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Der Schauspieler

Arthur Kahane: Der Schauspieler - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Schauspieler
authorArthur Kahane
year1924
firstpub1924
publisherOskar Wöhrle Verlag
addressKonstanz
titleDer Schauspieler
pages364
created20100501
sendergerd.bouillon@t-online.de
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14.

Aber ehe noch die Faustina mit ihren hundert Köfferchen und Hutschachteln, mit ihren 296 Papageien und Löwenhündchen, mit ihrem Gefolge von zweifelhaften Kavalieren, Zofen und Friseuren in der Stadt eintraf, und diese mit derselben lärmenden und ansteckenden Unruhe und Bewegung erfüllte, die sie an allen Stätten ihrer Wirksamkeit um sich zu verbreiten pflegte, ehe sie noch, gleich einem Wirbelwinde, durch das Leben des Schauspielers fuhr, diesmal freilich nicht wie das erstemal, um es auf den Kopf zu stellen, das Unterste zu oberst zu kehren und den an Körper und Seele Ausgesaugten und im Tiefsten Unbefriedigten, mit seiner Welt Zerfallenen, seiner Kunst Entfremdeten in heilloser Unordnung und Zerrüttung aller seiner Angelegenheiten ratlos zurückzulassen, sondern, im Gegenteil, das auf dem Kopf Stehende wieder auf feste Beine stellend, das Krummgewordene zurechtrückend, seine Hemmungen beseitigend, seine aufgeregten und verwirrten Sinne beruhigend, ihn aus schiefen Beziehungen, erpreßten Eiden erlösend und ihn mit dem Gefühle seiner Freiheit und neuem Glauben an sich erfüllend, ehe noch die tolle Faustina wieder auftauchte und dem Überraschten, als wären sie im tiefsten Frieden 297 voneinander gegangen und die Jahre nicht eben so viele Stunden der Trennung, jauchzend um den Hals fiel, gab es eine Nacht, in der sich mit dem Schauspieler jene seltsame Wandlung vollzog, die jene nicht minder kluge als tolle Frau nur zu vollenden brauchte, um den Verlorenen dem Theater, der Stadt und dem Hofe, seinem Hause, seiner Kunst und sich selbst gerettet wiederzugeben.

Die Vorgänge jener Nacht sind nie ganz bekannt geworden, die an ihnen teilgenommen hatten, Männer und Weiber, waren zu betrunken, um mehr als ihre im Nebel des Rausches verschwimmenden Umrisse in der Erinnerung zu behalten, die Beiden, die allein Bewußtsein genug bewahrten, um die Wahrheit bezeugen zu können, der Schauspieler und Rigolo, schwiegen beharrlich, und was an Gerüchten ins Weite drang, hörte sich zu abenteuerlich an, um Glauben zu verdienen.

Nur so Vieles ließ sich, als der Wahrscheinlichkeit des Herganges nahekommend, feststellen:

An einem der warmen Abende jenes Frühsommers, in dem die Stadt erst durch eine Flut 298 zahlloser Schmähbriefe, dann durch die damit in Zusammenhang stehende peinliche Störung einer Theateraufführung in Aufregung versetzt wurde, fuhr vor dem Hause des Schauspielers, dem, vor allen Anderen, die beiden erwähnten Ereignisse galten, ein Wagen vor, eines jener leichten Gefährte, deren sich die Gutsbesitzer in der Umgebung der Stadt zu kleineren Reisen über Land zu bedienen pflegten, und entführte den Schauspieler auf ein in der Nähe gelegenes Anwesen. Wagen und Anwesen waren stattlicher Besitz eines reichen Gutsherrn, der seit dem Tode seiner Gattin ein, wie es hieß, lockeres Leben führte und, unter dem Vorgeben der Jagd, in seinem Hause Freunde zu munteren Festen zu versammeln liebte, bei denen es, nicht bloß an Speise und Trank, hoch herzugehen pflegte. Der gastfreundliche Mann hatte des öfteren derartige Einladungen an den Schauspieler ergehen lassen, der ihm als ein durch gute Laune und unerschöpfliche Einfälle jede Geselligkeit belebendes Element immer besonders lieb und willkommen gewesen war, so selten sich auch die Gelegenheit einstellen mochte, des 299 Vielbeschäftigten habhaft und froh zu werden. Der unfreiwillige Urlaub des Schauspielers gab nun die erwünschte Möglichkeit, die so oft zwischen den beiden Männern besprochene heitere Zusammenkunft Wirklichkeit werden zu lassen, und als der Gutsherr, und diesmal dringlicher als sonst, seine Einladung wiederholte und nicht nachließ, gab der Schauspieler, froh, den Erregungen der Stadt für einige Stunden entrinnen zu können, nach und sagte zu. Der ungeduldige Gastgeber schickte, in seiner frisch zupackenden Art, dem Freunde, um es ihm bequemer zu machen und die bei Menschen des Theaters immer zu befürchtende Absage des letzten Augenblickes abzuschneiden, einen seiner Wagen gleich vors Haus, in dem der vielleicht immer noch Saumselig verpackt und dem Feste zugeführt werden sollte, für das große Vorbereitungen getroffen worden waren.

Als der Schauspieler in dem stattlichen Landhause des Gutsherrn eintraf, fand er eine zahlreiche und bereits fröhliche Gesellschaft versammelt vor, unter der er das alte, vertraute Gesicht seines lieben Freundes und Gesellen Rigolo mit Freuden entdeckte. Des Übrigen 300 war es eine seltsame und in ihren Bestandteilen seltsam von einander abstechende Versammlung, die der bei seinen Festen das Absonderliche liebende Gastgeber zu sich geladen hatte. Neben mehreren Gutsbesitzer und Landwirten der Nachbarschaft, die man, wie ihn, an der gesunden Hautfarbe ihrer festen Wangen und der runden Stattlichkeit ihrer Bäuche erkannte und unter denen sich wohl auch, kaum unterscheidbar, einige Offiziere befinden mochten, die sich für diesen Anlaß ihrer bürgerlichen Kleidung zu bedienen vorgezogen hatten, sah man in bunter und abenteuerlicher, bei Einigen auch recht abgerissener Gewandung, allerlei magere Gesellen, mit dunkel von der Sonne gebrannten Gesichtern und verwegenen, die Meisten auch verhungerten Aussehens, fahrendes Volk, Akrobaten und Feuerschlucker, Ringkämpfer und Seiltänzer, aus Cirkus und Schaubude geholt, vom Planwagen herunter, und Andere, noch gefährlichere, aus dem Kehrricht der Landstraße. Die Damen, Kunstreiterinnen und Seiltänzerinnen zumeist, waren desselben Schlages, grell, geschminkt und frech. Auch Dorfdirnen und Mägde vom Gute waren 301 darunter, mit nackten kräftigen Armen und drallen Waden. Und Zigeunerinnen fehlten nicht, die kurzen Haarsträhnen schwarz, von Fett glänzend, stumm, mit funkelnden Augen. Einige in dieser mit lustiger Absicht und Auswahl bunt gemischten Gesellschaft hatten wohl schon des öfteren an solcher heimlichen Veranstaltung teilgehabt, denn sie bewegten sich mit der Sicherheit frei sich zu Hause Fühlender und schienen mit den Gebräuchen dieser Gelegenheit vertraut. Andere durften das erstemal hier sein, sie drängten sich scheu in den Ecken herum und mochten wohl nicht wenig verwundert sein, einmal in ihrem Leben nicht als Ausgestoßene, sondern als ebenbürtige und gleichberechtete Gäste eines vornehmen, reichen Mannes behandelt zu werden. Und je schwerer es ihnen fiel, sich in die Rolle von Herren und Damen der Gesellschaft hineinzufinden, umso eifriger wurde ihr Bemühen darum und umso deutlicher und possierlicher ihre Anstrengung. Daraus ergab sich, zum Ergötzen des Wirts, ein gespreizt gezwungenes und mühsam feierliches Wesen, das anfangs, drollig genug, von dem freien und derben, keine Schranke der 302 Scham ehrenden Ton abstach, den der Gastgeber und seine engeren, die junkerlichen, Freunde sowie alle die anschlugen, die mit dem heimlichen Gesetz der Gelegenheit schon vertraut waren: jede Sache, auch die derbste, bei ihrem derbsten Namen zu nennen und von nichts zu sprechen als eben von dem Derbsten. Aber bald gelang es dem Wein, der in nie gekannter Güte und Menge floß, den Gegensatz zu lösen, und die eben noch Scheuesten konnten sich, wenn das nun die Sprache der vornehmen Welt war, die der eigenen so verteufelt ähnlich klang, nicht genug tun an Frechheit und Unverhülltheit der Zote und Lautheit des Tons. Worin natürlich die Damen hinter den anderen nicht nur nicht zurückblieben, sondern, in solchen Dingen gelehriger, sie fast überboten. Und schon mochte, hie und da, vom kecken Wort zu keckem Tun übergegangen werden, manches überhelle Lachen und Kreischen einen handfesten Übergriff verraten, manches Weiche hart angepackt und manches Zarte gefühlt, nicht gerade mit Zartgefühl freilich, worden sein.

Solcher Art wurde die Gesellschaft geschildert, die den Schauspieler bei seiner Ankunft als 303 ihren berühmten, seit lange erwarteten Ehrengast mit lautem Hallo begrüßte und ihn als Mittelpunkt feierte. Der Gutsherr führte ihn an den für ihn bereit gehaltenen Ehrensitz an seiner Seite und das eigentliche Tafeln, zu der das bisherige, freilich schon recht fleißig geübte Zechen nur das zahme Vorspiel, eine Art Vorkostprobe gebildet hatte, begann. Der Wirt, der, in seiner vergnügten Art, sich lieber von seinen Gästen unterhalten ließ, als daß er selber zu ihrer Unterhaltung beigesteuert hätte, überließ es einem von ihnen, den Vorspruch zu halten, und der Aufgerufene, ein Menageriebudenbesitzer, der wie ein aus der Kutte gesprungener, feister Mönch aussah, entledigte sich seiner Aufgabe, indem er, in schönstem Küchenlatein, einen Hymnus auf die Vereinigung von Venus und Bacchus und auf das aus dieser Vereinigung entsprungene Söhnchen beider, auf den Priapus, sprach. Die Weiber kreischten, so oft die Wörter Venus und Priapus fielen, umso mehr als der Redner sie jedesmal mit unzweideutigen Geberden begleitete. Zum Schlusse apostrophierte er seine beiden berühmten Kollegen von der hohen Kunst 304 und bat sie, in aller Bescheidenheit, sich in allem ein Exemplum und Vorbild an den Mitgliedern seiner Truppe, dem lieben Vieh, zu nehmen, die nicht bloß seine, ihres Prinzipals, willigste und eifrigste Mitarbeiter wären, sondern unerschöpflich in den Werken der tätigen Liebe und im Dienste des obgenannten heiligen Priapus. Alle klatschten Beifall und der Schauspieler dankte dem verehrten Kollegen der faunischen Künste und versprach, in beider Namen, zu werden wie das liebe Vieh und zwar, wenn es Bacchus gestattete, Venus sich gnädig und Priapus willig zeigte, noch in selbiger Nacht. Und der alte Rigolo setzte hinzu, er aber wolle werden wie die Kindlein und in des Weibes Schoß zurückkehren, auf die Gefahr hin, daß er irre und den Schoß verfehle, der ihn geboren; ein anderer, jüngerer, täte es ihm eben auch. Und schon boten sich ihm einige willig dar, aber der Amphitryon mahnte, über Venus und Priapus der nicht minder guten Gaben der Ceres und des Bacchus nicht zu vergessen, und man aß, wenn anders man das Vertilgen ungeheurer Berge von Gerichten als Essen bezeichnen konnte. Die 305 Ausgehungerten fielen über die ausgesuchtesten Erfindungen lucullischer Küchenphantasie, deren Möglichkeit sie freilich bisher in ihren verwegensten Wünschen nicht geträumt hatten, her, als wäre diese Mahlzeit die erste Sättigung ihres Lebens und müßte die eine bis zum jüngsten Gericht vorhalten. Sie hieben ein, daß ihnen das Fett über die Backen heruntertroff. Sie schlangen in sich hinein, daß es ihnen sichtbarlich die Leiber auftrieb und die Männer die Wämser über ihren Bäuchen aufknöpfen, die Weiber die Spangen ihrer Mieder lüpfen mußten. Und begossen das Opfer mit ebensolchen Mengen der erlesensten Weine, die sie, in wahllosem Durcheinander, in sich hineinschütteten, als wäre es der gewohnte Branntwein. Der Hausherr aber, seinen satten und darum nicht minder ausgiebig atzenden, behaglich schmatzenden Standesgenossen vergnügt zuzwinkernd, ließ immer von neuem auftragen, vorlegen und einschenken und wollte halb zerbersten vor Lachen über das neue Schauspiel gargantuesker Gefräßigkeit der verhungerten Augen und Mägen. Wenn er aber des Augenblickes wartete, da es nicht mehr weiter ging, so 306 irrte er: der Augenblick kam nicht; so unbegreiflich es war, sie konnten immer noch weiter.

Indessen nun der Hausherr und seine Freunde vor Lachen über den Anblick der kolossalisch wachsenden Gier, sich auf die feisten Schenkel klatschten, daß es durch den Saal schallte, sprang Rigolo – so wurde erzählt – auf den Tisch, das Antlitz, in dessen Runzeln und Fältchen es von tausend Teufeleien zuckte, zu einer pfäffischen Grimasse verzerrt, und schlug vor: dem hochherzigen und beutelweiten Mäcenas, der in einer gottlosen Zeit knausernder Philisterei Künstler saftig zu ehren wisse, mit einer frommen Kantate zu danken und den bauchseligen Mann als heiligen Pan, den Gott der Böcke, zu feiern, der die Kräfte des Leibes, des Ober- und des Unterleibes, zum Wachsen bringe. So sollten ihm dann auch mit allen ihren Kräften und Künsten die dankbaren Künstler ein Schauopfer und Schauspiel weihen, daß ihm die Augen und anderen Dinge übergingen. Und sang, mit greulich meckernder Stimme ein näselndes Lied, in dem er Brüderchen und Schwesterchen aufrief zu schlingen und zu trinken, zu fressen und zu saufen, daß 307 alle Säfte laufen und ihnen eines bliebe: die Liebe. Und alle stimmten in den Kehrreim ein und meckerten, näselten, johlten, gröhlten und brüllten: die Liebe. Aus den roten, erhitzten Gesichtern, aus den funkelnden Augen brach Gier, Hände streckten sich und tasteten nach den bloßen Stellen der Schultern und Arme, unter dem Tische stießen die Füße nach einander, und auf einmal hing, über dem Tische, ein Weib an Rigolos Halse und schwang sich ein anderes auf des Schauspielers Schoß und wälzte sich ein drittes über den Mund des Gutsherrn. Es raschelte vom Springen der Knöpfe, vom Abstreifen der Röckchen, Mieder flogen in die Winkel des Saales, Leibchen, Wämse und Jacken folgten ihnen, Arme, Schultern und Brüste wurden bloß, Haare lösten sich, Weiber kauerten auf dem Boden nieder und zogen Schuhwerk und Strümpfe von den Füßen, alle rissen sich und einander die Kleider vom Leibe, eine, die Keckste, sprang bloßfüssig, im Hemde, auf den Tisch, riß es entzwei und hob, in der dunkelbraunen Splitternacktheit ihres schmalen Körpers, einen rasenden Tanz an. »Raset, ihr Brüderchen! Tanzet, 308 Schwesterchen!« meckerte Rigolo, »vergiftet eure Seelen, auf daß sie gesunden!« und entblößte seinen alten mageren Leib. »Hereinspaziert! Zu Ehren Gott Pans und aller seiner Heiligen!« schrie der Menageriebudenbesitzer und streifte die Hemdärmel von seinen behaarten Armen. Und mit Blitzesschnelle türmten sich, von Akrobaten und Akrobatinnen, Pyramiden nackter Leiber über den Saal, Tänzerinnen und Zigeunerinnen sprangen darüber und wanden sich, in rasenden Wirbeln, zwischen den entblößten Armen und Beinen der Männer, von unzüchtigen Kapriolen der Clowns begleitet, wer Stimme hatte, sang, und Feuerschlucker und Messerschlucker, Jongleure, die auf der großen Zehe ihres Fußes Teller und Flaschen balancierten, jeder, der eine Kunst besaß, und war es die bescheidenste, zeigte sie, demütig, inbrünstig, mit leidenschaftlich verbissener Gier, als übte er ein Werk der Liebe. Während die anderen, auf den Stühlen, den Bänken, auf dem Boden, in allen Winkeln und Ecken des Raumes, gepaart, zu dritt, zu viert, in jauchzender Lust sich ineinanderknäulten.

309 Und da soll es auf einmal geschehen sein, wenn es auch freilich niemanden gibt, der sich für die Wahrheit des Berichteten verbürgen könnte, daß der Schauspieler, der, ein wunderschönes, nacktes, junges, braunes Zigeunerding im Arme haltend, in der Mitte des Saales stand, mit einer Stimme, die wie aus einer anderen Welt herüberzuklingen schien, so rein und jung, hell und voll tönte sie über den höllischen Lärm der von Wein und Gier Berauschten, wie aus der Entrückung eines Traumes erwachend, folgende Worte in den Raum rief: »Hört mich an, ihr Gaukler! denn ihr seid meine Brüder. Gaukler bin ich wie ihr, Gaukler und Feuerfresser. Und will nichts anderes sein, als ihr, als Gaukler, und wehe mir, wenn ich je anderes gewesen bin! Eure Lust ist meine Lust, eure Welt ist meine Welt, und wehe mir, wenn ich je eine andere dafür genommen habe! Dort drüben, bei den Anderen, habe ich mich und meine Kraft und meine Kunst verloren. Hier, bei euch, meine Brüder, beim Anblick eurer Lust, die aus Tiefen und Quellen ohne Grund aufsteigt und über alle Schranken bricht, finde ich mich wieder, den 310 Gaukler in mir wieder und in der Berührung mit eurer Welt, die meine wahre Heimat ist, wächst mir meine alte Kraft neu zu. Und ist euch euere Lust nichts anderes als euere Kunst, und euere Kunst nichts anderes als euere Lust, und wollt ihr die Lust euerer Sinne büßen, so ruft ihr euere Kunst zu Hilfe, nicht weil ihr gaukeln wollt, sondern weil ihr gaukeln müßt, gut, so tue ich wie ihr und gaukle. Hört an, ihr Gaukler, ihr Brüder, wie ich gaukle, und glaubt mir, nie habe ich es vor anderen lieber getan als vor euch, in dieser Stunde der höchsten Lust!«

Von dem Donner dieser Stimme geweckt, waren die anderen aus ihrem Rausche aufgetaumelt und sahen, mit blödem Erstaunen, den Verzückten, Verklärten an. Ohne zu verstehen, was er meinte, aber wie von einer unwiderstehlichen Gewalt zu hören gezwungen, von einem Zauber gebannt, saßen sie, lagen sie da, die nackten Leiber noch heiß und feucht von der Brunst aneinander geschmiegt, in zärtlichen Verschlingungen, lautlos, ergriffen, fast ehrfürchtig, und lauschten einem nie Gehörten, nie Erlebten.

Er begann den Rinaldo zu sprechen. Nein, 311 nicht zu sprechen, zu singen, zu jubeln, zu jauchzen. Wie eine Kantate der Leidenschaft, wie einen wachsenden Sturmgesang der Sinnenfreude und des aufglühenden Verlangens. Heute hemmten die Worte ihn nicht; was nicht von ihnen war, holte er aus sich, aus den tiefsten Brunnen seiner Seele, aus dem Rausch und Jubel der Stunde, aus dem Glanz der sich seinem Blicke bietenden Nacktheit, aus der aus Augen und Leibern aufschlagenden Flamme, aus der Glut der eigenen Begierde. Mühelos war ihm geschenkt, worum er in langen Kämpfen und Krämpfen des Suchens gerungen hatte. Kaum er ansetzte, hingen, die eben noch sinnlosen Tieren geglichen hatten, in atemloser Entrücktheit an der Musik seiner Lippen. Aus Süße und unendlichem Wollaut langsam ansteigend, drang es in ihre Sinne, füllte sie mit Seligkeit, hob ihre Körper, wuchs und wuchs zu solchem Brand und Sturm der Leidenschaft, daß es ihr Blut von neuem aufpeitschte und das eben gestillte Verlangen erneuerte. Und als er die Passion seines Liebe-Erlebens durch alle Feuer der Hölle durch bis zum höchsten Gipfel der Verklärung 312 führend geendet hatte, schlug die Flamme der Fackel, an der sich die Glut seiner Kunst entzündet hatte, in seinen Hörern noch einmal hoch auf und statt des Händeklatschens, an das des Schauspielers Ohr sich gewöhnt hatte, antwortete ihm Stöhnen und Jauchzen sich in Seligkeit wälzender Lust. Und Flamme, von ihm entzündet, glühte in der Weiber Blicken, die brünstig an seinen Lippen hingen, indes sie sich den Umarmungen der anderen boten, als gelte es, seiner Kunst zu danken, ihn zu ehren mit der demütigen Hingabe ihrer Leiber. Eine aber, jene junge, dunkle, zigeunerische, die früher an seinem Arm gehangen und sich scheu erschrocken daraus gelöst hatte, als er zu sprechen begann, ohne den Blick von seinem Munde abzuwenden, sprang mit einem Satze an seinen Hals, umschlang ihn, zog ihn zu sich herunter und gab sich ihm, wortlos, freudig, stolz, selbstverständlich, als handelte sie für alle und im Namen aller. Dann kam eine zweite und dann eine dritte und jede überließ ihn neidlos den Künsten der Nächsten, als gehörte er ihnen allen, und er umarmte alle, ohne zu ermüden. Er wurde jung und stark in dieser Nacht, wie nie zuvor in seinem Leben.

313 Rigolo aber stand daneben, grinste über sein ganzes, altes, faltiges Gesicht und lachte: »He, he, Brüderchen! Immer zu, immer zu! Laß dir's schmecken, das süße Gift! Habe ich dir's nicht gesagt: in den Giften liegt tiefste Kunst und höchste Weisheit! Lerne von den Giftmischerinnen! den süßen Giftmischerinnen!«

Das Fest währte, in zahllosen Wiederholungen aller Freuden des Leibes und der Seele, noch einen Tag und eine Nacht und alle anderen, den Gastgeber miteinbegriffen, lagen in tiefem Schlafe und seliger Berauschtheit, als der Schauspieler und Rigolo, bei Anbruch des dritten Tages, das gastliche Haus verließen und in dem für sie bereit gehaltenen Wagen des Gutsherrn der Stadt zufuhren.

Sie flogen auf der breiten Straße, durch dichten, rauschenden Wald hindurch, an gelben, rauschenden Feldern vorbei. Die Pferde stampften vor morgendlicher Lust, und Morgenfrische hing an den Blättern der Bäume herunter, stieg aus der feuchten Erde auf, drang den beiden Männern ins frischer wallende Blut und scheuchte die letzten Nebel des Weines und 314 Rausches aus ihren Köpfen. Morgendlich hell blickten Augen und Gedanken in den jungen Tag, der vor ihnen lag. Ein langes, ruhiges und erfülltes Männerschweigen schlug Brücken eines guten Einverständnisses zwischen den Beiden.

Dann sprach der Schauspieler von den Frauen. In heißen Worten einer redlich und stark gefühlten Dankbarkeit rühmte er, was er von ihnen empfangen hatte, rühmte er die ewig Schenkenden, die großmütige, selbstvergessen schrankenlose Hingabe der immer Opferwilligen; die bereiten Helferinnen, die in ihren gütigen Händen die Kraft und das Schicksal des Mannes trügen und nichts wollten, als jene steigern und dieses vollenden; Giftmischerinnen freilich, aber Mischerinnen heilsamer Gifte, gebraut aus Preisgabe und Schande des eigenen Leibes und aus den dunkelsten Trieben der eigenen Seele mit verwegener Kunst zubereitet, dem Wunsche und der Kraft des Mannes, seiner Lust und seinem Genusse demütig zu dienen. In welcher Gestalt sie immer sich nahten, als Gattin oder Geliebte, als Buhlerin oder Hure, und was immer sie spendeten, 315 schüchternen Kuß oder zärtliche Liebkosung, wortlose Hingabe, die nicht frage, oder verruchte Kunst der erfahrenen Sünde, alles sei Glück und zum Glücke des Mannes ersonnen und bestimmt und verdiene die grenzenlose Dankbarkeit des Mannes, dessen bestes Wachstum Geschenk der Frau sei. Er selbst wenigstens fühle, daß er das Stärkste seiner Kunst, das Tiefste und Unmittelbarste, den Frauen, und nicht gerade den Reinen und Heiligen, die durch sein Leben gegangen seien, verdanke. Ja, er glaube sogar, daß ihm, so alt er sei, jetzt erst das Eigentliche seiner Kunst aufgegangen sei, ihr Letztes sich ihm erschlossen habe, und zwar, so unglaublich es klinge, mitten in dem ungeheuerlichen und, wenn man es genau ansähe, doch recht schamlosen und unsauberen Treiben dieser seltsamen Nächte. Wem anders aber sei dieses Wunder zuzuschreiben als der selbstlos schenkenden Güte der Weiber?

Der Schauspieler schwieg. In dem alten Faunsgesicht des Komikers zuckte es merkwürdig, als er, nach einer Pause, begann: Ob ihm jener zutraue, daß er sich selber kenne? Seine widerliche alte Fratze kenne? Keine Widerrede! 316 Lieblich wie ein Sommermorgen sei sein Antlitz gerade nicht, das wisse er, und so wie es sei, tauge es auch für sein Geschäft besser. Er sei nun einmal ein borstiges, altes Schwein, von außen und von innen, und der weicheren Regungen nicht fähig, geschweige denn, daß er verstünde, süße Lippen und viele Worte zu machen. Aber ihn, den Freund, den Meister ihrer gemeinsamen Kunst, sein Brüderchen habe er nun einmal, vielleicht um dieser Kunst willen, die er neidlos bewunderte, in sein verhärtetes, verkrustetes, verrunzeltes, einsames, altes Herz geschlossen und neidlos gönnte er ihm, ihm allein jedes Glück. Hätte er ihm sonst, als er ihn verzweifelnd gefunden habe, geraten, sein Heil bei den Giftmischerinnen zu versuchen? Und hätte er es ihm geraten, wenn er nicht selbst daran geglaubt hätte, daß bei ihnen, bei den Giftmischerinnen und Locusten, in dem süßen und geheimnisvollen Gift ihrer Umarmungen der Gesund- und Jungbrunnen, der Quell aller siech gewordenen männlichen Schöpfer- und Zeugerkraft sprudelte? Nur möge er sie brauchen, wie man eine Arzenei brauche, und dann 317 weg mit ihnen, wie die leere Arzeneiflasche! Fortgeworfen, in den Kehricht und nicht als Göttinnen angebetet! Die selbstlos schenkende Güte der Weiber! Ei, die liebe Güte! Er kenne sie anders! Kenne sie besser! Und daß es jenem nicht gehe wie ihm, daß jenem nicht, wie ihm, Enttäuschung, immer wieder trübende, foppende, äffende Enttäuschung das Herz verkiesele und aus Welt und Menschheit eine Schreckenskammer, ein Mißgeburtenkabinett scheußlicher Fratzen mache, müsse er ihn warnen, warnen vor der selbstlosen, schenkenden Güte der Weiber. Güte, Liebe, Hingabe, Opferwilligkeit – Larven und Masken! Masken der einen grenzenlosen, schamlosen, heißhungrigen, nie gesättigten Neugierde! Eine andere Eigenschaft kenne er am Weibe nicht.

Rigolo grinste. Der Schauspieler – rief er – solle dieses Gesicht des Näheren besehen: diesen widerlich häßlichen, viereckigen Riesenschädel mit der kurzen Stirne, der platten Nase, dem breiten, dicklippigen Maul und den tausend Fältchen und Runzeln! Und dann den Leib, diesen plumpen, dicken, fetten, faltigen, untersetzten 318 Zwergenleib! Und doch flögen ihm die Weiber zu wie die Mücken dem Licht, die Falter der Rose. Alle. Von der Hure unten bis hinauf zur – bis ganz oben hinauf. Warum? Seiner Schönheit wegen beileibe nicht. Aus Neugierde. Aus gemeiner Neugierde. Weil sie bei ihm andere Zärtlichkeiten vermuteten als bei anderen, andere Reizungen der Sinne, neue, unerhörte, Geheimnisse der Sünde, weil sie hinter seiner Garstigkeit besondere Laster und Verworfenheiten witterten und die Gabe erfinderischer Überraschungen. Diese Neugierde sei stärker in ihnen als aller Sinn für Schönheit und Abscheu vor Häßlichkeit, als alle Scham und Tugend. Ihr könne keine widerstehen. Die Gemeine so wenig wie die Edelste. Der Schauspieler kenne ihn genau genug, um zu wissen, daß er kein eitler Laffe und windiger Prahlhans sei, der mit billigen Triumphen bramarbasiere. Er habe wohl auch kein besonderes Bedürfnis nach Mitteilung und Beichte und noch mit keiner menschlichen Seele von den Erfahrungen seines Lebens gesprochen. Heute aber, da er den Freund zwischen den Abgründen 319 verzweifelnder Einsamkeit und erdevergessender Frauenverehrung schwanken und taumeln sehe, müsse er, um ihn vor den beiden gleich großen Gefahren zu schützen, vor ihm zum erstenmal die verschwiegene Geschichte seines heimlichen Clowns- und Faunsglückes bei den Weibern aufdecken.

Und Rigolo erzählte. Und war nicht ein Wörtlein, das gelogen klang oder zur Ausschmückung hinzugefügt, eitel oder ruhmredig, übertreibend oder beschönigend. Nicht um ihn und um die Ausmalung seiner Erfolge und Liebessiege war es ihm zu tun, sondern um die redliche Abschilderung der weiblichen Verworfenheit. Und wurde ein langes, nicht eben sehr erbauliches Capitulum von den Lastern und Verirrungen des anderen Geschlechts, so aus sündiger Neugierde und Verderbtheit des Leibes und der Seele hervorgingen. Viele Abenteuer berichtete er und manche hörten sich derb und drollig an, gleich Schnurren und Schwänken, aber es waren auch richtige Tragödien darunter, von Schönen, die, einmal angebissen habend, gar nicht mehr loslassen wollten, und gebrochenen Herzen, beides, das Heitere 320 und das Ernste, in buntem Wechsel, wie es sich eben im Lebenslaufe eines Mannes zutragen mag, dem Frau Venus in ihrer unberechenbaren Laune, die besondere Gunst ihrer Schutzbefohlenen zugewendet hat. Aber vielen Dank wußte ihr Rigolo nicht dafür, denn eine zweischneidige Sache und ein Danaergeschenk blieb es immer, und der zu leiden hatte, war der beschenkte Mann, gleichviel ob an der Treulosigkeit der Flatterhaften oder an der Treue der allzu Beständigen. Er erzählte von Stunden, in denen er, eine ins Gegenteil verkehrte Helena, seiner Häßlichkeit geflucht hatte, daß sie, wie der Magnet die Eisenstückchen, alles Weiberfleisch, das in seine Nähe kam, unwiderstehlich anzog. Aber er war nicht der Mann, einer Gelegenheit nein zu sagen, und so war er allmählich durch sie alle durchgegangen, durch alle Gattungen, Arten und Abarten des weiblichen Geschlechts, und hatte von allen gekostet. Wie manche Frucht war ihm mühelos in den Schoß gefallen, ohne daß er darnach gelangt hätte, manche ganz reife, die schon den übersüßen Duft der Fäulnis trug, und halb reife, und manche noch ganz unreife, grüne, die mitunter 321 am wurmstichigsten und verdorbensten von Allen war. Und manche, die abgefallen im Staube der Landstraße lag, aber süß und saftig trotz einer schmeckte, und manche, die ganz oben hing und unerreichbar schien, aber Einem in der Hand blieb, die sich nur daran zu rühren traute. Denn im Grunde, grinste Rigolo, sei doch Eine wie die Andre, wenn das Hemde gefallen sei; nur das Hemde sei manchmal verschieden. Und das Hemde fallen zu lassen, triebe sie Alle derselbe alte, eingeborene, ewige Trieb des Weibes: die Neugierde nach der Sünde.

Der Schauspieler dachte an die Fürstin und wehrte sich.

Aber nein, schrie es aus ihm, es gebe noch Andere. So seien nicht Alle, könnten nicht Alle sein. Das fühle er. Es müßte, auch außerhalb der Tragödien noch Frauen geben, in denen über jene Neugierde und den Kitzel unerhörter Begierden Reinheit und Tugend siegten. Es müsse sie geben, in einer Welt, in der eine Frau wie die Fürstin lebte. In deren Nähe das Laster Tugend würde und jeder unreine Gedanke zu atmen aufhörte.

322 Ein Lachen schlug an sein Ohr, so schrill und anhaltend, wie er es noch nie gehört hatte, so gellend und häßlich, als käme es nicht aus einer menschlichen Brust, sondern aus einer anderen Welt herüber, so daß er erschrocken zurückfuhr und sich unwillkürlich umsah, den Urheber des unheimlichen Geräusches zu suchen. Rigolo saß da, das Antlitz zu einer teuflischen Grimasse verzerrt und schüttelte sich, wie von Krämpfen gepackt. Dicke Tränen der Hilflosigkeit kollerten über seine Backen und er schnappte nach Luft, um reden zu können.

»He, he, Brüderchen« schrie er, als er endlich zu Atem gekommen war. »Wen nanntest du? Die Fürstin? Sagtest du nicht, die Fürstin, Brüderchen? Und wenn ich dir sage, Brüderchen, daß diese die Ärgste von allen war? Und wenn ich dir sage, daß diese mich das Mark aus meinen Lenden gekostet hat? Und wenn ich dir sage, daß die Heilige, Reine diesen unheiligen, häßlichen Leib zärtlich umschlungen hat und auf das Geheimnis seiner Umarmung, von dem ein lügenhafter Teufel dem Weiblein ins Ohr gewispert haben muß, wilder, gieriger, neugieriger war als irgendeine 323 Andere? Und daß nicht ich, der ich nie gewagt hätte, meine Wünsche zu der als Vorbild aller Tugend unerreichbar über den Himmeln Schwebenden zu erheben, sie verführt habe, sondern sie mich, in einer raschen Stunde, plötzlich, überfallend, jäh, mit Worten und Zeichen, so deutlichen, unmißverständlichen und erfahrenen, daß sie mich alten Bock schamrot machten, die Heilige, Reine mich alten Faun und Sünder?«

Der Schauspieler saß niedergedonnert, entgeistert und starrte in eine zerbrechende, entgötterte Welt. Rigolo fuhr fort: Und was da groß zu wundere wäre? als ob nicht auch jene von Fleisch und Blut wäre! Als ob nicht auch sie nachts nackt in ihrem Hemde läge! als ob nicht auch sie Stunden hätte, in denen sie mit dem Tier in sich ringen müßte! und dunkle Triebe, die ihr Blut peinigten und ihren Willen zwängen, die die steile Mauer aus Hoheit, Ruhe, Tugend, Harmonie und Schönheit zu durchbrechen und irgendwann ein Seltsames, Fremdes und Geheimnisvolles zu tun, das doch auch ein Teil von ihr wäre und ans Licht wollte! Beim Manne würde Schaffen daraus, beim Weibe Sünde. 324 Und bei ihm, in seinem verfluchten Gewerbe, ein zwitterhaft Gemisch von Beidem, ein sündhaftes Schaffen von lächerlichen Fratzen.

Er schwieg und beide Männer versanken in stummes Grübeln. So fuhren sie durch die ganz hell und sonnig gewordene Landschaft, über der sich das milde Blau des Sommervormittags ins Unendliche weitete. Nach einer Weile sagte der Schauspieler, ganz ruhig und still geworden: er könne nicht, und jetzt erst recht nicht, sich eines tiefen Gefühls der Dankbarkeit gegen die Frauen erwehren und werde nie aufhören, sie so anzuschauen und so zu empfinden, wie er das sanfte Blau des Himmels anschaute und die milde, gute Luft, die sie umgäbe, empfände. Trotz alledem! und trotzdem er dem Freunde jedes Wort, das er über sein Erleben berichtet habe, glaube und ihm glaube, daß er, nach seinem Erleben, die Frauen nicht anders sehen könne, als er sie sehe, und trotz dem Erlebnis dieser letzten Nächte! und vielleicht auch gerade deshalb; und trotz den Giftmischerinnen, und vielleicht gerade ihrerhalb; und trotz dem erschütternden Neuen, das er über die Fürstin gehört habe, die ihm nun freilich in 325 einem ganz anderen Lichte, fast wäre er versucht, zu sagen, in einem menschlicheren Lichte als früher erscheine; und trotz Sünde, Laster, Verderbtheit, Neugierde, die doch alle auch so menschlich, so wunderbar menschlich seien. Er sei dagegen gefeit, ein für allemal, die Frau anders als menschlich zu sehen, in diesem milden, sanften, versöhnenden Lichte der Menschlichkeit. Denn ihm sei das Wunder geschenkt worden, die menschlichste Frau zu erleben, die Frau, an der kein Zweifel und auch kein Wort Rigolos zu rühren wagen werde. Und wer diese Frau erlebt habe, und so erlebt, wie er sie habe, als Gattin, als Freund, als Helferin, als Genossin, immer gütig, immer milde, immer schenkend, immer verzeihend und schlichtend, klar, rein, durchsichtig wie das Blau des Himmels, dem könne nie mehr ganz Schlimmes von Frauen widerfahren, der könne nie wieder ganz schlecht von den Frauen denken und sprechen.

Und er erzählte dem Freunde zum erstenmal, mit einfachen Worten, einfacheren, als er sonst sie fand, die Geschichte jener Sängerin, die wie ein Engel in sein Leben herniederstieg, es 326 verklärte und dann still daraus verschwand, und schilderte das ungetrübte Glück, den wolkenlosen Himmel seiner Ehe. Den ihm nichts, was später kam, zu rauben vermochte.

Und er schloß auf einmal ganz heiter und hell geworden: und sei nicht dann die Faustina gekommen, diese nicht eben rein, klar und durchsichtig und nichts weniger als frei von Sünde, aber auch sie, in ihrer tauigen und herzhaften Frische, im rasenden Wirbel ihrer Lebensfreude, in ihrer unbesiegbaren Heiterkeit gütig, schenkend, unerschöpflich und menschlich, ach so wunderbar menschlich! Und so wunderbar begabt! Er freue sich, wie ein Kind freue er sich, mit dieser Armida den Rinaldo zu spielen, und könne es kaum mehr erwarten, daß die ihm Versprochene zu kommen bewogen würde.

Und dann sprachen sie vom Theater und der Aufführung der »Armida«, die der Schauspieler, da er nun die Zeit seines Urlaubs für abgelaufen zu erklären gesonnen sei, beim Prinzipal mit allem Nachdruck für die nächste Zeit durchzusetzen sich vornahm. 327

 

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