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Der Schauspieler

Arthur Kahane: Der Schauspieler - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Schauspieler
authorArthur Kahane
year1924
firstpub1924
publisherOskar Wöhrle Verlag
addressKonstanz
titleDer Schauspieler
pages364
created20100501
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2.

Das Theater wußte nichts. Die Stadt noch weniger. Der Einzige, der es merkte, aber auch mehr erratend und ahnend, als daß er Wirkliches entdeckt oder beobachtet hätte, war der Sekretär. Aber der schwieg und ließ sich nichts anmerken. Weder den Andern, noch den Beiden selbst gegenüber. Ja, er bemühte sich, Spuren, die zu Entdeckungen hätten führen können, hinter ihnen her, zu verwirren und zu verwischen.

So gedieh das Glück dieser ersten Tage in der Heimlichkeit, wie in einem lauschigen Neste, das es von allen Seiten umschloß, wohlbewahrt, gehütet und geborgen.

Es war dieses das erstemal, daß ihm die oft versuchte, aber zum erstenmal wirklich 45 gewünschte Heimlichkeit wirklich gelang, weil er sich nie noch vorher so ängstliche Mühe um sie gegeben hatte, wie er es diesmal tat, sei es, daß ihn Erinnerung an die Faustina vorsichtig machte, sei es aus Scheu, durch den Unterschied der Jahre lächerlich zu werden, sei es aus Scham, so schnell seinem aller Welt bekannten Vorsatze, sich nie wieder von Liebesgeschichten überrumpeln zu lassen, abtrünnig geworden zu sein. Und die Kleine machte die Heimlichkeit gerne mit, wie wenn es sich um einen guten Spaß, um die gelungene Verwirklichung einer lustigen Komödie handelte, und es ihr den Reiz des Erlebnisses erhöhte, in einer Sphäre, in der Verschwiegenheit so selten gedieh und alle Liebe sofort zu einer Sache der Öffentlichkeit wurde, gewissermaßen das ganze Theater und alle Kolleginnen zum Besten zu halten.

Aber bald war die Heimlichkeit ihres Glückes den beiden Menschen, die ihrer Liebe Geberden allabendlich den Blicken Aller preisgeben mußten, selbst ein Glück, dessen Zauber sie täglich stärker empfanden und zu dessen Schutze ihre Erfindungsgabe täglich neue Listen spann.

46 Siewaren hineingeraten, ohne zu wissen, wie. Auf einmal war es da gewesen.

Als jene Vorstellung, in der sie zum erstenmal die Delila, fast ohne Probe, spielte, so über alle ihre Erwartung gut ging und alles klappte und sie fühlte, daß ihr nun nichts mehr geschehen könne, und die Leute unten wie toll klatschten, und sie, zum erstenmal, dieses Geräusch zu hören bekam, da war sie, nach der großen Szene mit Simson, nachdem er sie das erstemal vor den Vorhang gezogen hatte, hinten, in der Kulisse dem berühmten Kollegen um den Hals gefallen und hatte ihn geküßt. Einfach vor Glück. Sie hatte nicht anders können. Gedacht hatte sie nichts dabei. Sie hatte den ganzen Abend nichts gedacht. Und als dann, nach Schluß, der Erfolg nicht nachließ, sondern wuchs und sich steigerte und noch größer wurde, und, nach dem befriedigt schmunzelnden Prinzipal, auch der Intendant auf der Bühne erschien, um die Anerkennung der hohen Herrschaften zu überbringen, hatte sich das wiederholt. Und dann hatte sie ihn gefragt, wie er mit ihr zufrieden gewesen wäre. Und er hatte, ganz gut, geantwortet und 47 morgen würde er ihr mehr sagen. Und dann hatte sie ihn gebeten, morgen zu ihr zu kommen, und ihr alles zu sagen, ganz aufrichtig, und je strenger, umso dankbarer würde sie ihm sein. Und er hatte ihr das versprochen und war auch am nächsten Tage gekommen und hatte ihr eine Menge gesagt. Eigentlich hatte er ihr die Leviten gelesen und war recht streng zu ihr gewesen und hatte ihr gesagt, sie dürfe sich durch den Erfolg nicht betrügen und nicht verführen lassen und auf den Beifall der Unverständigen sei nichts zu geben und ihre Leistung sei nur insoweit zu loben, als man die ungünstigen Umstände und ihre Jugend in Betracht zöge, aber sie dürfe sich jetzt nicht etwa einbilden, daß sie an sich etwas tauge, es fehle an allen Ecken und Enden, vor allem in der Sprache, sie hätte nichts Rechtes gelernt und, was vor allem das Betrüblichste sei, es sei schon eine erstaunliche Sicherheit da, Sicherheit ohne wirkliches Können, und sie vergesse ganz, daß das Erlebnis auf der Bühne entstehen und wachsen müsse, und bringe alles fertig dem Publico dar. Und dann hatte sie zuerst geweint und dann hatte sie ihn gebeten, ihr 48 zu helfen und er werde sehen, wie sie alles beherzigen werde, was er ihr sage, und dann hatte er ihr versprochen, sie zu seiner Schülerin zu machen, und dann war es auf einmal geschehen. Sie war an seinem Hals gelegen, er hatte sie geküßt und sie ihn wieder und ohne daß er bettelte, war sie sein gewesen, beide in dem Gefühl, daß es sehr schön und selbstverständlich sei. Aber da es gegen Abend ging und sie hatten eilen müssen, um rechtzeitig in das Theater zu kommen, – die Wiederholung der gestrigen Vorstellung war schon für den nächsten Abend, diesen, angesetzt worden – hatten sie keine Zeit gehabt, auch von Liebe zu sprechen, sondern die wenigen, ihnen verbleibenden Minuten ausnützen müssen, um noch einmal alles durchzugehen, was er an ihrer Leistung zu tadeln fand, denn die Kleine hatte darauf gebrannt, ihm ohne Verzug durch eine von Grund auf geänderte Spielart zu beweisen, wie rasch seine Ermahnungen bei ihr gefruchtet hatten. Und den Rest des Abends hatte sie vollauf zu tun, um sich in jenem unterbrochenen Zustande fieberhafter Spannung und Erregung zu halten, von dem er ihr gesagt hatte, daß er 49 in ihrem Stadium der Anfängerschaft die einzige Hilfe und Voraussetzung zu dem Wunder der Verwandlung sei, das allein verdiente, Schauspielkunst genannt zu werden. Es war ihr Anfangs nicht leicht geworden, jede Zerstreuung zu übersehen, zu überhören, fern zu halten, und nur mit zusammengebissenen Lippen, zur Faust geballten Händen, gespannten Nerven, unter körperlichen Schmerzen fast war es ihr gelungen, diesen Zustand gefüllter Sammlung zu erreichen, und auf einmal war es ihr gewesen, als gehe ihr jetzt eben, in diesem Moment, das Geheimnis auf und sie war in einen Rausch und Taumel hinübergeglitten und hatte sich, zum erstenmal auf der Bühne, eine andere werden und doch zugleich, so stark wie noch nie vorher, sich selbst gefühlt. Es war eine körperliche Seligkeit damit verbunden gewesen, nicht viel anders als jene am Nachmittag, als er sie nahm, an die sie dunkel sich erinnerte, wie an etwas weit zurückliegendes. Und erst als die andern gekommen waren, der Spielleiter und dann der Prinzipal und dann die Kollegen und sie alle gefragt hatten, was denn das sei? Sie sei heute 50 nicht wieder zu erkennen, sie sei wie umgetauscht gegen gestern, und dann der alte Rigolo ihr gesagt hatte, heute erst merke er, wie jung sie sei, gestern sei das gar nicht zu spüren gewesen, da war ihr das Bewußtsein wiedergekommen und sie war so vergnügt geworden, daß sie hätte schreien mögen, und am vergnügtesten, als er ihr, über alle weg, zunickte: heute sei er wirklich zufrieden. Und da war ihr, mit einem Male, alles wieder, die ganze Geschichte dieser beiden Tage, erinnerlich geworden und hatte sie mit einem unbändigen Glücke erfüllt.

Von Liebe aber sprach man, fürs erste, nicht. Letzten Grundes war der Schauspieler unpathetisch. Vor gewissen Worten hatte er Scheu. Was er, an den höchsten Momenten aller Abende, auf der Bühne sprach, taugte ihm für sein Leben nicht. Es war ihm zu viel und zu wenig dafür. Es war ihm zu geläufig, als daß es ausreichte, und zu wert, als daß er es noch geläufiger machen wollte. Und dann wollte er sich nichts vormachen. Sich nichts und ihr noch weniger. Was ihn zunächst anzog, war der junge Körper. Er hatte ja viele Erfahrungen, aber 51 er erinnerte sich nicht, jemals einen so jungen Körper genossen zu haben. Zum mindesten hatte er noch nie die Jugend eines Körpers so gespürt wie diesmal. Junge Leute merken so etwas nicht. Die lieben drauf los und achten mehr auf sich als auf die andern. Darin war er früher auch nicht anders gewesen. Diesmal öffneten sich seine Augen und entdeckten, gewissermaßen, die Jugend und in ihr einen Quell immer frischer sprudelnder Bezauberungen, aus dem in sie selbst eine neue köstliche Frische überdrang. Er wurde nicht müde, den Reiz dieser jungen Bewegung zu beobachten. Wenn sie in der Türe stand; wenn sie den Arm hob; wenn sie kniete; das alles war so leicht, so schwebend, so wunderbar ahnungs- und gedankenlos. So jung. Seltsam, wie sich das alles auf der Bühne verwischte! Oder Absicht, Zweck, Bedeutung bekam und schwer wurde! Während es hier, ohne Ahnung beobachtender Augen, den engen Raum mit einer schwebenden, ratternden, zwitschernden Anmut ohne Gleichen erfüllte. Er gab der Kleinen Aufträge, erbat manche Hilfleistungen, deren er gar nicht von 52 Nöten hatte, ließ sie hundertmal um eine Stange Frühkirschen oder ein Glas Wein springen, nur um diesen Körper immer in munterer Tätigkeit zu sehen und sich an der Mannigfaltigkeit und dem wechselnden Schwung seiner Bewegungen zu erfreuen. Es fehlte nicht viel, und er hätte sich versucht gefühlt, ihr die Ahnungslosigkeit ihrer Geberden abzugucken.

Und dann besaß dieser junge Körper in einem ungewöhnlichen und wunderbaren Maße die angeborene Fähigkeit zum Werke der Liebe. Gleich beim ersten Male hatte er es gemerkt; ob sie die Begabung zur Schauspielkunst hatte, wußte er damals noch nicht, aber ihre Begabung zur Liebe erwies sich ihm über jeden Zweifel. Er sagte ihr das freimütig; und die heitere und fast stolze Ehrlichkeit, mit der sie sein Geständnis als sie ehrende Anerkennung und erfreuliches Lob hinnahm, sich ohne sprödes Getue zur Liebe bekennend, erfüllte ihn mit neuem Entzücken, während sie tief befriedigt schien, auch ihrerseits etwas zu besitzen, womit sie ihn beschenken und beglücken konnte.

Denn sie verbarg ihm nicht, wie viel ihr an 53 seiner Unterweisung und seinem Unterricht gelegen war, und bei jedem seiner Besuche drang sie darauf, die erste Stunde der ernsten Arbeit in der gemeinsamen Kunst zu widmen.

Er kam alltäglich in den späteren Stunden des Nachmittags, die er sonst, vor dem Theaterbeginn, mit einsamen Spaziergängen, an seinen Rollen arbeitend, auszufüllen pflegte, sodaß seine gewohnte Abwesenheit niemanden, auch seiner Hausfrau nicht, auffallen konnte, der er übrigens schon seit langem über den Gebrauch seiner Zeit jede Rechenschaft verweigerte, in einen Mantel gehüllt, durch ein Hinterpförtchen in das von der jungen Schauspielerin bewohnte Häuschen, das in einer Nebengasse des dem Theater angrenzenden Stadtviertels gelegen war, wurde von ihr empfangen und die dunkle Treppe hinaufgeführt, wobei es ihrer luchsaugigen Vorsicht jedesmal noch gelungen war, den liebevoll nachspähenden Blicken neugieriger Nachbarinnen zu entschlüpfen.

Er unterließ es bei keinem seiner Besuche, ihr eine Kleinigkeit mitzubringen, Blumen oder von den berühmten Zuckerwaren der Stadt, ein 54 Buch oder einen Stich, oder eine liebe Kleinigkeit zum Schmucke des hellen, freundlichen Zimmerchens, in dem sie dann saßen und ein Täßchen Kaffee oder Schokolade gemeinsam schlürften, bevor sie an die Arbeit gingen. Kostspielige Präsente, etwa Schmuck, von ihm anzunehmen, hatte sie sich bei seinem ersten Versuche so heftig, fast beleidigt geweigert, daß er ihn nicht mehr zu wiederholen wagte.

Manchmal fragte er sie, ob er nicht zu alt für sie sei. Worauf sie ihn auslachte, sich rühmte, es immer verschmäht zu haben, sich mit grünen Laffen abzugeben, altklug auseinandersetzte, daß und warum nur das reifere Alter zu lieben verstehe, und daß Zartheit, Rücksicht, feinfühlendes Verständnis für die Wünsche und Bedürfnisse einer Frau nur beim reifen Mann zu finden seien, ganz abgesehen davon, daß es mit ihnen, die etwas von der Welt wüßten und immer etwas zu sagen hätten, auch amüsanter und lustiger wäre als mit den jungen Leuten, die immer nur an das Eine dächten und sonst nichts, was doch auf die Dauer langweilig sei, und schließlich bestritt, daß er alt sei. Er sei viel 55 jünger als die Jüngeren, in jeder Beziehung, viel jünger als sie selbst sei, viel jünger als er selber dächte: überhaupt ganz jung. In diesem Punkte ließ er mit sich reden und gab nach und nur das nicht zu, daß jenes Eine auf die Dauer langweilig sei. Und in diesem Punkte wieder gab sie nach.

Mitunter hatten sie freie Tage, etwa wenn Komödie war, oder Opera buffa, oder sonst keines von ihnen in der Vorstellung beschäftigt war. Dann blieb er länger in den Abend hinein und sie saßen nach der Arbeit, wenn er ihr ihre Sprechübungen abgehört und eine oder die andere Szene aus den wichtigsten Rollen des Repertoires einer Liebhaberin mit ihr durchgenommen hatte, wobei er zuerst ihren Partner machte, ihr dann aber entweder den Text ihrer Rolle selber vorsprach oder aber, was er lieber tat, den Aufbau der Rede und die Mittel der Steigerung angab und den Sinn und die seelische Situation in der Weise verdeutlichte, daß er im Tonfall der Angabe und Erklärung ihr den Tonfall der Rede gab, so daß sie nur seinen Ton aufzunehmen brauchte, um den Ausdruck 56 zu halten, und doch das Gefühl der eigenen Stimme und selbstständiger Arbeit behielt, saßen nach der Arbeit auf dem kleinen Sopha und plauderten in das Dämmern der Abendstunde. Meistens redeten sie, trotzdem er es anfangs versuchte, auch hier das Ausschalten des Theatergesprächs zum Hausgesetz zu machen, vom Theater. So wie nur Menschen des Theaters vom Theater zu reden vermögen, mit der unermüdlichen Eindringlichkeit und Besessenheit, mit der gleichen Freude an Klatsch und tiefsten Fragen der Kunst, mit dem, gleich aus Haß und Liebe gemischten, leidenschaftlichen Anteil an Kollegenschaft, Theater und allem Kleinen und Großen, was daran hängt.

Oder sie sprachen von kleinen Vorfällen des täglichen Lebens und der Stadt, aber so, daß die Vorkommnisse Szenen wurden und die Leute der Stadt Figuren einer lustigen Komödie.

Dann erzählte sie aus ihrem Leben, dem Leben des jungen Mädchens, das unbestimmte Sehnsucht und der Drang nach dem Abenteuer des Theaters aus der guten Familie gerissen hatte. Sie erzählte Vieles, nicht alles.

57 Manchmal log sie. Aber sie log nie, daß ihre Lüge Wahrheit war. Wenn sein Gesicht ungläubig wurde, lachte sie spitzbübisch.

Er blieb dabei, nicht von Liebe zu sprechen. Und sie verlangte es nicht von ihm. Wenn, zuweilen, seine Augen von Glück strahlten, sprach sein Mund davon, als ob es ein hereingezogenes, ihnen im Traum geschenktes, wie gestohlenes Glück wäre, das ebenso schnell wieder verfliegen würde. Es werde nicht von Dauer sein. Darauf müßten sie sich beide einrichten. Dann schwieg sie, als ob das selbstverständlich wäre und so sein müßte. Ihre Schultern senkten sich und die Mundwinkel fielen herab. Er sah sie an und dachte, daß sie mit diesem Ausdruck die Dido spielen könnte.

An diesem Abend erneuerten sie das Spiel ihrer Liebe, er nahm sie ein zweitesmal und sie gab sich ihm mit einer Seligkeit, die ihr schmales Jungmädchengesicht mit einer fast mütterlich runden Weichheit verklärte. Und dann fühlte er sich so jung, wie nie vorher.

Dann geleitete sie ihn an das Hinterpförtchen des Hauses und er verließ es, den 58 Mantel um die Schulter geschlagen, den großen, weichen Hut tief ins Gesicht gedrückt, daß ihn keiner erkennen konnte, und trat, durch die abenddunklen Straßen, den Heimweg an.

Wie freute er sich an diesen Heimwegen! Wie genoß er sein Glück nach, diesen kostbaren Nachgeschmack auf der Zunge, Frische in allen Gliedern! Fast hätte er gewünscht, daß einer der Passanten ihn erkannte, so leicht, so beschwingt, so beflügelt, so verjüngt fühlte er sich. So hätte er den Pyramus spielen müssen. Und er nahm sich vor, demnächst mit dem Prinzipal des alten Stückes wegen zu sprechen.

Er nahm sich überhaupt wieder eine Menge vor. Das hatte er ein wenig verlernt gehabt, in dieser letzten, trübseligen Zeit. Woran das wohl gelegen sein mochte? Zweifellos, er war mit seinem Körper nicht ganz in Ordnung gewesen. Woran denn sonst! Er mußte seine alten Übungen wieder aufnehmen. Sein Rapier wieder vornehmen, seine Keule schwingen und viel spazieren laufen, ins Freie, oder auf die Jagd; wenn erst die Glieder die alte Elastizität wieder kriegten, würden auch Geist und Wille 59 wieder geschmeidig. Er hatte ja das Wünschen schon völlig vergessen gehabt. Das ging so nicht weiter. Gar so bequem brauchte er es seinem Prinzipal nicht zu machen. Das kam jetzt langsam wieder, auf diesen Wegen. Die Energie, sich etwas zu wünschen. Die Energie, Vorsätze zu haben. Die Energie, die Vorsätze auszuführen und durchzusetzen. Im Beruf und außerhalb des Berufes. Er nahm sich Gespräche vor: nicht bloß mit dem Prinzipal. Mit dem Sekretär, der ihm helfen mußte, neue Rollen zu suchen. Die alten, zum Überdruß gespielten, genügten ihm nicht mehr; mit der Fürstin, mit der er, über sich zu reden, ganz menschlich, ganz nahe, auf einmal ein unbändiges Bedürfnis empfand; mit dem alten Rigolo, dessen lasterhafte Weisheit über manche Dinge Bescheid wußte, von denen kein anderer eine Ahnung hatte. Und bereitete sich für diese Gespräche, Frage für Frage, in wißbegieriger Erwartung, vor. Er nahm sich Tätigkeiten vor. Es gab Lieblingsbeschäftigungen, alte Liebhabereien, die er in dieser letzten Zeit vernachlässigt hatte. Die gedachte er jetzt wieder hervorzuholen, 60 Versäumtes nachzuholen, wie er es seiner Bildung schuldig war. Denn in dieser, auf der Höhe seiner Zeit stehend, es mit deren Besten aufnehmen zu können, fühlte er sich seinem, auch in dieser Hinsicht übel verleumdeten Stande, als dessen verantwortlichen Vertreter er sich ansah, schuldig. Vor allem aber nahm er sich erneute Berufsarbeit, neue Rollen sowohl wie unablässig strenge Übung in seiner guten alten Kenntnis des Handwerks, vor.

Er fühlte, wie die Hypochondrie langsam von ihm abtropfte, abfiel, auf diesen Wegen. Es gab keine bessere Arznei als Wünschen und vom nächsten Tage etwas Erwarten. Er beschäftigte sich mit der Zukunft und spürte, gleichzeitig, eine schöne Gegenwart, und durch beides durch, sich. Er spürte wieder die sinkende Nacht und das Steigen der Nebel über den atmenden Wiesen, und das Rauschen des Windes in den Bäumen und den Duft des Frühlings aus der Erde und sah, wenn er sich umwandte, die Lichter der Stadt. Und alle diese Gegenwart, dieser strotzende Augenblick gehörte ihm, stand in irgend einer Beziehung zu ihm, sprach zu ihm oder, was auch ganz schön war, von ihm.

61 An die Kleine dachte er eigentlich gar nicht viel, auf diesen Wegen. Das war ihm das erfreuliche und wohltuende an dieser Beziehung, daß sie ganz anspruchslos war, ihn gar nicht belastete, weder ihn noch sein Gewissen, Niemandem etwas nahm, eine kleine harmlose Liebschaft, einem Mann seines Alters und seines Berufes doch wohl zu gestatten, nebenbei, zwischendurch, nicht zu vergleichen mit den großen Leidenschaften, die früher schicksalhaft über sein Leben gebraust waren. Eine Erfrischung und Erholung, ausgefüllte Wartestunden seines Berufes sah er darin, sonst nichts. Er fühlte sich wohl bei der Kleinen, unterhielt sich gut mit ihr, besser als eigentlich sonst mit Jemanden, sie langweilte ihn nie, was wohl bei jeder der anderen vorgekommen sein mochte, und er freute sich jedesmal auf das nächstemal, während es sonst nie ohne eine gewisse Angst abgegangen war, was wohl diesmal wieder bevorstünde. Bei ihr war er sicher: es konnte nichts geschehen, dazu war es nicht wichtig genug.

Die Kleine sah es ebenso. Das hatte er ihr gleich beigebracht. Daß sie ihm treu blieb, war 62 sehr hübsch von ihr. Aber verlangt hatte er es nicht.

Das alles zusammen fügte sich aufs glücklichste und schuf ein klares und, in aller seiner Körperlichkeit, reines Verhältnis, das der Kleinen völlig zu genügen schien, dem Schauspieler das Gleichgewicht seiner leiblichen und seelischen Kräfte wieder herstellte, eine neue Jugend gab und beiden den Genuß einer wahrscheinlich kurzen, aber heiteren und ausgefüllten Gegenwart schenkte. So daß er, wenn er Nachts, in die Hut seiner Häuslichkeit heimgekehrt, an der Seite seiner manchmal noch ein Weniges brummenden Hausfrau einschlief, das verschwimmende Gefühl in seine Träume herübernehmen konnte, es gebe etwas, worauf er sich, für den kommenden Tag, zu freuen hätte.

 

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