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Der schmale Weg zum Glück

Paul Ernst: Der schmale Weg zum Glück - Kapitel 11
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typefiction
authorPaul Ernst
titleDer schmale Weg zum Glück
publisherGeorg Müller
firstpub1901
year1919
correctorreuters@abc.de
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Indem Hans immer weiter in die Gedanken hineinkam, die in dem Kreise der Menschen um, ihn herrschten, gelangte er bald zu dem Entschluß, daß er sein Studium ändern müsse. Aber Scheu vor den Eltern und Furcht vor dem Ungewissen hielten ihn eine Zeit in einem peinigenden Zustande, bis er sich am Anfang des zweiten Semesters zu einer schnellen Tat entschloß; denn durch Zufall war die Tür der Amtsstube in der Universität einmal offen, wie er gerade vorbeiging: da trat er ein und erklärte, daß er sich in eine andere Fakultät umschreiben lassen wolle, und wie ihn der Beamte fragte, was er denn zu studieren gedenke, da sagte er ohne Besinnen und ohne daß er vorher eine Absicht gehabt hatte, er wolle Historiker werden. Dann belegte er seine neuen Vorlesungen, faßte sich auch ein Herz und besuchte einen der Lehrer; der empfing ihn freundlich und hatte bald Hansens Meinungen erkundet, denn er hatte selbst in jungen Jahren freiheitlich gesinnte Ansichten gehabt, und wie damals gerade die Revolutionszeiten gewesen waren, hatte er als junger Gymnasiallehrer seinen Schülern lateinische Aufsätze aufgegeben über die Vorzüge der Republik vor der Monarchie und darüber, daß die Verbrennung der Leichen richtiger sei wie das Begraben. Wegen solcher Betätigung seiner Gesinnungen hatte die Behörde ihn damals abgesetzt, aber später wurde er an die Universität berufen. Dieser alte Mann bekam eine Freude an Hans, und der gewann so einige geringe Aussichten für seine Zukunft.

Inzwischen war sein Jugendgenosse Karl gleichfalls nach Berlin gekommen und zeigte sich als von gleichen Ansichten. So beschlossen die beiden, eine nähere Bekanntschaft mit wirklichen Arbeitern zu machen, und da sie keinen andern Weg wußten, so dachten sie eine Volksversammlung zu besuchen, und gerieten in die Versammlung eines großen Fachvereins, in der ein Vortrag über die materialistische Geschichtsauffassung gehalten wurde, denn damals, wo das Sozialistengesetz noch bestand, hatten diese Fachvereine in Wahrheit eine Art politischer Bedeutung, die zwar nicht ausgedrückt war, aber sich doch mit Notwendigkeit von selbst aus den Umständen ergab. Mit einer großen Furcht wie vor etwas Außerordentlichem hielten sich die beiden bescheiden im Hintergrund, wo neben ihnen am Tisch einige Arbeiter saßen, ein alter Mann und zwei junge Leute, die sie zuerst mißtrauisch betrachteten, und endlich sagte der eine junge Mann geradeheraus, sie seien doch keine Schuhmacher, es war nämlich der Fachverein eine Verbindung der Schuhmacher, und sie sollten ihm ihre Absichten sagen. Darauf erwiderte Hans, daß sie Studenten wären und gern die Verhältnisse der Arbeiter kennen lernen wollten. Hierüber wurden die Gesichter der andern freundlich, und bewillkommten die beiden, und zogen sich noch weitere Arbeiter an ihren Tisch, die alle fröhlich und liebenswürdig waren. Dabei stellte sich heraus, daß sie Hans und Karl für zwei Spitzel gehalten, weil man an ihren Daumen gesehen, daß sie keine Schuhe machten, und Hans trug Stiefel, die zu Hause von einem schlichten Schuster genau in der Form gearbeitet waren wie die Kommißstiefel, an denen die Geheimpolizisten erkannt wurden.

Hans war recht erstaunt über die braven und ordentlichen Gesichter der Leute und über ihre sonntägliche Kleidung und fröhliche und ruhige Weise. Einen gewissen Ernst hatten sie wohl alle, aber der war mehr ehrbarer und bürgerlicher Art, und sie zeigten nichts Düsteres oder Trauriges, sondern schienen, als wenn sie alle zufriedener und glücklicher Hoffnungen lebten. Die meisten der Anwesenden waren jung, und man sagte Hansen; daß die Älteren, weil sie verheiratet seien, gewöhnlich das Geld nicht aufwenden könnten, welches das Gehen in die Versammlung koste, weil man doch sein Glas Bier trinke, oder auch zwei, und seine Zigarre rauche.

Ganz vorn, auf einer Erhöhung, saßen an einem langen Tisch die Vorstandsmitglieder und an einem Tischchen daneben ein Polizeioffizier mit einem Schutzmann. Nach einiger Zeit eröffnete der Vorsitzende die Versammlung, und es wurden einige Angelegenheiten des Vereins erledigt in merkwürdig förmlicher und formelhafter Weise, indem der Vorsitzende häufig erklärte, so oder so sei die parlamentarische Sitte: denn das schien als besondere Hauptsache betrachtet zu werden, daß alles bis ins kleinste parlamentarisch zuging. Bei einem Punkte fragte Hansen sein Nachbar leise, indem er annahm, ein Student wisse diese wichtigen Dinge, ob das so richtig sei. Man verspürte bei allen, daß sie einen freudigen Wunsch nach Form und Regel hatten und nach Kräften eine Ordnung suchten, um sich ihr zu unterwerfen. Dann stand der Vortragende auf, der über die materialistische Geschichtsauffassung reden wollte. Der war ein älterer Arbeiter, in dessen Gesicht sich eine merkwürdige geistige Anstrengung zeigte, wie er redete, denn er holte mit schwerer Arbeit die Gedanken herauf und drückte sie mit Mühe in Worten aus, und deshalb sprach er sehr langsam und eindringlich; alle aber folgten ihm mit eigner großer Anstrengung. Was er sagte, hatte eigentlich mit der Marxschen Theorie wenig zu tun; es kam aber seine Herzenssehnsucht heraus und die Herzenssehnsucht der Hunderte von Arbeitern, die ihm lauschten, denn er meinte, die Arbeiter seien heute von der Bildung abgeschnitten und müßten sich die Bildung erwerben, dann seien sie die Herren der Welt, und jeder von diesen Männern dachte bei seinen Worten, daß er die Bildung haben wolle, und malte sich ein Gedankenbild zukünftigen Lebens der Menschheit, wo alles Leid verstummte, Haß, Neid und Unterdrückung verschwand und die Menschen in gegenseitiger herzlicher Freundschaft lebten und sich bildeten.

Wie der Vortrag beendet war und einige aus der Versammlung nacheinander auf die Stufe traten und ihre beistimmende oder abweichende Meinung sagten, sprachen Hans und Karl weiter mit den Männern, die an ihrem Tische saßen. Der eine war erst vor kurzem aus dem Osten nach Berlin gekommen, nachdem er zu Hause eine mehrjährige Gefängnisstrafe abgebüßt hatte wegen Geheimbündelei. Der erzählte seinen Prozeß und stellte seine Sache so dar, daß er mit seinen Freunden, die das Gesetz wohl kannten, keinerlei Geheimbund gehabt, indem sie sich immer nur freundschaftlich zu Ausflügen oder Zusammenkünften getroffen hatten. Dann fuhr er fort, daß er zuerst der Meinung gewesen, er sei ungerecht verurteilt, nicht, daß die Richter gegen ihn besonders etwas gehabt hätten, aber sie seien durch ihre Klassenvorurteile verblendet; dann aber habe er sich die Sache weiter bedacht und sich im Geiste auf den Standpunkt des Richters gestellt, denn wenn einmal ein Gesetz sei, und wenn es auch ungerecht ist, so müsse doch der Richter danach entscheiden, und da habe er sich denn gesagt, daß er und seine Freunde eigentlich nur eine Umgehung des Gesetzes begangen hätten, denn alles, was das Verbot des Geheimbundes bezwecke, hätten sie doch getan und sich nur gehütet, die äußeren Formen eines Vereins anzunehmen, und das habe der Richter wohl eingesehen, und darum müsse er sich jetzt selber sagen, daß er gerecht verurteilt sei, und wenn er selbst Richter gewesen wäre, so hätte er auch nicht anders gekonnt.

Über diese Worte entstand eine Meinungsverschiedenheit, indem einige sagten, wenn kein wirklicher Verein mit Satzungen und Vorsitzendem und festen Versammlungen gewesen sei, so wären sie in unrechtmäßiger Weise bestraft, und es könnten ja dann alle andern Menschen auch verurteilt werden, weil doch jeder einen Kreis von Bekannten habe, die mit ihm einer Gesinnung seien; die andern aber schlossen sich der Meinung des Erzählers an, den sie Jordan nannten, und sagten, Recht müsse sein, und wenn sie selbst erst die politische Macht errungen hätten, was wohl schon in zehn oder zwanzig Jahren sein könne, so müßten die Gegner auch den Gesetzen gehorchen, die sie selbst dann geben würden; zwar würden diese freilich auf keine Unterdrückung ausgehen, und deshalb würden auch die Gegner wohl willig sich ihnen fügen.

Sie fragten auch Jordan nach dem Aufenthalt in seinem Gefängnis, denn es war eine Nachricht durch die Zeitungen gegangen, daß er und seine Freunde sehr viel hatten erdulden müssen. Da streifte Jordan seine Ärmel hoch, zog die Manschette ab und wies an seinem mageren Arm einen geröteten Streifen um den Knöchel, denn man hatte ihnen Ketten angelegt; aber wie die Zuhörer Ausrufe machten, erzählte er, daß das Tragen der Ketten nicht so schlimm sei, wie man sich vorstelle, denn man habe ja ohnehin nicht viel Bewegung; nur müsse man immer Vorkehrungen treffen, daß die Haut nicht durch das Eisen gescheuert werde, denn solche Wunden heilten sehr langsam und seien schmerzhafter wie manche gefährliche Verletzung. Und wie einige darauf wieder über den Leiter der Gefängnisse schalten, daß er sie unnützerweise mit diesen Ketten gequält habe, entschuldigte er von neuem, indem er sagte, man habe sie erst nach einem Fluchtversuch von zweien unter ihnen geschlossen, und wenn er selbst auch die Ketten für ein sehr wenig wirksames Mittel gegen die Flucht halte, so sei doch der Leiter der Anstalt andrer Meinung gewesen und habe gedacht, daß er auf diese Art weitere Fluchtversuche unmöglich mache. Der Erzähler schloß dann, indem er auseinandersetzte, ein jeder Mensch stehe auf seinem Posten, den er ausfüllen müsse, und anders könne er nicht, und er selbst glaube, daß unter den niederen Gefängnisbeamten mancher sei, der ihre Meinungen teile, aber er müsse doch seine Pflicht tun. Und deshalb kämpfen ja auch sie, er und die andern, nicht gegen die Menschen, sondern gegen die Verhältnisse, und man müsse auch nicht glauben, daß es in den höheren Ständen nur lauter rohe und gefühllose Menschen gäbe, vielmehr lebe da mancher, der selbst in großer Bedrängnis sei.

Dieser Jordan war ein langer und hagerer Mann, dem man in seinem kummervollen Gesicht deutlich seine früheren Leiden ansah, und sprach langsam und gemessen und mit einer kindlichen Wichtigkeit. Die Zuhörer schienen alle recht ernst geworden; als aber ein Neuer sich zwischen sie setzte, wurden plötzlich alle heiter und begrüßten den lachend, denn auch der hatte zwar erst vor kurzem das Gefängnis verlassen, wohin er wegen einer Majestätsbeleidigung gekommen, aber sie fingen an, ihn zu necken, und erzählten, er sei bis über beide Ohren verliebt in ein Mädchen, die ganz außerordentlich zielbewußt war, denn so nannten sie es, wenn jemand ihre Anschauungen teilte, und die habe ihm einmal gesagt, sie könne ihn nicht lieben, weil er noch keine Opfer gebracht habe und sei nicht ein einziges Mal verurteilt; das habe er sich so zu Herzen genommen, daß er noch denselben Abend in einer Versammlung eine Rede mit den heftigsten Majestätsbeleidigungen gehalten, für die man ihn sofort arretiert habe. Über diese Geschichte lachten alle, und wie er selbst den Erzähler zum Scherz mit dem Ellbogen stieß, entstand unter Gelächter und Späßen ein allgemeines scherzhaftes Schieben und Stoßen um den Tisch wie bei fröhlichen Jungen, daß der ernste Polizeileutnant seinen gesträubten Bart von dem Papier, auf dem er fleißig die Reden niederschrieb, nach der Richtung wendete und der Vorsitzende eine Glocke erklingen ließ und zu parlamentarischer Ordnung mahnte.

Auf der Bühne stand gerade ein Redner, der seine abweichende Meinung von den Gedanken des Vortragenden mühsam in recht unklaren Sätzen erklärte, die doch von den Versammelten mit musterhafter Geduld und Ruhe angehört wurden; seine Meinung aber war, daß die Arbeiter die Bildung schon errungen hätten, weil sie »aufgeklärt« seien, aber es gäbe noch eine zu große Menge von »unaufgeklärten« Arbeitern, und die seien der wahre Feind, gegen den man kämpfen müsse. Zum Schluß trug er einen Vers vor, der gegen den »Unverstand der Massen« gerichtet war und großen Beifall erhielt.

Inzwischen erzählten die jungen Leute mit leiser Stimme wieder andre Scherze. Auf einen gewissen Polizeibeamten, den sie den Spitzohrigen nannten, hatten sie einen besonderen Ärger, und deshalb wurde ihm zum Verdruß regelmäßig die neue Nummer des »Sozialdemokrat« in den Briefkasten gesteckt, ohne daß er je den Täter ausfindig machen konnte; der »Sozialdemokrat« war damals das anerkannte Blatt der Partei und wurde in England gedruckt und heimlich nach Deutschland gebracht und hier im stillen verbreitet, und besonders stolz waren die Leute darauf, daß das Blatt immer mit der pünktlichsten Regelmäßigkeit in die Hände der Leser kam. Über den Spitzohrigen erzählten sie noch andere Geschichten; der hatte bei einer Haussuchung in einer gipsernen Kaiserbüste wichtige Schriftstücke der Partei entdeckt, die der Besitzer an ihrem Ort ganz sicher geglaubt; aber nach einigen Tagen, wie Kaisers Geburtstag war, hing bei ihm eines Morgens eine blutrote Fahne aus dem Fenster statt der schwarz-weißen, und hier vermochte er den Mann, der ihm diesen Streich gespielt, nicht aufzufinden. Mit besonderer Freude erzählte diese und andre Geschichten der junge Mann, der mit seiner zielbewußten Geliebten geneckt war und Weiland genannt wurde, und seiner Lustigkeit merkte man wohlan, daß er nicht unbeteiligt war an derartigen Späßen.

Während diesem hatte der Redner auf der Bühne eine unvorsichtige Äußerung getan; über die erhob sich der Polizeileutnant, setzte seinen Helm auf und erklärte die Versammlung für aufgelöst. Da standen sofort alle auf, und indem sie sich mit Ruhe zum Gehen bereiteten, stimmten sie die Marseillaise an, der ein besonderer, für ihre Verhältnisse passender Text untergelegt war.

Das machte auf Hans und Karl einen gewaltigen Eindruck, wie die mutigen, leidenschaftlichen und jubelnden Töne dieses Liedes, von Hunderten begeisterter Männer gesungen, in dem vorher so nüchternen Saale ertönten, und es war, als wollten diese Leute jetzt alle gleich zum Kampf eilen, und als müßten sie siegen, und die beiden Studenten waren so hingerissen von der Wucht, daß sie sich gleich dem Haufen angeschlossen hätten, wenn die zu einer Barrikade gezogen wären, denn es war, als sei ihnen die eigene Überlegung geraubt und als folgten sie nur dem gemeinsamen Impuls der Menge, so schritten sie im Takt mit den andern, und ihre Herzen schlugen hoch, und nur ein Trieb war in ihnen, nach vorwärts zu gehen.

Indessen währte das wunderliche Gefühl nur wenige Augenblicke, denn auf der Straße verstummte das Lied; vor der Tür standen zwei Reihen Schutzmänner, zwischen denen alle hindurchgehen mußten. Eine Stimme rief: »Laßt euch nicht provozieren«; daraufhin war es mit einem Male, als sei jetzt alles harmlos, kleine Gruppen schwenkten nach verschiedenen Richtungen ab, ein Schutzmann mahnte einmal zum Weitergehen, und willig gingen alle weiter und zerteilten sich, es war nicht anders, als seien alle von einem einfachen Vergnügen gekommen. Ohne weitere Überlegung hatten sich die beiden Studenten den Leuten angeschlossen, mit denen sie zusammengesessen, und gingen, die einen fragend und die andern erklärend, durch die Straßen, welche so gleichgültig aussahen wie sonst, nur war es Hansens angestrengten Nerven, als hallten ihre Schritte ganz besonders auf dem Pflaster. Nach kurzem Bereden traten sie in eine Wirtschaft, in der die Arbeiter bekannt waren, denn der Wirt begrüßte sie mit Vertraulichkeit; die Vertraulichkeit von dem ungesunden und dicken Mann war Hansen unangenehm.

Es stellte sich heraus, daß der ältere Arbeiter von den beiden Studenten eine Belehrung haben wollte, denn er erzählte, daß er viel gelesen habe, und besitze zu Hause eine Menge Bücher, deshalb habe er auch keine Frau genommen, und ihn beschäftige vornehmlich eine Frage, die sei ihm aber noch in keinem Buch beantwortet, wiewohl er keine Mühe gescheut, denn er sei doch nur ein Arbeiter und besitze nicht die rechte Vorbildung; nämlich, es werde gesagt, daß unsre Gedanken und auch das, was wir wollen, durch die Verhältnisse bestimmt werde, in denen wir leben, und daß also die Verhältnisse schuld sind an allem Übeln, das geschieht. Wenn das richtig sei, dann könne man also dem Menschen, der Böses tut, mit Recht keinen Vorwurf machen und dürfte ihn auch nicht strafen, und auch dieser Schluß werde von vielen für richtig gehalten. Er aber meine, das alles könne nicht so sein, denn dann verlohne es sich ja gar nicht, daß man lebt, und er für sein Teil wolle lieber tot sein als leben, wenn es so sei.

Der Mann, der zu Hans das sagte, mochte etwa fünfzig Jahre alt sein und war ein Schuhmacher, und seine Gestalt und Gesicht waren auch die eines armen Schuhmachers, der vielleicht nach seines seßhaften Gewerbes Art zuweilen wunderliche Gedanken hat. Aber diese Worte rührten Hans ans Gewissen, denn plötzlich merkte er, daß er ein ganz anderer Mensch geworden war wie früher, und daß er früher gedacht hatte, er wolle lieber tot sein als so leben, wie der Mann schilderte, und daß er jetzt so lebte. Und dazu wurde ihm klar, daß er jetzt viel log; denn der fröhliche Weiland redete wohl die Wahrheit, und der ernsthafte Jordan redete die Wahrheit, und dieser Mann; aber er selbst hatte sich in Lügen gefangen und war dadurch in Gewissensangst geraten.

Er wußte aber nicht, was er antworten sollte; denn nicht nur gibt es ja keine Antwort auf die Frage, sondern er selbst war auch so verwirrt, daß er auch sonst nichts Rechtes zu sagen gewußt hätte. Deshalb sprach er nur, daß das eine Sache des Glaubens sei; wenn einer glaube, daß er in seinen Gedanken und Entschlüssen durch die Verhältnisse bestimmt werde, so sei es so, und wenn er das nicht glaube, so sei es nicht so. Hiermit war dem Mann nun wohl nicht sonderlich gedient; aber er merkte wohl, daß Hans ihm nicht mehr zu sagen wußte, und deshalb forschte er nicht weiter.

Jordan hatte mit Anstrengung zugehört. Jetzt sagte er, es sei richtig, daß die Verhältnisse unser Denken und Wollen bestimmen; denn wenn wir alle in der herrschenden Klasse geboren wären, so würden wir so denken und handeln wie die, und die Arbeiter verurteilen, und doch wären wir im übrigen genau solche Menschen wie jetzt. Hierüber versuchte Karl zu bemerken, daß sie beide als Studenten doch der höheren Klasse angehörten; es zeigte sich aber, daß die Arbeiter die beiden gar nicht recht ernst nahmen, sondern sie mit einer liebenswürdigen Nachsicht betrachteten, etwa wie ein alter Förster einen jungen Herrn mit auf den Anstand genommen hat, und dieses Urteil ergab sich nicht aus den Worten, die sehr zartfühlend waren, aber man merkte es doch in der Gesinnung. Der alte Mann jedoch sagte zum Schluß, wenn die Gerechtigkeit nur ein Rauch sei, so sei die ganze Welt sinnlos; damit erhob er sich zum Gehen und war erregt wie einer, der einen heftigen Kampf für sein Liebstes streitet und dabei doch das Gefühl hat, daß sein Kampf nutzlos ist.

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