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Der Schauspieler

Arthur Kahane: Der Schauspieler - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Schauspieler
authorArthur Kahane
year1924
firstpub1924
publisherOskar Wöhrle Verlag
addressKonstanz
titleDer Schauspieler
pages364
created20100501
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5.

Als er am nächsten Morgen durch die stillen Straßen heimwärts ging, in seinen Mantel eingemummt, um von keinem bekannten Auge entlarvt zu werden, schamvoll an Bäckerjungen mit ihren flachen Brotkörben und Milchmädchen, die ihre Kannen vor die Wohnungstüren stellten, vorbei und glücklich, Niemandem zu begegnen als den Fuhrwerken harmloser Landleute, die zum Markte kamen, und in der großen Allee, am fürstlichen Garten entlang, von den Morgenliedchen der ersten Vögel umtrillert, die sich ihm über den verspäteten Nachtbummler lustig zu machen schienen, bröckelte das Stolzgefühl der wiedergefundenen Jugend von ihm ab und mischte sich spürbar mit den Empfindungen eines Schuljungen, dem nach dem in Keckheit und zu Schau gestellter Sorglosigkeit ergriffenen Unternehmen die Gewißheit der 101 häuslichen Strafe wiederkehrt. Und als er vollends, die Schuhe in der Hand, auf Strümpfen, um rücksichtsvoll Niemandes Nachtruhe zu stören, die Treppe zu seinem Schlafzimmer hinaufstieg, wurde ihm vor dem, was ihn erwartete, nicht wenig beklommen zu Mute. Schließlich gewann er sein Bett, mit mühsam errungener, aber heroischer Entschlossenheit gewappnet, sich durch keine Macht Himmels und der Hölle um die wenigen Stunden Schlaf betrügen zu lassen, die ihn von dem nächsten Tage der schmerzlichen Abrechnung, des unentrinnbaren Strafgerichts trennten.

Als er aber am nächsten Morgen, spät genug, denn es gab keine Probe, beim Frühstück erschien, kam alles anders als er gefürchtet hatte. Seine Hausfrau hatte, sorgsam und reichlich wie immer, den Tisch gedeckt, die Morgenmahlzeit vorgerichtet und bediente ihn, um seines Leibes Wohl bemüht wie immer, gemessen und wortkarg zwar, aber ohne sich das Mindeste merken zu lassen, ohne daß ein Wort des Tadels oder Vorwurfs ihr über das Gehege der Zähne schlüpfte. Bei diesem Stande der Dinge kam es 102 ihm sehr willkommen, dem Beispiel ihrer Strategie folgend, auch seinerseits die Geschichte dieser Nacht mit Stillschweigen übergehen zu können: nur durchschoß ihn der Gedanke, daß in der Kunst der allzu durchsichtigen Undurchsichtigkeit jede Frau auch dem größten Schauspieler über sei.

Ganz sicher fühlte er sich noch nicht. Er traute dieser Ruhe vor dem Sturm nicht. Der Schlacht entging er nicht, das wußte er. Aber je später sie kam, in je besserer Rüstung er sie antrat, um so lieber war es ihm. Heute hätte er sich ihr nicht gewachsen gefühlt. Und darum war es ihm keine geringe Erleichterung, zunächst einmal mit heiler Haut davonzukommen.

Er nahm Hut und Stock. Wohin? Ins Theater: es gebe zwar keine Probe, aber er habe mit dem Prinzipal zu reden, einer neuen Rolle wegen. Welcher Rolle wegen? Eine Überraschung, auch für sie, Schatz. Diesmal handele es sich um etwas Neues, worüber er mit sich selbst noch nicht im Reinen sei, und es widerstrebe ihm, von ungelegten Eiern zu gackern. Würde es, so werde sie die erste sein, es zu erfahren.

103 Im Theater suchte er zuerst den Sekretär auf. Er war geradezu in Aufregung, wie der junge Mann, auf dessen Urteil er große Stücke hielt, seine neue Absicht aufnehmen würde, und fürchtete fast, von ihm Bedenken zu vernehmen, die ihn selbst noch bedenklicher gemacht hätten. Darum setzte er ihm seine Idee fast zaghaft und mit einer langen, vorbereitenden Einleitung auseinander und war umso angenehmer überrascht, als der Jüngling sie sofort mit großer Begeisterung aufgriff. Nun werde endlich, endlich einmal Liebe auf der Bühne dargestellt werden. Liebe, das reine Gefühl, Liebe um ihrer selbst willen, als solche dargestellt. Freilich handele es sich in fast allen Stücken um Liebe, aber sie sei jedesmal mit anderem verwickelt, durch anderes getrübt, zu anderem in Gegensatz gestellt. Liebe als Irrtum, als Betrug, als Verrat, Liebe in der quälenden Umklammerung der Eifersucht, Liebe im Kampfe gegen widerspenstige Eltern, gegen die Kirche, gegen die böse feindselige Welt, Liebe im Kampfe mit der Tugend, im Kampfe mit sich selbst, nicht stark genug oder zu stark, ihrer selbst nicht 104 bewußt oder unerwidert, werbende ohne Erfolg, erhörte ohne Wandlung, um des merkwürdigen Abenteuers, des traurigen oder heiteren Geschehnisses, des guten oder bösen Charakters willen dargestellt, einer Moral, einem tieferen Sinne, einer fremden Notwendigkeit zu Liebe. In der »Armida« aber sei die reine Besessenheit, die Besessenheit des Geschlechts, und nur das Geschlecht als Schicksal und Notwendigkeit. Und wenn statt der unreifen Jünglinge, die sonst den Rinaldo mit Panzergerassel und Tenorattituden, in Liebesgesäusel und leeren Tiraden zu spielen pflegten, ein Schauspieler von seiner Reife und Erfahrung, in dessen Kunst sich Leidenschaft und Bewußtheit vereinigten, die Rolle zum erstenmal mit dem dampfenden Leben seiner Menschlichkeit erfüllte, würde man zum erstenmal auf der Bühne die Tragik des Geschlechts und was Liebe sei, erleben. Er könne es gar nicht erwarten, dem Prinzipal den glücklichen Vorschlag zu unterbreiten und zweifle nicht, bei diesem bereiteste Zustimmung zu finden.

Dagegen stieß der Schauspieler, als er im Laufe des Gesprächs wie von ungefähr die Rede 105 darauf brachte, bei der Besetzung der Armida die Kleine in Erwägung zu ziehen, bei dem Sekretär auf unerwarteten Widerstand.

Die Kleine als Armida! Das sei nicht möglich. Das könne sein Ernst unmöglich sein. Er traue gewiß der jungen Begabung vieles zu, auch das Unwahrscheinliche, auch manches, was andere ihr nicht zutrauten: nur die Armida nicht. Nur gerade die Armida nicht, die

                                        eine Göttin scheint,
Die Junos stolzen Gang und fürstliche Gewalt
Mit Pallas weisem Blick, mit Dianens Wohlgestalt
Und mit dem ganzen Reiz cyprischer Anmut eint,
Der dieser Zauberin, von Amors Pfeil erzielt,
In üppgem Linienfluß um Hüft' und Busen spielt.

Aber gerade dieser Vorstellung des Dichters entspräche die Kleine nicht, die, in ihrer Weise reizvoll und selbst eigenartig, eben eine andere, eben die entgegengesetzte Spielart des Weibes verkörpere. Alles, was er sich von des Schauspielers Rinaldo verspräche, wäre mit dieser Armida undenkbar. Und dazu komme noch, daß die Kleine in der Beherrschung des Wortes so wenig fortgeschritten sei, die bei dieser Gestalt, 106 deren Sprache Poesie der Ferne, deren Stimme Musik sein müsse, entscheidende Notwendigkeit wäre. Die Verführungskunst der Armida sei nicht, wie die der Delila, Verführung durch das Geschlecht, sondern Überredung durch die Sinne, Beredsamkeit des Körpers und der Stimme, und je zarter der Körper sei, umso betörender müsse die Stimme wirken, was er sich nicht anders als durch Fülle, Wohllaut und kunstgerechte Anwendung aller jener Mittel der Steigerung, Färbung und Abwechslung erzielt denken könne, die der Tonkünstler unter Modulation verstehe und deren Kenntnis die Kleine bisher noch nicht an den Tag gelegt habe.

Die Richtigkeit des letzten Arguments mußte der Schauspieler zugeben. Über Auffassungen konnte er sich einen Streit denken, über die handwerklichen Grundlagen seiner Kunst nicht. Er war zu sehr Fachmann, zu sachlich, in der Ausübung des Berufes zu streng gegen sich, um Anderen Zugeständnisse in diesen Dingen durchgehen zu lassen, die sich von selbst verstehen mußten und jenseits derer die Kunst erst für ihn begann. Die Leidenschaft der Armida verlangte 107 den vollen Glockenton, der nur der reifen Meisterschaft gelang: hier reichte die kleine, ungeschulte, ein wenig dünne Stimme einer Anfängerin nicht aus. Er fühlte es selbst. Er konnte nachhelfen, gewiß, im Aufbau der Rede, in der Steigerung; damit war, bei seiner souveränen Beherrschung der Kunstmittel, bei dem rasenden Eifer ihres Ehrgeizes, einiges getan; nicht vieles, bei der Kürze der Zeit. Aber er konnte, wo nichts da war, keine Fülle aus dem Nichts schaffen. Dem Übrigen widersprach er, wenn auch hiervon nicht ganz überzeugt. Kurz, er schien recht betreten, fast bestürzt. So sehr, daß der Sekretär, gutmütig, und um ihn nicht ohne den Schimmer einer Hoffnung zu lassen, schließlich versprach, wenn dem Schauspieler gar so viel daran gelegen sei, mit seiner Meinung, die er noch nie für unfehlbar ausgegeben habe, so lange zurückzuhalten, bis er gefragt werde: und, gefragt, auszuweichen. Nur fürchte er, werde dies nicht viel nützen. Die Meinung sei zu nahe liegend, als daß nicht auch der Prinzipal darauf verfiele.

Der Schauspieler, sich an das kleine Zugeständnis, wie an einen Strohhalm, klammernd 108 und froh, den sonst so zuverlässigen Freund wenigstens nicht gegen sich zu haben, nahm ihm feierlich die Zusicherung parteilosen Verhaltens ab und sie begaben sich zum Prinzipal, den sie in seinem Bureau fanden.

Der Sekretär behielt Recht. Der Prinzipal lehnte, während er den Vorschlag, die »Armida« ins Programm aufzunehmen und dem Schauspieler den Rinaldo zu geben, mit Freuden ergriff, mit einer bei ihm seltenen Entschiedenheit die Idee, die Armida mit der Kleinen zu besetzen, ab. Er wolle keine Revolution im Hause. Die Heroine würde ihm das Dach über dem Kopfe anzünden. Und in diesem Falle nicht einmal mit Unrecht. Wozu hätte er sie denn, wenn er eine andere die Armida spielen ließe? Die ihr noch überdies gerade die Delila vor der Nase weggespielt hätte und nun für eine Weile Ruhe geben könnte. Er könne doch unmöglich die Heroine vor den Kopf stoßen, die ohnehin sein schwierigstes Mitglied sei und ihm den Bonvivant auf den Hals hetzen würde und den Tenor obendrein. Dem Schauspieler könne es ja gleich sein, mit wem er spiele, da es ja doch 109 nicht die Faustina sei. Ja, die Faustina, das wäre etwas anderes, wäre eine Armida gewesen, der keine andere das Wasser hätte reichen können. Da hätte er sich auch keinen Augenblick besonnen. Aber da man die Faustina nun einmal leider nicht haben könne, müsse man sich mit der begnügen, der die Rolle gebühre. Und das sei einzig und allein die Heroine. Und er wolle doch nicht hoffen, daß der Schauspieler nun auch anfangen werde, diese oder jene zu begünstigen und die vielen Schwierigkeiten und Sorgen zu vermehren, mit denen er ohnehin schon zu kämpfen habe.

Der Sekretär kam überhaupt nicht zu Worte und der Schauspieler mußte abziehen, zum erstenmal, ohne daß es ihm gelungen wäre, bei dem sonst so leicht zu beeinflussenden Manne seinen Willen durchzusetzen.

In den Gartenanlagen begegnete er dem Intendanten, der ihn herzlich, wie einen lange vermißten Wiedergenesenen begrüßte und ihm die Einladung Ihrer Hoheit zum Tee überbrachte. Die Exzellenz bemühte sich, scherzhaft und wohlwollend zu sein, aber, bei aller fast zärtlichen 110 Besorgnis, mit der sie dem abtrünnigen Ausreißer gewissermaßen väterlich leutselig auf die Schulter klopfte, ging es nicht ohne Vorwurf für den Undankbaren ab, der dem ganzen Hof Rätsel zu lösen aufgebe und von seinen neuen Ideen so erfüllt scheine, daß selbst die ihm so gnädige Fürstin anfange, besorgt zu sein, und es seinen treuesten Verehrern schwer werde, ihm noch die Stange zu halten. Wie sehr diese, trotz allem, zu ihm hielten, möge ihm das Zustandekommen dieser Einladung und der damit verbundenen Unterredung mit Ihrer Hoheit beweisen. Die Gelegenheit auszunützen und den ein wenig aus dem Geleise geratenen Karren wieder zurecht zu schieben, wäre nunmehr seine Sache. Was scherzhaft gemeint klingen sollte, gab dem geübten, hellhörigen Ohr des Schauspielers deutliche Winke.

In verdrießlicher Laune ging er nach Hause. Die gespannte, bedrohliche Stille der Frühstückstunde; die Weigerung des Prinzipals; die Andeutungen des Intendanten: er hatte keine Ursache, mit dem Verlaufe des Vormittags zu frieden zu sein. Und was ihn erwartete, war 111 eben auch nicht darnach, sein Gemüt zu beruhigen: ein Zusammensein mit seiner Hausfrau, mit Gewitter geladen, das entweder in der Luft stehen blieb oder losbrach; ein Zusammensein mit der Kleinen, der er das Fehlschlagen ihrer Hoffnung beizubringen hatte; und eine, wenn er dem Intendanten glauben durfte, unerfreuliche Unterredung mit der Fürstin. Diese verdrießlichen Frauenzimmer, dachte er bei sich, das hat davon, wer sich mit ihnen einläßt! Lieber dem Teufel eine Hand gereicht als dem Frauenzimmer den kleinen Finger!

Er begann, sich im Geiste mit der neuen Rolle zu beschäftigen, die nun auch, auf einmal, bei näherem Dazusehen, sich seinem Auge viel schwerer und unzugänglicher darstellte, als es, in der ersten Hitze des Danachlangens, den Anschein gehabt hatte. Was nützte es, die Jugend in sich zu fühlen, wenn sie sie seinem Äußeren, seiner Stimme nicht werden glauben wollen! Sollte er es sich von Krittlern und Nörglern nachsagen lassen, daß er der alternden Naiven gleiche, die immer noch jung und verliebt tue, während sie schon längst für die komische 112 Alte reif wäre? Er bekam nicht übel Lust, ins Theater zurückzulaufen und die ganze Sache ungeschehen zu machen. Dann schämte er sich aber doch und unterließ es. Das hatte ja schließlich auch noch bis morgen Zeit und er wollte sich vorher noch einmal den Text der Rolle vornehmen; und vor allem, die Sache noch einmal überschlafen.

Das Gewitter zu Hause blieb aus. Seine Frau empfing ihn ohne Vorwürfe und benahm sich ganz ruhig und vernünftig, ja, soweit ihr das möglich war, beinahe freundlich. Wenigstens kam ihm das so vor.

Die Kleine freilich, am Nachmittag, raste, als er ihr die Antwort des Prinzipals mitteilte. Sie war wie verwandelt. Gründe ließ sie nicht gelten, die sachlichen nicht und die anderen noch weniger. Die gingen sie nichts an, darüber möge sich der Prinzipal den Kopf zerbrechen, wie er mit diesem Frauenzimmer, der Heroine, fertig werde. Und schimpfte über die Begünstigungs- und Mätressenwirtschaft am Theater. Sie blieb dabei, sie könne die Armida spielen und sie müsse die Armida spielen und nach ihrem Erfolge als 113 Delila hätte sie das Recht und den Anspruch darauf. Sie gab die Sache nicht auf. Der Schauspieler müsse ihr das durchsetzen, wenn er sie wirklich zu lieben behaupte, wenn er schon nicht genug Künstler sei, es aus sachlicher Einsicht zu tun. Und wenn er ein Mann sei, werde er das durchsetzen. Wenn er aber kein Mann sei, dann brauche sie ihn nicht. Sie wurde ganz böse. Ihre Augen blitzten und blickten tückisch. Jede Annäherung verbat sie sich. Die Armida oder sonst nie wieder!

 

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