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Der schmale Weg zum Glück

Paul Ernst: Der schmale Weg zum Glück - Kapitel 7
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typefiction
authorPaul Ernst
titleDer schmale Weg zum Glück
publisherGeorg Müller
firstpub1901
year1919
correctorreuters@abc.de
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Nun hatte Hans die Schule durchgemacht und das Examen bestanden; so sollte er jetzt die Universität beziehen. Bis dahin war er nie ganz von Hause weg gewesen, denn wenn er auch in den Wochentagen im Löwenhof in einem Dachkämmerchen war und in der Schule auf den Bänken saß zwischen den andern, so pilgerte er doch jeden Sonnabend nach Hause, durch den hohen Tannenwald, an stillen Holzhauerdörfchen vorbei zu seinem Vaterhaus, das auf einer umschlossenen Waldwiese stand, in schwarzen Schiefern, und krausen Rauch schickte es in die helle Luft. Aber nun sollte er weit fort reisen mit der Eisenbahn, aus den Bergen in das ebene Land, und erst nach Monaten kam er wieder in die Heimat; und wenn er dann seine Studien beendet, wer weiß, in welche Ferne er dann gehen mußte.

Da rief ihn die Mutter zu sich und ging mit ihm in die Schlafkammer oben, um ihm ungestört ihre Abschiedsworte zu sagen.

Sie machte ein Gleichnis und sprach: Wenn du einen Tropfen Essig schüttest in ein Faß edlen Weines, so wird der Essig zu Wein; und umgekehrt, wenn du einen Tropfen Wein gießest in ein Faß mit Essig, so verliert er seine Natur und wird zu Essig. Also ist auch der Menschen Natur, denn wenn ein guter Mensch kommt in böse Gesellschaft, so verliert er alsbald seine Art und nimmt schlechte Art an, gleichwie ein Böser, der in gute Gesellschaft kommt, sich zu guter Art schlägt. Dieses bedenke und hüte dich vor lockeren Buben, die du viele treffen wirst auf der hohen Schule und in der großen Stadt. Denn wir, ich, dein Vater, deine Großmutter und unsre Magd Dorrel haben uns getreulich bemüht, daß du ein guter Mensch werdest; jetzt aber müssen wir dich ziehen lassen, mit Furcht und Sorgen, daß du uns nicht verdorben werdest und zurückkehrest als ein nichtsnutziger und verkommener Mensch. Und laß dich auch nicht verführen durch Neugierde und Eitelkeit, daß du zu tun bekommst mit solchen Buben, und du meinst, es soll nur auf kurze Zeit sein, nachher aber gedenkst du sie zu meiden, sondern denke, daß das Böse sich an den Menschen hängt wie Kletten, auch durch leise Berührung, und schwer ist es, daß sich einer wieder befreit von dem Unkrautsamen an seinem Gewande. Besonders aber warne ich dich vor der Eitelkeit; denn du weißt wohl, daß die Bösen spotten über die Guten und ihnen vorwerfen, sie seien unfrei, weil sie nicht tun wie sie und hören auf erfahrene Leute, dahingegen doch die Bösen selbst unfrei sind, denn wohl tun sie die ersten Schritte ohne Zwang, alle weiteren aber als Knechte ihrer früheren Taten; ein Trinker kann nicht mehr lassen vom Trinken und ein Hurer vom Huren, sondern ihr Teufel zieht sie hinter sich her an ihren Haaren. Du mußt aber wissen, daß dieses die besondere Verblendung des Satans ist, daß er macht, daß seine Knechte sich für frei halten; denn sie lügen nicht, wenn sie der andern spotten, sondern reden aus ihrer wahren Meinung.

Und wirst du nicht bloß böse Buben finden, sondern auch schlechte Mädchen, die dich verführen wollen zu Unkeuschheit und Werken der Wollust. Dazu wird deine eigne Begierde wach werden, denn du bist jetzt in die Jahre gekommen, da der Mann sich nach dem Weibe sehnt, und geschieht diese Verführung aus dem natürlichen Menschen und ist deshalb stärker wie die andre zum Trinken, Spielen und Balgen. Deshalb denke, daß du keusche und reine Eltern gehabt hast, denn dein Vater ist in das Ehebett gestiegen als ein unbefleckter Jüngling, gleichwie ich als eine reine Jungfrau. Und denke ferner, daß du einst ehelichen wirst und Kinder haben; aber was für Kinder wirst du bekommen, wenn du deine Kräfte ausgibst in jungen und unfertigen Jahren! Wenn du dich vergleichst mit deinem Vater, so wirst du finden, daß du einmal größer und stattlicher sein wirst, wenn du in dein Alter kommst, obwohl du viel in der Stube und über Büchern hast sitzen müssen; dessen Ursache ist das ehrbare und ordentliche Leben deines Vaters, der sich zusammengehalten hat in seiner Jugend, damit sein Sohn einst tüchtig sein solle.

Aber wenn du diese beiden Gefahren vermeidest, so wird dir eine dritte begegnen. Denn du wirst in der Stadt Mädchen finden, die sind zwar ehrbaren Wandels und ordentlichen Herkommens, und man kann ihnen nichts nachsagen, aber sie mögen nicht an sich selbst schaffen, sondern sind leichten Herzens und denken nicht an die Zukunft, und meinen, alles sei gut, wenn sie nur einen Mann haben, den sie lieb haben können. Hüte dich, daß du dich mit solchen Mädchen einläßt und etwa denkst: ich will mich verloben jetzt, und wenn ich fertig bin mit meinen Arbeiten, so will ich sie heiraten, und denkst: ich habe sie lieb, und sie hat mich lieb, und wir werden ein gutes, christliches Ehepaar sein, ehrlich leben und unsre Kinder gut aufziehen. Dieser Liebe sollst du mißtrauen, obwohl sie mit großer Schmeichelei deiner Natur und Seele daherkommt. Denn ein junger Mensch hat keine Erfahrung und weiß nicht, wie schwer es ein Hausvater hat, und was ein Haus kostet, und wie tüchtig ein Mädchen sein wird als Hausmutter. Deshalb öffne deine Augen und betrachte die Menschen, die sich frühzeitig verloben und verheiraten, da wirst du finden, daß das alles ein leichtes Volk ist, das sich freut ein Jahr lang, und das andre Leben bringt es hin mit Sorgen und Borgen. Auch ich, deine Mutter, habe eine Liebe gehabt, wie ich achtzehn Jahre alt war, zu einem jungen Kaufmann, und wie mein Vater nichts wissen wollte von dieser Liebe und der Bewerber traurig von ihm ging, da meinte ich, daß ich sterben müßte vor Kummer, und wäre ins Wasser gegangen, wenn ich nicht Gottes Wort gehabt hätte. Heute segne ich meinen Vater im Grabe, daß er hart gegen mich war aus Liebe, denn der Mann ist leichtsinnig gewesen und hat sein Vermögen vertan durch törichtes Bauen und übermäßige Erweiterung seines Geschäftes, weil er etwas Besonderes vorstellen wollte. Dann harrte ich sieben Jahre, und da kam dein Vater; das war eine andere Liebe, die ich zu dem hatte, denn ich ward ruhig durch ihn und stark. Er hat mir keine süßen Worte gegeben und mich nicht gerühmt; aber seit ich seine Ehefrau bin, habe ich keine andre Sorge gehabt als die, welche Gott jedem Menschen auferlegt, nämlich um ihn in seinem Beruf, daß ihm nicht ein Unglück geschieht, und um dich, mein geliebter Sohn, daß du gesund und gut aufwachsest; und ein bös Wort habe ich nie von ihm gehört.

Darum habe ich dir das erzählt, wiewohl es mir eine schwere Aufgabe war, weil diese dritte Versuchung die schwerste ist. Denke an meine Worte, wenn du vermeinst, daß du ein Mädchen getroffen habest, von der du nicht wieder lassen kannst. Vergiß nicht, daß erst das Weib den Mann zum Manne macht, deshalb darf der Mann kein Jüngling mehr sein, und deshalb soll er sein Weib auswählen, nicht bloß nach dem Gefühl der Liebe, wie es von den heutigen Dichtern beschrieben wird, sondern mit Ernst und Furcht.

So sprach die Mutter zu Hans. An manchen Stellen ihrer Rede färbte die Scham ihre Wangen; aber sie sprach ruhig und sicher, als eine Mutter zu ihrem Sohn. Und der Sohn ward bewegt in seinem Herzen und fühlte, wie er seine Mutter liebte, die stattlich und stolz vor ihm stand mit dem glatten und blonden Scheitel.

Hans antwortete, daß er ihre Worte behalten wolle. Und er glaube, daß er keine großen Anfechtungen erleiden werde. Denn es ist wohl ein unchristliches Gefühl, das ich habe, aber ich glaube doch, daß meine Meinung richtig ist: ich denke nämlich, daß ich besser bin wie alle andern jungen Leute, die ich bis jetzt gesehen, und deshalb muß ich mich zusammennehmen, damit ich später auch etwas leisten kann, wenn ich ausgelernt habe. Und ich will mich auch hüten, daß ich nicht hochmütig werde, denn ich kann ja nicht so viel für mich, sondern das meiste habe ich von Natur, nämlich von euch.

Nach diesem Gespräch war ein neues und andres Leben zwischen Hans und die Mutter gekommen; er war freier gegen sie und offen, wiewohl er ihr auch früher nichts Besonderes verheimlicht hatte; aber er hatte das Gefühl, daß er jetzt zu ihresgleichen herangewachsen sei, gleichwie er vor Jahren zu Dorrel herangewachsen und ihr gleich, bald dann auch ihr überlegen geworden war. So blieb jetzt nur noch der Vater über ihm. Gegen den Vater hatte er noch die alte kindliche Scheu; gegen die Mutter aber hatte er eine neue Scheu bekommen, wie er sie etwa gegen seine Braut gehabt hätte, und eine neue Liebe seit jener Bewegung im Herzen, die mehr zärtlich war wie früher. Solches sind die Ringe unsrer wachsenden Seele; und wenn unsre Seele in Gesundheit und Kraft zunimmt, so setzt sie solcher Ringe einen nach dem andern an, und unser innerer Kern wird immer heimlicher und verborgener vor dem Ahnen der andern Menschen.

Aber wie die Mutter mit Hans gesprochen hatte, da nahm ihn auch Dorrel mit sich auf ihr sauberes Dachkämmerchen, wo ihr hochaufgetürmtes Bett stand mit rot und weiß gewürfeltem Bezug, und ein blankgescheuerter hölzerner Stuhl, und ein großer Koffer, mit bunten Blumen bemalt.

Den Koffer öffnete sie, zeigte ihm, was darinnen war, und sprach, daß er einst erben solle, was sie besitze, denn sie habe nur einen Bruder gehabt, der sei nach Amerika gegangen und habe dort eine Bauernstelle erworben, seit langen Jahren aber habe sie nichts mehr von ihm gehört und wisse gar nicht, ob er noch lebe und Kinder habe; in fremde Hände aber solle ihr Gespartes nicht fallen. »Aber wenn du einmal heiratest, so schenke ich dir dieses Tischtuch und zwölf Servietten; dazu habe ich den Flachs selbst gesät, gezogen, gebrochen, gehechelt und gesponnen, und vom Weber habe ich ihn mir weben lassen mit künstlichen Figuren von Bäumen und Tieren und einem Jäger. Jetzt ist das Leinen zwar noch hart und sieht grau aus, aber wenn es erst ein Jahr lang im Gebrauch gewesen ist, so wird es weich, weiß und glänzend. Nur hüte dich vor den faulen Wäscherinnen, die in der Apotheke fressende Gifte kaufen, die verderben dir deine gute Leinwand, und du hast am Ende nur Lumpen.« Danach zeigte sie ihm ihr Sterbehemd, das hatte sie auch selbst gesponnen und mit schönen Spitzen besetzt und wollte sie mit ins Grab nehmen; ihre übrige Wäsche aber, die gebraucht ist, welche er nicht behalten wollte, sollte er verschenken, einem armen und ordentlichen jungen Dienstmädchen, das sich noch nichts hat anschaffen können, und dem damit geholfen ist; »aber es muß ein ordentliches und fleißiges Mädchen sein, die meine Sachen trägt mir zur Ehre und sie sauber hält, nicht so ein faules Bettlergesindel, das in Lumpen umhergeht.«

Am Ende zog Dorrel noch ihre besonderen Kostbarkeiten hervor, an denen ihr Herz am meisten hing. Da war erstlich ein gestickter Tabaksbeutel, den hatte ihre Mutter ihrem Vater einst als Braut geschenkt und hatte derzeit zwei Taler gekostet, war auch nie gebraucht von ihrem Vater, aus Ehrfurcht, weil er so teuer gewesen. Den hatte ihr Bruder damals mitnehmen wollen nach Amerika, aber sie hatte ihn nicht hergegeben, weil sie dachte, in Amerika könne er in schlechte Hände kommen und zu Leuten, die nicht verstünden, wie kostbar er ist. Er war aber aus grüner Seide gehäkelt und waren Rosen, Vergißmeinnicht und Veilchen aus Perlen darauf, und in der Mitte war ein Wort »Souvenir«, das war auch aus Perlen, aber aus goldenen; gefüttert war er mit guter Schweinsblase. Dorrel sagte, wenn Hans erst Pastor sei, dann werde er sich das Rauchen aus einer langen Pfeife angewöhnen, und natürlich habe er dann seinen Tabak in einem Kasten, aber wenn er einmal auf Besuch gehe, dann müsse er einen Tabaksbeutel haben, da solle er dann diesen nehmen, denn für einen Pastor schicke sich wohl so ein teures Stück, aber nicht für einen Tagelöhner, und eigentlich sei es ein rechter Unsinn gewesen von ihrer Mutter, ein solches Geschenk zu machen. Dann zeigte sie ihm einen geschnitzten Stockknopf aus Knochen. Der stammte desgleichen von ihrer Mutter her, welche als Mädchen in einem großen Hause gedient. Der Knopf hatte auf einem Rohr gesessen, das der Herr zu tragen pflegte, und wie das Rohr einmal zerbrochen war, wurde der Knopf mit fortgeworfen. Dorrels Mutter aber hatte sich ihn ausgebeten, abgeschraubt und sorgfältig aufgehoben. Jetzt sollte ihn nun Hans kriegen, wenn er erst eine Pfarre hatte, und da sollte er sich ein gutes Meerrohr mit ordentlicher Zwinge beim Drechsler kaufen und an den Knopf andrehen lassen, denn der Knopf war zwar etwas altmodisch, aber von guter Arbeit, und weil die Mode sich immer ändert, so kommt es gewiß auch einmal wieder auf, daß die Männer von Ansehen solche Art Stöcke tragen.

Zuletzt hatte sie noch einen Hund aus Gußeisen, der für einen Briefbeschwerer dienen sollte, und hatte noch eine ganz andere Geschichte.

Auch Dorrel war einmal ein hübsches junges Ding gewesen mit prallen Backen und lustigen Augen, aber brav und ordentlich war sie auch schon, wie sie erst ihre achtzehn Jahre hatte. Da war da ein junger Knecht bei der gräflichen Herrschaft auf dem Hofe, der verliebte sich in sie und sie in ihn, und wie Kirmes war, tanzten sie viel zusammen, und er bezahlte für sie Himbeerwasser, und weil sie sich so recht glücklich fühlten, wollten sie sich etwas schenken, was sie später einmal brauchen konnten in der Wirtschaft. So kaufte Dorrel ihrem Schatz eine Samtweste, die mit bunten Blumen bestickt war, und er kaufte ihr den eisernen Hund, denn er sagte, wenn sie sich später erst etwas gespart hätten, so müßten sie sich einen Glasschrank kaufen, und in dem würde sich der eiserne Hund gar prächtig machen. Wie sie aber nach Hause ging, hatte sie schon Angst vor ihrer Frau, denn sie war damals schon bei Hansens Großmutter von der mütterlichen Seite, was die zu ihrer Liebschaft sagen würde, und in Wahrheit bekam sie auch starke Schelte, und die Frau hielt ihr vor, daß sie selbst nichts habe, und er habe zehn Geschwister, und wenn sie heirateten, so komme Hunger und Kummer zusammen, vornehmlich, wo sie sich so läppisch zeigten und sich so einfältige Geschenke aufschwatzen ließen von den Krämern, denn wenn die Dummen zu Markte gehen, so lösen die Krämer Geld. Darum solle sie ihr nicht wieder kommen mit einer Liebschaft, ehe sie nicht fünfundzwanzig Jahre alt wäre. Da seufzte und weinte Dorrel die Nacht durch, aber sie bedachte sich doch, daß die Frau recht hatte, und daß ihr Liebster erst noch zu den Soldaten mußte. Deshalb sagte sie zu ihm, was die Frau zu ihr gesprochen, und versprach, daß sie auf ihn warten wolle, und sie müßten ihre Zeit ausharren und sich erst anschaffen und sparen. Da schimpfte der Mann wohl recht auf ihre Frau und sagte, die solle ihm nur einmal in den Weg kommen, der wolle er schon die Wahrheit sagen, aber am Ende mußte er sich geben, sah auch wohl ein, daß Dorrel recht hatte. Weil er indessen wohl ein guter Kerl war, aber einen leichten Sinn hatte, ließ er sich mit einer andern ein, als er in der Stadt bei den Soldaten stand, heiratete die auch, zog fort und kam nachher in großes Elend. Dorrel aber brauchte lange, bis sie die Gedanken an ihn verwand; und wie sie wieder so weit war, daß sie dachte, sie möchte wohl heiraten, da schien ihr keiner recht, denn sie war inzwischen etwas altjüngferlich geworden, hatte große Besorgnis, daß dieser liederlich werden möchte und jener krank und der dritte faul; später hätte sie wohl auch einen Witmann bekommen können, aber da bedachte sie, daß sie es doch zu lange gut gewohnt war bei ihrer Herrschaft und fürchtete sich vor den Sorgen und der Not; und so geschah es, daß sie ledig blieb und die Liebesgeschichte mit dem Knechtlein, wo sie den eisernen Hund kriegte, war ihre einzige.

Diesen Hund nahm sie nun hervor, wickelte ihn sorgfältig aus dem Papier und reichte ihn dem Hans, indem sie sagte, weil er jetzt als Student so viel schreiben müsse, so solle er den Briefbeschwerer gleich haben, denn sie schreibe ja doch nicht, weil sie niemand habe in der Welt. Die Geschichte erzählte sie ihm zwar nicht, wie sie zu dem Hund gekommen, aber wie sie an die alte Zeit dachte, da kamen ihr die Tränen in die verrunzelten Augen, sie aber war auch gerührt, weil sie sich recht lebhaft vorstellte, wie es erst wäre, wenn Hans nicht mehr am Sonnabend nach Hause käme, da streichelte sie ihm mit ihrer rauhen Hand seine Backe, und die Hand zitterte; dem Hans aber stieg das Wasser auch in die Augen, wiewohl er sich schämte und unwillig war; und so brummte er etwas, schlug seinen eisernen Hund wieder ins Papier und stolperte die Treppe hinunter.

Den Koffer nahm ein Holzfuhrmann mit nach der Stadt und gab ihn bei der Eisenbahn ab, indessen Hans selbst den Weg zur Bahnstation zu Fuß machen wollte; so verabschiedete er sich von der Mutter und von Dorrel, und der Vater warf die Büchse über die Schulter und sagte, er wolle ihn eine Strecke begleiten.

So gingen die beiden. Sie sprachen über die neue Art von Tannen, die der Graf hatte kommen lassen, welche ein sehr schnelles Wachstum haben sollten, und der Förster zweifelte, ob das Holz so wertvoll sein werde, wie die gegenwärtigen Arten, das zu Fußbodendielen zersägt wurde, weil es besonders fest war durch das langsame Wachsen der Bäume auf dem felsigen Boden. Hans wunderte sich, daß sein Vater mit ihm so sprach.

An einem Seitenwege machte der Vater halt, weil er zu seinen Arbeitern mußte, gab dem Jungen die Hand und sagte: »Sei fleißig und schreibe bald. Wenn dein Geld nicht reicht, so mußt du schreiben.« Dann wendete er sich zur Seite, und Hans ging weiter.

Aber der Hund, den der Förster an der Leine führte, hatte aus allen früheren Anstalten gemerkt, daß etwas Besonderes geschehe und Hans auf länger fortging wie sonst; so legte er sich auf den Boden, stemmte sich mit aller Kraft fest und begann zu winseln. Der Förster zog ihm das Ende der Leine über, aber der Hund winselte nur mehr und ließ sich nicht von der Stelle ziehen. Da wendete sich der Vater zurück und rief hinter Hans her: »Der Hund will Abschied nehmen.« Da tanzte der Hund bellend und winselnd auf den Hinterbeinen, und wie Hans zurückkam, leckte er dem ungestüm die Hände, heulte und bellte. Hans liebkoste ihm den Kopf und mußte sich zusammennehmen, daß er nicht weinte. Am Ende sprach der Vater: »Nun gehe, du versäumst den Zug,« und da wendete sich Hans und ging; der Hund aber wich auch jetzt nicht von der Stelle, bis Hans durch eine Biegung des Weges unsichtbar wurde, da beschnupperte er noch einmal seine Fußspur und dann erst folgte er seinem Herrn auf den Nebenweg und war traurig und niedergeschlagen.

So schritt nun Hans seine Straße fürbaß. Das war die alte Straße, die er so manchen Sonnabend heimwärts gegangen war frohen Mutes, und in Trauer stadtwärts Montags früh, wenn die Vögel ihr Morgenlied sangen. Eine gute, feste Chaussee war es; zu den Seiten standen Ahornbäume, deren Laub färbte sich schon herbstlich, und Quitschen mit roten Beeren; im Winter fressen die Drosseln diese Beeren und bekommen davon ein angenehm schmeckendes Fleisch. Und auf der Chaussee fuhren Holzwagen, an einem sehr großen Stamm kam Hans vorbei, den zogen zwei schwere Pferde mit Mühe und war wohl bestimmt zu einem Mastbaum; der sollte auch in die weite Welt hinaus. Der Fuhrknecht in manchesternen Kniehosen und blauem Kittel grüßte.

Nicht weit von der Straße war die Elsgrube. Hans bog ab und ging dahin. Die kleinen, schiefgeschnittenen Äcker waren abgemäht, und die Stoppeln sollten noch umgepflügt werden, der Kartoffelacker war umgewühlt, und in der Mitte war ein runder Aschenfleck, wo das Kartoffelfeuer gebrannt hatte. Merkwürdig trostlos sah das alles aus. Das stille, kreisrunde Wasser glänzte grün inmitten des kahlen Wesens; einige geknickte Binsen hielten sich am Rande. Hans dachte, wie gern er als Kind nahe gegangen wäre an das Wasser, um vielleicht in der Tiefe den Turm der versunkenen Burg zu sehen; jetzt hätte ihm niemand verboten, so nahe an den Rand zu treten, wie er wollte, aber er hatte keine Sehnsucht mehr nach dem Turm in der Tiefe. In kindischem Tiefsinn dachte er: »ja, das ist ein Symbol unsers Strebens«; und er meinte, das sei wahrhaftig seine Ansicht. Aber seine wirklichen Gedanken waren ganz anders.

Die waren wie die Tannen, die sich den steilen Bergabhang in die Höhe strecken gleich einem Heer, das eine feindliche Befestigung stürmt; mannhaft stehen sie in Reih und Glied, klammern sich mit ihren Wurzeln über Felsen und Steine. Nach oben streben sie, nach Sonne, Freiheit und Licht; ihre unteren Zweige lassen sie trocken werden, denn sie mögen nichts mehr zu tun haben mit dem Dunkel, wo Ameisen geschäftig laufen. Eilfertig plätschert ein kleines Wässerlein den Berg hinab, aufblitzend in einem verlorenen Sonnenstrahl; das muß ihre Wurzeln tränken. Aber tiefer dringen ihre Wurzeln, sind nicht zufrieden mit des muntern Bächleins klarem Wasser; sie gehen bis zu der Tiefe, von wo die Bergquelle in die Höhe steigt. Die schaut aus der Erde zwischen Moos und Tannennadeln, wie ein dunkles Auge, und kleine Sandkörnchen tanzen in dem quellenden, kristallklaren Dunkel. Rührend ist es, wie diese Sandkörnchen da tanzen, unermüdet. Wenn man ruhig harrt und hört das leise Rauschen und Plätschern, so spürt man, wie der Wald wächst, im Herzen spürt man es, und man weiß, daß man zusammengehört mit dem Wald und aus einem herauswächst mit ihm, und alles ist eins und gehört zu einem, die leise wankenden Tannenwipfel und das dunkle Auge des Bergquelles, der moosbewachsene Felsblock und das spritzende Wässerlein und das heimliche Wesen der Wälder mit seiner starken, gesunden Luft. Eine Minute nur währt solche Verzückung, aber für den inneren Menschen bedeutet die Zeit ja nichts, denn Jahre können träge vorübergehen, ohne daß sie uns einen Eindruck machen, aber der Eindruck jener Minute ist immer noch in unsrer Seele. Die Straße ging in Windungen bergab bis zum Städtchen, wo die Bahnstation war, da wartete der Zug, der bestand aus zwei Personenwagen und vielen Wagen mit Brettern, Wellen, Stempeln und Balken, denn Holz war die Hauptware, die von hier verschickt wurde. Ein häßlicher Kohlengeruch lag über dem Bahnhofe und stumpfe und schmutzige Farbe, aber für einen Augenblick drang der Duft des frischgeschnittenen Holzes durch, daß Hansen ein heftiges Heimweh ergriff.

Da fuhr der Zug; und er fuhr erst durch Täler, auf deren Grund Wiesen waren, die in der Mitte, wo Wasser floß, noch Grün zeigten, sonst aber schon grau und braun schienen, und auf den Höhen standen Wälder, aber nur noch vereinzelte Tannen, denn nun begann der Buchenbestand; und schon waren die Blätter farbig, und eine vereinzelte Eiche leuchtete rot aus dem stumpferen Braun. Bald aber wurde das Tal breiter und die Hügel flacher, die Wälder verschwanden, und es zogen sich Stoppelfelder in die Höhe und ab und zu winkte ein Dörfchen mit einem Kirchturm.

Dann tat sich die Ebene auf, die ganz weit war und durch die Trübe des Himmels begrenzt wurde. Hier war die Station, wo Hans den Zug verlassen mußte, die Wagen mit den Brettern und Stämmen blieben zurück; das letzte von der Heimat; und nun wurde alles anders und wurde fremd, denn selbst die Wagenabteile waren größer wie die früheren, und es schien, als wenn in den andern noch etwas heimische Luft und Helligkeit gewesen sei; dazu sprachen die Leute eine andere Sprache, redeten über andere Dinge, und ihre Gesichter waren Hansen nicht mehr vertrauter Art.

Dahin raste der Zug. Die Telegraphendrähte an der Seite flogen auf und ab, die Stangen blitzten vorüber, und lange, schmale Felder tanzten, wie wenn sie sich im Kreise um einen Mittelpunkt bewegten, der in Hansens Wagen lag. An großen Rübenbreiten kamen sie vorbei, wo eine Herde Polenmädchen in nackten roten Beinen mitten in der Nässe stand und Rüben herausholte, und Wagen mit breiten Rädern wurden beladen, schwere Pferde zogen mit Anstrengung durch den nassen Acker, und der Wagen hinterließ eine tiefe Spur. Nun kamen wieder ganz andere Menschen in den Wagen, Leute, die sich breit machten und über Hansen wegsprachen und unhöflich drängten. Sehnsüchtig blickte er zum Fenster hinaus, dachte bei sich, er hätte doch lieber mögen zu Hause bleiben, im Wald, und mit der Flinte auf dem Rücken gehen, und alle Menschen kannte er da und alle Wege, und in der Fremde war ihm das Herz schwer, und wußte nicht, was eigentlich die Universität war, und was er tun sollte, wenn er nun auf dem Bahnhof stand in Berlin. Immer weiter eilte der Zug und fuhr über Sandboden, wo häufige Kiefernwälder kamen, die schienen Hans unnatürlich zu sein, dann kamen wieder Äcker und große flache Seen, daß es war wie eine Überschwemmung; solche Art von Wasser kannte er nicht, das war so glatt und flach. Bald senkte sich auch die Dunkelheit; ein Reisender zeigte ihm in der Ferne eine schwere Dunstwolke in der Luft, das war Berlin. Das war Berlin, was unter dieser Dunstwolke lag. Wie er das sah, war ihm das Heimweh plötzlich vergangen.

Nun hielt der Zug, die Türen der Abteile wurden hastig geöffnet, und alle Menschen liefen schnell und hastig, eilten, drängten und stießen sich, und Hansen überholten sie alle, daß er als letzter eine ungeheuer breite Treppe hinunterschritt, die von einem Stein war, der Hansen Granit schien, und waren die sehr breiten Stufen immer aus einem Stück geschlagen, was sehr teuer gewesen sein mußte. An Hans vorbei eilten andre in die Höhe, hinter ihm kam ein neuer Menschenstrom herab, und unten in der Vorhalle wimmelte und kribbelte es von eilfertigen Menschen. Diese Vorhalle war außerordentlich hoch, aber eine häßliche Luft war da, und schien alles schmutzig, so daß Hansen ein plötzlicher Ekel ankam, denn ihm war, als sei auch er mit einem Male ganz schmutzig.

So stand er am Ende draußen auf dem Platz, und vor ihm war Berliner Leben.

Einen Rock trug er, den der Schneider in der kleinen Stadt verschnitten hatte, denn er war ihm vorn zu eng; auch sahen seine langen und knochigen Hände weit aus den Ärmeln, und sein Hut war von ganz alter Mode, denn er hatte ihn sich bei einem kleinen Hutmacher zu Hause gekauft, und Kragen und Schlips paßten nicht zueinander und verschoben sich beständig, und seine Füße waren in großen plumpen Stiefeln, und die Hose hatte ausgeweitete Knie. In der einen Hand trug er einen baumwollenen Regenschirm, in der anderen eine gestickte Tasche, auf der stand: »Glückliche Reise«; sein Großvater hatte sie gekauft, wie er als junger Mensch zum ersten Male von zu Hause weg mußte. So beschaffen waren Hans Werthers Kleider, wie er zum ersten Male auf dem Berliner Pflaster stand. Dazu war seine Gestalt unglaublich mager, lang und knochig, und aus seinem hageren Gesicht, das mit langen, blonden Stoppeln dicht besetzt war, starrten ratlos zwei hellblaue Augen. Im Bergwald war Hans eine schöne und jugendlich männliche Erscheinung; aber hier, auf der Königgrätzer Straße, sah er recht komisch aus.

Eine ganz auffallend gekleidete junge Dame ging dicht an ihm vorüber, blickte ihm verwundert ins Gesicht und lachte ihn aus. Er sah hinter ihr her und wunderte sich, daß eine solche Dame so unpassend sein konnte, denn sie trug einen Hut mit so großen Federn, wie Hans noch nie gesehn, schwang einen nadeldünnen Schirm in der Hand und trällerte vor sich hin.

Dem Hans wurde schwach im Herzen, und seine Sehnsucht nach der Heimat war mit einem Male wieder ganz heftig, daß sie ihm weh tat, denn er fühlte sich gänzlich verlassen von diesen eiligen Menschen, die nur alle gerade vor sich hinsahen.

Da aber gedachte er, daß er ja keine unrechten Dinge vorhatte, und fiel ihm der Gesangbuchvers ein, den er oft mitgesungen in der kleinen Dorfkirche, vor deren Fenster die Linden standen:

»Befiehl du deine Wege
Und was dein Herze kränkt,
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
Bestimmte Ziel und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann.«

Eine wunderbare Tröstung und Zuversicht überkam ihn, so daß er rüstig ausschritt durch das Treiben und Ziehen der Menschen hindurch, denn es schreckte ihn nicht mehr die Leere ihrer Gesichter, und daß sie gestorbene Seelen hatten, welches ihm bewußt geworden war, ohne daß er Klarheit über dieses Wissen hatte.

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