sich bei dieser Gelegenheit erkundigte, welchem Studium sich Heller im besonderen zugewendet habe, fand der eine Möglichkeit, aus seinem peinlichen Schweigen herauszukommen, indem er ausführlich erklärte, daß er ursprünglich Theologe gewesen sei, aber nachdem er sich aus seinen ersten Ansichten heraus entwickelt habe, so verzichte er jetzt auf das theologische Studium und wolle zunächst seine Persönlichkeit bilden dadurch, daß er die verschiedensten Dinge auf sich wirken lasse. Hierüber wiegte der Alte den Kopf und hielt ihm entgegen, daß doch die theologische Laufbahn sehr viele Vorteile biete, besonders indem ein junger Mann in ihr rasch zu Brot komme, was eine sehr wichtige Sache sei, zumal wenn einer daran denke, einen Hausstand zu gründen. Hierauf sprach Heller wieder von seinen Überzeugungen, und der Vater im schwarzen Rock wurde hingegen noch dringender mit den Anspielungen auf die künftigen Erwerbsverhältnisse; da erschien es Heller plötzlich als eine Rettung, wenn er diese als recht schlecht hinstellte, und so erzählte er, daß er nicht gesonnen sei, einen bestimmten Beruf zu ergreifen, sondern er gedenke vornehmlich für seine Ansichten zu wirken.

Nachdem der Streich mit der Übergabe der verbotenen Schriften so übel abgelaufen war, hatte der Alte seine Sicherheit verloren, und deshalb, wiewohl er aus allem verspürte, daß Hellers Absichten und Verhältnisse ganz anderer Art waren, wie er gedacht, wurde er doch nicht ärgerlich, wie ihm wohl sonst geschehen wäre, sondern er machte ein bekümmertes Gesicht, seufzte, und gab Heller die Hand zum Abschied, indem er sagte, die Welt sei heute anders wie früher, und ein Vater mit erwachsenen Kindern habe viele Sorgen; er vertraue aber Heller, daß er nicht schlecht an seiner Tochter handeln werde; darauf ging das alte Männchen unter vielem Dienern aus der Tür.

Nach diesem Besuch dachte Heller in einer neuen Gesinnung über seine Liebe nach und kam zu dem Schluß, daß bei dem Verhältnis doch auf beiden Seiten ein Irrtum gewaltet habe, indem Helene eigentlich noch gänzlich in den bürgerlichen Anschauungen befangen war und sich nicht, wie er vorher gemeint, zu den modernen Ideen durchgerungen hatte, und ihn auch nicht richtig verstanden hatte, und auch sie hatte sich etwas andres von ihm gedacht. Dazu kamen psychologische Erwägungen, denn es war ihm nicht entgangen, daß sie in ihrem Anzuge zwar sehr ordentlich, aber recht einfach war und keinerlei Reiz entfaltete, wo doch offenbar ein Mädchen, wenn es liebt, den Wunsch hat, dem Mann auf jede mögliche Weise, namentlich aber durch den Anzug, zu gefallen; deshalb, wenn sie in Wahrheit eine Neigung für ihn hätte, so müßte sich ihr Gefühl irgendwie in kleinen Koketterien der Haartracht, oder eines einfachen Schmuckes, oder einer gefälligen Bluse, oder sonstwie äußern, aber weil nichts dergleichen geschehen, so mußte er zu dem Schluß kommen, daß ihre Zuneigung zu ihm nur auf einem Irrtum beruhte, der ja erklärlich war, daß sie unter ihren eigentümlichen Umständen sich das einreden konnte, sie liebe ihn, während sie vielleicht nur Achtung empfand. Wie Heller sich das klargemacht, beschloß er ohne Zögern so zu handeln, wie es die Umstände forderten, denn für sie beide schien es ihm das beste, wenn sie nunmehr, nachdem sie diese Einsicht gewonnen, in den gewöhnlichen Zustand zurückkehrten, in dem sie sonst gelebt hätten; deshalb schrieb er gleich in diesem Sinn an Helene einen Brief. Diese aber war sehr traurig, als sie Hellers Meinung erfuhr, und weinte heftig, denn sie dachte, daß sie durch irgend etwas seine Zuneigung verscherzt habe, prüfte alle ihre Handlungen und fand endlich als einzigen Grund, der möglich war, daß sie die Angelegenheit ihrer Mutter erzählt, und daß vielleicht von ihrem Vater Schritte geschehen seien, die ihn verletzt hatten. So ging sie zu ihren Eltern, um sich zu erkundigen, und wie sie alles gehört, machte sie unter vielen Tränen ihrem Vater heftige Vorwürfe und sagte, er habe gegen sie ebenso gehandelt wie gegen ihren Bruder, und der alte Mann geriet in große Not und versuchte sie mit allerhand Versprechungen und Liebkosungen zu beruhigen, aber sie sagte immer, ihr Leben sei zerstört, und keinerlei Trost wollte helfen. Es muß aber in solchen Fällen auf einen immer alle Schuld geworfen werden, und so vereinigte sich bald die Mutter mit der Tochter gegen den Vater, und am Ende kam Helene derart zu einer gewissen Beruhigung, weil sie beides, Vorwürfe machen und Klagen auslassen konnte. Wie Heller den üblen Erfolg seines Planes vernommen hatte, geriet er in große Verlegenheit und beschloß, daß er Helene weiterhin besuchen und scheinbar ganz in der früheren Weise mit ihr verkehren wollte, dabei aber sollte sein Zweck sein, sie sowohl durch Gründe wie durch Erregung von Stimmungen zu andern Gefühlen zu bringen, so daß sie ihre gefaßte Liebe vergäße. Indem er nach diesem neuen Plan handelte, geschah es indessen, daß die beiden als zwei junge und harmlose Leute sich immer weiter in dem Netz der Liebe verstrickten; und wie es öfter geschieht, so kam es auch hier dazu, daß der weibliche Teil schnell ein Übergewicht erhielt, nachdem erst einmal eine gewisse Klarheit in den Beziehungen eingetreten war, und da Helene als ein braves und ordentliches Wesen keine Neigungen für Hellers neue Theorien aufwies, so endeten die beiden zuletzt mit einer gewöhnlichen und bürgerlichen Verlobung. Und dieses Ende machte zwar Heller manche Unruhe, denn er vermochte nur schwer seine Gedanken auf solche unerwartete Handlungsweise einzurichten, im Grunde aber hatte er doch ein großes Glück durch diesen Ausgang, denn nun wurde seinem Bedenken und Reden ein Schluß gemacht, und er mußte sich auf einen Broterwerb einrichten, was für einen solchen Mann doch nötig ist, sonst wird er mit den Jahren anstatt klüger, immer läppischer, und zuletzt gelangt er vielleicht sogar zu Bösartigkeit.

Diese geschilderte Entwicklung von Hellers Liebe ging naturgemäß in einem längeren Zeitraum vor sich, währenddessen unser Held Hans verschiedenes kennen lernte, von dem er vieles noch nicht gewußt. Die Berichte Hellers vom Fortgang seiner Geschichte hörte er zuletzt mit Kopfschütteln an, denn wiewohl der andre älter war wie er, kamen ihm doch jetzt Bedenken über ihn, und er schätzte ihn nicht mehr so sehr hoch wie anfangs. Da sich eine solche Wandlung aus der größten Hochachtung nicht verbergen läßt, so verspürte sie Heller wohl, und indem er durch sie an einer Stelle getroffen wurde, wo er am leichtesten verwundbar war, nämlich in der besonderen Achtung, die er vor sich selbst hatte, so wurde er merklich kühler. Hans aber wurde inzwischen durch die Zufälle solcher unbestimmten Lagen des Lebens, wie er sich jetzt befand, zu einem weiteren Verkehr mit Krechting getrieben und zu einer Bekanntschaft in der Familie von Kurts Herrn.

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