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Der schmale Weg zum Glück

Paul Ernst: Der schmale Weg zum Glück - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul Ernst
titleDer schmale Weg zum Glück
publisherGeorg Müller
firstpub1901
year1919
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20081218
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Zweites Buch

Die erste Zeit in Berlin war für Hansen recht traurig, denn sie brachte ihm große Enttäuschungen, weil er gemeint, auf der Universität müsse ganz Besonderes und Herrliches sein, und unter der Wissenschaft dachte er sich etwas Befreiendes und Beglückendes, das ihm in unklarer Weise als das höchste aller irdischen Hoheit vorschwebte, er konnte noch nicht wissen, daß dieses Besondere und Herrliche nicht ein greifbar Vorhandenes ist, sondern vielleicht nur eine Gemütsverfassung sein kann, die einige begabte Menschen mit der Zeit durch ihre Beschäftigung mit wissenschaftlichen Dingen erhalten. Und nun fand er ein großes und graues Gebäude, das nach Staub aussah, dann eine Diele, in der sehr viele Studenten standen und gingen, die gar nicht der Vorstellung glichen, die er sich von Studenten gemacht, sondern eher wie recht unelegante Kaufmannskommis schienen und fast alle außerordentlich spießbürgerliche Gesichter hatten; und endlich war da ein niedriger Kollegsaal mit vielen Bänken, mit einem muffigen Geruch. Der Professor trat ein und wurde mit Trampeln begrüßt, und war ein ganz kleiner Mann in einem dicken Pelz und mit einem recht abgenutzten Zylinder; wie er diese Stücke an den Kleiderhaken hängte, machte er eine komische Hüpfbewegung, und dann trat er auf den Katheder, nickte mit dem Kopf und entfaltete ein uraltes, gebräuntes Heft, aus dem er mit monotoner Stimme außerordentlich lange Perioden vorlas, indessen sein schwarzer Rock speckig glänzte. Die Studenten schrieben mit heftigem Eifer nach, ohne daß einer den Kopf hob, und nachdem Hans zuerst immer gedacht hatte, es müsse noch etwas kommen, schrieb er am Ende auch nach; weil er aber langsam mit der Feder war, so kam er bald zurück und konnte nicht mehr folgen, und so saß er zuletzt recht ratlos und unglücklich da. Wie die Glocke zum Schlagen aushob, ließ der Professor plötzlich seine Stimme zu einem Murmeln sinken, hörte mit dem Ende des Satzes auf, klappte das gebräunte Heft zusammen, hüpfte nach seinem Pelz und Hut und ging hinaus. Die Studenten aber schnappten ihre Tintenfässer zu, steckten die Hefte in die Mappen und gingen gleichfalls.

Das war die erste Vorlesung, und die weiteren hatten einen ähnlichen Charakter. So wurde Hans niedergeschlagen und bekümmert, denn wie er nun mit seinen Heften unterm Arm zum Essen ging und sich bedachte, was er gelernt habe in diesen Stunden, da fand er gar nichts in seinem Gedächtnis, außer die Vorstellung von einem ungeheuren und wüsten Raum, in den er hineingestoßen war, damit er weitergehen solle, und sah weder Weg noch Wegweiser.

Gleich hinter der Universität, am Kastanienwäldchen, war damals ein Speisehaus, wo ein sehr großer Teil der Studenten aß. Hans folgte der Menge und kam in kleine Stuben, wo an Tischen dichtgedrängt die jungen Leute saßen und eilig ihre Speisen verzehrten, indessen Kellner in jägergrünen Joppen mit Hirschknöpfen geschwind mit Schüsseln und Tellern herumliefen und der Strom der eintretenden Gäste dem Strom der herauskommenden begegnete. Wie Hans einen Platz gefunden an einem Tisch, dessen übrige Stühle besetzt waren, und die fleckige Speisekarte genommen, kam hastig ein Kellner im Vorbeilaufen heran und fragte, so daß Hans erschreckt aufs Geratewohl bestellte, denn er war schon durch die Eile und Menschenmenge geängstigt. Dann aß er und trank mit der Schnelligkeit, die er bei den andern sah, denn hinter dem einen Tischgenossen wartete bereits einer auf dessen Platz; und wie er fertig war, kam der Kellner wieder, zählte zusammen, und Hans bezahlte, und weil ihm gesagt war, daß man in Berlin den Kellnern Trinkgeld geben mußte, so legte er ihm fünf Pfennige in die Hand mit einem höflichen und verlegenen Murmeln, denn er scheute sich und fürchtete, der Kellner würde beleidigt sein. Wie alles abgemacht war, hatte er ein leichtes Herz und ging durch die gedrängten Zimmer zurück aus dem Hause. Da fühlte er sich recht einsam und verlassen; denn einige gelbe Blätter hingen an den Kastanienbäumen, Sperlinge zankten sich auf der Straße, ein grauer Dunst war in der Luft, und häßliche Farbentöne hatte alles, schmutzige und stumpfe; nichts Leuchtendes war da, welches das Herz leicht macht. Er wunderte sich, daß das Studentenleben so aussah, ganz anders hatte er es sich vorgestellt.

Seine Stube war ein langer und schmaler Raum, der eine Form hatte wie ein Handtuch, oben am Fenster stand der Schreibtisch mit einem Stuhl davor, dann kam ein Sofa mit einem Sofatisch, dann das Bett, endlich der Waschtisch, und bildeten diese Möbel eine Reihe, so daß man sich an ihnen allen vorbeidrücken mußte, wenn man zum Schreibtisch gehen wollte. Auf dem Waschtisch hatte er seine neue Spiritusmaschine aufzustellen gedacht, denn das hatte er sich so schön ausgemalt, wie er sich den Kaffee nachmittags selber kochen werde, und dabei wollte er dann fleißig studieren, aber die Wirtin sagte, das könne sie nicht erlauben, weil es ihre guten Möbel ruinieren werde, und er solle den Kaffee bei ihr in der Küche bereiten. So ging er jetzt mit der Kaffeemaschine, der Mühle und dem andern Gerät in der Wirtin Küche, und hatten die Leute nur die beiden Räume, also die vermietete Stube und die Küche, in der sie kochten, wohnten und schliefen, nämlich eine sehr dicke und schmutzige Frau, ein finsterer Mann, über den die Frau meistens schimpfte, eine Tochter von achtzehn und einen Sohn von zwölf Jahren.

Hans fand die Frau allein vor, die ihm seine Sachen abnahm und sagte, sie wolle ihm den Kaffee schon bereiten, und obzwar ihm die Leute widerstrebten, ohne daß er freilich den Grund recht wußte, so tat doch diese Freundlichkeit seinem einsamen und bedrückten Gemüt wohl, daß er in dem Augenblick eine Zuneigung zu der dicken Frau faßte und sich nach ihrer Einladung auf den Stuhl setzte, den sie vorher mit der Schürze abgewischt. Die Frau begann gleich zu klagen, daß ihr Mann oft keine Arbeit habe und alles vertrinke, und daß die Ferien über das Zimmer leer stehe, und seien die Studenten meistens unsolide und meinten, die Stube sei ungeniert, aber was wolle sie machen, sie sei eine arme Frau; und nachdem sie sich die Augen mit der schmutzigen Schürze gewischt, fuhr sie fort, daß ihre Tochter ihr auch Sorgen mache, die sei hinter den Herren her, mit der werde es noch einmal ein schlimmes Ende nehmen, aber sie könne es nicht halten. Wie sie noch so im Klagen war, kam die Tochter nach Hause und trug einen neuen Hut und fragte ihre Mutter, wie der ihr stehe, die schlug die Hände zusammen und jammerte über den Hut, da antwortete das Mädchen, den habe sie geschenkt bekommen von einem Herrn, und was sie treibe, das gehe die Mutter gar nichts an. Darauf zog die Frau Hansen in den beginnenden Streit und fragte ihn, ob wohl eine Tochter so antworten dürfe, das Mädchen ließ ihn aber gar nicht zu Worte kommen, sondern sagte, sie wolle essen, und schalt darüber, daß so weniges im Eßschrank lag. Inzwischen war der Kaffee fertig geworden, daß Hans gehen konnte; er hörte aber noch eine höhnische Bemerkung der Tochter, die auf ihn zielte, die verstand er zwar nicht, indessen machte sie ihn verlegen, und er wußte nicht recht, wie er sich benehmen solle, wenn er wieder in die Küche gehen mußte; durch die Tür drangen dann noch Worte der Mutter zu ihm, die eine Zustimmung zu den Reden der Tochter zu enthalten schienen. Da fühlte er sich wieder recht elend und unglücklich, und mit Sehnsucht dachte er an seine Heimat und an den Wald, und selbst sein Dachkämmerchen auf dem Löwenhof war ihm jetzt vertraulich in der Erinnerung, wiewohl er nie ein heimisches Gefühl darin gehabt, sondern es immer nur als bloße Unterkunft betrachtet hatte. Denn alles erschien ihm namenlos scheußlich, weil er sich auch eine Studentenbude immer ganz anders gedacht hatte, nämlich als ein Mansardenstübchen, niedrig und klein, aber von quadratischem Grundriß, mit einem alten ledernen Sofa und einem kleinen eisernen Ofen, in dem ein lustiges Feuer brannte, und mit einem großen Bücherbrett voller Bücher. Nach dem Plane, den er sich von seiner Tagesarbeit gemacht, mußte er nun die gehörten Vorlesungen durcharbeiten. So nahm er das erste Heft vor, das enthielt lauter Literaturangaben über den Gegenstand, und er wußte nicht, was er mit diesen beginnen sollte, dachte, er müsse sie wohl auswendig lernen und schreckte dann zurück vor den vielen fremden Namen, an die sich ihm keine Vorstellung knüpfte; und bei dem zweiten Heft ging es nicht besser, denn hier hatte der Professor ganz weit hergeholte Dinge als Einleitung behandelt, die mit dem Gegenstand nichts zu tun hatten, und weil Hans nicht genau nachschreiben konnte, sondern hatte Lücken lassen müssen, so wurde er aus dem Ganzen gar nicht klug. Derart stieg seine Betrübnis auf einen solchen Gipfel, daß er gar nichts mehr mit sich anzufangen wußte, und weil er gegen seine Unruhe doch irgend etwas tun wollte, so verließ er seine Stube und ging durch die Straßen. Er wurde bald müde, denn das Gehen auf dem harten Pflaster war ihm ungewohnt, und das Geräusch und die Menge der Menschen strengten ihn an, und wenn er die lange Straße hinuntersah, so erblickte er nur himmelhohe Häuser, Drähte und Steinpflaster, und nirgends ein Fleckchen Erde, wäre es auch nur so groß gewesen wie eine Hand. Nirgends war ein Fleckchen Erde, alles war mit Steinen bedeckt. Über eine Brücke ging er, aber auch die Ufer des Flusses waren mit Steinen vermauert. Da fiel ihm ein, daß in dieser Stadt ein Kind geboren werden konnte und aufwachsen, das gar nicht wußte, wie Erde aussieht, und wie ein Wald und ein Kornfeld und eine Wiese aussieht; und als er das dachte, hatte er ein großes Mitleid mit sich selbst.

So ging er, und die Füße taten ihm weh und die Schultern, und ein Ring lag ihm um die Stirn, und war ihm, als habe er sich ausgeweint und könne nicht mehr weinen. In solcher Verfassung blieb er, indem es begann zu dunkeln, und die Laternen wurden angesteckt und die Läden mit stechendem Licht erleuchtet, und die Menschen rasten immer gleichgültig vorbei. Am Ende trat er aus Müdigkeit in eine Wirtschaft, und weil er sich graute vor seinem Zuhause und es zudem doch noch am Anfang des Semesters war, so beschloß er, hier in der Wirtschaft zu Abend zu essen und nicht zu Hause, und wollte hier so lange bleiben, bis es spät genug war, daß er zu Bette gehen konnte.

Eine Kellnerin brachte, was er bestellte, und setzte sich dann zu ihm an seinen Tisch, indem sie sagte, er sei gewiß erst seit kurzem in Berlin, und dann erzählte sie, ihr gefalle es sehr gut hier. Hans antwortete in der Weise, wie er gewohnt war, mit allen Menschen zu sprechen; da stand sie plötzlich auf, mitten in seinem Satze, in einer Art, als sei er ihr ganz verächtlich, und nachher war sie ganz fremd zu ihm, als habe sie nie freundlich an seinem Tische gesessen.

Inzwischen füllte sich die Wirtschaft mit Gästen und die meisten taten sonderbar vertraulich zu den Kellnerinnen, und es war, als ob alle, die hier in dem rauchigen und niederen Raum saßen, miteinander nahe bekannt seien. Nach einer Weile setzte sich an Hansens Tisch ein junger Mann, der aussah wie ein Künstler; dem brachte die Kellnerin ein Glas Bier und zwei Butterbrote, die aß er gierig, als sei er sehr hungrig. Wie er mit dem Essen zu Ende war, knüpfte er ein Gespräch an und erzählte, er wolle eine Operette komponieren und spiele hier in der Wirtschaft abends Klavier, wofür er fünfzig Pfennige und das beschriebene Abendbrot erhalte, aber von diesem Erwerb könne er nicht leben, und wenn nicht die gutherzigen Kellnerinnen wären, so müßte er verhungern, und seine Operette würde viel besser werden wie der »Zigeunerbaron«. Wie Hans antwortete, daß er dieses Werk nicht kenne, vertiefte sich der andre in musikalischen Erörterungen, und zwischenhindurch klagte er bitter über das Los der Künstler in der heutigen Gesellschaftsordnung. Am Ende verbeugte er sich mit großer Eleganz vor Hans, daß dieser sehr verlegen wurde, und ging zum Klavier, setzte sich, fuhr mit den Fingern durch sein langes und dichtes Haar und begann mit großer Geläufigkeit Tänze zu spielen; sein Spiel schien Hansen aber ganz seelenlos, obschon das Pianino viel besser war wie des Lehrers im Dorfe altes Klavier.

Bald darnach fragte die Kellnerin Hansen, ob sie dem Klavierspieler ein Glas Grog bringen solle, weil er sich doch mit ihm unterhalten habe, und indem Hans dachte, das müsse wohl so sein, bejahte er die Frage, aber er schämte sich doch sehr für den Musiker. Dieser nahm das Geld, wendete sich zu Hans, nickte ihm dankend zu, führte es an den Mund und fing dann gewandt einen neuen Tanz an.

Den ganzen Abend quälte sich Hans mit dem Gedanken, daß er nachher der Kellnerin ein Trinkgeld geben sollte, denn das kam ihm unzart und beleidigend vor, weil es nicht mit Herzlichkeit geschehen konnte und deshalb keine Freundlichkeit war, die den Empfänger zu ihm in solche menschliche Beziehung brachte, daß dessen menschliche Würde die gleiche blieb, sondern er hatte das Gefühl, daß er das Mädchen dadurch unter sich drückte, ebenso wie am Mittag den Kellner und vorhin den Musiker. Viel Schmutz muß ein Mensch erst an seinen weißen Kleidern haben, bis er gleichmütig das Geldstück in die vorgestreckte Hand eines dienernden Menschen gleiten läßt und unbewußt jede Liebenswürdigkeit, die ihm ein Niedrigerstehender erwiesen, durch eine kleine Münze vergilt, statt durch einen einfachen Dank; und nicht nur seinen Bruder zieht er herab, sondern auch sich selbst.

Wie Hans den peinlichen Augenblick überstanden hatte und sich zum Gehen wendete, verspürte er mit den geschärften Sinnen, die ein Mensch innerhalb einer feindlichen Umgebung hat, daß die Kellnerin sich hinter seinem Rücken gegen eine andre über ihn lustig machte, wie schon einmal an dem Tage die Wirtstochter gegen ihre Mutter getan. So wurde immer stärker das Bewußtsein in ihm, daß er lächerlich und dumm sei, und alle andern Leute waren viel gewandter, klüger und erfahrener wie er; denn solange wir die Welt noch nicht kennen, wissen wir die sittlichen Gegensätze nicht zu verstehen und beurteilen und halten sie für Gegensätze des Verstandes und der Erfahrung, und ist das einer der Gründe, weshalb mancher junge Mensch schlecht wird, der von Natur nur oberflächlich war.

Langsam und müde ging Hans heimwärts, und war es eben nach zehn Uhr, wie er an sein Haus kam, und deshalb war es schon dunkel auf den Treppen, aber er tastete sich schnell am Geländer nach oben. Als er fast oben angekommen, trat er auf einen Menschen, der dalag. Wie er schon ohnehin in erregter Verfassung war durch alles vorige, so stieß er einen Schrei aus und prallte zurück, daß er fast die steile Treppe hinabgefallen wäre. Auf das Geräusch wurde die Korridortür geöffnet und Hansens Wirtsleute, später auch die Nachbarn erschienen mit Lichtern, und da zeigte sich, daß eine betrunkene Weibsperson von etwa fünfzig Jahren auf den Stufen lag, die sich hatte auf den Hausboden schleichen wollen, um dort zu nächtigen, und nun hier von Trunkenheit und Schlaf übermannt war.

Der finstere und schwarzbärtige Wirt Hansens stieß das Weib mit dem Fuße an, bis sie sich halb erhob in ihren stinkenden Lumpen, und starrte mit dem aufgedunsenen Gesicht sinnlos in die Lampe, die der Mann in der Hand hielt; er brüllte, er wolle die Polizei holen, und gab ihr allerhand gemeine Schimpfworte, das Weib aber schien nichts zu merken, sondern hockte da und sah zwinkernd mit rotgeränderten und tränenden Augen in die Lampe. Deshalb versetzte der Mann ihr wieder Fußtritte, um sie zum Aufstehen zu bewegen; aber da empfand Hans einen wilden Schmerz im Innern und rief, er solle das lassen und die Frau menschlich behandeln. Hierüber war der Mann erstaunt und erwiderte, wenn er selber betrunken sei, so werde er auch so behandelt, und das noch dazu von den Schutzleuten, die doch von den Steuern lebten, die er zahle, diese Person jedoch zahle keine Steuern. Über diese Worte aber schien seine Frau sich zu ärgern, denn die rief ihm verächtlich zu, er verdiene doch nichts und bezahle auch keine Steuern, und da lachten die andern Leute. Das brachte den Mann in Wut, so daß er sich nun mit seinen Schimpfworten an seine Frau wendete, und die Tochter griff mit in den Streit ein, indem sie in derselben verächtlichen Weise zu ihm sprach wie die Mutter. Da wollte der Mann die beiden schlagen, aber indem nun die Tochter kreischend fortlief und die fette Frau, die Arme in die Seite stemmend, ihn mit wackelndem Busen erwartete, hielten ihn die Nachbarn fest und suchten ihn zu beruhigen. Inzwischen hatte sich die Betrunkene unsicher erhoben, und weil sie noch ihren alten Plan in dem umnebelten Gehirn festhielt, so wollte sie höher steigen, sie trat aber auf ihre Lumpen, fiel halb, hielt sich mit den Händen an den schmierigen Stufen und starrte wieder in die Lampe. Nun erschien ein Schutzmann, den ein andrer geholt hatte. Der packte die Betrunkene und stieß sie vor sich her die Treppe hinunter, daß sie hätte kopfüber stürzen müssen; aber sie klammerte sich am Geländer fest und wimmerte. Hans konnte den Anblick nicht mehr ertragen, denn ihm wurde, als sei er krank, deshalb ging er in seine Stube, schloß hinter sich zu und schob den Riegel vor. So verlief der erste Tag von Hansens Studentenleben, und noch nie war er so unglücklich gewesen wie an dem Abend. Weshalb er ein so heftiges Gefühl von Jammer hatte, konnte er sich nicht klarmachen, und es war auch gut, daß er es sich nicht klarmachen konnte, denn sonst wäre er gänzlich verzweifelt. Denn dieser Tag führte den ersten und heftigsten Streich gegen seinen Glauben, und von heute an wurde ihm, Stück für Stück, Gott geraubt, denn alle diese Menschen, die er getroffen hatte, waren ohne Würde gewesen: der Lehrer, der mechanisch sein Pensum ablas, und der Kellner, der gleichmütig seine Speisen brachte, und die Wirtin, und der Musikant, und die Betrunkene endlich. Und wenn es Menschen gibt, die keine Würde haben, so müssen wir an unsrer eignen Würde zweifeln: nicht mit dem Verstande, denn das ist alles über den Verstand, aber wir können nicht mehr den reinen Glauben und die klare, unschuldige Zuversicht haben.

Und wenn wir an unsrer Würde zweifeln, so können wir an keinen Gott mehr glauben, der über uns ist, und durch den unser kleines Leben einer Eintagsfliege am Sommertage eine Bedeutung bekommt, die höher ist wie die Bedeutung von Millionen Welten, und auch dieser Zweifel kommt nicht aus dem Verstande, denn dieser ist noch weit mehr über allem Verstande; aber er kommt aus unserm ganzen Menschen.

Dergestalt bereitete sich bei Hans der Glaube vor, daß er ein Rad sei neben andern Rädern in einem großen Räderwerk, das für sich keinen Sinn hatte, welches die allgemeine Ansicht der Menschen war, mit denen er nun zusammenkam.

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