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Der Schatz im Morgenbrotstal

Paul Ernst: Der Schatz im Morgenbrotstal - Kapitel 3
Quellenangabe
authorPaul Ernst
titleDer Schatz im Morgenbrotstal
publisherC. Bertelsmann Verlag
year1950
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170125
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Zweites Hauptstück

Die ausgemachte Anzahl von Bäumen war angesägt, der Acker war umgepflügt, und Anna zog wieder zurück nach der Bockswiese. Nun ging im Hahnenklee die Zeit wieder ihren gewohnten Gang. Hermann machte sich mit der ersten Helligkeit auf und schlug die Bäume, welche angesägt waren.

Es war ein guter Herbst und Vorwinter. Noch war kein Schnee gefallen. Die Nächte waren kalt. Tagsüber schien die Sonne klar und hell auf den leicht gefrorenen Boden und hatte ihn gegen Abend fast aufgetaut. Die Bäume lagen nun geschlagen. Mit der Bügelsäge sägte Hermann die Spitzen ab, dann entästete er sie mit der Axt. Er hatte mit dem Bauern abgemacht, daß er die Walzen auch noch bebeilen mußte. Er rollte sie auf Lager; das Zimmermannsbeil hatte ihm der Bauer geliehen, nun machte er sich an die Arbeit, die zähen Späne abzuschlagen, bis er saubere, vierkantige Balken hatte.

Auch für den Stall, den er sich selber bauen wollte, richtete er jetzt das Holz. Er bebeilte die Walzen; an den Enden schlug er die Lücken ein, mit welchen die Balken eingekammt werden sollten, denn er wollte den Stall nur aus Holz bauen, wie ein Blockhaus. Für die Mutter hatte er Stücke zurechtgesägt, die sie zu Schindeln zu spalten konnte; schon häuften sich vor dem Hause mehrere Türme aufgeschichteter Schindeln.

Am Abend las er in der Bibel, für sich allein, nachdem die alte Margarete ihr gewohntes Kapitel laut vorgelesen hatte. Er sprach nicht viel mit ihr über das Gelesene; aber er ging jeden Sonntag nach Goslar zur Predigt und blieb dann nach der Predigt in der Kirche, wo der Pastor Lehrstunden über den Glauben abhielt.

So war es nun fast bis in die Mitte des Dezember gegangen. Da bezog sich der strahlend blaue Himmel mit schweren Wolken, die Sonne verschwand hinter ihnen, ein milchiges Licht war, die Kälte ließ nach, und es begann zu schneien. In schweren, großen Flocken fiel der Schnee. Er legte sich auf die behauenen Balken, die sauber geordnet an ihrer Stelle im Wald lagen, auf die abgehauenen Zweige, die zu Haufen aufgeschichtet danebenstanden, auf die reinlich aufgehäuften Späne. Er legte sich schwer auf die Äste der Fichten, die sich bogen, er bedeckte den freien Boden; auf dem Dach der Hütte lag er, und am Rand des Daches bildeten sich lange und schwere Eiszapfen.

Hermann konnte nicht viel draußen tun. Er hatte sich eine Armbrust eingetauscht; nun ging er im Wald und suchte, ob er ein Wild zu Schuß bekam. Er brachte oft etwas mit; das Geräucherte konnte geschont werden, am Sonntag nahm er gewöhnlich Wild mit nach Goslar zum Verkauf oder Tausch. Schon hatte er einen gebrauchten zweiten Anzug eingehandelt und zwei Hemden.

Um das Haus herum waren nur seine und der alten Margarete Fußtapfen, weiterhin in den Wald ging nur noch seine eigene Spur. Die Straße nach Goslar wurde wohl von niemandem begangen; am Sonntag waren seine Tritte von der vorigen Woche verschneit, er mußte sich einen Weg durch den Schnee neu brechen, der ihm nun schon bis über die Knie ging.

An einem Abend ging er nach Hause. Er hatte einen geschossenen Hasen an der Seite hängen. Er mußte die Straße nach Goslar kreuzen, da sah er im Schnee fremde Spuren; es waren Männerspuren.

Er erschrak heftig und spannte seine Armbrust. Dann folgte er den Spuren vorsichtig und lauernd. Die Luft war neblig, man konnte nicht weiter sehen wie zwanzig oder dreißig Schritte. So weit sah er immer die Spur vor sich. Er ging eine Weile, dann erblickte er vorn etwas Dunkles. Er prüfte noch einmal den Bolzen, dann schritt er zu.

Mühsam ächzend arbeitete sich ein Mann durch den Schnee mit einem ungeheuren Filzhut mit Federbusch, langem Schwert, und mit einer Pike in der Hand, auf die er sich gehend stützte. Es war ein alter Soldat. Hermann konnte hören, wie er vor sich hin sprach und schimpfte. Schnell schritt er weiter, legte die Armbrust an und rief. Der Mann drehte sich um.

Als er die angeschlagene Armbrust sah, wurde er unruhig. »Was soll denn das heißen?« schrie er. »Keinen Schritt weiter, sonst schieß' ich,« rief Hermann. Die beiden standen sich mit einem größeren Zwischenraum mißtrauisch gegenüber.

»Bin ich bald im Hahnenklee?« fragte der Soldat.

»Was hast du da zu suchen?« fragte Hermann entgegen.

»Das ist meine Sache,« erwiderte mürrisch der andre. »Bis Klaustal kann ich nicht mehr gehen. Ich bin krank.«

Hermann überblickte ihn prüfend. Der Mensch mochte etwa fünfzig Jahre zählen. Er hatte ein verwittertes Gesicht mit einer großen Hakennase, die rot leuchtete durch Sonnenbrand und Sturm, eingefallene, abgezehrt bleiche Wangen, krank flackernde Augen und einen langen, grauen Knebelbart. Langsam spannte Hermann die Armbrust ab und ließ sie sinken. »Du wirst wohl nicht viel Schaden mehr tun,« sagte er.

»Nein,« erwiderte der andre, »mit mir wird's wohl bald aus sein.«

Hermann trat nun näher zu ihm. »Was willst du denn in Klaustal?« fragte er.

Der andre zuckte die Achseln. »Weiß ich nicht. Irgendwo muß man doch sein. Na, da geht man eben, wie es kommt.«

»Und dabei stiehlt man oder raubt, wie es sich eben macht?« fragte Hermann mit finsterem Gesicht.

Der Soldat lachte verlegen. »Na, da weißt du ja Bescheid,« sagte er. »Unsereins hat schließlich auch einen Magen, der etwas in sich hinein haben möchte.«

»Am besten, du verreckst hier auf der Straße, und der Schnee deckt dich zu,« sagte Hermann, »komm mit!« Er ging neben dem Kerl her. Eine Weile gingen die beiden schweigend.

»Ist es noch weit?« fragte der Soldat. »Einmal bleibe ich ja doch auf der Straße liegen; da ist es einerlei, ob es heute ist oder morgen. Na, vielleicht macht man erst noch einmal so ein kleines Feuerchen an, an dem man sich die Hände wärmt.« Er leckte sich lüstern die Lippen.

»Ja, das Mordbrennen wird Euch wohl vergehen,« erwiderte Hermann. »Die Bauern machen kurzen Prozeß, wenn sie einen erwischen.«

»Ja, die Bauern sind hoch heutzutage,« klagte der Soldat. »Das ritterliche Leben wird nicht mehr geachtet.«

Die Hütte tauchte aus dem Nebel auf. »Du kannst mit hineinkommen,« sagte Hermann. »Aber wenn ich etwas Unrechtes merke ...« Er machte eine drohende Handbewegung.

Der Soldat sah scheu auf die Hand Hermanns und murmelte: »Ich bin froh, wenn ich meine Knochen ausstrecken kann.«

Die alte Margarete stand am Herd, als die beiden eintraten. Sie sah den Soldaten mißtrauisch an und erwiderte seinen Gruß nicht. »Zu stehlen ist hier nichts,« sagte sie. »Und es wird dir immer aufgepaßt. Setze dich in die Ecke da!«

Demütig zog sich der Soldat in die angewiesene Ecke; er rückte sich den Holzklotz herbei und setzte sich seufzend. An seinen Beinen löste sich der Schnee und fiel ab, es tropfte, er trocknete sich den langen Bart mit der Hand. Er zog das eine Bein hoch, legte es über das Knie und betrachtete den Stiefel. Die Sohle war fast durchgelaufen. »Im Sommer geht's noch,« sagte er; »aber im Winter, da ist es fast, als ob man barfuß im Schnee liefe.«

Hermann hatte sich an seinen Hasen gemacht. Er zog ihm das Fell ab, dann schnitt er ihn auf, um ihn auszuweiden. Die Gedärme nahm er heraus und warf sie vor die Tür in den Schnee. Da saßen Krähen auf den nächsten Bäumen. Die kamen mit schwerem Flügelschlag herbei, stießen ihren Laut aus, nahmen von dem Hingeworfenen und flogen scheu wieder ab.

Die alte Margarete setzte den Topf auf den Tisch und rückte die Schemel; der Soldat kam mit seinem Holzklotz auch herbei. Er wankte eigentümlich bei der Bewegung.

»Du bist ja krank?« fragte die Großmutter und sah ihn scharf an.

Der Mann lachte verlegen. »Ja, wie soll man nicht krank sein!« sagte er. »So oder so, man muß doch aus der Welt. Den Soldaten können sie nicht mehr brauchen. Na, das ist alles einerlei. Ihr müßt ja auch einmal fort. Ihr habt's hier gut.« Er sah sich um in dem warmen Raum. Behaglich matt fiel das Licht durch die geschabte Blase, die nun vor die Öffnung über der Tür genagelt war. Die Ziegen blickten aufmerksam und neugierig nach dem Tisch.

Die alte Frau betete. Der Soldat faltete verlegen die Hände und hustete, dann bewegte er die Lippen mit. Nun setzten sich die drei.

Die Mutter nahm ihre Suppe, gab dann den Löffel an Hermann, der nahm und gab den Löffel dem Soldaten. Als der ihn in den Topf tauchte, überkam ihn ein Schütteln. Zitternd hielt er den Löffel und schlürfte gierig. »Das tut gut,« sagte er, »seit acht Tagen habe ich nichts Warmes in den Bauch gekriegt, da kältet man aus.«

Der Löffel ging wieder um. Die Kleider des Soldaten dampften in der Wärme. Er rieb sich die Hände.

»Nachher gehe ich wieder in den Wald,« sagte Hermann zu dem Soldaten, als das Essen beendet war. »Dann mußt du auch fort. Allein lasse ich dich nicht hier.«

Betrübt sah der Mann auf, er sah zu Hermann, dann zu der alten Margarete. Er wagte nichts zu sagen, er zog nur kläglich sein Bein hoch.

»Laß ihn nur,« sagte die alte Frau. »Ich fürchte mich nicht. Wir stehen in Gottes Hand. Du bist ja auch nicht weit.«

Unzufrieden blickte Hermann zu Boden, aber er antwortete nichts. Er langte die Bibel vom Bord und vertiefte sich ins Lesen. Der Soldat saß inzwischen stumpfsinnig und starrte in das Feuer auf dem Herd. Die Alte besorgte die Ziegen. Als die Mittagspause vorüber war, schlug Hermann das Buch zu und stellte es wieder an seine Stelle. Dann nahm er seine Mütze, ergriff die Armbrust und hängte die Tasche mit den Bolzen über, dann verließ er den Raum.

Eine Weile war es ganz still. Da sagte der Soldat in kläglichem Ton: »Mutter ... kann ich mich legen? Mir ist sehr schlecht.« Schon wankte er zu Hermanns Lager; dort stürzte er fast hin; er zog sich die Felldecke über und schloß zähneklappernd die Augen.

»Du bist doch schon einmal hier gewesen,« sagte ihm die alte Frau.

Erschreckt fuhr der Mann auf. »Woher weißt du das? Das ist nicht wahr!« rief er.

»Ja, meinen Sohn ... habt ihr ja damals ...« Sie vollendete den Satz nicht, ihre Lippen bebten. »Und meine Tochter ist ja nun auch tot,« sagte sie. »Aber ›richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.‹ Ist dir noch kalt? Sonst kann ich dir noch meine Decke geben.«

»N – nein,« erwiderte er bebend und zähneklappernd.

Nach einer Weile richtete er sich mühsam auf.

»Was machst du da?« fragte sie.

»Ich will weitergehen,« erwiderte er, »nach Klaustal. Jetzt liegt doch tiefer Schnee. Da ist nichts zu machen. Ich bin zu spät gekommen. Vielleicht kann ich mich in Klaustal nützlich machen den Winter über.«

»Bleib nur liegen,« sagte sie ruhig, »du kannst nicht gehen.«

»Ja, ich kann nicht gehen,« sagte er. »Die Wärme hat mich matt gemacht. Ich kann ja bleiben. Ich dachte nur, weil du denkst, daß ich schon einmal hier gewesen bin.« Er erschrak und schwieg, er verkroch sich wieder unter die Felldecke.

Er streckte nach einer Weile den Kopf wieder vor und sagte: »Gott hat die Erde für alle Menschen geschaffen, für mich auch. Wenn den Großen ein Kind geboren wird, das ist ebenso nackt wie unsereiner, wenn es auf die Welt kommt. Aber nachher, da fängt die Ungerechtigkeit an. Na, erst wird einem alles genommen, da ist es keinem zu verdenken, wenn er sich auch nimmt.«

»›In des Gerechten Hause ist Gutes genug,‹ Sprüche Salomonis am fünfzehnten,« erwiderte ruhig die alte Frau.

»Ihr wißt auf alles einen Spruch,« sagte mürrisch der Soldat und schwieg.

Die alte Margarete hatte den Boden aufgekehrt. Dann hatte sie neues Fichtenreisig zerschnitten und gestreut. Nun legte sie noch ein Scheit Holz auf den Herd. Dann strich sie ihre Schürze glatt und stellte sich vor den liegenden Soldaten. Der blinzelte unruhig mit den Augen.

»Es ist ja nicht für mich. Es ist für die Kinder,« sagte sie. »Wo habt ihr den Schatz versteckt?«

»Welchen Schatz?« fragte der Soldat kläglich.

»Du weißt schon, was ich meine,« erwiderte Margarete. »Denkst du, ich weiß nicht, weshalb du bei diesem Wetter in den Harz kommst? Was kannst du denn sonst hier wollen? Arbeiten willst du nicht, und zu rauben und zu stehlen gibt es hier nichts mehr, und du mußt bloß Angst haben, daß dich die Leute totschlagen, wenn sie dich treffen. Weshalb bist du gekommen? Ihr habt den Schatz hier versteckt, wie ihr hier meinen Sohn ins Feuer gelegt habt und den Hof verbrannt habt.«

Der Soldat blinzelte mit den Augen. Er versuchte zu lachen. »Was ist denn das für ein Schatz?« fragte er. »Zeigt ihn mir doch, ich könnte so einen Schatz auch brauchen. Nicht wahr, silberne Becher und Silbergeld, nicht wahr, so einen Schatz meinst du?«

»Ja, den meine ich, den Schatz, den ihr damals in einem Sack gehabt habt, zu dem ihr auch das Geld getan habt, das mein Sohn im Keller versteckt hatte.«

Der Soldat richtete sich wütend auf und schrie: »Ich weiß von keinem Schatz, alte Hexe, geh und such' selber, ich weiß von nichts. Und ich habe deinen Sohn nicht ins Feuer gelegt.«

»Du liegst da und kannst dich nicht selber sehen,« sagte die Großmutter. »Wenn du dich sehen könntest, dann würdest du erschrecken. Ich bin eine alte Frau, ich habe schon manchen sterben sehen. ›Gedenke, daß der Tod nicht säumt,‹ Sirach am vierzehnten.«

»Du meinst, ich muß bald sterben?« sagte der Soldat und versuchte zu lachen, aber seine Zähne klapperten. »Du meinst, ich muß bald sterben? Das ist nur die Kälte und die Nässe, die sind mir bis in die Knochen gegangen. Siehst du, Mutter, Ihr seid gut zu mir gewesen; wenn ich Euch eine Guttat erweisen könnte, so wollte ich es tun, denn ich habe ein dankbares Gemüt, wenn es auch vielleicht nur gewesen ist, weil du gedacht hast, ich sage dir den Ort, wo der Schatz liegt. Aber siehst du, in so einem Schatz, da steckt viel Arbeit, das wißt ihr Bauern nicht, und wenn der Soldat zu alten Tagen kommt, dann heißt es: ›Hinaus mit dir auf die Landstraße, da kannst du verrecken.‹ Für dich sorgen deine Kinder, wenn du nicht mehr arbeiten kannst. Aber unsereins, der muß Pfennige bezahlen.«

»Wo habt ihr den Schatz versteckt?« fragte Margarete.

Der Soldat drehte sich der Wand zu. »Ich will schlafen,« sagte er. »Ich bin müde. Du schwatzest dummes Zeug. Ich habe auch dummes Zeug geschwatzt. Wenn ich einen Schatz hätte, dann läge ich nicht hier.«

»Du hast viel auf deinem Gewissen, Mann,« mahnte eindringlich die Großmutter. »Ich sage dir, daß du nicht lange mehr leben wirst. Und wie wirst du dann vor den furchtbaren Gott treten?« Sie kniete neben ihm nieder und faltete die Hände. »Sieh, so mußt du beten zu Gott. Bete, daß er dir die Gnade gibt, daß du nicht in der Verstockung stirbst.«

»In der Verstockung, wie?« fragte beunruhigt der Soldat. »Ich sterbe noch lange nicht. Ich weiß von keinem Schatz. Was soll denn das für ein Schatz sein?«

»Weißt du, Mann, was nach dem Tode kommt? Da mußt du vor deinen Schöpfer treten, der wird dich fragen nach deinen Taten und Gedanken. Da schickt er die Guten nach rechts und die Bösen nach links.«

Der Soldat kicherte. »Ein Guter bin ich nicht gewesen. Die Mädchen und der Branntwein!« Er kicherte. »Schön war es doch zuweilen. Nun wird man alt, da werden die Knochen morsch. Eine warme Stube, eine warme Suppe, draußen schneit es, und die Leute frieren, die Leute können mir alle den Buckel runterrutschen! Ich kann mir noch eine junge Frau nehmen, die freut sich, daß sie so gut ankommt!«

»In der Rechten hält er die Waage. Da tut er in die eine Schale deine guten Taten, und in die andere Schale die bösen. Dann sinkt die Schale mit den bösen Taten. Aber er legt seinen Finger auf die andere Schale, da sinkt die, und die bösen Taten steigen.«

»Er legt seinen Finger auf die andere Schale?« fragte ängstlich der Soldat. »Aber ich lebe ja noch. Das ist noch lange hin. Das merkt man schon, wenn der Tod kommt. Goslar ist eine schöne Stadt. Da kaufe ich mir ein Haus. Da habe ich Glasfenster, und da sehe ich, wie die Leute vorübergehen.«

Die alte Margarete betete. »Vergib mir, Gott, wenn ich eine Sünde begehe. Ich will es ja nicht für mich haben. Du wirst deine Dienerin wohl bald abrufen. Nur das möchte ich noch erleben, daß der Stamm meines Mannes nicht verdorrt ist. Er ist ein ritterlicher Mann gewesen, er hat keine Bauernarbeit getan.«

Neugierig spähte der Soldat in ihr Gesicht. »Ja, mancher hat sein Vermögen verloren,« sagte er. »Das ist nun so. Dafür hat mancher wieder Fortune gemacht. Gleicht sich alles aus.«

Es überkam ihn ein heftiger Husten, der hohl aus der Brust klang. Sein ganzer Körper wurde durchschüttert. Die Alte legte den Arm unter ihn und stützte ihn hoch. Als der Anfall zu Ende war, sank er kraftlos zurück.

Nachdem er sich ein wenig erholt hatte, sagte er ängstlich: »Du meinst, ich sterbe bald? Das ist nur so eine Erkältung. Kein Wunder, ordentliches Schuhzeug muß der Mensch haben. Wenn ich mich erst pflegen kann, dann kann ich noch lange leben. Meinst du nicht auch? Du bist doch noch älter als ich, und du kannst dich nicht pflegen!«

Margarete hatte sich erhoben und hatte sich auf ihren Schemel gesetzt. Ihre Hände lagen im Schoß. Sie antwortete nicht.

»Weißt du, der Schnee liegt zu hoch, da kann man nichts machen,« sagte er vertraulich. »Das hatte ich mir ja nicht gedacht, daß der Schnee so hoch liegt. Ich muß warten bis zum Frühling. Könnt ihr mich denn nicht hier behalten? Ich will es bezahlen, nachher.«

Die Großmutter schwieg immer noch. Sie holte ihren Strickstrumpf vor und begann zu stricken.

»Jetzt sprichst du nun nichts, weil ich dir das nicht sage mit dem Schatz,« sagte der Soldat. »Aber ich weiß doch nichts von dem Schatz. Das waren ja andre, die ihn versteckt haben. Weshalb sprichst du denn nichts? Man ängstigt sich so, wenn man so liegt und keiner sagt etwas. Ich habe ein Kartenspiel bei mir. Wollen wir denn Karten spielen? Du kannst dich ja neben mich setzen.«

»Das Kartenspiel ist des Teufels Gebetbuch,« erwiderte die Alte streng.

Der Soldat lachte, daß ihm der Husten kam. »Siehst du, nun hast du doch gesprochen,« sagte er. »Das wußte ich ja, daß du nicht Karten spielen willst. So, nun wollen wir dafür singen!« Mit zerstörter Stimme begann er:

»Nun ist es doch kein Reiter,
es ist ein Edelmann,
und wenn er aus will reiten,
so legt er sein Harnisch an.
Ei höre, Maidlein, tuß, tuß, tuß,
so kauf ich dir ein Beutel,
darzu zween neue Schuh.«

Die alte Margarete nahm ihren Strickstrumpf vor die Augen; zwei schwere Tränentropfen fielen ihr auf den Strumpf. Der Soldat machte eine Pause, hustete und lachte.

Da begann sie mit zitternder Stimme zu singen:

»Wachet auf, ruft uns die Stimme
der Wächter sehr hoch auf der Zinne,
wach auf, du Stadt Jerusalem!
Mitternacht heißt diese Stunde,
sie rufen uns mit hellem Munde:
Wo seid ihr klugen Jungfrauen?
Wohlauf, der Bräutgam kommt,
steht auf, die Lampen nehmt,
Halleluja,
macht euch bereit zu der Hochzeit,
ihr müsset ihm entgegen gehen.«

Der Soldat lachte, als sie eine Pause machte, und fuhr sein Lied fort:

»Trab einher, braunes Maidlein,
laß umher gahn ...«

und dann schloß er mit einem krähenden Jodler, der halb verschluckt und erstickt wurde durch seinen Husten.

Es wurde dunkel in der Hütte. Die alte Frau saß auf ihrem Schemel, sie hatte wieder die Hände in den Schoß gelegt. Das Feuer auf dem Herd war zusammengesunken. Der Soldat auf seinem Lager schlummerte unruhig. Er warf sich hin und her, schreckte zusammen, erwachte halb und verfiel dann wieder in seinen Halbschlaf.

Da nahten schwere Tritte der Tür. Es war Hermann. Er stampfte hart auf, um den Schnee von den Füßen zu bekommen, dann trat er ein. Er hängte seine Armbrust an die Wand, dabei sah er im Dämmer den Soldaten auf seinem Lager liegen.

Verdrießlich sagte er: »Jetzt verlaust er mir mein Bett. Weshalb hast du ihn nicht fortgeschickt?«

Demütig rief der Soldat: »Ich bezahle, ich bezahle! Jetzt habe ich kein Geld bei mir, aber ich kriege Geld!«

Ärgerlich sprach Hermann: »Dein Geld! Sei nicht so großartig.«

»Er ist einer von denen, die vor drei Jahren hier waren,« sagte die Großmutter.

»So, dann soll man ihn totschlagen, dann ist er fort,« rief Hermann und griff drohend nach seiner Axt.

Der Soldat richtete sich kreischend auf und hielt die Hände vor. Die alte Margarete eilte auf Hermann zu und faßte ihn mit beiden Händen um die Rechte: »Du bist selber bei den Soldaten gewesen. Wenn du da geblieben wärst, dann wärst du auch so einer.« Nun stand Hermann unschlüssig.

»Das ist nicht wahr, daß ich hier gewesen bin, ich bin nie hier gewesen,« rief der Soldat. »Ich kenne den Harz gar nicht. Aber ich habe einen Freund, der ist reich, wenn ich zu dem gehe, so gibt er mir so viel Geld, wie ich haben will.«

Hermann pfiff und trat von der Wand zurück.

»Laß ihn,« sagte die Großmutter. »Er hat den Schatz holen wollen, den sie vor drei Jahren hier versteckt haben. Wer weiß, wie noch alles kommt. Das ist doch Annas Erbteil, ihr Vermögen ist ja mit dabei.«

Es flammte auf dem Herd zufällig plötzlich hoch, ein Schein fiel auf das Gesicht des Soldaten, der noch immer aufrecht saß. Er sah mit gespannt pfiffigem Ausdruck auf die beiden hin.

»An den Schatz glaube ich nicht,« erwiderte Hermann. »So etwas erzählen sich die Leute nun immer. Wenn einer hungrig ist, dann träumt er vom Schlaraffenland. Aber laß nur, glaube nur daran! Das ist ein Trost für dich. Ich denke, es geht auch so.«

»Das sage ich auch,« warf eifrig der Soldat ein, »das ist Unsinn mit dem Schatz. Aber mein Freund, der hat viel Geld. Der gibt mir, was ich haben will. Ich brauche es ihm bloß zu sagen. Wenn ich in den Schnee hinaus muß, dann komme ich um. Bis Klaustal kann ich nicht mehr gehen.«

Es antwortete ihm niemand. Hermann und die alte Margarete machten sich zu schaffen.

Es wurde Zeit zum Schlafen. Verdrossen sagte Hermann, bei dem Stromer möge er nicht liegen, er wolle sich ein anderes Lager bereiten. Die Hütte war klein, er streckte sich kaum einen Schritt entfernt von dem Soldaten aus. Die alte Frau und Hermann falteten die Hände zum Nachtgebet und flüsterten; der Soldat stöhnte dazwischen. Bald gingen die gesunden Atemzüge der beiden, indessen der Soldat hastig und fiebrig atmete und sich auf dem Lager wälzte.

Es mochte mitten in der Nacht sein, da wachte die alte Frau durch sein Ächzen auf. Sie fragte: »Geht es dir schlecht?« Der Soldat schwieg. Nach einer Weile sagte er: »Es heißt bei euch Protestantischen, daß einer auch ungebeichtet in die ewige Seligkeit kommt, wenn er den rechten Glauben hat.« Margarete erwiderte nichts. Später fuhr der Soldat fort: »Wenn man nur wüßte, welches der rechte Glauben ist.«

»Du meinst wohl ..., begann Margarete, dann stockte sie.

»Ja freilich,« sagte der Soldat. »Wer weiß, was mit einem wird. Das ist ja kein Leben mehr. Wie ein räudiger Hund wird man überall fortgejagt. Wie soll man da bei Kräften bleiben! Das ist nun seit Monaten das erstemal, daß ich ein richtiges Bett habe! Hier ist es doch sauber! Aber sonst bin ich froh gewesen, wenn ich in altem Mist schlafen konnte, da ist es wenigstens warm. Und nun denkt man, auf seine alten Tage, da hat man nun vorgesorgt, und wie es gerade so weit ist, daß man es holt, da ...« er vollendete den Satz nicht.

Die alte Margarete war aufgestanden. Sie schlug Feuer und fing es mit Zunder auf, dann blies sie es an und hielt eine Hand voll Späne vor.

»Nun könnte ich ja noch ein gutes Werk tun,« sagte der Soldat. »Das wird einem angerechnet. Ihr habt mich hier aufgenommen und gefüttert, Ihr habt selber nicht viel. Wenn ich Euch das sagte, wo er ist ...« er stockte wieder.

Die Großmutter hatte nur halb zugehört, sie machte sich am Herd zu schaffen, darauf bald ein Feuerchen knisterte. Der Kienspan wurde in seinen Kloben gesteckt.

»Meinst du, daß ich ein sehr großer Sünder bin?« fragte ängstlich der Soldat.

»Das kann ich nicht wissen,« erwiderte die Alte. »Wenn du an deine Priester und Abgötter glaubst, da siehst du, was sie dir jetzt helfen können.«

Hermann erwachte nun langsam. »Der Mann ist sehr krank; er denkt, daß er es nicht lange mehr macht,« sagte Margarete zu ihm.

Der Soldat ächzte. »Es ist schon einmal so weit mit mir gewesen, aber ich bin wieder gesund geworden,« sagte er.

Hermann nahm den Kienspan aus dem Kloben und beleuchtete das Gesicht des Soldaten, der ängstlich blinzelte. Er schüttelte zweifelhaft den Kopf. »Gut schaut er nicht aus,« sagte er.

»Ohne Beichte,« murmelte der Soldat. »Aber es wird ja gesagt, wenn die Sünder bereuen ... Und dann könnte ich Euch ja die Stelle nennen, wo der Schatz ist.«

Nun wurde Hermann aufmerksam. »Ist es denn wirklich wahr mit dem Schatz?« fragte er.

Der Soldat nickte und grinste dann schlau. »Der ist gut versteckt,« sagte er. »Die andern, ja, die werden dann auch noch kommen und wollen ihn holen, dann ist er fort. Ich denke doch auf meine alten Tage ... nun soll ich hier sterben!« Er sah kläglich um sich, eine Träne kam ihm zäh aus dem Augenwinkel, die er mit schmutzigen Fingern abwischte. »Nun hat man seine Arbeit gehabt sein Leben lang, und Kälte und Nässe, und wie oft ist es lebensgefährlich gewesen, wenn die Kugeln nur so geflogen sind.«

Hermann faßte den Soldaten jetzt am Arm und fragte eindringlich: »Wo habt ihr ihn denn versteckt? Du mußt es mir ganz genau beschreiben.«

»Hm, versteckt?« fragte der Soldat, als ob er schwerhörig wäre. »Was sollen wir denn versteckt haben? Hunger und Kummer hat man in seinem Leben gehabt.«

»Ich kenne mich aus,« sagte Hermann. »Ich habe schon Leute sterben sehen.« Mit sachlichem Ausdruck wandte er sich an die alte Margarete und zeigte auf den Liegenden, der unruhig von einem zum andern spähte. »Du weißt das doch auch, so um die Nase, und dann wird die Nase so spitz.«

Der Kranke zupfte an der Decke. »Wenn man das sicher wüßte,« sagte er, »dann nützt er mir ja nichts mehr. Die andern, die laß nur kommen!« Er kicherte. »Aber wenn ich nun doch wieder gesund werde? Dann kann ich mir das Maul wischen.«

»Bete lieber,« sagte die alte Frau, »und denke in deinen letzten Augenblicken nicht an den Mammon.«

»Ja, Gott gelästert hat man ja auch,« sagte ängstlich der Soldat. »Und ohne Beichte! Das ist hier ein ketzerisches Land, kein Priester.«

»Selber ein Ketzer, ein Abgottsdiener,« rief eifrig die alte Frau.

Hermann zog mit dem Fuß einen Schemel herbei, setzte sich und sprach eindringlich auf den Sterbenden ein.

»Siehst du,« sagte er, »ins Grab kannst du ihn ohnehin nicht mitnehmen. Was hast du denn davon, wenn der Schatz da nun bleibt, und dann kommen deine Kameraden und holen ihn!«

»Denen gönne ich ihn gar nicht,« sagte der Soldat erregt.

»Siehst du,« fuhr Hermann fort, »bei uns ist er angebracht. Ich kann bauen, ich kann Vieh kaufen, ich kann Wagen kaufen, in einem Jahr kann ich hier Ordnung schaffen, daß es wieder aufwärts geht. Siehst du, da tust du ein gutes Werk. Deine Kameraden, die versaufen ihn bloß.«

»Ja, die, die sollen ihn nicht haben,« sagte eifrig der Sterbende. »Du sollst ihn haben. Aber du sollst ihn bloß haben, wenn ich sterbe. Wenn ich drüber fortkomme, dann will ich ihn behalten.«

»Gut, ich mache dir einen Vorschlag,« erwiderte Hermann. »Du sagst mir jetzt, wo er liegt, ganz genau. Wenn du wieder gesund wirst, gut. Und wenn du stirbst, ich lasse dir einen guten Sarg machen, aus festem Holz, und schwarz angestrichen, mit Beschlägen. Das verspreche ich dir.«

Pfiffig blickte ihn der Soldat an. »Du glaubst wohl, ich bin dumm? Wenn ich es dir jetzt sage ...« Er machte eine Bewegung mit der Hand, als drehe er einem Huhn den Hals um. »Siehst du, ich bin jetzt wie ein altes Weib, ich kann mich nicht wehren. Nein, wenn ich sterbe, dann beschreibe ich dir die Stelle, ganz genau. Ich habe es mir doch aufgeschrieben, das trage ich immer bei mir.«

»Hast du die Stelle ganz genau aufgeschrieben?« fragte eifrig Hermann.

Der Soldat kniff das linke Auge zu. »Du bist schon so ein Kunde,« sagte er. »Aber macht nichts, darum keine Feindschaft. Nein, ich habe doch bloß die Maße aufgeschrieben, das andre habe ich im Gedächtnis, beschreiben muß ich es dir doch, mein Buch nützt dir nichts.«

»Ach, du hast überhaupt keinen Schatz,« sagte Hermann und wandte sich ab. »Das ist so ein Schwindel, damit wir dich jetzt durchfüttern, während du krank bist.«

»Ich habe keinen Schatz?« rief wütend der Soldat. Ein Husten erschütterte seinen abgezehrten Körper, die Fieberglut stieg ihm in die Wangen, um die tiefliegenden Augen und die spitz herausstehende Nase. Er richtete sich auf und nestelte an seiner Joppe. Aus der inneren Brusttasche zog er ein Büchlein vor, in dunkles, abgegriffenes Leder gebunden, und schlug es auf. Der Titel war: »Fünfzig schöne Kriegsgesäng, für die ehrbaren Landsknecht zu singen«, in Rot und Schwarz gedruckt. Auf dem leeren Blatt dem Titel gegenüber waren Zeichen geschrieben. Er reichte Hermann das Buch und fragte triumphierend: »Was ist das?«

»Ich kann nur Gedrucktes lesen,« sagte verlegen Hermann und reichte das Büchlein der alten Mutter.

Die nahm es, rückte ihren Schemel dicht an den brennenden Kienspan und las zuerst den Titel: »Fünfzig schöne Kriegsgesäng.« Sie las mit mißbilligendem Ausdruck und warf dem Soldaten einen strafenden Blick zu. Dann begann sie zu buchstabieren, was mit ungeschickter Hand gegenüber geschrieben war.

»Wenn du ihn wiederfinden willst, stelle dich mit dem Rücken an den Schornstein von Hahnenklee, blicke genau gen Westen, da siehst du einen hohen, einzelnen Baum, auf den gehe gerade zu. Gehst in ein Tal, da fließt ein Bach. Denselbigen aufwärts xxx. Stollen, cc. Danach rechts, ccc. Hinauf i i. Alsdann weißt du.«

»Das ist der Morgenbrotsstollen,« sagte sie.

Der Soldat lachte verschmitzt, dabei verzerrten sich seine Züge. »Wie wird mir denn?« rief er leise aus.

Die alte Margarete kniete neben ihm nieder und faßte seine Hände, die waren ganz kalt. Sie legte die Hände gefaltet ineinander. Dann sagte sie leise zu ihm: »Nun sprich mir nach. Vater unser, der du bist im Himmel.«

Der Soldat sah sie schwerfällig verwundert an und lallte.

»Was hast du noch zu sagen, wo der Schatz liegt?« rief Hermann. Er hatte sich gleichfalls zu dem Sterbenden gekniet und faßte dessen Arm. Der Soldat rollte die Augen gräßlich zu ihm hin und lallte: »Stollen hinein.«

»Geheiligt werde dein Name,« sagte ernsthaft Margarete und legte ihre Hände auf die gefalteten Hände des Sterbenden.

»Gutes Werk tun,« lallte der Soldat. »Zweihundert Schritt hinein. Mußt dich bücken.«

»Dein Reich komme,« betete Margarete.

»Dein Reich ...« lallte der Soldat.

»Wie geht es weiter?« fragte eindringlich Hermann. »In den Schacht hinauf? Und was ist dann?«

»Was ist dann?« fragte der Soldat mit blödem Gesichtsausdruck zurück.

»Was dann ist!« rief Hermann lauter, als könne der andre seine Stimme nicht vernehmen.

»Was dann ist,« sprach der Soldat mechanisch zurück. »Ungebeichtet. So.« Er zuckte zusammen, die Augen starrten unbeweglich wie zwei Kreise. Er zuckte nochmals, ein Zittern lief durch seinen ganzen Körper. Dann war es, als ob die Gesichtszüge auseinandergingen. Mit beiden Händen hielt Hermann jetzt seinen Arm und rief ihm ins Ohr: »Was ist dann?« Er schüttelte ihn, da merkte er, daß kein Widerstand war, der Kopf wackelte hin und her.

»Er ist tot,« sagte ernst die alte Frau. Hermann ließ den Arm los und sprang erschrocken auf, wich bis an die Wand der Hütte zurück. Die Gesichtszüge des Soldaten beruhigten sich weiter, im Flackern des Kienspans schienen sie sich zu bewegen. Die Alte legte ihren Zeigefinger auf das eine Auge und drückte es leise zu, legte den Zeigefinger auf das andere Auge und drückte es zu. Dann erhob sie sich.

»Mutter, ich fürchte mich,« sagte Hermann leise zu ihr und faßte schutzsuchend ihren Arm.

»Lege dich auf mein Lager und wende dich zur Wand,« erwiderte sie ihm. »Ich will aufbleiben und den Morgenbrei kochen. Es wird wohl Mitternacht sein.«

Draußen in der stillen Dunkelheit fiel der Schnee. Er lastete hoch auf dem Dach der Hütte, auf den Ästen und Zweigen der Fichten, er lag auf der freien Erde und häufte sich, häufte sich. Der Tote lag still. Hermann lag still, er hatte die Hände vor den Augen. Die Großmutter schaffte am Herd. Sie hatte Wasser in den Topf getan, nun quirlte sie die Hafergrütze, nun schob sie den Topf ins Feuer und legte zwei Scheiter nach. Die Flammen züngelten und hüpften, an der schrägen Decke bewegten sich Schatten.

Sie zog den Schemel an den Herd, setzte sich, legte die Hände müde in den Schoß. Ihre Lippen bewegten sich leise zu einem Gebet. Sie ging einmal zu Hermann, legte dem Abgekehrten die Hand auf die Stirn und sagte: »Du bist noch jung, du hast das noch nicht durchgemacht.« Er ergriff ihre Hand, wandte sich und sah ihr ängstlich in die Augen. Sie machte ihre Hand los, ging zurück und setzte sich wieder neben den Herd.

Die Zeit ging langsam. Die gespannte Blase in dem Loch über der Tür schimmerte grau im Dunkel. Die Großmutter ging zu den Ziegen, sie setzte sich, nahm den Topf zwischen die Beine und begann zu melken. Hermann versuchte die Tür zu öffnen. Die gab nicht nach, der Schnee war hoch gegen sie gefallen und hielt zu. Nun schob er mit der Schulter, der Schnee drückte sich etwas zusammen, und er konnte hinausschlüpfen. Draußen schaufelte er die Tür frei. Das Schneien hatte aufgehört, er schaufelte einen Gang zur Holzlege.

Als er zurückkam, hatte die Großmutter den Toten entkleidet. »Ich will die Sachen sauber Wäschen und flicken,« sagte sie, »es wäre schade, sie mit ins Grab zu geben. Wir sind arme Leute, und er braucht sie nicht mehr.« Die abgezehrten nackten Beine mit den höckerigen Füßen des Toten starrten lächerlich, die dünnen Arme lagen über der breiten Brust mit gefalteten Händen. »Du mußt ihm ein Grab graben,« sagte sie, »schaufle den Schnee fort auf der Wiese unten, da wird der Boden nicht tief gefroren sein.«

Hermann nahm die Schneeschaufel, die eiserne Schaufel und die Spitzhacke auf die Schulter und ging. Unten machte er sich gleich an die Arbeit.

Er wollte die Leiche nicht zu nahe am Haus haben, denn es war doch nicht unmöglich, daß das Gespenst wiederkehrte. Im Wald das Grab zu machen war zu mühsam wegen der Wurzeln. Es war wohl am besten, ihn auf der Wiese unten in die Erde zu bringen.

Er schaufelte erst den hohen Schnee beiseite, dann hackte er den gefrorenen Boden auf und warf die Erde und Steine hoch. Etwa einen Fuß tief war der Boden gefroren, nachher ging die Arbeit ganz leicht vonstatten. Gegen Mittag war er mit dem Grab fertig. Er nahm Hacke und Schneeschaufel auf den Rücken, steckte die eiserne Schaufel in den Schnee nebenbei und ging in die Hütte zurück, den Toten zu holen.

Er trug ihn mit der alten Frau. Die alte Margarete hatte den nackten Körper an den Beinen angefaßt, er hatte unter die Arme gegriffen. Den baumelnden Kopf, der klein auf dem langen und faltigen Hals saß, stützte er mit dem Leib. So gingen sie langsam den Berg hinunter bis zu dem bereiteten Grab. Dort traten sie an die Seite in den Schnee, hielten den Leichnam, so gut es ging, über die Grube und ließen ihn dann fallen. Er machte eine Vierteldrehung, ein Bein blieb an der Wand des Grabes hängen, so fiel der Körper unordentlich auf den Boden, wo sich schon schmutziges Wasser gesammelt hatte.

»Es tut einem weh, einen Menschen so einzuscharren, wie ein Stück Vieh,« sagte die alte Frau. »›Begrabe deinen Toten in unsern ehrlichsten Gräbern.‹ Ersten Mosis am dreiundzwanzigsten. Aber wir haben keine Bretter und können ihm keinen Sarg machen. Gott wird ein Einsehen haben und wird es ihm nicht zurechnen.«

Sie kniete in den schmutzigen Schnee neben dem Grab, zögernd kniete Hermann neben ihr hin. Die beiden falteten die Hände. »›Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand, und keine Qual rührt sie an.‹ Weisheit Salomonis im dritten,« betete die alte Frau. Sie sagte: »Herr, wer ist gerecht vor deinem Antlitz, laß ihn teilhaftig werden deiner Gnade durch unsern Herrn Jesum Christum. Amen.« Die beiden erhoben sich, dann warf die alte Frau drei Hände voll Erde in das Grab auf den nackten, verkrümmten Körper, Hermann warf drei Handvoll, dann ging die alte Frau nach Hause. Hermann schritt zum Wald hinab, zog sein Messer und schnitt sich Fichtenhecke von den Bäumen, nahm sie in den Arm und brachte sie zum Grab. Da warf er sie auf den nackten Körper, daß die Erde nicht unmittelbar auf ihn geworfen würde, und dann schaufelte er die Erde wieder in das Grab. Er schaufelte das Grab zu und bildete einen Hügel auf ihm aus nasser Erde und lehmigen Steinen.

Nun vergingen einige Tage. Der Schneefall hatte aufgehört, der Himmel war wieder blau geworden. Der Schnee hatte sich gesetzt, er lag recht hoch. Unter Mittag taute es, da tropfte es vom Dach, Eiszapfen bildeten sich und wuchsen immer länger, im Wald fiel der Schnee von den Zweigen und plumpte schwer in den Bodenschnee, die gebeugten Zweige schnellten wieder hoch. Die Nächte waren dunkel und still.

Wenn Hermann von der Arbeit nach Hause kam, dann nahm er das Buch des Soldaten zur Hand und starrte die Schriftzeichen an, welche auf dem Vorsatzblatt standen. Nun ging er an einem Tag zu dem Stollen. Das Wasser, das auf seiner Sohle floß, kam nicht kalt aus dem Berg hervor, es rauchte in der Kälte draußen. Er zog Schuhe und Strümpfe aus, streifte die Hosen hoch und watete gebückt hinein. Er watete eine längere Strecke, dann gabelte sich der Stollen. Das war in der Beschreibung gemeint: rechts mußte er gehen. Er ging im rechten Arm weiter. Der Kienspan brannte trübe, die Luft war warm und stickig. Er watete weiter. Da tat es sich über ihm dunkel auf, das Wasser rieselte, tropfte und floß herab. Er hielt den Kienspan hoch. Dunkel war über ihm, er konnte ausgezimmerte Wände eines Schachts erkennen, an denen es naß blitzte und glitzerte. »Hinauf heißt es,« dachte er. »Das ist der verlassene Schacht. In dem Schacht ist er versteckt. Aber wo?« Er schleuderte wütend den Kienspan ins Wasser. Nun war es dunkel, er mußte sich langsam wieder zurückmühen.

Zu Hause fragte er die alte Großmutter nach dem Schacht aus. Sie wußte nicht viel, er war schon verlassen gewesen, als sie noch Kind war. Bergleute hatte es damals noch gegeben, die in dem Schacht angefahren waren. Es war Silber gefördert. Die Halden konnte man damals noch erkennen. Das Gaipelhaus war aber schon verschwunden gewesen, es hieß, daß der Schacht zu Bruch gegangen sei.

An der Rückseite des Schornsteins, an den die Hütte gebaut war, hatte die alte Margarete auf einem Haufen allerhand Eisenzeug gesammelt, das sie aus dem Brandschutt hervorgezogen: Reifen, Nägel, Klammern, eine Ofenplatte und ähnliches. Auch ein altes Grubenlicht war dazwischen gewesen, das noch aus früheren Zeiten im Hause mochte gewesen sein. Hermann schaufelte den Schnee von dem Haufen fort und suchte das Grubenlicht vor. Er brachte es in die Hütte und putzte es; er machte sich aus alten Lumpen einen Docht und zog ihn ein, dann legte er ein Stück Unschlitt in die Lampe. Eine Leiter hatte er sich schon früher gezimmert. Die nahm er nun auf die Schulter, eine Axt und eine Spitzhacke nahm er in die Hand, das Grubenlicht hängte er vorn in den Hosenbund, und so machte er sich wieder auf den Weg zu dem Stollen.

Am Eingang hingen schwere Eiszapfen herab. Das Wasser kam rauchend aus dem Stollen, es zog als Bächlein weiter, bald zog es sich unter dem Schnee hin. Die Spuren des vorigen Besuches waren noch zu sehen.

Hermann machte sich zum Waten zurecht, zündete seine Lampe an und hängte sie in den Hosenbund, dann nahm er die Leiter, legte sie lang und ging mit ihr in den Bach. Dunkel vor ihm gähnte der Mund des Stollens, überhängt von den Eiszapfen. Er stieß die Zapfen ab und kroch mit der Leiter hinein.

An den Wänden blitzte und schimmerte es; er hatte die Leiter auf das Wasser gelegt und zog sie vorwärts. Ziehend watete er weiter, bis er an die Gabelung kam. Die vordere Spitze der Leiter stieß sich an der Wand. Mit Mühe machte er sie los und zog, da hakte sie hinten; er rückte, sie bog sich, aber dann saß sie wieder fest. Sie kam nicht um die Ecke. So lief er rauschend zurück zu seinem Werkzeug; er hackte mit der Axt die beiden unteren Sprossen ab; nun war sie kurz genug, er konnte sie um die Ecke bringen. Die abgeschlagenen Splitter und Stücke flossen abwärts ins Freie. Er lief wieder nach vorn und zog weiter. So kam er bis zu der Stelle, wo der Schacht abteufte. Er war in Schweiß gebadet durch die Anstrengung.

Nun galt es, die Leiter hoch zu bringen. Er zog sie an sich und richtete sie auf. Sie stieß an die Schachtzimmerung und stand da schräg. Er brachte sie nicht höher, sie war wieder zu lang.

Er stieg sie hoch, und als er die oberste Sprosse erreicht hatte, hielt er sich nach Möglichkeit an der naßglatten Schachtzimmerung fest und leuchtete um sich. Da sah er in Abständen große Nägel eingeschlagen. Er erfaßte einen und rüttelte; das Holz war in der beständigen Nässe fest geblieben, der Nagel bewegte sich nicht. So schwang er sich denn höher, von Nagel zu Nagel. Der Schacht war viereckig gezimmert mit schweren Balken. Es rieselte und rauschte überall hernieder und blitzte auf im kleinen Licht der Grubenlampe. Ringsum war Dunkel und Leere, Rauschen und Rieseln; nur ein kleines Stück Schachtzimmerung war im Licht, und aus der Dunkelheit blitzte es hie und da einmal durch die Feuchtigkeit auf.

Plötzlich sah er vor sich keine Schachtzimmerung mehr, es war da eine dunkle Leere. Er zog sich am letzten Nagel hoch, kniete in das Loch hinein: ein Stollen ging rechtwinklig in den Schacht.

Nun stand er in dem Stollen. Die Wände waren gezimmert. Er leuchtete mit dem Licht an Fußboden und Wänden. Da sah er etwas vor sich liegen, das schimmerte aus dem feuchten, schwarzen Schmutz hervor. Er bückte sich und nahm ein Guldenstück auf; es war ein Harzgulden mit dem wilden Mann.

Vor freudigem Schrecken zitterten ihm die Knie. Er mußte sich an der schlüpfrigen Wand halten. Der Gulden mußte von den Soldaten verloren sein, als sie den Schatz nach hier brachten. Er war dem Schatz auf der Spur, er war ihm auf der Spur. Bis nun war er der Beschreibung gefolgt. Die c, das waren immer hundert gewesen, zweihundert Schritte und dreihundert Schritte. Das stimmte wohl so. Die beiden i, das sollte zwei bedeuten, wahrscheinlich zwei Lachter. Das stimmte wohl auch. So viel war er gestiegen. Da war er nun an der Stelle, wo die Beschreibung aufhörte. Aber nun hieß es: »Alsdann weißt du.«

Er war allein in dem dunklen Stollen, er hörte das Tröpfeln, Tropfen, Rauschen; die Luft legte sich ihm auf die Brust; er sah nur einen ganz kleinen Kreis um das dünne, ärmliche Flämmchen, das am Docht knisterte und sprühte, genährt vom Unschlitt. Zu beiden Seiten, oben war die Zimmerung. Wie weit ging der Stollen? Er wußte es nicht. Da lag ein Brett, auf dem waren wohl die Schiebekarren gefahren. Er ging auf dem Brett weiter, vorsichtig, zaghaft, er leuchtete mit der Grubenlampe am Boden, an den Wänden. Nur Feuchtigkeit, schwere Luft. Er ging, langsam, vorsichtig, zaghaft. Da kam eine Ecke. Ein Quergang ging von dem Stollen ab. Hermann leuchtete mit dem Licht hinein, nur Dunkel, Tröpfeln und Rieseln. Er ging vorbei und folgte dem Stollen. Gegenüber ein anderer Quergang. Er ging weiter, wieder ein Quergang.

Das Herz klopfte ihm. Er hatte sich noch nicht verirrt, er war immer den Stollen entlang gegangen. Wenn sich ein Mensch hier verirrte, der war verloren. Der konnte dann suchen und suchen, er fand nicht zum Schacht zurück. Dann wurde er müde und setzte sich; dann wurde er hungrig, dann ging die Lampe aus, und dann konnte er tagelang gehen und sitzen, bis er nicht mehr konnte, bis es denn schließlich ein Ende nehmen mußte, dann saß seine Leiche da, an die nasse Zimmerung gelehnt. Aber es war wohl nicht möglich, daß man sich verirrte. Vom Schacht ging rechtwinklig der Stollen. Von dem gingen rechtwinklig die Querschläge. Wenn man in einen Querschlag ging, dann kam man bald vor Ort, wo damals ein Bergmann gesessen und gearbeitet hatte. Er hatte das Eisen in der Hand und hielt es aufgesetzt auf den Stein und drehte es, und schlug mit dem Schlegel darauf, daß ein rundes Loch entstand, und dieses Loch wurde dann mit Pulver geladen. Ja, das war die Arbeit des Bergmanns gewesen. Das Loch wurde mit Lehm geschlossen, der festgestampft wurde, durch den ging die Zündschnur, und wenn die angesteckt war, dann lief der Bergmann fort, in den Stollen zurück.

Hermann ging weiter, die Lampe vor sich haltend, an Quergängen vorbei. »Alsdann weißt du,« hieß es in der Aufzeichnung. »Alsdann weißt du.« Ja, er wußte nichts, und wo sollte er suchen?

Er ging in den nächsten Querschlag zur Rechten hinein. Vorher blieb er stehen, er merkte sich genau seine Stellung, er machte einen Einschnitt in den Eckbalken der Zimmerung, um sich wieder zurechtzufinden und sich nicht zu verirren.

Es war im Querschlag genau so wie im Hauptgang. Aber nach einer Weile kam er an das Ende. Da war die Wand, wo der Bergmann zuletzt gearbeitet hatte. Das zuletzt abgesprengte Gestein war wohl fortgeräumt; ein angefangenes Bohrloch war zu sehen, das rund in die Wand hineinging; Hermann fühlte gedankenlos mit dem Finger nach. Vielleicht zwei Menschenalter war es nun her, daß hier der letzte Bergmann gearbeitet hatte. Weshalb hatte er das Loch nicht zu Ende gebohrt? Vielleicht war er gestorben. So lange war nun kein Mensch an der Stelle gewesen. Und überall war das so, bei allen Querschlägen. Die dicken Stempel aus Holz hielten Wände und Decke, sie wurden beständig berieselt durch das Wasser und faulten nicht, in dem Wasser waren Metallsalze aufgelöst, welche fäulnisfeindlich waren. Der Schacht war oben zu Bruch gegangen; unter der Erde, nicht mehr zu erreichen von oben her, bestand noch das große Netz der Gänge, denn Stollen wie dieser mußten ja viele vom Schacht abgehen, überall da, wo der Gang des edlen Erzes war in dem umgebenden tauben Gestein, Wenn die Stempel vermorschten, so mußten die Gänge auch einbrechen; aber die Stempel vermorschten nicht; und so war denn hier die Wand, wie der letzte Bergmann sie vor einem halben Jahrhundert verlassen.

Hermann ging zurück zum Stollen, er suchte seine Kerbe in dem Eckstempel, dann ging er wieder vorwärts im Stollen, an andern Querschlägen vorbei.

Schon war hinter ihm das lautere Rauschen verstummt, das entstand, indem die Wasser vom Stollen im Schacht hinabfielen auf den Stollen in der Teufe, der im Tal zutage kam und seine Wasser in den Morgenbrotsbach schickte. Nur das geheimnisvolle Tröpfeln, Tropfen, Klingen war in der Nacht und Einsamkeit.

Er ging weiter. Da kam zur Rechten wieder dunkel gähnend ein Querschlag. Am Boden war eine undeutliche Masse. Hermann hob die Grubenlampe, um zu sehen. Er prallte zurück, er faßte den Haken der Lampe fester, um sie nicht vor Schreck fallen zu lassen. Da saß, mit dem Rücken an die Zimmerung des Querschlags gelehnt, eine Leiche. Die Beine in Reiterstiefeln waren breit ausgestreckt; die Arme hingen nieder, und die Hände lagen umgekehrt mit dem Rücken auf dem Boden; der Körper war zusammengesunken, der Kopf mit dem offenstehenden Mund hing nach vorn; die Haare klatschten naß an Stirn und Wangen; an der Nase hing ein Tropfen Grubenwasser.

Zitternd hielt Hermann seine Lampe; er zwang sich, näher zu leuchten. Der Tote war ein Soldat gewesen. Zwischen den Beinen lag sein Schwert, das verrostet aus der ledernen Scheide hervorkam.

Die Beine waren so weit ausgestreckt, daß fast die ganze Breite des Querschlags eingenommen war. Man mußte über sie wegsteigen, wenn man in den Querschlag eintreten wollte. Hermann faßte sich und stieg über sie weg. Etwa zwölf Schritte ging er, da stand er vor Ort. Hier war noch ein Schuß abgeschossen gewesen, als man die Grube aufgab. Es lagen Trümmer übereinander, große und kleine.

Hermann schlug den Haken seines Lichtes in die Zimmerung und wälzte den größten Stein fort, dann schaufelte er mit den Händen die kleineren Steine weg. Da kam der nasse Zipfel eines Sackes zum Vorschein.

Der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er zwang sich zu ruhiger Überlegung. Jetzt konnte er nicht mit einemmal alles mitnehmen. Er wälzte noch andere Steine fort und zerrte den Sack vor. Er wollte den Sack aufschnüren. Der Bindfaden hatte durch die Nässe angezogen; er nahm sein Messer vor und schnitt ihn durch. Dann griff er hinein, schüttelte den Inhalt nach vorn. Da kam ein Abendmahlskelch, ganz verbogen, er nahm ihn und wog ihn in der Hand, ein schwerer Kelch. Um den Fuß zog sich ein Weinstock hoch, die Weinblätter waren sorgfältig gebildet. Er setzte den Becher hin und schüttelte weiter nach vorn. Der Sack war schwer, steif durch die Nässe. Gulden und Taler schurrten vor. Er griff mit der Hand hinein und besah, was er ergriffen hatte. Ein Hirschgulden, ein Glockentaler. Noch ein Glockentaler. Ein Gulden mit einem gewappneten Fürsten. Er warf das Geld wieder zurück. Nun rollten zwei Kelche vor, kleiner, gleichfalls verbogen; der eine war innen vergoldet. Gulden mit dem springenden Pferd.

Er wischte sich die Stirn und richtete sich auf. Nun konnte er bauen, das Vieh anschaffen, er hatte einen Vorsprung. Die Butter konnte er nach Goslar verkaufen.

Er stopfte die Taschen voll mit Geld, dann hob er den Sack und schüttelte das übrige wieder zurück, auch die Kelche. Den Bindfaden hatte er sich vorsorglich um einen Rockknopf gewunden, nun nahm er ihn und band den Sack wieder zu. Er zog ihn zurück an die Stelle, von wo er ihn vorgezerrt hatte, schaufelte mit den Händen wieder kleine Steine auf ihn und wälzte darüber große Steine.

Er stemmte die Hände auf die Knie, gebückt, und besah sich die Stelle. Es war nichts Auffälliges zu bemerken. Kein Eckchen vom Sack sah vor. Nun hakte er seine Lampe los und ging zurück, mit dicken Taschen.

Er schritt über die gespreizten Beine des Toten. Der Tote saß regungslos da, das Licht streifte an seinen Kopf, an dem naß angeklatschten Haar vorbei. Dann ging er den Stollen zurück; er ging schnell, fast laufend. Nun kam er an das tiefe Loch des Schachtes. Er hakte die Lampe in den Hosenbund, ließ sich auf die Knie und suchte mit der Hand den ersten Nagel. Den faßte er, suchte mit dem Fuß den zweiten. Nun stieg er tastend, suchend, an den Nägeln nieder, bis er die Leiter ertasten konnte. Er stieg die Leiter hinunter in den Stollen der Teufe, wo das Wasser schoß, aufblitzend im Widerschein des Lichts. Er riß die Leiter los, die sich eingeklemmt hatte, schob sie in den Stollen, dann ging er nach vorn und zog gebückt die Leiter auf dem Wasser hinter sich her. Schon sah er klein von weitem den Ausgang. Er kam aus dem Berg heraus. Da war draußen der tiefe Schnee, zertrampelt, wo er mit der Leiter hantiert hatte, mit den Spuren der Leiter; die Splitter und abgeschlagnen Stücke hatten sich angesammelt, wo der Bach unterm Schnee verschwand.

Der Himmel hatte sich grau umzogen, schwere Wolken hingen tief. »Es gibt wieder Schnee,« murmelte er. »Wenn der Hansl kommt, dann ist alles wieder zugeschneit, dann ist nichts zu sehen.« So nahm er die Leiter auf die Schulter und ging fort, mit abstehenden, runden, dicken Taschen.

Zu Hause leerte er die Taschen auf den Tisch: die Taler und Gulden sprangen und kollerten. Die alte Margarete schlug die Hände zusammen, sie bückte sich, las ein heruntergerolltes Geldstück auf und legte es wieder auf den Tisch, dann nahm sie das Geld in die Hand und zählte auf, in Reihen zu zwölf. Sie machte eine Guldenreihe und eine Talerreihe.

Plötzlich stockte sie, ihre Hand öffnete sich und ließ das Geld, sie hielt sich am Tisch fest. Hermann sprang ihr zu Hilfe. Sie war fast ohnmächtig und bezwang sich. Mit weißen Lippen sagte sie: »Es ist unser Geld dabei. Das ist ein Pilgertaler, ich erkenne ihn, er ist gehenkelt, meine Mutter hat ihn sonntags getragen, wenn sie in die Kirche ging.«

Nun setzte sie sich auf ihren Schemel, schlug die Hände vor das Gesicht und weinte. Hermann hatte sie noch nie weinen sehen. Die Tränen flössen ihr unaufhörlich, wie ein Bach, ohne Schluchzen und Stoßen.

Hermann wurde verlegen. »Ich habe dir ja nicht wehe tun wollen,« sagte er. »Ich will das Geld fortbringen,« sagte er, »es darf ja ohnehin nicht so offen liegenbleiben.« Sie antwortete nicht, sie weinte unaufhörlich.

Er stand noch und trat von einem Fuß auf den andern.

Dann ging er schnell zur Ecke und räumte sein Bett fort. Er ergriff die Spitzhacke und hackte ein Loch, schaufelte die Erde fort. Als es tief genug war, schob er das Geld auf dem Tisch zusammen und tat es in das Loch. Er schaufelte die Erde wieder darüber, nach jedem Schaufelwurf trat er die Erde fest. Als alles eben war, verstreute er den Rest der Erde in der Hütte, ging herum und trat ihn gleichfalls fest.

Inzwischen hatte die alte Margarete sich erhoben. Sie wischte sich mit der Schürze die Tränen und ging zum Herd. Da schob sie die Töpfe, legte frisches Holz an; die Flamme knisterte; sie nahm die Deckel ab, rührte mit dem Löffel. Mit ruhiger Stimme sagte sie: »In einer halben Stunde ist das Essen fertig.«

»Es ist gut,« erwiderte Hermann, nahm die Axt und ging hinaus, um in der Zeit noch am Holz draußen zu arbeiten.

Die schweren Wolken hängten sich tiefer und tiefer, um die Spitzen der Fichten flatterten zerfetzte Nebelstreifen, das Grau senkte sich weiter, nun konnte man kaum noch zwei Schritte vor sich sehen. Die alte Margarete rief aus der Tür zum Mittagessen. Hermann ging hinauf in die Hütte.

Es kam wieder ein schwerer Schneefall; die ganze Nacht durch legten sich die großen Flocken und legten sich übereinander; der Schnee häufte sich auf dem Zimmerplatz, wo die Stämme lagen; er lastete auf den Zweigen der Fichten; es war, als ob die äußersten Spitzen der Fichten in Nebel und Schnee aufgingen. Es hatte keinen Zweck, die Hütte zu verlassen und draußen eine Arbeit anzufangen; Hermann saß auf seinem Schemel und arbeitete an Stielen für sein Werkzeug, um später versehen zu sein; wenn ihm etwas zerbrach bei der Arbeit.

Es wurde früh dunkel, und die beiden gingen früh schlafen. Tief in der Nacht erwachte die alte Margarete plötzlich durch ein Klopfen und Rütteln an der Tür. Sie sprang von ihrem Lager auf, schüttelte Hermann am Arm, der schlaftrunken erwachte, und rief durch die Tür. »Ich bin es, Großmutter,« rief es zurück. »Laß mich ein, ich bin durch den Schnee gekommen, ich kann nicht mehr.« Hermann sprang auf, schob den Riegel zurück und stemmte sich mit dem Rücken gegen die hochverschneite Tür. Der Schnee vor ihr schob sich zusammen, ein Spalt öffnete sich, Anna drückte sich durch ihn herein; als sie in der Stube war, brach sie zusammen, sie lag ohnmächtig am Boden.

Hermann kniete ihr zu Köpfen, richtete den Oberkörper auf und hielt ihn; der Kopf wackelte machtlos hin und her, die Augen waren geschlossen. Die alte Frau hielt die Hände der Ohnmächtigen, die ganz kalt waren, und rief ihr zärtliche Worte zu. Nach einer Weile öffnete Anna die Augen, sah fragend in das Gesicht der Großmutter, dann schloß sie die Augen wieder, ein Ausdruck von Ruhe und Frieden glitt über ihr Gesicht. Sie seufzte tief auf, sie flüsterte: »Das ist gut, nun bin ich bei euch, nun kann mir nichts mehr geschehen.«

Nun ließ die Großmutter die Hände und eilte zum Herd. Sie machte mit bebenden Händen Feuer und setzte den Topf mit Wasser auf, um einen heißen Brei zu kochen. Sie eilte in ihren Winkel, wo ihre Kleidungsstücke hingen, und nahm mit bebenden Fingern den guten Rock herab, dann kramte sie Strümpfe vor. Sie kniete und schnürte Annas Schuhe auf. »Wie Mist,« klagte sie; sie zog die Schuhe aus; halb unbewußt zog Anna die Füße mit den nassen Strümpfen unter den nassen Rock.

»Stehe auf und wende dich der Wand zu,« sagte die alte Frau zu Hermann. Als der gehorcht hatte, erhob sich Anna schwach, die Großmutter half ihr, sie zog den Rock und die Strümpfe aus und zog die trockenen, warmen Sachen an.

Als sie fertig angezogen dastand, in Strümpfen auf dem gestampften Lehmboden, da drehte sich Hermann um und wollte auf sie zugehen. Sie brach in heftiges Schluchzen aus, eilte auf ihn zu, umarmte ihn und barg ihr tränenüberströmtes Gesicht an seiner Brust. Er streichelte ihr nasses Haar, er fragte: »Was ist denn nur? Was ist denn nur geschehen?«

Sie weinte und schluchzte und konnte lange nicht sprechen. Dann setzte sie sich auf den Schemel, sie hatte die Hände vor den weinenden Augen, sie stieß abgebrochen hervor: »Es sind wieder Soldaten da, sie haben den Bauern totgeschlagen, der Hansl hat sich noch gewehrt, ich bin durch ein Fenster hinausgestiegen, kein Tuch habe ich umgebunden und nichts, ich bin nach hier gelaufen.«

Hermann öffnete die Tür und sah hinaus. Wo die Bockswiese lag, war ein großer, feuriger Schein. Er wollte schnell die Tür wieder zuziehen, aber Anna war hinter ihn gesprungen und sah gleichfalls nach der Richtung. »Großer Gott!« rief sie, »die Bockswiese brennt. Und ich habe meine neuen Schuhe dagelassen und alle meine Sachen, das verbrennt nun alles mit.« Hermann schob Anna zurück und schloß die Tür wieder. »Meine Kalbin ist hin,« sagte er, »das Holz kann ich selber gebrauchen.«

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