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Der Schauspieler

Arthur Kahane: Der Schauspieler - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Schauspieler
authorArthur Kahane
year1924
firstpub1924
publisherOskar Wöhrle Verlag
addressKonstanz
titleDer Schauspieler
pages364
created20100501
sendergerd.bouillon@t-online.de
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11.

Jener Tag verlief folgendermaßen:

Als der Schauspieler des Morgens aus einem Traum, der ihn unter dem höllischen Lärm schwarzer, ihn mit Kreischen und Pfeifen umschwirrender Vögel aus einem brennenden Hause geführt und mit ähnlichen Zeichen 247 von unheilverkündender Vorbedeutung bedacht hatte, plötzlich erwachte, hörte er aus dem um einige Räume entfernt gelegenen Eßzimmer ein so lautes Rumoren, Umherwirtschaften, Stühlerücken und Gläserklirren, daß ihm sofort nichts Gutes schwante. Auf diese, wenig holde Weise gerufen, erhob er sich, kleidete sich an, und betrat, nicht ohne ein gewisses Herzbeklemmnis, das bedrohliche Gemach, in dem er seine Hausfrau in der unfreundlichsten Stimmung antraf. Ohne lange Umschweifung und Einleitung fiel sie ihn sofort an: Nun sei es am Tage, was er für ein Lüderjahn wäre; die Spatzen auf den Dächern pfiffen es bereits, nun habe sie es schwarz auf weiß, die ganze Bescherung, und begehre nur zu wissen, was es mit dem Saumensch (sie brauchte keine freundlichere Benennung für die Kleine) für Bewandtnis hätte?

Gegen die schmerzliche Klage still und unaufhaltsam rieselnder Tränen, gegen den bitteren Vorwurf mühsam beherrschten, schwer unterdrückten Leidens, gegen die stumme Anklage eines stolzen, tiefverwundeten Herzens aus schmerzverschleiertem Blick wäre der 248 Schauspieler wehrlos, wäre seine Sache verloren gewesen. Die hemmungslos und schrill keifende Lautheit des rohen Überfalls in seiner unverstellten, unbeherrschten Wut gab ihn sich selbst wieder, ließ ihn, erleichtert fast, aufatmen und sich zu einer halb lachenden, halb überlegen abtuenden Wehr setzen: was sie denn wieder einmal habe? Ob sie wieder einmal von der eifersüchtigen Katze gebissen worden sei? Und als sie, triumphierend beinahe, daß es diesmal keine bloße Schrulle und eifersüchtige Mutmaßung von ihr, sondern wohlgegründet und schwarz auf weiß, sozusagen in aller Form rechtens bestätigt sei, den Brief vorwies, in dem Alles geschrieben stand, daß er sie hintergehe, und mit wem und wo und wann und wie, mit vielem säuberlich oder vielmehr unsäuberlich geschilderten Beiwerk, daß einer sittsamen und auf ihre Hausehre bedachten Ehefrau sich die Haare zu Berge richten müßten, da konnte er, mit einem verächtlichen Schulterziehen, dies alles abtun: derlei Geschreibsel werfe man in den Kamin, und: seine Würde erlaube ihm nicht, auf derlei zu erwidern.

249 Freilich ließ sie sich nicht so ohne Weiteres abfertigen und erhob ihre Stimme, noch höher, und Würde hin und Würde her, und Larifari, auf solchen Speck bisse sie nicht mehr an, und etwas Wahres würde schon daran sein, und die Leute schrieben dergleichen nicht, wenn nicht etwas Wahres daran wäre, und sie glaube ihm kein Wort mehr, und ob er sich denn immer noch erfreche, es zu leugnen, und sie sei eine arme, betrogene, bejammernswerte Frau, und die Leute wiesen mit den Fingern auf sie, und es wäre eine Schande, wie er sie behandelte, aber sie ließe es sich nicht mehr gefallen, und sie würde es ihm und dieser Person, dieser Schlumpe, diesem Fetzen, diesem Theatermensch schon zeigen und das habe man davon, wenn man sich mit dem Gesindel, den Theaterleuten einließe. Und nun wurde er auch böse und schrie, und ein Wort gab das andere, und es wurde immer lauter und heftiger und am Ende ein guter, schöner, richtiger Hauskrach und Ehewolkenbruch, daß die Teller und Tassen flogen, bis er schließlich, mit einem lauten Knallen, die Türe zuschmiß und das Haus verließ. Angenehm war ihm aber die Sache nun gerade nicht.

250 Er ging ins Theater, zur Probe. Der erste Mensch, der ihm an diesem schönen Morgen über den Weg lief, war eine Kollegin, die ältliche Frau, der man im Theater das Fach der komischen Mütter und Kupplerinnen zu spielen anvertraute. Er wich der Braven, aber allzu Redegewandten vorsichtig aus und wechselte die Seite des Bürgersteigs.

Vor dem Theater wartete der andere Helden- und Liebhaberspieler, der ihn manchmal in einigen seiner Rollen zu vertreten pflegte. Als der Schauspieler näher kam, drückte sich jener zur Seite, als wenn es ihm nicht angenehm wäre, gewissermaßen wartend angetroffen zu werden.

Auf der Bühne wurde, statt der angekündigten ersten Stellprobe der Rinaldo-Szene, noch immer an dem langweiligen »Samson« herumgeprobt: irgendwelche gleichgültige Nebenrolle war für den Abend neu einzustudieren. Die Kleine fehlte auf der Probe. Der Schauspieler fluchte über seine dumme Gewissenhaftigkeit, die ihn allein, immer wieder, zu belanglosester und unergiebigster Tretarbeit ins Theater zwang.

251 Als er die Bühne betrat, lief der Prinzipal an ihm vorüber und schien ihn nicht zu sehen.

Der Schauspieler fragte nach dem Sekretär. Er sei verreist, hieß es, mit einem Auftrag des Intendanten: niemand wisse wohin. Der Schauspieler hatte ein unbehagliches Gefühl, die einzige treue Seele heute im Theater zu missen.

Die Probe verlief merkwürdig still. Es fiel ihm auf, daß keiner der Mitwirkenden, wie sonst, mit irgend einer Frage, der Bitte um Rat oder Unterweisung an ihn herantrat. Meistens stand er, indeß er auf seinen Auftritt wartete, allein hinter der Kulisse. Was ihm übrigens, in seiner heutigen Laune, nicht unwillkommen war. Nur einmal wandte sich der alte Spielleiter mit der Frage an ihn, ob er denn wirklich heute Abend den Samson spielen werde: es hätte im Theater verlautet, er habe die Absicht, sich für diesen Abend krank zu melden. Der Schauspieler verneinte erstaunt. Ihm war nicht erinnerlich, eine solche Absicht gehabt oder geäußert zu haben. Nun ward ihm auch das Warten und verlegene Wesen seines Ersatzspielers verständlich.

Die kurze Probe war zu Ende. Er stand 252 nachdenklich. Irgend etwas war im Werke, bereitete sich vor. Was mochte das alles zu bedeuten haben? In diesem Augenblick rief ihn der Prinzipal aus dem Zuschauerraum an, er habe ihm etwas zu sagen; ob er sich nicht zu ihm bemühen wolle. In seiner Zerstreutheit sprang der Schauspieler zum nicht geringen Entsetzen des alten Einbläsers, der aus seinem Kasten hervorgekrochen war und neben ihm auf der Bühne stand, über die Rampe ins Parkett und begab sich zum Prinzipal.

Dieser, noch ängstlicher als sonst, fragte ihn, mit vielen vorsichtig suchenden Worten und stockenden Umschweifen, ob er besonderen Wert darauf lege, an diesem Abend zu spielen. Ersatz wäre vorhanden. Er legte ihm nahe, sich einen kurzen Urlaub zu gönnen, der sich ohne wesentliche Störung des Spielplanes ermögliche ließe und den er zum Studium und zur Vorbereitung des Rinaldo wohl ausnützen könnte.

Der Schauspieler sah ihn fragend an: was das zu bedeuten habe?

Der Prinzipal wollte nicht mit der Sprache heraus. Schließlich, unter vielem Drucksen: nun ja, es seien Gerüchte im Umgang, von einer 253 Verstimmung des Publikums, die sich gegen ihn richte, von irgend einer Aktion, die gegen ihn geplant sei; ob er es nicht auch für geraten halte, dem zuvorzukommen und für eine kurze Weile aus dem Blickfeld zu verschwinden, bis Gras über der Geschichte gewachsen sei.

Der Schauspieler lachte auf. Er wüßte nichts von Gerüchten und Verstimmungen. Wenn es solches Gerede gäbe, so wüchse es in der Nähe des Theaters und sei auf irgend einen ungeduldigen lieber Kollegen zurückzuführen. Er dächte nicht daran, irgend Jemandem den Gefallen zu tun und auf eine Weile zu verschwinden, was manchem so passen könnte, und sei Manns genug, sich seinem Publiko und jedem albernen Gerüchte persönlich zu stellen. Und erwarte nur von seinem Prinzipal, daß er ihn nicht feige im Stiche lasse und ihm die Stange halte, was immer geschähe.

Der Prinzipal beteuerte: was er gesprochen habe, sei zu seinem, des Schauspielers, Vorteil und gegen seinen eigenen Nutzen geredet gewesen. Jener müßte wissen, daß er ihm lieber und werter als irgend einer seiner Kollegen sei; und er würde eher seine Truppe auflösen, als 254 sich von seinem liebsten und besten Mitgliede trennen. Er hätte nur eben gedacht, daß es sinnlos wäre, die unberechenbare Bestie zu reizen und daß es auf den einen Abend nicht ankäme, auch ihm, dem Schauspieler, nicht ankommen könnte.

Da wurde der Schauspieler wütend: auch nicht auf einen Abend werde er verzichten. Selbstverständlich spiele er heute den Samson und kein Anderer, und wenn er ihn heute nicht spiele, nie wieder und auch keine andere Rolle an diesem Theater. Was denn zum Teufel los wäre? Er sei des Geredes von den Gerüchten müde. Wenn einer etwas Wirkliches wüßte, solle man es ihm sagen, aufrichtig, ins Gesicht, aber sonst solle man ihm mit dem Geschwätz vom Halse bleiben.

Nun war der Prinzipal nicht der Mann dazu, seinem Lieblingsmitgliede und Favoriten etwas Unangenehmes aufrichtig ins Gesicht zu sagen, er gab die Sache auf und schwieg. Und der Schauspieler verließ, in heftiger Erregung, das Theater.

Unterwegs begegnete er einigen Bürgern, die er, von Ansehen, zu kennen glaubte. Es kam ihm vor, als schielten sie verlegen nach der anderen 255 Seite, um sich dem Zwange, grüßen zu müssen, zu entziehen.

Zu Hause angelangt, ordnete er an, daß man ihm sein Essen in sein Arbeitszimmer bringe. Dann schloß er sich ein und verbrachte den Nachmittag allein, indem er noch einmal, wie es seine Gepflogenheit war, wenn er des Abends zu spielen hatte, seine Rolle durchsprach. Einen Versuch, das Studium des Rinaldo fortzusetzen, gab er bald auf, da er die dafür nötige Ruhe und Fassung nicht aufzubringen vermochte.

So kam der Abend heran, und der Schauspieler begab sich zur rechten Zeit ins Theater. Er sah nicht rechts noch links, sprach mit keinem der Kollegen ein Wort, sondern ging graden Weges in sein Ankleidezimmer, zog sich in Ruhe an und machte, sorgfältig wie immer, seine Maske und seine Perrücke zurecht. Er wartete, bis ihn die Klingel des Spielgehilfen rief, dann betrat er die Bühne. Hier herrschte ungewöhnliche Unruhe, fiebrige Bewegung. Wenigstens schien es ihm so. Aber er kehrte sich nicht daran, schien sie nicht zu beachten. Alles starrte ihn mit jener unverhohlenen, unverstellten Neugierde, die das 256 Einzige ist, was Schauspieler nicht zu verstellen vermögen noch versuchen, gespannt an. Er ging durch die Blicke durch, auf seinen Platz. Die Kleine stand bereits an der Stelle ihres Auftritts, hinter der Kulisse allein, unbeteiligt, gleichgültig, unbewegten Gesichts, wie immer, ohne jedes Zeichen einer Erregung. Er sah sie an, sein Blick glitt an ihrem Gesicht vorüber, kein Zucken der Wimper verriet, daß sie ihn bemerkt hatte.

Der Spielleiter trat an den Vorhang und guckte durch das Loch ins biegend voll besetzte Haus, dann warf er einen letzten Blick auf die Anordnung der Menschen und Gegenstände auf der Bühne, nickte, winkte dem Gehilfen und trat von der Szene in die Kulisse. Das Summen auf der Bühne brach jäh mit einem kurzen Ruck ab, alles nahm Haltung und der Spielgehilfe gab das Zeichen. Der Vorhang hob sich.

Lautlose Stille webte über dem Raum. Kein Atemzug ging hörbar.

Die Hochzeit zu Thimnath wurde gefeiert. Samson saß mitten unter den Philistern. Alle Blicke suchten nach ihm. Man fand ihn nicht 257 gleich. Da rief einer von den lärmenden Gästen des Festes nach Samson und Samson erhob sich. Schwer, breit, mächtig unter der gewaltigen Flut des wallenden Haares, und seine Stimme rollte donnernd Kaskaden einer festlichen, siegessichern, von sich und der Welt trunkenen Heiterkeit, unter der verhaltenes Drohen schwoll, hochzeitlich jauchzend und gefährlich zugleich, hinaufreißend und niederzwingend, daß sie gleich blitzenden Augen sich in den Blick der Bestie bohrte, gleich unwiderstehlichen Händen in der Bestie Nackenmähne sich versenkte. Und, gebändigt, schmiegte die Bestie sich zu des mühelosen Siegers Füßen. Denn in der atemraubenden Spannung, in der er sie, die Faust gleichsam an ihrer Gurgel, ohne nachzugeben hielt, merkte keiner von denen unten, daß der oben mit einer ins Unendliche erhöhten Anstrengung spielte, wie einer, der fühlte, daß, wenn er auch nur eine Sekunde, nur den Bruchteil einer Sekunde nachließe, die Bestie ihm an den Hals springen und den Verlorenen in Stücke reißen würde. Gelang es ihm, den ersten Aufzug, in dem er nicht von der Bühne kam, auf derselben Höhe zu halten, dann war er 258 seiner sicher, dann wußte er, konnte er Atem schöpfen, in sich Füllbecken neuer Kräfte, den Kampf frisch von neuem aufzunehmen. Und so wuchs und steigerte sich sein Spiel von Szene zu Szene und erreichte seinen höchsten Punkt in dem stillen Auftritt mit der Braut, der, grade weil er still war, am meisten gehaltene Kraft von ihm erforderte, so daß ihm, nach diesem Höchstmaß des Aufwands, der wilde Streit mit den Philisterfürsten am Ende des Aktes, fast mühelos zu gelingen schien. Als er die Bühne verließ, war es ihm, einen Augenblick, als müsse er zu Boden sinken. Draußen blieb es ganz still, bis sich auf einmal die verhaltene Erregung in einen ungeheuren Beifall auflöste. Beides drang kaum bis an sein Bewußtsein, er spürte es nicht, daß Spielleiter und Prinzipal auf ihn zustürzten, ihn beglückwünschten, ihn vor die Rampe stießen, wo ihn erneuter Beifall empfing, und atmete erst auf, als er, in seinem Ankleideraum allein, in seinen Lehnstuhl fallen konnte.

Der zweite Aufzug begann. Als er einsetzte, schien die Spannung im Zuschauerraum, am Ende des ersten Aktes von der Kunst des 259 Schauspielers zu einer Siedehitze geführt, über die es kein Hinaus gab, wie von selbst nachgelassen zu haben, verebben zu wollen. Eine ruhige, zuwartende, versöhnlich gewordene Stimmung lag über dem Hause, von der anderer Abende kaum mehr zu unterscheiden. Dalila zeigte sich, in ihrem Hause am Bache Sorek, unter den Mägden, sang ihr Lied. Die Kleine, ohne jedes merkliche Zeichen einer Erregung, spielte ihre Rolle ein wenig unbeteiligt, kühl, ließ auch ein wenig kühl. Ihre eckig scheue Anmut und Jugend gefiel, ohne aufzufallen, rührte, ohne aufzurühren. Die Fürsten der Philister traten auf. Und in dieser Szene geschah es, daß einer der Schauspieler, eben jener, der heute in seiner Rolle neu war und um dessenwillen die Probe des Vormittags hatte stattfinden müssen, des genauen Wortlauts noch nicht mächtig, eine Tirade seines Textes übersprang und seiner Partnerin Dalila das richtige Stichwort, auf das sie wartete, zu bringen vergaß. Die Kleine, in dem Ungeschick ihrer Anfängerschaft und der Erregung des Abends, der sie doch wohl stärke unterworfen war als es bisher den Anschein hatte, 260 einer solchen Lage nicht gewachsen, machte eine Pause, statt dort einzusetzen, wo jener aufgehört hatte, wartete, schaute hilflos auf die Mitspielenden und begann, als ihr keiner zu Hilfe kam, mit dem nächsten Satz ihrer Rolle, ward dessen inne, daß Rede und Gegenrede nicht zueinander paßten, unterbrach sich, geriet, sich verbessernd, in einen andern Satz und machte so ihre Zuhörer, die sonst so wenig wie irgend ein anderes Publikum des fehlenden Zusammenhangs gewahr geworden wären, stutzig und auf den Fehler aufmerksam. Eine Unruhe entstand, leise erst, dann stärker, ein Kichern wurde hörbar, blieb, verbreitete sich und haftete sich, von diesem Augenblicke, an jede ihrer Reden, der man, statt dem schuldigen Partner, die Ursache des Versehens zuzuschreiben geneigter war. Die Kleine schien den Widerstand zu spüren, wurde immer verlegener, ängstlicher, ratloser, stockte, stotterte, versprach sich, was jedesmal mit immer lauterer Heiterkeit beglichen wurde. Endlich kam Samson und setzte gleich mit solch äußerstem Ausmaß an Kraft ein, daß er das Publikum, wie man ein wildes Tier durch einen einzigen kühnen Schlag 261 auf den Kopf bändigt, in seine frühere Ruhe zurückwarf. So standen sie lauernd einander gegenüber und sahen einander ins Weiße des Auges, wer der Stärkere sei, der Starke und die gebändigte, nicht beruhigte Menge. Da wollte es das Mißgeschick dieses Abends, daß die erste Replik, die Dalila höhnisch dem Samson zuwarf, in ihren Worten blitzartig den ganzen Zusammenhang der Dinge erhellend aufdeckte:

»So geh zu deiner Braut, der Jungfrau keusch und rein!«

Und in diesem Augenblick geschah es. Das ganze Publikum, im Parkett, in den Logen, in den Rängen, erhob sich und schrie: »So geh zu deiner Frau!« und »Hinaus! Fort! Die Dirne! Die Metze! Hinaus mit ihr! Fort mit ihr!« Und, ihren Ton aufnehmend, im Gleichtakt brüllend: »So geh zu deiner Frau!«

Die Kleine stand kreidebleich unter der Schminke, an allen Gliedern zitternd, zum Zusammenbrechen. Der Schauspieler sah sie an. Ganz zufällig war sein Blick über sie geglitten, und dann ein zweiter verlorener auf die da unten, deren Heulen und Johlen wie aus einer weiten Ferne zu ihm kam, und dann wieder zurück zu 262 ihr. Was war das alles? Ging es ihn an? Was hatte es zu bedeuten? Irgend etwas Seltsames ging in ihm vor. Er fühlte es herankommen, aufsteigen. Wie eine eisige Kälte zuerst. Er war ganz kühl, ruhig, still geworden. Ob das, was jetzt kam, im nächsten Augenblick kommen mußte, für den Rinaldo zu brauchen war? Seltsam, diese Kleine da, dieses zitternde, zusammenbrechende Häufchen Unglück wollte die Armida spielen! Lächerlich! Das konnte sie nie. Die Armida! Seine Armida! Aber leid tat sie ihm. Zum Weinen, zum Schreien leid. Und ein Weiches, Dunkles, Rotes, nie Gefühltes wälzte sich über sein Bewußtsein. Mit einem Satze sprang er auf sie zu, riß sie hoch, zog sie an sich, stürzte, die fast Leblose fest in seinen Arm geschmiegt, bis an die Rampe und schrie, mit der äußersten Kraft seiner Lungen, in die tosende Menge hinein: »Philister über dir, Samson!«

Das Publikum, verdutzt, stutzte, fuhr zurück, schwieg. In diesem Augenblick flatterte aus einer der im Proszenium gelegenen Logen, derselben, in der die fürstlichen Persönlichkeiten mit ihrem nächsten Gefolge saßen, ein weißer Zettel auf 263 die Bühne, dem im nächsten Augenblick, aus dem ganzen Hause, ein ganzer Hagel von Geschossen aller Art, faulen Eiern, Obstschalen, Papierknäueln und allem, was den Händen erreichbar war, folgte, begleitet von einem Wutgeheul ohne Gleichen und ohrenzerreißendem Zischen und Pfeifen. Der Schauspieler stand hochaufgerichtet, unsägliche Verachtung im Gesicht, und streckte den freien Arm, als wollte er sprechen. Da sprang der Spielleiter, der noch Ärgeres befürchten mochte, auf die Bühne, riß ihn zurück, gab ein Zeichen und der Vorhang fiel.

Der Schauspieler trug die Kleine, die noch immer leblos in seinem Arme hing, in seinen Ankleideraum, war in einem Nu umgekleidet, schlug einen Mantel um sie und brachte, unabgeschminkt, durch den Haufen der gaffenden und triumphierend nachgrinsenden Kollegen durcheilend, die kaum Erwachte und von allem, was mit ihr vorging, Ahnungslose in ihre Wohnung, die er in wenigen Minuten erreichte, während die wütende Menge noch immer vor dem geschlossenen Vorhang tobte und brüllte. 264

 

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