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Der Schiffszimmermann

Friedrich Gerstäcker: Der Schiffszimmermann - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Walfischfänger und andere Seegeschichten
authorFriedrich Gerstäcker
year2000
publisherHusum Druck- und Verlagsgesellschaft
addressHusum
isbn3-88042-857-3
titleDer Schiffszimmermann
pages28-36
created20000407
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Ihr scheint wirklich ziemlich knapp an Mannschaft zu sein«, sagte Tom endlich, der sich das Deck eine Zeit lang schweigend betrachtet hatte, zum Harpunier. »Wenn sie das nämlich alle sind, die ich hier an Deck sehe, und ich glaube doch kaum, dass sich bei der Ankunft von solch frischem Gut viel unten gehalten.«

»Ihr habt Recht«, sagte der Harpunier mürrisch. »Das ist die ganze Bande, und ein nichtswürdigeres Gemengsel von Schneidern, Schustern und verlaufenen Handwerksburschen ist wohl noch nie an Bord eines ordentlichen Seeschiffes zusammen gefunden worden. Mit Müh und Not haben wir ihnen in den letzten zwei Jahren wenigstens das Rudern beigebracht; ein volles Jahr hat es aber gedauert, ehe sie nur zusammen anzogen. Es war ein ordentlicher Skandal, und wenn wir oben in der Beringstraße in der Nähe eines andern Schiffes lagen, schämten wir uns wahrhaftig ein Boot auszuschicken, und haben dadurch mehrere Fische verloren. Was das Takelwerk betrifft, können die Kerle noch jetzt kaum einen Reefknoten schlagen.«

»Zum Auskochen sind sie gut«, lachte Tom. »Wenn nur die Offiziere ihre Sache verstehen.«

»Offiziere? Ja, Harpuniere und Bootsteuerer haben wir vollzählig – einen Bootsteuerer noch ausgenommen, der unten krank liegt – aber keinen einzigen Zimmermann und keinen Schmied, und der erste Böttcher ist uns ebenfalls auf Hawaii davongelaufen. Es ruht ein wahrer Fluch auf dem alten Kasten, und wenn uns noch ein paar Boote ernstlich beschädigt werden, müssen wir wahrhaftig irgendeine amerikanische Küste anlaufen. Aber da kommt auch Euer Kanu heran – die Burschen nehmen sich Zeit. – Ist doch ein faules Volk, diese Indianer!«

»Lieber Gott, wer kann's ihnen verdenken?«, lachte Tom. »Die Natur gibt ihnen alles, was sie brauchen, mit vollen Händen, ohne dass sie nötig hätten, sich dabei zu rühren. Übrigens sind sie lebendig genug, wo sie wirklich etwas interessiert, und ich glaube auch größerer Leidenschaft und Regsamkeit fähig, wenn sich ihnen irgendeine notwendige Gelegenheit dazu bieten sollte. Solange die ausbleibt, lassen sie sich eben gehen. – Aber kommt da nicht Euer Kapitän? Wie heißt er?«

»Rogers. – Ihr werdet Euer Kanu wohl nicht brauchen, denn ich bin überzeugt, er schickt die Boote gleich wieder hinüber, um das Holz abzuholen.«

»Rogers?«, rief Tom. »Ich glaube wahrhaftig, das ist ein alter Bekannter. Welches Schiff hatte er früher?«, setzte er rasch hinzu, ohne den Blick von dem jetzt eben an Deck kommenden Kapitän zu wenden.

»Den Bonnie Scotchman, wenn ich nicht irre«, lautete die Antwort.

»Alle Teufel!«, murmelte Tom halblaut vor sich hin und warf wie unwillkürlich den Blick nach dem eben anlegenden Kanu hinunter. Der Harpunier war indessen auf den Kapitän zugegangen, um ihm sowohl Bericht von dem abgeschlossenen Handel mit Früchten und Gemüsen abzustatten, als auch von dem Holz zu sagen, das fertig geschlagen und ausgetrocknet drüben am Strande liege und eben nur an Bord geholt zu werden brauche.

»Das ist vortrefflich, Mr. Hobart«, sagte der Kapitän rasch. »Besser können wir es uns gar nicht wünschen – und der Preis?«

»Ist auch mäßig – es wohnt ein Weißer drüben zwischen den Rothäuten, der die ganze Sache zu leiten scheint, und den ich deshalb gleich mit herübergebracht habe, damit Sie den Kauf selber mit ihm abschließen können. Da drüben steht der Mann.«

»Desto besser, desto besser! Spricht er Englisch?«

»Es ist ein Schotte.«

»Oh, vortrefflich! Ah, guten Tag, Mister – Pest noch einmal – das Gesicht kommt mir verdammt bekannt vor!«

»Wie geht's, Kapitän Rogers?«, fragte Tom, der rasch gefasst, aber doch leicht errötend und etwas verlegen lächelnd auf ihn zuging. Er reichte ihm dabei die Hand, die jener langsam nahm, ihm jedoch immer aufmerksamer ins Auge sah. »Sie kennen mich wohl kaum noch, wie? – Ja, ich bin braun geworden in den langen Jahren und unter der heißen Sonne hier.«

»Waret Ihr nicht auf dem Bonnie Scotchman?«

»Allerdings.«

»Zimmermann?« Tom nickte. »Und lieft mir auf Hapai davon?«

Tom wurde blutrot im Gesicht, aber ein gutmütiges und doch halb verschmitztes Lächeln durchzuckte dabei seine Züge, als er erwiderte:

»Und Sie hätten mich beinah wieder erwischt, denn die nach mir ausgeschickten Eingeborenen waren mir ein paar Mal dicht auf den Fersen. Fünfzehn Stunden habe ich einmal bei einem furchtbaren Regenguss in dem Wipfel einer Palme zugebracht.«

»Vier Tage bin ich Euch zur Liebe damals an der verdammten Insel liegen geblieben und habe indessen nicht allein den Fang versäumt, sondern mich auch nachher die ganze übrige Reise mit dem Esel an zweitem Zimmermann behelfen müssen.«

»Es war vielleicht nicht recht damals, Kapitän Rogers«, gestand Tom ehrlich ein. »Aber das Land lachte gar zu verlockend herüber, und Sie wissen selbst, was für ein grober, ungerechter Mensch Ihr damaliger erster Harpunier war. Er brachte uns fast alle zur Verzweiflung und trieb die meisten vom Schiff, wo sich ihnen nur die geringste Gelegenheit dazu bot.«

»Das ist keine Entschuldigung, Mr. – wie war doch Euer Name gleich?«

»Tom Burton.«

»Ach ja – Mr. Burton, das ist gar keine Entschuldigung. Ihr hattet Euch mir und dem Reeder für die ganze Fahrt verpflichtet und waret nicht allein uns, sondern auch Euren Kameraden schuldig, dass Ihr bliebt. Ihr wisst recht gut, dass auf einem Walfischfänger die ganze Mannschaft gemeinsamen Anteil an dem Fang hat, den Fang aber nicht betreiben kann, wenn ihr die wichtigsten Handwerker dazu, Zimmermann und Böttcher, an Bord fehlen. Da wir alle an Bord umsonst herumfahren würden, wenn die Boote nicht hinausgingen und an Fische festkämen, so ist das Instandhalten eben dieser Boote auch eine der wichtigsten Sachen an Bord eines Walfischfängers, und deshalb gerade werden die Zimmerleute engagiert und verpflichtet. Sobald sie ihren Kontrakt brechen, gefährden sie den Fang des ganzen Schiffs und ziehen nicht allein dem Reeder, der das Schiff ausgerüstet hat, ungeheure Verluste zu, sondern schneiden auch der ganzen übrigen Mannschaft, vom Kapitän hinunter bis zum Schiffsjungen, die Möglichkeit eines Verdienstes ab. Und zum Spaß treiben wir uns doch wahrhaftig auch nicht drei und vier Jahre halb zwischen Eisschollen, bald unter einer solchen Sonne umher, und lassen Weib und Kind indes zu Hause.«

»Sie haben vollkommen Recht, Kapitän«, sagte Tom, der jetzt ganz ernst und eher etwas blass geworden war. »Hier und da liegt aber auch der Fehler wohl mit an den Offizieren, die ihre Macht zu sehr missbrauchen. Ich weiß allerdings, dass an Bord eines solchen Fahrzeugs ebenso gut wie an Bord eines Kriegsschiffes unbedingte Subordination herrschen muss, wenn nicht Schiff und Mannschaft darüber zu Grunde gehen sollen. Aber die Herren – und Ihr früherer erster Harpunier war ein solcher, Kapitän Rogers – glauben manchmal, dass sie mit ihren Untergebenen eben nach Willkür machen können, was sie wollen – widersetzen darf sich ihnen ja doch niemand –, und missbrauchen dann die ihnen erteilte Würde ebenso zum Schaden des Schiffs, wie es der Untergebene tut, der sich solcher ihm lästig oder unerträglich werdenden Herrschaft durch die Flucht entzieht.«

»Mr. Williams war einer der tüchtigsten Offiziere, die es geben kann, und ein ausgezeichneter Walfischfänger.«

»Ich will ihn nicht anklagen, um mich zu verteidigen, Kapitän Rogers«, entgegnete Tom freundlich. »Junge Leute, wie Sie recht gut wissen, sind oft leichtsinnig, und ich war damals noch ein ganz junger, unerfahrener Mensch. Jetzt bin ich vernünftiger und denke anders, vernünftiger darüber.«

»Es ist mir lieb, das zu hören«, erwiderte der Kapitän. »Noch dazu, da es selbst jetzt nicht zu spät ist, um das Geschehene wieder gutzumachen.«

»Durch Holz wenigstens«, lächelte Tom. »Um Ihnen das Auskochen an Bord zu erleichtern. Sie scheinen schon eine hübsche Ladung Tran genommen zu haben?«

»Es geht an«, sagte der Kapitän, immer noch zurückhaltend, und fuhr dann in dem früheren Thema fort: »So ist es auch diesmal mit den Leuten, und trotzdem dass wir ganz vorzügliche und ruhige Offiziere an Bord haben – welchem Umstand Ihr großen Einfluss auf die Mannschaft zuschreibt – haben eine große Anzahl, und unter ihnen sogar beide Zimmerleute und der erste Böttcher, heimlich und widerrechtlich das Schiff verlassen und uns in die peinlichste Verlegenheit gebracht.«

»Hm, das ist allerdings fatal.«

»Desto mehr«, sprach der Kapitän ruhig, »freue ich mich, dass uns der Zufall zu so günstiger Zeit wieder zusammengeführt hat. Ihr hättet zu keiner gelegeneren Stunde an Bord zurückkommen können.«

»Nur mit dem Unterschied«, lächelte Tom, der aber doch fühlte, dass ihm das Herz dabei stockte, denn er ahnte, was der Kapitän mit den Worten meinte, »dass ich nicht an Bord gekommen bin, um wieder zu fahren, sondern Ihnen nur mein Holz am Strand zu verkaufen.«

»In welcher Absicht bleibt sich ziemlich gleich«, erwiderte der Kapitän mit einem leichten, aber nichts Gutes weissagenden Lächeln um die zusammengepressten Lippen. »Ich will übrigens das Geschehene vergessen sein lassen und Euch die damals versäumten Tage bei dem, was wir künftig fangen, nicht in Anrechnung bringen. Euer früherer Anteil hat auch schon zum Teil dafür bezahlt.«

»Künftig fangen, Kapitän?«, sagte Tom, der sich gewaltsam zwang, ruhig zu bleiben. »Ich glaube nicht, dass ich je wieder auf den Walfischfang ausgehe. Ich bin älter seit der Zeit geworden und ruhiger, und habe mir außerdem auch noch eine der Töchter dieses Landes zur Frau genommen. Dort unter den Palmen steht meine eigene Heimat, lebt meine Familie, und die darf ich schon nicht mehr verlassen, wenn ich selber wollte.«

»Familie? Bah!«, meinte der Kapitän. »Hab ich etwa keine Familie zu Hause? Das ist das Schicksal der Seeleute, dass sie die jahrelang entbehren müssen. Desto besser gefällt es ihnen aber auch dafür, wenn sie wieder nach Hause kommen.«

»Mag sein – die Ansichten sind verschieden«, brach Tom das Gespräch, das ihm peinlich zu werden begann, kurz ab. »Jetzt, Kapitän, möcht ich Sie bitten zu bestimmen, was und wie viel Sie von dem Holze brauchen – und hier«, setzte er lächelnd hinzu, »hab ich auch noch einige Kleinigkeiten mitgebracht, die meine Frau gearbeitet, und von denen sich die Offiziere vielleicht einiges mit nach Hause nehmen. Das Körbchen hier, Kapitän Rogers, möchte ich Sie bitten, zum Andenken an mich zu behalten.«

Der Kapitän zögerte, es zu nehmen, stellte es aber dann neben sich auf das Gangspill und sagte:

»Wir wollen das nachher zusammen abmachen. – Wie viel Holz habt Ihr drüben?«

»Sechs Klafter.«

»Und der Preis?«

»Ich bin beauftragt, Handelsartikel dafür einzutauschen.«

»Gut. Mr. Hobart«, sagte der Kapitän zu dem jetzt näher tretenden Offizier, »das Holz wäre mir allerdings erwünscht, wenn ich es an Bord hätte, aber – wir wollen uns nicht so lange damit aufhalten. Nehmen Sie Ihr Boot und das des zweiten Harpuniers und fahren Sie damit an Land. Die Leute mögen da einladen, was sie herüberschaffen können. Wir sehen dann, wie viel es beträgt, und können Mr. Burton den gewünschten Preis dafür auszahlen.«

»Es ist mir dann lieber, dass ich mit hinüberfahre«, sprach Tom ruhig. »Denn wenn Sie so wenig nehmen, wünschte ich gern, dass Sie das Trockenste bekämen.«

»Das wird sich Mr. Hobart schon aussuchen.«

Die Boote waren im Augenblick niedergelassen, die dazu bestimmte Mannschaft sprang hinein, und nur der erste Harpunier zögerte noch. Er war zum Kapitän hingegangen und sagte leise:

»Lieber wär es mir, der Schotte führ mit hinüber – ich verstehe die Sprache der Leute nicht.«

»Sie müssen schon sehen, wie Sie durchkommen«, entgegnete ihm ebenso leise der Kapitän. »Der Schotte bleibt an Bord – setzen Sie den dritten Harpunier, Mr. Elgers, davon in Kenntnis.«

Der Harpunier erwiderte nichts darauf, aber der überraschte Blick desselben, der fast unwillkürlich nach dem Schotten hinüberflog, wurde von diesem ebenso schnell aufgefasst und verstanden, und wie mit einem Messer stach dem armen Teufel das Bewusstsein der Gefahr ins Herz, der er sich hier plötzlich ganz freiwillig preisgegeben. – Aber der Kapitän durfte doch auch nicht wagen, jetzt noch, nach so langen Jahren Gewalt gegen ihn zu brauchen. – Und wenn er es doch tat? Wer hier auf der weiten See sollte ihn daran verhindern oder sich des Schutzlosen annehmen?

Misstrauisch überlief sein Blick das Deck, aber er hütete sich wohl, die mindeste Furcht zu zeigen. Dabei konnte es ihm jedoch nicht entgehen, dass der erste Harpunier, ehe er in das Boot stieg, rasch ein paar Worte mit dem dritten Harpunier wechselte, und dieser warf ebenfalls einen überraschten, flüchtigen Blick nach ihm hinüber. Er wusste jetzt, er war ein Gefangener – aber was jetzt tun? An Flucht mit dem Kanu war nicht zu denken – er hatte vorher schon gesehen, wie viel rascher die Seeleute mit dem schwer mit Früchten beladenen Walfischboot gefahren waren; das leichte leere Boot hätte sie eingeholt, ehe sie zwei Schiffslängen entfernt gewesen wären. Gewaltsame Befreiung? An dieser Seite der Insel lagen nur drei Kanus, und was hätten die unbewaffneten Indianer, selbst wenn sie sich seinethalben hätten schlagen wollen, gegen die Mannschaft eines Walfischfängers ausrichten können? – Die einzige Möglichkeit blieb, die Eingeborenen zu veranlassen, die Mannschaft der beiden Boote, oder wenigstens nur die Offiziere, gewissermaßen als Geiseln zurückzuhalten, bis er selber ausgeliefert wäre; aber dann musste er das Kanu jetzt fort und ans Land schicken.

Der Kapitän hatte ebenfalls hinten am Steuer mit dem dritten Harpunier gesprochen und stieg jetzt in seine Kajüte nieder, den früheren Ausreißer scheinbar sich selbst überlassend und vollkommen frei. Tom kannte aber viel zu gut die strenge Subordination eines Walfischfängers, wo besonders der Ruf zu den Booten im Nu ausgeführt wurde. Die einzige Möglichkeit einer Rettung blieb in der Tat noch das Festnehmen der Offiziere am Ufer, und als Tom das erst einmal erkannt, beschloss er auch, es so rasch wie möglich auszuführen.

Alohi lehnte, seine Zigarre rauchend und mit keiner Ahnung der Gefahr, die dem Gatten seiner Schwester drohte, an Bord und betrachtete sich mit besonderer Aufmerksamkeit das künstliche, durcheinander schießende Tauwerk des Schiffes, welches ihm jedenfalls das größte Interesse bot. Tom näherte sich ihm und sagte mit gedämpfter, aber nichtsdestoweniger ängstlich gepresster Stimme.

»Alohi – die weißen Männer wollen Tomo an Bord behalten.«

»Ati!«, rief Alohi erstaunt.

»Ruhig! Lass niemand merken, dass ich dir ein Wort davon gesagt, aber wenn du von mir den Befehl erhältst an Land zu rudern, so tue das, so rasch ihr das Kanu vorwärts treiben könnt. Versichert euch dort augenblicklich des Mannes, der heute Morgen die Matrosen hinüberbrachte, schafft ihn ins Innere und gebt ihn nicht heraus, bis ich wieder an Land und in eurer Mitte bin.«

»Matoi!«, sagte der junge Bursche, dessen Augen in dem willkommenen Auftrag leuchteten. »soll ich jetzt gehen?«

Tom warf einen Blick nach der Schanze zurück. Der dritte Harpunier lehnte über Bord und schien gar nicht auf ihn zu achten – wenn nun sein Verdacht ungegründet war? – Aber er gab sich dieser Täuschung nicht lange hin, denn er kannte seine Leute.

»Ich werde zu dem Mann dort hinten gehen und mit ihm sprechen«, sagte er jetzt wieder. »Sobald er nicht mehr über Bord sieht, stößt du ab und ruderst langsam hinüber. Erst wenn ihr den Eingang der Riffe erreicht habt – denn mit dem Vorsprung können sie euch nicht wieder einholen –, mache dein Kanu über das Wasser fliegen.«

»Aber warum fährst du nicht lieber gleich mit?«, fragte der Indianer erstaunt. »Es hält dich niemand.«

»Jetzt nicht – aber der Befehl ist schon gegeben, mich nicht von Bord zu lassen. Dass ihr glücklich an Land kommt, ist die einzige Möglichkeit, mich noch zu retten.«

Der Indianer erwiderte weiter kein Wort, und Tom wandte sich ebenfalls langsam von ihm ab und schritt dem hintern Deck zu, auf dem der Harpunier noch immer über Bord lehnte.

»Seid Ihr recht glücklich gewesen, Sir, auf Eurer letzten Fahrt?«, knüpfte hier Tom ein Gespräch mit ihm an. »Das Schiff muss schon eine hübsche Ladung einhaben, es liegt ziemlich tief im Wasser.«

»Es geht an«, antwortete ihm der Harpunier, indem er sich zu dem Frager umdrehte. »Wir haben schon etwas über 3000 Tonnen Tran ein, und etwa 50 000 Pfund Barten. Wenn sich's nur halbwegs macht, können wir in der nächsten Jahreszeit voll werden. – Es ist auch Zeit«, setzte er dann mürrisch hinzu. »Wir treiben uns nun schon fast drei Jahre hier draußen herum.«

»Das ist recht lange«, sagte Tom, mit dem Kopf nickend. »Da wird mancher an Bord das Heimweh bekommen haben. Ich weiß nicht – wenn man erst einmal eine Zeit lang an Land ist  –«

»Sagt einmal den Leuten dort in dem Kanu, dass sie nicht abstoßen«, unterbrach ihn da der Harpunier, indem er den Blick wieder über Bord warf. »Der Kapitän hat befohlen, dass sie warten, bis die Holzboote zurück sind.«

»Das Kanu? Der Kapitän hat, soviel ich weiß, dem wohl nichts zu befehlen«, erwiderte Tom, dem das Blut ins Gesicht schoss.

»An Bord, wisst Ihr, Kamerad, hat ein Kapitän wohl so ziemlich über alles zu befehlen«, erwiderte der Harpunier ruhig. »Bitte, ruft die Leute zurück – Ihr wisst recht gut, dass sie das Walfischboot in ein paar Minuten wieder einholen würde. Was sollen sie an Land?«

»Sie wollen, soviel ich weiß, noch mehr Früchte holen.«

»Das ist unnütz, die Boote bringen schon alles mit, was wir noch etwa brauchen könnten. Seid vernünftig, Freund, und ruft sie zurück! – Dritte Bootsmannschaft, steht bei eurem Boot!«, rief er zugleich mit lauter, aber vollkommen ruhiger Stimme über Deck, und die Leute, mit dem Bootsteuerer an der Spitze, standen wenige Minuten später an den Fallen, an denen das kleine Fahrzeug unter seinen Kränen hing. – Es bedurfte nur noch eines Wortes oder Zeichens, und es glitt auf das Wasser nieder.

Tom sah ein, dass ihm dieser Ausweg abgeschnitten sei, aber er wollte es noch nicht zum Äußersten kommen lassen.

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