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Der Schatz im Morgenbrotstal

Paul Ernst: Der Schatz im Morgenbrotstal - Kapitel 4
Quellenangabe
authorPaul Ernst
titleDer Schatz im Morgenbrotstal
publisherC. Bertelsmann Verlag
year1950
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170125
projectid41cf2d52
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Drittes Hauptstück

Der Überfall auf der Bockswiese war folgendermaßen gekommen:

Fünf Soldaten waren durch den Schnee von Goslar heraufgedrungen. Unten in Goslar lag der Schnee nicht so tief, man wußte dort nicht, daß oben in den Bergen die Wege fast ungangbar waren. Die Soldaten hatten am Abend beim Bauern angeklopft. Der Bauer öffnete die Tür und betrachtete argwöhnisch die fünf verwegenen Gesellen. Auf ihre Bitte um Essen und Nachtlager gewährte er ihnen Zutritt, denn er sah wohl, daß sie erzwingen würden, was er ihnen nicht freiwillig gewährte. Anna war im Stall gewesen und hatte die Kühe gemolken. Als sie ihre Arbeit beendet, war sie leise in ihre Kammer geschlichen und hatte dort gewartet, was geschehen würde. Der Bauer und die Bäuerin hatten sie später beim Essen wohl vermißt, aber sie sagten sich, daß Anna gutgetan hatte, sich zu verstecken, und so erwähnten sie nichts von ihr.

Die fünf hatten sich auf die Ofenbank gesetzt, um sich zu wärmen und zu trocknen. Ihr Anführer, den sie den Unterleitner Seppl nannten, ein langer, dürrer Kerl mit stechenden Augen, sagte zu dem Bauern, er solle einen Schnaps herbringen, sie seien alle erfroren und brauchten Wärme. Der Bauer hatte sich zuerst geweigert mit allerhand Ausreden, dann hatte ihn der Unterleitner Seppl zur Seite geschoben und hatte gesagt: »So wollen wir einmal selber nachsehen,« und war mit dem Kienspan die Bodentreppe hinaufgegangen. Da stand in einer Kammer eine große Flasche, die wohl ein Quart halten konnte, mit Branntwein. Die drückte er mit beiden Armen an die Brust, den brennenden Kienspan nahm er in den Mund, und so kam er die Stiege wieder herunter. Sie holten ein Schüsselchen vom Bord, gössen ein und tranken sich zu. Die plötzliche Wärme auf die Kälte trug dazu bei, daß sie schnell in trunkne Laune gerieten.

Inzwischen war die Bäuerin mit der Brotsuppe fertig geworden. Sie gab den beiden Kindern, einem fünfjährigen Mädchen und einem sechsjährigen Knaben, auf ihre Teller und wies ihnen eine besondere Stelle in einer Ecke des Zimmers an auf der umlaufenden Bank. Dann trug sie auf den Tisch auf und lud die angetrunkenen Strolche freundlich ein.

Der Anführer schnüffelte mißvergnügt über der Suppe. Er sagte: »Das ist kein Essen für den Soldaten. Da müssen wir wieder suchen, der Bauer hat wahrscheinlich noch etwas Besseres.« Er zog den Schemel unter den Schornstein, da hingen Speck, Schinken und Würste. Er schnitt ab und warf eine Speckseite herunter. Die nahm er dann auf und säbelte für jeden der Soldaten ein tüchtiges Stück ab, und als die Soldaten besorgt waren, rief er dem Bauern zu, er sollte auch einmal etwas Gutes haben, und gab auch ihm, der Bäuerin und dem Knecht Hansl ein Stück. Der Bauer und die Bäuerin legten ihr Stück neben sich und aßen nicht, der Hansl zog sein Messer und verzehrte, was ihm zugewiesen war. Das Schälchen mit dem Schnaps ging inzwischen wieder reihum.

»Diese Nacht bleiben wir bei dir,« sagten die Soldaten zu dem Bauern. »Morgen früh machen wir uns an unser Geschäft, und dann bist du uns los.«

Die Kinder hatten aufmerksam ängstlich die fremden Männer beobachtet. Wie die aber nun gegessen hatten und friedlich untereinander und mit dem Bauern sprachen und die Bäuerin sie eben an die Hand nahm, um sie zu Bett zu bringen, da riß sich der Knabe von ihr los, lief zu dem Anführer, stellte sich vor ihn, legte die eine Hand auf sein Knie und sah ihn steif an, indem er den Finger der andern Hand im Mund hielt. Der Kerl lachte, hob den Jungen hoch und setzte ihn sich aufs Knie; dann hielt er ihm das Branntweinschälchen vor und ermunterte ihn zum Trinken. Der Junge sah ihn mit großen Augen an, dann nippte er zaghaft. Er schrak zurück, stieß das Schälchen von sich und rieb sich mit einer Gebärde des Widerwillens den Mund. Die Bande brach in ein lautes Gelächter aus. Die Mutter eilte herbei, hob den Jungen herunter und ging schnell zur Tür.

Trunken rief der Mann hinter ihr her: »Du hast wohl Angst, daß ich ihm etwas antue?« Er lachte und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, das Lachen artete in ein heftiges Gelächter aus, und er bog sich vornüber.

Der Bauer fürchtete eine Gefahr. Er wollte den Mann auf andere Gedanken bringen und sagte: »Ihr seid wohl lange unterwegs gewesen? Wo kommt ihr denn her?«

Der jüngste der Männer, er mochte etwa in demselben Alter sein wie Hermann, er wurde Sommer genannt, antwortete wichtig: »Aus Bayern kommen wir. Das verstehst du nicht, Bauer. Das ist weit von hier. Da haben die Bauern noch dicke Köpfe.«

Der Unterleitner Seppl lachte: »Blutegel haben wir ihnen gesetzt, die haben wir gestripst.«

Gähnend streckte ein andrer die Arme breit und sagte: »Ich hab's satt. Morgen wird geteilt. Ihr könnt machen, was ihr wollt, ich weiß, wohin ich mich ziehe.«

Die andern beiden hatten dagesessen, die Beine ausgestreckt, die Hände im Hosenlatz. Einer begann vor sich hin ein Lied zu trudeln.

Dem Bauern schien die Gelegenheit günstig, die Kerle zur Ruhe zu bringen. Er sagte: »Der Bauer steht früh auf, wir müssen schlafen gehen. Es wird euch hier ein Lager gemacht. Wir legen Strohschütten auf, hier liegt ihr am wärmsten.«

»Jawohl,« erwiderte der Unterleitner Seppl trunken und tat, als ob er den Befehl eines Vorgesetzten vernahm. Dann wandte er sich an die andern: »Wir sind hier gut bewirtet, wir kriegen unser Nachtquartier, daß mir kein Unfug geschieht!« Damit stand er schwankend auf, rülpste und hielt sich am Tisch fest.

Der Bauer winkte dem Hansl. Die beiden gingen und kamen mit Stroh zurück, das sie auf den Boden breiteten.

Plötzlich kam dem Unterleitner Seppl die Erinnerung an den Vorgang mit dem Kind. Er faßte den Bauern am Knopf seiner Jacke und sagte: »Deine Frau hatte wohl Angst, was?« Er lachte. »Sie hatte wohl Angst, was?« Er schlug sich mit der Rechten auf die Brust. »Wir sind Kavaliere,« rief er. »Die Witwen und Waisen werden geschützt.«

»Der Bauer wird gestripst,« sagte beifällig ein andrer.

»Der Bauer wird gestripst,« rief der Unterleitner Seppl lachend und haute sich auf den Schenkel. »Dazu ist er da.« Es war, als ob ihm plötzlich etwas einfiel. Er fuhr fort: »Hör' mal, dich haben wir noch nicht gestripst. Das letztemal, wie wir hier waren, haben wir deinen Hof nicht gesehen. Im Hahnenklee ...« er vollendete seine Rede nicht, er lachte. »Alles eins,« fuhr er fort. »Wir sind hier gut bewirtet, wir kriegen unser Nachtquartier, daß mir kein Unfug geschieht!« Er wandte sich drohend zu den andern.

»Alter Saufaus,« sagte gleichgültig einer von denen.

»Saufaus! Wer ist ein Saufaus?« schrie der Unterleitner und ging wankend auf den andern zu. Der erhob sich, stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch und verfolgte mit blutunterlaufenen Augen seine Bewegungen. »Hausburger Max!« riefen die andern und suchten ihn zurückzuhalten.

Der Hausburger hatte eine Säbelschmarre, die quer durch das Gesicht lief. Sie war schlecht geheilt, so war sie dick angeschwollen; das Nasenbein war zertrümmert und schief wieder zusammengewachsen, so daß das rechte Nasenloch nach oben stand. Jetzt war die Narbe feurig rot.

»Von dir lasse ich mir nichts sagen,« schrie der Hausburger, »von dir schon lange nicht.«

»Komm doch her, wenn du etwas willst,« schrie ihm der Unterleitner entgegen und zog sein Messer.

Der Hausburger zog gleichfalls sein Messer und stürzte sich mit einem kurzen Wutschrei auf den Unterleitner. Aber in der Zeit hatte sich auch schon der Bauer auf den Unterleitner geworfen und rang mit ihm, um ihm das Messer zu entwinden. »Stecht euch draußen tot, ihr Schurken, aber mich laßt aus dem Spiel,« zischte er zwischen den Zähnen. Er rief den andern zu: »Helft mir doch, daß kein Unglück geschieht.«

Der Hausburger sah glotzend zu, wie die beiden miteinander rangen. Die Wut des Unterleitners hatte sich jetzt gegen den Bauern gewendet. »Verdammter Hautze, willst dich an einem Soldaten vergreifen!« schrie er. Er machte einen Arm frei und stieß zu; schreiend, gurgelnd fiel der Bauer auf den Boden, er faßte mit beiden Händen seinen Bauch; der Unterleitner hatte ihm den Bauch von unten her aufgeschlitzt.

»Wer will noch einen?« schrie der Unterleitner prahlerisch und hielt zwei Finger der Linken auf den Tisch, indem er mit dem blutigen Messer in der Rechten fuchtelte. Der Hansl war zu dem Bauern gestürzt, um ihm zu helfen. In seinem Branntweindunst dachte der Unterleitner, der Hansl wolle ihn angreifen, er duckte sich, rannte auf ihn los, stieß ihm das Messer in den Bauch und drehte es um. Ein fürchterlicher Schrei, der Hansl fiel über den Bauern hin.

Da stand die Frau in der Tür. Der Jüngste von der Bande, Sommer, lief zu ihr, um sie hinauszuschieben. Aber sie hatte schon alles gesehen. Mit einem lauten Aufschrei warf sie sich auf die beiden Sterbenden.

»Laß die Weiber heulen, das gehört sich so,« sagte der Unterleitner und setzte sich auf seinen Schemel. Er wischte sein blutiges Messer auf der Hose ab, zog das Schnapsschüsselchen zu sich heran und trank.

Der Sommer war ein blasser, langer Mensch mit einem gescheiten Gesicht; um den Mund hatte er einen höhnischen Zug. Er rief dem Hausburger zu: »Na, der Hautze hat dir das Leben gerettet!«

Der Hausburger stand wankend am Tisch und hielt sich an der Platte fest. Seine Schmarre leuchtete feurig, um das nach vorn gekehrte Nasenloch zuckte es; er schrie: »Der Hausburger ist Manns genug, für sich selber zu stehen. So ein verdammter Kandirer hat mir da nichts zu sagen. Was hat sich der Hautze hineingemischt, wenn zwei Sontzen miteinander zu reden haben!«

Der Unterleitner saß am Tisch und lachte trunken. »Weshalb hat sich der Hautze hineingemischt,« sagte er mit lallender Zunge.

»Der Hautze hat dir das Leben gerettet, Hausburger, das kannst du nicht leugnen. Gegen den Unterleitner Seppl kommst du nicht an,« rief der Sommer aufstachelnd weiter.

Wie ein wütendes Tier, den Kopf vorauf, stürzte der Hausburger aus seiner Ecke vor und stellte sich vor den Unterleitner, der zufrieden auf seinem Schemel saß. »Gegen dich komme ich nicht an?« schrie er. »Gegen ganz andere bin ich angekommen.«

Der Unterleitner lachte gutmütig. »Freilich, gegen mich kommst du nicht an,« lallte er. »Aber laß nur sein, morgen holen wir den Schatz heraus, da wird alles ehrlich geteilt, fünf Teile, du kriegst auch deinen Teil, und die andern, die nachher kommen, denen lassen wir den leeren Sack.« Er lachte, die andern lachten mit, bogen sich über den Tisch und hauten auf die Platte, daß das Branntweinnäpfchen hüpfte.

Die Verwundeten wimmerten, die Bäuerin riß ihnen die Kleider ab, sie zerfetzte ein Hemd und verband die Wunden.

»Brauchst dir keine Mühe zu geben, bist bald Witwe,« rief der Unterleitner. »Dann kannst wieder heiraten. Magst einen Soldaten?«

Der Hausburger stand noch immer an seiner Stelle vor dem Unterleitner, in trunkenem Zweifel, die abscheuliche Schmarre hoch geschwollen und gerötet. Er sprach für sich: »Der Hausburger ist Manns genug, für sich selber zu stehen. Gegen den Unterleitner Seppl kommt er schon an.«

Der Sommer stieß ihm mit der Faust in die Seite und sagte: »Der Unterleitner lacht dich ja aus. Siehst du denn das nicht?«

»Was, der Unterleitner lacht mich aus?« fragte mit schwerer Zunge der Hausburger. Er wendete sich zum Unterleitner: »Du lachst mich aus, sagt der Sommer, ist das wahr?«

»Freilich ist das wahr,« schrie lustig der Unterleitner. »Und nun setz' dich nieder und sauf!«

Da ballte der Hausburger die Faust und hieb sie dem Unterleitner ins Gesicht. »So, da kannst du sehen, ob ich Furcht vor dir habe,« schrie er. Er zog sein Schwert und wich zurück, um Raum zu geben. Der Unterleitner sprang auf; es war, als ob der Rausch von ihm gewichen sei; sein langes Gesicht war totenbleich, und die Stelle auf dem Backenknochen, wo ihn der Faustschlag getroffen, leuchtete rot. Er stand fest auf seinen Beinen. Er zog sein Schwert, und die beiden hauten aufeinander los. Aber sie hatten nicht an die niedrige Stubendecke gedacht; sie hatten die Sehwerter mit aller Wucht geschwungen, nun steckten die fest in der Decke.

Der Unterleitner ließ sein Schwert zuerst und stürzte auf den Hausburger zu, den er mit Untergriff faßte. Der Hausburger stellte das Bein vor und packte ihn mit Obergriff. Nun rangen die beiden. Sie stampften schwer die Dielen, sie traten auf die verwundeten Männer, die Frau wich kreischend zurück. »Schlagt euch alle gegenseitig tot,« rief sie. »Dann seid ihr fort.«

Sommer saß da, wohin sie entwichen war. Er lachte mit schiefem Mund und rieb sich die Hände; er sagte zu ihr: »Dann werden es weniger Teile.«

Die beiden rangen miteinander. Der Hausburger war schwer, breit, kurz, unbeweglich, er hatte das linke Bein vorgestreckt und ließ sich nicht erschüttern durch den langen und beweglichen Unterleitner. Er war der Kleinere und hatte Obergriff, so kam er gar nicht richtig zum Fassen, indessen der andere den günstigeren Griff hatte; aber trotzdem hielten sich die beiden jeder auf seiner Stelle.

Die zwei andern Soldaten hatten bis dahin teilnahmslos, den Kopf in die Hände gestützt, gesessen. Das war Hans Trost, ein Mann mit eisgrauem, langem Bart, mit einer Stumpfnase und kleinen, geschlitzten Äugelchen, die spähend unruhig hin und her gingen, wenn er aufsah; und Friedrich Treuding, ein dürrer, langer Geselle mit einem Totenkopf, ohne Bart, fast haarlos, die schmalen Lippen konnten ihm die Zähne nicht bedecken, und die Augen lagen fast nicht zu sehen in knochigen, großen Höhlen.

Die beiden richteten sich nun auf und vermahnten die Kämpfenden zum Frieden. Der Treuding lachte, sein Mund mit den weißen Zähnen war weit aufgerissen. Der Sommer redete auf sie ein: »Laßt doch, wenn einer weniger ist, dann sind wir nur noch vier.« Die beiden sahen ihn verwundert an; sie verstanden nicht, was er meinte.

Indem hatte der Hausburger gerade das Übergewicht erhalten. Der Unterleitner hatte einen Fuß zurückgesetzt, um ihn von der Stelle zu bringen; in dem Augenblick stieß ihm der Hausburger mit dem Knie vor den Bauch und brachte ihn zu Fall. Der lange Unterleitner stürzte hin, über die beiden Sterbenden, und der kurze, schwerere Hausburger lag auf ihm. Der preßte ihm nun mit beiden Händen die Kehle zu. Schon schwoll dem Unterleitner das Gesicht blau an; da gelang es ihm noch mit der letzten Kraft sein Messer zu erwischen; er zog es aus der Tasche und stieß es dem Hausburger, der auf ihm lag, tief in den Bauch. Im Augenblick ließ dessen Griff nach, er schnappte mit dem Mund. Aber da raffte er sich mit Wut zu einer letzten Anstrengung auf. Der kurze Kerl lag so, daß er sich gerade mit dem Gesicht über der Gurgel des andern befand, die sich in der Anstrengung des Kampfes wie ein Pumpwerk auf und ab bewegte. Er biß zu, und in Wut und Todeskampf verbiß er sich, daß er die Gurgel durchbiß und aus den Adern das Blut herausspritzte. Der Unterleitner stemmte mit den Armen ihn ab, aber der Hausburger ließ nicht los, er war verbissen; seine Augen verdrehten sich, seine Arme, die noch um den andern geschlungen waren, wurden schlapp, aber seine Kinnbacken hielten wie eine Zange. Der Unterleitner stieß gurgelnde Töne aus; der Trost und der Treuding torkelten hoch und wollten ihm zu Hilfe kommen, aber der Sommer hielt sie zurück, er rief: »Ehrliches Spiel, einer gegen einen.« Da sahen sie, wie des Hausburger Augen brachen, ein schrecklicher Laut kam vom Unterleitner, ein Schreien, Quietschen, Stöhnen und Gurgeln, dann ließen auch dessen Kräfte nach, die Hände hielten den toten Körper nicht mehr ab, der sackte plump auf ihn, und nun brachen auch dem Unterleitner die Augen.

»Immer ein besserer Tod, als wenn sie der Dolinger an den Dolman geschniert hätte,« rief der Sommer lachend und haute dem Trost auf den Rücken, der ihn mit geschlitzten Augen pfiffig schief ansah.

Die Bäuerin aber stand inmitten des Zimmers und schrie: »Mein Mann ist hin, und meine Kinder können hungern. So sollt ihr alle euch gegenseitig auffressen, ihr Hunde, ihr!«

Der Sommer hatte wenig getrunken. Er besaß noch fast die Herrschaft über sich. Die beiden andern lagen schon wieder, die Köpfe in die Arme gestützt, im Halbschlaf über dem Tisch. Er rief ihnen zu: »Laßt die Äser hier liegen, wir gehen nun schlafen.« Schwerfällig erhoben sie sich und folgten ihm.

Er hatte den Kienspan aus dem Kloben genommen und ging leuchtend voran. Er ging die Treppe hoch, und die andern folgten ihm. Da war die Kammer halb offen, in welcher der Branntwein gestanden hatte; ein Haufen Werg lag da, in den sanken die drei und schliefen gleich mit Schnarchen.

Auch der Sommer war nicht ganz nüchtern gewesen. Er hatte den Kienspan gedankenlos ausgedrückt, aber er hatte nicht bedacht, daß noch Funken in der Kohle liefen. Während die drei in tiefem Schlaf versunken lagen, wurde das Feuer wieder lebendig, es ergriff den Kien, der blakend brannte; in der Nähe lag eine Handvoll Werg, die mit aufflammte; sie erlosch gleich wieder, aber ein Funke war wohl weitergesprungen; so geschah es, daß eine Viertelstunde etwa, nachdem die drei sich gelegt, ihre Kammer in Flammen stand. Heulend stürzten sie die Treppe herab. Schon hatte die Mutter die Kinder geholt, welche neben ihnen in der Kammer auf Strohsäcken schliefen; sie hatte sie in den Stall gebracht und eingeschlossen; nun suchte sie die Leichen ihres Mannes und des Hansl ins Freie zu ziehen.

Das war das Feuer, das Hermann sah. Er rief den beiden Frauen ein paar Worte zu und eilte zur Bockswiese. Da traf er drei Soldaten schlafend im Streuschuppen ausgestreckt. Die Bäuerin war noch mit ihrem Mann beschäftigt. Er trug den Leichnam heraus und legte ihn draußen auf den Schnee; dann holte er den toten Hansl und bettete ihn neben ihn; dann ging er zurück und sah sich in dem brennenden Hause um. Da fand er in der Mordstube, auf der Bank, da die Gesellen gesessen, zwei Karabiner, ein Pulverhorn und einen Kugelbeutel, das nahm er alles an sich. Die Wäschetruhe stand da, die schaffte er hinaus, den Kleiderschrank mit den Kleidern. Er fragte die Bäuerin nach den Sachen Annas und rettete sie.

Unterdessen knisterte, knackte, fauchte und lohte das Feuer. Es hatte bereits das Dach ergriffen; einige Latten waren durchgebrannt, Schindeln abgestürzt in die Glut. Die Frau wollte noch immer wieder in das Haus eilen, um zu retten. Er hielt sie zurück, sie kämpfte gegen ihn an, sie kratzte ihm ins Gesicht, er schimpfte. Da geschah ein Krach, das ganze Dach war eingestürzt; der Schornstein stand allein noch in die Höhe; ein zweiter Krach, nun stürzte auch die Decke des Erdgeschosses ein, Glut und Funken wirbelten hoch; das Erdgeschoß war gemauert; die Mauern standen, und durch Fenster und Tür sah man in die feurige Masse im Innern.

»Ich kann jetzt nicht mehr hier helfen,« sagte er zu der Bäuerin. »Ich muß zu meinen Leuten zurück. Anna ist bei mir. Wir wollen das Vieh aus dem Stall treiben. Das Feuer sinkt in sich zusammen. Du kommst mit den Kindern zu mir.«

»Totschlagen sollst du sie, die Hunde,« schrie die Frau. »Totschlagen!«

»Mir wäre es auch lieber, wenn sie hin wären,« sagte Hermann.

»Meine Kinder, meine Kinder,« rief die Bäuerin und stürzte zum Stall. Sie riegelte auf und lief hinein. Da sah sie die beiden Kinder umschlungen schlummernd nebeneinander liegen; sie hatte sie in einen Kälberverschlag getan. Neben ihnen lag friedlich ein Kalb, das mit runden Augen zu ihr aufschaute, als sie sich über die Brüstung des Verschlags bückte.

Hermann kettete unterdessen das Vieh los und trieb es aus der Tür. Brüllend gingen die Tiere, sie schauderten vor der Kälte und wollten zurück; Hermann gab der ersten Kuh einen Schlag, sie sprang hoch und setzte sich dann in Trab, die andern folgten. Nun öffnete er auch den Kälberstand. Die Kälber liefen hinter den Müttern her.

Die Bäuerin hatte die schlaftrunkenen Kinder aufgenommen.

»Soll ich denn nun meinen Mann hier draußen im Schnee liegen lassen?« fragte sie.

»Es ist besser so,« erwiderte Hermann. »Wer weiß, vielleicht stecken sie den Stall auch noch an. Hier draußen geschieht dem Toten nichts mehr. Nun gehe nur! Ich komme schon. Ich habe noch zu tun.« Damit schloß er den Stall ab, damit das Vieh nicht wieder zurückkonnte.

Die Bäuerin weinte. Sie nahm ihre Kinder und machte sich auf den Weg.

Am Streuschuppen lehnte eine Leiter, etwa von der Größe, wie sie im Schacht nötig war. Hermann nahm sie auf die Schulter und ging.

Im Streuschuppen lagen die drei trunknen Soldaten und schnarchten. Hermann trat zu ihnen ein; sie lagen in das Laub eingegraben, nur die Gesichter sahen heraus. Er griff in die. Tasche und faßte das Messer. Langsam zog er es aus der Tasche. Da bewegte sich einer der Männer im Schlaf und warf sich auf die andre Seite.

»Nein, das ist Sünde,« sagte Hermann zu sich. »Den Schlaf hat Gott eingesetzt, damit der Mensch sich ausruht.«

Er schob sein Messer zurück, ergriff wieder seine Leiter und ging. Er hielt sich in der Spur, welche die ziehende Rinderherde gemacht hatte. Sie war breit und unordentlich; man konnte bei flüchtigem Nachsehen nicht unterscheiden, daß auch Männertritte zwischen ihr waren.

»Denen sind morgen früh die Augen vom Branntwein verklebt, die sehen nichts,« sagte er vor sich hin.

Er war nur wenige Minuten gegangen, da traf er auf die Herde. Die Kühe standen zusammengedrängt und frierend. Er ergriff eine Kuh am Horn und führte sie, er führte sie ins Morgenbrotstal hinab. Die andern Kühe folgten unmutig, zuhinterst sprangen die Kälber. Der Schnee wurde breit aufgewühlt.

Der Austritt des Stollens aus dem Berg war nicht allzuweit entfernt. Der Schnee leuchtete, es war Sternenlicht, so konnte er die Stelle leicht finden. Die Kühe waren ihm gefolgt und traten rundum den Schnee zusammen. Er brachte seine Leiter in den Bach, zog Schuhe und Strümpfe aus und ging in den dunklen Stollen hinein ohne Licht. Er zählte seine Schritte ab. Da kam er an die Stelle, wo der Stollen sich teilte. Nun schritt er vorsichtig weiter im Dunkeln und zählte. Als er zu Ende gezählt hatte, tastete er, er fand den Schacht, der von oben niederging. Nun richtete er seine Leiter auf, er erfühlte den ersten Nagel, er erfühlte den andern Nagel; so schwang und zog er sich in der Dunkelheit hoch, bis er oben im Querstollen stand.

Dort hatte er das letztemal seine Lampe gelassen; er hatte sie mit dem Haken in einen Stempel eingeschlagen. Er suchte und tastete lange. Stein und Stahl trug er bei sich; er schlug Feuer und zündete sie an.

Eilig ging er den Gang, bis er zu dem Querschlag kam, vor dem der tote Soldat mit ausgestreckten Beinen lag, mit dem hängenden Kopf, mit dem nassen, langen Bart. Er schritt über die Beine in den Querschlag hinein und räumte die Steine fort; da fand er den Sack.

Er hatte das vorige Mal schon tüchtig herausgeholt, nun war er leichter. Er bückte sich und nahm ihn auf die Schulter, dann ging er seinen Weg zurück, über die Beine des wachenden Toten in den Stollen hinein. Das Wasser tropfte und klang, es sang und rauschte. Das Gesicht des Toten, glänzend von Feuchtigkeit, schien sich zu beleben im unruhigen Licht des flackernden Lämpchens. Die Bohle, auf welcher er ging, war glatt, der Sack war wohl nicht so schwer, aber in dem niedrigen Raum trug er sich mühsam. »Etwa Mitternacht kann es sein,« dachte Hermann.

Nun kam er an das Ende, wo der Stollen in den Schacht mündete. Er warf den Sack hinunter, der im Wasser unten aufklatschte. Dann setzte er sich auf den Rand, suchte den ersten Nagel, und so ließ er sich denn nieder, von Nagel zu Nagel greifend, bis er die Leiter mit den Füßen fand und auf der Leiter niedersteigen konnte. An ihrem Fuß fühlte er den Sack, halb im Wasser liegend. Er schwang ihn sich wieder auf die Schulter. Die Leiter ließ er da stehen. Dann watete er seinen Weg zurück. Am Ausgang stieg er aus dem Wasser, den Sack ließ er, damit er keine Spur machte, im Bach zurück. Nun zog er sich wieder Schuhe und Strümpfe an, zog seinen Sack heraus und warf ihn sich über die Schulter.

Die Kühe hatten draußen gewartet. Sie hatten schnaubend an den Stämmen gerochen, hier eine Flechte abgerissen, da die Spitzen eines Zweiges gefressen; sie hatten den ganzen Platz vor der Ausmündung des Stollens zertreten. Als er herauskam, liefen sie auf ihn zu, umdrängten ihn, sie rochen und leckten, sie drängten sich so, daß die eine und andre in das Wasser geschoben wurde und sich wieder herausarbeiten mußte. Von der menschlichen Spur konnte man nun nichts mehr bemerken.

Hermann warf den nassen Sack der Leitkuh auf den Rücken, erfaßte sie am Horn und führte sie. Sie ließ sich willig führen, denn sie fror, sie fühlte irgendwie stumpf, daß der Mensch ihr helfen mußte. Die andern folgten.

So kam er auf die Spur des Weges zwischen Bockswiese und Hahnenklee, wo Anna gegangen war, dann er selber, dann die Bäuerin mit den beiden Kindern. Hier nahm er den Sack von den Schultern der Kuh und jagte sie zurück. Sie wich von ihm, die andern Kühe hinter ihr drängten und standen und sahen mit glotzenden Augen auf ihn; er riß einen Ast ab und schlug auf die Leitkuh; die schreckte zur Seite, aber sie blieb weiter stehen. Nun schlug er derber zu, er schimpfte und drohte. Zuletzt machte er einen Eindruck, die Kuh wandte sich langsam, die Masse hinter ihr teilte sich, sie trottete ihren Weg zurück, die andern folgten; und nun machte sich Hermann eilig auf den Weg nach Hause. Die Kühe blieben inzwischen wieder stehen, wendeten sich wieder und suchten ihn; aber sie konnten nicht mehr ausfindig machen, wohin er gegangen war; so blieben sie eine Weile schnuppernd auf ihrer Stelle, dann gingen sie wieder ihren Weg zurück zum Morgenbrotstal, dann vom Morgenbrotstal aufwärts nach der Bockswiese. Etwa gegen zwei Uhr mochte es sein, da sammelten sie sich alle vor ihrer verschlossenen Stalltür. Nicht weit lagen die Leichen des Bauern und des Hansl. Sie beschnupperten die toten Männer. Das zusammengesunkene Feuer des Hauses glühte noch in den vier Mauern, aus denen der krumme Schornstein aufragte. Die Leitkuh brüllte, eine andre Kuh brüllte, eine dritte. Da war der Stall. Sie stellten sich vor der Stalltür auf.

Hermann wühlte sich inzwischen in den alten Spuren weiter bis Hahnenklee. Das Fensterchen über der Tür leuchtete, er klopfte an und rüttelte an der Tür. Erschreckt riefen von innen die Frauen, er antwortete, und es wurde ihm geöffnet.

Anna fiel ihm um den Hals und weinte. Sie rief: »Bist du da, bist du da, ich hatte solche Angst um dich!« Die alte Margarete stand am Herd, sie rührte Hafermus. Die Kinder lagen im Bett der Alten, waren zugedeckt, aneinandergeschmiegt, mit rosigen Gesichtern; sie schliefen unbesorgt, und ihre Mutter hockte indessen neben ihnen, das Gesicht in den Händen, durch die ihr die Tränen quollen. Die Ziegen standen vor ihr und schauten sie an.

Hermann warf den Sack klirrend auf den Boden. »Wir müssen ihn gleich verstecken,« rief er; »es ist nicht unmöglich, daß sie auch zu uns kommen.« Er schnürte den Sack auf und schüttelte den Inhalt heraus auf einen Haufen: da rollten Silberstücke hervor, die. Becher, dann kamen eingeschnürte kleinere Päckchen, zwei kupferne Leuchter, ein halbes Dutzend zinnerner Teller. »Hätte ich das gewußt, daß auch solches Zeug dabei war, dann hätte ich schon im Stollen gesichtet,« sagte brummig Hermann. »Die Tracht war schwer, und nun müssen wir bloß mehr verstecken.«

Er holte seine Spitzhacke und machte in der Mitte der Hütte ein Loch. »Da haben sie es gleich vor sich, daran denken sie am wenigsten,« sagte er. Anna fegte das kleingeschnittene Fichtenreisig auf einen Haufen, das den Boden bedeckte.

Hermann brach den festgetretenen Boden in großen Schollen los, er hackte und schaufelte, bis er ein tiefes Loch hatte. In dem barg er sorgfältig alles Metall, daß es wenig Raum einnahm. Er tat die Münzen in die Kelche, er setzte die Teller aufeinander und verteilte in den Zwischenräumen die Geldstücke. Es fanden sich auch viele Kupferstücke dabei; auch eine Messingklinke, von einer Tür abgeschraubt, war da. Alles wurde fest in das Loch verpackt. Dann füllte er sorgfältig Erde wieder auf und stampfte den Boden mit einem Holzscheit fest; die übrige Erde verstreute er; er selber und Anna traten sie fest, dann wurde über alles das kleingeschnittene Fichtenreisig gestreut.

Die Bäuerin saß regungslos neben ihren Kindern. Hermann sah scheu nach ihr hin; er arbeitete leise, um sie nicht zu stören; er sagte halblaut zu Anna: »Das ist schwer für die Frau, die kleinen Kinder, und den Hof wieder in Ordnung bringen! Das Vieh wird ja wohl gerettet werden. Wir wollen ihr von meinem Schatz etwas abgeben, wir haben ja genug für uns, und es ist auch besser, denn sie weiß ja doch nun davon. Aber allein kann sie es nicht machen, das geht ihr nun alles im Kopf herum.«

Nun war die alte Margarete mit dem Brei fertig. Sie hob den Topf vom Herd, wischte ihn ab und setzte ihn auf den Tisch. Dann ging sie zu der Bäuerin.

Sie rührte ihr leise an die Schulter und sagte: »Steh auf und iß. Der Körper will sein Recht. Du bist noch jung, du hast noch viel vor dir. Deine Kinder sind noch klein.«

Seufzend stand die Frau auf. Sie wischte sich mit der Schürze die Tränen aus dem Gesicht, dann strich sie sich das Haar glatt. Sie sagte: »Ich sehe unordentlich aus. Bei euch ist alles so ordentlich.« Dann setzte sie sich, auch die andern setzten sich, und es wurde gegessen.

»Wenn die Soldaten kommen – du sagst nicht, daß ich dort gewesen bin. Verstanden?« sagte Hermann zu der Bäuerin. »Du sagst, du hast das Vieh aus dem Stall gelassen, und dann bist du mit den Kindern nach hier gelaufen. Von dem Schatz kriegst du dein Teil ab, verstehst du?«

Die Bäuerin nickte. »Das Haus war ja ohnehin nicht viel wert,« sagte sie, »und einen neuen Stall wollte mein Mann ja schon selber bauen. Dann kann der alte Stall wieder für das Jungvieh bleiben.«

»Das Geld zum Bauen gebe ich dir,« erwiderte Hermann. »So viel ist da. Darüber mache dir keine Sorge. Und die besten Sachen sind ja gerettet.«

»Meine Sachen ...?« fragte Anna zaghaft.

Hermann nickte ihr zu. »Alles gerettet. Draußen im Schnee. Wenn die Soldaten erst fort sind, holen wir es.«

Anna faltete die Hände. »Ich habe es mir alles von meinem Lohn angeschafft,« sagte sie. »Hier war ja alles verbrannt.«

Mit Tränen in den Augen sah sich die Bäuerin um. Auf dem Herd flammte das wärmende Feuer und warf einen Schein; da saßen neben ihr am Tisch die alte Margarete und das junge Paar, und auf dem Lager schliefen tief die Kinder. Still war es draußen unter dem tiefen Schnee, und es war Frieden und Ruhe.

»›Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe,‹ Johannes am elften,« sagte feierlich die alte Margarete. »Der Bauer ist ein guter Mann gewesen, er hat niemandem etwas in den Weg gelegt. Darum, ›ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott,‹ Kolosser am dritten.«

Da konnte sich die Bäuerin nicht mehr halten, sie beugte sich über den Tisch und schluchzte. »Wie ein Stück Vieh haben wir ihn im Schnee liegen lassen müssen,« sagte sie.

Plötzlich rüttelte es draußen an der Tür. »Aufmachen!« rief ein Mann.

Die Frauen kreischten auf, Hermann griff nach der Axt und sprang zur Tür. Er rief hindurch: »Wer ist da?«

»Gut Freund!« kam die Antwort stumpf zurück. »Ich habe das Licht gesehen, das hat mich gerettet. Laßt mich ein, habt Erbarmen mit mir und meinem Kind.«

Fragend blickte sich Hermann nach den Frauen um, Anna und die Großmutter hatten die Hände vor das Gesicht geschlagen, die Bäuerin hockte neben ihren Kindern und hatte schützend den Arm über sie gebreitet. Zögernd schob er den Riegel zurück. Da drängte sich ungeschickt, verschneit, in dünnem Anzug ein Mann herein, er trug einen dreijährigen Knaben auf dem Arm, der ganz eingewickelt war, nur sein rotes, gesundes Gesicht blickte aus den Tüchern hervor. »Gott sei Dank,« sagte der Mann und setzte den Knaben vorsichtig auf den Boden. »Gott sei Dank, ich kann nicht mehr. Da habt ihr zu essen. Laßt mich essen.«

Ohne eine Antwort zu erwarten, setzte er sich vor den Topf und nahm den Löffel in die Hand. Aber er führte ihn nicht zum Mund, er hob den eingewickelten Knaben wieder auf seinen Schoß, streifte ihm die Tücher zurück, so daß der Mund ganz frei wurde, und sagte zärtlich: »Iß, mein Junge, das ist gutes Essen, das sind gute Leute hier.« Das Kind öffnete das Mündchen, der Vater schob ihm den Löffel hinein, und das Kind schluckte. Dann aß der Vater selber heißhungrig einen Löffel.

Die alte Margarete hatte sich neben die beiden gestellt. »Eßt, eßt!« sagte sie. »Das hat uns Gott beschert, ihr seid ausgehungert. Eßt, daß ihr satt werdet. Ich setze noch einen andern Topf auf;« und damit trat sie eilfertig an den Herd und richtete einen neuen Topf.

Schweigend aßen die beiden. Nur einmal sagte der Vater: »Das tut gut, das tut gut.«

Der Mann war noch nicht dreißig Jahre alt, ein schlanker Mann, mit regelmäßigen, offnen Zügen, mit hellen, blauen Augen. Abwechselnd schob er dem Kind einen Löffel in den Mund und aß selber. Da machte der Knabe seine Hände aus der nassen Umwicklung los, rumpelte sich die Augen und gähnte. Plötzlich fielen die Ärmchen nieder, die Augen schlossen sich, und er atmete tief.

»Er schläft,« sagte Anna. »Gib ihn her.« Sie nahm den Knaben vom Schoß des Mannes auf und wickelte die Tücher ab, die um ihn geschlungen waren. Das Kind wurde halb wach, es legte die Ärmchen um Annas Hals. Die drückte es an sich und küßte es, dann trug sie es zu den beiden andern Kindern, die festumschlungen auf dem Lager der alten Margarete schliefen. Sie hob die Decke auf und legte den Knaben zu ihnen. Der krümmte sich im Schlaf zusammen wie ein Tierchen, und nun ruhten die drei beieinander.

»Seid gut zu meinem Kind,« sagte der Mann mit gefalteten Händen, »ich will auch gut zu euren Kindern sein.«

»Iß nur erst,« rief ihm Hermann zu. »Du bist ja ganz ausgehungert.«

»Seit zwei Tagen haben wir nichts zu essen gehabt, das Elend ist zu groß in der Welt,« klagte der Mann. »Überall haben sie uns wieder fortgejagt. Sie sagen, sie müssen selber hungern. Ach, wer noch ein Dach über dem Kopf hat, der weiß ja nicht, wie gut es ihm geht.«

»›Wir aber, dein Volk und Schafe deiner Weide, danken dir ewiglich und verkündigen deinen Ruhm für und für,‹ neunundsiebzigster Psalm, dreizehnter Vers,« sagte die alte Margarete und faltete die Hände.

»Amen, Frau, Amen!« schloß der Fremde.

»Nehmt es nicht für ungut, daß ich so gierig esse,« sagte er nach einer Weile. »Aber so gut habe ich es seit Wochen nicht gehabt. Gott der Herr wird es euch einmal vergelten.«

Da weinte die Bäuerin laut auf. Der Fremde blickte verwundert nach ihr hin. »Sie hat ihren Mann verloren diese Nacht,« sagte leise Hermann zu ihm.

Der Fremde stockte im Essen. »So hat doch jeder seine Last zu tragen,« sagte er. »Als ich bei euch eintrat, da dachte ich, besser kann es doch nun Menschen nicht gehen, als wie ihr da so sitzt in Sicherheit und Ruhe.«

»Es sind Soldaten in der Nähe, sie haben den Bauern ermordet und den nächsten Hof angesteckt,« erwiderte Hermann.

Der Fremde legte den Löffel neben sich, und die Tränen rollten ihm über die Wangen.

»Ich habe auch ein Haus gehabt, das ist verbrannt, und eine Frau, die ist gestorben, nun suche ich in der Welt umher, ich will Arbeit finden, daß ich mein Kind ernähren kann. Ich habe gehört, in Klaustal kommt der Bergbau wieder in Aufnahme, da können sie Leute brauchen, da bin ich nun die Nacht durch gegangen, denn ein Lager haben sie mir doch nicht gegeben, und zu essen hatten wir so auch nicht.«

»Das ist wohl möglich, daß du da Arbeit findest,« sagte Hermann. »Du mußt zum Schichtmeister gehen. Aber jetzt bleibst du noch hier, du mußt dich erst ausschlafen.«

Der Mann hatte den Topf rein ausgelöffelt. »Dank für alles,« sagte er. »Ich kann auch nicht mehr gehen. Mir fallen die Augen zu.«

Wirklich schloß er halb die Augen. Hermann geleitete den Schlaftrunkenen, indem er ihn stützte, zu seinem Lager; der legte sich, und Hermann deckte die Felle über ihn, indessen bereits tiefe Atemzüge von ihm kamen.

»Bäuerin, es gibt noch Ärmere, als du bist,« sagte die Großmutter vom Herd her.

»Ich will ja auch nicht undankbar sein,« erwiderte die leise und schluchzend.

Während dieses im Hahnenklee vor sich ging, hatten auf der Bockswiese die Rinder eine Weile vor der verschlossenen Stalltür gestanden, hatten geschnuppert und gewartet. Dann hatte sich eine Kalbin von den andern losgemacht und war suchen gegangen. So war sie in den Streuschuppen gekommen, wo die Soldaten im trockenen Laub tief versteckt schliefen. Sie war hineingedrungen und hatte gesucht. Da war sie auf das Gesicht des Sommer gestoßen. Das hatte sie geleckt. Sommer erwachte aus erstem Schlaf und richtete sich im Laub auf; die Kalbin wich erschrocken zurück und starrte ihn groß an.

Sommer sah auf die Gesichter der beiden andern, die durch das dürre Laub hervorsahen, nun wurden ihm die Geschehnisse des gestrigen Abends klar. Es war Sternenlicht, der Schnee leuchtete. Er erhob sich schaudernd und ging verdrossen aus dem Schuppen heraus, die Kalbin folgte ihm. Da stand zur Linken das niedergebrannte Haus; aus den vier Mauern ragten noch einige verkohlte Balken auf, ein blauer Rauch zog sich dünn hoch. Zur Rechten war der Kuhstall, vor dessen Tür sich frierend die Rinder drängten. Da ging er an den beiden Leichen vorbei, die im Schnee hingestreckt lagen und undeutlich sichtbar waren.

»Ach, die Leute sind geflohen, das Vieh haben sie in den Wald getrieben, daß wir es nicht haben sollen,« dachte der Sommer. »Die beiden da liegen noch in ihrem Branntweindusel.«

Er öffnete die Stalltür, das Vieh ging hinein in den Stall, jedes Stück machte sich an seinen Platz. Sommer ging hinterher und verriegelte die Tür von innen, dann hängte er jedem Tier seine Kette über. In der Ecke, im Kälberverschlag, wo gestern abend die Kinder gelegen hatten, war trockne und warme Streu; hier legte er sich selber; die Kälber neben ihm legten sich auch, sie legten sich krumm, den Kopf zum Bauch, und schliefen.

Am Morgen erwachte der Sommer durch das hungrige Brüllen der Kühe. Nun sah er die Stiege, welche zum Speicher führte. Er stieg hinauf, warf Heu hinunter und steckte jedem Rind in die Raufe. In der Ecke standen Milcheimer und Melkschemel. Nun machte er sich an das Melken. Er trank die frische, warme Milch, bis er gesättigt war. Dann ging er hinaus zu den beiden andern.

Die erhoben sich gerade, bereift und frostig; sie rieben sich die Augen, schlugen mit den Armen, stampften mit den Füßen, um sich zu erwärmen, und fluchten ingrimmig.

»Hättet ihr nicht gestern das Haus angesteckt, ihr versoffenen Schweine, dann brauchten wir nicht hier draußen zu stehen und hätten etwas Warmes zum Essen,« sagte der Sommer ihnen brummig. »Kommt mit in den Stall, ich habe wenigstens für Milch gesorgt.«

Kleinlaut folgten ihm die beiden und tranken gierig die Milch aus dem Eimer.

Der kahle Totenschädel des Treuding wackelte vor Frost hin und her. »Da täte einem ein Schnaps wohl,« sagte er.

»Hole ihn dir doch, der ist im Hause drüben, wo die beiden auf der Diele liegen,« sagte der Sommer.

Der Trost schüttelte sich und fuhr mit den Fingern durch seinen unordentlich langen, grauen Bart. Er sagte: »Jetzt wollen wir gleich unsern Sack holen, und dann fort. Wer weiß, vielleicht kommen die Bauern zusammen, dann geht es uns schlecht.«

Der Sommer hatte unterdessen auf dem Heuspeicher gesucht. Jetzt warf er ein Heuseil herunter. »Das nehmen wir mit und werfen es über die Nägel, dann brauchen wir keine Leiter. Eine Leiter kann ich nicht finden,« rief er.

Neben dem Kuhstall war der Holzschuppen angebaut. Da lag in einer Ecke ein Häuflein Kienspäne aufgeschichtet. Der Treuding zog einen Bindfaden aus der Tasche und schnürte sie zusammen.

Nun machten sich die drei auf den Weg. Der Trost hatte das Heuseil über die Schulter geworfen und ging voran. Ihm folgte der Treuding mit dem Packen Kienspäne, und als letzter ging der Sommer. Die drei benutzten ihre Piken, um sich auf sie zu stützen.

Sie hatten sich schon gestern abend klargemacht, wie sie zum Morgenbrotstal gehen mußten. Der Trost lachte. »Die Rinder haben uns Bahn geebnet,« sagte er. »Die haben gewußt, was wir vorhaben.« Sie folgten dem Weg, den die Rinder gewühlt und getreten, den Abhang hinunter, in den Wald hinein, immer weiter, bis sie im Tal an die Stelle gelangten, wo der Stollen aus dem Berg rauchend hervorkam. »Seht einmal, wie bequem sie es uns gemacht haben, sogar die Eiszapfen haben sie uns abgestoßen,« rief lachend der Trost.

Der Sommer sah sich argwöhnisch um. Es schien ihm, als ob er in dem zertretenen Schnee die Spur eines Männerschuhs mit Nägeln erkennen könne. Aber das konnte auch ein Irrtum sein. »Wo sind nur die Leute aus dem Haus geblieben?« fuhr es ihm durch den Sinn. »Es ist besser, nicht wieder zurückzugehen, wer weiß, wen man da antrifft.«

Der Trost setzte sich in den Schnee und zog die Schuhe aus. Dann wickelte er sich die Fußlappen ab. Nun stand er im Wasser, die Zehen bog er hoch vor Kälte; er wartete ungeduldig auf einen Kienspan, den die beiden andern zurechtmachten; der Treuding hielt ihn, er bleckte mit seinen weißen Zähnen; und der Sommer schlug Feuer, blies den Zunder an, barg ihn in einer Handvoll Heu, das er in der Tasche mitgebracht, und als das hell brannte, zündete der Treuding an ihm seinen Span an und gab ihn dem Trost, der schnell in der Höhle verschwand. Der Treuding hielt gleich einen zweiten Span in das Feuer und gab den dem Sommer zum Halten, indessen auch er sich der Schuhe entledigte. Nun stieg auch der Treuding in das Wasser, er hielt den Kienspan hoch, er bückte sich und trat in den Eingang des Stollens.

Rasch streifte der Sommer seine Schuhe ab, riß die Fußlappen von den Füßen, sprang in das Wasser und rief in die Höhle hinein, daß der Treuding zurückkommen solle. Er nestelte an seinen Wamsknöpfen und zog eine Pistole vor. Eben trat der Treuding nichtsahnend aus dem Stollen, da setzte der Sommer ihm rasch die Pistole auf die Stirn. Der Treuding bleckte erschrocken mit den Zähnen und rollte die Augen in ihren Totenkopfhöhlen, da paffte das Pulver auf der Pfanne schon auf, ein Knall, und er stürzte lang vornüber in das Wasser, daß der Sommer zurückspringen mußte. Der Kienspan verzischte im Wasser.

Der Sommer bückte sich, der Körper im Wasser war regungslos. Er drehte ihn um. Die Pistole war stark geladen gewesen, ein großes Loch war in der Stirn, rot umrändert, Blut quoll vor und mischte sich mit Wasser, die Augen starrten gebrochen, der Mund war gähnend offen. Er schüttelte sich und ließ den Toten fallen.

Die abgeschossene Pistole steckte er in die Tasche zurück und zog eine zweite, geladene vor, die er untersuchte. Zögernd machte er sich in den dunklen Gang, der ihm entgegengähnte. Das Wasser rauschte, wie er watend ging. Am Eingang an den Stempeln blitzten Eiskristalle, nachher glänzte die Feuchtigkeit. Er ging zögernd weiter, die Pistole in der Rechten auf der Brust haltend. Er ging weiter, die Helle am Eingang schwand, er mußte mit der linken Hand an den Stempeln tasten, um sich in der Mitte zu halten. Jetzt war es ganz Nacht um ihn. Er blickte ängstlich zurück. Da erschien der Eingang von fern als ein helles Loch. Er stand, und das Wasser rauschte zwischen seinen Beinen hindurch. Nun ging er wieder weiter. Plötzlich stieß er einen lauten Schrei aus. Es war etwas an ihm in der Luft vorbeigekommen, unhörbar, aber er hatte es gefühlt. Er wollte noch einmal schreien, da fiel ihm ein: das ist eine Fledermaus. Er lachte, er lachte laut, er mußte sich an die Wand lehnen und sich den Bauch halten, so lachte er.

Aber dann sagte er: »Schnell weiter, schnell weiter.« Er sagte es zweimal und sagte es das zweitemal lauter als das erstemal. Spöttisch fügte er hinzu: »Ich will mir wohl Mut machen?« Er ging watend und rauschend schneller weiter. Nun kam er an die Stelle, wo sich der Stollen gabelte. Er tastete im Dunkel.

Da sah er von weitem das Licht des Trost. Er ging schneller, schneller, er lief fast. Die Pistole hielt er fest umklammert auf der Brust. In der Tasche hielt er das Messer, das fühlte er in der Faust.

Er lief im Dunkeln. Da sah er, daß das Licht schnell größer wurde. Da sah er, daß der Trost ihm entgegenkam. »Er hat den Knall gehört,« dachte er. Schnell wurde das Licht größer. Es schimmerte an den Wänden, es blitzte von tausend Tropfen. Da stand der Trost vor ihm, ratlose Augen, der lange Bart naß, die Hosen aufgestreift, er hielt den Kienspan hoch und wollte sprechen. Er machte den Mund weit auf. Der Sommer hielt ihm die Pistole vor den Mund und drückte ab, er hielt sie ihm wohl in den Mund. Da knackte es, da sprühten die Funken. Nichts weiter. Er schrie und schmiß die Pistole fort, er hatte das Messer in der Hand und stürzte sich auf den Trost, der noch immer regungslos dastand. Die beiden fielen um in das Wasser, der Trost kam nach unten, der Sommer packte ihm mit der Linken die Kehle und würgte sie zu, mit der Rechten stieß er das Messer, er stieß durch Zeug in das Weiche. Der Trost brüllte, er schlug um sich im Dunkeln, der Span war ja verzischt, der schwamm längst fort, der Sommer brüllte, der Sommer stach zu, immer in das Weiche. Der Trost lag mit dem Gesicht unter dem Wasser, er gurgelte, er strampelte mit den Beinen, er schlug mit den Armen, der Sommer hockte auf ihm, hielt ihm die Linke an der Kehle, unterm Wasser, und stieß, stieß, stieß ins Weiche.

Da zuckte der Trost, da zappelte er, er schluckte Wasser, er schlug nicht mehr so stark um sich, es gab alles bei ihm nach, der Sommer stieß noch immer, wie er traf. Er traf auch auf Rippen, das Messer steckte in ihnen fest, er mußte es heftig wieder herausziehen. Der Trost zappelte.

Nun nahm der Sommer das Messer zwischen die Zähne, wie die Fleischer, wenn sie ein Kalb schlachten. Er kniete auf dem Trost, er drückte mit beiden Händen nieder. Immer matter wurden die Bewegungen unter ihm. Nun noch ein paarmal ein Zucken, Schnappen, dann wurde es still.

Der Sommer kniete noch. Er wartete. Das war vielleicht eine List, daß der Trost so still lag.

Dunkel war es oben, dunkel war es rechts und war es links und war es unten. Unten rauschte das Wasser, im Wasser kniete der Sommer auf dem Trost. Eisig kalt war es ihm an den Beinen, zog es ihm den Bauch hoch. Seine Zähne klapperten. Es rauschte und spülte unter ihm. Es tropfte und tröpfelte, es klang und klang vom Tropfen und Tröpfeln und Fließen. Lange kniete er so. Er dachte: »Ich will zählen. Sonst weiß ich nicht, wie lange ich schon gekniet habe.« Er zählte, eins, zwei, drei zählte er. Ganz schnell zählte er, und es dauerte doch so lange, bis er zu zehn kam. Dann zählte er weiter, immer schneller, elf, zwölf, dreizehn. Er dachte: »Ich will laut zählen.« Nun zählte er laut: Vierzehn, fünfzehn. Ganz schnell rief er die Zahlen, ein anderer hätte nicht verstehen können, welche Zahl er gerade aussprach. Und wie lange war das nun her; daß er »eins« gedacht hatte? Was war seitdem geschehen! Aber geschehen war nichts seitdem. Bewegte sich denn der Trost? Er erschrak wahnsinnig, er beugte sich weiter über, er drückte die Kehle fester. Aber er brauchte die Kehle ja gar nicht zu drücken, der Trost war ja unter Wasser! Er ließ nach mit dem Druck, leise, vorsichtig. Er merkte nichts. Das Wasser spülte an seiner Hand vorbei. Er ließ noch mehr nach. Er merkte nichts. Das Wasser spülte. Aber nun drückte er wieder fester. Der Trost war ein schlauer Kunde. Das konnte eine List sein. Aber dann hatte er ja doch auch noch die Stiche.

Der Sommer sprang auf von der Leiche und richtete sich hoch. Er hatte nicht an die niedrige Decke gedacht, er stieß mit dem Kopf an einen Balken. Da schrie er laut auf, es war, als wenn ihn einer von hinten angriff. Dann lachte er. Der Stoß tat weh, der Schädel brummte ihm, aber das war ja nur der Balken gewesen. Ein Mensch war ja nicht mehr da. Der Treuding lag draußen im Wasser und war tot, und der Trost lag hier im Wasser und war tot. Keiner lebte mehr. Sie waren alle tot.

Da merkte er die Kälte an den Füßen, an den Beinen, die Hose klatschte ihm eisig an, am Bauch merkte er die Kälte.

»Da kannst du dir den Tod holen,« sagte er zu sich. »Wenn du jetzt trockne Sachen hättest! Alles naß. Die Hose durch und durch, das Wams auch naß. Und die beiden haben auch keinen trocknen Faden an sich.«

»Laß den Sack jetzt,« sagte er zu sich. »Der liegt sicher. Was hast du, wenn du krank bist!«

Nun wußte er nicht mehr, nach welcher Richtung der Eingang war. Er stellte sich gerade hin und überlegte. Da schien es ihm, daß er die Richtung hatte. Er ging los. Er ging im Dunkeln, er ließ die Linke an den Stempeln entlanggleiten, um nicht an die Wand zu rennen. Es rauschte und plätscherte um seine Füße und floß und rieselte, es tropfte und klang um ihn vom Wasser. So ging er. Er dachte: »Wenn jetzt der Trost lebendig ist und hinter dir her kommt!« Er bezwang sich, um nicht vor Angst zu schreien. Dann lachte er. Angst war Unsinn. Nun hatte er das Geld allein. Das Herz sprang ihm hoch vor Freude, er griff sich an die Brust, um es zu halten.

Nun ging er im Dunkeln, mit den Händen an den Stempeln hinstreichend, das Wasser schoß ihm entgegen, er durchrauschte es, es floß und plätscherte und tropfte, und er ging. Er ging lange. So lange ging er, bis er dachte: »Nun müßte ich doch den Eingang schon sehen; wie lange bin ich denn gegangen? Ich weiß ja gar nicht mehr, wie die Zeit geht; es ist mir, als ob ich eine Stunde gegangen bin, oder vielleicht bin ich nur eine Minute gegangen? Das ist wohl die Angst, die ich habe. Aber weshalb habe ich denn die Angst? Die beiden sind ja doch tot, die können mir doch nichts mehr anhaben!«

Da blieb er plötzlich stehen und schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Ich gehe ja gegen den Strom!« rief er aus. »Ich gehe ja in den Berg hinein! Bin ich denn ganz dumm, daß ich das nicht gemerkt habe? Ich muß ja doch mit dem Strom gehen, wenn ich hinaus will.«

Nun drehte er um und ging zurück, das Wasser rauschte nun hinter ihm her. Er fragte sich: »Das war wohl die Angst, deshalb bin ich wohl falsch gegangen?« Er lachte. »Weshalb soll ich denn wohl Angst haben?« dachte er. »Aber die Kälte dringt einem durch und durch, das kann einen schon verwirrt machen.« Er klapperte mit den Zähnen.

So ging er im Dunkeln und tastete mit der Hand an den Stempeln. Er ging mit dem Wasser, das Wasser floß um ihn. Da stieß er an etwas. Er schrie laut auf, er schrie lange und zitterte. Das war der tote Trost, an den er da gestoßen war. Er mußte doch lachen, als ihm das klar wurde. Der Trost war das. Der war nun hin. Und draußen lag der Treuding, er lag auch im Wasser. Der Sommer lachte, und dabei klapperten ihm die Zähne. »Nun hat man noch nicht einmal etwas Warmes im Magen,« sagte er. »Ich will eine Kuh melken, die Milch gibt einem doch wenigstens etwas Wärme.«

Er ging, das Wasser rauschte hinter ihm. Da sah er von weitem klein den Ausgang. Er ging, er lief. »Der Trost kommt nicht mehr nach,« rief er lachend und zähneklappernd.

Nun kam er heraus aus dem Stollen, die Luft war viel kälter, er schnatterte mit den Zähnen und zitterte am ganzen Körper. Da lag der Treuding im Wasser. Er lag quer, das Wasser floß über ihn hin, der Kopf wippte auf und ab, der Mund stand offen.

Schnell schob er ihn an Land. Er rieb sich die Beine ab, wickelte sich die Füße in die Lappen und zog die Schuhe an. Dann nestelte er das Wams des Toten auf und zog es aus, dann löste er die Hose; sie war aufgestreift gewesen für das Waten im Wasser, nun hatte sie sich aber durch die Nässe eng zusammengezogen. Es ging schwer, das Abziehen. Ein Hemd hatte der Treuding nicht gehabt. Nun lag er da mit seinem glatten Schädel, an den ein paar dünne, lange Haare angeklebt waren, mit den tiefen Augenhöhlen, der eingefallenen Nase und dem großen Gebiß. Mager war er, alle Rippen konnte man zählen. Der Sommer gab ihm einen Tritt, er rollte sich um, die Arme bogen sich wie bei einem Hampelmann, er schurrte schief in den Bach zurück.

Die nassen Kleider nahm der Sommer über den Arm, dann lief er, was er konnte, zur Bockswiese zurück. Die Schuhe der beiden hatte er in der andern Hand an den Schuhbändern, er schlenkerte mit ihnen.

Er lief und lief, um warm zu werden, aber er schnatterte trotzdem mit den Zähnen. Auf der Bockswiese kam er an. Da stieg der feine, dünne Rauch von der Brandstätte auf, die Mauern waren ganz warm. Der Sommer breitete die Sachen auf die Mauern, er hielt sie durch ein paar Steine, die er oben auflegte, nun hingen sie außen an den warmen Steinen herunter, der Wind konnte durch sie fahren, und die Sonne konnte auf sie scheinen. Schnatternd lief er in den Stall und stieg die Stiege zum Speicher hoch. Da lagen ein paar Säcke, die hatte er gesehen. Er zog seine eignen nassen Kleider aus und hüllte sich in die Säcke und band sie fest, so gut es gehen wollte, da fühlte er, wie die Nässe außen wich, aber er war noch ganz kalt. Seine eignen Kleider brachte er nun auch zur Brandstätte und hängte sie zum Trocknen auf. Dann lief er in den Stall zurück. Er nahm den Melkeimer und setzte sich unter eine Kuh, die er heute früh noch nicht gemolken. Zutraulich wendete die Kuh ihren Kopf und brüllte. Er molk, dann trank er gierig, dann ging er in den Kälberstand. Die Kälber standen auf, er legte sich, wo ein Kalb gelegen hatte. Warm war es da, warm. Das Kalb stand ängstlich, dann wurde es wohl ruhig, dann verschwamm ihm alles vor den Augen. Er hörte im Schlaf, wie das Vieh brüllte. Das Vieh hatte wohl Hunger. Aber er wußte nicht, daß ihn das anging. Das war wohl irgendwelches Vieh. Er schlief, er schlief immer tiefer und hörte nichts mehr.

Auch auf dem Hahnenklee war den Leuten der Schlaf inzwischen über die Augen gekommen. Als der Morgen gekommen war, waren die Kinder unruhig geworden. Da erhob sich die alte Margarete, schüttelte sich und betete ihr Morgengebet, dann molk sie die Ziegen, um für die Kinder Milch zu haben.

Die Bäuerin sagte: »Nun ist alles geschehen. Das nützt nichts, wenn man trauert und klagt. Der Bauer liegt draußen auf dem Schnee, der Hansl liegt neben ihm, sie müssen in die Erde gebracht werden. Und das Vieh ist nun im Wald. Vielleicht haben ihm die Wölfe nicht zugesetzt. Ich will gehen und nachschauen, ob die Soldaten fort sind.«

Die beiden Männer standen auf und sagten:

»Wir gehen mit. Wir kundschaften vorsichtig aus. Das ist nichts für eine Frau allein.«

So machten sich die drei auf den Weg in der alten Fußspur im Schnee. Sie kamen auf der Bockswiese an, da standen die vier Mauern des Hauses, aus der Mitte stieg noch eine feine, blaue Rauchsäule auf zum strahlenden Himmel. Baum und Strauch standen im Rauhreif, es glänzte und glitzerte im Sonnenschein. Da lagen die beiden Toten ausgestreckt auf dem Schnee, ihre Kleider waren weiß bereift, der Reif saß dem Bauern im Bart, die Gesichter waren weiß und steif. Die Bäuerin schrie auf und sank neben ihrem Mann in die Knie, sie faßte die eine Hand ihres Mannes, die halb geschlossen neben ihm lag, da erschrak sie, stieß einen leisen Schreckensruf aus und ließ sie.

Die beiden Männer hatten Hacke und Schaufel mitgebracht, die legten sie schweigend neben die Leichen.

Hermann sah den Fremden bedeutungsvoll an. Vom Stall her hörten sie das Vieh brüllen. »Das Vieh hat Hunger,« sagte Hermann entschlossen und ging zum Stall, der Fremde ging neben ihm. Die Bäuerin erhob sich seufzend, sie strich ihre Schürze glatt und folgte den Männern.

An der Tür winkte Hermann den andern zurück, daß sie hielten. Er lauschte eine Weile. Dann öffnete er vorsichtig die Tür und lugte durch den Spalt. Er sah, wie die Kühe alle den Kopf zu ihm wendeten. Nun öffnete er leise die Tür ganz und trat vorsichtig ein, die andern folgten ihm vorsichtig. Sie gingen in den Stall, da standen die Rinder alle, jedes an seinem Platz angekettet. Die Bäuerin stieg schnell die Stiege zum Speicher hoch, um Heu herabzuwerfen. Hermann ging suchend weiter durch den Stall. Wie er sich über den Verschlag für die Kälber bückte, sah er die Kälber daliegen, zwischen ihnen den Sommer, in Säcke gewickelt. Er prallte zurück.

Durch die Bewegung wachte der Sommer auf. Er rieb sich die Augen und dehnte sich, dann sagte er: »Ach, ihr seid wohl wiedergekommen?« Plötzlich wurde ihm alles Geschehene klar. Sein Gesicht bekam einen ängstlichen Ausdruck; er sagte: »Laßt mich in Ruhe, ich habe euch nichts getan, die andern sind tot.«

»Du wärst auch nichts Beßres wert, als daß man dich totschlüge,« sagte finster Hermann. Er zog den Karabiner, den er mitgenommen, der Fremde zog den andern. Der Sommer kniete nieder und faltete flehend die Hände. »Steh auf,« herrschte ihn Hermann an. »Wo sind die andern beiden?« – »Im Morgenbrotstal, sie sind tot,« stotterte der Sommer.

Hermann pfiff zwischen den Zähnen. »Ach so!« sagte er. »Nun gib deine Waffen her!«

Der Sommer stieg aus dem Verschlag heraus und reichte die Pistolen hin, die neben ihm lagen. Hermann sah sie an. Sie waren abgeschossen. Er nickte verstehend mit dem Kopf. Dann griff er außen die umgewickelten Säcke ab. Er zog das Messer heraus. Als er es aus der Scheide zog, sah er, daß es ganz voll Blut war. Der Sommer wurde blaß.

»Du kannst gehen, wohin du willst,« sagte Hermann zu ihm.

Der Sommer sagte: »Ich habe meine Sachen draußen zum Trocknen auf die Mauer gehängt, darf ich die nicht erst holen und anziehen?«

Hermann nickte ihm wortlos zu. Er steckte den Karabiner ein und wendete sich, von dem Fremden gefolgt, zu dem Heuhaufen, den die Bäuerin durch die Luke herunterwarf. Er nahm ein Bündel in die Arme, trat vor den Barren und verteilte das Heu. Die Rinder machten sich gierig ans Fressen.

In der Ecke des Stalles war der Brunnen. Der Eimer hing am Haken. Der Fremde ließ ihn an der Kette hinab und zog ihn hoch und schüttete das Wasser in die Barren. Gierig schlürfte das Vieh. Der Fremde ging und goß Wasser, Hermann legte Heu. Nun kam die Bäuerin die Stiege wieder herunter.

Der Sommer war aus dem Stall gegangen, um seine Kleider zu holen. Nun kam er zurück, er bat, ob er sich nicht im warmen Stall umziehen dürfe. Hermann nickte ihm schweigend. Er ging in die Ecke, wickelte die Säcke ab und zog seine Kleider an.

Nun stand er angezogen da. Hose und Weste waren eingeschrumpft, der Hut war wüst zerknickt. In seinem bleichen Gesicht waren grüne und gelbe Flecken, er schlug die Augen zu Boden. Er sagte: »Nun gehe ich.« Er wollte das frech sagen, aber es kam kläglich heraus. Er sagte: »Gott befohlen alle«; das sollte ein Hohn sein, aber es war wie eine Bitte um Verzeihung.

Niemand antwortete ihm. So schlich er mit rundem Rücken zur Tür, öffnete sie halb und verzog sich durch sie.

Als er draußen war in der sonnigen Kälte, da steckte er die Hände in die Hosentaschen und lief. Er lief die gewühlte Spur zum Morgenbrotstal hinunter. Als er weit genug vom Hof entfernt war, schon auf der Sohle des Tals, machte er einen Juchzer; das klang, als ob er sich Mut machen wollte.

Er lief auf der Talsohle in der alten Spur. Da sah er die Öffnung des Stollens, die in die kalte, sonnige Luft hinein rauchte.

Schnell setzte er sich auf den Rand des Grabens, um die Schuhe auszuziehen. Da sah er neben sich, halb im Wasser und halb auf dem Land, die nackte, steife Leiche des Treuding.

Die Beine lagen steif gespreizt auf dem Land, der übrige Körper lag im Wasser. Die Arme mit den gekrallten Fingern standen rechtwinklig vom Körper ab. Der Körper war mager und dürr, die Gelenke waren knotig. Die Haare auf der Brust zogen sich im Wasser lang, und der zerschossene Kopf mit den bleckenden Zähnen wippte.

»Du ißt kein Brot mehr,« sagte der Sommer prahlerisch und gab dem Körper einen Tritt, daß auch die Beine in das Wasser fielen, wo nun der Körper lang und ungeschickt lag. Der Sommer lachte; nun streifte er sich die Hosen auf und ging in das Wasser.

Er holte Stahl und Stein vor und schlug Feuer. Da lag noch etwas Heu von gestern, daneben eine Handvoll Kienspäne. Er steckte einen Span an und watete rauschend in das Dunkel des Stollens hinein. Ein angebrannter Kienspan hatte sich am Eingang festgesetzt. »Das ist der Kienspan, den gestern der Trost gehabt hat,« dachte er sich. Er pfiff einen Gassenhauer und schritt rauschend vorwärts. An den Wänden blitzte und funkelte die Feuchtigkeit im Licht.

Pfeifend schritt er weiter, da stieß er an einen Körper. Er tat einen lauten Schrei, fast hätte er den Kienspan fallenlassen. Das war der Trost. Der hob sich aus dem Wasser, von seinem Gesicht flossen Haare und Bart fort, das Gesicht tauchte einen Augenblick auf, es war, als ob er nickte; dann fiel er platschend wieder zurück ins Wasser. Der Sommer lachte. »Der ist tot, der tut keinem mehr etwas,« sagte er.

Neben dem Trost mußte das Heuseil liegen, das er brauchte, um zum Schacht hochzuklimmen. Er nahm den Kienspan zwischen die Zähne, stemmte die linke Hand auf die Knie, mit der rechten suchte er im Wasser. Er suchte und tastete, da fühlte er die Kleider des Trost, da fühlte er die glatte Stirn. Er hätte fast wieder aufgeschrien. Er lachte bebend. »Wie ein altes Weib,« dachte er. »Der ist tot, der frißt kein Brot mehr, der tut keinem mehr etwas.« – »Tu mir doch etwas,« sagte er laut und gab dem Körper einen Tritt. Der bewegte sich leicht im Wasser, das haarumfloßne, bleiche Gesicht kam wieder ruckend auf einen Augenblick zum Vorschein. Aber nun hatte er das Heuseil getastet. Es hatte unter dem Leichnam gelegen. Er hob es mühsam auf, es war schwer. Er schwang es sich über die Schulter, da durchnäßte es ihn ganz.

Er ging weiter im Wasser. Es rauschte und floß, es tropfte und tröpfelte, es klang. Der Strom floß gegen ihn. Pfeifend schritt der Sommer weiter. Mit der linken Hand hielt er das geringelte Heuseil auf der Schulter fest, mit der rechten Hand schwang er den Kienspan, daß er sprühte und knisterte; an den Wänden tanzte es blitzend und funkelnd.

Nun klopfte ihm doch das Herz, das war Angst und Jubel.

Er ging im Wasser und rauschte. Da stand, da stand, das war eine Leiter, die da stand.

Das Herz stockte ihm. Sollte der Bursche ihm den Schatz gestohlen haben, der heute ihn auf der Bockswiese angeredet hatte? Er sprang auf die Leiter zu, er stieg hoch, den Kienspan zwischen den Zähnen, er schwang sich von Nagel zu Nagel, nun war er oben im Stollen. Da lief er, den Kienspan vor sich, der sprühte und knisterte, er lief auf der Bohle, sein Schatten hüpfte auf an der Decke. Nun kam er zu dem Querschlag, vor dem lag der tote Soldat. »Der Anheißer hält noch Wache,« kam es in wirrem Geschwätz aus seiner Brust; er sprang über die ausgestreckten Beine und lief an das Ende des Querschlags. Da lagen die Steine: große Wände und kleiner Steinschlag. Er wühlte mit beiden Händen, er wälzte die großen Wände fort, er schaufelte, er grub, die Fingernägel bluteten ihm, ein Nagel riß ihm aus. Er wühlte, wälzte, grub, schaufelte. Nichts fand er. »Ich weiß es ja, er ist gestohlen,« dachte er. »Ich weiß es ja, er ist gestohlen.« Trotzdem wühlte und grub er weiter.

Plötzlich hörte er auf. Er setzte sich auf eine große Wand, die er vorgewälzt hatte, er sah wirr um sich. Den brennenden Kienspan hatte er immer zwischen den Zähnen.

Dann sprang er auf, er sprang auf beide Füße, er hüpfte in die Höhe und hüpfte, dabei raufte er sich die Haare. »Gestohlen,« schrie er, »gestohlen.« Vielmals hüpfte er und schrie, indem er sich die Haare raufte.

Mit einemmal stürzte er wieder zu dem Steinhaufen, wühlte und grub, schleuderte die kleinen Steine hinter sich, wälzte die großen Steine fort und stieß sie hinter sich mit den Füßen weiter. Der Kienspan war kurzgebrannt, er versengte ihm die Backe. Er riß einen neuen Span aus dem Bündchen, steckte ihn an dem alten an, warf den auf den Boden, daß er in der Nässe auszischte, dann grub er weiter, schaufelte er weiter.

Es tropfte und tröpfelte und klang, die Steine polterten und klapperten, er grub und wühlte, nun hatte er schon mehrmals alles durchwühlt, es war unmöglich, daß der Sack irgendwo steckte. Er setzte sich auf die Wand, stützte den Kopf auf und brütete.

Dann stand er langsam auf. Die Glieder schmerzten ihn. Die Finger taten ihm weh, sie bluteten; wo der Nagel ausgerissen war, puckte und zog es. Er ging langsam, schleppend zurück. Als er an das Ende des Querschlags kam, bückte er sich und leuchtete dem toten Anheißer ins Gesicht. Das glänzte vor Feuchtigkeit, es war eingefallen, blau und grau, die tiefliegenden Augen waren halb geöffnet. Beim Flackern des Kienspans war es, als ob er mit dem einen Auge spöttisch zwinkere. Er saß da wie eine Vogelscheuche, seine Kleider hingen nur so an ihm, die Hände lagen verdreht neben ihm. Das Schwert war durch die lederne Scheide durchgerostet.

Der Sommer richtete sich wieder auf und ging weiter. Die Bohle wippte. Da kam er an das Ende, wo der Schacht abteufte. Er setzte sich auf den Rand, nahm den Kienspan in den Mund und ergriff den ersten Nagel, dann schwang er sich hinunter zum zweiten Nagel, und so griff er sich bis zu der Leiter und stieg die hinab.

Dann watete er im Wasser zurück. Er leuchtete mit dem Kienspan über dem Wasser vor sich hin, damit er den toten Trost nicht berührte. Da lag der. Eine Hand ragte aus dem Wasser, er sah den Körper dunkel in der Flut. Vorsichtig drückte er sich an die Stollenwand, und so kam er an ihm vorbei. Nun ging er langsam weiter, die Kälte war ihm bis in das Mark gedrungen, er konnte nicht schnell gehen. Er sah von weitem den hellen Punkt des Eingangs. Auf den ging er rauschend und plätschernd zu, langsam, ziehend, in dem eiskalten Wasser, im Gehirn drehte es sich ihm. Nun kam er heraus, er warf den brennenden Kienspan ins Wasser, der zischte und schwamm langsam fort, er hielt beim Treuding an, der ganz im Wasser lag, nackt, die dürren Beine hölzern und steif. Er stieg aus dem Wasser, wischte sich die Füße und Beine ab, die Zähne klapperten ihm, er wickelte die schmutzigen, stinkenden Fußlappen um und zog die Schuhe an.

Gestern hatte er eine Männerspur zwischen den Spuren der Rinder bemerkt. Es wurde ihm jetzt klar, daß er damals gleich Sorge gehabt hatte: was ist mit dem Sack? Er ging nun und suchte; der Schnee war zertreten von den Rindern; aber hier fand er wieder die Spur der Nagelschuhe.

Die Rinder waren von der Bockswiese heruntergekommen, sie hatten sich hier vor dem Stolleneingang eine Zeit aufgehalten, dann waren sie weitergegangen, dann waren sie wieder zurückgekommen. Er folgte der Spur. Da war wieder ein Abdruck eines Nagelschuhs. Es war derselbe Schuh. Er folgte den Rinderspuren weiter. Noch einmal fiel ihm die Schuhspur auf. Dann kreuzte eine Spur den Weg, wo Menschen hin und her gegangen waren. Hier waren die Rinder unsicher geworden; einige waren noch etwas über die Menschenspur hinausgegangen; aber die waren gleich wieder umgekehrt, und die andern waren auch umgekehrt zum Tal zurück.

Die neue Menschenspur stammte von verschiedenen Schuhen. Sie kam von der Bockswiese. Der Sommer wendete sich und folgte ihr in der Richtung, nach der sie führte. So kam er nach Hahnenklee.

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