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Der schmale Weg zum Glück

Paul Ernst: Der schmale Weg zum Glück - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul Ernst
titleDer schmale Weg zum Glück
publisherGeorg Müller
firstpub1901
year1919
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
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created20081218
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Über diesen Geschäftsmann und seine Frau ist nichts Wichtiges zu sagen, denn sie sind ganz gleichgültige bürgerliche Personen gewesen. Der Mann hatte sich von unten in die Höhe gearbeitet, und weil er nicht Zeit gehabt, bei steigendem Wohlstand sich geistig weiterzuentwickeln, so hatte er nun immer ein Gefühl der Scheu und Befangenheit in seinem neuen gesellschaftlichen Leben, dazu hatte er seine alten Gewohnheiten zum Teil beibehalten, die er als ganz armer Mensch gehabt, und hielt viel von dem alten Aberglauben fest, der sich bei den Juden aus dem Osten untrennbar mit ihrer Religion gemischt hat. Dergestalt trat er in seinem Hause nicht hervor, denn die Frau, die er geheiratet, als er schon wohlhabend war, mochte im Grunde wohl auch nicht mehr Bildung besitzen wie er, hatte sich aber die äußeren Formen angeeignet und zeigte eine verwirrte Freundschaft zu vielen unzusammenhängenden Dingen, mit denen man sich in der gebildeten Gesellschaft beschäftigt, und leitete nach diesen Wünschen das Haus.

Unter solchen Verhältnissen waren zwei gute und brave Kinder aufgewachsen, ein Sohn und eine Tochter, und hatte der Sohn, der jetzt ein junger Student war wie Hans, schon von Kindheit an eine sonderbare Neigung für ganz entlegene Gelehrsamkeit gehabt und vermochte es durchzusetzen bei dem bekümmerten Vater, der in seines Herzens Grunde alle Leute, die nicht viel Geld verdienen, trotz vieler Mühe zum Gegenteil für dumm halten mußte, daß er Vorlesungen über orientalische Sprachen hören durfte, die Tochter aber, die vor Fremden Luise genannt wurde, war ein fünfzehnjähriges Mädchen von früher Entwicklung, die eine große Liebe für die Dichtung aufwies. Bei diesen Leuten war Krechting sehr bekannt, und als Hans hier das erstemal einen Besuch machte, mit großer Schüchternheit, und empfangen von einem erstickten Lachen der lustigen Luise, da traf er den dort an.

Krechting war gleichfalls jüdischer Abkunft und mochte damals achtundzwanzig Jahre zählen. Vor etwa zehn Jahren war er als Student nach Berlin gekommen und hatte sich einer Gesellschaft gleichalteriger Schriftsteller angeschlossen, in der er nach kurzem berühmt geworden als ein Dichter von ganz besonderer Begabung, indem er auf eine neue und unerhörte Art sah und darstellte. Dann hatte er ein Büchlein drucken lassen, und weil dieses gerade in die Zeit kam, wo immer Neues sich ablöste, und die Kunstrichter, einmal aus ihrer alten Ruhe geschreckt, gegen sich mißtrauisch geworden waren und begannen, alles Neue und Unerhörte ebenso hoch zu preisen, wie sie es bis vor kurzem verhöhnt hatten, so fehlte es ihm nicht, und der verwachsene junge Mann wurde als der Begründer einer besonderen Richtung gepriesen und als ein solcher sogleich den übrigen jungen Größen der Dichtkunst beigezählt. Seit dieser Zeit aber hatte er kein weiteres Buch geschrieben; und zwar folgten ihm nun andere Neutöner und wurden neben ihn gestellt, aber sein Name war befestigt und blieb, gerade durch sein Schweigen, indem die Leute zwar mehr und mehr vergaßen, was er eigentlich damals gesagt hatte. Dann sammelte von den jüngeren Kunstrichtern, die zu jener Zeit den Ton angegeben, allmählich einer nach dem andern seine Aufsätze, und in jeder solcher Sammlung war auch ein Aufsatz über ihn, darauf erschienen zusammenhängende Bücher über die geistige Bewegung jener Zeit, und in jedem hatte er eine besondere Stelle; und so bekam sein Ruhm bereits eine gewisse geschichtliche Art, und war anzunehmen, daß man auch weiterhin über ihn schreiben werde wie bis jetzt, und nach langer Zeit, etwa einige fünfzig Jahre später, würde dann ein jüngerer Gelehrter Quellenstudien über sein Leben machen, seine Briefe herausgeben und auch sein alsdann sehr selten gewordenes Buch (denn nur wenige Abzüge waren verkauft) neu drucken lassen.

Seine Eltern hatten ihn nach Berlin geschickt, damit er Rechtswissenschaft studiere und dann Anwalt werde und als solcher einen großen Namen bekomme und viel Geld verdiene, er aber hatte das Berufsstudium bald aufgegeben und allerlei anderes getrieben, um seine Persönlichkeit auszubilden. Da er von ärmlichem Herkommen war, so blieben endlich die Zuschüsse von zu Hause aus, und indem er trotz seiner Berühmtheit und seiner vielen und verschiedenen Kenntnisse und Fähigkeiten doch nicht viel verdienen konnte, außer etwas Geringes durch Musikstunden, so gelangte er zu der Meinung über sein Schicksal, die er mit der Redewendung ausdrückte, er sei unter den Frachtwagen gekommen. Den meisten Menschen war es wunderbar, wie er sich zu ernähren vermochte, indessen hatte er sich doch immer durchgeschlagen bis jetzt, vornehmlich durch Bekanntschaft in wohlhabenden Kaufmannsfamilien, dann durch Unterstützungen, die er sich so geschickt zu verschaffen wußte, daß sie nicht kleinlicher Art waren und von vielen kamen, denn geringe Summen, die er geliehen, zahlte er pünktlich zurück.

Unter solchen Umständen hatte er jene zehn Jahre verbracht, die in eine wichtige Lebenszeit fielen, wo sich Wesentliches im Menschen bildet. Als er noch Kind war, machte einmal auf ihn eine Stelle aus dem Talmud einen besonderen Eindruck, wo geschrieben stand: Wer eine gerechte Handlung tut, ist ein Geselle Gottes in der Weltschöpfung. Solange er an Gott glaubte, hatte er diesen Gedanken als seinen Mittelpunkt, und seinetwegen glaubte er später nicht mehr an Gott, denn solches Wort ist ja nur ein mythischer Ausdruck der Gottlosigkeit, die aus dem Hochmut kommt. Deshalb hatte er nachher überhaupt keinen Mittelpunkt mehr für sein Selbst, und das einzige Feste in ihm war der Hochmut. Seiner Eltern schämte er sich bald, die ordentliche Leute waren nach ihres Volkes Art, denn er schämte sich auch seines Volkes, ja er legte den Namen seiner Eltern ab und nahm einen fremden an. Dabei fühlte er aber wohl, daß er immer mit sich tragen mußte, was er hierdurch fliehen wollte, nämlich das Erbteil der Schlechtesten unter ihm, den Sinn eines frechen Knechtes. Dem hatte das Schmarotzerleben seine besondere Farbe gegeben, indem es seine innere Verlogenheit so vergrößerte, daß er endlich selbst bei ganz unmittelbaren Äußerungen seines Gefühls nicht mehr wußte, ob es wahr sei. So kam es, daß er scheinbar unvereinbare Eigenschaften vereinigt, nämlich Bosheit und Empfindsamkeit. Etwa, als er einmal nach seiner Weise über sich selbst, seine Figur und seine Art bei diesen bürgerlichen Leuten Späße gemacht hatte und sich umblickte mit unruhigen Augen, um ganz die Wollust seiner Hanswurstdemütigung zu genießen, sah er die kleine Luise mit unmutigen Tränen kämpfen zwischen den lachenden und sich schüttelnden Menschen, denn einem edlen Herzen mag solche Niedertracht als eine bittere Kränkung seiner selbst erscheinen; da trieb ihn die Bosheit, sich immer mehr preiszugeben, und weil er zufällig Schillers Schrift über die Schaubühne als sittliche Erziehungsanstalt bei ihr gesehen, so zog er auch Gedanken aus dieser Schrift mit in seine Gemeinheit; hier ging das Mädchen aus dem Zimmer, mit krummem Rücken, und als er diese Bewegung eines unschuldigen und hochgesinnten Kindes sah, hörte plötzlich die Bosheit auf zu wirken, und über ein jammervolles Bedauern mit sich selbst hinweg gelangte er in eine empfindsame Stimmung, schlich dem weinenden Kinde nach, legte seinen Arm um sie, die sich zornig sträubte, und weinte mit ihr.

Außer jenen Leuten, wo er Parasit war, hatte er zwei Arten von Freunden und Bekannten. Die erste Klasse waren seine Altersgenossen, gleich ihm Zerstörte oder Gescheiterte, Menschen mit Instinkten, die gegen sie selbst gerichtet waren, die große Worte machten und an ihnen zweifelten, ja sie selbst verlachten, wenn man sie nur fest ansah, Menschen mit unruhigen Augen und Vogelprofilen, ungleichem Gang und verwirrtem Sprechen, liederlich und schmutzig angezogen, und die meinten, sie seien die Herren des geistigen Lebens, und über alle war in jenen Aufsatzsammlungen und Geschichtswerken geschrieben, und untereinander verachteten, haßten und verleumdeten sie sich. Die zweite Klasse bestand aus ganz jungen Leuten, nämlich treuherzigen Studenten, reichen Jünglingen und unruhigen Menschen von allerlei Begabung, die hochkommen wollten, das heißt zu einer Stellung, wie die erste Klasse sie hatte. Und diesen Männern entsprachen die Mädchen und Frauen des Kreises. Mit unordentlichem Haar und schlecht sitzenden Blusen waren sie zwischen den Männern und redeten mit denen ohne Scheu. Alle diese Menschen wähnten frei zu sein, aber sie waren nur losgekettet von den Banden, in denen die Gesellschaft die Schwachen hält, und hatten sich schnell härtere Fesseln selbst geschaffen durch ihre leichtfertige und unbehütete erste Jugend. Nach jenem Vorfall mit Luise geschah es, wie Krechting das nächste Mal zu ihren Eltern kam, daß sie verwirrt war und gab ihm die Hand nicht zur Begrüßung. Er rief: »Und Sie geben mir die Hand nicht?« Sie sah ihn unwillig an und legte flüchtig ihre Hand in seine; die war ganz kalt vor Aufregung. Da wurde er verlegen und begann sehr schnell zu reden, vom Wetter und den vielen Leuten auf der Straße, und sie lachte und lief aus der Tür, daß die Mutter tadelnd hinter ihr her rief und sie entschuldigte. Als er allein mit ihr war, sprach er ganz anders, wie er sich vorgenommen. Er wußte, daß sie eine schwärmerische Vorstellung von ihm hatte als von einem reinen und edlen Dichter, und daß er für sie ein Ideal war, wie sich junge Mädchen oft aus der Unschuld und Größe ihres Herzens ein Bild schaffen, das sie einem beliebigen Mann vorhängen, ihrem Lehrer, oder einem jungen Offizier, einem Schauspieler oder ähnlichen. Mit spöttischem Hohn hatte er bei sich hierauf ein Gespräch aufgebaut; aber wie sie nun schüchtern und demütig vor ihm saß, fühlte er unerwartet Mitleiden mit sich selbst, und um das zu unterdrücken, fing er gleich mit Reden an, die noch mehr gelogen waren wie seine beabsichtigten Lügen und zugleich so ungeschickt in Beziehung auf das Kindchen, daß dieses gar nichts zu antworten wußte und immer nur dasaß mit gesenktem Köpfchen, und er fühlte dann einen Zwang, immer weiterzureden, daß er immer läppischer wurde. Er sprach: »Sie müssen mich sehr verachten, daß ich so über mich selbst spotte und auch über Schiller, aber diese beiden Dichter verehre ich am höchsten, nämlich mich und Schiller, und welchen Sinn hätten Götterbilder, wenn man sie nicht von ihren Sockeln stürzte? Und haben Sie nicht schon bemerkt, daß man ein eigenes Machtgefühl bekommt, wenn man sich selbst der Verachtung preisgegeben hat und sieht die Gesichter der Höflichen ringsum, die ihren Ausdruck zu Liebenswürdigkeit zwingen? Daß das Gefühl mehr wert ist wie sein Gegenstand, wissen Sie am besten« – hier spürte er herzklopfend seine Schamlosigkeit wie die eines dritten – »nämlich aus der Liebe. Und ich will nicht Macht, ich will nicht Liebe, ich will nur den flüchtigen Rausch einer Sekunde genießen, denn dieser enthält alles Wertvolle aus ihnen; jeder Besitz ist Enttäuschung, deshalb lebe ich als Chambregarnist nicht nur mit meinem physischen Menschen ...«

Luise war aufgestanden, schwer wurde ihr das Sprechen. »Sie sind so unglücklich,« sagte sie schamhaft; er spürte plötzlich ihre Lippen auf seiner Stirn wie einen kühlen Hauch; dann war sie unversehens aus dem Zimmer. Da kam Scham über ihn, und er wußte nicht, daß er sich nach ihr sehnte, so zerstört war er, daß er das nicht wußte. Hans wurde um eben jene Zeit mit der Familie befreundet, als sich diese Dinge abspielten. So erlebte er auch den weiteren Verlauf.

Zu Krechtings größerem Kreise gehörte ein junger Dichter, den wir hier Peter nennen wollen; den hatte er schon vor langem mit der Familie bekannt gemacht, und war der merkwürdigerweise der einzige von den jungen Genies der Frau, zu welchem der Mann in eine Art von Beziehung geriet, indem er nämlich gelegentlich kleine Scherze über ihn machte, die der harmlos erwiderte, denn in so verschiedenen Welten lebten die beiden, daß sie sich gar nicht kränken konnten.

Peter war gleichfalls vor etwa zehn Jahren nach Berlin gekommen, in einer freilich unbekannten Absicht, und hatte eine Anzahl seltsam ungeschickter und kindischer Gedichte mitgebracht, die recht töricht schienen, wenn man sie für sich las, obschon zwar aus dem wirren und gleichgültigen Zeug zuweilen ein Wort, besonders ein Beiwort oder ein Satz auffiel, der dem Leser ans Herz rühren mochte. Las er aber selbst vor, so bekamen diese schülerhaften Reime ein ganz neues Leben, denn seine guten und sanften Augen leuchteten, und sein Gesicht hatte einen Schein von innen heraus, und die abgenutzten Worte und Wendungen erhielten ein frühlingsmäßiges und feines Gefühl. Dann sagte jeder lächelnd: »Er ist ein großes Kind,« aber alle wurden sonderbar froh, glücklich und gut, als wenn seine bescheidene Seele mächtig geworden wäre über sie, und lächelten auch über ihn und dachten: ›Er ist doch ein Dichter‹; und das war mit einer Freude empfunden, wie gegenüber einem kleinen Kinde geschieht.

Auch dieser Jüngling hatte in jenen früheren Zeiten sein Bändchen herausgegeben; nur, kein Kritiker beachtete es, weder in feindlicher noch in freundlicher Gesinnung, und so schrieb niemand etwas über seine Gedichte; aber alle jene scharfsinnigen und klugen Schriftsteller liebten ihn und sagten: »Er ist doch ein Dichter,« oder sie sagten: »Er ist ein großes Kind.« Und so lebte auch er zehn Jahre lang in einer Weise, die sich keiner erklären konnte, denn niemand nahm und druckte seine Arbeiten, und er borgte von niemand, außer etwa einmal eine rührende Kleinigkeit, zehn oder zwanzig Pfennige. Es fand sich aber, daß er Unterkunft hatte bei ganz armen Leuten, bei denen er als Student gewohnt; die gönnten ihm ein Plätzchen umsonst, am Tage auf einem Stuhl in der Werkstatt, denn der Mann war Schuhmacher, und des Nachts in der Küche in einer alten eisernen Bettstatt, die am Tage zusammengeklappt wurde; sein weniges Essen aber fand er bei Freunden, wenn er die zur Abendbrotzeit besuchte, oder die Schuhmachersleute gaben ihm auch wohl von ihrer Suppe ab. Weil der nun in seiner Armut unterstützt werden sollte und ihm doch niemand ein Almosen bieten mochte, so war er von der Frau angenommen, der Tochter und einigen ihrer Freundinnen Unterricht in der Literatur zu erteilen, wodurch er dreißig Mark im Monat verdiente; und weil er seit langen Jahren nicht so viel Geld gehabt hatte, so schöpfte er jetzt neue Zuversicht und hatte neue Kraft zu schaffen, sagte auch, wie wohl es einem Dichter tue, wenn er eine feste Einnahme habe, die ihn vor der Not schütze und ihm auch erlaube, sich zuweilen ein gutes Buch zu kaufen. Bei seinen Schülerinnen hätte er wohl einen recht schweren Stand gehabt, denn die hatten bald gemerkt, daß er vieles Sonderbare glaubte, was man ihm aufbinden mochte, und daß sein Urteil und Wissen in der Literaturgeschichte, recht wunderlich schien; aber er merkte es gar nicht, wenn sie über ihn lachten, sondern lachte fröhlich mit, sagte auch wohl, wie gut es tue, so zwischen Jugend zu leben und ihre glückselige Heiterkeit in sein Herz aufzunehmen. Und bald entwickelte sich etwas Merkwürdiges, daß seine Schülerinnen ganz mütterliche Gefühle für ihn zu bekommen schienen, und er folgte ihnen treulich, wenn sie ihm dieses oder jenes richteten oder anbefahlen für seine Kleidung oder seine Lebensweise, und wurden die Mädchen dabei dann ganz ernsthaft und umsichtig, und zuletzt kamen sie auf den Gedanken, weil er doch ein so guter Mensch sei, wenn auch nicht ganz klug, so müsse er heiraten, weil ein solcher wie er bei den gegenwärtigen Zeiten, wo die Männer meistens selbstsüchtig und ungebildet seien, eine Frau sehr glücklich machen werde durch die Bildung seines Herzens, und er selbst müsse auch jemand haben, der für ihn sorge, aber sehr reich müsse die Frau sein, da er ja niemals viel verdienen werde. Dabei stellte sich denn heraus, daß ihn alle diese zwitschernden und lachenden Mädchen so herzlich lieb hatten, daß ihn jede genommen hätte, wenn nur die Eltern einverstanden gewesen wären: denn um seine eigene Einwilligung machten sie sich keine Sorgen.

Am nachdenksamsten aber wurde durch ihn Luise und faßte eine besondere Neigung zu ihm, und geschah das so, daß Peter einmal mit ihr allein war, und da sie zu ihm Vertrauen hatte, so erzählte sie ihm, daß in ihrer Familie etwas vorgefallen sei, wie ja öfter geschah durch den Gegensatz der beiden Eltern, und daß man ihr nichts davon mitteile. Auf diese Klage antwortete er, daß den Eltern doch viel Trost im Leben fehle, wenn sie die Kinder an ihrem Kummer nicht teilnehmen lassen, und den guten Kindern machen sie auch das Herz schwer, denn sie spüren doch von dem Unheil, aber müssen dann ihre Lust am Helfen und Trösten in ihrer Brust verschließen; das nahm sie ihm nun zwar übel, daß er sie für ein Kind hielt; aber wie er dann fortfuhr, daß den Erwachsenen die Kinder gegeben seien, damit sie besser und heiterer würden, und wie sie ihn fragte, ob er selbst durch sie besser geworden sei, lachte er freundlich und sprach: »Ja, ich habe Sie doch lieb«; da fiel sie ihm um den Hals und küßte ihn, und dann lief sie schnell weg. Nach Wochen aber sagte sie ihm, daß sie ihn geküßt habe, sei geschehen, weil er doch ein erwachsener Mann sei und sie noch ganz jung, und er sei doch ihr Lehrer.

Peter teilte ihr auch mancherlei Pläne und Wünsche mit, so vor allem seinen Gedanken, eine Zeitschrift zu begründen, die nur der reinen Kunst und dem Schönen dienen solle und nicht abhängig sei von Rücksichten auf Gewinn und Verdienst, und meinte, da er selbst jetzt doch für sich eine passende Einnahme habe, die für seine Bedürfnisse genüge, so könne er die Leitung dieser Zeitschrift ohne Belohnung übernehmen, und solche Dichter, die wohlhabend seien, würden ihre Werke umsonst zum Abdruck geben, und die ärmeren Dichter müßten sehr viel bezahlt bekommen. Dann müßte sich ein Reicher finden (oder es gebe vielleicht auch mehrere reiche Leute, die der Kunst helfen wollten, man kenne sie nur nicht, und sie wüßten nicht wie, weil sie vielleicht in entlegenen Schlössern wohnten, und es sei auch noch nicht eine solche Zeitschrift da), der sehr viel Geld schenke; das müsse man dann natürlich recht sorgsam verwalten, damit auch das gewollte Ziel erreicht werde und es nicht Unwürdigen zugute komme. Wenn dann die Zeitschrift recht viele Leser habe, dann könne man das Volk zur wahren Kunst erziehen, daß es sich nicht mit den schlechten und dummen Büchern abspeisen lasse, die ihm heute gegeben würden, sondern gute Kost wolle, und dadurch würden auch wieder in Rückbeziehung die Dichter gehoben, denn die würden mehr Freude an ihrem Schaffen haben, und manche gebe es, von denen er für seinen Teil glaube, wennschon er keinen Namen nennen wolle, die gewiß Schöneres und Edleres schaffen würden, wie sie jetzt täten, wenn sie sähen, daß es seine Leser fände.

Durch solche gegenseitige Vertraulichkeit kamen sich die beiden immer näher, und wie nun in den Kindern der Plan entstanden war, daß sie Peter verheiraten wollten, so kam sie zu dem Entschluß, sie selbst wolle ihn zum Manne nehmen, wenn sie zu ihrem Alter gekommen wäre, welche Gedanken sie aber noch verschwieg aus Scham und Bedenken.

Es hatten aber die Eltern der jungen Mädchen am Ende gespürt, daß in den Literaturstunden mancher Unfug getrieben wurde, und daß die Kinder seltsame Ansichten und schlechte Kenntnisse erwarben. Hierdurch kam zuletzt Zwistigkeit und Ärger mit dem Lehrer, und so wurden am Ende die Stunden aufgekündigt, und Luise erhielt von ihrer Mutter noch außerdem viele Vorwürfe über ihre besondere Vertraulichkeit mit dem Dichter, und wurde häßlich über ihn gesprochen. Gegen solche Rede wehrte sie sich zuerst und verteidigte ihn, aber endlich, wie sie spürte, daß sie durch ihre Widerworte das Übel nur ärger machte, schwieg sie und ersann einen Plan. So erwartete sie ihn auf der Straße, sprach ihn an und sagte ihm, daß er wohl gemerkt haben werde, welche Wünsche sie habe, nämlich später einmal seine Frau zu werden; aber jetzt sei ihr das Leben bei den Ihren so unerträglich geworden, daß sie nicht mehr so lange zu Hause bleiben wolle, bis sie sich ihnen, weil sie dann ganz erwachsen sei, offenbaren könne, sondern sie wolle mit ihm von Hause fliehen. Sie würden aber sicher schon einen Ort finden, wo gute Menschen sie aufnähmen, und sie seien doch beide auch nicht hochmütig, sondern würden gern jede Arbeit übernehmen, um sich ihr Brot zu verdienen. Peter erwiderte ihr, daß das zwar sehr schwer sei, was sie vorhabe, aber wenn sie nicht mehr bei ihren Eltern bleiben könne, welches er glaube, wenn er ihrer beider Art betrachte, so wolle er ihr helfen und mit ihr entweichen, und denke er aber, sie zu seiner alten Mutter zu bringen, die weit weg in Westfalen lebe in einer kleinen Stadt und zwar recht arm sei, aber sie habe ihn sehr lieb und mache ihm nie Vorwürfe, daß er in den Augen der Welt kein großes Wesen geworden sei, wenn er ihr freilich auch immer erzählt habe, daß er viel Geld verdiene, welches man als Schriftsteller ja könne, indem mancher für einen kurzen Artikel, den er in einer Stunde schreibe, hundert Mark oder noch mehr bekomme. Dieser Mutter solle sie dann behilflich sein, weil sie nämlich außerdem, daß sie für Leute wasche, einen kleinen Laden halte mit Schreibwaren für die Schulkinder, und so könne sie ohne Sorge und in Liebe leben.

Wie das Mädchen einverstanden war, machten sie sich gleich auf den Weg nach dem Bahnhof und kauften Fahrscheine, und da sie nicht genug Geld hatten, konnten sie freilich nicht bis zum Ende fahren, aber Peter tröstete sie und sprach, daß sie nur eine ganz kurze Strecke gehen müßten, acht oder zehn Stunden, durch einen schönen Wald. Und so fuhren sie nun, und am Ende stiegen sie aus, machten sich auf die Füße und gingen, und wie sie zu dem Walde kamen und hochwipflige Bäume sie empfingen, da faßten sie sich freundlich an die Hand und schritten weiter fröhlichen Mutes wie zwei Kinder. Laub raschelte unter ihren Füßen, und hoch über ihren Köpfen bogen die Zweige sich wölbend zur Höhe, und durch grünes Laub leuchtete Sonnenschein, und Tropfen des Lichtes fielen auf den Boden voll goldbraunen Laubes. Und allerhand geheimnisvolle Märchenlaute waren da hinter den Bäumen, ein Klopfen und Zirpen, und ein leises Huschen, und ein Knistern; eine blitzende Fliege summte in einem schrägen Sonnenstrahl, und ein ganz großer Käfer flog mit tiefem Gebrumm rund um einen Baumstamm. Der Dichter erzählte von den Waldvögelchen, von den kleinen Meisen, die so klug schauen, und von den Finken, vom Zeisig und Hänfling, und von den wunderlichen Spechten, und das kleine Mädchen schmiegte sich an ihn, ängstlich und voll Liebe, und das Herz tat sich ihr auf, denn sie hatte bis dahin den Wald noch nicht gekannt, weil ihre Eltern immer mit der Eisenbahn an vornehme Orte gefahren waren, bei denen es Bäume auf Rasenplätzen gab und sorgfältig geharkte Wege.

Viele Stunden gingen die beiden, und sie wurde recht müde, denn sie war solcher Wege nicht gewohnt, er aber schritt immer freudig und zuversichtlich weiter, und deshalb mochte sie ihm nichts klagen, denn von selbst merkte er nicht ihre Ermüdung; und so kamen sie am Ende vor das kleine Städtchen, wo Peters Heimat war, und gingen durch das alte Tor die große Straße hinunter, wo neugierige Gesichter hinter blitzenden Fensterscheiben ihnen nachsahen, und in ein Nebengäßchen; und in einem ganz versteckten Winkel da stand ein uraltes Häuschen, ganz schmal und niedrig, unter einem blühenden Lindenbaum, und war die obere Hälfte der Haustür geöffnet, und man konnte durch den dämmerigen Hausflur in ein Gärtchen sehen, wo rote Rosen an hohen Stöcken blühten. Da traten sie ein, und da kam Peters alte Mutter aus ihrem Stübchen, und trug ihre alten mageren Arme nackt, und legte die Hand über die Augen, um die Fremden zu betrachten, da umarmte sie schon ihr Sohn und küßte sie, und in ihrem ehrlichen Gesicht ging die Freude auf.

Wie sie nun alle drei in dem heimlichen und sauberen Stübchen saßen, auf dem schwarzledernen Kanapee unter den bunten Öldruckbildern, und Peter erzählte seine Geschichte und Vorhaben, da schlug die alte Frau wohl immer nur die Hände zusammen vor Verwunderung und wiegte den Kopf und sah liebevoll das zarte Mädchen an; aber nicht einmal kam ihrem braven Herzen der Gedanke, daß ihr großer Junge doch noch ein rechtes Kind sei, denn sie hatte eine besondere Hochachtung vor ihm. Deshalb war sie mit allem einverstanden, und jetzt lief sie nur eilfertig hinaus in die Küche, einen kräftigen Kaffee zu bereiten auf die Anstrengungen der Reise. Aber als die beiden jungen Leute allein waren, begann Luise plötzlich heftig zu weinen, und wie er sie trösten wollte und streichelte ihr die schwarzen Haare, da machte sie eine unwillige Bewegung mit der Schulter, daß er ganz ratlos dastand. Bald blickte sie wieder auf und sah in sein Gesicht, und da mußte sie plötzlich hell auflachen, aber das Weinen war noch nicht ganz vorüber, und das Böckchen stieß sie mitten im Lachen, und ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen. Indem kam die gute alte Mutter wieder in die Stube und trug auf einem Präsentierbrett den Kaffee in einer sehr großen Kanne, und zwei Tassen, denn sie selbst wollte nicht mittrinken, weil sie sich für zu gering hielt, und eine rotlackierte Zuckerdose aus Blech stand bei der Kanne; und wie sie die Weinende erblickte, fing auch sie an zu trösten und empfahl den Kaffee, indem sie eine lange Geschichte begann, wie er eine wunderbare Heilung einer Lahmen bewirkt hatte; da lugten durch die Türspalte die beiden Mieterinnen, die sie in ihrem Häuschen hatte, das waren zwei uralte Weiberchen, sauber und ordentlich und über die Maßen neugierig. Wie die Mutter die beiden bemerkte, nötigte sie, daß sie hereinkommen mußten, die entschuldigten sich vielmals, und standen hintereinander, dann aber kamen sie in die Stube, indem sie sich die blanken Hände an den reinlichen blauen Schürzen abwischten und neugierig das Pärchen betrachteten. Aber bald wurden sie recht vertraut, prüften mit den Händen den Stoff von Luisens Kleid und fragten nach dem Preis, tranken vergnügt von dem schwachen Kaffee aus der großen Kanne, nachdem sie zuerst vielmals abgelehnt, erzählten von ihren Krankheiten und fragten, ob Luise auch die Kaiserin recht oft sehe. Peter war fröhlich und unbefangen zwischen den drei gutherzigen alten Frauen, lachte viel und erzählte so, daß die drei nicht aus dem Verwundern kamen; Luise aber hatte inzwischen einen Entschluß gefaßt, zog Peter auf die Seite und bat ihn, daß er ein Telegramm an ihre Eltern schicke, das denen ihren Ort anzeige, welches der sehr richtig fand, und tat sofort, was sie begehrte.

So geschah es denn, daß am nächsten Tage die Eltern des Kindes kamen, in großer Aufregung und Sorge; aber wie sie den frohmütigen und harmlosen Dichter, die geschäftige und saubere alte Mutter und die braven andern Weiberchen um ihre Tochter versammelt fanden, die lachend ihrem Vater an den Hals flog, da vermochten sie nicht die empörten Reden an Peter zu führen, die sie sich vorgenommen, sondern die Mutter machte nur ein gekränktes und kaltes Gesicht, und der Vater brummte etwas, das nicht deutlich wurde durch die Liebkosungen der lachenden Tochter, und zuletzt, weil sie ganz ratlos waren, was das Ganze bedeutet habe, nahmen sie das Mädchen mit sich in ihr Gasthaus und luden den Dichter zum Mittagessen ein, das er ohne Schuldbewußtsein auch freundlich annahm. Nach diesem Anfang fanden die Eltern bald, wie sie das ganze Begebnis als einen Kinderstreich auffassen konnten, was die ihrem Wesen angemessene Art einer Erklärung war, und so überwanden sie leicht ihren Groll, und am Ende lachten sie mit ihrer Tochter zusammen, indem die Fröhlichkeit des unbefangenen Kindergemütes auf sie überstrahlte.

Wie sie alle in dem Gasthause versammelt waren, sprach Luise, daß sie gedacht habe, sie wolle später, wenn sie in ihre Jahre gekommen wäre, den Dichter heiraten; aber nun sei ihr doch klar geworden, daß sie ihn zwar immer noch so lieb habe wie früher, und vielleicht noch lieber, aber seine Frau könne sie nicht werden. Das wolle sie ihm gesagt haben, und weil sie sich noch nicht geküßt hätten bis jetzt, so wolle sie ihm nun, zum Abschied von ihrem gemeinsamen Plane, einen Kuß geben; als sie das gesprochen hatte, faßte sie sein Ohrläppchen, beugte seinen Kopf zu sich nieder und küßte ihn auf die Lippen; dann lächelte sie, indes ihr eine Träne in die Augen trat; und auch der Dichter lächelte. So endete der beiden Liebesverhältnis.

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