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Der Schauspieler

Arthur Kahane: Der Schauspieler - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Schauspieler
authorArthur Kahane
year1924
firstpub1924
publisherOskar Wöhrle Verlag
addressKonstanz
titleDer Schauspieler
pages364
created20100501
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7.

Der Sekretär trat ein und fand den Schauspieler in seinem Arbeitsraume, den der erregte Mann mit ruhelosen Schritten der Quere nach durchmaß.

Er habe ihn kommen lassen. Ja, jetzt mitten in der Nacht; er sehe nicht ein, warum andere ruhig schlafen sollten, während er gezwungen werde, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen. Was er solle? Dem Prinzipal solle er sagen, daß der Schauspieler den Rinaldo nicht spielen werde. Ob das noch in dieser Nacht geschehen müsse? Ob das nicht Zeit bis morgen habe? Natürlich müsse das noch in dieser Nacht geschehen; er denke, es sei wichtig genug: oder sei der Sekretär etwa anderer Meinung? Gewiß nicht, beeilte sich der Sekretär zu versichern; nur meine er, daß der Meister einen so wichtigen Entschluß doch reiflich überlegen, gewissermaßen vorher überschlafen solle. Da sei gar nichts zu überlegen: es sei alles überlegt und überschlafen genug. Er sei entschlossen, den Rinaldo nicht zu spielen, ja überhaupt nicht mehr zu spielen. Das lasse er dem Prinzipal sagen. 183 Er werde nie wieder spielen, nie wieder die Bretter betreten, denn er habe – das wisse er nun ganz genau – seine Kunst verloren. Diese Nacht habe es ihm offenbart: er könne nichts mehr.

Der Sekretär versuchte zu trösten: es werde ein flüchtiges Versagen, eine kleine Schwäche des Erinnerungvermögens sein, wie es sich häufig einstelle, ebenso schnell vorübergehend wie gekommen, und im unglücklichsten Falle durch ärztliche Kunst leicht heilbar. Aber nein, das sei es nicht: das Auswendiglernen schaffe ihm gar keine Schwierigkeit, sein Erinnerungvermögen sei so stark und zuverlässig wie je zuvor; er brauche sich die Verse seiner Rolle nur einmal laut vorzusprechen, um sie für immer im Gedächtnisse zu halten. Und er wisse auch die Worte seiner Rolle bereits auswendig. Aber eben die Worte des Dichters seien es, die ihn störten und zur Verzweiflung brächten. O über das verwünschte Wort des Dichters! O über die verwünschten Dichter! Die immer an der Begebenheit des Augenblicks haftend klebten und nie dem Schauspieler gerade das gäben, was sein Schwung eben brauchte, um ins Weite, 184 Allgemeine und Große fliegen zu können. Warum habe er denn den Rinaldo durchaus spielen wollen? Um endlich einmal Liebe, das reine Gefühl, nichts als Liebe, die ganze Besessenheit und Dämonie der Liebe spielen zu können. Solches sei der Sinn der Rolle: aber wo stünde er in den Worten? Diese gäben, wo sie nicht geradezu widerstrebend im Wege stünden, doch auch nie die Gelegenheit, jenen Sturm und Wirbelwind der Leidenschaft zu entfalten, der ihn, beim ersten Ergreifen der Rolle, als der Inhalt ihres Gleichnisses und ihre große Idee bezaubert hätte. So versagte, jedesmal, das Wort des Dichters, das immer nur das ausspräche, was er gerade brauchte. Wo es aber auf das Wort ankäme, da versagte es immer. So wie es ja auch keinem gelungen wäre, ihm das Wort beizustellen, danach er suchte, als es ihm auf der Seele brannte, dem Publico seinen Menschenhaß und seine Verachtung ins Gesicht zu brüllen. Dann wäre es doch besser, wenn die Dichter daran Genügen fänden, die Vorkommenheiten in einer Pantomime zu stellen und es ihm überließen, sie aus seinem strömenden Herzen, wie in 185 früheren Zeiten der Schauspielkunst mit seiner Eingebung des Augenblicks zu erfüllen. Da ja nun doch einmal der Schauspieler der bessere, der eigentliche Dichter sei. Wenigstens er sei sich zu gut, die Dinge zu sprechen, die er nicht fühle, und die Dinge nicht zu sprechen, die er fühle. Und darum könne und wolle er den Rinaldo nicht spielen, der, so wie er vorliege, für seine Kunst nicht ausreiche oder für den, was er gerne zugebe, so wie er vorliege, seine Kunst nicht ausreiche.

Der Sekretär kannte den Freund in den Augenblicken solcher Anwandlung zu gut, um nicht zu wissen, daß jeder Versuch, seine Gründe mit Gegengründen der Vernunft zu widerlegen, ihn nur in seiner Meinung hartnäckiger bestärken und ihn veranlassen würde, diese tiefer in sich hineinzubauen. Gegen den Eigensinn des mit seinem vorweggenommenem Urteil Gepanzerten war Ankämpfen vergeblich. Nur eines half manchmal, ihn austoben zu lassen, bis die giftigen Blasen und Schäume der grilligen Laune sich verlaufen hatten, und dann den leergewordenen Raum mit der Wirklichkeit der mutig angegriffenen Arbeit neu zu füllen. 186 Darum ließ er den gegen die Rolle, gegen das Werk, gegen den Dichter des Werks, gegen die Dichter überhaupt und gegen das Wort der Dichter unbarmherzig Rasenden ruhig gewähren und widerredete auch nicht, als jener sich verstieg, das Wort überhaupt nicht gelten zu lassen, das, die Wurzel alles Übels, der Vater der Lüge, nur dazu diene, die stumme innere Wahrheit der Dinge zu verschminken und zu überschreien, ja er bestärkte ihn sogar darin, indem er meinte, dann handle es sich eben darum, hinter dem Wort, mit Übergehung des Wortes, die Figur aufzubauen, zu gestalten und aufleuchten zu lassen, deren er voll sei, und schlug ihm schließlich vor, mit ihm gemeinsam einmal die Rolle daraufhin durchzugehen.

Der Schauspieler nahm die Rolle zur Hand, blätterte und schrie: wo sei hier ein Anlaß zu rasen, selig zu sein, besessen zu sein, zu verzweifeln? Hier sei die Begrüßung, da die Beschreibung einer Landschaft, da eine säuselnde Arie, da ein Gespräch mit dem Fürsten, da Sentenzen, da Tiraden. Aber das was ihn zu gestalten gereizt hätte, nirgends. Nirgends wirkliche Verführung, nirgends Sünde, nirgends 187 Raserei, nirgends himmelstürmende Verzweiflung. Warum fehle die Szene, in der Rinaldo, gleich dem rasenden Orlando, Bäume entwurzle und Wälder ausrode, weil er das Übermaß seiner Liebe nicht anders ausdrücken könne? Wozu sei der Dichter Dichter, wenn er die Freiheit nicht habe, das was er brauche, dorther zu nehmen, wo es vorhanden sei? Er, der Schauspieler, hätte den Dichter darüber belehren können. Aber wie das nun nachtrags einzuflicken sei, und wohin, und woher, wisse er freilich nicht. Und sei auch seines Amtes nicht. Nur freilich, daß er dafür büßen müsse, daß die Dichter das Dichten nicht verstünden.

Wie wäre es, fragte der Sekretär, wenn der Schauspieler es so machte, wie es die Dichter machten, und das was ihm fehle, daher zu nehmen versuchte, woher es die Dichter nähmen, aus dem eigenen Erleben?

Aber das habe er ja wollen, schrie der Schauspieler auf und sah auf einmal ganz arm und hilflos aus, und das sei das Schmerzlichste: das eigene Erlebnis habe ihn kläglich im Stiche gelassen. Sei es, daß ihn das Gedächtnis seines 188 Erlebens verlassen habe, sei es, daß das, was er erlebt habe, nicht das für diesen Fall richtige sei; oder habe er am Ende nie wirklich erlebt, Wirkliches erlebt: immer seien ihm Szenen aus anderen Rollen und anderen Stücken eingefallen, er selbst und das Schicksal seiner Seele seien nie darin gewesen. Er sei ganz leer. Und auf einmal wisse er auch nicht mehr, was er in seiner Erinnerung suchen solle, Liebe, Besessenheit, Seligkeit seien doch auch nur Worte; Worte, von müßigen Dichtern erfunden, sich über die Stunden ihrer armseligen Einsamkeit wegzulügen. Wo solle er die Wirklichkeit des eigenen Erlebens suchen, um die fremde Lüge mit Wahrheit auszufüllen? In seinem Innern sei nichts, und er sei leer wie das Chaos.

Der Schauspieler verstummte. Der Andere, nach einer Pause, lächelte: er wisse doch ein bißchen zu viel von des Mannes Erlebnissen, um ihm so ganz aufs Wort glauben zu können. So oder so ähnlich habe es vor jeder neuen und großen Schöpfung des Meisters ausgesehen. Und das Chaos, das jener in sich fühle, sei eher Grund zur Zuversicht, denn jeder Geburt einer Welt 189 pflege Chaos voranzugehen. Was in Schmerzen empfangen und geboren werde, gedeihe umso natürlicher. Darum sei ihm, letzten Endes, für des Meisters Rinaldo nicht bange. Größere Sorge mache die Armida ihm.

Um die brauche ihm nicht bange zu sein. Man wolle die Faustina kommen lassen. Es sei beschlossen und besorgt.

Das sei freilich die Beste. Welches herrliche Zueinander! Des Meisters Rinaldo und die Armida der Faustina! Da täte ihm die Kleine leid.

Warum leid? Wenn doch die Faustina besser sei!

Der Sekretär streifte mit einem heimlich forschenden Blick des Schauspielers Antlitz. Es blieb kühl und unbewegt.

Nun berichtete der Schauspieler getreulich den ganzen Hergang bei dem Empfang der Fürstin. Er wußte nicht genug Rühmens von der herablassenden Freundlichkeit und warmen, freundschaftlichen Anteilnahme der hohen Frau zu machen. Er lobte auch das feine und gebildete Verständnis der Übrigen. Fast wörtlich 190 zitierte er, aus dem Gedächtnisse, jede Einwendung und Replik der Dialogen, spielte, gleich Rollen eines Stückes, die Figur jedes einzelnen Teilnehmers an der Zusammenkunft, jeden aus seinem Charakter, wobei er, nicht ohne Bescheidenheit, die eigene Rolle und Wirkung zurückstellte, um die, wie er meinte, bewundernswerte Liebe und Feurigkeit dieses Kreises für die Dinge des Theaters herauszustreichen.

Für das Theater, warf der Sekretär ein, oder für die Person des Schauspielers, der Schauspielerin?

Es laufe auf dasselbe hinaus, antwortete der Andere. Wenn man ihn ehre, fühle er in sich seine Kunst, seinen Stand geehrt Und daß so viele verschieden geeigenschaftete Menschen von Wert und Ansehen, von denen jeder die Sorge des eigenen Amtes und die mannigfaltigen geschäftlichen und persönlichen Beziehungen und Verwicklungen eines großen und verästelten Ganzen am Herzen trage, sich in der leidenschaftlichen Hingabe an ein gemeinsames Drittes, an eine ihnen doch ferner liegende Kunst vereinigten und Muße fänden, sich 191 liebevoll in das Seelenleben des einzelnen Künstlers zu versenken, so beweise dies für Beides: für den hohen Rang dieses Kreises und den dieser Kunst, mit der sich der Kreis, statt sich am müßigen und behäglichen Genusse zu genügen, wie mit einer persönlichen Angelegenheit beschäftige. Ja, wie eine eigene Herzensangelegenheit hätten sie die Frage, ob er den Rinaldo spielen solle, behandelt.

Als der Schauspieler am Schlusse seines Berichtes darauf zu reden kam, daß die Fürstin ihren Wunsch, den Sekretär kennen zu lernen, erneuert habe, erschrak dieser. Ihm sei nicht recht wohl dabei. Er bleibe lieber in seinem Dunkel und Ungenanntsein. Und habe ein Mißtrauen, nicht gegen die verehrte Frau, aber gegen jene Liebe zur Kunst, die ihre Neugierde von der Kunst auf den Künstler übertrage.

Der Schauspieler schalt ihn einen unverbesserlichen Lyriker und drängte, die Begegnung mit der Fürstin nicht länger hinauszuschieben. Er müsse ihm diesen Liebesdienst erweisen. Wenn die Faustina nun einmal, wie ihm versprochen worden sei, zurückberufen werden solle, dürfe 192 die Sache nicht ins Stocken geraten. Und dann lieber gleich. Auch sei es ihm wichtig, daß der Sekretär mit der Fürstin des Rinaldo wegen rede. Er selbst wisse sich keinen Rat mehr. Er sei eben doch zu alt. Und von der Liebe wolle er nichts mehr wissen. Er habe keine Liebe mehr im Leibe, wolle keine mehr im Leibe haben.

Der Sekretär lächelte und wollte von Anderem sprechen. Der Schauspieler unterbrach ihn und sagte, den Leuten bei Hofe habe er eigentlich recht gut gefallen. Vielmehr habe er sie, zu seiner eigenen Überraschung, ganz in Begeisterung versetzt.

Wer?

Sein Rinaldo, natürlich.

Bei der Verabschiedung bemerkte der Sekretär, wie von ungefähr, harmlos: dem Prinzipal wolle er zunächst einmal nichts sagen; oder wenn, daß es, fürs erste, beim Rinaldo bleibe.

Der Schauspieler rief ihm nach: er verspreche gar nichts, er werde abwarten. 193

 

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