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Der schmale Weg zum Glück

Paul Ernst: Der schmale Weg zum Glück - Kapitel 12
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typefiction
authorPaul Ernst
titleDer schmale Weg zum Glück
publisherGeorg Müller
firstpub1901
year1919
correctorreuters@abc.de
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Karl hatte sich mit Weiland angefreundet und mit dem verabredet, daß sie gemeinsam am Sonntag einen Ausflug in einen Vorort machen wollten, der berühmt war durch seine Tanzgelegenheiten, und Hans ließ sich bereden, mitzugehen. Sie kamen in einen niedrigen und sehr großen Saal, der mit Zigarrenqualm und Menschengeruch angefüllt war; ein Lärmen, Lachen und Schwatzen stieg in die Höhe, auf einer Bühne saß eine kleine Kapelle, und die Paare drängten sich durch die Menge zum Antreten. Nach vielem Suchen fand Weiland seine Braut, die mit zwei andern Mädchen zusammensaß, welche von verlegener Freude ergriffen wurden, wie sie die drei sahen; aber die Lustigkeit Weilands und der leichte Sinn Karls überwanden bald die Befangenheit der ersten Minuten, und nur Hans fügte sich nicht so recht ein, wofür er auch der besonderen Aufmerksamkeit der Mädchen teilhaftig wurde. Bald begann Weilands Braut mit Geläufigkeit zu erzählen und redete mit Verachtung von ihren Eltern, deren Anschauungen zurückgeblieben seien, denn ihr Vater war ein alter Achtundvierziger, der immer noch auf dem Standpunkt der bürgerlichen Demokratie stehe, und der habe ihr ein Sparkassenbuch angelegt und gehöre zur freireligiösen Gemeinde. Ihr Wunsch wäre, daß sie mit Weiland in freier Liebe zusammenleben wollte, aber ihr Vater verlangte, daß sie sich der bürgerlichen Trauung unterzögen. Hans sprach am meisten mit der einen Freundin, einem stillen und blassen Mädchen, das ein schwarzes und oben geschlossenes Kleid trug und ihre Hände mit einem eigenen schwermütigen Ausdruck lässig im Schoß liegen hatte. Die erzählte, daß sie Weißnäherin war und für ein Geschäft arbeitete; sie konnte nicht tanzen, und ihre Reden waren sonderbar müde und unfroh. Einmal antwortete sie auf eine Bemerkung: »Ach, was hat man vom Leben, den ganzen Tag sitzt man vor der Maschine, und wenn man heiratet, so hat man dazu bloß noch Sorgen und Kummer.« Etwa achtzehn Jahre mochte sie alt sein. Auch klagte sie in ihrer Art darüber, daß sie sich nun schon so lange gewünscht habe, einmal einen feinen Herrn kennen zu lernen, und nun, da sie das erreicht, sei sie in solcher Verfassung, daß sie ihn von sich abschrecke. Über diese Reden bekam Hans bald ein peinliches Gefühl und war ihm, als müßte er eine Schuld haben, und zugleich war er aber auch gereizt gegen das Mädchen; die begann in klagender Weise weiter zu erzählen von ihrem Leben und von ihren Verhältnissen; da zeigte es sich, daß ihre Eltern sich ganz jung geheiratet hatten, weil ihr Vater in Schlafstelle gewohnt bei den Eltern der Mutter, und daß sie von Leichtsinn schnell in Sorge geraten waren und ihren Körper noch nicht hatten entwickeln können, wie sie auch keine Ersparnisse gehabt hatten für die Einrichtung des Hausstandes, und wie dann in schlechter und lichtloser Wohnung viele schwächliche und freudlose Kinder gekommen waren, die aufwuchsen in Bitterkeit und ohne Kraft, mit blassen Backen und hinschmachtendem Leib, über alle diese Umstände urteilte das Mädchen mit wunderlicher Klarheit, und am Ende sprach sie, die armen Leute hätten sehr unrecht, wenn sie immer mehr Freiheit haben wollten, denn sie seien wie die Kinder, die von guten Menschen beaufsichtigt werden müßten, damit sie sich nicht schädigten durch ihre eignen Torheiten, und dieses Urteil hätten unter ihnen viele Frauen, aber die Männer verhöhnten sie deswegen und sagten, sie seien nicht aufgeklärt.

Wie das Gespräch diese Wendung genommen hatte, verschwand ihnen beiden die peinliche Stimmung, und es entstand bald eine gewisse Behaglichkeit zwischen ihnen, indem sie auf die Dinge des gewöhnlichen Lebens kamen und das Mädchen eine ernsthafte Mütterlichkeit gegen Hansen entwickelte, gegen ihren Willen, denn sie hatte sich die ganze Woche darauf gefreut gehabt, ein leichtes und fröhliches Liebesband zu knüpfen mit einem Studenten, den sie sich als einen besonders lustigen und ganz außergewöhnlichen Menschen vorgestellt; aber nun erzählte sie, wie sie und ihre Mitarbeiterinnen kochendes Wasser geliefert bekamen für ihren Kaffee, und daß sie sich Geld gespart zu einem neuen Kleid, und wenn er sich nicht schäme, mit ihr auszugehen, so wolle sie dieses Kleid tragen, denn sie wisse bereits eine billige Gelegenheit für einen guten Stoff, der ihr auch zu ihrem Gesicht und Figur stehe.

Inzwischen tanzten die andern, und die dünne Musik tönte durch das Lärmen; Zigarrenrauch ringelte sich in die Höhe zu der allgemeinen Wolke und Kellner drängten sich eilfertig und aufgeregt durch die Menge; wie Hans sie nach schüchternem Bedenken zum Trinken aufforderte, nippte sie zart an ihrem Glase und klagte dann, daß sie wenig vertragen könne.

Die andre Freundin war ein übermütiges, gesundes und rotbackiges Wesen, deren Augen in Fröhlichkeit blitzten, die hatte solche Lust zum Tanzen, daß sie nicht stillsitzen mochte, wenn die Musik ertönte, und Karl, der ein geschmeidiger und leichter Tänzer war, führte sie immer mit heiterer Aufforderung in den Reigen. Bald fand sie heraus, wie sie Hansen und die Freundin necken konnte, und Karl, der durch alles gleichfalls in frohe Laune geraten war, stimmte mit ein; aber obschon beide eine gutherzige Gesinnung dabei hatten, wußten sie doch nicht eine gewisse Taktlosigkeit zu vermeiden, die durch das Dissonieren der Meinungen ja leicht in dem lebendigeren Teil erzeugt wird, und so entstand ein nicht ganz behagliches Gefühl bei allen, durch das besonders Hansen plötzlich die schlechte Luft, der Menschengeruch und der unfeine Lärm häßlich auffielen, so daß er stiller wurde und in sich versank.

Wenn Leute aus dem Volk recht gesund und in ihrer Art wohlgeordnet leben, so haben sie einen zutraulichen Glauben an sich selbst und an alles, was sie tun, der sie sehr glücklich macht. Von dieser Beschaffenheit war Karls Freundin. Die diente bei einer vornehmen Herrschaft und war recht tüchtig in ihrer Tätigkeit, und indem sie aus diesem die Überzeugung herausnahm, daß alles, was sie tat, überhaupt nicht besser getan werden könne, hatte sie in ruhiger Zuversicht bald die Herrschaft über den kleinen Kreis gewonnen, daß selbst Weilands Braut sich ihr unterordnete. Es war für Hansen recht unbehaglich, daß er sich dieser an sich harmlosen Herrschaft nicht zu erwehren vermochte, wenn er nicht eine Mißstimmung schaffen wollte; und so hatte er hier zum ersten Male das Gefühl, daß doch eine Kluft zwischen den verschiedenen Klassen der Gesellschaft ist, die nicht überbrückt werden kann, und wenn jemand den Versuch dennoch machen will, so begeht er vielleicht eine schlechte Handlung, denn er zerstört die Wurzel des Dranges nach Höherem.

In der Folge stellte sich heraus, daß Karl bei dieser Zusammenkunft mit dem Mädchen eine Liebschaft angeknüpft hatte, die man mit dem Berliner Ausdruck als Verhältnis bezeichnet. Er bewegte sich in den seltsamsten Vorstellungen, indem die modernen sozialistischen Ideale mit alten romantischen Bildern vom Volk bei ihm zusammenschmolzen, und so erschien ihm dieses Mädchen aus dem Volke mit ihrem Drange nach Freiheit und nach ungestümem Glück zugleich als eine kräftige und ursprüngliche Natur und als ein Erstling einer großen Zukunft. Es kamen die beiden aber zusammen an Sonntagen, die das Mädchen frei hatte, und indem zu der Zeit der Frühling begann, daß er die Menschen aus den kahlen und grauen Straßen hinauslockte in helles Grün, fuhren sie aus der Stadt, bis sie an Orte kamen, wo sie allein waren und sich auf heimlichen Wegen ergingen unter Kiefern, welche die ersten hellgrünen Spitzen vorsteckten. Da sah sie viele Dinge, die ihr früher nicht bekannt gewesen waren, weil sie vorher die nicht beachtet, Vögel von allerlei Art und Frühlingsblumen und einen reinen, klaren Himmel, und zuerst war sie einem gedankenlosen Drange gefolgt, der sie nach Glück und Genuß trieb, wie sie aber ein Vögelchen gesehen hatte, das einen Halm im Schnabel trug zu seinem Neste, und ein Himmelschlüsselchen, das schüchtern sein Köpfchen beugte auf einer großen Wiese, da verschwand ihr das laute Lachen, und ihre Augen wurden ernster, und ihr war, als müsse Karl ein Halt sein für sie, und das Leben schien ihr nicht mehr eitel Jubel wie vorher. Aber wie sie sich so änderte, da begann Karl seine Seele vor ihr zu verschließen, denn auch ihn hatte nicht Liebe zu ihr getrieben, sondern Leichtfertigkeit und eine falsche Vorstellung, die er sich selbst geschaffen, aber bei ihm wandelte sich der leichte Sinn nicht in Treue und Zuneigung. Das merkte sie gar bald, und da seufzte sie heimlich und kehrte bei sich ein, aber schon war ihre Liebe zu groß geworden, als daß sie hätte sich entfernen können von ihm, und so hing sie ihm weiter an in bitterer Demütigung, und ihr Kummer machte sie besser, wie sie gewesen, und ihr Gesicht verlor zwar seine jugendliche Frische, aber es bekam edlere Züge, und selbst ihre Bewegungen erhielten etwas Vornehmes, das ihren Bekannten auffiel, daß sie es dem Einfluß Karls zuschoben. Dieser aber lebte in Haltlosigkeit; schämte sich seiner selbst und war deshalb hart gegen sie, denn schwache Menschen können es nicht leiden, daß sie geliebt werden, und müssen den Liebenden plagen. Unter solchen Umständen geschah es, daß sie sich gesegneten Leibes fühlte; da erschrak sie heftig und hatte zugleich eine heimliche Freude, und außerdem überkam sie, wie aus einer Nacht, die Erinnerung an ihre Heimat und an ihre Eltern, und wie sie sich schämen mußte zu Hause, wenn dort jemand etwas von ihr wüßte; vor ihren Freundinnen in Berlin aber schämte sie sich nicht, auch hatte sie keine Freude auf das Kind, wenn sie bei denen war. Wie Karl die Neuigkeit erfuhr durch Weilands Braut und nicht durch sie selber, da hatte auch er einen starken Schrecken, und indem sich verwirrte Gewissensbedenken in ihm erhoben, die nicht auf klaren und verständigen Gefühlen ruhten, sondern auf Unwahrheit, so beschloß er bei sich, daß er sie heiraten wolle. Wie er ihr diesen Entschluß mitteilte, sprach sie zu ihm: »Wenn du mir solche Worte gesagt hättest in unsrer ersten Zeit, bevor ich dich wirklich lieb hatte, so wäre ich sehr stolz geworden durch sie und hätte mich ohne weitere Gedanken gefreut, deine richtige Frau zu werden. Nun aber weiß ich, daß es ein Gefühl gibt, das ich damals nicht kannte, und das wahrscheinlich viele Menschen nicht kennen, und vielleicht hätte ich unter andern Verhältnissen auch selbst bis zu einem späten Tode nichts von diesem Gefühl erfahren; da ich es nun aber kenne, so kann ich nicht mit dir zusammenleben, denn du kannst mich nicht so ehren, wie es nötig wäre, weil ich geringer Herkunft bin und mir nicht feine Art angewöhnen kann, auch nicht der rechten Bildung fähig bin; was alles wohl jetzt in unserm Kreise und solange wir jung sind, nicht so schlimm erscheint, aber mir viele schmerzliche Stunden erzeugen würde, wenn ich erst älter bin und du in eine andre Gesellschaft gelangt bist.« Wie sie das gesagt hatte, spürte Karl, daß sie aus übergroßer Liebe ihm mehreres verschwieg, von dem sie gedacht hatte, daß es ihn kränken könne, und es war ihm, als ob er sich recht schämen müsse vor ihr. Damals zog zuerst Bitterkeit in sein Herz, denn er sah plötzlich ein, daß er ein niedriger Mensch war, und er begann sich selbst zu hassen und versuchte, ob er andre verachten könne; denn solche Hölle entbrennt in unedlen Leuten, wenn ihnen durch die Betrachtung Edler ihr Unwert klar wird; deshalb begann er lügnerische Worte zu machen, die sie schmerzten und in ihm am Ende eine große Leere schufen.

Wie nun ihre Zeit herannahte, mußte sie ihre gute Stelle aufgeben, und indem sie unwillig abwehrte, daß er ihr in irgend etwas half, nahm sie ihr erspartes Geld von der Sparkasse und zog zu einem alten Kunkelweibe, das in solchen Fällen Mädchen Unterkunft gewährte; hier saß sie in einer großen Hinterstube, die ein Fenster in der äußersten Ecke auf den Hof hinaus hatte, und saß an dem Fenster im trüben Winterlicht und nähte Windeln, Binden und Hemdchen für das Kind, das sie erwartete. Und daran dachte sie, daß das ein kleines Wesen sein werde, das sie sich an die Brust legen wollte, und alle andern Gedanken waren ihr versunken, nur stellte sie es sich immer wieder mit Absicht recht klar vor, wie klein das Kind sein werde, weil sie es sich sonst zu groß gedacht hätte, etwa wie es auf einem Stühlchen sitzt und nach seinem Schüsselchen verlangt. Mit Kraft und Anstrengung vergaß sie, daß sie es nicht bei sich behalten konnte, sondern sie mußte nach ein paar Wochen wieder in Dienst gehen, und das liebe Kind mußte bei der Frau bleiben; denn wenn sie daran gedacht hätte, dann hätte sie immer weinen müssen; so aber konnte es ihr vorkommen, als gehöre ihr diese Stube, und sie sei verheiratet, und am Abend komme ihr junger Mann, und zuweilen bedachte sie bei sich, wie sie die Möbel anders stellen wolle und alles recht reinlich halten. Aber dann tat sich die Tür auf, und das alte Kunkelweib kam herein und erzählte ihre Geschichten, wie sie sich mit den Leuten gezankt hatte. Da mußte sie sehr an sich halten, daß sie nicht weinte; denn wenn Karl sie besuchte, so war ihr das auch kein Trost, weil sie sah, daß er nur um sich ängstlich war und an sie dachte er eigentlich gar nicht; ja es war zuzeiten, als sei es ihm ein besonderes Opfer, welches er ihr brachte, daß er sie besuchte.

Wie es oft geht, daß Verhältnisse, die eigentlich längst sinnlos geworden sind, doch noch fortbestehen, weil keine äußere Gelegenheit kommt, die sie zum Aufhören bringt, so geschah es auch hier. Denn nachdem das Mädchen wieder eine neue Stellung erhalten hatte, schien es äußerlich, als sei zwischen beiden alles wie vorher, da sie doch beide mit Mühe und Verdruß ein drückendes Joch trugen, und Karl war oft heftig und ungerecht gegen sie, und sie schwieg voller Sanftmut. Da bat sie ihn, es war gerade am Jahrestag ihrer ersten Begegnung, daß sie wollten wieder an jenen Ort hinausfahren, wo sie sich kennen gelernt. Sie kamen an, und es schien äußerlich alles unverändert, denn wie im vorigen Jahre war der große und niedrige Raum vollgedrängt mit Menschen, und spielte auf der Erhöhung die geringe Kapelle, und es war fast, als schlage der Lärm der Gespräche, des Klapperns, des Gehens und Kommens, des Tanzens und der Musik im gleichen Zeitmaß an ihr Ohr, nur saßen sie jetzt allein und ohne die Freunde.

Aber da wurde ihnen klar, wie sie selbst sich verändert hatten, denn sie wurden von Widerwillen und heftiger Langeweile befallen, und wo im vorigen Jahr ihnen die Hoffnung einen weiten Raum gezeigt hatte hinter diesen tanzenden Paaren, da war es jetzt, als sei das alles hier nicht räumlich, sondern geschehe in einer Fläche, und sie hätten fliehen mögen, weil das Gewühl ihnen nahe kam. Mit einem erzwungenen Lächeln führte Karl sie zum Tanze, aber ihre Hände lagen schlaff ineinander, und sie beide dachten an den ersten plötzlichen Händedruck, den sie sich damals beim Tanz gegeben, der sie beide elektrisch durchzuckt hatte.

Während diesem überlegte sie sich eine Absicht, führte ihn aus dem Saal in den winterlichen Garten und sprach zu ihm: »Ich sehe ein, daß es für uns beide am besten ist, wenn wir nun auseinandergehen. Wohl haben unsre Eltern recht gehabt, daß sie uns warnten vor der Leichtfertigkeit und sagten, gleich gesellt sich zu gleich. Ich habe geglaubt wie viel heute, das Leben sei leichter geworden und die Alten seien altfränkisch, und unter den Menschen herrsche mehr Gleichheit wie früher. Aber jetzt verspüre ich, daß ich einem falschen Scheine gefolgt bin, denn in Wahrheit ist das Leben schwerer geworden, weil ein jeder allein steht in der Welt und keinen Menschen hat, noch Meinung, an die er sich halten kann; und in Wahrheit ist eine tiefere Ungleichheit unter die Menschen gekommen, wie sie früher war, denn als du versuchtest, wie du es nanntest, mich zu bilden, da verspürte ich eine tiefe Kluft, die nicht überbrückt werden kann; und wenn ich redlich sprechen soll, so muß ich sagen, ich weiß nicht, welches mehr wert ist, deine Bildung oder das, was ich für mich habe und auch behalten will. Und vielleicht ist das der einzige Unterschied gegen früher, daß ich als ein Dienstbote solche Gesinnungen habe und ausspreche. Aber wir wollen nicht in Haß und Erbitterung voneinandergehen, denn wir haben doch einmal gedacht, wir gehören zusammen, und ich wenigstens bin durch dich ein andrer Mensch geworden. Und wie ich dir schon sonst sagte, will ich das Kind für mich behalten und will mich seiner auch allein freuen, du aber sollst keine Furcht haben durch uns beide. Und denke auch nicht, daß ich ein trauriges Leben haben werde; denn ich will suchen, daß ich einen guten und tüchtigen Mann bekomme, der für mich paßt, und will heiraten und ein rechtschaffenes Leben führen.«

Nach diesen Worten geschah nur noch Unbedeutendes, so trennten sich am Ende die beiden, nachdem einer den andern sonderbar beeinflußt hatte und dessen Leben in eine neue Bahn geleitet.

Bei Karl kam es in den folgenden Wochen, daß eine dichterische Begabung, die sich bis dahin nicht hatte zu äußern vermögen, einen ihr angemessenen Ausdruck fand. Freilich war seine Dichtung nicht ein Kind der Kraft und Gesundheit und ein freiwilliges Überfließen, sondern wie bei so vielen Menschen unsrer heutigen Zeit war sie ein Kind der Schwäche, die hier dem Seelenunkundigen durch scheinbar scharfe Wiedergabe der Natur gerade als Stärke zu erscheinen vermochte. Zu jener Zeit kam aus dem Auslande der Einfluß gleichgestimmter Seelen, und weil der leere Nachton früherer Kunst, der bei uns damals vornehmlich zu hören war, die Ohren und Geister nicht gegen die fremden Klänge einzunehmen vermochte, so geschah es, daß gerade die Dürftigen und Schwächlichen zu einer besonderen Entfaltung kamen und ein seltsames Gaukelspiel vortäuschen konnten. Karls Geschick wollte, daß er mit in diese Bewegung geriet. Aber weil er ein schwacher Mensch war, so hatte er nicht die Liebe zu den Dingen und Menschen, die ein Dichter haben muß, der die Welt in sich aufnimmt in Heiterkeit und Ruhe und sie vergoldet durch seine Freude, Hoffnung und Willen zum Guten und dann wieder aus sich herausstellt in einen Rahmen, damit die Menschen das Bild anschauen mögen und glücklicher und besser werden, sondern er beobachtete das einzelne und zerfaserte es und wollte aus den untersuchten Stücken des Leichnams wieder lebendige Körper schaffen, und zerfaserte sich selbst in Hochmut und Selbstverachtung und wollte neue seelische Wahrheiten bilden aus den Qualen der Eitelkeit. Und dieses alles bedeutete für die Geschichte seines Wesens einen weiteren Schritt in der Auflösung. Wie aber eine Frucht, die sich aus der Blüte entwickelt hat zum Fruchtansatz und allmählich gereift ist zum rotbackigen Apfel und dann vom Baum gepflückt wird und aufgehoben im dunkeln Raum, wie solcher Frucht alles weitere Geschehen als eine weitere Entwicklung erscheinen muß, nicht nur, daß sie noch reift auf dem Stroh und schmackhafter wird, sondern auch, daß sie endlich vom Kernhause aus zu faulen beginnt und die Fäulnis sich immer mehr ausdehnt, bis der ganze Apfel verfault ist und der Schimmel ihn bedeckt, so muß auch solchem Menschen seine Auflösung als eine Weiterentwicklung erscheinen, und er mag sich sogar als einen Erstling preisen der künftigen Zeiten, wo eine neue Art Menschen leben wird, die ihm gleich sind, da er doch nur ein fauler Apfel ist, und nicht mehr wert, als daß ihn die Hausfrau ausliest und wirft ihn auf den Mist.

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