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Der schmale Weg zum Glück

Paul Ernst: Der schmale Weg zum Glück - Kapitel 18
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typefiction
authorPaul Ernst
titleDer schmale Weg zum Glück
publisherGeorg Müller
firstpub1901
year1919
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
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created20081218
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Um Luise schloß sich immer enger der Ring des Todes. Wir wissen ja nicht, durch welche Kräfte am letzten Ende die entscheidende Willensrichtung gebildet wird, deshalb ist uns auch in den menschlichen Dingen so vieles unbegreiflich, nämlich alles das, wo wir nicht auf irgendeine Weise Gründe unterbauen können. Deshalb kann ein Erzähler in solchem Fall nur die Ereignisse berichten, die ihm irgendwelche Bedeutung gehabt zu haben scheinen.

Es lebte damals ein früherer Gutsbesitzer mit seiner Frau und einzigem Sohn in Berlin, der Offizier war. Der alte Mann hatte in jungen Jahren sein Gut in fröhlicher Hoffnung übernommen, nachdem er seine Geschwister ausgezahlt und eine brave und schöne Frau geheiratet. Nun war aber damals eine Zeit, wo der Weizen und die Wolle immer billiger wurden und die Arbeitslöhne immer stiegen, so daß die Ausgaben sich erhöhten und die Einnahmen sich minderten. Er ging lange mit sich zu Rate, was er bei dieser Erscheinung wohl tun könne, fragte auch seine Nachbarn, die zwar sich in ähnlicher Lage fanden, und zuletzt las er selbst Bücher, wiewohl er sonst wenig studiert, sondern hatte seine Universitätszeit vielmehr mit lustigen und treuen Freunden in Heiterkeit ohne sonderliches Arbeiten verbracht; aber auch aus den Büchern fand er keine Auskunft, die er nicht zuvor schon selbst verworfen gehabt hätte. Nun half er sich wohl mit großer Sparsamkeit, und seine treue Frau war sehr fleißig, daß sie aus ihrer Wirtschaft herauszog, was möglich war, aber mit der Zeit kam es sogar dahin, daß die Einnahmen geringer wurden wie die Ausgaben für den Betrieb und Zinsen. Da gelangte er in seiner Not zu Borgen und Wechselschreiben, und weil nun auch sein Gewissen schlecht wurde, denn er wußte nicht, wie er den Wucherer einmal bezahlen sollte, so schloß er die Augen und überlegte gar nichts mehr, sondern lebte wie einer, der morgen sterben soll und Mut hat und sich heute noch freut; er beruhigte sich aber immer, indem er sich sagte, daß der Wucherer schon selbst wissen werde, wie er wieder zu seinem Gelde komme.

Aus dieser Betäubung riß ihn die Rede eines leichtfertigen Handwerkers. Er mußte nämlich an einem Stall Reparaturen machen, der erst vor nicht allzu langer Zeit gebaut war, aber weil der Zimmermann betrüglicherweise frisches Holz genommen, so waren einige Balken stockig geworden. Wie er den Menschen nun zur Rede stellte und ihn in scharfen Worten an seine Handwerkerehre erinnerte, erwiderte der patzig, dafür sei ja der Bauherr da, aufzuachten, daß alles ordnungsgemäß gemacht werde. Diese Worte gingen dem alten Mann sehr nahe, denn er dachte bei sich, daß er selbst ja ebenso vernünftelt habe wie dieser unredliche Handwerker, und dabei war er ein vornehmer und adeliger Mann, der Stolz hatte. Deshalb fuhr er gleich in die Stadt zu dem Wucherer und erzählte dem alles, der heftig erschrak und nach Art solcher gemeinen Menschen in häßlichen Worten ihm Vorwürfe machte. Indessen gelang es doch, das Gut vorteilhaft zu verkaufen an einen wohlhabenden Herrn aus der Großstadt, dessen Vater viel Geld verdient hatte, und der sich zu diesem ererbten Gelde nun eine gesellschaftliche Stellung verschaffen wollte, so blieben dem alten Herrn sogar noch mehrere tausend Mark übrig.

Mit diesem geringen Gelde zog er nun nebst seiner Frau nach Berlin, wo sein Sohn schon früher lebte als ein frischer und unbefangener junger Offizier, der mäßig war und sehr verständig an seine Zukunft dachte. Die Frau beschloß, eine große Wohnung zu mieten und Fremde bei sich aufzunehmen um Geld, welcher Plan ihr auch gelang, da sie manche Familienbeziehungen hatte, der alte Mann aber, welcher einsah, daß er dergestalt keine Tätigkeit für sich selbst fand, durch die er zum Unterhalt der Familie beitragen konnte, wollte nicht durch seiner Frau Arbeit leben, und mühte sich so lange, bis er eine Anstellung bei der Pferdebahn erhielt als ein Aufseher über die Schaffner, damit die immer ordentlich alles Geld abliefern und nicht betrügen. Und wiewohl sein Körper schon gebrechlich war und dieser Dienst ihn recht anstrengte, so fühlte er sich doch nunmehr glücklich und zufrieden und erzählte seiner Frau des Abends vieles über die verschiedenartigen Charaktere der Schaffner, indessen die mit einer Küchenarbeit für das Mittagessen des nächsten Tages beschäftigt war.

Bei diesen Eltern lebte der junge Offizier, und weil er gesund und rotwangig war, auch vor seinen Vorgesetzten angenehm und bei seinen Kameraden beliebt, so dachte er, daß er wohl eine Heirat machen könne, durch die er seine Glücksumstände wieder aufbesserte. Und wie in Berlin alle verschiedenen Kreise der Gesellschaft sich in der wunderlichsten Weise berühren, so hatte er bei einer gewissen Gelegenheit Luise kennen gelernt und durch ein lange geführtes Gespräch liebgewonnen, denn bis dahin hatte er nur solche junge Damen gekannt, die mit ihm über Beförderungen und Rangliste sprachen. Nun bedachte er zwar, daß sie eine Jüdin war und wenig angenehme Eltern hatte, auch blieb es ihm nicht unanstößig, daß sie Studentin gewesen, wennschon ihr Benehmen nichts Auffälliges zeigte; indessen wußte er doch, daß sie eine große Mitgift erhoffen konnte, auf die er ja angewiesen, und dann hoffte er, daß der Umgang mit den Damen vom Regiment sie bald zu einer richtigen Offiziersfrau machen werde; über das alles hinaus gab bei ihm aber den Ausschlag, daß er eine große Zuneigung zu ihr gefaßt hatte, was freilich verwunderlich schien in Anbetracht der sonderlichen Verschiedenheit zwischen den beiden. So entschloß er sich denn und schrieb ihr einen wohlgesetzten Brief, in dem er sie fragte, ob er ihren Vater um ihre Hand bitten dürfe.

Ihre Eltern hatten aus Anzeichen schon vorher die Werbung geahnt, die von der Mutter begünstigt wurde, der Vater aber, der früher oftmals heftig gegen reiche Glaubensgenossen gesprochen, die ihre Töchter an Christen gaben, war der Verbindung feindlich gestimmt, und so wurde schon lange, bevor der Brief ankam, in der Familie lebhaft und nicht mit Würde über das Kommende gesprochen, unter tiefem Leiden Luisens, die den jungen Mann wohl ganz gern sah als einen gesunden und tüchtigen Menschen, aber keine weitere Neigung zu ihm verspürte, denn durch diese Gespräche wurde ihr, als werde ihr Innerlichstes und Heimlichstes ans Licht gezogen und vor den Menschen zur Schau ausgebreitet. Und wie nun der Brief wirklich ankam, da hatte sie eine heftige Angst vor den Gesprächen und Reden, die noch folgen würden, und zudem wurde der Überdruß, den sie schon lange empfunden, plötzlich sehr viel heftiger; so beschloß sie, daß sie aus dem Leben gehen wollte, ohne daß sie eigentlich einen augenscheinlichen Grund gehabt hätte. Ehe sie aber ihre Tat ausführte, schrieb sie noch einen Brief an Hans, der ihrer Seele wohl am nächsten gestanden haben mochte. In dem sagte sie ungefähr folgendes:

»Ich sterbe, weil ich auf keinerlei Weise sehen kann, wie ich zu leben vermöchte, und weiß auch nicht, wie andre Leute leben können. Lange habe ich nachgedacht, denn ein jeder hat doch einen Willen zu leben, und vielleicht wäre es am besten für mich gewesen, ich hätte jung geheiratet und Kinder gekriegt; denn nachdem wir für uns selbst an das Ende gekommen sind, daß wir nichts mehr zu erstreben sehen, haben wir dann noch Ziele für die Kinder und ihr Größerwerden. Und so ist meine törichte Liebe zu Peter wohl noch das klügste gewesen in meinem Leben, die ich durch zu viele Klugheit zerstört habe, weil ich geistig hochmütig war und keinen Glauben fassen konnte zu einem Mann. Wenn du einmal heiraten solltest und Töchter haben, so erziehe sie nicht so, daß sie viel wissen, denn schon Männer macht das unfroh, aber Frauen vermögen dann nicht zu leben, weil sie nicht mehr sehen, wie sie das können.«

Diesen Brief erhielt Hans am Weihnachtsabend, als er allein in seiner Stube saß und über sein bisheriges Leben nachdachte. Da fand er, daß er war wie ein Baum im Herbstwinde, denn wie trockene Blätter waren die Freunde abgefallen, und der Wind trieb sie hierhin und dorthin. Und als er den Brief gelesen, dachte er sich, daß dieses das Ende aller sei, und nur einige wenige Jahre waren doch vergangen, daß so viele junge Leute zusammengewesen waren und Kraft gehabt hatten und einen starken Willen zu allem, was das Schicksal ihnen auch aufgeben mochte; und nun saß er selbst an diesem Weihnachtsabend einsam in seiner Stube und dachte nach, wie Luise nachgedacht hatte, denn auch er hatte einen Willen zu leben; aber er fand nicht, wie das alles so gekommen sein konnte.

Und indem er angestrengt nachdachte, und es schien ihm zuweilen, als sehe er ganz von weitem das letzte Ende des Gedankens, den er erreichen wollte, da öffnete sich die Tür und jener Russe trat ein, den er gleich in der ersten Zeit seines Berliner Aufenthaltes kennen gelernt; später war er immer in Beziehung zu ihm geblieben, aber er mochte ihm nicht wieder so nahe kommen wie in jener Nachtstunde. Dieser trat jetzt ein, begrüßte ihn und sagte, er habe ein belastetes Herz und suche einen Mann, zu dem er sich aussprechen könne. Dann erzählte er folgendes:

Vor Jahren, wie er noch in Rußland lebte, hatte er einen Freund, der ein stiller Mensch war, der von den revolutionären Wünschen und Gedanken ihres Kreises nichts wissen mochte, sondern sein Studium liebte, nämlich die Mathematik. Dieser lebte mit seiner Schwester zusammen, einem sehr schönen Mädchen, das aus Liebe zu einem andern Studenten philosophische Schriften las und bedachte.

Nun war damals ein neuer Polizeimeister in Petersburg eingesetzt, der eine heftige Verfolgung solcher Personen begann, die ihm politisch verdächtig schienen. Bei dieser Gelegenheit wurden auch das junge Mädchen und ihr Bruder verhaftet, und weil man bei ihr verbotene Bücher gefunden hatte, so untersuchte man sie besonders genau, und befahl der Polizeimeister, daß die Jungfrau in seiner Gegenwart nackt ausgezogen werde, damit man nachsehen könne, ob sie nicht noch heimlich an ihrem Körper etwas verborgen hatte. Hierüber und wie sie die lüsternen Augen des Polizeimeisters sah, ward sie von so heftiger Scham ergriffen, daß sie ein Messer nahm, das da auf dem Tisch lag zum Spitzen der Bleistifte, und es sich in die Brust stieß; und weil sie gerade auf die Stelle des Herzens getroffen hatte und der Stoß nicht durch Kleider abgeschwächt wurde, so sank sie gleich um und verschied in wenigen Augenblicken.

Wie der Bruder, dem nichts Verbotenes nachgewiesen werden konnte, aus dem Gefängnis entlassen war, bereitete er eine Rache vor, denn seine frühere Gesinnung hatte sich durch dieses Ereignis gänzlich in ihr Gegenteil verwandelt, und da er die notwendigen chemischen Kenntnisse besaß, so gelang es ihm leicht, ein Sprengwerkzeug zu machen, durch das er den Polizeimeister töten wollte. Er hatte aber das Mißgeschick, wie er das Kästchen sorgsam über die Straße trug, daß die Masse sich vorzeitig entzündete und ihm einen Arm wegriß und beide Augen blendete. So wurde er vom Pflaster aufgenommen und durch geschickte Ärzte wieder geheilt, dann aber klagte man ihn seines Versuches wegen an und verurteilte ihn zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe.

Die hatte der Mann nun abgebüßt, und zwar zum Teil in Einzelhaft, und dann war er aus Rußland fortgegangen und nach Berlin gekommen. Solches Geschick aber hatte ihn jedoch zu einem ganz merkwürdigen Menschen gemacht; denn er war damals achtzehn Jahre alt gewesen; und zwar in seinem Fach recht tüchtig, sonst aber etwas unreif und kindisch. In den zehn Jahren, die er seitdem in Finsternis und ohne alle Möglichkeit der Bildung verbracht, war sein Geist dann nicht älter geworden, und auch seine Erfahrungen hatten sich nicht vermehrt; nur zweierlei war in seinem Innern geschehen, nämlich erstens, er hatte die revolutionären Gedanken, die er damals ohne Interesse angehört, in sich befestigt und in einer Art von mathematischem Sinn und ohne Verständnis für die Wirklichkeit in sich gestaltet, und zweitens, er hatte sehr viele und lebhafte Träume gehabt und konnte in seiner Erinnerung nicht mehr unterscheiden zwischen Erlebtem und Geträumtem; und indem er auch jetzt noch derart träumte, und zwar häufig Vorgänge in solcher Weise, wie er sie sich wünschte, so befand er sich in Wahrheit in einer ganz andern Welt wie seine Umgebung; denn wenn ihm ein Wunschgebilde dieser Art abgestritten wurde als nicht wirklich, so hielt er den Menschen für erträumt, der gegen ihn stritt, nicht aber seine Vorstellung, weil diese sich bereits ganz mit seinem gesamten Weltbilde verschmolzen hatte.

Wie dieser Mann nun eine kleine Weile in dem Kreise der russischen Freunde in Berlin gelebt hatte, die fleißig zusammenkamen auf ihren Zimmern und viel disputierten, stellte sich das wunderliche Wesen heraus, daß er auf alle Mädchen und Frauen des Kreises eine große Anziehungskraft ausübte, trotzdem er schauerlich anzusehen war durch die Verstümmelungen an seinem Körper und im Gesicht, und wollten ihm alle dienen und helfen. Er aber hatte sich besonders an des Erzählers Frau angeschlossen, bei dem er auch wohnte und aß.

So verging nun eine Zeit, während welcher die Frau nachdenklich und schweigsam war; dann aber sagte sie zu ihrem Mann, daß sie ja doch beide sich von den Vorurteilen der bürgerlichen Gesellschaft befreit hätten und sich als Pfadsucher der neuen Menschheit wüßten, die, wie sie das oft besprochen, auch eine andre Form der Ehe bringen werde; in dieser solle die Freiheit der Persönlichkeit gewahrt bleiben; und da die Persönlichkeiten sich heute immer verschiedenartiger entwickelten, so werde die neue Ehe viele voneinander abweichende Typen aufweisen. Nun wisse er wohl, daß sie ihn liebe, aber es sei zu dieser Liebe eine neue Zuneigung in ihr Herz gekommen, nämlich für ihren gemeinsamen Freund; und anfänglich habe diese Erscheinung sie recht beunruhigt, denn da die Gefühle zu ihm als ihrem Mann noch immer die alten seien, so habe sie ihn doch nicht verlassen mögen um den neuen Geliebten; am Ende aber habe sie sich gedacht, daß auch solches in der künftigen Gesellschaft möglich sei, daß eine Frau mit zwei Ehegatten lebe, wie umgekehrt ein Mann mit zwei Ehefrauen, was wir ja beides auch heute schon bei barbarischen Völkern in der Wirklichkeit sehen; und da sie doch die künftige Gesellschaft in ihrer Lebensführung vorbilden wollten, so schlage sie ihm vor, daß der Freund in ihren Ehebund als Gleichberechtigter aufgenommen werde.

Auf diese Rede konnte der Mann nichts erwidern, da sie aber eine Angelegenheit von großer Bedeutung für die künftige Ordnung der Menschheit betraf, so entschloß er sich, daß er alles seinen Freunden unterbreitete, damit vorher eine gründliche Besprechung über die soziologischen und sittlichen Fragen stattfinde, die diesen Fall betrafen. Dies geschah nun alles, und nach einer sehr genauen Prüfung kamen die Freunde zu dem Urteil, daß die Frau recht habe und nach ihrer Rede geschehen müsse. Dem Spruch fügte sich der Mann, und so begannen die drei ihre neue Ehe.

Nun zeigten sich aber bald Unzuträglichkeiten, die sich aus dem Wesen des zweiten Gatten ergaben. Durch seine Eigenart war er nämlich allen Vorstellungen unzugänglich, die bezweckten, ihn zu etwas seinem Willen Entgegengesetzten zu bewegen; und nachdem zuerst aus Schonung alles nach seinen Wünschen gegangen war, herrschte er nachher hierdurch vollständig, zur großen Beschwernis des ersten Mannes. Und während sonst das neue Verhältnis wohl hätte Dauer haben können, wurde es ihm nun unerträglich, so daß er aus der Familie ausschied, denn die Frau hing mehr an dem zweiten Manne wie an ihm. Derart lebte er nun schon seit Wochen allein. Hans wußte auf diese Bekenntnisse wenig zu antworten; aber da jemand, der sein Herz erleichtern will, denn der Mann hing noch an seinem Weibe und sehnte sich nach ihr, nicht verlangt, daß man viel zu ihm spricht, sondern er ist froh, wenn er selbst ohne Störung seine Beichte beenden kann, so fiel das dem andern nicht auf.

Nach einer Weile fuhr der fort, nachdem er nun dergestalt allein lebe, habe er wieder mehr für die Verbreitung ihrer gemeinsamen Ideen tun wollen. Und da sei ihm Hans eingefallen, daß er es in der Hand habe, der Sache einen wichtigen Dienst zu leisten.

Er wisse nämlich, daß er gelegentlich noch jenen Kurt besuche, den Schwager Hellers, den er gleichfalls an jenem ersten Abend kennen gelernt. Wenn er nun dem auf seiner Schreibstube einmal sage, er wolle telephonieren bei ihm, so werde er und der andre den Raum verlassen, und er, nämlich Hans, bleibe allein. Dann könne Hans auf einer Wachstafel Abdrücke der Schlüssel machen, nach denen er selbst, der solche Künste gelernt habe, Nachschlüssel anfertigen werde; und wenn dann einmal gelegene Zeit sei, so würde er mit einem Freunde des Nachts das ganz unbewachte Geschäft öffnen und aus dem Geldschrank eine Summe nehmen, die seine Freunde in Rußland brauchten, um eine Druckerei anzulegen; und da keinerlei Spuren eines Einbruchs zu bemerken wären und man nicht erfahren könne, auf welche Weise das Geld verschwunden sei, so müsse dieser Plan ganz sicher auszuführen sein. Bedenken sittlicher Art aber werde er, Hans, doch wohl nicht haben, da man doch nur einem Ausbeuter nehme, was er zu Unrecht besitze, und das verwende für die Befreiung der Menschheit.

Wie Hans diese Rede hörte, wurde ihm wie durch einen Blitz sein eignes Leben und das Leben aller dieser Menschen erleuchtet, und wurde von tiefem Entsetzen fast geschüttelt, und war ihm, als müsse er den Russen niederschlagen in Entrüstung; und so sehr konnte er sich nicht bezwingen, daß der andre nicht seine Verfassung gemerkt hätte; die war aber derart, daß er in Angst geriet und verlegen wurde und dann plötzlich ging. Wie der andre fort war, kamen dem Hans die Tränen über sein Leben, er legte das Gesicht auf seine Arme und weinte bitterlich.

Aber noch nicht war die Zahl der Boten zu Ende, die ihm an diesem Weihnachtsabend geschickt wurden, nämlich der Brief der toten Luise, und dieser Mensch, der sich eben vom Narren zum Verbrecher entwickelte; es kam noch ein Wort von der treuen Dienstmagd seiner Eltern, und das traf ihn am tiefsten.

Die Mutter schickte ihm zur Bescherung aus der Heimat ein Kistchen, in das sie allerlei gepackt, was sie nützlich für ihn meinte, denn Überflüssiges zu schenken war ihrer sparsamen Art zuwider, und auf dem Boden lag der Brief, der fest zusammengefaltet war; in dem schrieb sie, daß Dorrel gestorben war, und erzählte die Art ihres Hinganges, und was sie ihr aufgetragen für ihn. Denn nachdem sie ihrer Frau alle ihre Habe nochmals gezeigt und gesagt, daß dies alles Hans erben solle, sagte sie: »Wie er zuletzt hier im Hause war, zum Tode seines Vaters, da fiel mir auf, daß sich sein Wesen verändert hat und daß seine Augen anders sind wie früher. Hierüber habe ich eine große Angst bekommen, aber als eine ungebildete Dienstmagd, die keine Kenntnis hat von einer Gelehrsamkeit, wagte ich ihm nichts zu sagen. Nun ich aber fühle, daß ich sterben werde, und ich hoffe, daß unser himmlischer Vater mich zu sich in sein Reich nimmt um seines Sohnes willen, so will ich versprechen, daß ich oben fleißig Fürbitte tun will für ihn bei Gott, damit der sich seiner erbarme und recht bald ihn frei mache aus seiner jetzigen üblen Verfassung.«

Es wohnte Hans bei braven und ordentlichen Leuten, die gleich ihm ein trübes Weihnachten feierten. Der Mann war ein Zuckerbäcker gewesen und als ein fleißiger und ordentlicher Mann, der auch eine sparsame und häusliche Frau hatte, war er in seinen Verhältnissen recht vorwärtsgekommen. Die beiden hatten einen einzigen Sohn, den sie mit vieler Liebe erzogen, und vielleicht waren sie allzu nachsichtig gegen ihn gewesen. Sie hatten ihn auf die gute Schule getan, wo er als ein begabter und leicht auffassender Junge anfänglich rasche Fortschritte machte, aber wie er in die höheren Klassen kam, wurde er träge, hielt sich zu den leichtsinnigen und schlechten Schülern, und durch Rauchen und Trinken vergnügte er sich in einer Weise, die seinem Alter noch nicht zukam. So geschah es, daß er die Schule nicht beenden und dann studieren konnte, wie die Eltern gedacht, sondern er mußte aus der Sekunda abgehen. Da ließen sie ihn eine mittlere Beamtenlaufbahn ergreifen und brachten ihn bei der Steuerverwaltung unter, und waren sehr stolz, wenn er sie in seiner schmucken dunkelgrünen Uniform besuchte, zahlten auch viel Geld für ihn, denn er machte große Ausgaben, weil er immer fein und vornehm erscheinen wollte. Dann heiratete er frühzeitig die Tochter eines andern Beamten, die ein sehr schönes Mädchen war, und es wurde erzählt, sogar ein Offizier habe um sie anhalten wollen. Die war nun freilich nicht vermögend und wußte nicht gut hauszuhalten, sondern hatte ihre größte Lust am Putz und Vergnügen, aber da ihre Art der seinigen zusagte, so lebten sie doch recht unbekümmert und fröhlich zusammen.

Die alten Eltern gerieten in große Sorgen, wie sie dieses Leben sahen und die großen Ausgaben merkten, und nachdem sie lange mit sich zu Rate gegangen, wie sie dem abhelfen könnten, besuchte am Ende der Vater seufzend seinen Sohn, ermahnte ihn zur Sparsamkeit, warnte ihn und sagte zuletzt, wenn er vielleicht Schulden gemacht habe, so solle er sie ihm nennen, denn er wolle lieber für ihn bezahlen, als daß er ins Unglück komme. Und über die herzlichen Worte war der Sohn fast gerührt geworden, wie es leichtfertiger Leute Art ist, aber im Nebenzimmer hatte die Schwiegertochter alles gehört, die kam herein und schalt auf den alten Mann, sagte ihm, daß er ihr Leben nicht verstehe und sie beide beständig kränke und fügte noch viele bittere Worte hinzu über ihre vornehmere Herkunft und besseren Gewohnheiten. Über dieses alles wurde der Sohn beschämt, teils wegen seines Vaters, daß ihm der ins Gewissen geredet, teils wegen seiner Frau, weil die ihre Geburt gegen seinen Vater hervorhob; der Zorn aber, der aus dieser Beschämung entstand, richtete sich gegen seinen alten Vater, als der es gut gemeint hatte, und so wurde er heftig und verbot dem am Ende sein Haus. Da ging der gute alte Mann wortlos aus der Stube, küßte noch einmal den Enkel und es flossen ihm Tränen über die Backen, und dann mied er seinen Sohn; dieser aber, da er sich schuldig fühlte, mied ihn gleichfalls.

Nun geschah es nach nicht langer Zeit, daß in der Kasse, welche der junge Beamte verwaltete, Unterschleife entdeckt wurden, denn weil sein Einkommen bei weitem nicht ausreichte für sein Leben, so hatte er erst Schulden gemacht, und wie die Schuldleute drängten, hatte er fremdes Geld angegriffen. So wurde er denn gleich verhaftet und ihm der Prozeß gemacht und zu Zuchthaus verurteilt. Die junge Frau, die doch mitschuldig an seinem Verbrechen war, gebärdete sich wie irrsinnig, beschimpfte ihren Mann vor andern Leuten und ließ sich von ihm scheiden als von einem Ehrlosen. Dann brachte sie das einzige Kind zu den Schwiegereltern und sagte denen, sie wolle eines solchen Mannes Sohn nicht erziehen, denn der schlage gewiß nach seinem Vater, und sie selbst wolle nun ein neues Leben anfangen, nachdem ihr früheres zerstört, nämlich sie habe eine große Begabung für den Gesang und wolle Künstlerin werden. Dann ging sie aus dem kleinen Orte fort, und es wurde erzählt, daß sie Sängerin in einer großen Stadt in einem jener Häuser geworden sei, wo die musikalischen Darbietungen nur andre Dinge verbergen sollen.

Auch die Eltern verließen ihre Stadt, in der sie jung gewesen waren und gearbeitet hatten und alt geworden waren, und nahmen den Enkel mit sich, denn sie konnten die Schande nicht ertragen und meinten, in der Großstadt vermöchten sie sich am besten zu verbergen, daß sie niemand sähe, der sie gekannt, und daß das Kind ohne Vorwurf um seinen Vater aufwüchse.

Über dem allem waren nun Jahre vergangen, und das Kind hatte zugenommen an Größe und Verstand und sich zu großer Ähnlichkeit mit seinem Großvater entwickelt, war auch recht brav in der Schule und saß immer als einer der Ersten. So kam nun die Zeit heran, daß ihr Sohn entlassen werden mußte aus dem Zuchthause, dem Jungen hatten sie aber erzählt, er sei in Amerika. Und wiewohl der Vater ihn noch einmal gesprochen nach seiner Verurteilung und sie sich Briefe schrieben, so wußten sie nicht, ob er zu ihnen kommen werde, und hatten zwar große Sehnsucht nach ihm, aber der Vater wagte doch nicht, nach dem Orte seiner Strafe abzureisen und ihn dort zu empfangen, denn er fürchtete, daß ihm das wieder mißfallen möchte und ihn wieder verhärte. Deshalb waren jetzt ihre Herzen gespannt in Furcht und Hoffnung, denn gleich nach den Feiertagen waren die Jahre abgelaufen. So hatte nun dieses Weihnachtsfest für sie eine besondere Bedeutung. Und wie es oft geschieht, daß guten Menschen Not und Sorge das Herz offen machen für andere, wie bei bösen sie es verschließen, so sprach die Frau zu dem Manne, er solle zu dem Mieter hinübergehen und den einladen zu ihrem Weihnachtsbaum, denn sie hatte wohl gemerkt, daß er ein einsamer Mensch war, um den sich niemand kümmern mochte an diesem Abend. Aber als der Mann nun in seiner festlichen Kleidung anklopfte und endlich die Tür öffnete, da fand er Hansen ohne Besinnung im Zimmer auf dem Boden liegen, und neben ihm lag das geöffnete Kistchen von der Mutter, welches ein Paar Schuhe enthielt, Strümpfe und Taschentücher, und ein Stück Honigkuchen. Wie der Arzt kam, erkannte der schweres Nervenfieber und ordnete an, daß Hans gleich in ein Krankenhaus gebracht wurde. So geschah, und war Hans die ganze Zeit besinnungslos, wie er im Krankenwagen gefahren wurde, und nur für einen Augenblick hatte er eine gewisse Klarheit, wie man ihn durch einen langen Gang trug, an vielen Türen mit Nummern vorbei. Der Mann zu seinen Füßen war ganz weiß gekleidet, und wie er sich umwendete, sah er, daß der andre Mann ebensolche Tracht hatte; das war ihm wunderbar, was das bedeuten mochte. Auch standen da zwei Krankenschwestern, von denen sagte die eine: »Und nicht einmal am Weihnachtsabend hat man Ruhe, das ist hier wie im Gefängnis.« Da vergingen ihm die Sinne wieder, aber um das Wort »Gefängnis« bildeten sich allerhand wirre und unfaßbare Phantasien, die ihm eine große Angst einflößten.

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