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Der schmale Weg zum Glück

Paul Ernst: Der schmale Weg zum Glück - Kapitel 4
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typefiction
authorPaul Ernst
titleDer schmale Weg zum Glück
publisherGeorg Müller
firstpub1901
year1919
correctorreuters@abc.de
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Der Großmutter war es den Winter hindurch schlecht gegangen; sie klagte über ihre Beine, daß die sie nicht mehr recht tragen wollten und fürchtete sich vor Zug; abends ging sie früher zu Bett wie sonst, und am andern Morgen erzählte sie, daß sie nicht habe schlafen können. Dafür geschah es, daß sie am Tage unversehens einschlief, wenn sie in ihrem Lehnstuhl am Ofen saß und strickte; das Strickzeug sank ihr in den Schoß, und sie wachte auch durch lautes Geräusch nicht auf. Man mußte aber tun, als ob keiner etwas merkte hiervon, sonst wurde sie böse; wenn sie die Augen wieder aufschlug, so sah sie sich um, ob jemand sie beobachtete, und dann nahm sie ihr Strickzeug vor das Gesicht.

Gegen den Frühling kam der Tischler, der die Fenster in Ordnung bringen sollte, denn deren unterer Riegel war faul geworden, und das Wasser lief auf die Fensterbank. Mit dem sprach die Großmutter über Särge, fragte, was die verschiedenen Arten kosteten, und wunderte sich, daß alles so teuer geworden war, und erkundigte sich genau nach der Haltbarkeit. Es zeigte sich, daß bei Särgen sehr viel Betrug unterlief, denn die Handwerker hatten keine Furcht vor Gott und keine Scham und glaubten, bei einem Begräbnis müßten sie mehr verdienen wie bei andern Arbeiten.

Als die Kraft der Sonne zunahm, stand sie oft am Fenster und sah, wie der Schnee in sich zusammensank, und dann kam Tauwind und Regenwetter, und in den Schlittenspuren auf der Landstraße schoß das Wasser bergab. Jetzt sagte die Großmutter oft: »Nun schlagen die Bäume bald aus«; sie dachte aber bei sich, wenn die Bäume ausschlügen, so würde sie sterben; auch sagte sie: »Die Schneeglöckchen erlebe ich noch.« Das sprach sie alles für sich hin, wenn sie allein in der Stube war oder nur der kleine Hans auf seinem Fußbänkchen still saß. Einmal faltete sie die Hände und sagte: »Des Menschen Leben währet siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, achtzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.«

Wie sie noch Kind war, hatten ihre Eltern sie in eine Sterbekasse eingekauft, und achtzig Jahre lang hatte sie ihre Pfennige gesteuert. Jetzt las sie viel in dem alten, abgegriffenen Quittungsbuch, in dem vorn die Satzungen der Kasse abgedruckt standen und hinten auf leeren Blättern so viele Jahre hindurch der Empfang des Beitrags bescheinigt wurde, sie las und rechnete für sich alle Kosten und Ausgaben zusammen.

Ein schöner Frühlingstag kam. Das Stubenfenster stand lange auf, und eine Frühlingsluft drang herein, eine frische und sonnenscheindurchtränkte. Draußen war es schon ganz trocken, und die kleinen Vögel machten allerhand Zwitschern, Pfeifen und Tirilieren; die Großmutter saß lange am Fenster und hatte diesmal gar keine Furcht vor der Erkältung. Dann sprach sie mit der Mutter wegen des Grabes ihres toten Mannes, das um diese Jahreszeit besorgt werden mußte, und endlich sagte sie, daß sie sich jetzt zu schwach fühle, um noch aufzubleiben; sie wolle sich legen; aber auf ihrer Kammer sei es ihr zu einsam; ihr Bett solle hier in der Stube aufgeschlagen werden, in der Ecke, wo ihr Lehnstuhl gestanden.

Die Mutter verspürte wohl, was sie meinte, und daß sie wußte, sie werde von diesem Lager nicht wieder aufstehen; so antwortete sie, daß heute abend, wenn der Mann zu Hause sei, alles so gemacht werden solle, wie die Großmutter es wünsche.

Das geschah auch, und nun war die Großmutter unten in der Stube im Bett; sie hatte viele Kopfkissen im Rücken, so daß sie halb saß; deshalb vermochte sie auch noch zu stricken wie früher. Wenn der Vater abends nach Hause kam, ging er erst zu ihr, gab ihr die Hand und sprach ein paar Worte. Es war, als sei sie jetzt viel wichtiger geworden wie vorher; die Mutter fragte sie um manches, davon sie ihr sonst nichts mitgeteilt, und recht oft erhielt sie ein besonderes Leckerbißlein, das die andern nicht bekamen.

Einmal rief die Großmutter die Mutter zu sich ans Bett. Die kam und fragte, was sei. Da sagte die Großmutter nach einer Pause: »Ich wollte dir nur sagen, daß du immer gut zu mir gewesen bist, so sind nicht alle jungen Frauen. Ich bin gewiß manchmal wunderlich gewesen, aber ich habe es immer gut gemeint.« Da sah Hans, wie seiner Mutter die Tränen kamen, daß sie die Schürze vor die Augen nahm und schnell fortging.

Dem kleinen Hans erzählte die Großmutter jetzt viel; und wiewohl er gern draußen war und mit dem schmelzenden Schnee spielte, Flüsse leiten und Dämme bauen, daß sich große Teiche bilden, und dann wieder Kanäle graben und Wasserfälle machen, so blieb er doch viel lieber in der Stube bei der Großmutter und hörte ihre Erzählungen aus der alten Zeit.

Sie sprach aber von ihrem Vaterhaus, das schilderte sie ganz genau von außen und innen und zählte die Stuben und Fenster und Türen, und die Öfen beschrieb sie, und die Treppe und die Haustür; und alles wurde prächtig und märchenhaft in ihrer Erinnerung. Dann sprach sie von der Wiese, und wie sie alle ins Heu gingen mit großen Hauben aus Kattun, und vom Garten erzählte sie und von den Obstbäumen; da war ein Apfelbaum, der trug Borsdorfer, solche Apfel gab es nicht mehr; und von Kirschen hatten ihre Eltern alle Sorten, und im Herbst, wenn die Abende länger wurden, dann holten sie immer eine große Schüssel Pflaumen vom Boden, die wurde auf den Tisch gesetzt. Der Urgroßvater war Silberbote gewesen, das war ein Bergmann, auf den man besondere Stücke hielt, der mußte zweimal in der Woche das ausgebrachte Barrensilber zur Münze bringen. Da ging er denn abends zum Herrn Bergrat, der packte die Barren in einen Tornister, den versiegelte er, dann kam er wieder nach Hause und verschloß den Tornister in seinem Koffer und nahm den Schlüssel in die Tasche; denn früh am andern Morgen um drei Uhr mußte er sich auf den Weg machen und acht Stunden weit gehen durch den dicken Wald: zur Winterzeit war oftmals der Weg verschneit und keine Trappe Bahn; dazu war damals der Wald noch gefährlich wegen der Wölfe, und in der Franzosenzeit gab es auch Räuber. Deshalb holte der Vater die Bibel und das Gesangbuch aus dem Schapp und las vor, ein Stück aus den Evangelien, von dem Mann, der unter die Räuber fiel, oder ein anderes, dann knieten alle nieder und beteten zum lieben Gott, daß er ihn beschützen möge, und am Ende sangen sie ein frommes Lied. Wenn die Kinder dann am andern Morgen aufwachten, so war der Vater schon lange auf dem Wege; und erst am Abend um neun kam er wieder mit dem leeren Felleisen und der Quittung, das mußte ein Kind beides gleich zum Herrn Bergrat bringen. Wenn es aber um die Zeit war, daß der Vater heimkehren mußte, so harrten alle in Angst, und oftmals gingen sie ihm entgegen, weil sie Furcht hatten, es möchte ihm etwas geschehen sein. Aber Gott hat ihn immer behütet, und er hat ein hohes Alter erreicht.

In diese Erzählungen mischte die Großmutter Mahnworte und fromme Reden, indem sie begann: »Und wenn ich tot bin, so vergiß nicht, was ich dir jetzt sage.« Sie erzählte aber, sie habe gefunden, daß in heutiger Zeit die Menschen mehr Angst hätten um ihr tägliches Brot wie früher und sich viele Sorge machten um Irdisches. Als sie ein Kind gewesen, haben die Menschen andre Gedanken gehabt; indessen sei es möglich, daß die Ursache der Sorgen in dem beschlossen sei, daß die Menschen heute nicht mehr so ordentlich und gut seien wie früher. Es sagt aber der Psalmist: »Ich bin jung gewesen und alt geworden und habe noch nie gesehen den Gerechten verlassen oder seinen Samen nach Brot gehen.« Diesen Satz gab sie dem kleinen Hans ganz besonders und schärfte ihn dem Kinde vielmals ein und fügte hinzu: »Strebet zuerst nach dem Reiche Gottes, so wird euch dieses alles zufallen,« und sagte nochmals: »Hieran denke, wenn ich tot bin, und vergiß nicht meine Worte.«

Weiter erzählte sie von ihrem Großvater, den sie noch gekannt als einen eisgrauen kleinen Mann, der schon ganz in die Erde gewachsen war. Der war weit in der Fremde herumgekommen als ein Bergmann, in Ungarn und Böhmen, aber dann wieder in die Heimat gekehrt mit seinem Ersparten und hatte das Haus gekauft und die Wiesen. Der las viel in einem alten Buche, das hieß die »Insel Felsenburg«, darin waren Lebensbeschreibungen von allerhand Menschen und merkwürdige Schicksale, Reisen und Schiffbrüche, bis alle endlich zusammenwohnten auf einer einsamen Insel im Meer, wo sie in Ehrbarkeit und Sitte lebten, sich freiten und Kinder kriegten und die Insel bevölkerten. Sie, die Großmutter, hatte er am liebsten, die damals noch ein kleines Mädchen war und zu seinen Füßen saß auf dem Fußbänklein, »gerade wie du, mein lieber Hans. So vergehen die Jahre, und die Menschen werden groß, und die Alten sterben, und junge kommen auf, und ist mir, als sei es gestern gewesen, daß ich aufhorchte, wie er mir erzählte von den Silbergruben in Ungarn und von den großen Meerschiffen. Und ist zu denken, daß auch mein Großvater dereinst als kleines Kind aufgeschaut hat zu seinem Ahn, und geht die Reihe der Geschlechter fort durch die Jahrhunderte, und auch du, mein liebes Kind, wirst einst Kinder haben, und Enkel werden zu deinen Füßen sitzen und du wirst denken: ›War es nicht gestern, daß ich hörte, wie die Großmutter mir erzählte?‹ Aber dann werde ich schon lange in der Erde liegen neben deinem Großvater, der so jung hat sterben müssen, daß er deinen Vater nicht mehr gesehen hat, und habe ich an fünfzig Jahre die Stelle betrachtet, wo ich einstens neben ihm liegen werde.«

Der kleine Hans saß still und horchte auf der Großmutter Worte. Noch verstand er nicht, was sie meinte, denn ein Kind kennt nur den Tag und ist wie ein Schmetterling in der Sonne, der nichts weiß von gestern und morgen; aber er verschloß ihre Reden treu in seiner Seele, und später haben die ihn getröstet und beschützt, als er keinen Trost von Menschen hatte und keinen Schutz. Auch sagte die Großmutter: »Du bist zwar noch ein Kind, aber du sollst doch schon jetzt wissen, was du sonst später erfahren hättest, denn du bist ja mein Blut und meines lieben Mannes. Deshalb will ich dir erzählen, wie ich und dein Großvater uns lieb gewonnen haben; denn auch du wirst einmal ein Mädchen liebgewinnen und heiraten.«

Die alte Großmutter, die jetzt mit ihren achtzig Jahren strack in ihrem Bette saß, mit schneeweißem und glattem Scheitel, die Augen nach vorwärts gerichtet in ein neues Land, war einst ein junges Mädchen gewesen, hochgewachsen und schlank wie ein Tannenbaum, mit gelbem Ringelhaar und lustigen blauen Augen. Da sie so schön war und ihre Eltern eingesessene Leute, die ein Stück vor sich gebracht hatten, so fehlte es ihr nicht an Bewerbern. Nach der Art der jungen und unerfahrenen Dinger, die nicht wissen, wie das Leben ein gar schweres Wesen ist, erschien ihr das als ein Scherz und Spiel und vermeinte, sie dürfe stolz sein auf solche Menge der Freier, und äußerte den Stolz in allerhand Mutwillen, den sie mit ihnen trieb aus Gedankenlosigkeit; denn sie hatte noch nicht erfahren, was Liebe ist. Ganz besonders war ihr aber zugetan der junge Jägerbursche, der später ihr Mann werden sollte, der war ihr indessen zu ernsthaft, wiewohl ihre Eltern es gern sahen, daß er sich um sie bewarb. An einem Abend ging er mit ihr zusammen einen Weg nach dem Dorfe zu, und wie sie auf der Anhöhe standen und unter sich die Lichter blinken sahen, sprach er zu ihr, daß er sie lieb habe, und wenn sie wolle, so werde er sie heimführen als seine Frau und sie lieben und ehren, wenn sie ihn lieben und ihm gehorsamen wolle; aber er sei noch nicht angestellt, und es sei recht möglich, daß sie ein paar Jahre warten müßte, bis sie heiraten könnten.

Auf dieses erwiderte sie schnippisch, denn sein ernster Ton hatte sie verdrossen, und daß er sprach von Gehorsamen. Sie sagte aber, daß sie einen Mann nicht nehmen möge, der schwarzhaarig sei, sondern sie wolle einen Blonden; und zudem begehrten sie so viele zur Frau, daß sie nicht nötig habe, zehn Jahre zu warten als Braut, sondern wenn sie wolle, so könne sie schon übers Jahr heiraten. Da sagte er, sie spreche wie ein unverständiges Kind, und vielleicht sei sie auch noch zu jung, um schon eine rechte Meinung in solcher ernsten Sache zu haben. Aber ihre leichte Art habe ihn sehr gekränkt, und deshalb bitte er, sie wolle denken, seine Worte seien ungesprochen. Aber wenn er sie nicht zur Frau bekommen könne, weil sie ja nicht wolle und auch er ein so gedankenloses Wesen nicht in sein Haus führen möge, so solle sie doch immer auf ihn rechnen, weil er sie trotz allem lieb habe, denn die Liebe kehrt sich nicht an die Vernunft, ja sie streitet mit ihr. Es sei aber sehr möglich, daß sie später einmal seine Hilfe irgendwie gebrauchen könne; und auch einen Groll wollten sie nicht aufeinander behalten. Dieses stieß ihr wieder an die Krone, so daß sie noch törichter antwortete und ihn gänzlich von sich abwies.

»Aber merke dir, mein liebes Kind«, sprach sie von ihrem Bett zu dem kleinen Hans, der vor ihr saß, »wir Frauen sind andern Wesens wie die Männer; und wenn du nicht vergißt, was ich dir jetzt erzähle, so sparst du dir später viel Herzeleid und Kummer. Vorher habe ich deinen Großvater nicht lieb gehabt, aber wie ich ihm so leichtfertig antwortete, und er war ernst und streng, aber zugleich doch gut zu mir, da kam plötzlich die Liebe zu ihm in mein Herz. Nur daß mich die Schamhaftigkeit hinderte, ihm davon zu sagen; ja es war, als triebe es mich, ihn jetzt gerade zu kränken. Das merke dir, denn wir Frauen sind ein schwaches Geschlecht, und die Männer sind stärker als wir und gerader.«

So geschah es, daß sie einen andern Bewerber offenkundig bevorzugte, einen Bergmann, der lustig die Zither zu schlagen verstand und Lieder sang und fröhliche Streiche anzustellen wußte. Mit dem lachte sie viel, und es war ihr lieb, wie sie sah, daß der andere finster wurde, wenn er sie mit ihm erblickte. Und einmal ging sie denselben Weg mit diesem, den sie vorher mit dem andern gegangen, und sprachen ähnliche Gespräche zusammen, und kamen an dieselbe Stelle auf der Höhe, wo das Dorf unter ihnen lag mit seinen hellen Fenstern. Da fragte er sie, ob sie ihn lieb haben wollte, und zugleich umfaßte er sie und wollte sie küssen. Wie sie aber seinen Arm verspürte, tat sie einen Schrei und lief fort, hinab ins Dorf und kam unten an in großer Angst, wiewohl sie nicht kindisch war und schon einmal sich mit einem andern herzhaft abgeküßt hatte, welches jedoch gewesen war, ehe der Jägerbursche mit ihr gesprochen.

Von der Zeit war sie verändert und wurde ernster, tanzte nicht und lachte nicht mehr mit den jungen Leuten, und kamen wohl mehrere Freier, aber sie wies alle ab. So ging es drei oder vier Jahre. Da begann sich Hansens Großvater wieder langsam an sie zu machen; er besuchte ihre Eltern am Sonntagnachmittag, spielte mit ihren jüngeren Geschwistern und sprach mit ihr selbst viel. Von seinen damaligen Worten redeten sie nicht wieder, aber sie wußten beide, auch ohne daß sie es sich sagten, daß sie jetzt verlobt seien, und daß sie warten wollten mit dem Heiraten bis er eine Anstellung habe. »Und siehst du«, sprach die Großmutter zu dem Enkel, »das danke ich deinem Großvater noch heute, daß er nie wieder von dem Früheren gesprochen hat, obwohl er hätte über mich triumphieren können, denn ich hätte schweigen müssen, wenn er gespottet. Aber dein Großvater war ein Mann, wie er sein muß, er war hart und ernst, aber er war auch mild und gut. Dein Vater ist auch so geworden, und du mußt dir Mühe geben, daß du ihnen nachschlägst.« Da sagte Hans: »Ja, Großmutter, das will ich.« Und die Großmutter mit ihren Augen, die schon über das Grab hinaus suchten, schwieg eine lange Weile; sie dachte an ihren Mann, den sie nur wenige Wochen gehabt und über ein halb Jahrhundert betrauert hatte, und daß sie ihn bald wiedersehen werde; das machte ihr eine sonderbare Freude und heftiges Heimweh.

In Hans war eine wunderliche Ernsthaftigkeit, und in sein Wesen kam eine größere Reife durch diese Gespräche, wie seinem Alter gewöhnlich ist; in aller sonstigen Erfahrung aber blieb er kindlich und unwissend, und wurde seine Erziehung gerade entgegengesetzt, wie die Erziehung heute gewöhnlich ist, da die Kinder viel Fremdes sehen und manches Neue erfahren, früh Furcht und Achtung verlieren und gewitzt werden; dabei aber in ihr Wesen keinen Ernst bekommen und oft noch im wesentlichen kindisch bleiben, wenn sie schon Männer sein sollten.

In der Küche saß Dorrel, Kartoffeln schälend, mit einem bekümmerten Antlitz. Hans setzte sich ihr gegenüber. Wie sie ihn ansah, stand sie auf, stellte ihre Schüssel ab und rumorte an den Herdringen. Sie wollte aber verbergen, daß sie weinte. Hans fragte: »Weshalb weinst du?« Da antwortete Dorret nach vielem Drängen, sie weine um die Großmutter, daß die nun im Sterben liege.

Hans wiegte den Kopf, dann sagte er: »Darüber muß man nicht weinen. Wir müssen alle sterben, und das wissen wir. Die Großmutter aber ist eine alte Frau, die in ihre Jahre gekommen ist; sie hat keine Sorge hinter sich, sondern weiß, daß sie meine Eltern in guter Ordnung verläßt; dazu leidet sie keinerlei Schmerzen, sondern ihr Leben lischt aus wie ein Licht. Deshalb hat sie selbst auch nicht Kummer über ihren Tod, vielmehr freut sie sich, weil sie jetzt wieder mit dem Großvater zusammenkommt.« Dorrel hörte diesen Worten mit großer Verwunderung zu und bekam eine sonderliche neue Achtung vor Hans, die sie bis dahin noch nicht gespürt. Deshalb sagte sie nach einer Weile: »Wenn du es so nimmst, so hast du recht, aber ich weine um meinetwillen, denn sie ist mir immer eine gute Frau gewesen, und ich habe sie lieb.«

Hiernach war Hans wieder eine Weile nachdenklich, dann sprach er: »Ich habe sie auch lieb, aber ich bin nicht traurig und will auch nicht weinen.«

Dorrel mußte auf den Boden gehen, um Räucherware zum Abendbrot aus der Rauchkammer zu holen. Sie bedachte sich, wie sie es machen sollte, damit sie nicht allein war. Endlich befahl sie dem kleinen Hans, daß der die Laterne tragen mußte; sie ging hinter ihm her mit Furcht. Als sie oben waren, merkte Hans, daß sie Angst hatte; und weil er nicht wußte, welches der Grund sein konnte, fragte er sie. Sie sagte ihm, sie fürchte sich, weil ein Sterbendes im Hause sei. Da wurde er wieder nachdenklich und schüttelte endlich den Kopf über sie, aber er sagte nichts mehr. Indessen hatte er von nun an das Gefühl verloren, daß Dorrel als eine Erwachsene über ihm stehe, und empfand sie nur noch als eine Gleichgestellte, ja als eine solche, die er unter Umständen beschützen dürfe; und Dorrel ging ohne Klarheit auf dieses veränderte Verhältnis ein. Ihm selbst war auch nicht bewußt, worin der Grund lag, nämlich daß Dorrel in Dumpfheit und unwissender Furcht befangen war und nur nach Trieben lebte, die sie nicht verstand: er selbst aber lebte schon zu einem Teil in Helligkeit und klarem Denken und Prüfen.

Eine Zeit der Dumpfheit und unwissenden Furcht kam für ihn später, als in der Großstadt das Fremde und Neue auf ihn einstürmte, das er nicht fassen und verarbeiten konnte; und wie es gerade schien, daß er in diesem Meer der Finsternis versinken müsse, da sollte ihm von der armen Magd ein helles Licht kommen, das ihm das Ufer wies und den Berg, darauf er zu neuer Helligkeit emporsteigen konnte.

Der Großmutter Zustand wurde immer schlechter; sie schlief des Nachts sehr unruhig und hatte Atembeschwerden. Daß jemand bei ihr wachte, wollte sie nicht; aber die Mutter schlich des Nachts mehrmals leise die Treppe hinunter und horchte an der Stubentür. Der kleine Hans brachte ihr die ersten Schneeglöckchen an ihr Bett; die sah sie lange mit glänzenden Augen an, dann stellte sie die Blümchen in ihr Wasserglas, das neben ihr stand. »Nun geht es bald zu Ende,« sagte sie zur Mutter, »und für euch ist das auch eine Erlösung.«

In den letzten Tagen sagte der Förster, er wolle nachts auf dem Sofa schlafen, damit jemand bei ihr sei. Aber sie erwiderte, er müsse früh aufstehen und in seinen Dienst gehen, da müsse er ordentlich ruhen, und die Mutter solle bei ihr bleiben, wenn sie es nötig finde; freilich sei sie eine alte Frau, deren Zeit abgelaufen sei, und halte es nicht für richtig, daß so großer Umstand um sie gemacht werde.

So brachte die Mutter abends ihre Betten herunter. Und in einer Nacht richtete sich die Ahne plötzlich strack auf und rief: »Anna, wie ist mir denn?« Dann begriff sie, daß das der Tod war, der zu ihr kam. Da sagte sie: »Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geist.« Die Mutter war zu ihr geeilt und hielt sie aufrecht; wie die Ahne diese Worte gesprochen, fühlte sie plötzlich, daß der Körper ihr schwer wurde in den Armen. Leise legte sie die Gestorbene zurück auf das Kissen, drückte ihr die Augen zu und faltete ihr die Hände über der Brust.

Dann war viel Laufen und Besorgen, wie das bei Sterbefällen so ist. Der Tischler kam wegen des Sarges, und allerhand Umstände mußten gemacht werden.

Die Gestorbene lag still und ernst da. Sie war sehr schön geworden im Tode; ein freies, offenes und stolzes Gesicht hatte sie wie eine Fürstin, und nichts Kleinliches oder Furchtsames war da zu sehen. Denn der Tod gibt jedem Menschen die Würde, die ihm gebührt; wenn die Muskeln erschlaffen, die unserm Gesicht den zufälligen Ausdruck verursachen, den es zwischen den Menschen hat, so treten die Knochen und Sehnen hervor, die seine Grundlage bilden; wer ein Bettler war, sieht dann aus wie ein Bettler, und habe er im Leben auch eine königliche Figur gehabt, und ein tüchtiger und freier Mensch bekommt ein stolzes und vornehmes Aussehen. Da zeigt es sich, daß alles äußere Geschick nur Zufall ist, unsre Figur und unser Wandeln unter den Menschen ein täuschender Schein; und unser wahres Leben, das wir in der unbekannten wahren Welt geführt, gibt hier ein sonderliches Zeichen von sich.

Wie der Tischler mit seinem Gesellen den Sarg gebracht hatte, legte der Vater mit dem Meister die Tote hinein und setzte ihr den vertrockneten Myrtenkranz auf und tat ihr den Brautschleier um, den sie vor fünfzig Jahren getragen und sorgsam aufbewahrt hatte, denn so wollte sie vor ihrem lieben Mann erscheinen, an den sie ein halbes Jahrhundert gedacht hatte, jeden Tag; und für dieses Andenken hatte sie ihren Sohn erzogen, bis er ein stattlicher Mann geworden, und dann den Enkel, der zwar nach seinem äußeren Wesen in ihre eigne Art schlug, nach seinem Innern aber ein Werther war. Wie das geschehen war, bekamen der Tischler und sein Geselle ein Frühstück, nach alter Sitte, aßen und tranken mit Bescheidenheit und lobten das Essen. Hierüber empfand Hans einen heftigen Haß gegen sie, in der Art wie damals gegen den jungen Grafen, und hätte sich auf sie stürzen mögen.

Ein Junge von den Holzarbeitern, die unweit des Forsthauses wohnten, war in Hansens Alter, und deshalb hatte der manches mit ihm gemein, wiewohl keine eigentliche Freundschaft zwischen den beiden bestand. Den fragte er, ob er solche Gefühle auch habe; denn seinen Vater zu befragen, wagte er nicht, aus einer gewissen Scheu vor dem Erwachsenen. Der grinste und schüttelte den Kopf und wußte nicht, was Hans meinte. Nach längerem Überlegen kam er auf die Vorstellung, daß er auf diese Geständnisse und Fragen hin ihn hänseln könne. Aber wie er mit solcher Absicht anfing, trat ihm Hans gleich mit geballter Faust entgegen, und wiewohl der Junge viel stärker war wie Hans, wurde er da doch in Angst versetzt und entschuldigte sich, er habe nichts sagen wollen. Hans ärgerte sich und drehte ihm den Rücken.

Der Junge lief ihm nach und liebedienerte. Er sprach von einem Vogelnest, das er gefunden und für Hans aufgehoben habe; Hans erwiderte, daß er das Nest in Ruhe lassen solle. Dann wies er ihm eine Handvoll Murmeln, die er ihm schenken wollte; aber Hans schlug alles aus und ging weg.

Er hatte aber eine Sehnsucht danach, recht fröhlich zu sein, obwohl doch seine Großmutter gestorben war, die er sehr lieb gehabt; und weil er niemand fand, mit dem er hätte fröhlich sein können, so ging er traurig, niedergeschlagen und gereizt umher.

Wenn wir das Leben eines Menschen betrachten, soweit es betrachtenswert ist, also seine Bildung, so kann es uns einmal so scheinen, als stelle es eine zusammenhanglose Reihe von Zufällen dar; in andrer Geistesverfassung erblicken wir in demselben Leben ganz deutlich eine planmäßige Führung durch Gott; und wiederum mögen wir einen unbeirrbaren Trieb sehen, der diesen Einzelnen durch die wirre Umwelt mit untrüglicher Sicherheit vorwärtsstieß, daß er durch diese Kraft sich das aneignete, das andre zur Seite ließ; endlich ist sogar eine bewußte Gestaltung des Lebens durch den Willen des betreffenden Menschen zu finden. Wer hätte nicht, wenn er über die Schicksale von Menschen nachdachte, schon diese merkwürdige Entdeckung gemacht, daß man von derselben Sache als derselbe Mensch vier so ganz verschiedene Meinungen haben kann!

Ein solches inneres Erlebnis, wie der Haß gegen manche Menschen und das unbestimmte Gefühl gegen den andern Jungen, ist gewiß sehr wichtig für die Bildung. Aber wie soll man es deuten? Es ist wohl am besten, die Deutung ganz zu lassen.

Zur Schule ging Hans ins Dorf, etwa eine Viertelstunde den Berg hinunter. Ein Wässerlein rann aus dem Walde hinab auf dem Grunde eines langen und schmalen Tales; an diesem entlang waren die Häuser gebaut, und die Felder zogen sich in schmalen Streifen zu beiden Seiten den Berg in die Höhe. Sehr beschwerlich war das Pflügen auf diesen abhängigen Feldern, und am schwersten war es, den Dung hinaufzuschaffen; deshalb sahen die Leute alle verarbeitet aus und waren auch arm, aber sie hatten einen unverdrossenen Mut. In der Jugend lebte damals ein unruhiger Geist, denn die, welche gedient hatten und das leichte Leben draußen gesehen, litt es nicht mehr zu Hause; dadurch kam viel Unfriede in die Familien, weil die Alten nichts von der Fremde hielten und wollten, daß die Jungen zu Hause blieben.

Kirche, Pfarrhaus und Schulhaus waren ebensolche hölzernen und unscheinbaren Gebäudlein wie die Bauernhäuser; nur daß in der Pfarre alle Fenster mit Blumenstöcken besetzt standen und vor der Schule sich ein schmales Gärtchen mit blühenden Stauden und Sträuchern hinzog. Der Lehrer war ein alter hagerer Mann mit rasiertem Gesicht und mit straffem weißem Haar und leuchtenden Augen, und hatte eine aufrechte Haltung. Wenn er auf dem Katheder saß in seinem schwarzen Rock vor der weißgetünchten Wand, so sah Hans einen Heiligenschein um seinen Kopf glänzen, von welchem Gesicht er jedoch zu niemand sprach. Am schönsten war die Schule in den dämmerigen Winterstunden, wenn biblische Geschichte erzählt wurde, solche, wie der Engel des Herrn zu Abraham kam und zu seinem Weibe Sara. Und sprach Abraham: »Herr, habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so gehe nicht vor deinem Knechte über. Man soll Euch ein wenig Wasser bringen und Eure Füße waschen, und lehnet Euch unter den Baum.« Und eilte in die Hütte zu Sara und sprach: »Eile und menge drei Maß Semmelmehl, knete und backe Kuchen«, und lief zu den Rindern und holete ein zart gut Kalb und gab es dem Knaben; der eilete und bereitete es zu. Und er trug auf Butter und Milch, und von dem Kalbe, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor, und traten sie unter den Baum, und sie aßen. Da sprachen sie zu ihm: »Wo ist dein Weib Sara?« Er antwortete: »Drinnen in der Hütte.« Da sprach er: »Ich will wieder zu dir kommen, so ich lebe, siehe, so soll Sara dein Weib, einen Sohn haben.« Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür der Hütte. Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und wohl betagt, also, daß es Sara nicht mehr ging nach der Weiber Weise. Darum lachte sie bei sich selbst. Da sprach der Herr zu Abraham: »Warum lacht die Sara und spricht: Meinst du, daß es wahr sei, daß ich noch gebären werde, so ich doch alt bin? Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich zu dir kommen, so ich lebe, so soll Sara einen Sohn haben.« Da leugnete Sara und sprach: »Ich habe nicht gelacht«, denn sie fürchtete sich. Er aber sprach: »Es ist nicht also, denn du hast gelacht.«

Bei solchen Geschichten hörten alle still, wie der Lehrer erzählte, und keines rührte sich, und die Dämmerung nahm zu in der Schulstube. Hans wußte alle diese Geschichten auswendig, Wort für Wort, weil er so viel in der Bibel las, und darüber lobte ihn der Lehrer oft. Auch im Lesen und Schreiben war er der erste, nur im Rechnen ging es bei ihm immer schlecht, und in der Erdkunde.

In des Lehrers Garten stand ein Bienenhaus mit vielen Kasten voll Bienen, zu denen hatte Hans eine besondere Liebe. Wenn er die Erlaubnis bekam, so setzte er die Mütze auf, damit nicht ein Bienchen, sich in seinem Haar verwirrend, böse würde, und hockte auf die Erde nieder neben den Fluglöchern und sah zu, wie die Bienen eilig herauskamen aus dem Dunkeln und an den Rand des Flugbrettes liefen und sich in die Lüfte ließen, und wie die beladenen Arbeiterinnen zurückkehrten und schwer auf dem Brettchen niederflogen und langsam in den Stock zurückgingen, Honig und Blütenstaub dort abzulegen. Wenn ein rechter Arbeitstag war und die Sonne schien warm, und vom Grasgarten her duftete der Klee, so war ein wunderbares Gesumm in der Luft, dann hätte er stundenlang zuhören mögen; voll mit fleißigen Bienen waren die Flugbrettchen besetzt, und die Wachtposten untersuchten eine jede, ehe sie in den Stock durfte, und ein Lichtstrahl fiel in das Dunkel des Kastens, in dem war gleichfalls ein Summen und Tosen von fleißiger Arbeit. So saß Hans neben den Fluglöchern, und mit unbestimmten Träumereien dachte er an das Fliegen in der funkelnden und blitzenden Luft und stellte sich vor, wie es sein müßte, wenn er selbst so klein wäre und so flöge, wie unendlich groß und weit ihm dann alles erschiene, und wie die ganze Welt anders wäre; und ein sonderliches Behagen überkam ihn durch Sonnenschein, Bienensummen und Kleeduft.

Der Lehrer hatte ein Buch, darin waren alle Tiere abgebildet. Da war der Löwe, der Tiger, der Affe, und dann die Meerungeheuer, der Hammerfisch, der Sägefisch, der Walfisch; da war gezeichnet, wie die Menschen in einem kleinen Boot zu dem Walfisch heranrudern und die Harpune auf ihn schleudern; das war grausig anzusehen, wenn man dieses kleine Boot verglich mit dem ungeheuren Walfisch. Ach, so weit war die Welt, so weit! Unter den Bergen dehnte sich das flache Land hin mit großen Städten, Flüsse zogen, und das weite Meer war da und Inseln und andre Erdteile; hier aber war ein enges Tal, auf dessen Grund ein Wässerlein plätscherte, in dem wohnten Menschen, und er selbst, Hans Werther, wohnte oben, im Wald; aber noch höhere Berge gab es, über seines Vaters Hause, von denen man weit sehen konnte; das Forsthaus aber stand inmitten der Tannen und hatte keinen Ausblick.

Die Stunden beim Pastor hatte Hans gemeinsam mit Karl Gleichen, des Pastors Schwestersohn, den der alte Mann zu sich genommen.

Karl Gleichens Eltern waren schon lange tot, nach einem traurigen und schmerzenreichen Leben.

Der Pastor hatte mit einer Schwester zusammengewohnt, die war dreißig Jahre jünger wie er, welcher der älteste von den Geschwistern gewesen, und ein wahres Nesthäkchen, das geboren wurde, als zwei der Geschwister schon verlobt waren. Von allen der ganzen Familie wurde sie verhätschelt und verzogen, und sie hatte auch eine schwache Gesundheit; am meisten aber liebte sie der Älteste, der sie auch zu sich nahm, wie die Eltern starben, da sie eben aus den Kinderjahren gewachsen; er erzog sie völlig, wie er es verstand, als ein guter, wunderlicher und unbeweibter Mann, und sie befahl ihm und führte seine Wirtschaft. Ein reizendes Mädchen war sie gewesen, immer fröhlich und zwitschernd, wie Milch und Blut war ihr Gesicht, und die schwere Last ihres Haares leuchtete gelb wie reifer Roggen. Und am besten stand ihr, daß sie so ein verzogenes Kind war, dem alles immer nach Wunsch gegangen, und sie wußte das auch, daß ihr das stand, und daß die Leute sich über sie freuten. Dazu hatte sie seltene Gaben in ihrem zierlichen Körperchen, das so recht war wie eine wehende Flocke; zu Weihnachten und zu den Geburtstagen dichtete sie niedliche und zarte Verschen, welche sie die kleinen Kinder im Dorf lehrte, daß sie bei einer gemeinsamen Aufführung sie im Pfarrhause aufzusagen wußten; einmal hatte sie zwei ganz Kleine als Lämmer verkleidet, die nur mit ihren Schwänzchen wackelten, weil sie noch nichts sagen konnten. Nun wohnte im Nachbarstädtchen eine Predigerswitwe, ein beständig klagendes und sich sorgendes armes Mütterchen. Die hatte einen einzigen Sohn, der ungeraten war und schon auf der Schule nicht hatte guttun wollen, sondern entlaufen war, und hatte sich als Schiffsjunge annehmen lassen. Wie es ihm aber auf der See nicht schmecken wollte, so war er bald in abgerissenem Zustand zu seiner Mutter zurückgekommen, und da gab sie ihn nach vielen Ratschlägen in ein Bankgeschäft zur Lehre, aber nach einem halben Jahre mußte sie einen großen Schaden vergüten, den der Junge angerichtet hatte, und erhielt den dazu wieder zurück. Nach diesem trieb sich der eine Weile in dem Städtchen herum, dann war er plötzlich verschwunden; und am Ende, nach Jahren, kriegte die Mutter einen Brief von ihm aus Amerika, daß er in einer großen Stadt als Kaufmann lebe und zu guten Verhältnissen gekommen sei; dann kam er selbst auch zum Besuch seiner Mutter, als ein hochgewachsener Mann mit blondem Kinnbart, der einen grauen Zylinder trug. Er sah nicht gerade wohlhabend aus, aber auch nicht armselig, und wenn er zwar wohl viel log und aufschnitt, so glaubten die Leute doch, daß er sich gebessert habe und zu derjenigen Ehrbarkeit gekommen sei, die einem solchen erreichbar werde. Es stellte sich auch heraus, daß er drüben Soldat gewesen war und in einem Indianergefecht einen Schuß durch die Hand bekommen hatte, wofür er jeden Monat eine Pension bezog. Wie es sich mit seinen eigentlichen Geschäften verhielt, wurde nicht recht klar, indem er erklärte, die Verhältnisse seien drüben anders, und sein Geschäftszweig, der eine Art Vertretung auswärtiger Häuser sei, könne nur jemandem erklärt werden, der wie er in der Welt herumgekommen sei und nicht immer zu Hause gesessen habe.

Dieser Mann lernte des Pfarrers Schwester, die Friederike hieß, bei einem winterlichen Tanzvergnügen in der kleinen Stadt kennen und faßte gleich eine heftige Zuneigung zu dem Mädchen; und da er selbst auch etwas ganz Absonderliches war, und vornehmlich weil er einen bösen Ruf hatte, so erwiderte diese die Zuneigung in kurzer Zeit und ohne daß er viele Mühe aufwenden mußte. Dem guten Pastor wurde wohl hinterbracht, daß die zwei Heimlichkeiten miteinander hatten; aber der lachte bloß und sagte, die Friederike sei ein Kind, und er kenne sie besser wie alle andern. Indessen ließ den Amerikaner sein böses Blut nichts auf ordentlichem Wege betreiben, und deshalb ging er nicht zum Bruder, wie es sich gehörte, ihm seine Pläne und Verhältnisse mitzuteilen, sondern er beredete die kleine Friederike, daß sie mit ihm heimlich entfloh, bis sie beide nach Hamburg kamen; und wie sie inzwischen Besinnung erlangte, so schrieb sie von da einen traurigen Brief an den Pastor, bat ihn um Verzeihung für das Leid, das sie ihm zugefügt, und gab als einzige Entschuldigung an, wie er ihr die Flucht vorgeschlagen habe, da sei es ihr gewesen, als ob sie ihm folgen müsse, und über nichts habe sie mehr nachdenken können, was solche Flucht denn bedeute und nach sich ziehe. Der gute Bruder reiste gleich und traf die beiden auch in der großen Stadt, wie sie auf ihr Schiff warteten. Da hatte er mit dem Amerikaner eine Unterredung, wie es nun mit ihm und Friederike werden solle, und zeigte sich, daß der Mensch gar nichts hatte, wovon er selbst und seine künftige Frau leben konnten, denn er war als ein Habenichts auf dem Zwischendeck nach Deutschland zurückgekommen, und jetzt lebte er von dem, was er von seiner Mutter mitgenommen, die ihm hatte sein geringes Erbteil auszahlen müssen. Er entschuldigte sich aber, indem er sagte, nachdem ihn das Schicksal als einen armen Menschen in die Welt geworfen, dürfe ihm doch niemand Vorwürfe machen, wenn er wenigstens Liebe begehre, auf die doch jeder Mensch Anspruch habe. Dem frommen und treuherzigen Pastor war es recht schwer, sich in die Geistesverfassung des andern hineinzudenken, indessen er fand, daß er selbstsüchtig sei, wie er aber das Friederike sagte und sie mit Tränen in den Augen bat, sie solle mit ihm zurückkehren, wurde die gekränkt über den geringen Vorwurf, den er dem Amerikaner machte, und sagte, wenn ihr Liebster arm und unglücklich sei, so sei ihr Platz erst recht an seiner Seite, und sie wolle ihm schon helfen und ihn fördern. Dergestalt erreichte der treue Bruder nichts, außer daß er sie wenigstens noch vor ihrer Abreise nach Amerika trauen durfte, nachdem sie sich vor dem Standesamt zusammengetan hatten.

Es verging nur eine ganz geringe Zeit, da kam aus Amerika ein schmerzensreicher Brief von der armen Friederike, und machte sich der Pastor wieder auf, fuhr selbst über das Wasser und holte sein Schwesterchen nach Hause, denn jetzt folgte sie ihm willig. Sie sah krank aus, wie sie kam, mit hohlen Backen und ungesund glänzenden Augen, die Haare trug sie kurz, denn ihre schönen Zöpfe hatte ihr der schlechte Mensch abgeschnitten und verkauft. Bald gab sie einem Kinde das Leben, einem gesunden und starken Jungen, der gleich recht unbändig schrie, aber von dem Kinde erholte sie sich nicht wieder, und nach einigen Monaten starb sie in gänzlicher Erschöpfung aller Lebenskräfte; wie sie im Letzten lag, rief sie in Liebe und Sehnsucht immer nach ihrem bösen Mann und bat, er solle ihr verzeihen, sie habe ihn lieb gehabt. Den Jungen behielt der Pastor und zog ihn auf, in Liebe nach Spuren von seiner Mutter Wesen in ihm suchend, und in Furcht, daß seines Vaters Art auf ihn vererbt sein könne. Dieser Junge war Karl Gleichen, der mit Hans zusammen in des Pastors Studierstube saß und die Anfänge des Lateins lernte.

Karl Gleichen wird den Hans Werther eine lange Weile begleiten, deshalb ist so ausführlich über seine Eltern geredet; denn aus deren Schuld und Art entstand sein Wesen, das in allem anders war wie Hansens Wesen. Karl war ein anmutiges und liebenswürdiges Kind, jeder Güte zugänglich und leicht nachgebend bei scharfem Zureden, offenherzig und gutmütig, und gern hätte er allen geschenkt; sein Verstand faßte leicht auf und behielt schnell, und ohne Mühe zog er Schlüsse: jeder hatte ihn lieb und war gütig gegen ihn, weil er ein so begabtes, gut geartetes und sonniges Kind schien; aber er war erzeugt durch Schwäche und Selbstsucht, und ein ernster Mann hätte in seinen Vorzügen vielmehr Fehler gesehen. Seine Güte entsprang nicht aus einer Stärke, sondern aus einer Kraftlosigkeit, weil er sich nicht wehren konnte gegen den Einfluß fremden Willens und schnell gerührt wurde und mitlitt; seine leichte Auffassung entstand dadurch, daß in ihm selbst nichts Eigenes und Starkes war, das sich gegen die fremden Gedanken wehrte, sondern leicht hielten diese fremden Gedanken bei ihm ihren Einzug, nahmen Besitz von den Kammern seines Verstandes und zeugten hier Kinder; zwar blieben sie immer nur Fremde, und wenn eine neue Einwanderung kam, so mußten sie bald weichen. So geschah es, daß er selbst Auswendiggelerntes nach längerer Zeit, wenn er es nicht gebraucht, plötzlich spurlos verloren hatte, als habe er es nie gehabt. Seine Offenheit hatte denselben Grund, denn weil nichts Eigenes und Unbewegliches in ihm war, so entwickelte sich nicht die Scham des Gedankens, die oft scheinbar törichte Äußerungen von sich gibt, aber auch bei der größten Torheit immer Eignes und Starkes anzeigt. Solche Menschen sind dann leicht anmutig, weil sie so ohne Zwang und Not im Innern leben, und liebenswürdig sind sie, weil sie sich einem freundlichen Entgegenkommen sogleich öffnen. Auf solcher Schwäche ruhen aber zuletzt die Selbstsucht wie die Eitelkeit, denn weil die nötige Kraft nicht genügend vorhanden ist, muß ein solcher Mensch mit seinem Wollen haushalten, um nur bestehen zu können; während dagegen ein starker Mensch überflüssige Kraft hat und daher selbstlos ist, indem er in Stolz und Freude von seiner Kraft andern mitteilt, mag er in äußeren Dingen dem Oberflächlichen auch karg scheinen, weil er keine leichte Hand hat. Aber Liebe bei den Menschen haben mehr die Kinder vom Schlage Karls; Hans war verschlossen, unliebenswürdig, ängstlich im Verkehr, hart, hielt seine Sachen fest und spendete nicht, lernte schwer und zog schwer Schlüsse aus dem Gelernten, und außer seiner Eltern befolgte er niemandes Ermahnungen.

In des Pastors Studierstube saßen die beiden Jungen. Hans übersetzte, mit oft stockender Stimme und in großer Anstrengung, die Stirn finster faltend; Karl dachte träumend an Hansens Kaninchen und bedachte bei sich, ob der Oheim ihm wohl erlauben werde, daß er sich auch ein Pärchen halte; denn wenn er nur die erste kleine Erlaubnis hatte, so wollte er wohl mit der Zeit noch mehr bekommen und einen Stall haben, der viel schöner wäre wie Hansens.

An den Wänden herum standen auf den Gestellen viele alte Bücher, denn der Pastor war ein Freund ehrwürdiger Folianten in Schweinsleder und Pergament; da waren des teuren Gottesmannes Luther sämtliche deutsche Bücher in acht Foliobänden, des Tabernämontani Kräuterbuch und Gesneri Tierbuch; daneben Spangenbergs Adelsspiegel und Mansfeldische Chronika, und noch manche andre alte Chronik. Das war ihm eine Freude, wenn er dem kleinen Hans diese Bücher zeigte; langsam holte er den Band aus dem Bord, strich liebkosend über den gepreßten Pergamentdeckel, auf dem etwa ein sächsischer Kurfürst oder eine menschliche Tugend abkonterfeit war; dann öffnete er die Schließen und schlug den Band auf vor Hans, dem das Herz klopfte. Oft wunderte er sich, woher der Junge diese Freude an Büchern geerbt habe, denn der stammte von Förstern und Bergleuten ab und nicht wie er, der Pastor, von einer langen Reihe von Gelehrten und Dienern des Wortes; war doch in den Lutherschriften vorn eine Eintragung eines Vorfahren, der auch Pfarrer gewesen, und hatte diese Schriften gekauft und binden lassen, und kam ihn der Band auf einen Karolin zu stehen nach damaliger Münze, was für einen armen Pfarrherrn mag eine stattliche Ausgabe gewesen sein. Dafür aber hatten so viel Jahrhunderte diese Bücher in den Studierstübchen der Nachkommen gestanden und hatten viele geistliche Moden erlebt, Bärte und Perücken und rasiertes Gesicht und eignes Haar; und die letzten Pfarrherren waren alle starke Raucher gewesen, davon die Bücher endlich ganz mit Tabakrauch durchdrungen waren, also daß er einem in die Augen biß, wenn man sie aufschlug.

Noch andre Freuden hatte der Pastor, die er mit Hansen teilte, weil der so nachdenklich war. In einem Glasschrank stand ihm ein Straußenei und eine Kokosnuß und viele fremde Muscheln; dazu Pfeile von wilden Völkern, ein großer Bergkristall und die Fingernägel eines vornehmen Herrn in Siam; denn die adeligen Siamesen beschneiden ihre Nägel nicht, aus Stolz, sondern lassen sie lang wachsen, daß sie wohl fünf Zoll erreichen und mehr und sich wunderlich krümmen. Zu Winterszeiten hielt der Pastor allwöchentlich eine Missionsstunde ab, in welcher er vieles erzählte von dem Leben der Wilden, daß die nackt herumlaufen, wie sie Gott geschaffen hat, und sich gegenseitig verzehren und Götzen anbeten, die sie selbst gemacht aus Stein oder Holz; so elend ist der natürliche Mensch. Da zeigte er dann auch seine Seltenheiten herum, das Straußenei und die Kokosnuß, die Pfeile und die grausamen Fingernägel aus Siam, und war um diese Missionsstunden eine große Liebe für die armen Heiden in der Gemeinde, und viel wurde geopfert. An Hans hatte der Pastor eine große Freude, daß er so offenen Herzens war für alle solche Kenntnis, und deshalb erzählte er ihm vieles, das ihm auf dem Herzen lag. Er erinnerte ihn aber ganz an seinen Vater, den Förster. Der war zu ihm gekommen, wie er selbst Student war, als ein armer Junge, der eine Waise war und schon in den Wald gehen mußte auf Arbeit, um das Brot für sich und seine Mutter zu verdienen; denn das Gnadengeld, das die Mutter bekam für ihren toten Mann, betrug nur zehn Silbergroschen die Woche, und das reichte nicht aus für die beiden; hatte also den Studenten gebeten, er möge ihm Stunden geben in der Mathematik, des Abends, wenn er aus dem Wald nach Hause käme, weil er nicht Arbeiter bleiben wollte, sondern wollte einmal Förster werden, und gestand, daß er nur einen halben Groschen zahlen könne für die Stunde. So war er denn ins Pfarrhaus gekommen um acht Uhr in der Dunkelheit und hatte sich in des Studenten Dachstübchen an den Tisch gesetzt und gelernt. Aber weil es warm war in dem Studierstübchen, und er hatte den Tag über fleißig gearbeitet in der Kälte, so wurde er müde, und die Augen fielen ihm zu wider Willen, mitten während eines Beweises. Da hatte der Student Mitleiden gehabt mit dem armen Jungen, hatte ihn schlafen lassen und derweilen, eine lange Pfeife rauchend, in Bengels Gnomon studiert, bis der wieder aufwachte, sich besann und weiterhin aufmerksam folgte, wie sein Meister lehrte. So lange war das nun her, und jetzt wollte der Sohn dieses armen Jungen selbst einmal Student werden und später ein Prediger, und das geschah darum, weil der Junge von damals so fleißig und treu gewesen war. Auch für des Pastors Blumen hatte Hans viel Liebe und Staunen. Vornehmlich an Topfpflanzen hatte sich der Pastor gefreut, wenig am Garten, als ein rechter Stubenhocker, der den lieben Sonnenschein so recht genoß durch die kleinen Scheiben seiner blumenbestandenen Fenster und zu Winterszeiten im warmen Schlafrock sein geheiztes Stübchen liebhatte.

Da standen merkwürdige Pflanzen, besonders viele Kaktuspflanzen, dabei war auch eine Königin der Nacht, die nur einmal im Jahr blühte, und dann nur eine Nacht. Wenn diese Nacht war, so lud der Pastor den Förster, den Lehrer und den Amtmann zu sich ein, die Frau Pastorin setzte Wein und Torte vor, und dann wurde abgewartet, wie sich die Blume öffnete. Eine ganz sonderbare Geschichte erzählte der Pastor von einer andern Pflanze, die er »japanische Rose« nannte. In früheren Jahren hatte er einen solchen Topf von einem Amtsbruder geschenkt bekommen, der zwei Stöcke besaß, die er selbst aus Stecklingen großgezogen. Lange Jahre wuchs, grünte und blühte das Gewächs; aber mit einem Male fing es an zu kränkeln, nahm ab und ging endlich ein; und zu der gleichen Zeit starb der Amtsbruder, von dem der Pastor den Topf erhalten. Diese Geschichte durfte Hans nicht weitererzählen wegen der menschlichen Schwachheit, weil manche in der Gemeinde sich noch mit abergläubischen Gedanken trugen.

Der Pastor war ein Letzter einer langen Reihe, und weil er mit seiner Frau keine Kinder hatte, so schien es, als wolle die Natur nicht, daß er seine Art fortführte. Was so viele Generationen seit Jahrhunderten in innerlicher Arbeit erstrebt hatten, das war in ihm ein wirkliches Bild geworden; er wußte nichts von Schlechtigkeit oder bösem Wesen, und kam ihm etwas Schlimmes nahe in seiner Gemeinde, so machte er ein erschrecktes und betrübtes Gesicht, und dann lächelte er ungläubig, und seine Mienen zeigten an, daß er vor einem Fremden und Unverständlichen stand und keinen Rat wußte; bald aber fand er sich wieder und meinte, ein Irrtum sei das und eine falsche Auslegung der Wirklichkeit. Zwar, er predigte von der Erbsünde und von der natürlichen Bosheit des Menschengeschlechtes; aber in seinem Herzen wußte er nichts von diesen Lehren, er sprach da nur Worte, die er nicht verstanden. Mitten unter einer harten Bevölkerung lebte er, unter kleinen Bauern und Holzarbeitern, die wohl tüchtige und ordentliche Leute waren, unter denen keine Liederlichkeit oder Faulheit vorkam; aber ihr Leben floh hin bei dürrer Berechnung von Besitz und Erwerb, bei zähem Halten am kleinen Vorteil, der nicht ohne geringe Betrügereien war; wie sie bei solchen Leuten als ordnungsmäßig betrachtet werden. Die fanden bald heraus, daß der Pastor vom wirklichen Leben nichts wußte und keine Ahnung hatte von dem, was in ihnen vorging; deshalb hielten sie ihn für dumm, oder wie sie sich das vorstellten, für »überstudiert«; und indem sie nun mit allem, was sie unmittelbar anging, sich fern von ihm hielten, vermehrten sie noch seine Täuschung über die Wirklichkeit, die ihn umgab.

Aber auch in der Seele solcher Menschen, die ganz beschränkt auf Irdisches und Bürgerliches sind, gibt es doch ein höheres Leben. Zwar gewinnt es scheinbar keinen Einfluß, denn es wird rasch bedeckt durch das Überwuchern des Wirtschaftlichen; aber vielleicht ist das ganz gut so, und wenn es anders wäre, würden solche Menschen Schwätzer und scheinheilige Salbader. Deshalb hatte der Pastor doch eine große und segensreiche Bedeutung für seine Gemeinde; sie wußten alle, daß er nicht an sich dachte und das Evangelium vom Rock erfüllt hatte; ja, es gab sogar eine Geschichte über ihn von einem Paar neuer Stiefel und einem wandernden Handwerksgesellen; sie wußten, daß hier keine Lüge, keine Gier, kein Betrug war, keine Habsucht und kein unlauteres Wesen, sondern ein reines und frommes Herz und ein klarer und guter Sinn; und in dem bedrängten und beladenen Leben, das sie führen mußten, bei harter Arbeit und schweren Sorgen um das tägliche Brot und Kämpfen um die Ehrbarkeit des Wandels hatten sie an dem Pastor ein Bild wie das eines glücklichen und frohen Engels, der auf Erden wohnt, nichts weiß von Sünde und Schuld und Sorge und mit dem Finger zum Himmel weist, als zu einem freien und leichten Leben, das als Ziel uns allen vorschweben sollte. Und was bedeutet das für einen beladenen Menschen, der mühselig dahingeht, den Blick auf die Erde gerichtet! Aber es ist gut für uns, daß solche Menschen selten sind.

In ihrer Art ebenso merkwürdig wie der Mann war die Frau Pfarrerin.

Sie war frühzeitig Waise geworden und hatte von ihren Eltern ein ziemliches Vermögen geerbt; ihres jetzigen Mannes Vater, der alte Pastor, der ein entfernter Verwandter war, wurde ihr als Vormund bestellt und nahm sie zu sich ins Haus, sie mit seinen Kindern zusammen zu erziehen.

Schon als kleines Mädchen faßte sie eine Neigung zu dem ernsten Ältesten, weil er ein liebes und gutes Wesen hatte und in vielen kleinen Dingen besorgt werden mußte wegen seiner Zerstreutheit. Das hatte ihm eine Schwester einmal gesagt, da war er rot geworden und schämte sich, denn er dachte, sie wolle ihn hänseln. So behielt sie ihre stille Neigung, wie er von Hause fortkam auf die Schule, und wie er erwachsener wurde und auf die Universität ging; aber weil sie eine herbe und verschlossene Natur war und ohne Zutunlichkeit, so verspürte niemand etwas von dem, was sie heimlich bei sich dachte. Und auch der Student seinerseits, der durch seine Jahre selbstbewußter geworden war, wie er als Junge gewesen, dachte viel an sie mit Liebe und Hoffnung, nur hatte er noch so viel Schüchternheit, daß er ihre Begegnung mied, und spann sich noch mehr in seiner tabaksqualmigen Dachstube ein, wie er es sonst getan hätte ohne seine liebende Gesinnung.

Wie er seine Examina bestanden und hoffen durfte, daß er in wenigen Jahren eine Pfarre bekommen werde, da dachte er wohl, daß er nun wagen dürfe, mit ihr zu sprechen über das, was er im Herzen hatte. So geschah es, daß er einst an einem Sonntagnachmittag nach der Predigt mit ihr durch die Felder ging, und auf beiden Seiten stand der hohe Roggen, untermischt mit Kornblumen und roten Kornrosen. Und wiewohl er ihr nur ganz alltägliche Dinge erzählte aus Scheu, so spürte sie doch durch ein geheimes Überfließen seines Herzens, was er sagen wolle; aber da überfiel sie mit einem Male eine namenlose Angst und eine heftige Scham, und das spürte er sofort, und zwar hatte er in seinem Herzen eine Bewegung, die das richtig deutete, und er hatte Lust, sie in seinen Arm zu nehmen und an die Brust zu drücken, aber da überkam ihn aus einem andern Winkel seiner Seele plötzlich ein lähmendes Mißtrauen und eine Furcht, so daß sich alle Gefühle in ihm zurückzogen als erschreckt und ihm ganz starr wurde im Herzen.

So redete er mit stockender Aussprache weiter, was er Gleichgültiges angefangen, und ging neben ihr her, und ihre bebende Hand streifte einmal über das hohe Korn, da sah er, daß ihre Hand bebte, und es begann wieder lebendig zu werden in ihm; aber die Erstarrung war bei dem feinen Menschen zu groß, er wurde ihrer doch nicht wieder Herr, und so blieben die Worte ungesprochen zwischen den beiden, nach denen ihrer beider Herzen sich sehnten, und sie gingen stumm nach Hause.

Da war aber eine Schicksalsstunde versäumt, die in langen Jahren nicht wiederkam. Sie dachte, daß sie sich wohl geirrt habe in ihrem Gefühl, daß er zu ihr neige, und er habe überhaupt keine wärmere Liebe für sie, nur für die andern; und er meinte traurig, für sie, die große, feste und herbe Jungfrau mit den geschlossenen Lippen sei er zu gering, und sie könne ihn nicht lieb haben, sondern müsse ihre Liebe auf einen andern richten. Ohne Eifer dachte er das und mit tiefer Trauer.

So vergingen Jahre ihnen beiden in stillem Sehnen, bis jenes Unglück über ihn kam mit seiner Schwester. Wie er von Hamburg zurückkehrte, da trieb es ihn, daß er zu ihr gehen mußte, die schon längst für sich gezogen war und allein hauste; sie waren aber nun beide Menschen weit über die vierzig; da erzählte er ihr alles, davon er doch manches gar nicht recht verstand, weder die blinde Leidenschaft der Schwäche seiner kleinen Schwester, noch die rohe Habgier der Schlechtigkeit bei dem Manne. Und wie er geendet und sie anblickte, ohne Rat und Trost, da sah er, daß in ihren Augen Tränen standen, die sie vergeblich zurückhalten wollte. »Weinst du über sie?« fragte er. »Nein, über dich!« rief sie in Selbstvergessenheit. Da vergaß auch er alles und fragte, als ob er träume, und lächelte dabei wie ein Kind: »Hast du mich denn lieb?« Aber eine Erwiderung in Worten wurde nicht gegeben, sondern sie kamen zusammen mit ihren Herzen, und ihr Gesicht, das sonst unbeweglich und fest war, lag an seiner Brust und wurde von vielen Tränen überströmt.

So hatten sich die beiden gefunden, nachdem sie des Lebens Höhe schon überschritten und sich seit frühen Jahren nacheinander gesehnt; und als sie sich dann heirateten, da war es, als ob alles Glück, das für sie bestimmt gewesen und nicht verbraucht war in den langen Jahren, als ob das sich angesammelt habe und nun um sie sei, und verging kaum ein Tag, daß sie nicht darüber staunten, wie glücklich sie waren, und machten sich selbst aufmerksam auf dieses oder das in ihrem Leben, und freuten sich über sich selbst.

Und das war sonderbar, daß, wer die beiden allein sah, hätte gemeint, diese ernste Frau mit dem festgeschlossenen Mund müsse dem kindlichen Mann überlegen sein, auf dessen reiner Stirn nur die einfachen Gedanken zu lesen waren, die ihn bewegten; und sie konnte auch nicht gut mit Kindern umgehen, während dem Mann alle Kinder anhingen und ganz mit ihm sprachen wie mit ihresgleichen, welches der stärkste Ausdruck kindlicher Zuneigung ist. Wenn aber die beiden zusammenstanden, dann kam niemand mehr auf den Gedanken, der Mann könne schwächer sein wie die Frau, sondern das natürliche Verhältnis von Mann und Weib war offenkundig vorhanden, obwohl sie in vielen Dingen für ihn sorgte, daß er hätte ganz unselbständig scheinen müssen; so schnitt sie ihm bei Tisch das Fleisch vor.

Das Pfarrhaus hat für die Leute auf dem Lande etwas Festtägliches, durch die Ruhe, die wenigen Menschen in den vielen Räumen, die blitzenden Fensterscheiben mit den weißen Gardinen dahinter, die sandbestreute Diele und die frommen Sprüche, die im Flur angebracht sind. Und die beiden Leute waren festtägliche Leute dazu, das empfanden die Arbeiter und Bauern; und noch mehr empfand es der kleine Hans. Wenn sich die Haustür in der Pfarre hinter ihm geschlossen hatte und die Klingel lange nachschellte und er auf den Zehenspitzen über die Diele ging mit dem knirschenden Sand, der ein so lautes Geräusch zu machen schien, so schlug ihm jedesmal das Herz; und in Freude verwandelte sich die Ehrfurcht erst dann, wenn er dem freundlichen Pastor die Hand gab. Was sollen wir viel erfahren von dem, was äußerlich vorging in diesen Jahren? Auf Hans wirkte das Wesen der Alten, und das Wesen Karls, hatte Einfluß auf ihn, zu den Wirkungen und Einflüssen, die er zu Hause hatte und im Wald; ganz wenig wirkten auf ihn die Jungen in der Schule und die Schule überhaupt, obwohl die einen großen Raum in seinen Erlebnissen einnahm; aber was er hier hatte, war nur ein Kennenlernen der Dinge, die ein Mensch gebraucht zu seinem äußeren Leben; diese aber sind für unsere Absichten gleichgültig.

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