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Der schmale Weg zum Glück

Paul Ernst: Der schmale Weg zum Glück - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul Ernst
titleDer schmale Weg zum Glück
publisherGeorg Müller
firstpub1901
year1919
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Hans erhielt einen Brief von seiner Mutter, er solle recht schnell nach Hause kommen, denn sein Vater sei sehr krank, und weil er wußte, daß das eine gefährliche Krankheit war, denn sonst hätte sie nicht so dringend geschrieben, so machte er sich eilig und voll Sorge auf die Heimfahrt; und fuhr denselben Weg wie damals, als er vor Jahren nach Berlin gekommen war, nur fehlte ihm jetzt der Glanz der Erwartung, und alles erschien ihm wie einem Enttäuschten, und sonderbar nüchtern war es auch in der Heimat, die Luft, und die Frische, die wohlbekannte Art von Menschen mit luftgefärbten Gesichtern, und die Häuser und die Wälder. Wie er den alten Weg zum Forsthause ging, da kam ihm keinerlei freudiges Gefühl, und nur auf den gemeinen Nutzen waren die Holzstöße, das dünne Waldgras und die hohen, grauen Baumstämme gestimmt, und das alte Haus erschien ihm klein und dürftig mit der niederen Haustür und den winzigen Fenstern, und es war, als hänge alles hier nur von der täglichen Notdurft ab, in einer kleinlichen, beengenden und drückenden Weise, und wiewohl das Stübchen genau so war wie früher, so schien es gering und unwohnlich, und ganz jämmerlich waren die häßlichen Lithographien vom Leichenzug des Jägers und des Fischers, die über dem schwarzen Sofa hingen. Der Vater ging mit großen Schritten in der Stube auf und ab und begrüßte den Sohn in zerstreuter Weise, ohne nach etwas zu fragen, die Mutter kam mit verweintem Gesicht aus der Küche, wie alt und gebückt erschienen die beiden, die er als so stattlich in der Erinnerung gehabt; waren denn das die wenigen Jahre gewesen, die derart alles verändert hatten? Der Vater begann gegen Hans gleich über einen Holzarbeiter zu schelten, der etwas versehen hatte, denn er konnte seine Gedanken nicht mehr recht bewegen, und weil er den Mann eben im Sinne gehabt, so mußte er über ihn sprechen, auch vermochte er sich keine Vorstellung zu machen, welche Sorgen und Gedanken in seinem Sohne sein mochten, den er früher doch so zärtlich geliebt hatte, und die Mutter fing an zu klagen, wie sie mit Hans allein war, über Schmerzen und allerhand Krankheitserscheinungen bei sich, und über die Teuerung aller notwendigen Waren, und daß der Vater so stumpf geworden war, und auch sie schien über allerlei Kleinigkeiten das Wichtigste zu versäumen, und ihre Anteilnahme an Hansen zeigte sich nur in Erkundigungen über allerhand äußerliche und geringe Dinge.

Da kam er sich fremd vor und ganz einsam und verlassen, da fiel es ihm schwer aufs Herz, wie er die ganzen Jahre kaum an seine Eltern gedacht hatte und ihnen selten etwas von dem Wichtigen mitgeteilt, und besann sich, wie sie mochten gelitten haben unter seiner Kälte. Er fragte nach dem Hühnerhund, den hatte der Vater totschießen müssen, weil er durch das Alter die Räude bekommen hatte. Wunderlich, der Hund hatte schon seinen Lebenslauf beendet, den er hatte aufwachsen sehen von einem täppischen, dickbeinigen und spielerischen Wesen zu einem pflichttreuen und verständigen Jagdhund, und er selber, Hans, war nahe an das Mannesalter gekommen und hatte nicht die Arbeit für sein Leben.

Die alte Dorrel faßte seine Hand mit beiden Händen und streichelte sie, dabei fielen ihr die Tränen aus den Augen, denn sie freute sich, daß er so groß und stattlich geworden war, und beseufzte, daß sie daraus ihr Alter erkannte. Dann erinnerte sie ihn, wie sie zusammen Kartoffeln gerodet hatten, und dabei ging ihm zum ersten Male das Herz auf, und es war, als ob sich der Panzer lockere, der ihn fest umfing. Aber nur ein Augenblick war das, dann hatte er wieder das Gefühl, daß er nun an die Stelle der Eltern treten mußte, die im Absterben waren, und daß er doch das nicht konnte, denn er fühlte sich noch als ein Kind, das geleitet wird, und das Leben erschien ihm übermäßig schwer, daß er es gar nicht tragen konnte. Das kam ihm aber vornehmlich vom Vater, denn der tat wohl scheinbar alles wie sonst, aber alles, das er tat, hatte einen seltsamen Anblick fast gespenstiger Art, denn es ging aus einer zwecklosen Unruhe hervor und nicht aus bedachten Absichten; so stand er morgens lange vor Tag auf und ging in den Wald, vieles vergessend und sich um Kleinigkeiten erregend, und kehrte zu wechselnden Zeiten nach Hause zurück, eine zerstreute Rastlosigkeit mit sich führend. Und indem Hans seiner Eltern Leben überdachte, fand er, daß sie immer ehrlich und redlich ihre Pflicht getan, für ihr Kind gesorgt und auch andern Menschen geholfen hatten nach ihren Kräften. Und wenn nun solches das Ende war, welchen Sinn und welche Bedeutung hatte dann wohl überhaupt das Leben? Da überkam ihn eine Furcht, und es wurde ihm klar, daß er bis dahin gewandert war wie ein Träumender auf einem hohen Gebäude, und jetzt war er aufgewacht und sah ein, daß man sich in die Tiefe stürzen muß. In der Nacht stand die Mutter mit dem Licht an seinem Bett, denn der Anfall des Vaters, wegen dessen sie ihn hatte kommen lassen, war wiedergekehrt. Da lag der alte Mann in dem engen Bett, unbeweglich, und ein Auge war geschlossen und war tief eingefallen und das andre rollte in der Höhle hin und her, als wolle er jeden besonders ansehen, er konnte aber auch nicht sprechen. Am Fußende stand die Mutter und weinte still, und in der Tür stand Dorrel, die schluchzte, und das Auge des Sterbenden rollte stumm in seiner Höhle. Es war, als ob jetzt ganz besondere Gedanken in dem Vater waren, an die er sonst nie gedacht, die ganz neu und unerhört waren, und seinem Sohne mußten sie eine besondere Aufklärung geben. Aber die Zunge war gelähmt, und nur einmal rief eine besondere Anstrengung ein unverständliches Murren hervor. Kurze Minuten dehnten sich endlos aus, und das flackernde Licht erzeugte hüpfende Schatten an der geweißten Wand. Dieser Mann war nun alt und wollte sterben. Und nun war Hans ein Mann geworden und war so, wie er selbst vor langen Jahren seinen Vater gekannt hatte, der nun ein alter Mann war und sterben wollte. Grauenhaft war das. Denn es waren doch auch nur wenige Jahre, dann war er selber gleichfalls so alt wie dieser Mann, der jetzt im Sterben lag, und dann mußte er gleichfalls sterben. Da war es ihm, als verstehe er innerlich, was der Vater dachte und wollte, kniete nieder vor der niedrigen Bettstelle und legte seinen Kopf auf das Kissen neben den Kopf des Vaters, und das rollende Auge beruhigte sich, und Hans verspürte, wie aus seines Vaters Herzen eine heiße Liebe zu ihm herüberströmte, und die Mutter kniete auch vor dem Bett und hatte seine Hand gefaßt, und auch auf die Mutter strömte

Liebe und freundliches Wohlwollen. Und Hansens Herz erwiderte die Liebe, und er fühlte deutlich, daß er zu seinem Vater gehörte, denn alles andre, das ihm geschienen, war falsche Äußerlichkeit gewesen. Wie er sich dergestalt glücklich fühlte, ging von dem Sterbenden ein erleichtertes Seufzen aus, und eine Bewegung ging durch den ganzen Körper; da erhob sich die Mutter und drückte ihm das Auge zu.

Er lag mit einem friedlichen und beruhigten Gesichte da, und war, als habe er in den letzten Minuten nicht nur etwas Schönes empfangen, sondern auch eine große Weisheit, die ihn in ein gläubiges Erstaunen versetzte und seine Züge hell machte. Hans sprach: »Mutter, ich kann nicht weinen, denn er ist sehr glücklich geworden.« Die treue Dorrel aber kam an das Bett, nahm die Hände ihres Herrn und faltete sie; und dann faltete sie ihre eigenen Hände, die von vieler harter Arbeit zeugten, und betete leise. Hans sprach zu seiner Mutter: »Ich habe es nicht um ihn verdient, daß er mich so geliebt hat, aber ich will sein Andenken lieb haben.«

Viel dachte Hans darüber nach, woher es gekommen sein möge, daß seines Vaters Liebe erst in den letzten Minuten zu ihm sprach, und daß die Tage vorher so wunderlich verwirrt gewesen, und am Ende fand er darin eine Erklärung, daß seines Vaters Jugend zu schwer gewesen war und ohne Glück. Es muß aber jegliches Lebensalter auch das seiner Art entsprechende und gebührende Glück haben, sonst gedeiht der Mensch nicht zu seiner Vollkommenheit, sondern wird wie ein Baum, der in seiner Jugend nicht nach allen Seiten hat frei wachsen dürfen. Und wie er weiter nachdachte, fand er, daß dieses Glück viel weniger von der äußeren Gelegenheit abhängt, wie vom Menschen selber, ob er es aus sich herausbilden will, so daß also ein Mann wie sein Vater doch in seinem Innern einen Fehler gehabt hat. Aber diesen Fehler hatte er auch selber, und glich wohl sehr seinem Vater; das wollen wir bedenken, da unser Hans doch von deutscher Art und Sorte ist.

Als ein sehr veränderter Mensch kehrte Hans nach Berlin zurück, und es schien in Wahrheit, als ob er durch den Tod seines Vaters viel älter und ein Mann geworden sei, und besonders zeigte sich das, indem seine Gefühle gegen Personen, die ihm bis dahin nahegestanden, plötzlich ganz anders waren, ohne daß er einen Grund wußte. Am ersten kam es zu einem Bruch mit Heller. Der war längst in der früher beschriebenen Art verheiratet und hatte sich ein kleines und bürgerliches Leben begründet, indem er seine Anschauungen in Zeitungen verbreitete, die von Arbeitern und kleinen Leuten gelesen wurden. Hans besuchte ihn, wie er einen heftigen Einsamkeitsgram hatte, und traf ihn in seinem ärmlichen und sauber eingerichteten Zimmer, wie er in einem großen und gestickten Schlafrock am Schreibtisch saß; er hatte etwas an Umfang zugenommen, und im Gesicht war ein Ausdruck eines herablassenden Wohlwollens ständig geworden, der sehr aufreizend wirkte. Da verspürte Hans zu seiner großen Verwunderung, wie er ihm die Hand gab, eine tiefe Verachtung gegen den alten Freund, und ihm war, als sähe er eine unerträgliche und widerwärtige Maske, die ganz hohl war und unbewegte Züge hatte, und alles ärgerte ihn, der Schlafrock und der anspruchsvolle lehrhafte Ton, und besonders einige hochtrabende Worte. Und wie ihm Heller am Ende erzählte, daß er beabsichtige, sich für den Reichstag aufstellen zu lassen, und daß sein Wahlkreis ziemlich sicher sei, da entfuhr es Hans, daß er grob wurde und Heller einen Intriganten nannte, und das Sonderbare kam ganz gegen seinen Willen und auch gegen seine vorherige Meinung; aber die Bezeichnung hatte den wunden Punkt des andern getroffen, den Hans nur unbewußt geahnt hatte, denn er antwortete sehr gereizt, und das Ende war, daß Hans fortging mit dem klaren Bewußtsein, daß er für immer mit Heller auseinander war.

Nicht lange währte es, da hatte er einen ähnlichen Vorfall mit Krechting; der sagte ihm, er sehe aus ganz andern Augen wie früher und zeige einen besonderen Stolz, und aus diesem erkenne er, daß sich sein Wesen geändert habe und ein starkes Wollen in ihn gekommen sei, und so würden wohl ihrer beiden Wege jetzt auseinandergehen. Denn wir erwürben uns Freunde und zehrten diese innerlich aus, und hierdurch wie durch anderes würden wir mit der Zeit neue Menschen; dann seien diese Freunde geschmacklos für uns geworden und wir würfen das Geringe, das von ihnen übrig sei, gleichgültig zu anderm Unrat, der sich aus unsrer Vergangenheit um unsre Hütte ansammle; und etwa wie ein neugieriger Gelehrter die Küchenabfälle vorgeschichtlicher Völker durchwühle, so könne einst ein Seelenforscher, wenn einer von uns einmal für einen solchen interessant wird, den Abfallhaufen studieren und aus ihm die Geschichte des Mannes erraten.

Krechting saß in seiner Stammkneipe an seinem gewohnten Tisch, und wie er mit seinem unglückseligen und verkümmerten Körperchen dasaß in seiner Ecke und verbissen vor sich auf sein Glas sah, da wurde Hans von tiefem Mitleid ergriffen, der andre aber verspürte seine Bewegung, und sein Hochmut machte, daß er sich deren schämte, und so wurde seine Stimme plötzlich heiser und rauh, wie er fortfuhr, daß er keinerlei Empfindungen von Hans wünsche, denn er selbst habe vielleicht nur einen gewissen Neid auf ihn, weil er für sich immer an der Seite stehen werde und bittere Urteile aussprechen, indessen andre sich zu handelnden Menschen bildeten, aber im Grunde wolle er ja dieses Leben; und nach einem Jahrzehnt werde Hans ihn immer noch hier in dieser Ecke sitzen sehen und in der gleichen Weise sprechen wie jetzt, und werde inzwischen eine neue Anzahl jüngerer Freunde mit ihm zusammengekommen sein und nach ihrer bestimmten Zeit ihn wieder verlassen haben, und so werde es gehen, bis er zu alt sei für junge Freunde. Alles das sei ihm ganz klar, und es müsse wohl so sein; nur grüble er vergeblich, welches doch der Grund eines solchen Zustandes sein möge; aber wahrscheinlich habe auch der bezauberte Merlin nicht gewußt, aus welchem Grunde er in seiner Rosenhecke träumen müsse.

So zeigte Krechting doch wider seinen Willen seine Schwachheit, und dadurch bewies er, daß er in Wahrheit eine Liebe zu Hans gehabt, die sich freilich nie geäußert hatte. Aber Hans verspürte das Nichtgesagte, und eine wunderliche Wehmut befiel ihn, eine Art Gefühl, als trenne er sich von einer warmen und treuen Heimat, um auf das hohe Meer zu gehen, und doch wußte er, daß Krechting ganz recht hatte, und es war besser für beide, daß sie sich in Freundschaft und Ruhe trennten, denn sonst wäre bald ein Streit zwischen ihnen ausgebrochen, und sie hätten sich gegenseitig tiefe Wunden geschlagen zum Abschied.

Inzwischen hatte Weiland noch mehrmals seine Stadt gewechselt, weil er überall durch die Nachforschungen der Polizei und auch durch Ausweisungen vertrieben wurde, bis er endlich nach gut zwei Jahren in Süddeutschland einen ruhigen Aufenthaltsort fand, zu dem er hoffte, seine Familie nachkommen zu lassen, die er in der ganzen Zeit nicht gesehen; und schon begann sich sein Gemüt wieder zu erheitern durch die Hoffnung auf ein friedliches und anständiges Leben. Zu Hause aber war seine Frau mit jenem Zimmerherrn, von dem schon berichtet, immer näher gekommen.

Das war eine ganz ruhige und einfache Entwicklung gewesen, deren Ende beiden unerwartet kam; denn der einsame und stille Mann, der bei seinen Arbeitsgenossen in der Fabrik und im Wirtshaus nicht Gelegenheit hatte, von dem zu sprechen, was ihn bedrückte, fand in der engen und sauberen Küche der Frau, wo das Kindchen auf der Erde spielte und sich auch wohl an seinem Knie hochrichtete, eine Wärme und Zuneigung, und so berichtete er sein Leben und hörte ihre Geschichte, die sie unter häufigem Weinen erzählte, und bald teilte sie ihm aus ihres Mannes Briefen mit von den vielen fehlschlagenden Hoffnungen und Versuchen, und er tröstete sie und freute sich an der Entwicklung des Kindes; dann machten sie ab, daß die Frau für ihn kochen sollte, und mit der Zeit besorgte sie alle seine Angelegenheiten, und wie sie nun immer mehr wirtschaftliche Dinge gemein bekamen, die besprochen werden mußten, zu den andern Angelegenheiten, die sie sonst schon besprachen, da geschah es, daß er die ganze Zeit über, wenn er zu Hause war, bei ihr in der Küche saß. Sie schrieb in ihren Briefen an ihren Mann vieles von dem Fremden und rühmte ihn sehr, bis ihr endlich ihr Mann einmal in neckischem Tone antwortete, sie solle sich nur nicht in den andern verlieben, denn er selbst sei doch so lange von Hause fort. Über diesen Scherz wurde sie sehr nachdenklich, und wie sie sich alles überlegt hatte, sagte sie zu dem Fremden, daß die Leute im Hause Übles reden könnten, wenn sie so oft zusammen seien, deshalb scheine es besser, wenn er nicht so häufig zu ihr komme. Aber schon hatte die Gewohnheit einen zu tiefen Eindruck gemacht, und wenn der Mann abends nach Hause kam, hatte sie immer etwas, das sie mit ihm bereden wollte, und so kam sie jetzt zu ihm auf sein Zimmer.

Aber doch hatte sie nun ein Bewußtsein, daß sie etwas tat, das nicht recht gehörig war, und deshalb fing sie an, sich selbst Entschuldigungen zu machen; auch erwähnte sie des Fremden nicht mehr in ihren Briefen. Ihre Hauptentschuldigung aber, die sie sich machte, war die, daß sie noch jung sei und ihr Leben genießen wolle; denn in dieser kindischen und offenherzigen Art wissen diese Leute sich ihre Vergehen darzustellen. Und auch der Fremde, der ein braver und ordentlicher Mensch war, hatte bis dahin aus allem kein Arg gehabt; aber nun, wie ihn die Frau öfter besuchte und in ihrem geheimen Schuldbewußtsein einen wunderlichen und verführerischen Reiz ausübte, den sie vorher gar nicht gezeigt, da kam auch er zu Nachdenken und Verlangen; und so steigerten sich beide unbewußt immer gegenseitig, bis der Mann eine leichte Zärtlichkeit wagte, die zwar anfänglich zurückgewiesen wurde, aber wie es denn geschieht, in solcher Art, daß er Mut bekam für einen neuen Versuch, und bald ahnten sie jeder, daß sie auf brüchigem Eis wandelten.

Hierüber war der Frühling ins Land gekommen, und die beiden verabredeten sich zu einem Ausflug am Sonntag und fuhren mit der Bahn in einem überfüllten Zuge zu einem der Orte, nach dem sich diese Ausflüge richten, gingen dort im Walde, der von vielen Menschen belebt war, dann aßen sie in einer Wirtschaft zu Abend und kehrten am Ende zum Bahnhof zurück, um nicht allzu spät wieder in Berlin zu sein. Es war eine schöne und etwas strenge Frühlingsluft gewesen, welche die Nerven anspannt und ein Gefühl in uns weckt, als stehe ein besonderes Glück vor uns. Auf dem Bahnsteig trafen sie einige andre Paare, die gleich ihnen frühzeitig zurückfahren wollten, und war ihnen ein eignes und sehnsüchtiges Gefühl, wie sie so diese heimlich flüsternden und vertraulichen jungen Leute sahen. In dem Zuge, der wegen der Frühe fast leer war, hatten sie ein Wagenabteil für sich, so fuhren sie allein durch das Dunkel nach Hause. Da wurde die Frau von einem neuen bräutlichen Gefühl übermannt, und die Tränen kamen ihr, sie lehnte sich an die Schulter des Mannes, der faßte ihre Hände, und so fuhren sie schweigend.

In der Folge entwickelte sich ein Trotz bei der Frau, weil sie ihr Unrecht fühlte, sie behielt ihren Grund, daß sie ihr Leben genießen wolle, solange sie jung war, und sagte auch, daß die Wohnungsverhältnisse Ursache seien, und endlich fand sie sogar, daß ihr Mann, weil er zu sehr an die Partei gedacht, die Familie vernachlässigt habe. Wie sie aber ihrem Manne von allem schrieb, erwähnte sie von diesen Gründen und Ursachen nichts, sondern sagte nur, daß sie den andern lieber gewonnen habe, und als freier Mensch wolle sie sich von ihm trennen und sich mit dem verbinden.

Dieser Brief kam gerade in Weilands schönste Hoffnungen und machte ihm einen sehr tiefen Schmerz, denn es war ihm, als sei er plötzlich wie eine Pflanze, die aus der Erde gerissen ist, und nachdem er etwa eine Woche in dieser Stimmung verharrt hatte, wurde ihm in seinem ganzen täglichen Leben so trostlos zumute, daß er dachte, es könne so nicht bleiben, sonst werde ihn der Überdruß zum Trinken verführen, deshalb beschloß er, daß er Deutschland gänzlich verlassen wollte, und nach Amerika gehen, um in eine völlig neue Umgebung zu kommen und hier durch die Arbeit der Anpassung vielleicht neuen Sinn zu kriegen, denn er dachte sich, daß er noch jung war und sein Leben noch nicht verloren zu geben brauchte, weil er es ja immer noch ganz von neuem zu gründen vermochte.

Indem er aber vorher noch von seiner Frau und seinem Kinde Abschied nehmen wollte und besonders das Kind noch zum letzten Male sehen, dachte er, erst nach Berlin zu fahren, und zwar war er ja dort ausgewiesen, aber er hoffte, daß die Polizei, wenn er die Reise geheim betreibe, doch nichts von ihm erfahren werde; und zur besonderen Vorsicht ließ er sich den Bart abnehmen und das Haar schneiden, um weniger leicht erkannt zu werden; aber gerade diese Vorbereitung erweckte einen Verdacht, denn da er aus irgendeinem Grunde für einen besonders gefährlichen Menschen gehalten wurde, so war er sehr genau beobachtet. So kam er in Berlin an und ging die bekannten alten Wege zu seiner Wohnung, die er früher immer mit großer Fröhlichkeit gegangen war, und klingelte an der Tür, und weil ihn seine Frau nicht gleich erkannte auf dem dunkeln Flur, so hieß sie ihn unbefangen eintreten; da stand er auf der Küchenschwelle, und der Tisch, der damals ganz neu gewesen, hatte auf der Platte seine Farbe verloren durch den Gebrauch; aber es war eine weiße Gardine vor dem Fenster, und plötzlich wurde ihm so wehmütig zu Sinn, daß er hätte weinen mögen. Seine Frau stand in der äußersten Ecke und sah erschreckt auf ihn hin, und das Kind war auf ihn zugeeilt und hatte »Papa« gerufen, in der Meinung, er sei der neue Vater, aber dann hatte es seinen Irrtum erkannt und war vor dem fremden Manne erschreckt zurückgelaufen und versteckte jetzt sein Gesicht in der Schürze der Mutter. Das erschütterte ihn mehr wie das Entsetzen seiner Frau, daß sein Kind sich vor ihm fürchtete, da rief er mit schluchzender Stimme: »Sehe ich denn aus wie ein Verbrecher, daß ihr vor mir Angst habt?« Aber die Frau starrte ihn nur immer besinnungslos an, und das Kind machte das Köpfchen etwas los und blickte scheu zurück; da kamen ihm die Tränen, und er wagte nicht, einen Schritt vorzusetzen.

In diesem Augenblick traten Schutzleute durch die Flurtür herein, die in der Aufregung der beiden offen geblieben war, und einer legte die Hand auf Weilands Schulter und erklärte ihn für verhaftet wegen Bannbruchs; zerstreut sah er dem bärtigen Mann ins Gesicht, dann schrie er laut den Namen seiner Frau, der kamen jetzt auch große Tränen über die Wangen, aber sie stand noch immer gelähmt. Vor der Tür draußen sammelten sich neugierige Hausbewohner, ein Murmeln und die befehlende Stimme eines Schutzmannes wurde gehört. Da wendete sich Weiland langsam um und ging die Treppe hinab mit den Männern, die ihn verhaftet hatten, und die Knie zitterten ihm, und seine Frau mit dem Kind waren oben in der Küche.

Wie er zwischen den Polizisten aus der Haustür auf die sonnenhelle Straße trat, in deren Mitte ein Pferdebahnwagen fuhr, da flüsterten Leute hinter ihm, er sei betrunken; da ergriff ihn eine unbändige Wut und eine sinnlose Verzweiflung, daß er sich auf den einen Mann stürzen wollte. Wie er eben die Bewegung begann, hörte er eine scharfe und schneidige Stimme rufen: »Achtung!« Das durchzuckte ihn, und das alte, bekannte Schlagwort, das er selbst vielhundertmal gerufen, kehrte in ihn: »Laß dich nicht provozieren.« So ging er denn ruhig mit, nur die Fäuste hatte er geballt.

Er wurde wegen des Bannbruchs zu einigen Wochen Gefängnis verurteilt, und während dieser Zeit hoffte er immer, daß ihn seine Frau noch einmal mit dem Kinde aufsuchen werde, aber die schämte sich, und so nahm der Mann von Deutschland Abschied mit Bitterkeit im Herzen. Aber als er vom Schiff aus New York erblickte, wo sich über dem breiten Lager der gewöhnlichen Häuser wie gewaltige Türme des Mittelalters die Riesenbauten erhoben, die mit ihrer obersten Galerie die Wolken streiften und deren Wände doch blitzten von spiegelnden Fensterscheiben, denn nur aus Eisen und Glas sind sie erhoben, da war es, als ob ihm Begeisterung, Kraft und neue Freude erwachten. Und wie er durch die breiten Straßen ging, wo die Menschen sich rücksichtslos drängten mit willensstark geradeaus gerichteten Blicken und jeder ein Ziel verfolgte und Mut und Hoffnung hatte, da richtete sich auch seine Haltung, nicht in der militärischen Art wie zu Hause, sondern nach amerikanischem Wesen, und ein Einheimischer sah wohl verwundert den Einwanderer mit dem kleinen Bündel an, der gar nicht aussah wie ein gewöhnliches Grünhorn. Und es glückte ihm, daß er gleich Arbeit bekam in seinem Geschäft, und schon nach einem halben Jahre, wie er sich an das Neue gewöhnt hatte, rückte er zu einem Meisterposten auf, dann wurde sein Ehrgeiz immer lebendiger, und nicht lange währte es, da mußte ihn sein Herr, der einst gleich ihm als armer Schustergeselle eingewandert war, mit am Unternehmen beteiligen, und nun hatte er den Weg frei vor sich, der ihn einst zum Reichtum führen mußte. Ganz sonderbar schnell hatte er sich seiner Sprache entwöhnt und waren alle seine Manieren amerikanisch geworden, und weit, weit in den Hintergrund traten ihm seine jugendlichen Bestrebungen und die Erinnerung an Weib und Kind, denn nur zuweilen im Traum kam es ihm, daß er die alten Zeiten sah. Später heiratete er eine amerikanische Frau, die ein schlankes und stolzes Wesen war mit offenem Gesicht, die ihm erschien wie eine Königin, trotzdem sie nur Buchhalterin gewesen war in seinem eignen Unternehmen, und so bereitete er mit die neue Gesellschaft vor, die freilich ganz andrer Art ist wie die einst von ihm geträumte, und die einmal unbarmherzigen Krieg führen wird gegen uns Altväterliche.

In Hans begann jetzt allmählich ein Gefühl der Einsamkeit, denn die Jahre waren vorüber, wo man die Vorstellung hat von vielen unbekannten Freunden, die man nur anreden müßte, auch verliert am Ende der Jünglingsjahre das Bewußtsein gemeinsamer Überzeugung Bedeutung, das leicht Menschen zur Freundschaft zusammenbringt, denn in Wahrheit fängt jetzt das Alter an, wo die Ehe eintreten muß und die erfolgreiche Berufsarbeit, in welcher die Fähigkeiten und Kenntnisse verwendet werden, die suchende Jünglingsjahre erworben haben. Aber weder konnte Hans an eine Ehe denken, auch wenn er eine Liebesneigung gefaßt hätte, denn er vermochte nur eben sich selbst zu ernähren, noch erschien ihm seine Tätigkeit als eine Berufsarbeit für das Leben, denn sein Lehrer hatte es ihm wohl nach seinem Versprechen verschafft, daß er bei einem großen wissenschaftlichen Unternehmen mitbeschäftigt wurde, aber die Arbeit war ihm nur ein gemeiner Broterwerb. Aber welche Tätigkeit er sich aussuchen sollte, das konnte Hans auch nicht sagen, und so machte er sich jetzt oft Vorwürfe, daß er sich früher durch zu vielerlei Interessen zersplittert habe.

Derart sah er nun auch andere Dinge in einem grauen und unerfreulichen Schein, die ihn früher glücklich gemacht hatten, die unreife Begeisterung der Jugend war erloschen, und Erfahrung und Vollständigkeit hatten noch nicht ein neues Bild der Welt geschaffen; so wunderte es ihn, wie er in einer Volksversammlung ein ganz neues Bild bekam, wo er eine Rede von Heller hörte, in welcher der gehässig über die höheren Stände sprach und den Arbeitern schmeichelte, und die Versammelten jubelten ihm Beifall; aber der Hochmut und die kindische Art der Leute tat ihm weh, und weil er selbst ein Mensch mit Ehrfurcht war, so kamen sie ihm vor wie freche Knechte. Da erschien ihm plötzlich der Drang nach Gerechtigkeit und der Wunsch auf Gleichheit als ganz unreif und er kam sich vor wie das Kind, das den Ozean mit der Nußschale ausschöpfen wollte, weil er einst geglaubt hatte, er könne durch ein Urteil über Recht und Unrecht in diesen gesellschaftlichen Vorgängen eine Einsicht haben, die doch durch den geheimen Lebenstrieb der gesamten Gesellschaft bestimmt werden; und in Wahrheit hatte er vielleicht die Auflösung und den Tod der Gesellschaft erstrebt durch seinen Drang und seinen Glauben. Ganz neu und unbestimmt kam ihm nun zuerst der Gedanke, daß dieser Maurer oder Zimmermann neben ihm nicht behaglich leben dürfe, wenn er selbst oder ein andrer sollte höher kommen können, nicht zu Behagen, sondern zu höherer Wesenheit, und indem fühlte er plötzlich, daß er diese Menge von dumpfen und selbstzufriedenen Menschen haßte. Aber so einsam war er, daß er von dieser Unruhe und Verzweiflung niemand mitteilen konnte, und er hätte auch ein weibliches Wesen haben müssen, dem er seine Gedanken erzählte. So fühlte er sich nun näher hingezogen zu Luise; die hatte ihr medizinisches Studium beendet und war nach Hause zurückgekehrt, und ihre Absicht war gewesen, nun sich als Ärztin niederzulassen. Aber wie sie das gewollte Ziel erreicht hatte, war plötzlich eine seltsame Müdigkeit und gleichgültiger Sinn über sie gekommen, und sie lebte wochenlang und dann durch Monate untätig, und wie es Menschen in dieser Verfassung geschieht, häuften sich allerhand Schwierigkeiten um sie, als seien sie durch ihre Stimmung herbeigezogen. Hans verspürte nichts von dieser Lage und freute sich nur, daß er ihr manches mitteilen konnte; aber einmal, bei einem recht gleichgültigen Gespräch sprach sie mit ihrer Stimme, die jetzt müde war, von Zwecklosigkeit. Da tat er einen erschreckten Blick in die dunkle Tiefe ihres Überdrusses und ihrer unerklärten Verzweiflung, und für sich selbst wußte er plötzlich, daß er an demselben Überdruß litt. Und wie er sich nun so umsah nach den andern, da fand er, daß ihr Bruder ein glücklicher Mensch war. Den hatte er früher immer verachtet, weil er gar keinen Sinn besaß für die Dinge, die Hans und den andern wichtig erschienen, sondern er verharrte nur immer mit unverdrossenem Eifer bei seiner kleinen Gelehrsamkeit. Eben trat er ins Zimmer, als Luise jene Worte gesagt; der Vater hatte ihm zum Geburtstag eine Geldsumme geschenkt, und er hatte sich dafür schmutzige Trümmer eines alten Buches gekauft, ohne Titel und ohne Schluß, das ein Stück eines im siebzehnten Jahrhundert in Venedig gedruckten arabischen Werkes war; sein ganzes Gesicht strahlte von innerer Heiterkeit, liebkosend strich er über den zerfetzten Einband, und Hans wechselte einen schnellen Blick mit Luise, und beide dachten, sie möchten wohl gern solchen Glückes fähig sein, und verwunderten sich, weshalb sie das nicht konnten.

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