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Der schmale Weg zum Glück

Paul Ernst: Der schmale Weg zum Glück - Kapitel 19
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typefiction
authorPaul Ernst
titleDer schmale Weg zum Glück
publisherGeorg Müller
firstpub1901
year1919
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Nach seiner bestimmten Zeit kam Hans wieder zur Besinnung, aber da war sein Körper sehr schwach, und lag in großer Mattigkeit in einem Bett; seine Seele indessen war erfüllt von Bangigkeit, Reue und Angst, und erschien ihm sein Leben nutzlos verschleudert, und er meinte, daß er mit allem am Ende sei.

Dieses merkte die Pflegerin, die ihn besorgte, daß er nicht die friedliche und ruhige Stimmung des Gemüts hatte, die nach einer schweren Krankheit uns trösten soll und wieder ganz gesund machen. Deshalb fragte sie ihn, weshalb er sich verzehre, und hörte mit großer Geduld, wie er sich selbst anklagte. Da antwortete sie ihm, daß er sich aufrichten müsse und den Willen haben zu Kraft und Freude, und um ihm Mut zu machen, sagte sie, daß er sie selbst betrachten solle, wie sie ruhig sei und in Ordnung ihre Pflicht erfülle, und habe doch Schweres in ihrer Vergangenheit begangen, das sie ihm erzählte.

Ihr Vater war ein einfacher Mann gewesen, der in seiner frühen Jugend weit in die Welt gekommen war, und hatte da manches gesehen, davon in seiner Heimat niemand etwas bekannt war. Deshalb kehrte er nach Hause zurück mit einem wenigen von Geld, das er in der Fremde verdient, und tat sich mit einem reichen Bürger seines Ortes zusammen, einem Schlächtermeister, und mutete auf Kohlen. Und so hatte er Glück und fand reiche Kohlenlager, und war auch weiterhin verständig, indem er sich nichts abschwatzen ließ, sondern mit seinem Genossen sein Gefundenes selber ausbeutete, und gelangte auf diese Weise zu großem Reichtum, daß er viele Zechen besaß und auch Eisenwerke baute und Bahnen anlegte, und ward seine Heimat durch ihn ganz verändert aus einem grünen und frischen Lande, wo Holzhauer wohnten und Gebirgsbauern, zu großen Orten mit düsteren Häusern und Straßen voll schwarzen Staubes und zu Luft voller Qualm der rauchenden Schlote, und zogen viele fremde Leute zu, und auch die Einheimischen arbeiteten bei ihm in Schächten und Hütten, mit Verdrossenheit und Unmut. Er selbst aber ward ein schweigsamer und stiller Mann, der des Morgens in der Frühe in seine Arbeitsstube ging, Briefe las und Antworten diktierte, und wenn er einen ansah von seinen Leuten, so war sein Gesicht seltsam zerstreut, denn er dachte an eine Zeche oder eine Schwankung der Preise, und seine Erholung war, daß er am Abend in das Klubhaus ging, wo auch seine studierten und feinen Angestellten sich erfreuten, da setzte er sich allein in eine bestimmte Ecke und hatte vor sich ein Glas eines bestimmten Weines, und saß stumm da, spielte etwa einmal mit seinen Fingern. Dann ging er nach Hause und wanderte lang auf und ab in seiner Wohnstube, und am Ende legte er sich schlafen in seinem Schlafzimmer, das war eingerichtet mit fürstlicher Pracht. Er hatte als junger Bursche geheiratet, ein Mädchen seines Standes, die war an zehn Jahre älter wie er; von der hatte er zuerst keine Kinder, aber später bekam er mit ihr eine Tochter. Nun war er selbst mit der Zeit in Aussehen und Benehmen ein Mann geworden, wie wenn er immer in seiner jetzigen Lage gelebt hätte, und hatte auch auf seiner Wanderschaft fremde Sprachen gelernt und redete seine Muttersprache fast ohne Dialekt; die Frau aber konnte sich nicht recht in die neuen Zustände passen, denn nur, daß sie prunksüchtig wurde und zänkisch, sonst behielt sie alle ihre alten Gewohnheiten und Sitten bei. Das hatte den Mann nicht sehr gestört, solange das Kind nicht da war, denn er lebte wenig mit ihr zusammen; wie jedoch das Kind geboren war und einige Jahre alt wurde, da schied er sich von ihr, und sie zog weit weg, er aber behielt das Kind.

Nun wurde das Mädchen erzogen von teuren Erziehern, und am Mittag, wenn gegessen wurde, sah sie der Vater immer, denn sie mußte ihm gegenüber sitzen, sonst sah er sie aber nicht, weil er zu viel zu bedenken hatte. Da wuchs denn das Kind auf, wie es mochte, denn die Erzieher wagten nicht, streng zu sein, und der Vater erfüllte ihr alle Wünsche, weil er sie so wenig sah und doch wollte, daß sie ihn lieb hätte, und wie er nicht mehr wußte, was einem Kinde recht und passend ist, so schenkte er ihr viel kostbares Spielzeug. Hierdurch gewöhnte sich das Kind, daß alles seinen Einfällen gehorchen mußte, und daß es teure Dinge für nichts achtete und keine Grenze fand für seine Wünsche, und das ganze Leben erschien ihm langweilig. So wuchs das Mädchen heran zu einem schönen Fräulein, und ihre Erzieherin redete ihr allerlei vor von der Liebe und von vornehmen Heiraten. Da kamen auch bald Freier von allerlei Art. Es wollte aber der Vater gern, daß sie einen jungen Mann ehelichte, der bei ihm diente in seinem Geschäft und tüchtig war in aller Hinsicht. Diesen lud er oftmals zu Tisch ein und fragte seine Tochter, wie er ihr gefalle; da antwortete sie, daß sie ihn sich gar nicht recht angesehen habe, und wie er ärgerlich wurde über diesen Hochmut und ihr sagte, daß er selbst ein armer Arbeitsjunge gewesen, der mit einem Schnupftuchbündel in der Hand in die Fremde gezogen sei, da zuckte sie nur die Achseln, und er vermochte nichts weiteres über sie, denn er mußte zu viel an seine Geschäfte denken und konnte deshalb ihr Wesen nicht erfassen.

Nun drängten sich um sie viele glänzende und vornehme Herren und schmeichelten ihr, und da sie unerzogen war und nicht bedachtsam, weil sie niemals auf Festes gestoßen war, so glaubte sie wörtlich alles, was ihr Schönes gesagt wurde, und ward noch hochmütiger; lieb gewinnen aber konnte sie niemand, in der Art, wie ihre Erzieherin ihr das geschildert hatte, die ein häßliches und armes Mädchen gewesen war, das immer sehnsüchtig zur Seite gestanden hatte; und am Ende dachte sie, daß sie ein Wesen von ganz besonderer Art sei, das beglücken könne, wen sie nur wolle, wie der Zufall aus den vielen Mitspielern einer Lotterie einen herausgreift, blindlings und ohne Grund. Da war nun in dem Kreise ein junger Offizier, der ganz arm war und von bürgerlicher Herkunft und nicht besonders ansehnlich, aber er hatte ein braves Gemüt und einen rechtlichen Charakter; der durchschaute wohl ihr Wesen, und weil er zudem bei so vielen glänzenden Bewerbern doch gar keine Aussichten zu haben schien, so hielt er sich ganz still und ruhig im Hintergrunde und bekümmerte sich nicht um sie. Diesen nun, weil er allein von allen abseits stand, suchte sie gerade aus, denn für so hochstehend hielt sie sich, daß seine Unansehnlichkeit und der Glanz der andern vor ihren Augen ein ganz gleiches Verdienst hatten. Der Jüngling, der zuerst glaubte, daß sie nur mit ihm spielen wolle, zog sich noch mehr zurück, wie er ihre Annäherungen bemerkte, und das wiederum machte sie nur hartnäckiger, so daß er am Ende verspüren mußte, es sei ihr Ernst mit ihrem Entgegenkommen. Da verfiel er der menschlichen Schwachheit, daß die Hoffnung, welche derart in ihm erweckt wurde, ihm einen glänzenden Schleier vor ihrem Bilde ausbreitete, daß er die Fehler und Mängel nicht mehr sah, die er früher recht scharf bemerkt, denn er war auch stolz und kannte seinen Wert in seinem geringen Äußern, und es schien ihm ein Besonderes von ihr, daß sie ihn unter den andern nun herausgefunden hatte; so meinte er denn, daß sie in einer glücklichen und redlichen Ehe ihr voriges Wesen bald ändern werde, das ihr ja nur äußerlich angeflogen sei. Und auch ihr Vater wurde getröstet über ihre Wahl, denn er hoffte, daß er aus diesem jungen Mann sich werde einen Nachfolger erziehen können. Derart wurde dann die Hochzeit der beiden gefeiert; aber schon an dem Tage der Feier und vor der Trauung kam zwischen den beiden der erste Streit, um eine geringe Kleinigkeit, und die Braut, die schon festlich geschmückt war und nur noch des Kranzes harrte und des Schleiers, zog den Ring vom Finger und warf ihn auf die Erde. Da wendete sich der Bräutigam und wollte zur Tür hinausgehen; aber schon hatte er eine zu große Liebe gefaßt, daß er nicht mehr sich trennen konnte, deshalb kam er zurück, hob den Ring auf und gab ihn ihr wieder mit bittenden Worten.

Nun führten die beiden eine recht unglückliche Ehe, denn der Mann war ernsthaft und wollte lernen, damit er später alles leiten könnte, wenn sein Schwiegervater einst tot wäre; die Frau aber verspottete und kränkte ihn, und er war ganz weich in ihrer Hand und konnte ihr nicht antworten, wie er gemußt hätte; und sie selbst war dabei ohne Tröstung und langweilte sich, weil sie nicht wußte, was sie wollte. Ihr Vater indessen gewann mit der Zeit den Mann lieb wie seinen Sohn, denn er war viel um ihn, und waren beide vom gleichen Schlage; deshalb sagte er ihm, er solle sein Weib gehen lassen, wie sie wolle, denn es sei ja auch eine Torheit, wenn man sich Ruhe wünsche und Zufriedenheit, weil kein Mensch die erreichen könne, außer etwa in ganz jungen Jahren, wo man nur seine Sehnsucht vor sich habe und nicht die Wirklichkeit. So wurde denn der Mann zu einem Menschen wie der Alte war.

Inzwischen waren da noch viele Verehrer um die Frau, die wohl sahen, daß sie unglücklich war, und ihr weiter schmeichelten und sich kränken ließen von ihr. Da fiel es ihr ein, aus Hochmut und Überdruß, und weil sie ihren Vater und Mann beleidigen wollte, daß sie sich einen Liebhaber aussuchte; das war ein windiger junger Mensch, der ein groß Wesen machte von sich, aber von Schulden lebte und von niemand geachtet wurde; mit dem ließ sie sich ein, denn es war ihr recht, daß er sie in wunderlicher Weise vergötterte, wie es wohl in törichten Büchern beschrieben wird. Ihr Mann und Vater merkten nichts von dem Wesen, trotzdem sie recht offen war, denn die hatten ihre Arbeit und dachten nicht an weiteres, sie aber trieb es so weit, daß sie ein Kind bekam, und ihr Mann meinte, es sei sein Kind, und freute sich über das Söhnchen, und ihr Vater hoffte, daß es auf einen von ihnen beiden schlagen möge und nicht auf die Mutter. Danach entzweite sie sich mit dem leichtfertigen Menschen, denn der wurde von den Gläubigern gedrängt und war in seiner beständigen Angst gegen sie nicht mehr so aufmerksam gewesen wie vorher; lieb gehabt aber hatte sie auch ihn nicht.

Nun geschah es, daß die beiden Männer eine Erholung haben wollten von ihrer schweren Arbeit, kauften sich eine Lustjacht und machten mit der Frau und dem Kinde eine Seereise. Wie sie unterwegs waren, bezog sich an einem Nachmittage der Himmel und kam Regen und stürmisches Wetter, so daß sie alle nach unten gingen in die Kajüte, indessen die drei Leute, welche das Schiff bedienten, auf dem Deck arbeiteten. In der engen und dumpfen Kajüte aber befiel sie alle eine eigne Gereiztheit, und sie begannen sich untereinander Vorwürfe zu machen, indessen draußen die Wogen wunderlich gingen; da warf der Vater der Tochter vor, daß sie an nichts Freude habe und keinen Menschen liebe, und die Tochter sprach gegen den Vater, daß er immer nur an sein Geschäft denke und sich nicht um sie bekümmere, und wie der Mann gut zureden wollte, da höhnte sie den, daß er nichts verstehe, wie in seiner Schreibstube sitzen, und auch der Mann wurde heftig und sagte, daß er ihr Herr sei; inzwischen war der Knabe, der damals dreijährig sein mochte, ängstlich geworden und schmiegte sich an den Vater; die Frau aber geriet in einen maßlosen Zorn und schrie, niemand sei ihr Herr, und indem der Mann das Kind halten wollte, weil das Schiff sehr schaukelte und er Furcht hatte, der Sohn möchte fallen und sich verletzen, da rief sie, das Kind gehöre ihr und nicht ihm, denn sie habe es von einem andern.

Wie sie diese Worte in blindem Hasse hervorgestoßen hatte, taten sie ihr leid, denn die beiden Männer wurden ganz bleich, aber in dem Augenblick rief das Kind in großer Angst ihren Namen, und da fielen sie alle um von einem starken Stoß und rollten durch die enge Kajüte und konnten sich nur mit großer Mühe wieder aufrichten, aber wie sie sich aufgerichtet hatten, da waren der festgeschraubte Tisch und Stühle über ihren Köpfen in der Luft, und das Geschirr, das auf dem Tisch gestanden, lag auf dem Boden mitsamt dem Tischtuch, und nach einer Weile sagte der Vater, daß das Schiff gekentert war. So trieben sie nun auf der See mit dem Kiel nach oben und das Deck war unter dem Wasser, und das Wasser drückte und klopfte gegen die Decke der Kajüte und klatschte gegen die Tür, und in solcher Lage erhielt sich die Jacht durch die eingepreßte Luft, die nicht hatte entweichen können, weil sie so ganz schnell umgeschlagen war, die Männer aber, die oben gewesen, waren fortgeschwemmt und ertrunken. Erst langsam wurde den Eingeschlossenen das klar, denn sie hatten eine große Angst. Es quoll auch bald Wasser von unten, denn das beständige Schlagen der Flut machte die Bretter locker, und so mußten sich denn die Menschen beizeiten umsehen, wo sie sich besser sicherten, und da sie nicht hinausgehen konnten aus dem kleinen Raum, denn vor der Tür war ja Wasser, so blieb ihnen nichts, als daß sie sich recht hoch machten. Deshalb schwang sich der Mann erst auf den Tisch, der oben festgeschraubt war in dem früheren Boden und prüfte die Haltbarkeit, und dann hob er die Frau hoch mit dem Kind und half dem Vater. Wie das geschehen war, suchte er auf dem Boden nach Essen und fand einige Brötchen und Zwiebäcke und ein Töpfchen mit Eingemachtem, das reichte er alles hinauf, und dann las er noch die Messer und Gabeln auf, die herumlagen, denn mit denen wollte er oben eine Diele entfernen, damit sie noch höher kommen konnten in den Kielraum des Schiffes. So schnitt er erst den Fußteppich durch und machte sich dann daran, mit dem unpassenden Werkzeug die Schrauben herauszuschneiden, welche die Dielen auf den Sparren festhielten; denn aufdrehen konnte er sie nicht, weil er dabei sein Messer zerbrach. Über diesen Anstrengungen verspürten sie, wie das geringe Licht, das von unten durch das runde Fenster im Wasser kam, immer geringer wurde, denn es waren auch nur wenige Lichtstrahlen, die durch die schaumbedeckten Wellen bis zu dem Fenster drangen; und dazu stand unten das Wasser in der Höhe von mehreren Fuß in der Kajüte, auf dem lustig eine Schachtel mit Streichhölzern und zwei Korke schwammen, die Luft aber wurde immer verbrauchter und schien immer schwerer zum Atmen, entwich auch an einer Stelle durch den Druck des Wassers unten mit einem leisen Pfeifen, und dadurch stieg das Wasser in dem Raum langsam immer höher. Die beiden Männer arbeiteten fleißig, und der alte Mann hatte einen Überschlag gemacht, daß bis zum andern Morgen die ganze Luft aus dem Raume entwichen sein mußte und das Wasser bis oben stand und sie alle erstickte, wenn sie nicht die Diele bis dahin gelöst hatten und sich in den Kielraum retten konnten, der aber würde wohl immer über dem Wasser bleiben, weil er ja durch das viele Holzwerk unten getragen wurde.

Wie es nun gänzlich Nacht geworden war und sie alle sehr müde waren, beschlossen sie, daß sie eine kurze Weile schlafen wollten, um neue Kräfte zu schöpfen, und der Vater erbot sich zur ersten Wache und wollte inzwischen weiterarbeiten im Dunkeln, und die zweite Wache sollte der Schwiegersohn übernehmen. So taten sie; aber nach einer unbestimmten Zeit schreckte der Mann aus dem Schlafe auf und hörte nicht mehr das leise Geräusch des arbeitenden Messers, das kleine Späne loslöste, da wußte er, daß der alte Mann ertrunken war, und deshalb arbeitete er allein weiter. Es erwachte dann auch die Frau durch große Beklommenheit des Atems, und das Wasser klatschte schon leise an die Platte des Tisches, auf dem sie saßen. Indessen war es dem Manne gelungen, daß er die Schrauben der einen Diele an seiner Seite herausgeschnitten hatte, und nun riß er die Scheuerleiste fort und faßte vorsichtig mit zwei Gabeln von beiden Seiten, um sie zu biegen, bis er sie mit den Händen fassen konnte; und indem die Frau half, gelang es auch, daß sich die Diele so weit bog, und nun ergriff er sie und riß an ihr mit aller Kraft, daß sie in der Mitte abbrach und über ihnen eine schmale Öffnung in den Kielraum wurde. Aber durch das Gegenstemmen hatten sich zwei Schrauben gelöst, durch welche die Tischbeine befestigt waren, und der Tisch glitt schräg ins Wasser. Die Frau hielt sich noch an der Diele über ihnen fest und schwang sich durch die gebrochene Öffnung in den Kielraum, das Kind aber war ins Wasser gerollt, und der Mann wollte das Kind retten und stürzte sich nach, aber er stieß mit dem Kopf gegen etwas, tat einen lauten Schrei und kam nicht wieder, und auch das Kind ist ertrunken.

Nun kauerte die Frau oben im Kielraum vor der Öffnung, und der kalte Hauch des Wassers drang zu ihr empor. Nach langer Zeit kam eine geringe Helligkeit in das Wasser unten; da war es noch höher gestiegen, und wie sie genau zusah, erblickte sie unter sich eine Hand mit gekrampften Fingern.

Wie sie gerettet war und sich erholt hatte von allem, was sie ausgestanden, verspürte sie, daß eine Wandlung in ihr vorgegangen. Vornehmlich hatte sie jetzt den Wunsch, daß sie etwas tun wollte, aber der war ihr nicht gekommen durch Ängste des Gewissens, Reue und Absichten von Buße, sondern ohne einen andern Grund, nur weil sie ein neuer Mensch geworden war. Deshalb überlegte sie sich alles, ihr früheres Leben und seine Bedingungen, da fand sie, daß ganz notwendig alles so geschehen mußte, wie es wirklich geschehen war, und sie selbst hatte keine Schuld und auch andre nicht. Denn ihr Vater konnte nicht leben, wie er wollte, sondern war einem Zwange unterworfen, daß er immer an seine Arbeit denken mußte und keine andern Gedanken haben durfte. Und da er nun in einer andern Klasse der Gesellschaft lebte wie vorher und sein Kind auch in dieser Klasse leben mußte, so konnte er seine Frau nicht behalten; deshalb war es nötig, daß er sein Kind Fremden anvertraute, die aber waren arme Menschen, welche gänzlich von dem Kinde abhingen, deshalb vermochten sie ihm nicht zu widerstehen. So war sie denn zu einem solchen Wesen geworden, wie sie bis dahin war, und nur das blieb zu verwundern, daß sie nicht noch Schlimmeres getan. Nun aber wollte sie einen neuen Weg gehen, und da schien es ihr das beste, wenn sie Krankenpflegerin würde, weil sie da wirklich tätig sein konnte, denn alle Untätigkeit war ihr jetzt ein Ekel. So lebte sie nun schon seit einigen Jahren und war sehr ruhig und genoß dasjenige Maß von Glück, das ihrer besonderen Art bestimmt war und wohl freilich nicht sehr groß sein mochte.

Dieses alles erzählte die Schwester dem Hans, und der wunderte sich über ihren Frieden. Aber nachdem er ihre Geschichte lange bedacht hatte, da fand er am Ende doch, daß sie wohl ein andrer Mensch war wie er; denn wiewohl er sich viele Mühe gab zu Ruhe, so hatte er doch beständig Gewissensbisse und Selbstvorwürfe, und das Leben erschien ihm ganz schwierig. So sah er ein, daß die Gottlosen leichter leben wie die, so an Gott glauben, und ergab sich ihm, daß wir höher kommen sollen dadurch, daß wir an Gott glauben, denn wenn uns das Leben schwierig wird, so steigen wir indessen auf einen hohen Berg, wo die Luft härter und reiner ist, und die Arbeit der Menschen ist tief unter uns, die sie treiben, damit sie ihr fleischliches Leben erhalten.

Die meisten der Pflegerinnen hatten keine Geschichte gehabt und waren nur so gewöhnliche Menschen, die mit Widerwillen ihre Aufgabe erfüllen; aber noch eine andre Schwester wurde für Hans merkwürdig, denn die bildete ein Gegenstück zu jener ersten. Deren Erlebnis war folgendes gewesen:

Sie war als Tochter eines höheren Beamten geboren, und ihre Eltern lebten in beständigen Sorgen, weil ihre Mittel zu gering waren, um den Aufwand zu befriedigen, den sie für nötig hielten. So wurde sie schon frühe gewöhnt, überlegend und sparsam zu sein und nach außen doch eine gewisse Unbefangenheit zu zeigen, und ihr Wunsch war von Jugend an, sie möchte einmal ein recht tüchtiger Mensch werden, damit sie ihrem späteren Mann in ihrer Art behilflich sein könne.

Wie sie noch jung war, bewarb sich ein recht gut gestellter Mann um sie, ein Rechtsanwalt, der sie an Jahren ziemlich übertraf, und auf das Zureden ihrer Eltern heiratete sie den, wiewohl sie keine besondere und außergewöhnliche Zuneigung zu ihm verspürte; aber ihre Mutter hatte ihr in vertraulicher Weise gesagt, daß wohl überhaupt nur wenigen Menschen das Glück einer wirklichen Liebe werde, die man sich vorstelle in der Jugend. Sie gewann mit der Zeit den Mann auch in ruhiger und einfacher Weise lieb, denn er war gut zu ihr und sehr zuverlässig und tüchtig, daß jeder vor ihm Achtung haben mußte. Kinder indessen bekam sie nicht von ihm. Nun stellte es sich aber heraus, daß sie einen verschiedenen Willen hatten über das, was die Frau tun soll, denn sie hatte gemeint, daß sie eine rechte Tätigkeit haben werde in Leitung des Hausstandes, guter Wirtschaft und umsichtiger Fürsorge; er aber, da er keine Kinder hatte und viel verdiente, wollte gar nicht, daß seine Frau so viel Eifer auf diese Dinge verwendete, denn er mochte lieber, daß sie sich schön putzte und darauf sann, wie sie ihm allerhand Spiel und Gaukelwerk vormachte, wenn er von seiner Arbeit kam. Und ferner hatte sie gemeint, daß die Frau mit dem Mann viel Ernsthaftes reden werde und von ihm manches lerne, er aber war nicht zu gründlichen Gesprächen mit ihr aufgelegt, sondern wendete alles zu Scherz und Kurzweil, wenn er mit ihr war. Hierüber wurde sie recht traurig und fühlte sich ohne Glück und Befriedigung und empfand eine große Langeweile und zuweilen sogar einen Ärger über ihren Mann.

Als dieses so ging, kam in das Haus ein Verwandter des Mannes, ein junger Herr, welcher seine Universitätsstudien beendet hatte und auch seine ersten praktischen Jahre und nun als junger Assessor bei seinem geschickten und klugen Oheim noch lernen wollte. Dieser hatte viel Liebe zu aller Art von Kunst und Dichtung und hatte auch über die Fragen unsers gesellschaftlichen Lebens nachgedacht und besonders über die Bestrebungen der Frauen, die heute mehr Selbständigkeit und Beachtung wünschen. Da geschah es bald, daß er mit der Frau in eifrige Gespräche kam, und lieh ihr Bücher, erzählte ihr von allem, was heute geschieht und was viele denken, und sie stritten oft miteinander; und weil sie beide gute und harmlose Menschen waren und auch der Mann ohne Arg war, so dachte keiner von ihnen, was aus diesem entstehen konnte. Am Ende aber kam die Frau als erste zur Klarheit, was ganz plötzlich geschah, es wurde nämlich ihr Mann unvermutet von einer elektrischen Bahn überfahren und in solchem Zustand ins Haus gebracht, daß sie zuerst meinte, er sei tot, da verspürte sie plötzlich, daß sie den Jüngling liebte, und in heftiger Verzweiflung kamen ihr die Tränen aus den Augen; der Mann war aber nur leicht verwundet gewesen und genas wieder nach einiger Zeit. Da beschloß sie, wie er wieder ganz gesund war, daß sie ihm alles sagen wollte, ging zu ihm und erzählte von Anfang an und schloß, daß sie eine Liebe zu dem andern gefaßt habe. Hierüber wurde der Mann sehr bekümmert, wie er aber sah, daß sie selbst so verzweifelt war, tröstete er sie und machte ihr Mut, sagte ihr, daß er sie liebe und schonen wolle, und sie werde die Neigung überwinden, und alles werde wieder gut sein, wie es früher war, und darauf ging die Frau aus dem Zimmer und war in getroster Hoffnung, daß alles so geschehen müsse, wie der Mann gesagt.

Der aber ließ sich alles noch eine Weile durch den Sinn gehen, und dann verblaßte ihm die Rede seiner Frau und schien ihm nach einiger Zeit ganz unwichtig, denn sie schämte sich auch und sprach nie wieder zu ihm von dem vorigen, und ihre Scheu bemerkte er nicht. Deshalb tat er nichts, um das Verhältnis zu ändern, das bis dahin bestanden, sondern ließ alles beim alten, und der Jüngling war nach wie vor in ihrer beider Nähe. Und sie verschloß sich immer mehr innerlich und hatte eine große Angst und fühlte sich einsam und ohne Schutz.

Wie sie nun in diesen Gesinnungen sich von dem Jüngling ferner hielt wie sonst, da kamen auch diesem neue Gedanken, und es wurde ihm bewußt, daß auch er seinerseits eine Neigung gefaßt habe, und so erklärte er sich die Zurückhaltung der Geliebten so, daß er meinte, sie habe etwas von seiner Neigung verspürt und sei etwa gekränkt und beleidigt, und über diesem Gedanken wurde er recht unglücklich und härmte sich ab mit Vorwürfen. Und wie sie beide auf solchem Wege waren, da geschah es nach einiger Zeit mit Notwendigkeit, daß sie zueinander sprachen, und am Ende wuchs dem Jüngling die Kühnheit, und er gestand mit Worten seine Liebe. Da erhob sie sich, sah ihn zärtlich an und ging von ihm auf ihre Stube und hatte da einen Dolch heimlich verborgen, eine altertümliche Waffe, die sie in Italien einmal gekauft hatte aus Freude an dem kunstvollen Griff und in romantischer Spielerei, den stieß sie sich in die Brust, und sie stieß ganz sicher, und um ein Haar wäre sie da gleich gestorben, aber durch einen glücklichen Zufall und später durch die Kunst eines geschickten Arztes blieb sie doch am Leben und genas langsam wieder, indem sie in ihrem Stübchen am Fenster saß und sehnsüchtig in die frühlingsblühenden Bäume vor ihrem Hause blickte. Und war in dieser Zeit ihr Mann sehr gut zu ihr, brachte ihr viele Geschenke von kostbaren Kleiderstoffen und schönem Schmuck und klagte, daß er sich ihr nicht so widmen könne, wie er möchte, weil seine Arbeit ihn festhielt, von dem jungen Vetter aber erzählte er nie, der war fortgezogen in eine andere Stadt.

Wie sie nun wieder ganz gesund war, setzte sich der Mann öfter mit ihr zusammen und besprach mit ihr solche Dinge, über die sie mit dem Jüngling geredet hatte, mit ihm aber früher nie, denn mit ihm hatte sie nur Kindereien getrieben. Aber er war viel klüger und erfahrener wie der junge Mann und stammte aus einer älteren Zeit, die einen andern Glauben hatte, und so stimmten seine Worte nicht zu den Worten seiner Frau und waren wie die eines Lehrers zu einem widerwilligen Schüler. Hierüber kam es, daß sie einen neuen Entschluß faßte und aus ihres Mannes Haus ging bei der Nacht und in die Stadt reiste, wo der Neffe lebte in einem Studentenstübchen unterm Dach. Den suchte sie auf in seiner Wohnung und sprach, sie wolle mit ihm leben.

Es wurde nun viel Übles geredet, und das Gericht schied sie von ihrem Manne, und sie dachte, daß sie jetzt den Geliebten heiraten wolle, auch war alles schon vorbereitet für dieses Ende. Da geschah es, daß sie an einem Abend mit ihm ausging, und er führte sie an seinem Arm, sie gingen aber eine breite Straße, wo viele Geschäftsläden waren, in denen große Spiegel stehen, welche die Auslagen sollen reicher erscheinen lassen; und die Spiegel stehen häufig so, daß man sich in ihnen ganz genau erblickt, wenn man vorbeigeht, und es ist, als komme man sich selbst entgegen. So sah sie auch sich selbst am Arm ihres Geliebten, und durch einen Zufall erblickte sie neben dem ein sehr schönes Mädchen, das etwa einen Schritt vor ihm ging. Da fiel ihr auf, daß sie älter war wie der Mann, und dachte, daß sie ein Unrecht tue, indem sie ihn heiraten wollte, und er werde die Heirat später bereuen. Sie sagte aber nichts, sondern ging ruhig weiter; nur machte sie sich zu Hause heimlich zurecht, schrieb ihm einen Brief zum Abschied und reiste von ihm fort, und weil sie nirgends hin wußte, denn alle hatten sie ausgestoßen, so ging sie in eine Gesellschaft von Krankenschwestern, lernte bei denen mit großem Eifer und war nun am Ende in das Haus gekommen, wo Hans jetzt krank lag.

Diese hatte eine ganz andere Gemütsart wie jene erste, denn sie lebte in beständiger Gewissensnot und tat viel um ihrer Seele willen. Es kam aber wohl alles, was sie tat, aus ihrer Güte und Liebe, und deshalb übte es eine gute Wirkung; sie selbst aber hatte dabei immer das Ende vor sich, daß sie eine Qual und Überwindung haben wollte, deshalb ging sie zu denjenigen Kranken, welche die widerwärtigsten schienen, und so hatte sie eine wahrhafte Buße.

Weil nun Hans doch seine Seele gesund machen wollte, so sprach er auch mit dieser über seine Furcht und Gedanken. Da antwortete sie ihm, daß sie ruhig sei und keine schweren Gedanken habe, wenn sie etwas Mühseliges und Widerstehendes tue, das in Wahrheit ein Opfer sei; wenn sie aber äußerlich wohllebe, so könne sie nach einiger Zeit ihre Gedanken nicht mehr aushalten, die sich untereinander anklagen und verteidigen.

Hierdurch wurde es Hansen klar, daß auch diese Frau wohl den Weg gefunden habe, der für sie selbst gangbar sei, aber für einen andern Fuß war der nicht geschaffen, denn es war ja klar, daß diese Frau ihre Geschichte nicht verwinden konnte wie die erste, sondern sie vermochte sich nur für eine Zeit zu betäuben; er aber wollte ein freier Mensch werden, der nicht von Furcht, Hoffnung und Geschichte abhing, sondern jede Handlung wollte er immer als ein Neuer und Frischer tun; nur konnte er zu diesem Wesen nicht auf die Weise kommen wie die erste Frau, sondern es mußte eine besondere Weise für ihn geben. Wie er in dieser Verfassung lag und vieles grübelte hierüber, besuchte ihn der alte Mann, bei dem er gewohnt, und der ihn hatte einladen wollen zu einer Weihnachtsfreude, als er ohnmächtig in seiner Stube auf dem Boden lag. Der erzählte allerlei mit fröhlichem Gesicht, was sich ereignet unter den kleinen Leuten, die in dem Hause lebten, und am Ende konnte er es nicht mehr verschweigen, was er vornehmlich auf dem Herzen hatte und doch nicht gleich zu Anfang sagen wollen, aus Bescheidenheit, weil er sich nicht mit seinen eigenen Angelegenheiten vordrängen mochte, denn sein Sohn war zurückgekommen aus dem Zuchthaus, wo er Wolle gesponnen hatte, und hatte einen kahlen Kopf gehabt und ein rasiertes Gesicht, und hatte sehr blaß ausgesehen, und die Augen lagen ihm tief. Er war eingetreten, und die Eltern hatten ihn zuerst nicht erkannt, da sagte er: »Wollt ihr mich denn verstoßen?« Da erkannten sie ihn an der Stimme und sprangen auf vom Stuhl und freuten sich, ihm aber rollten große und runde Tränen aus den Augen über die abgehärmten Backen, und mußte sich auf das Sofa setzen, und die Mutter lief gleich in die Küche und kochte ihm Schokolade, die hatte er als Kind immer gern getrunken, und der Vater sprach mit ihm von den Ernteaussichten und klagte über die Fleischpreise, denn er wollte sich anstellen, als sei nichts Bedeutsames geschehen. Dann kam der Knabe aus der Schule, und wie der seinen Vater sah, der so lange in der Fremde gewesen war, da freute er sich und kletterte an ihm in die Höhe, denn er war ein dreister Junge, und von seines Vaters Schande wußte er nichts. Alles das erzählte der alte Mann und freute sich über seines Sohnes Heimkehr, der im Zuchthaus gesessen hatte und hatte Wolle gesponnen, und mehrmals sagte er: »Er hat uns doch nicht vergessen in den Jahren, und alles wußte er noch, wie es früher gewesen war, als wir ihn noch bei uns hatten.«

Das war Hansen wunderlich, daß der alte Mann sich so freute und gar keinen Vorwurf hatte, sondern nur zu rühmen und zu loben wußte. Da fiel ihm das Evangelium vom verlorenen Sohn ein, der hatte die Säue gehütet und machte sich auf und kam zu seinem Vater. Wie er aber noch ferne von dannen war, sah ihn sein Vater, und jammerte ihn, lief, und fiel ihm um seinen Hals und küßte ihn. Und als Hans an dieses dachte, da ging es ihm wie Schuppen von den Augen und sank ihm wie eine Last von den Schultern und sein Herz ward leicht, und er wußte, daß wir einen Vater im Himmel haben, der uns lieb hat und sich freut, wenn wir zu ihm kommen, keinen Vorwurf sagt, sondern uns rühmt und lobt und spricht: »Laßt uns fröhlich sein, denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist gefunden worden.« So geschah in einem Augenblick die Wendung in Hansens Leben und wurden seine Jünglingsjahre abgeschlossen, denn nun sah er einen ebenen Weg vor sich, der durch Tage ruhiger Arbeit zu einem friedsamen Alter führt. Da wußte er, daß auch die Not und Sorge nötig gewesen war, und aller Irrtum und das überflüssige Grübeln, nicht zu dem Ende freilich, das er damals gemeint hatte, zu einer abschließenden Erkenntnis zu kommen, denn was half es ihm, daß er wußte: Nach der letzten Denker Meinung ist mein Ich kein Wesen, sondern ein Geschehen, eine Beziehung, eine mittlere Linie aus subjektlosen Willensenergien; sondern zu dem Ende, daß er gänzlich die jugendbegehrliche Vorstellung von Gott abstreifte, als einem Wunschwesen, von dem man allerlei erbittet, und die neue gewann, daß er so wenig Wesen ist wie ich selber, und doch, mein lieber Vater im Himmel ist, der sich freut über meine Heimkehr.

Und wie das scheinbar zufällige äußere Leben das innere umhüllt als sein rohes Abbild, so kamen nun auch die äußeren Ereignisse, die den Übergang zum Mannesalter bestimmen.

Die Tröstung, die Hans gewonnen hatte aus dem Evangelium vom verlorenen Sohne, wirkte darauf, daß er sich schnell kräftigte und von Tag zu Tag zunahm an Stärke und Freude. So geschah es, daß er bald sein Krankenstübchen verlassen konnte, dessen Wände eng waren mit einer ganz hohen Decke, und ging in den allgemeinen Saal hinunter. Hier saß er in einer seligen Müdigkeit am offenen Fenster, und frische Luft wehte an seinem lächelnden Gesicht vorbei in das große Zimmer, wo viele saßen und leise miteinander sprachen.

Da öffnete sich die Tür gegenüber, und in dem Luftzug blähte sich die Gardine auf, und wie Hans zur Seite blickte, sah er in der Türöffnung eine Krankenschwester stehen in der schwarz und weißen Tracht, die einen Blick hatte, der über vieles Nahe und Kleine hinweg in die Ferne zu schauen schien. Für einen kurzen Augenblick traf dieser Blick in seine erstaunten Augen, dann wendete sich die Schwester langsam und war wie unschlüssig und ging wieder zurück, woher sie gekommen, und die Tür schloß sich hinter ihr; auf deren weißen Fläche aber hob es sich deutlich ab wie ein leichter Schatten der Entschwundenen, welcher in dem Geiste Hansens gewesen war und nun von den körperlichen Augen gesehen wurde.

In Hansens Herz fiel eine schwere Ahnung, daß hier eine Schicksalswendung des äußeren Lebens begann, und auch das Mädchen hat in jenem Zusammenstoßen des Blickes ihr Herz erbeben fühlen. Nach der Zeit erfuhr er, daß das Mädchen jene Gräfin Maria war, mit welcher er als Kind gespielt hatte in dem Forsthause seines Vaters. Die hatte bei ihrer Arbeit nicht gefunden, was sie erwartet. Eintönig ging das Leben hin zwischen gewöhnlichen Menschen, die nur an die kleinen Sorgen des Lebens dachten, und deren Aufschwung nur etwa einmal ein gemeines Vergnügen war, in dem sie sich von der Gleichmäßigkeit der täglichen Pflicht erholten. So kam sie dahin, daß sie ganz allein war und sich fremd fühlte zwischen den andern, wie sie sich schon zu Hause fremd gefühlt hatte, und weil sie nichts andres wußte, so meinte sie am Ende, das müsse so sein, und es gebe keine Gemeinsamkeit mit andern, und ein jeder Mensch sei ein tiefer Brunnen, den eine Mauer umzieht, der kann die Wolken wohl spiegeln, und das tiefe Blau des Himmels, und die goldenen Sterne, aber weiß nichts von den andern Brunnen im Garten, die schweigen, wie er selbst schweigt, und ihr dunkles Auge blickt sehnsüchtig in den hohen Himmel. Und so war sie zu der Meinung gekommen, daß wir zwar in unsrer Jugend glauben, es sei ein Glück und ein Ziel unsers Lebens für uns bereitet irgendwo, aber das ist nur ein Glaube unsrer Jugend, der bewirkt, daß wir wachsen und groß werden, und dann ist er nicht mehr notwendig und verschwindet in Dunst vor unsern Augen. So war sie zu dem Punkt gekommen, wo die Liebe das größte Glück für sie werden mußte, denn sie zeigte ihr ein Ziel und Ende des Lebens.

Und desgleichen war Hans nun auf diesem Punkt, denn er war ein Mann geworden, und nun mußte er Weib und Kind haben und eine Stelle in der Gesellschaft, wo er arbeiten konnte mit den Kräften, die er in den Jünglingsjahren sich erworben hatte.

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