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Der Schauspieler

Arthur Kahane: Der Schauspieler - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Schauspieler
authorArthur Kahane
year1924
firstpub1924
publisherOskar Wöhrle Verlag
addressKonstanz
titleDer Schauspieler
pages364
created20100501
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10.

Die zuletzt geschilderten Begebenheiten ereigneten sich ungefähr zu derselben Zeit, da jene bekannte, nie ganz geklärte Angelegenheit der namenlosen Briefe die Bewohner der Stadt in einer täglich neu gespeisten Erregung hielt. 227 Es mag wohl weniger an einer besonders zartfühlenden Rücksichtnahme seiner näheren und ferneren Umgebung gelegen haben – das sich im Querfeuer der allgemeinen Klatschsucht ganz behaglich fühlende Volk der Bühne hat zu schonender Verschwiegenheit am wenigsten Veranlagung und Veranlassung –, sondern an des Schauspielers damaligem Zustande, der den in einer wie auf einen Punkt starrenden Besessenheit Befangenen gegen alles andere auf ihn Eindrängende mit Unnahbarkeit und Unzugänglichkeit feite, wenn der am meisten Betroffene fast zuletzt erfuhr, wie sehr er, gegen seinen Willen, plötzlich in den Mittelpunkt einer allgemeinen und nicht gerade wohlmeinenden Aufmerksamkeit gerückt war.

Es hatte aber mit jenen Briefen etwa folgende Bewandnis: eines Tages erhielt die Gattin eines angesehenen Bürgers der Stadt einen durch den Postboten ihr zugestellten Brief, der, mit einer auch dem ungeübten Auge unverkennbaren Verstellung der Handschrift verfertigt, einige kurze und vage Andeutungen, wie: man wisse einiges von ihr und sie möge 228 sich hüten, enthielt und am Schlusse keinerlei nähere Angaben noch Namenszug aufwies; ob nun die sich des besten Leumunds erfreuende junge Frau sich irgend einer geheimen Schuld bewußt war oder nicht, sie verbrannte, auf den Tod erschrocken, der Brief könne ihrem Ehegestrengen in die Hände geraten, den Brief und hütete sich, mit irgend Jemandem darüber zu reden.

Einige Tage später wurde mit einem ähnlichen Schreiben eine junge Schauspielerin bedacht, die seit dem vorigen Herbste am Theater der Stadt in kleineren Rollen tätig und erst in der jüngsten Zeit in beachtenswerteren Aufgaben hervorgetreten war: man beobachte ihr Treiben und rate ihr, sich vorzusehen. Auch dieser Brief ganz kurz, mit ungeübt verstellten Zügen und ohne Namensunterschrift. Die Kleine, weniger ängstlich als die Bürgersfrau, verbrannte den Brief nicht, sondern behielt ihn, freilich ohne jemanden in sein Geheimnis einzuweihen, da sie sich in der Stadt keines ausgedehnten Verkehrs erfreute, im Theater jedermann mißtraute, wohl auch in dessen Nähe den Urheber des Briefes vermuten mochte.

229 Nach weiterem Verlauf einiger Tage kam ein zweiter Brief, deutlicher, die Beziehung zu einem der angesehensten Künstler der Stadt, den sie in ihre unwürdigen Netze gelockt habe, sei ruchbar geworden, und wenn das ungleiche Verhältnis nicht sofort abbräche, würde man die nichtsahnende betrogene Hausfrau des Verleiteten auf ihre Spur hetzen.

Und nun verging bald kein Tag mehr, an dem sich nicht derartige Briefe einstellten. Sie wurden immer deutlicher, immer drohender, immer gröber. Der anfangs knappe und andeutende Ton der Briefe änderte sich, geriet immer breiter ins Gemeine und Unstätige, mit einer sichtlichem Freude daran, Dinge und Handlungen mit ihren deutlichsten und häßlichsten Benennungen zu bezeichnen, wie sie nur die ausschweifendste Vorstellungskraft zu empfinden vermag.

Aber der Strom machte bei der Kleinen nicht Halt, sondern ergoß sein schmutziges Gewässer über die ganze Stadt. Und man begnügte sich nicht, die Schuldigen oder vermeintlich Schuldigen in ihrem Gewissen aufzustören und zu 230 erschrecken, alle Liebesfähigen spüren zu lassen, daß zwei Augen über den Alkovengeheimnissen der Stadt lauerten, deren wachem Blick kein Verhältnis, kein beginnendes Einverständnis entging. Man ging von den Drohungen zu Taten, von den Warnungen zu Strafen über; von den Betrügern zu den Betrogenen. Man zeigte den betrogenen Ehegatten und Ehegattinnen ihre gehörnte Schande und verriet die Schuldigen. Man verriet verratenen Liebhabern und Geliebten ihre Nachfolger. Und man ging weiter. Man begnügte sich nicht damit, Ehen in Tragödien zu verwandeln, sondern verwandelte die Tragödien der Ehen in Komödien für die Nachbarhäuser. Man erzählte allen alles, gab die Schande aller allen preis. Man legte über die ganze Stadt ein breitmaschiges Netz und Gespinst klatschsüchtiger Verleumdungskunst und verwegen lüsternster Einbildungskraft. In dem bald alle zappelten, die Einen entdeckt und die Anderen in der Furcht, morgen entdeckt zu werden. Aber wie zu einem Lieblingskehrreim lief es immer wieder in das lauschige Nest zurück, das unser Freund, der Schauspieler, mit seiner 231 Kleinen, für das heimliche Glück kurzer Wochen, sich in dem Häuschen der stillen Nebengasse gebaut hatte, als hätte der namenlose Briefschreiber es vor allem darauf angelegt, des Künstlers verstohlene Seligkeit, deren heimlicher und verschwiegener Mitwisser die ganze Stadt werden sollte, zum Mittelpunkt des städtischen Liebeslebens zu machen.

Wie hätte, der mit den geheimen Lastern und Sünden seiner Mitmenschen so vertraut war, auf die Heimlichkeit und Verschwiegenheit ihrer Mitwisserschaft nicht bauen sollen? Der wirklich Schuldigen konnte er versichert sein: von ihnen mußte jeder, gleich jener Bürgersfrau, die er sich als erstes Versuchsopfer seiner Campagne ausgesucht hatte, ängstlich bemüht sein, das plötzlich erhellte Geheimnis vor jedem fremden Auge zu verstecken. Bei den, ob mit Irrtum oder böser Absicht, fälschlich Bezichtigten lag es wohl auch nicht viel anders. An irgend etwas Wirkliches hatte der rätselhaft Wohlunterrichtete bei jedem gerührt: bei dem einen an einen insgeheim gehegten Wunsch oder eine schüchterne Absicht, der nur die Erfüllung gefehlt hatte; 232 bei dem anderen an die falsche Scham, eines Glückes nicht teilhaftig geworden zu sein, das böse Zungen ihm zugetraut hatten; beides scheute das helle Licht. Und die wieder, denen keine eigene, sondern fremde Schuld zugetragen worden war, wurden durch eine besondere Unflätigkeit und Unsauberkeit der ihnen zugewandten Briefe daran verhindert, sich Fremden anzuvertrauen, weil schon die versuchte und angemaßte Anwendung eines derartigen Tones zwischen dem Schreiber und dem Empfänger eine gewisse Gemeinsamkeit und Gleichsetzung herzustellen suchte, die das Bild auch des Unschuldigsten garstig beflecken mußte, wie denn besonders eine Frau, die den Ruf ihrer Wohlanständigkeit zu wahren bemüht war, nicht zugeben durfte, daß ihr derartige Worte zu sagen oder zu schreiben gewagt worden sei. Und so mag es sich wohl jener Briefschreiber als das Ziel seines Anschlages ausgedacht haben, daß, ohne daß einer der Getroffenen mit dem Andern sich zu verständigen wagte, und vielleicht grade dadurch, eine seltsame, gefährliche, von unsauberen Geheimnissen vergiftete Luft in der 233 Stadt entstünde, eine unbestimmte, schwelende Erregung und Bewegung unsichtbarer Laster, von dem wachsenden Bewußtsein unausgesprochener, heimlich sich verbergender Sünden erfüllt und zu neuen aufreizend, ein schwüler Dunstkreis, in dem, ängstlich und scheu, keiner laut zu atmen, keiner dem Andern frei ins Gesicht zu sehen wagte, weil er nicht wußte, was der Andere schon von ihm wüßte, und ob der Andere wisse, was er von dem Andern wußte. Und diese Absicht zu erreichen, ist dem schreibseligen Menschenfreunde in vollem Maße gelungen, wenngleich es nicht allzulange währte, bis eines Tages, vielleicht durch den lauten Lärm, den ein eifersüchtiger Ehegatte schlug, als ihm der Zufall oder die Unvorsichtigkeit seiner Eheliebsten eines der Briefchen in die Hände spielte, vielleicht durch die Schwatzhaftigkeit einer Frau, der ihrer Nachbarin und besten Freundin böser Ruf noch über die schamhafte Wahrung des eigenen guten ging, die Kunde von den namenlosen Briefen, in denen die Skandalosa der ganzen Stadt getreulich wie in der gewissenhaften Chronika eines Stadtschreibers und 234 Annalisten verzeichnet waren, ruchbar wurde. Und nun war die Bresche gebrochen und keines Aufhaltens mehr. Nun beeilte sich jeder, die Kenntnis der anderen Briefe durch Preisgabe des selbsterhaltenen zu erkaufen. Neugier, die Schande der Anderen zu erfahren, überwog die Rücksicht auf die eigene Ehre. Die man sich am besten dadurch zu retten einbildete, daß man sich ein gleichgültiges Ansehen gab, wenn man den erlittenen Angriff mit frech lachender Offenherzigkeit selbst an die große Trommel hängte, dem unausbleiblichen Gerede der anderen auf diese Weise zuvorkommend. Und nun versuchte man die zuerst schwer hemmende Scheu vor der Untätigkeit zu überwinden, nahm sie allmählig in den Kauf, begann, daran Geschmack zu finden, sich an ihr zu erfreuen, bis sie alles Sprechen und Denken der Stadt überflutete, worin die anfangs schamhaftesten und zurückweisendsten Frauen schließlich die schlimmsten, eifrigsten und unermüdlichsten wurden.

Die Briefe wurden das einzige Stadtgespräch, ihr Empfang das Ereignis und Erlebnis des Tages. Man konnte, vor Ungeduld, den 235 Postboten nicht erwarten. Man lief ihm auf der Straße entgegen, nahm ihm seine Last ab, schielte wohl auch nach der Post des Nachbarn. Mau besuchte einander des Morgens, um die Briefe gegenseitig auszutauschen. Man zeigte sie einander, fast wie im Triumph; ja, man schämte sich fast, wenn man einmal leer ausgegangen war. Als gehörte man nicht zu den Auserwählten, als wäre man nicht würdig und ebenbürtig befunden worden, als würde einem nicht zugetraut, worauf man am stolzesten zu werden begann.

Natürlich erschöpfte und ermüdete man sich in unzähligen Vermutungen über den Urheber der Briefe. Alle waren einig, es sei eine Frau. Die Wahl allein grade dieser vergifteten Waffenspezies; aber auch der durch die Verstellung hindurch nicht zu verkennende weibliche Zug der Handschrift; aber auch Wortstellung und Satzbau der Briefe, willkürlich, unordentlich und fehlerhaft jene, dieser immer wieder durch den plötzlichen Antrieb einer überraschenden Eingebung, durch den unwiderstandenen Zwang, nur ja den Einfall immer neuer 236 Bosheiten, gleichgültig, wo anzubringen, unterzubringen, hineinzustopfen, in jedem Augenblick unterbrochen und aufgehoben; aber auch Wesen und Gemütsart des Inhalts: die Fülle spitzer, schnellzüngiger Bosheit, das Wissen um das Schlechte und diese abgrundtiefe, nie erschöpfte, ungesättigte, mit wollüstiger Freude sich spreizende Kenntnis jeder Art schmutzigen Klatsches, des häuslichen, des ehelichen, des körperlichen, des alle Miseren des Kochtopfes und des Haushaltungbuches beschnuppernden und vor allem des Liebesklatsches: das ließ alles keinen Zweifel darüber aufkommen, welchem Geschlechte die Urheberschaft der Briefe zuzuteilen sei. Aber wo, in welcher Gesellschaftschicht der Stadt mochte sie zu suchen sein? Man erwog, man untersuchte und prüfte alle Möglichkeiten der Stadt, man zog jede Frau in Erwägung, man schonte keinen Namen. Da die Geschichte der Liebschaft zwischen dem Schauspieler und der Kleinen sich gewissermaßen wie ein unabgerissener Faden durch das Netzwerk der Briefe zog, und auch sonst die Amouren der Schauspieler und besonders der Schauspielerinnen darin einen 237 nicht unerheblichen Platz einnahmen, geriet man zunächst in die Nähe des Theaters. Man suchte unter den Frauen, die je mit dem Schauspieler in den Verdacht einer Beziehung gestanden hatten – es waren ihrer nicht wenige – oder unter denen, die in einen solchen Verdacht zu geraten sich gewünscht hatten und deren es noch mehr gab. Es konnte eine verlassene oder eine abgewiesene Geliebte des Vielgeliebten sein, die sich rächen wollte. Aber alle, von denen man derartiges wußte oder vermuten konnte, befanden sich entweder selbst unter den Empfängerinnen der Briefe oder unter den in ihnen Gezeichneten und kamen deshalb für die Mutmaßung, die Schreiberin zu sein, nicht in Erwägung. Denn etwa anzunehmen, daß eine sich selbst bloßstellte, nur um den Verdacht der Täterschaft von sich abzulenken, hieß ein gar zu großes Opfer voraussetzen, als das, bei der grausamen Schonunglosigkeit des Angriffs, die Eitelkeit der Frau ertragen konnte. Aus demselben Grunde, da alle Schauspielerinnen des Theaters zu den Getroffenen zählten, konnte es auch nicht die etwa in ihrem Rollenehrgeiz zurückgesetzte 238 Rivalin einer früheren Geliebten, noch die Geliebte eines Rivalen des Schauspielers sein. Und so blieb im Theater und in seiner Umgebung keine Frau, die für den Verdacht in Frage gekommen wäre, mehr übrig als am Ende die Hausfrau des Schauspielers selbst. Schließlich war es die unscheinbare, kleine Frau, die immerhin mehr Grund gehabt hätte als irgend Eine. Man begann die immer Geschäftige, immer Verdrießliche zu beobachten. Aber sie ging so völlig in der Sorge um ihren Haushalt auf, daß sie für nichts anderes Auge und Ohr und Begriff hatte. Sie blieb den gemachten Andeutungen gegenüber ahnung- und verständnislos, hatte desgleichen von den Briefen noch nichts gehört, wollte auch nichts davon wissen und wurde schließlich, als man ihr davon zu erzählen begann, ganz böse und wild, man möge ihr mit dem unnützen Zeug vom Leibe bleiben, und da mit ihr in diesem Zustande nicht zu spaßen war, blieb dem Aushorchenden nichts übrig, als die Flucht zu ergreifen und ihr den ehrlichen Zorn zu glauben, da sie, wenn dieser Verstellung gewesen wäre, bessere schauspielerische Kunst 239 bewiesen hätte als selbst ihr Herr und Gebieter. Des Übrigen wäre es ja auch ein Wunder und nicht zu verstehen gewesen, wo die mit Staubtuch und Kehrbesen so unermüdlich rührige Frau für das zeitraubende Geschäft jener Briefe die nötige Muße hätte hernehmen sollen.

War demnach unter den Frauen des Theaters keine, die für die Urheberschaft der Briefe in Betracht kam, so war es noch schwerer, einen Anhalt zu finden, sobald man unter den anderen Bürgersfrauen der Stadt nach der Schuldigen Ausschau zu halten begann. Wo gab es unter denen Eine und welche, der diese giftige, wilde, in der Wut des Angriffs über alle Dämme und Skrupel wegspringende Bosheit zuzutrauen gewesen wäre? Ein wenig Bosheit wohl jeder, aber keiner in dieser satanischen Wut und Fülle. Ein wenig Klatschsucht wohl jeder, aber keiner mit dieser umfassenden Kenntnis der menschlichen Gemeinheit, mit dieser Übersicht und Vollständigkeit, der kein Fleckchen auf der schmutzigen Wäsche der ganzen Stadt entging. Ein wenig Schamlosigkeit wohl jeder, aber keiner dieser schrankenlose Mut zur Sprache der 240 Wollust, diese ungefesselte und freche Beherrschung aller Ausdrücke der Gossen und Kloaken. War dieser Mut auch ein fragwürdiger, der den Dolchstoß von hinten führte und sich hinter feiger Namenlosigkeit verschanzte, wie lange konnte es dauern, bis dieser dünne Deckschild sich lüftete, sich lüften mußte, und dieses Unausbleibliche herankommen zu sehen und dennoch zu wagen, dazu gehörte Mut, und Mut war die einzige Eigenschaft, die in der weiblichen Bürgerlichkeit der Stadt nicht zu finden war.

Aber die Schreiberin konnte doch unmöglich von den Damen der Hofgesellschaft eine sein. Warum eigentlich nicht? hieß es nach dem ersten verblüfften Verneinen, nach einigem Überlegen. Der Bürgerstolz regte sich. Waren die Menschen des Hofes besser, waren sie edler, reiner? Waren sie nicht denselben menschlichen Regungen, denselben Fehlern, denselben Lastern unterworfen? Gab es nicht auch unter ihnen Neid, Haß, Verleumdung, Klatschsucht? Es wurde zugegeben, ihre Beherrschung der Formen sei gewandter und überlegener, ihre Sprache gewählter, ihre Haltung vorsichtiger. Aber hebt 241 nicht die Leidenschaft und der dunkle Trieb zur Sünde, aus dem allein Briefe einer solchen Art zu erklären sein mochten, alle Beherrschung, Haltung und Vorsicht auf? Konnte nicht ebenso gut wie irgend eine andere auch eine Dame des Hofes, von jenem dunklen, unwiderstehlichen Drange befallen, allen ihren häßlichen Trieben freien Lauf lassend, jene fürchterlichen Briefe verfaßt haben? Manches sprach dafür, manches dagegen. Zumindest waren die Persönlichkeiten der Hofgesellschaft im Reden vorsichtiger, im Zeigen der ihnen zugegangenen Briefe zurückhaltender. Immerhin waren auch einige von ihnen, so viel war aus dem engeren Kreise herausgedrungen, mitbetroffen. Einige? Bald verlautete: fast alle. Mit Briefen ganz ähnlichen Inhalts wie die übrigen, und desselben Tones. Man munkelte, daß auch hohe und höchste Herrschaften genannt wären, daß eine ganz bestimmte, ziemlich hochstehende Dame der Hofgesellschaft – sie wurde genau bezeichnet – in mehreren der Briefe des unerlaubten Verkehrs mit einer allerhöchsten Persönlichkeit bezichtigt würde, daß diese Dame selbst mit 242 Beschimpfungen der gemeinsten Art überschüttet worden sei. Aber natürlich blieb dies alles in Gerüchten stecken, die sich nicht überprüfen ließen. Es wurde in diesen Tagen so viel gemunkelt, so viel erzählt, so viel gelogen. Das alles brachte keinen der Suchenden – das waren Alle – auch nur um einen Schritt auf der Fährte weiter, dem Ziele näher. Und wenn man dann in den Logen des Theaters die Gesichter der Hofdamen, diese anmutigen, plaudernden, zarten, feinen, lieblichen Gesichter, aus der Nähe besah, so war auch nicht eines darunter, hinter dessen heiterer Stirn man sich das Emporkommen so wüster Anschläge hätte vorstellen können.

So suchte man, ohne zu finden, rastlos, unbefriedigt, aber mit umso zäherer Beharrlichkeit, ergebnislos, aber umso wütender darin verbissen, des Rätsels Lösung zu ertrotzen, weiter, und dieses Suchen verdrängte in Kürze jede andere Art gesellschaftlicher Betätigung. Man gab es, je weiter man sich vom Ziel zu entfernen schien, umso weniger auf. Man trieb es als eine Art Gesellschaftspiel, mit demselben Vergnügen, mit dem man 243 vordem das Pfänderspiel getrieben hatte, mit derselben Leidenschaft, die man früher am Spieltische eingesetzt hatte. Am Hofe nicht minder als in der Stadt tuschelten Jung und Alt, Herren und Damen, Männer und Frauen einander den Inhalt des letzten Briefes, das neueste Gerücht, den jüngsten amoureusen Skandal ins willig lauschende Ohr. Man hechelte die Liebschaften der Schauspieler und Schauspielerinnen und alle anderen Liebschaften durch, erzählte, prüfte, erwog, zerlegte, beschwatzte von allen Seiten, man tuschelte in den Ecken, mit hochroten Köpfen, mit Vergnügen, mit steigendem Genuß, in einer Erregung, die fast die eigene Liebschaft ersetzen konnte. Man stieg in alle Pfützen der Seele, plätscherte, mit Wollust, in den Sümpfen und Niederungen des Lasters, ergötzte sich, in vergnügter Heimlichkeit, an den saftigsten Unsauberkeiten und schlimmsten Gemeinheiten des Ausdrucks. Die Briefe waren Stadtgespräch, ihr skabröser Ton der übliche Ton des Stadtgesprächs geworden. Eine kupplerische Schamlosigkeit vergiftete und erhitzte die Gemüter und wurde zur Lust aller, am Hofe 244 und in der Stadt. Aber eben diese erforderte ein Gegengewicht und fand es in der allgemeinen Entrüstung. Man bezahlte sein heimliches Vergnügen mit einer öffentlichen anklägerischen Empörung als Buße. Man konnte, in aller Heimlichkeit und jeder einzeln, viel beruhigteren Gewissens allen seinen schlimmen Trieben freiesten Lauf lassen, wenn man, alle zusammen und gemeinsam, den Sündenbock gefunden hatte, zur Entsühnung aller zu schlachten. Das aufgewühlte Gewissen der Stadt brauchte, zur Entladung, sein Opfer. Darum suchte und forschte jedermann nach jener Urheberin der Briefe: war diese nicht zu finden, so mußte, weil man doch Niemanden henken kann, man hätte ihn denn vor, eben ein anderes Opfer herhalten.

Was blieb da anderes übrig, als daß die allgemeine Entrüstung und sittliche Wut sich gegen eben jenes Verhältnis kehrte, von dem die Briefe ausgegangen waren und unermüdlich immer Neues aufreizend zu berichten wußten? Nun war, wenn man es genau bedachte, nicht gar so Besonderes und Seltenes daran zu finden, daß einmal ein Schauspieler mit einer 245 Schauspielerin eine Liebschaft begann und zu fröhlichem Ende führte. Und hätten sich wohl auch Beispiele anführen lassen, daß sotaner Schauspieler ein anderswo ehelich gebundener Mann und sotane Schauspielerin ein um ein Beträchtliches jüngeres und leichtfüßiges Ding gewesen sei. Aber man hütete sich wohl, es genau zu bedenken, und legte es so an, daß sich das harmlose Vergnügen des Schauspielers mit seiner Kleinen allmählich zu einem großen Ärgernis sondergleichen in der Weltgeschichte auswuchs. Man traktierte die Kleine als reißenden Wolf, der in das friedliche Glück einer Ehe gefahren sei; als Buhlerin und Circe, die mit listigen Künsten und Fallstricken das Herz des älteren Mannes umgarnt, seine Tugend zu Falle gebracht habe. Man machte die bedauernswürdige Hausfrau zur Märtyrerin. Man errichtete ihr, dem ehrwürdigen Sinnbild des beleidigten Herdes, Altäre. Man wendete alles Mitleid an die ahnunglos Betrogene, warf alle Wut gegen die allzu wissende Betrügerin und Verführerin. Man beschloß schließlich, jene zu schützen, zu rächen, diese zu strafen. Und fühlte 246 sich nun mit eins wieder tugendhaft und umso wohler und behaglicher in der eigenen schmutzigen Haut.

So war das kurze Glück des Schauspielers mit der Kleinen, grade da es eben sein vorschnelles Ende erreicht hatte, zur großen sittlichen Gefahr der Stadt, zum Gegenstand und zur Zielscheibe des allgemeinen Verdrusses und Anstoßes geworden. Und, was das Seltsame dabei war, die Wut richtete sich zunächst weit weniger gegen den Mann, den man gewissermaßen nur als Mitgefangenen mithangen wollte, als gegen die Kleine, die, ohne zu ahnen, was ihr in den nächsten Tagen bevorstehen sollte, noch immer grollend ihrer verloren gegangenen Armida nachtrauerte.

 

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