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Der schmale Weg zum Glück

Paul Ernst: Der schmale Weg zum Glück - Kapitel 20
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typefiction
authorPaul Ernst
titleDer schmale Weg zum Glück
publisherGeorg Müller
firstpub1901
year1919
correctorreuters@abc.de
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Unterdessen fand auch Karl den Hafen, in dem er jene Art von Ruhe haben sollte, die für ihn bestimmt war.

In Italien traf er ein Kloster, das ganz abseits lag von der Straße, in einem großen Frieden einer Landschaft, die mit weiten Zügen das Auge wunderbar beruhigte, daß ein Mensch keine Sehnsucht mehr empfand. Da war ein heimlicher und stiller Kreuzgang um einen kleinen Hof, in dessen Mitte wuchs ein uralter Ölbaum in tiefem Frieden, dessen Blätter doch die salzige Luft atmen mochten, die vom Meere her über das Dach der Kirche wehte in diese Ruhe und Abgeschlossenheit. Vor vielen Jahrhunderten war der Baum gepflanzt und waren die zierlichen Säulen des Kreuzganges gemeißelt von liebevollen Händen nach Gedanken voller Gestalten und Bilder, und damals war wohl lebendig und bunt gewesen, was heute so beruhigte und freundlich machte, als ein abgeklärtes Alter. An drei Seiten, denn auf der vierten lag die Kirche, führte Tür neben Tür jede in ein kleines und abgeschlossenes Häuschen mit einem winzigen Garten, umgeben von hoher Mauer; in jedem Häuschen wohnte ein Mönch still für sich, der die Blumen seines Gartens pflegte und Bücher las, alte Bücher, in Pergament gebunden und mit großen Schließen, die auf den Seiten bunte Anfangsbuchstaben hatten, und oft waren die Anfangsbuchstaben vergoldet. Wenn die Glocke erklang vom Turm der Kirche herab, dann kam jeder aus seiner Tür, in seinem weißen Gewande, und mit freundlichem Lächeln begrüßten sie einander durch wortloses Neigen des Hauptes und gingen in den dämmernden Chor in die hohen geschnitzten Stühle, beteten und sangen. Und wie über dem gewundenen Ölbaum die Jahrhunderte still hingezogen waren, daß es schien, als seien sie kurze Tage gewesen, denn in gleicher Ruhe lächelte der helle Himmel auf ihn nieder und in gleicher Stille wehte die salzige Luft über das Dach der Kirche, so waren die Jahrhunderte still hingezogen wie freundliche Sommertage, indessen draußen in der Welt Unruhe gewesen war, Krieg, Aufstand, Gewissenszweifel, Umsturz, Neues und wieder Neues; nur daß die uralten Säulchen der Kreuzgänge nicht mehr an Jugendfrische denken mochten und an bunte Keckheit, sondern an ein friedliches und beruhigtes Alter.

Hier verbrachte Karl erst eine Prüfungszeit, nachdem er zur katholischen Kirche übergetreten, und am Ende wurde er mit unter die Zahl der Mönche aufgenommen.

Da sah er, daß auch hier Wirkungen der heutigen Zeit zu verspüren waren. Denn zwar fand er einige unter seinen neuen Freunden, die kaum etwas wußten von dem, was ihn bewegt, und die nichts erlebt hatten, wie das Alte, das in ihren vielgelesenen Büchern stand; aber zwei Männer waren da, die waren gleich ihm geflohen in diesen Frieden, weil sie zu schwach gewesen, nur daß ihre Geschichte grausiger war wie die seine und sie gänzlich gebrochen hatte.

Der eine war ein Deutscher, der aus einer sehr alten und vornehmen katholischen Familie stammte, die indessen durch viele Unglücksfälle im Laufe der Zeiten fast gänzlich verarmt war. Seine Eltern lebten in einer ganz entlegenen Gegend auf einem kleinen Gut, das seit vielen Jahrhunderten der Familie gehört hatte; und auch jetzt noch, in ihrer Armut, erschienen sie den Gutsleuten als besondere und höhere Wesen, denn auch die Leute waren hier seit undenklichen Zeiten ansässig, und einer jeden Familie Geschichte war in irgendwelcher Art mit der Herrschaft vielfach verknüpft, und alles, was die Herrschaft tat, war ihnen bekannt. Noch der Großvater der jetzt Lebenden hatte auf seinem Sterbebette bestimmt, daß ein Totengericht über ihn abgehalten werden sollte von den armen Leuten der Gegend, denn er wollte aufgebahrt werden im großen Saale, und die Leute sollten hereinkommen, und der Priester sollte sie fragen, was sie urteilten über ihn und seinen Wandel.

Dieser Familie Sohn kam als junger Offizier nach Berlin und sah hier die Leichtigkeit des Lebens, und wie keiner einen Willen hatte, sondern alle umgetrieben wurden durch den reißenden Maelstrom, und dabei glaubten sie, es geschehe durch ihre eigne Kraft, daß sie schwammen, und sei ihr Wille so. Da wirkte dieser Strudel so auf ihn, daß er unmerklich wurde wie die andern und ihm das Leben leicht ward, weil er keinen Willen mehr hatte und nicht mehr dachte, was morgen geschehen werde. So geriet er schnell in Schulden, und war ihm das gar nicht wichtig, denn er sah, daß alle andern gleichfalls verschuldet waren. Aber wie er nun wegen der Bezahlung gedrängt wurde und sich an seinen Vater erinnerte, der bei Tische abmaß, wieviel Brot er abschneiden durfte, damit der Laib auch hinreichte, und dann dachte er, daß das gar nicht zu den Erzählungen paßte, welche die andern von ihren Eltern machten, da wurde es ihm unmöglich, daß er fernerhin so war wie die andern. Nun fand er indessen aber auch nichts in sich selbst, wie er handeln sollte, und so geschah es, daß er etwas ganz Neues beging, welches in dem gesamten Kreise noch nicht erhört war, er hat nämlich das Geld einem Kameraden gestohlen.

Wie er das getan, hatte er keine Ruhe mehr, sondern machte sich heimlich auf und entfloh nach Holland, weil er dort wollte sich anwerben lassen für das Heer, das auf Java unterhalten wird. Es glückte ihm aber nicht gleich, an die rechte Stelle zu kommen, und so hielt er sich eine kurze Zeit in Antwerpen auf, und in dem Wirtshaus, wo er speiste, ward er mit einem ganzen Kreise von Abenteurern bekannt, die alle ähnliche Pläne und Absichten hatten, indem der eine in dieser und der andere in jener Weise gescheitert war. In dieser Gesellschaft kam einmal die Rede darauf, was ein jeder früher getrieben, und so wurde auch dieser Jüngling nach seiner Geschichte gefragt. Da er nach seinem ganzen Aussehen, Manieren und Haltung sich als früheren Offizier erwies, so mochte er nichts Ausgesonnenes angeben, wie viele von den andern getan hatten, sondern erzählte, daß er ein Offizier gewesen sei und wegen eines Ehrenhandels den Dienst verlassen habe; nur nannte er ein andres Regiment. Wie er den Namen genannt hatte, da stand ein Mann auf, der rechts zur Seite gesessen und ihm immer am wenigsten gefallen von allen; er war ein großer Mensch von soldatischer Haltung, der einen starken Schnurrbart und gebräuntes Gesicht hatte und über dem einen Auge eine schwarze Binde trug, vielleicht, weil er sich unkenntlich machen wollte. Der stand auf und rief, jetzt erkenne er den Sprecher, denn er habe in demselben Regiment gestanden und sei sein Kamerad gewesen; damit ging er freundschaftlich auf ihn zu und drückte ihm mit großer Freude die Hand. Der Jüngling bekam einen heftigen Schrecken über diese Anrede, aber der Fremde ließ ihn nicht zu Worte kommen, sondern fragte ihn nach allerhand Namen, Personen und Geschichten, und erkundigte sich und beantwortete selbst seine Fragen: da wurde dem Jüngling klar, daß der Fremde ebensowenig bei dem Regiment gestanden wie er selber, aber er hatte gemerkt, daß seine Rede gelogen gewesen war, und da war er auf die Meinung gekommen, daß er etwas auf dem Gewissen haben müsse, was verborgen bleiben solle, und deshalb dürfe er ihn nicht Lügen strafen, wenn er selber sich auch auf das Regiment und alte Kameradschaft berief und dadurch vor den andern, die ihm mißtrauten, eine Art Beglaubigung beibrachte, daß er wirklich der sei, für den er sich ausgab. Und wie dem Jüngling das plötzlich klar wurde, da sah er des Fremden unverbundenes Auge mit einem ganz schlechten und widerwärtigen Ausdruck auf sich ruhen; und wie der wieder seine Hand faßte unter allerhand Beteuerungen, da war ihm nicht anders, als wenn ihn jetzt der Satan ganz gefangen habe und ihn nicht loslassen werde; und so begann der Fremde auch schon mit Vorschlägen, daß sie wollten zusammenziehen und gemeinsame Wirtschaft machen wegen der alten Kameradschaft.

Durch diese große Angst wurde die Reue in ihm lebendig und er ging in sich und sah ein, was er begangen hatte. Darauf bedachte er sich, daß er sein Verbrechen sühnen müsse, denn sonst konnte er sich nicht erretten aus der Hand des Satans. Da wurde ihm klar, daß er allein keinen Ausweg finden konnte, weil er zu geringe Erfahrung hatte und noch ohne Umsicht war, und fuhr deshalb zu seinem Vater, dem alles zu erzählen und um seinen Rat zu bitten, wie er sühnen solle, er meinte aber, das angemessenste sei, daß er sich den Gerichten anzeigte und ins Zuchthaus ginge.

Sein Vater war ganz alt geworden, sein Haar war weiß geworden und er sagte ihm, daß er nicht als einzelner auf der Welt dastehe, sondern er sei der Letzte eines ruhmreichen Geschlechtes, das immer in Ehren gelebt. Das sei nun schon ein sehr schweres Angehen, daß er nach solcher Tat das Geschlecht nicht fortsetzen dürfe, sondern es müsse mit ihm aussterben, denn wenn ein Dieb Kinder kriege, so werden die noch schlechter wie der Vater, und so müßte der Name ganz in Unehre fallen, wie so vielen alten und vornehmen Namen heute in unsern Tagen geschieht. Deshalb dürfe er aber auch das nicht tun, daß er seine Tat anzeige und vor aller Welt die Buße auf sich nehme, denn wenn die Welt erfahre, daß einer des Namens gestohlen habe, so sei es ganz umsonst, daß die Vorfahren gelebt hätten und hätten Ehre gehabt, denn alsdann ziehe er alle mit sich in seinen Schmutz. Darum solle er eine heimliche Sühne auf sich nehmen, die gab er ihm an, und die war schwerer, wie der Richter sie ihm auferlegt hätte. Denn fünf Jahre lang sollte er in einem Kloster die niedrigsten Arbeiten tun und den andern aufwarten, und dazu mußte er besondere Fasttage halten und hatte ein schlechteres Lager wie die andern, und mußte sich mit einer festgesetzten Zahl von Geißelhieben kasteien.

Dieses alles erfüllte der Jüngling genau, wie es ihm vorgeschrieben war, und nach einer Zeit wurde er ruhig in seiner Seele und kriegte eine neue Freudigkeit. So kam das Ende heran, wo er das Kloster verlassen durfte; aber da hatte er Angst vor der Welt, denn in der Welt hatte er Unrecht gehabt und Mißmutigkeit, und er dachte, er sei zu schwach, um draußen zu leben, deshalb blieb er in dem Kloster und war immer ein zufriedener und heiterer Mensch.

Der andre Freund, den Karl gewann, war ein geborener Protestant, ein Engländer. Der stammte von strengen und gläubigen Puritanern ab, die sich alle Lust verboten und nichts haben wollten im Leben wie Arbeit und Tugend, und reich geworden waren durch harte und kalte Tätigkeit. Von Geburt an war er blaß und kränklich gewesen und hatte als Kind solche Augen gehabt, die in den Himmel zu weisen schienen und sich fortsehnten aus den großen und leeren Stuben seiner Eltern in heitere und hohe Räume voller Luft und Licht.

Schon frühzeitig hatte er eine besondere Lust zum Zeichnen bewiesen, und nicht nur traf er immer mit großem Geschick die Ähnlichkeit, die er wollte, sondern es war auch ein Reiz von Schönheit und Anmut in seinen kleinen Bildern, der aus den Beziehungen der Linien kam und der Verteilung des Schwarzen und Weißen. Seine Eltern aber verboten ihm diese Übungen, wie sie seine heftige Leidenschaft sahen, und wollten ihn zu einem klugen und gebildeten Kaufmann erziehen, der Gewinn finden konnte, deshalb trieb er seine Künste im Verborgenen, unter häufigen Gewissensbissen, aber zuzeiten, wenn er es nicht mehr ertragen konnte, daß er sich Vorwürfe um seinen Ungehorsam machte, erzählte er seinem Vater von seiner Verfehlung, und dann wurde er streng bestraft; dann nach einer Weile konnte er seiner Lust doch nicht weiter widerstehen und verschaffte sich auf eine neue Weise die Möglichkeit, daß er sie befriedigte, und zeichnete was er mochte, denn die vorige Weise, die er seinem Vater gestanden hatte, war ihm unmöglich gemacht.

So wuchs er heran zum beginnenden Jünglingsalter, da veränderte sich plötzlich die Art seines Zeichnens und seiner Vorwürfe. Denn vorher hatte er Menschen, die er kannte, auf dem Papier abgerissen und verschönt, so daß sie einen himmlischen Ausdruck bekamen und edler schienen wie im Leben, und am liebsten hatte er ganz reine weibliche Gesichter gezeichnet, auf denen Gedanken zu lesen sein mochten, wie sie ein Engel ihnen in seltenen Augenblicken ins Ohr flüstert. Nun aber wendete sich alles Himmlische ins Teuflische, und in demselben Gesichtsschnitt war statt Reinheit und Klarheit wüste Unreinheit und gemeine Begierde, und nicht auf einfach Sinnliches ging das, sondern auf etwas Schmerzensvolles und wider alle Natur Scheußliches. Er selbst aber beharrte in seinem bisherigen Leben und war fleißig in seiner Arbeit, die ihm aufgezwungen war durch die Eltern, und keine Handlung beging er von unkeuscher oder unreiner Art; vielmehr war er vor Mädchen und Frauen von seltsamer Befangenheit und Furcht, und oft errötete er im Gespräch mit ihnen und schlug die Augen nieder; nur daß er seinem Vater nichts mehr gestand von seinen heimlichen Kunstübungen, und so verborgen trieb er die, gelehrt durch die früheren Jahre und ihre Heimlichkeit, daß der Vater gar keinen Argwohn mehr hatte und ganz fest glaubte, sein Sohn habe das Zeichnen endlich aufgegeben. Daß er aber seinem Vater nichts mehr gestand, war seit dem ersten Bilde in seiner neuen Art.

Nun trieb es ihn indessen immer weiter in seiner eingeschlagenen Richtung und dachte sich aus, daß er nackte weibliche Körper zeichnen wollte in wunderlichen Bewegungen, und sollte etwa eine solche Figur Handschuhe tragen oder einen Schnürleib und strengte seine Gedanken ganz stark an, daß er sich ein solches Bild denken konnte, indem er nachts heimlich in seiner Kammer sich nackt auszog und vor dem kleinen Spiegel über dem Nachttisch seinen eigenen Körper betrachtete, der schmal war und ganz unreif, und in einem japanischen Bilderbuch, welches er verborgen aufhob, studierte er die nackten Frauenleiber, und auf der Straße achtete er auf die Frauen, die ihm begegneten, besonders wenn etwas Wind war und ihr Körper sich durch die Gewänder beim Schreiten abzeichnete, und entkleidete sie in seiner Vorstellung, daß sie nackt dahergingen; und in alledem war eine schmerzliche Sehnsucht und eine tiefe Lust.

Unter diesem Studieren und Arbeiten bekam er eine Sammlung von Heiligengeschichten in die Hand, die las er sehr eifrig, und besonders die Geschichten von den heiligen Frauen, wie der heiligen Katharina von Siena und der heiligen Rosa von Lima.

Denen ahmte er nach in den Kasteiungen und beschaffte sich eine Kette, schlang sich die um den Leib, und die Kette rieb ihn blutig und drang ihm ins Fleisch, aber die Schmerzen taten ihm wohl, und damals wäre er glücklich gewesen, wenn es ihn nicht zu gleicher Zeit nach dem andern gedrängt hätte; so zeichnete er die heilige Rosa, wie sie als ganz junges Mädchen auf einer Wiese steht und von vielen Schmetterlingen umflattert wird, die in ihrer Heimat Peru wunderbare große Flügel und herrliche Farben haben, und ein ganz großer Falter hatte schwarze und weiße Flügel, der setzte sich auf ihre Schulter, und das war eine Berufung für sie, welchem Orden sie angehören sollte. Dieses Bild zeichnete er, aber die heilige Rosa hatte er ganz nackt gemalt, als ein dürftiges weibliches Wesen mit langen Haaren, die in sonderbaren Schlangenlinien gingen, und um ihren Mund spielte es wie eine schmerzliche Wollust und zugleich eine Unfähigkeit zur Lust. Solche Bilder aber mußte er immer zeichnen und seine seelische Unkeuschheit wurde immer stärker.

Am Ende wurde er sehr leidend, und wie ihn die Ärzte untersucht hatten, sagten sie, daß seine Lungen erkrankt seien und er müsse nach dem Süden gebracht werden. Da ließ ihn sein Vater gen Italien reisen, und wie er eine Weile an der Riviera gelebt hatte und gesünder geworden war, erfuhr er, daß sein Vater plötzlich gestorben sei. Da machte er sich gleich auf und ging zu dem Kloster und lebte dort eine Weile, bis er es endlich erlangte, daß er in die Zahl der Mönche aufgenommen wurde.

Außer diesen zwei Männern waren in dem Kloster nur Brüder, die keinerlei Geschichte gehabt hatten. Ein ruhiges und fröhliches Leben führten sie unter allerhand sonderbaren Sachen; da hatten sie ein Schränkchen, das war ganz mit Ruinenmarmor ausgelegt und eine Sammlung von Stücken aller Holzarten besaßen sie, die geschnitten und gehobelt waren wie Bücher, auch ein Stück Zedernholz vom Libanon war darunter; eine besondere Kostbarkeit schien aber ein Bildnis der Muttergottes, das aus bunten Vogelfedern hergestellt war, und ein Kirschkern, auf dem ein Bruder die ganze Leidensgeschichte geschrieben hatte, daß man sie mit der Lupe lesen mußte, und fehlte kein Buchstabe.

Sehr selten geschah es, daß Fremde das Kloster besuchten, die alte Wandbilder aus Giottos Schule betrachten wollten; dann sprachen die Brüder bei Tische viel darüber, aus welchem Lande die Reisenden wohl stammen mochten und ob sie Protestanten waren oder Katholiken, wunderten sich auch, daß sie so wenig Freude an dem Kirschkern und dem Muttergottesbild zu haben schienen. Zuweilen wurde dann wohl darüber gestritten, ob die Protestanten bald zur Kirche zurückkehren würden oder noch lange in ihrer Verstocktheit beharren.

So lebte Karl, und von seiner früheren Welt erfuhr er fast nie mehr etwas, nur einmal kam zu ihm eine Nachricht über seine geschiedene Frau. Johanna hatte nach der Trennung ihren Kreis von alten Freunden beibehalten und auch durch neue vermehrt, und hatte ein Ansehen in ihrer Gesellschaft, daß viele auf ihre Meinung hörten und sie selbst hochhielten als eine Vorkämpferin und Befreierin. Alle in diesem Kreise lobten unsre heutigen Zustände und sagten, daß in unsern Tagen zum ersten Male das Individuum die Möglichkeit gänzlicher Freiheit erhalten habe, denn indem die Gesellschaft nicht mehr die volle Person in Anspruch nehme, sondern nur Betätigungen der Person verlange, so könne sich jeder zu dem entwickeln, was er werden wolle, und unterliege keinem äußeren Zwange; und so dachten sie, daß aus jedem von ihnen ein Eigner und Besondrer werden müsse. Indem Johanna in diesen Anschauungen beharrte, schloß sie einen Liebesbund mit einem jungen Mann aus ihrer Gesellschaft und lebte mit ihm, und nach einiger Zeit sagten die beiden einander, daß ihre Liebe erloschen sei, und daß sie unsittlich handeln würden, wenn sie nun noch länger zusammenlebten, und so gingen sie in Freundschaft voneinander. Dann folgte eine neue Liebe, und in solcher Weise führte sie ihr Leben.

Es geschah aber, daß sie sich in diesen Umständen in Hoffnung fühlte, und hatte ein Kind. Da sagte der Vater zu ihr, daß sie nun sich gesetzlich heiraten müßten, weil die heutige Welt, obschon sie im Grunde wohl ganz neu sei, doch noch die alten Formen bewahrt habe, und deshalb sei in ihr kein Ort für eine solche Gruppe wie er, sie und das Kind, wenn sie keine Ehe nach der gebräuchlichen Form bildeten. Sie antwortete ihm jedoch, daß sie ihre Freiheit bewahren wolle und keinem Zwange unterliegen, und wolle ihr Kind auch allein aufziehen; und so tat sie auch, lebte für sich und besorgte das Kind, indem sie allen erzählte, daß sie eine geschiedene Frau sei, und das Kind habe sie von einem Freund; sie wurde aber sehr stolz und froh, wie sie verspürte, daß sie von vielen deswegen übel angesehen wurde, und meinte, daß alle Erlöser der Menschen beständigen Undank geerntet hätten, bis man später erst ihre Tat richtig erkannt. Dann begann sie und beschrieb ihr Leben von Kindheit an, und sagte, daß sie genau alles erzählen wolle, wie es in Wahrheit gewesen sei, und nichts wolle sie verschleiern, und dieses Buch dachte sie dann herauszugeben, damit jeder es lesen könne.

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