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Der schmale Weg zum Glück

Paul Ernst: Der schmale Weg zum Glück - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul Ernst
titleDer schmale Weg zum Glück
publisherGeorg Müller
firstpub1901
year1919
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
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Hans wurde mit Karl zusammen eingesegnet, nicht in der Stadt, sondern zu Hause in dem kleinen Dörfchen bei dem guten und frommen Pastor, der ihn in den ersten Jahren unterrichtet.

Es saßen zusammen zehn Kinder auf den Bänken der Konfirmanden, sechs Knaben auf der einen Seite und vier Mädchen auf der andern, und hatten die Mädchen das alte Dorfkirchlein mit seinen hellen Fenstern und weißgetünchten Wänden durch Kränze und Blumengewinde verziert, mit den vollen und farbigen Herbstblumen, vornehmlich Georginen und Astern, und der Boden war mit Tannengrün bestreut, das die Knaben den Tag vorher aus dem Walde geholt hatten unter fröhlichen Gesängen und wichtigen Reden darüber, wie sie sich morgen würden mit der kurzen Pfeife sehen lassen auf der Dorfstraße, und daß sie zum Erntefeste tanzen durften. Sie dachten wohl mehr an die Freuden der natürlichen Menschen bei der Feier; aber der natürliche Mensch und der geistige waren bei ihnen ja nicht so getrennt, wie wir meinen; und wenn ein Junge, der jetzt zur Seite ausspuckt, wie er es bei den erwachsenen Burschen gesehen, und vom Tanzboden spricht mit überlegener Miene, wenn der erst durch sein Leben gepilgert ist, durch Jugendtorheiten, Verliebtheit, Heiraten, Kindererziehen, Sorgen, Arbeiten und Kummer und als ein Greis im Hochalter vor seiner Hütte in der Sonne sitzt, dann denkt er auch wohl einmal an seine Einsegnung, und da verspürt er, daß er in Wahrheit doch noch andre Gedanken gehabt wie an die kurze Pfeife und an das Tanzen. Es ist wohl recht lächerlich, daß auch Hans nicht die rechten Gedanken hatte; ihm fiel immer die Uhr ein, die ihm der Vater geschenkt, nebst der stählernen Kette, und der schwarze Anzug beengte ihn, und dann fürchtete er sich, daß er weinen werde. Karl saß neben ihm und war in sich versunken und hatte schwere Gedanken.

Die Kirche war ganz voll. Da saßen unten die Frauen, voran die Bäuerinnen mit ihren Töchtern, dann die Frauen der Holzarbeiter, und hinten die Tagelöhner. Vorn sah man feste, ruhige und glatte Gesichter, denen man Sicherheit, Ordnung und Fleiß anmerkte und gute Gesundheit. Dann kamen Gesichter, in denen man viele Mühe und Not las und Sorge um das tägliche Leben, aber dabei doch Würde und Ehrbarkeit, und zuletzt sah man Übermut und niedergedrücktes Wesen, fahrigen Sinn, Unterwürfigkeit und gedankenloses Dahinleben. Auf dem Rang saßen die Männer, glattrasiert die alten und mit Bärten die andern, und sie hatten nicht so ihre geordneten Plätze wie die Frauen unten. Hansens Eltern waren auch zugegen und saßen im Pfarrstuhl, und der Vater trug die grüne Gala-Uniform mit dem Hirschfänger an der Seite und sah groß und stattlich aus, und neben ihm die Mutter, die mit der Frau Pfarrerin die einzigen Frauen in städtischer Tracht waren.

Wie die Gemeinde das Eingangslied gesungen, kam der gute Pastor und las das Evangelium, und seine Stimme tönte schön und tiefklingend wie eine wohllautende Glocke, und nach dem zweiten Lied folgte dann die Predigt.

Die wendete sich fast nur an die Kinder und ihre Eltern; der alte Mann sagte, daß sich nun das Tor auftat zum Leben, und rühmte Gottes Güte, daß der uns die Gabe verliehen, durch dieses Tor zu gehen nur mit Hoffnung und Freude, und siehe da, als er diese Worte sprach, wurden einer harten und strengen Frau die Augen naß, der reichsten Bäuerin, und zog ihr Taschentuch hervor und weinte still vor sich hin, und die Tagelöhnerfrauen hinten stießen sich an und sahen nach ihr mit Erstaunen. Der Prediger fuhr fort und sprach von der Schuld, wie die sich jetzt anspinnt, in diesen Jahren, wenn sie nicht schon älter ist, und wie sie größer wird und größer und unversehens so groß, daß sie uns überragt und uns beherrscht wie einen Sklaven. An dieser Stelle wurde Karl bleich und schaute verzweifelt vor sich hin, daß Hans erschrak, wie er durch Zufall zur Seite blickte und in sein verfallenes Gesicht sah. Vieles verstanden die Leute nicht in der Predigt, so die Worte, daß das Gute leichter sei wie das Böse, und daß man das Gute tue als ein froher Herr und das Böse als ein ingrimmiger Knecht; aber es war auch wohl nicht nötig, daß die Leute alles verstanden, denn für sie konnten die Worte ja doch nicht Mahnung sein, sondern nur Trost, und den faßten sie auch so, selbst wenn zu dem andern ihre Gemüter nicht genug licht waren. Und nahm jeder den Trost in seiner Weise, denn die stolzen und lebensklugen Bauern hatten doch einen Winkel in ihrer Seele, wo die Sicherheit nicht war, der wurde nun erhellt, und die bekümmerten Holzarbeiter, die sich sorgten, wie sie die Ihrigen rechtschaffen durch das Leben brachten, fanden eine Hoffnung auf ein Leben, da es keine Sorgen und Kümmernisse gab, aber die oberflächlichen und prahlerischen Tagelöhner wurden wohl aus ihrer Selbstzufriedenheit erweckt, doch schwieg gleichzeitig der Stachel des Neides, der sie sonst quälte, und auch sie wurden fröhlicher.

Wie der Glauben bekannt wurde, sprachen die andern zaghaft und leise, Hans aber rief sein Ja laut und jubelnd, daß ihn der gute Pastor freundlich ansah; und unter bangem Herzklopfen folgte dann die Abendmahlfeier, bei der ein unbegreifliches Geheimnis unsern Glauben mit den urältesten Hoffnungen, Furchten und Gedanken der Menschen verbindet und so auch in Leichtfertigen und Gedankenlosen einen Schauer erzeugt, der ernst macht.

Danach sang die Gemeinde das Ausgangslied, und währenddem gingen die Eingesegneten einer nach dem andern zu dem Pastor in die Sakristei, brachten ihm, eingewickelt in Papier, ihren Beichtgroschen, wie es Sitte war seit undenklichen Zeiten, und niemand nahm daran einen Anstoß, und erhielten einen Spruch auf ihren Lebensweg; Hansen aber sah der Pastor mit einem frohen Lächeln an, dann nahm er seine Hand, legte ihm die Rechte aufs Haupt und sprach: »Halte, was du hast.« Das war in einer kleinen Sakristei, die getünchte Wände hatte, und stand da ein Tisch aus gestrichenem Holz, und darauf lag Bibel und Gesangbuch, davor das Kruzifix und ein Strauß Herbstblumen in einer blauen Glasvase; das Fenster war geöffnet, und von draußen kam das Murmeln der gehenden Menschen und herbstlicher Sonnenschein, der in Tropfen durch das Laub eines Baumes fiel. Wie Hans in die Kirche zurückkam, wartete da eine Taufgesellschaft, und war die Mutter früher Dienstmädchen bei der Herrschaft gewesen, die einen Waldwärter geheiratet und hatten das erste Kind. Die Frau saß in einem Kirchenstuhl, mit verlegenem und glücklichem Gesicht, und rosig und lächelnd und hielt das Kindchen auf einem Kissen im Arm und schaukelte es, damit es nicht schreien solle, das Kind aber wollte gar nicht schreien, sondern sah erstaunt nach dem großen Hängeleuchter, der mitten in der Kirche von der blauen, goldgesternten Wölbung herabhing. Der Vater stand aufrecht daneben in straffer Haltung, als ein früherer Soldat, und trug einen Bart rund ums Gesicht, in dem Oberlippe und Kinn ausrasiert waren, so daß nur der Kranz blieb; und auch er blickte glücklich und stolz auf das Kind, doch suchte er unbeteiligt auszusehen und wollte seine Gefühle verbergen, als unpassend für einen gräflichen Beamten. Die beiden Großeltern sollten Pate stehen, denn die Eltern mochten keine Patengeschenke von Fremden betteln. Die saßen gleichfalls, und ließ der Großvater seine Uhr an der härenen Kette baumeln, und wunderte sich, daß das Kind gar nicht auf die Merkwürdigkeit achten wollte, indessen die Großmutter zur Seite geschäftig in allerhand Linnenzeug kramte.

Wie der Pastor in die Kirche zurücktrat, erhoben sich die Sitzenden und traten alle zum Taufbecken. Die Mutter sah den alten Pastor an, der auch sie einst getauft, dann eingesegnet und endlich getraut hatte, und wurde noch röter, und ihr frisches Gesicht strahlte und sie wollte gewiß sagen, daß er das Kind bewundern solle, wie groß es war und verständig, aber sie besann sich noch zu rechter Zeit, daß das unpassend gewesen wäre, und in ihrer Verlegenheit schoß ihr eine ganz feurige Welle über das Gesicht und machte einen Knicks vor dem geistlichen Herrn, wie es ihr früher beigebracht war, wenn sie auf dem Schlosse etwas der Herrschaft zu übergeben hatte, und reichte ihm das Kind. Der alte Mann lächelte freundlich, nahm es ihr ab, faßte ihm die Bäckchen und gab es der Großmutter, indem er der ganz verwirrt gewordenen Mutter zunickte.

Indem goß der Kantor das Wasser in das Taufbecken und prüfte mit dem Finger die Wärme, dann fand die Taufhandlung statt, bei der das Kind sich artig und ruhig hielt, dank der unermüdlichen Bewegungen der Großmutter, denn nur wie es die dreimalige Benetzung verspürte, schien es erstaunt und schlug die Augen über sich, und der Großvater, welcher der Stolzeste schien, rühmte es durch ein leises Wort dem Vater; am Ende kniete die Mutter nieder, und der Pfarrer erteilte ihr den Segen. Karl erwartete Hansen, denn er hatte ihm wichtiges zu sagen und wollte seine Seele erleichtern durch Erzählen. Schon seit etlicher Zeit hatten sich die beiden entfernt, unmerklich und ohne sichtbaren Grund, wie sich zwei Baumstämme trennen, die, im Meer treibend, einander gefunden hatten und zusammen dahinschwammen, eine lange Weile. Wenn sie sich trafen, hatten sie sich nichts zu sagen, trotzdem doch sonst der Jugend das Herz leicht überfließt von dem vielen Neuen, das durch Auge und Ohr hereinkommt und gebildet wird durch den schöpferischen Verstand, und deshalb sprachen sie Gespräche wieder, die sie vorzeiten geführt, wiederholten Worte, die damals lebten und nun tot waren, und wunderte sich im stillen ein jeder, wie wenig er zu sagen wußte. Aber heute war in Karl eine alte Liebe erwacht, und sein Herz sehnte sich nach einem teilnehmenden Gesellen. So feinfühlig sind wir, ohne daß wir es ahnen, daß das Fremde, das in uns gekommen, auf beiden Seiten wirkend, uns trennt; erst als seine Reue die Schuld hinauswarf, waren sie wieder zusammen wie vorher.

Karl erzählte aber von Johanna und seiner Liebe zu ihr, und wie er sich bisher nicht freimachen konnte, trotzdem er sich selbst verachten müsse, und er sehe klar, daß er immer niedriger und schlechter werde durch seine Zuneigung, heute aber habe er einen festen Entschluß gefaßt, daß er sich befreien wolle aus seiner Untertanschaft. Nicht so sprach er, wie hier mit abstrakten Worten geschrieben ist, sondern er redete als ein Halbwüchsling; und ein Mensch, der nicht weiß, welche Bedeutung die Handlungen des Menschen haben, hätte seine Erzählung für kindisch gehalten und sein ganzes Erlebnis. Aber das ist eine oberflächliche Meinung, die durch die äußere Gestaltung, welche einer Handlung Alter und Bildung und sonstige formgebende Dinge anziehen, sich bewegen läßt in ihrem Urteil, und einen sittlichen Kampf belächelt, weil er in dem siegfriedhaften Wesen eines unerfahrenen Gemütes vor sich geht und um Dinge, die einem Erwachsenen unbedeutend erscheinen, da doch solche Vorgänge wichtiger sind, weil sie auf die weitere Bildung des Charakters einwirken, wie scheinbar bedeutsame Ereignisse in späteren Jahren.

Es kann ja kein Mensch trösten, denn es gibt keinen Trost, außer den einen, den jeder schon weiß, daß wir Vergangenes nicht ändern können, aber in der bloßen Erzählung war ein Trost für Karl; denn indem er alles genau seinem Freunde schilderte, wußte er, daß er ein Zeichen von sich gab dessen, daß er nicht wieder zurückkehren würde zu dem, das zu verlassen er sich vorgenommen. So gelangte er ans Ende seiner Geschichte frohen Mutes, und auch Hans war fröhlich, und beide freuten sich einer neuen Freundschaft, die ihnen leuchtete wie ein Ährenfeld nach einem erquickenden Sommerregen, wenn die Sonne sich in tausend frischen Tropfen spiegelt und die Erde einen nahrhaften Geruch ausströmt, denn die Gedanken junger Leute laufen noch mit eiligen Kinderfüßen, und besonders laufen sie eilig vom Trüben zum Trostreichen. Aber wer zu urteilen wüßte über Menschen und Schicksale ahnen könnte aus ihrem Wesen, der hätte gesehen, daß Karl wohl guten Willen hatte und einer guten Leitung folgte; aber in seinem Innern war doch Zuchtlosigkeit und Schwäche, und auf irgendeine Weise mußte Schwäche einmal sein Schicksal entscheiden. Jetzt war es so, daß einmal und für einen flüchtigen Augenblick und unverstanden aus den grauenhaften Tiefen, die wir ja alle haben, in ihm der Gedanke auftauchte: er möchte Hansen töten; das war ein nichtiger Gedanke, wie uns tausende durch den Kopf gehen, ohne Folgen und selbst ohne Möglichkeiten von Folgen; es war nur ein leises Lebenszeichen des Bösen in ihm, das sich des Vertrauens schämte und Haß empfand gegen den Mitwisser der Schwäche.

Die beiden waren im Walde gegangen durch raschelndes Buchenlaub; wie sie zurückkehrten und zwischen den Bäumen hervortraten, standen sie oberhalb des Dörfchens, das sich lang das Tal in die Höhe dehnte; die Kirchenglocke läutete zur Beerdigung, und auf dem Kirchhofe predigte der Pastor vor einem offenen Grabe, an dem die Leidtragenden standen.

Der Verstorbene war ein recht unglücklicher Mensch gewesen; denn schon seine Eltern hatten im Armenhause gelebt und als leichtfertiges und träges Volk, und wie er noch ein ganz kleines Kind war, hatte ihn die Mutter einmal im Zorn auf die Erde geworfen, davon er sich die Hüfte verrenkt, und war ihm das Bein verdorrt, so daß er sich nur mit mühseligem Humpeln weiterschleppen konnte; hierdurch erhielt er den Namen Hinkeding. Wie er etwa sieben Jahre alt sein mochte, starben seine beiden Eltern, und die Gemeinde gab ihn dem Abdecker in Kost, der außerhalb des Dorfes lebte; bei dem hatte er es noch übler wie bei den rohen Eltern, denn er erhielt nur schlechte Nahrung und geringe Pflege und mußte trotz seines Gebrechens und seiner Jugend doch viel arbeiten, das er zwar willig tat. Die böse Dorfjugend beschimpfte ihn um diese Arbeit noch weiter und nannte ihn Wasenmeister, und mochte sich darum kein andres Kind mit ihm abgeben, auch hätten die Eltern es denen verboten, wenn sie es getan hätten. So wuchs Hinkeding roh und tückisch heran, nur mit dem alten Wasenmeister und seiner bösen Frau hatte er zu sprechen, die in schlechtem Rufe standen, außer ihrem ordentlichen Geschäft, daß sie allerhand Zauberei und Aberglauben treiben sollten. Beim Konfirmandenunterricht mußte er allein auf einer Bank sitzen, denn der damalige Pfarrer war zu schwach und unverständig, um dem Unwesen zu steuern, und nach den Stunden fielen oft die andern über ihn her und schlugen ihn, wiewohl er sich wehrte mit allen Mitteln, indem er trat und kratzte, und einmal zog er selbst ein Messer. Niemals durfte er auf den Tanzboden kommen, und auch die geringsten Mädchen wendeten sich von ihm mit Verachtung, denn selbst einer Gutsmagd uneheliche Tochter, die bei einem Bauern diente und ein Auge verloren durch einen Stich mit der Heugabel, mochte nicht mit ihm sprechen. In solchen Lebensverhältnissen hatte sich in ihm eine besondere Bosheit ausgebildet, daß er die Kinder erschreckte, indem er plötzlich eins faßte und ihm unheimliche Dinge sagte, die er vielleicht auch ausgeführt hätte, wenn er es gewagt, oder daß er den Mädchen bösartigen Schabernack antat, um den er dann wieder von den andern mit Grund gehaßt und verfolgt wurde. Später warf er sich darauf, allerhand Bücher zu lesen, die er bekommen konnte, denn wiewohl er in der Schule nichts gelernt hatte, weil in den Zeiten, wo er jung war, sich um solche Kinder niemand bekümmerte, wußte er sich allerhand Künste doch aus seinem eignen Geiste zu lehren und hatte auch ohne Anleitung das Lesen gelernt. Aus diesen Büchern kam ihm nun viel verwirrtes Zeug in seinen Verstand, denn er verschmähte einfache und schlichte Schriften, die er hätte verstehen können, sondern wollte Bescheid wissen, wie die Welt geschaffen, und weshalb das Böse in die Welt gekommen, und wie weit der Himmel von der Erde entfernt sei und solche Dinge, denn es hatte wohl seine arme, umdüsterte Seele ein Sehnen nach Gott und nach Gerechtigkeit; denn wenn auch die Liebe dem natürlichen Menschen nicht eigen ist, so hat er doch ein Streben nach Gerechtigkeit. Dergestalt kam er auf eigne Gedanken, daß es keinen Gott geben könne, weil da ein Stern war, dessen Licht erst nach viertausend Jahren zu uns kam, weil er so weit entfernt von der Erde war. Und bei dieser Meinung blieb er; wie er aber nichts weiter hatte, an das er sich halten konnte, so wurde er hochmütig auf seinen Verstand und verachtete alle andern Menschen und verhöhnte sie, und diese hinwiederum beharrten in ihrem alten Spott und Haß und vermehrten nur ihr Lachen, wie sie von seinen Ansichten merkten; und wenn er auch allen andern Spott fühlte, so spürte er hier doch nichts davon, daß sich die jungen Burschen über ihn lustig machten, wo sie ihn fragten, wie lang und breit der Himmel sei und ähnliches, sondern erklärte ihnen seine Meinungen, achtete gar nicht ihres Lachens, sondern hielt dieses wohl gar für Anerkennung und verhöhnte sie wegen ihrer Dummheit und Unbildung. Und so groß war sein Eifer, wenn er dergestalt lehren und sich rühmen konnte, daß er gar nicht merkte, wie er Hinkeding Wasenmeister genannt wurde, welche Namen ihn sonst zu heftigem Zorne bringen konnten.

Wie der jetzige Pfarrer seines Vaters Stelle erhalten, war es schon zu spät gewesen, noch auf den armen Menschen einzuwirken, denn die Bosheit war schon ganz unausrottbar in ihm gewurzelt, und seine Meinungen hatten sich so in ihm befestigt, daß sie nicht mehr vernichtet werden konnten. So war es mit ihm denn immer schlimmer geworden, daß er am Ende ein gefährlicher Mensch war, der nur durch ein Wunder noch kein schweres Unheil angerichtet, vielleicht weil ihn seine Unbehilflichkeit an vielem hinderte. Denn weil sein eignes Gemüt schlecht war, und weil gegen ihn alle Menschen sich schlecht gezeigt hatten, so bildete er sich die Gedanken, es gebe gar keine Güte im Menschen, und sei auch allen alles erlaubt, nur daß sich immer einer vor dem andern fürchte.

Dieser unglückliche Mann war nun im Hochalter gestorben; und wiewohl die Leute im Dorf gewollt hatten, daß er beigescharrt werde wie ein Tier, wegen seiner Lästerungen und Bosheiten, hatte der Pastor doch verlangt, daß er ehrbar geleitet wurde, und nun hielt er ihm selbst eine Predigt.

Jetzt stand der Mann vor Gottes Thron und wartete auf sein Urteil. Und sein Ankläger brachte ein großes Buch vor, in dem standen geschrieben die vielen Schmähungen und Lästerungen, Bosheiten und schamlose und niederträchtige Handlungen. Denn als eine im tiefsten Innern böse Person hatte er sich selbst an den unschuldigen Tieren und an jungen Bäumchen vergriffen. Aus bloßer Lust hatte er viele hundert junger Bäume abgeschnitten, die in Fröhlichkeit sich in der Frühlingsluft zu strecken gedachten, und Tiere hatte er nicht nur geworfen und geschlagen, sondern einmal hatte er einem jungen Hunde, der ihm treuherzig gefolgt war, ein Auge ausgestochen, und einem Pferde hatte er brennenden Schwamm unter den Schwanz gebunden. Nichts konnte sein Verteidiger erwidern, wie daß er erzählte von seiner elenden Kindheit und jämmerlichen Jugend, und daß er nur Schlechtes gesehen hatte in seinem Leben und nie Gutes ihm erwiesen war. Aber vor Gott gibt es keine Entschuldigung aus diesen Dingen, denn er sagt, daß er den Menschen eine reine Sonne an den Himmel gestellt hat, zu der sollen sie aufschauen. Da erzählte der Verteidiger zuletzt eine Geschichte, die einzige, die er hatte aufzeichnen können in seinem Buch.

Vor langen Jahren, der Mann war noch ein Jüngling gewesen, hatte er einmal an einem Raine unter einem Quitschenbaum gesessen und an einem hölzernen Löffel geschnitzt, denn er erhielt sich durch Anfertigung und Verkauf von allerhand Holzwaren. Da kam ein kleiner dreijähriger Junge zu ihm, dessen Eltern im Feld arbeiteten und durch einen geringen Hügel verdeckt waren, nannte ihn und bat, er solle ihm eine Pfeife machen; er konnte aber noch nicht alle Buchstaben sprechen, deshalb sagte er zu ihm Inkeding. Da sah Hinkeding das Kind an, stieg auf den Baum, der hoch war und glatt, schnitt ein passendes Reis ab und machte dem Kind eine Pfeife, indem er beim Klopfen das Liedchen sang, welches er selbst als Junge oft gehört, aber nie über seine Lippen gebracht hatte, weil er allein war und keine Pfeife haben mochte.

Er war noch ein Jüngling gewesen damals, und als er älter wurde, schnitt er die Bäumchen ab und stach dem kleinen Hund ein Auge aus; aber Gott sieht nicht in der Zeit wie wir, sondern ohne die Zeit; was wir Menschen auch tun sollten, wenn wir uns herausnehmen, in sittlichen Dingen zu urteilen; und weil er keine Seele von sich läßt, die auch nur eine Ahnung des Guten hat, denn er meint, daß durch Güte sich Güte vermehrt, was freilich nur für den Himmel paßt, und nicht für dieses irdische Gefängnis unsrer Seele hienieden, so nickte er dem Manne freundlich zu und nahm ihn auf in sein ewiges Leben.

In dem Augenblicke hatte der Pfarrer seine Rede am Grabe beendet, und der eine oder andre der Umstehenden nahm sich vor, er wolle künftig seinen Kindern verbieten, solche Menschen zu verspotten, und wolle ihnen selbst ein Beispiel geben. Und die beiden Jünglinge oben am Waldesrande, die auf den Gottesacker niedersahen, dachten, daß sie eben froh gewesen waren, und daß ein Mensch begraben wurde, der unglücklich gewesen in seinem ganzen Leben.

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