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Der Schatz im Morgenbrotstal

Paul Ernst: Der Schatz im Morgenbrotstal - Kapitel 2
Quellenangabe
authorPaul Ernst
titleDer Schatz im Morgenbrotstal
publisherC. Bertelsmann Verlag
year1950
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170125
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Erstes Hauptstück

Es war in den ersten Zeiten nach der Unterzeichnung des Westfälischen Friedens, durch welchen der Dreißigjährige Krieg beendet wurde, daß in der Stadt Goslar im Harz in einer Wirtschaft eine Anzahl von etwa dreißig Bergleuten zusammensaßen. Die Männer waren in ihrer Bergmannstracht, im Sonntagsstaat, im schwarzen Kittel, mit Hinterleder und Schachthut. Jeder hatte ein halbes Glas Wein vor sich stehen. An der Spitze des Tisches saß der Schichtmeister, welcher die Lohnauszahlung machte. Am Löhnungstage trank der Bergmann herkömmlich ein Glas Wein; aber die Zeiten waren schwer und das Geld knapp; so wurde denn nur ein halbes Glas bestellt.

Der Schichtmeister hatte seine Liste und den Beutel mit frisch geprägtem Geld vor sich. Auf den blanken Silberstücken war das springende Roß abgebildet. »Wenn einer das Geld behalten könnte,« sagte ein Bergmann halblaut, »da weiß man doch, was man hat. Das ist Feinsilber.« Die andern nickten ernsthaft, erhoben ihr Glas und tranken einen Schluck; der Schichtmeister zählte ehrbar aus seinem Beutel aus.

An einem kleinen Tischchen in der Ofenecke saßen Leute, die nicht zu dieser Gesellschaft gehörten. Es waren abgedankte Soldaten, wie sie damals noch das Land durchwanderten, zwei Männer von etwa vierzig Jahren und ein Junge, der etwa achtzehn zählen mochte. Sie hatten eine große Kanne mit Gose vor sich stehen, aus der sie in ihre Becher eingossen.

Die beiden älteren Kerle waren verwogene Gesellen mit frechen, verwüsteten Gesichtern, denen man ansah, daß sie schon manche üble Tat begangen haben mochten. »Das ist auch so ein Protestantennest hier,« sagte der eine. »Die Bergleute sind alle Ketzer.« – »Der Luther ist ihr Schutzpatron, weil er ein Bergmannssohn gewesen ist,« warf der Junge ein. »Ein schönes Geld!« rief der andere von den Männern aus. »Das könnte einem zupaß kommen.«

Die Kerle waren zerlumpt und schmutzig. Ihre drei Hellebarden standen zusammengestellt in der Ecke. Sie hatten große Säbel an der Seite. Auf den Köpfen trugen sie breite Hüte, verfettet und verschmiert, an denen ein zerschlissener Hahnenschwanz herabhing.

Der erste Sprecher zog einen abgegriffenen Würfelbecher aus der Tasche, schüttelte und warf. Er zählte die Augen, schimpfte und warf wieder. Dann nahm der zweite den Becher in die Hand. Von dem Tisch der Bergleute kamen mißbilligende Blicke.

Inzwischen war der Schichtmeister mit der Auszahlung fertig geworden. Er schnürte den leeren Beutel zusammen und steckte ihn in die Tasche, dann machte er mit dem Gänsekiel einen Strich unter seine Abrechnung und schrieb Tag, Jahr und seinen Namenszug, streute aus dem Sandfaß darüber, klopfte den Sand ab, legte das Buch zusammen und schob es in die Brusttasche, und dann legte er die Arme behaglich auf den Tisch, umfaßte mit beiden Händen sein Weinglas und begann ein Gespräch.

Da erhob sich in der Ecke der eine von den beiden älteren Raufbolden. Er haute mit der flachen Hand auf seinen Hut und schwankte stolpernd zu dem Tisch der Bergleute. Da stellte er sich hinter einen der sitzenden Männer und sah mit blutunterlaufenen, dummen Augen über die ganze Gesellschaft hin.

Niemand tat, als ob er ihn bemerke. Nur der Mann auf dem Stuhl vor ihm rückte verlegen.

Der Soldat räusperte sich und nahm eine drohende Haltung an. Er stellte sich breitbeinig. Das bescheiden leise Gespräch der Bergleute verstummte. Jeder sah in sein Glas.

Da lachte der Soldat frech auf; er griff in die Tasche und zog ein Messer vor, er riß die Scheide ab, und blitzschnell stach er dem vor ihm sitzenden Mann von oben am Hals in den Rücken, und als der Mann hintenüberstürzte, stach er noch zweimal in Brust und Bauch. Dann schwankte er zurück in seine Ecke zu den andern beiden, die aufgesprungen waren; er schob das Messer wieder in die Scheide und steckte es in die Tasche, dann sah er stier zu den Bergleuten hin. Sein Kumpan faßte ihn am Ärmel; er schüttelte ihn ungeduldig ab.

Der Bergmann hatte laut aufgeschrien: »Meine Kinder.« Dann hatte er mit den Händen nach seinen Wunden gegriffen. Die andern Bergleute drängten sich um ihn, um ihm zu helfen. Sie zogen ihm den Kittel aus, sie betrachteten die Wunden, die Wirtin kam und brachte Leinwand. »Den Herrn Pastor holen,« sagte leise der Mann, der ihn verband. Ein junger Mensch löste sich aus der Gruppe und eilte fort.

Der Pastor kam im Talar, er trug den Kelch und den Teller mit dem Brot. Er fand die Bergleute um den Verwundeten stehend, der auf dem Stubenboden ausgestreckt lag. Ein alter Mann kauerte hinter ihm und hatte seinen Kopf im Schoß. Der Verwundete röchelte mit halb geschlossenen Augen; man konnte den unteren Teil des Weißen im Auge sehen, die weißen Zähne zwischen den Lippen. In ihrer Ecke standen die drei Soldaten, jeder hielt die Hand in der Tasche um den Messergriff, denn in dem niedrigen Raum war das Schwert keine gute Waffe.

Der Pastor kniete neben dem Sterbenden nieder und flüsterte zu ihm. Der Sterbende bewegte seine Lippen. Die Bergleute hatten den Schachthut abgesetzt und auf den Tisch gestellt; nun knieten sie nieder und falteten die Hände. Einer half dem Sterbenden die Hände falten. Der Pastor beugte sich über ihn, legte ihm das Brot auf die Zunge, der Sterbende machte eine schluckende Bewegung. Der Pastor schlug über ihm das Kreuz und sagte: »Nehmet und esset, dies ist mein Leib.« Dann nahm er den Kelch, legte den Arm unter des Sterbenden Kopf, richtete den etwas hoch, setzte ihm den zinnernen Becher an die Lippen und sagte: »Das ist mein Blut des Neuen Testaments, das für viele vergossen wird.« Die Bergleute bewegten betend die Lippen und flüsterten die Worte mit. Die drei Soldaten standen in ihrer Ecke mit gleichgültigen, rohen Gesichtern.

Da zuckte es durch den Körper des Sterbenden; der Pastor machte dem alten Mann ein Zeichen, welcher den Kopf im Schoß hielt; der nahm behutsam den Kopf, rückte zur Seite und legte ihn dann leise auf die Erde. Nun lag der Sterbende lang ausgestreckt, die Hände über die Brust gefaltet.

Plötzlich kam von draußen ein lautes Weinen und Schreien. Die Frau des Sterbenden stürzte klagend herein, sie trug ein Kind auf dem Arm, zwei Kinder hielten sich weinend und schreiend an ihrem Rock, ein viertes lief täppisch hinterdrein. Die Gruppe stand in der Tür wie vom Donner gerührt, als der Sterbende so dalag. Der Pastor legte den Finger auf den Mund und sah zu der Frau und den Kindern hin. Ein paar schnelle Atemzüge des Sterbenden kamen, dann stockte der Atem, dann setzte er schwach wieder ein, dann stockte er wieder, dann ging eine Veränderung in dem Gesicht vor, die Züge glätteten sich, ein Friede kam über sie. Der Pfarrer, der neben dem Toten kniete, drückte ihm die Augen zu. Da stürzte sich die Frau auf die Knie, jammerte auf und warf sich auf den Toten, die Kinder zogen schreiend an ihren Kleidern, damit sie wieder aufstehen sollte.

Mit einemmal sprangen die Bergleute auf: »Rache! Gerechtigkeit!« schrien sie; jedem blitzte in der Hand der blanke Schärper, sie stürzten sich auf die drei in der Ecke, die waren im Nu in einem Knäuel. Schreie, Klagelaute, Wutgeheul, Männer stürzten, Beine der Gestürzten zappelten. Aus dem Gewühl machte sich einer los, der junge Mensch unter den Soldaten; mit einem gewaltigen Satz sprang er in eine Gruppe von Angreifern, schleuderte die Bergleute rechts und links auseinander und war aus der Tür, ehe es sich die andern versahen. Aber unterdessen hatte sich das Handgemenge mit den beiden Älteren hitziger entwickelt, im Augenblick dachte niemand mehr an den Burschen. Schon lagen die beiden Soldaten auf der Erde, kraftlos, aus vielen Wunden blutend, ein Bergmann stieß dem einen den Schärper in den Bauch und drehte ihn um: »Da, du Hund, das hast du,« rief er; dem verhimmelten die Augen; er schnappte mit den Zähnen. Der Schichtmeister und der Pfarrer beruhigten; als einigermaßen Ruhe war, da lagen die beiden Strolche in der Mitte des Zimmers tot.

Der Bursche war gelaufen, was er konnte. Es war im Spätherbst, am Abend, schon dunkelte es, die Leute waren fast alle in den Häusern. Er lief an dem verwunderten Torwächter vorbei aus dem Tor, da war die lange Straße, die nach Klaustal führte. Er lief und lief, der Torwächter lief hinter ihm drein, als er sich von seiner Bestürzung erholt hatte, aber er merkte bald, daß er den gelenkigen Burschen nicht einholen konnte, er dachte an sein Tor, da schrie er, daß andre kommen sollten, um die Verfolgung aufzunehmen, und lief wieder zurück. Die Felder gingen nicht weit, dann begann der Wald, in dem war es dunkel. Der Bursche verließ den Weg und lief zwischen die Stämme, sich stoßend, anprallend, stolpernd. Nach einer Weile stand er still. Er hielt das klopfende Herz und lauschte angestrengt. Er konnte keinen verdächtigen Laut hören. Da warf er sich auf den Boden, den glatten, mit Fichtennadeln bedeckten Boden.

So blieb er eine lange Weile liegen. Er hörte von fern die Oker über Steine und Klippen rauschen. Dann erhob er sich und ging auf das Rauschen zu. Neben dem Fluß zog sich die Landstraße; er schritt auf ihr weiter. Der Mond ging auf, Busch und Baum stellten sich geheimnisvoll, auf dem Fluß blitzte der Schein in Flecken auf, über die ausgefahrene, verwilderte Straße warfen sich zackige Schatten von Bäumen.

Etwa eine Stunde mochte er gegangen sein, da hörte er das Klappern einer Mühle. Schon begann ein Hund zu bellen; als er weiterkam, ging das Bellen in wütendes Gebelfer über; der Hund riß an seiner Kette. Der Müller trat aus der Tür und lugte ins Dunkel. Unser Bursche, wir wollen jetzt seinen Namen nennen, er hieß Hermann Wied, kam heran und bat um ein Stück Brot und ein Nachtlager.

Mißtrauisch betrachtete ihn der Müller. »Gibt man Euch nichts, so steckt Ihr einem an,« brummte der finstere Mann ärgerlich vor sich hin, dann winkte er dem Burschen zu, hereinzukommen.

Hermann grüßte die Frau, welche sich in einer Truhe zu schaffen machte, und setzte sich auf einen Schemel vor dem Tisch; auf die Kante setzte er sich und behielt den Hut auf den Knien. Die Frau ging hinaus, dann kam sie mit einer Schnitte trockenen Brotes zurück, das sie vor ihn legte. »Unser erstes Brot seit drei Jahren,« sagte der Mann. »Vor drei Tagen habe ich wieder angefangen zu mahlen. Jetzt können einem die Soldaten ja nicht mehr alles fortnehmen.« Hermann wurde rot, er beugte sich über den Tisch, ergriff die Brotschnitte und dankte mit murmelnder Stimme.

Nun nahm der Müller den brennenden Kienspan, der im Halter eingeklemmt war, und ging aus der Tür. Hermann folgte ihm. Die Beiden durchschritten den Flur und traten auf den Hof. Der Holzschuppen stand abseits von den übrigen Gebäuden. Der Müller öffnete ihn, da lag ein großer Haufen Reisig. »Weicher habe ich es nicht,« sagte er. »Wir schlafen selber auf der bloßen Diele. Eine Decke habe ich auch nicht. Nimm eine Reisigwelle auf und decke sie über dich, das hält warm.« Hermann dankte und machte sich sein Lager zurecht. Der Müller bot ihm gute Nacht und ging.

Der Bursche lag nun allein im Reisig. Er blickte hoch. Das Schindeldach war schadhaft mit vielen Löchern, durch eine große Lücke gerade über ihm fiel ein Mondstrahl schräg hinab in den Raum. Er biß in sein Brot und kaute. Kaum hatte er es aufgegessen, da schlief er schon ein.

In der Frühe erwachte er aus schwerem und tiefem Schlaf. Ihn fror, er konnte seinen Atem sehen; die Spitzen der Reisigwelle, an welche sein Atem gekommen war, waren dick bereift. Mühsam, mit steifen Gliedern, zog er sich aus seinem Lager heraus, dann stellte er sich hin, trampelte von einem Fuß auf den andern und schlug die Arme unter die Achseln.

Er ging zur Tür. Sie war verschlossen. »Ach, der Hautz hat dir nicht getraut,« sagte er lachend, »der hat gedacht, du wirst ihm seine Wellen genffen. Die Hautzen sind schlau heutzutage.« Er kletterte zum Dach hoch, schob ein paar Schindeln zur Seite, stieg hinaus und sprang draußen vom Dach herunter. Eben kam der Müller, er hatte wohl aufschließen wollen. Er sah den Sprung und dachte sich, was geschehen war. Nun war Tag, da hatte er keine Sorge mehr vor Brandstiftung. Er sah den Burschen schief an und sagte: »Nun pack dich von meinem Hof, sonst kette ich den Hund los.« Hermann lachte, er schwenkte den Hut und rief: »Dank auch für das Nachtquartier; wenn du einmal auf Wanderschaft bist, dann kannst du zu mir kommen, ich bewirte dich auch und gebe dir ein feines Bett.« Der Hund zerrte und belferte wütend, schnell sprang Hermann auf die Landstraße und ging mit großen Schritten weiter.

Wohl eine Stunde ging er so, der Magen hing ihm schief. Er kratzte sich den Kopf. »Hans Walther hat einen gedeckten Tisch,« sagte er, »unsereins muß sein Brot erlaufen.«

Da war in der Nähe ein Hof, Hahnenklee mit Namen. Der war vor Jahren von raubenden Soldaten abgebrannt. Es war nur der Schornstein geblieben mit dem Herd darunter. Die Leute auf dem Hof waren alle totgeschlagen oder verlaufen, nur ein altes Mütterchen war noch da, das hatte sich an den Schornstein aus halbverbrannten Balken und Brettern eine Hütte gebaut. Als Hermann auf der Landstraße verdrossen dahintrottete, sah er von weitem den krummen Schornstein, aus dem Rauch aufstieg. Er ging quer durch den Wald auf ihn zu.

Das alte Mütterchen hatte einen Arm voll trocknen Reisigs geholt und wollte eben in die Hütte hineingehen, als sie die harten und raschen Schritte hörte. Sie blieb in der Tür, wendete sich um, legte die Hand über die Augen und spähte. Hermann kam rasch herzu, er zog sein langes Schwert und richtete es gerade auf die Alte; dabei sagte er: »Gib mir zu essen, dann tue ich dir nichts.«

»Du frecher Nichtsnutz,« rief die Alte, »willst du wohl gleich das Eisen einstecken! Es steht geschrieben Johannes am achtzehnten: ›Stecke dein Schwert in die Scheide,‹ denn es heißt Offenbarung Johannis am dreizehnten: ›So jemand mit dem Schwert tötet, der wird mit dem Schwert getötet werden‹.«

Verblüfft stieß der Bursche das Schwert in die Scheide und sah die Frau an. Die rief: »Nun, was stehst du da und gaffst? Kannst du mir nicht helfen?« Sie trat in die Hütte, warf ihr Reisig vor den Herd, wo ein lustiges Feuer brannte. Im Feuer stand ein Topf, in dem rührte sie. »Was soll ich denn helfen?« fragte Hermann. Die Alte gab ihm einen Eimer und beschrieb ihm den Weg zur Quelle; Hermann nahm gehorsam den Eimer und zog ab.

Als er wiederkam, stand der Topf auf dem Tisch mit einem blechernen Löffel darin. Die Alte saß auf einem Baumklotz, der dastand. »Du kannst stehen,« sagte sie, »es ist weiter nichts zum Sitzen da. Meine Knochen sind älter als deine.« – »Ja, da hast du wohl recht, Mutter,« sagte der Bursche und trat an die Seite des Tisches. »Was hast du denn in dem Topf?« – »Eine Rübe habe ich gekocht,« erwiderte sie, nahm den Löffel, blies und aß, dann gab sie ihm den Löffel. »Es geht abwechselnd, ich habe doch nicht gewußt, daß du kommen wirst.«

»Lebst du denn allein hier?« fragte Hermann. Die Frau nickte und sagte: »Seit drei Jahren. Alle fort. Meine Enkelin besucht mich zuzeiten, wenn sie einen freien Sonntag hat. Die ist auf der Bockswiese in Dienst. Es ist schwer für eine Witfrau heutzutage. Nun sagen sie ja, es kommen keine Soldaten mehr. Gott geb's. Aber du bist doch ein Soldat?«

Hermann schluckte mit unzufriedenem Gesicht ein Stück halbgekochter Kohlrübe hinunter. Er sah sich in dem Raum um.

Der Kamin gähnte schwarzglänzend in die Höhe. Unter ihm war der Herd, aus rohen Bruchsteinen gebaut. Die Wände waren Bretter; aber es war Moos gestopft und mit festgebundenen Stangen und Latten gehalten. Ein Fenster hatte die Hütte nicht, nur ein Loch über der Tür. Das Lager der Alten befand sich in der Ecke am Herd, sauber aus Moos aufgeschüttet, mit einer reinlichen Decke aus übereinandergenähten Stücken Sackleinwand. Daneben lagen zwei Ziegen und kauten; sie sahen verwundert neugierig auf den Fremden. Der Tisch war ein schmales Brett, an die Wand genagelt und durch zwei Stöcke gestützt. Die Alte hatte die Hände gefaltet und sah ihm ins Gesicht. »Ich habe es einmal besser gehabt,« sagte sie, »›aber der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, des Herrn Name werde gelobt in Ewigkeit, Amen.‹ Ich habe hier gelebt die Jahre über, und der Herr hat mein Haus verwahrt und alles, das ich habe ringsherum.«

»Mutter, ich will hier bleiben,« sagte Hermann.

»Ich will dir nicht entgegen sein,« sagte die alte Frau. »Du bist jung und rüstig, du kannst dir Nahrung schaffen, denn Nahrung gibt es genug hier.«

Der Junge schnallte seinen Degen ab und stellte ihn in die Ecke. »Der nutzt mir hier nichts,« sagte er lachend. »Vorrat für den Winter wirst du wohl nicht viel haben. Was braucht denn so ein altes Gerippe viel von Nahrung!«

»Ich habe Heu für die Ziegen, ich habe getrocknete Pilze, ich habe Rüben, ich habe Kohl, ich habe Bohnen ...,« erwiderte die Alte.

»Hast du Werkzeug?« fragte der Bursche.

Es fand sich Hammer und Zange, ein Schnitzmesser und eine Handsäge.

»Jetzt mache ich mir erst Schlingen und Fallen, daß ich Tiere fangen kann,« sagte der Bursche. »Da haben wir etwas zu essen, und was wir nicht brauchen, das wird in Goslar vertauscht.« Er ließ sich den Weg zur Bockswiese beschreiben. Das war ein Bauernhof, wo der Bauer noch ein Gespann Pferde hatte. Dahin ging er gleich und erbettelte Pferdehaare; er versprach Krammetsvögel dafür. Dann kam er zurück, unterdessen hatte er noch einen Vogelbeerbaum getroffen und die Beeren in einen mitgebrachten Sack gepflückt; nun machte er Dohnen. Gegen Abend hängte er seine Dohnen auf. »Mit den Dohnen fange ich an,« sagte er zu der Alten. »Die sind das Sicherste. Inzwischen kundschafte ich aus, wie das Wild geht. Es gibt hier Hasen und Rehe.«

Die alte Frau sah mit Kummer, wieviel er aß. »Wenn du so dran gehst,« sagte sie, »dann bin ich in vierzehn Tagen arm, dann mußt du weiterziehen.« Hermann lachte und vertröstete sie auf seine Beute.

Er hatte sich Moos und Laub zusammengeschleppt zu einem Lager, aber das mußte erst noch trocknen. So hatte er denn noch kein Bett. Die Alte wollte ihm von ihrem Moos abgeben, aber das nahm er nicht an. Er kugelte sich zusammen wie ein Hund auf dem Boden und schlief gleich ein. Die Alte ging seufzend zu ihrem Bett.

Am frühen Morgen stand er auf; die Alte – wir wollen nun ihren Namen sagen: sie hieß Margarete Hünemannin – stand schon am Herd und kochte ihre Steckrüben. Er schüttelte sich den Schlaf ab, dehnte sich und lief aus der Hütte. Nach einer halben Stunde kam er zurück; er hatte zwölf Krammetsvögel an einem Strick über der Schulter. »Da, Mutter, die kannst du rupfen,« rief er. »Die geben Kraft in die Knochen.«

Die alte Margarete schlug die Hände über dem Kopf zusammen vor Freude. Sie befühlte die Vögel und pries sie, sie waren jung und fett. Sie erzählte von ihrem seligen Mann, der hatte ein ritterliches Leben geführt, damals waren die Zeiten noch anders gewesen, der war auf Jagd gegangen und hatte immer etwas mitgebracht.

Hermann überlegte sich, was zu tun war. »Die Alte versteht das nicht,« dachte er. »Die Wirtschaft muß ich in die Hand nehmen. Der Winter ist lang, wer weiß, wann man wieder etwas haben kann; man muß die paar Herbstwochen ausnutzen.«

Er schnitzte sich Stöcke und befestigte sie im Schornstein. Die alte Margarete hatte inzwischen die Vögel gerupft und ausgenommen. »Wir haben für heute genug an dem Innern,« sagte er, »das kochst du, das gibt eine kräftige Suppe.« Er hatte dünne Weidenruten, die stach er den Vögeln durch die Köpfchen, um sie an den Stöcken im Schornstein aufzuhängen. Als die zwölf Vögel da oben hingen, rieb er sich die Hände und sah hoch: »Das macht sich schön!« rief er, »die räuchern gut durch; wenn es mit dem Dohnenstieg so weiter geht, dann brauchen wir uns vor dem Winter nicht zu fürchten.«

Er verfertigte noch mehr Dohnen und hängte sie auf. Am nächsten Morgen brachte er achtzehn Vögel nach Hause; er hatte mehr gehabt, achtundzwanzig Stück, aber zehn hatte er dem Bauern gebracht, der ihm die Pferdehaare gegeben.

Nun war er den Tag über fleißig bei seiner Arbeit, aber er war doch am Abend nicht mehr so müde, wenn er sich zum Schlafen legte. So hatte er denn Zeit, nachzudenken und sich einen Plan zu machen. Die beiden Ziegen mußten zum Frühjahr lammen. Dann konnte man die Lämmer aufstellen und hatte mehr Milch. Wenn man dann später sich ein Kalb zukaufte, so konnte man eine Kuh halten. Futter war genug für viel Vieh, der Hof war groß gewesen; freilich wuchs jetzt der Wald in Wiesen und Äcker hinein. Armdicke Stämme standen schon. So mußte man sich auch eine ordentliche Axt kaufen. Das Beil, das die Alte hatte, legte sich bei jedem Schlag um, es war mit im Feuer gewesen, als das Haus abbrannte, und war weich geworden.

Die Krammetsvogelbeute war weiterhin reichlich. Hermann hatte auch schon einige Hasen mit nach Hause gebracht. An einem Morgen schleppte er ein verwildertes Schwein auf den Schultern an; er hatte es im Wald betroffen und mit dem Beil erschlagen. So war nun für den Wintervorrat wohl gesorgt; er konnte nach Klaustal und Goslar gehen und von seinem Fang verkaufen oder tauschen.

An einem Morgen band er fünf Hasen die Hinterläufe mit Weidenruten zusammen, hängte sie über seinen Stock, nahm den auf die Schulter und trat den Weg nach Klaustal an. Es war in Klaustal nicht so gut zu verkaufen wie in Goslar, denn es wohnten da nur Bergleute und zwei oder drei Beamte in kümmerlichen Hütten, die auf den Trümmern der verbrannten Häuser gebaut waren; aber in Goslar konnte man ihn vielleicht noch erkennen von dem Mord an dem Bergmann her.

Er kam die Straße nach Zellerfeld hinein. Zu beiden Seiten waren Schutthaufen und Mauertrümmer von Häusern, schon überwachsen von Gebüsch und Bäumen. Drei feste Häuser standen noch, aber die Fenster waren mit Heu verstopft, die Dächer waren brüchig. Auch die Kirche war nicht völlig zerstört; auch hier waren die Fenster zertrümmert, die Tür fehlte, das Innere war fast ganz leer; man konnte es im Vorübergehen erkennen. Hermann ging über den Zellbach, indem er von einem Stein auf den andern sprang. Bis dahin hatte er noch keinen einzigen Menschen getroffen. Nun führte da die Straße weiter, wieder zwischen Schutthaufen von früheren Häusern. Da begegnete er einer Frau; sie erschrak bei seinem Anblick und wollte fortlaufen, denn Hermann hatte sein langes Schwert an der Seite. Er rief ihr zu, sie solle sich nicht fürchten, er tue ihr nichts an, er wolle Tauschhandel treiben. Die Frau blieb zaghaft stehen und erwartete ihn.

Er zeigte seine Hasen und gab an, was er wollte. Er brauchte eine Axt, eine Schrotsäge, eine Feile, Nägel und etwas Roggen. Die Frau sah mit gierigen Blicken die Hasen an, befühlte sie einen nach dem andern und weinte. Vor acht Monaten war eine Kuh verendet, die letzte Kuh in Klaustal, dadurch hatten sie Fleisch bekommen; das war das letzte Fleisch gewesen, das sie gegessen. Sie hatte fünf Kinder, ihr Mann war Bergmann. Sie führte Hermann in einen Keller, der unter einem der Schutthaufen war. Das war ein niedriger, gewölbter Raum, ganz eng. An der Tür waren Steine aufgeschichtet, auf denen wurde gekocht; der Rauch zog zur Tür hinaus. Dann war ein Brett an der Wand als Bank, davor ein anderes Brett auf vier Füßen in den Boden gerammt als Tisch. Die Lagerstätte befand sich in der Ecke, ein dickes Lager aus Laub. Fünf Kinder saßen auf ihm; sie waren in Heu gewickelt, das durch Bindfaden, der herumgewunden war, festhielt; als die Mutter hereinkam, liefen sie zu und fragten: »Hast du zu essen mitgebracht?«

»Mein Mann ist angefahren,« sagte die Frau. »Ich kann eigentlich nichts ohne ihn machen. Sein Werkzeug braucht er selber, sein Werkzeug, das ist sein Heiligtum. Nächstes Frühjahr will er bauen. Es heißt ja, daß die Soldaten nicht mehr kommen. Die Balken haben wir schon liegen. Wenn er nach Hause kommt, dann zimmert er an den Balken. Er will es im Winter so weit haben, daß er richten kann, sowie der Schnee weg ist. Ich habe auch schon eine Menge Schindeln gespaltet. Ein Haufen Ton ist auch schon da, den hat er mit dem Schubkarren einzeln zwei Stunden her geholt.« Sie wischte sich mit der Schürze die Tränen ab. »Die Kinder haben immer solchen Hunger,« sagte sie. »Was kann ich ihnen denn geben! Kohlrüben, immer nur Kohlrüben. Die sättigen nicht.«

Sie suchte und brachte Hermann eine Handvoll Nägel. »Gib mir einen Hasen dafür,« bettelte sie, »diesen da!« Sie zeigte auf den stärksten. »Du verdienst einen Gotteslohn. Etwas andres kann ich dir nicht geben. Wenn mein Mann merkt, daß ihm die Nägel fehlen, dann schlägt er mich halbtot.«

Sie setzte sich auf die Stufen der Treppe und weinte herzbrechend.

Hermann streifte schnell die Hasen von der Stange, nahm den ausgesuchten heraus, legte ihn auf den Tisch, streifte die andern wieder auf und legte die Stange auf die Schulter; dann faßte er verstohlen die Nägel und steckte sie in die Tasche und stieg mit weiten Schritten neben der Frau die Kellertreppe hoch. Als er fort war, stand die Frau seufzend auf, wischte sich mit der Schürze die Augen und machte sich an den Hasen.

Hermann ging weiter, die lange, öde Straße hinauf, die ausgewaschen war mit tiefen Rillen. Auf der Höhe hatte eine Windmühle gestanden. Der Unterbau war noch da, unordentlich war da allerhand verbogenes und verrostetes Eisenzeug zusammengestürzt mit den Mühlsteinen. Im Gras, überwuchert, lag zwischen verkohlten Balken ein Stück eines Mühlenflügels. Der Müller stand, die Hände in der Tasche, in der Türöffnung des Unterbaus und betrachtete Hermann, der zu ihm trat. Er befühlte die Hasen, dann winkte er Hermann sich nach und trat mit ihm in den inneren Raum. Da lag und stand allerlei gerettetes Zeug herum. Der Müller räumte Kasten und Truhen fort und brachte eine große Schrotsäge zum Vorschein. Sie war schon stark abgenutzt, sie war verrostet, aber der Rost saß nicht tief; es fehlten eine Anzahl Zinken, sie mußte neu aufgefeilt werden. »Was soll ich damit machen?« fragte unschlüssig Hermann. »Da muß ich auch noch einen Kloben und eine Feile haben.« Der Mann suchte weiter. Er fand einen Kloben und warf ihn in den freien Raum, dann brachte er auch noch eine Feile an. Zwei Hasen verlangte er für alles. Hermann stand unschlüssig. »Du machst ein gutes Geschäft,« sagte der Müller. »Mein Zeug ist mehr wert. Aber der Hunger läßt einem keine Ruhe. Kinder habe ich nicht mehr, die sind tot. Für wen soll ich sparen?« – »Hast du Getreide?« fragte Hermann, dann erzählte er ihm, er wolle etwas Sommerroggen anbauen im nächsten Frühjahr. Schweigend ging der Müller nach hinten und brachte ein kleines Säckchen voll Roggen mit; zwei Pfund mochten es sein. »Lege sie erst im Garten, dann pflanze sie um in das Feld,« sagte er, »dann hast du mehr davon.« Hermann nahm noch das Korn, dann gab er die beiden Hasen her und ging weiter.

Auf dem Marktplatz hatte die Kirche gestanden. Sie war zerstört. Um sie herum waren verwüstete, große Häuser. Hermann ging in das eine, das ihm das stattlichste schien. Er ging geradezu und kam in die Küche. Eine Frau stand da am Herd und rührte.

»Tritt nicht näher, sonst kriegst du den kochenden Brei ins Gesicht,« schrie ihn die Frau an und hielt den Löffel im Topf bereit. Ihr lautes Schreien rief den Mann herbei, der mit einem Karabiner in der Hand anstürzte.

»Ich habe ja etwas zu verkaufen,« sagte betroffen Hermann, »ich tue ja keinem etwas.«

Mißtrauisch, den Karabiner immer in der Hand, kam der Mann näher und besah sich die beiden Hasen. Er fragte nach dem Preis, feilschte und handelte. Die Frau trat hinzu und untersuchte die Hasen gleichfalls. Sie bot noch weniger, als der Mann geboten hatte. »Was soll ich mit den paar Pfennigen machen?« fragte Hermann. »Meine andern Hasen habe ich gut vertauscht.« Die Beiden zuckten die Achseln. Hermann wandte sich zum Gehen. Da hielt ihn die Frau zurück, bot etwas mehr. Schließlich kam eine Einigung zustande, und mißmutig das Kupfer in der Hand schüttelnd, ging Hermann fort.

Er hatte einen alten, halb zertrümmerten Pflug vorgefunden. Den brachte er nun wieder instand. Dann setzte er der alten Margarete auseinander, daß er im nächsten Frühjahr bauen wollte. Nun handelte er mit dem Bauern, von dem er die Pferdehaare bekommen, was er für zwei Arbeitstage mit einem Pferd haben wollte, er wollte schon im Herbst umbrechen. Der Bauer schüttelte den Kopf, kratzte sich in den Haaren. Er hatte selber viel brach liegen. Sein Vater hatte drei Gespanne gehabt, schwere Pferde; und die hatten die Arbeit kaum bewältigt. Nun besaß er jetzt nur noch dieses leichte Gespann. Er konnte seine eigene Arbeit nicht machen. Er mußte die Kühe mit zum Pflügen nehmen, und das weiß man ja, was man von einer Kuh hat, wenn sie im Pflug geht. Und auch das war noch nicht einmal genug Vorspann. Nein, er hatte selber Land brach liegen.

Im Dohnenstieg fing Hermann jetzt nichts mehr, aber Hasen fing er noch, gelegentlich auch einmal ein Reh. Das Wild war in den langen Jahren des Krieges, wo es niemand verfolgt hatte, zutraulich geworden und war leicht zu fangen. Und dann kam nun auch die Holzarbeit. Hermann hatte sich den Acker dicht am Haus ausgesucht zum Umpflügen, denn auf dem war nicht so viel Baumwuchs und Gestrüpp gekommen, weil da immer die Ziegen gefressen hatten. Eine Axt hatte er inzwischen noch eingetauscht, nun schlug er die Bäume, die da standen, entästete sie, zog sie vom Acker heraus, zersägte und klafterte sie auf. Die Äste ließ er liegen, sie wurden trocken. Es war ein guter Herbst und Vorwinter. An einem Tage, wie der Wind gut ging, steckte er das Gestrüpp, das auf dem Acker noch stand, und die trocknen Äste und Zweige an. Das Feuer brannte lustig, der Acker wurde rein gebrannt, nur die Stucken der geschlagenen Bäume und die Wurzeln des Gestrüpps steckten noch in der Erde.

Mit der Rodhacke machte er sich an die Stucken. Es waren ja keine alten Bäume gewesen, auch nicht allzu viele, so wurde er mit der Arbeit in ein paar Tagen fertig.

»Mutter, jetzt müssen wir beide allein pflügen,« sagte er. »Wir wollen sehen, was du kannst. Ich will mich anspannen, und du gehst hinten und drückst den Pflug. Wir essen heute ordentlich Fleisch, daß du Kraft in die Knochen kriegst.«

Am andern Morgen wurde der Versuch gemacht. Hermann spannte sich ein und zog. Aber die alte Margarete konnte den Pflug nicht niederdrücken; wie Hermann zog, schurrte er immer hinter ihm her. »Jetzt versuchen wir es umgekehrt,« sagte Hermann. Die Alte mußte sich einspannen, und Hermann stieß den Pflug in die Erde. Er stieß ihn tief und hielt ihn, die Alte zog, daß ihr die Augen aus dem Kopf traten, da ruckte der Pflug etwas, die Scholle begann sich zu lösen, schon begann sie sich umzulegen. Die Alte zog, einen Finger lang kam sie vorwärts, dann mußte sie Atem schöpfen, dann zog sie wieder. »Hü! Vorwärts!« rief Hermann von hinten. Die Alte legte sich ins Geschirr, da kam eine Strauchwurzel; das zähe, langsame Vorwärtsschneiden der Pflugschar geriet ins Stocken; die Alte ruckte und ruckte, die Wurzel knackte, hob sich etwas aus der Erde, nun riß sie, der Pflug kam an eine zweite Wurzel und hielt; wieder ruckte die Alte und brachte ihn durch; nun war wieder eine freie Strecke, da ging der Pflug, fest niedergedrückt, langsam durch die schwarze Erde, die Scholle legte sich glänzend um und bröckelte; die Alte keuchte und stöhnte, ihr Kopf hing tief, sie zog. »Zu, vorwärts,« rief Hermann; sie zog; dann blieb sie stehen.

»Ich muß mich ausruhen,« sagte sie. Ihr Gesicht war über und über schweißig. Vielleicht fünf oder sechs Spannen hatte sie den Pflug gezogen.

Unzufrieden sah sich Hermann um. »Das geht nicht vorwärts,« sagte er. »Da komme ich schneller weiter, wenn ich alles mit der Rodehacke umarbeite.« Ein frischer Wind zog, die Alte überkam ein Schaudern. »Los!« sagte sie und legte sich wieder ins Geschirr.

Während sie so pflügten, kam der Kopf, dann die ganze Gestalt eines Mädchens über den Hügel. Sie mochte etwa sechzehn Jahre alt sein, sie hatte einen Beiderwandrock, nackte Füße und ein leinenes Mieder; ihre Arme waren bloß, rot und fest. »Großmutter!« rief sie.

Die alte Margarete stand, Hermann stand, die Alte legte die Hand über die Augen. »Ach, das bist du, Anna!« sagte sie. »Du kannst gleich mit helfen. Ich habe noch ein Geschirr, das kannst du dir umlegen.«

Hermann lief eilig zum Haus und kam mit Riemenzeug zurück, das er schnallte und dem Mädchen anpaßte. »Siehst du, Mutter,« sagte er, »ich habe es gut eingeschmiert. Du sagtest, das ist eine Verschwendung, das Fett sollen wir in den Topf tun; aber das Leder will auch sein Recht haben. Nun ist es doch gut, daß das andere Geschirr noch da ist.«

Die beiden Frauen zogen jetzt. Sie faßten sich an der Hand, die frischen, warmen Finger Annas hielten die knochigen Finger der Alten umklammert. Anna legte sich kräftig in die Sielen, der Pflug schnitt tief ein, die Scholle wurde umgeworfen und glänzte; es ging wohl immer langsam, doch nach kaum einer halben Stunde war die erste Furche gezogen.

Da waren die beiden Frauen aber so matt, daß sie sich in ihrem Geschirr auf den Boden warfen, wie sie dastanden.

Hermann machte sie aus dem Geschirr los und sagte: »Geht jetzt ins Haus und richtet das Mittag. Nach dem Essen ziehen wir noch eine zweite Furche. Wenn es acht Tage gutes Wetter bleibt, so wird die Arbeit fertig. Dann friert der Boden ordentlich durch, er ist lange nicht angebaut, nun hat er noch die schöne Asche, da können wir nächstes Frühjahr bestellen.«

Die Frauen gingen ins Haus, und er machte sich an einen Baum, den er fällen wollte.

Anna bereitete das Essen, während die Großmutter erschöpft auf ihrem Lager hockte. Sie legte Reisig auf den Herd, wo unter der Asche die sorgfältig gehütete Glut war, und blies an, dann legte sie Fichtenholzsplitter auf. Die Flamme knackte und züngelte schnell hoch in den rußigen Schornstein. Unterdessen hatte sie Wasser in den eisernen Topf gefüllt und ihn aufgesetzt.

Die alte Margarete brauchte lange Zeit, um sich zu erholen. Dann sagte sie: »Der Hof gehört ja dir. Es ist ein schöner Hof gewesen. Dein Großvater hat sechzig Stück Vieh gehabt. Wenn nun die Soldaten nicht mehr kommen, und du hast einen tüchtigen Mann, dann könnt ihr ihn bald wieder in die Höhe bringen. Der junge Mensch ist ein Katholischer, aber er gefällt mir, er ist streng bei der Arbeit.« In Annas Gesicht flammte die Glut auf; sie bückte sich, um ein Scheit zu nehmen und aufzulegen.

Die Alte fuhr fort: »Ich habe nicht mehr an so etwas gedacht. Ich habe mir mein bißchen Essen gekocht, und weiter nichts. Aber jetzt muß ich doch immer daran denken, wie es wird, wenn ich erst einmal nicht mehr bin. Und du bist ja auch noch jung. Du hast ja das Leben noch vor dir.«

»Ach, Großmutter, du lebst noch lange, du bist ja noch so rüstig!« sagte Anna mit verlegenem Ausdruck.

»›Unser Leben auf Erden ist wie ein Schatten, und kein Aufhalten.‹ Erstes Buch der Chronika am dreißigsten,« sagte die alte Margarete. »Und ich bin auch müde, ich gehe gern schlafen, und dann denke ich, daß ich deinen Großvater wiedersehe und deinen Vater. ›Gedenke, wie kurz mein Leben ist.‹ Neunundachtzigster Psalm. Aber das wäre mir doch noch eine Freude, wenn ich wüßte, daß du versorgt bist, mit einem ordentlichen Menschen. Und dann kommen auch noch die Kinder, das ist gottgewollt, das erste Urenkelkind möchte ich doch noch erleben, daß ich sehe, unser Haus ist nicht ganz ausgestorben.«

»Das ist gar nicht nötig, daß man so früh heiratet,« sagte Anna mit rotem Gesicht. »Ich kann es noch abwarten, ich bin noch jung.«

»Freilich, freilich, bist noch jung,« sagte die alte Margarete. »›Aber so eine Jungfrau freit, sündigt sie nicht.‹ Ersten Korinther am siebenten. Heute sind andere Zeiten. Bist auch gesund und stark. Ich habe vor dem Essen immer laut gebetet, er hat sein Kreuz geschlagen, aber dann hat er die Hände auch gefaltet. Das Kreuzschlagen, das ist ja nun so ein papistischer Götzendienst, aber ich denke, er ist noch jung und hat es nicht besser gehört, so wird es ihm der Herr nicht so schwer anrechnen, denn er hat immer andächtig leise mitgebetet, wenn ich gebetet habe. Und am Abend habe ich aus der Bibel vorgelesen. Ich habe ihm erzählt, wie die Soldaten das Haus verbrannt haben und den Stall, und wie ich den andern Tag in der glühenden Asche die Bibel finde, und siehe da, sie ist unverbrannt, nicht ein schwarzer Flecken ist auf sie gekommen. ›Ja, das ist ein Wunder,‹ hat er gesagt. Darum meine ich, wenn der Herr Pastor nur einmal mit ihm sprechen könnte, er ließe wohl die papistische Irrlehre und nähme den reinen Glauben an!«

Die beiden Frauen hantierten in der Hütte. Die war ärmlich zusammengeschlagen aus alten und halbverbrannten Balken und Brettern. Der Boden war nur gestampfter Lehm, aber es waren kurzgeschnittene Fichtenzweige sauber auf ihm verstreut. »Der Fichtengeruch ist gesund für die Brust,« sagte die alte Margarete. Die Ritzen in den Wänden waren sauber verstopft mit Moos. Die Steine des Herdes waren blitzblank gescheuert. In der einen Ecke war das Lager der alten Margarete, ordentlich hochgepackt aus Laub und Moos, das an den Seiten gehalten wurde durch genagelte Bretter; darüber war die Decke gebreitet aus zusammengenähten Säcken. In der andern Ecke hatte sich Hermann sein Lager gerichtet, gleichfalls aus richtig zusammengenagelten Brettern, die an den Ecken zierlich abgerundet waren. Trocknes Laub, Moos und Heu war hineingepackt, und übergedeckt waren zusammengestückte Felle von Hasen und Rehen, welche knackten, wenn man sie hochnahm. Das Werkzeug war an der Wand nach seiner Ordnung aufgehängt, daß man es gleich greifen konnte. Der Tisch war reinlich auf gewaschen, und zwei neue Schemel hatte Hermann gezimmert, auf denen es sich bequemer saß als auf dem alten Holzblock; der stand nur noch zur Aushilfe da. Jeder hatte in seiner Ecke Nägel in der Wand für die Kleidungsstücke: die alte Margarete hatte da den guten Rock hängen und ein großes Tuch, das sie im Winter brauchte; an Hermanns Stelle hing nur das Schwert, denn er hatte noch nicht so viel erübrigen können, um sich Kleider und Wäsche neu zu beschaffen.

Anna sah sich um. »Hier ist es schön, es wird warm im Winter, da kann man es schon aushalten,« sagte sie; dann dachte sie an den Burschen, und die Röte stieg ihr in das frische Gesicht.

Die alte Margarete tat in das kochende Wasser einen geschlachteten und ausgenommenen Igel mit den Stacheln. »Du mußt dich nicht grausen,« sagte sie. »Zuerst wollte ich keinen Igel essen. Der Junge hat es mich gelehrt. Es ist ein gesundes und nahrhaftes Essen, wir sind Gott dankbar für alle seine Gaben. ›Dem Reinen ist alles rein,‹ Epistel Sankt Pauli an Titum am ersten.« Anna sah die Großmutter ängstlich an und fragte: »Großmutter, muß ich denn davon essen?« Die alte Margarete wurde ärgerlich und erwiderte: »Du ißt, was auf den Tisch kommt, das Mäkeln mag ich nicht leiden.« Anna zerdrückte eine Träne und sprach: »Du mußt nicht bös werden, Großmutter, ich will ja vernünftig sein.«

Als das Essen fertig war, kam Hermann herein, hängte die Axt an die Wand und setzte sich auf den Baumstumpf an den Tisch, die beiden Schemel den Frauen lassend. Das Mädchen trug den Topf auf, schob ein hölzernes Brett daneben, auf das es den gekochten Igel aus dem Topf herauslegte. Hermann zog sein Messer vor, nahm die Gabel und zog dem Igel die Haut mit den Stacheln ab, dann zerteilte er das Tierchen. »Es gibt kleine Happen,« sagte er; »aber wir müssen sparsam haushalten; wir verkaufen und vertauschen, was wir können, wir brauchen noch Korn zur Aussaat.«

Er hatte mit dem Bauern in Bockswiese eine Handelschaft begonnen, und Anna war gekommen, um Botschaft zu bringen. Dem Bauern stand sein Hof noch, er hatte auch noch Vieh. Aber es war viel zu tun bei ihm, so konnte er nicht zur Holzarbeit kommen, denn er wollte im nächsten Jahr einen neuen Heustadel bauen. Deshalb hatte er mit Hermann abgemacht, daß der ihm das Bauholz schlagen sollte, er wollte ihm dafür eine trächtige Kalbin geben. Beim Sägen sollte ihm Anna helfen, denn die alte Margarete war zu schwach. Deshalb war sie auf acht Tage gekommen.

Die beiden Frauen hatten sich inzwischen noch am Herd zu tun gemacht, nun kamen auch sie zum Tisch. Die alte Margarete stand und faltete die Hände zum Gebet. Anna folgte ihr. Hermann bekreuzte sich schnell, dann faltete auch er die Hände. Nun sprach die alte Frau, dankte für reichliche Nahrung und bat Gott, daß er ihr Gast sein möge. Die drei setzten sich schweigend. Die Großmutter nahm sich einen Löffel voll Suppe aus dem Topf, dann reichte sie den Löffel an Hermann, der nahm und reichte den Löffel an Anna, und so ging es reihum. Von dem Brettchen zog jeder ein Stück von dem Igel an sich, zerschnitt es, spießte es auf das Messer und aß es zwischen dem Löffeln.

»Ich habe noch nicht mit dir von der Religion gesprochen,« sagte die alte Margarete zu Hermann. »Ich denke, die Gnade Gottes soll wirken. Aber wir müssen einmal darüber reden, denn es heißt im zweiten Brief Pauli an Timotheum am ersten: ›Darum scheue dich nicht des Zeugnisses unsres Herrn.‹ Ich habe dich geprüft, Jüngling, und finde nicht viel papistischen Götzendienst in dir.«

Hermann wurde verlegen und kratzte sich den Kopf. Er erwiderte: »Das muß ich sagen, Mutter, du bist gut zu mir gewesen. Ich bin schon ein ganz anderer Kerl geworden. Wie ich kam, da fraßen mich die Läuse auf. Ich will ja auch nicht glauben, daß du etwas Übles treibst in deiner Religion. Es wird ja auch vieles geredet von den Leuten. Und wenn sie sagen, daß ihr zu dem Doktor Luther betet, dafür beten wir zu den Heiligen, bloß, daß die schon vor vielen Jahrhunderten gestorben sind, und bei uns gibt es jetzt keine Heiligen mehr. Aber sie erzählen, daß ihr Teufelsdienst treibt, und dazu bin ich nicht zu haben. Ich glaube an meinen christkatholischen Gott, und meine Sünden können mir von unsern Priestern vergeben werden, darum komme ich auch in die ewige Seligkeit, wenn ich gestorben bin, und ihr fahrt in die Hölle. Das heißt, ich glaube, daß es da auch Ausnahmen gibt, denn du hast noch nichts Unrechtes getan, soviel ich gesehen habe.«

Die alte Margarete schlug die Hände über dem Kopf zusammen über die Vorstellung, welche der Bursche von den Evangelischen hatte. Sie sagte: »Also damit verführen euch eure Priester, daß sie so etwas von uns sagen! Nein, den Teufelsdienst treiben die Papistischen, sie beten Holz und Stein an. Aber ich sage dir, dein Priester ist genau so ein sündiger Mensch wie du, er kann dir deine Sünden nicht vergeben, und du bist betrogen, wenn du dich auf ihn verläßt, und nach dem Tode kommst du in die ewige Verdammnis. Wir aber sind erlöst durch den Opfertod unsres Herrn Jesus Christus, und die Erlösung wird uns teilhaftig allein durch den Glauben.«

Nun folgte eine weitere Unterredung, der Anna mit großen Augen zuhörte, indessen Hermann mit Verwunderung sprach; denn beide waren aufgewachsen in den wilden und harten Zeiten des Krieges. Am Ende sagte Hermann, daß er sich alles überlegen wolle, denn freilich scheine ihm das ganz vernünftig, was die Mutter sage; und die alte Margarete versprach ihm, daß sie ihn lesen lehren wolle des Abends nach der Arbeit, damit er selber in der Schrift forschen könne und dann sagen möge, wer recht habe, der Doktor Martin Luther oder der Papst mit seinen Kardinälen.

So war denn die Mittagsstunde vorübergegangen unter guten Gesprächen, und nun machten sich die drei wieder an ihre Pflugarbeit.

»Es wird dir sauer, alte Mutter,« tröstete Hermann. »Aber nächstes Jahr haben wir schon unsere Kalbin, die richte ich gleich ab. Dann kannst du zu Hause bleiben und stehst nur dem Essen vor.«

Margarete nickte nur, sie konnte nicht sprechen. Die Anstrengung hatte sie so erschöpft, daß sie stumm auf der Erde dalag, als die zweite Furche gezogen war. Hermann schaute zufrieden seine beiden Furchen an. »Mist kommt ja nicht hinein,« sagte er »aber der Boden hat sich ja lange ausgeruht. Den Mist von den Ziegen brauche ich für den Garten. Und die Asche tut ja dem Boden auch gut, sie wird mit untergepflügt.« Er ging die Furche entlang und riß die halb ausgehobenen Wurzeln heraus und sammelte sie auf einen Haufen. Dann holte er wieder sein Werkzeug und ging zum Holzen; Anna folgte ihm; und bald ertönte das lustige Kreischen der Säge.

Die beiden arbeiteten den ganzen Nachmittag. Sie sägten nur. Das Fällen wollte Hermann später allein besorgen.

Als es dunkelte, schritten sie nach Hause zurück. Freundlich leuchtete ihnen von weitem das Licht aus der Hütte durch das Loch über der Tür. Sie traten ein, auf dem Herd knisterte und knackte das Feuer, der Kienspan flammte und blakte, und die Alte stand und bediente das Essen.

Nach dem Essen setzte sich die Alte unter den Kienspan und las aus der Bibel vor, langsam und die schweren Worte buchstabierend. Sie hatte ihren regelmäßigen Gang, jeden Tag ein Stück. Sie las Kapitel für Kapitel, vom ersten Buch Mosis anfangend bis zur Offenbarung Johannis. Fast dreimal hatte sie in dieser Weise schon die Bibel durchgelesen. Heute abend mußte sich Hermann neben sie setzen. Sie zeigte ihm Buchstaben: das i, dann das a und das e, die mußte er sich merken und bei ihrem Vorlesen herausfinden. Nachdem das Stück zu Ende gelesen war, klappte sie das Buch zu, dann erzählte sie.

Als vor drei Jahren die Soldaten gekommen waren, da war sie mit Anna und der Schwiegertochter in den Wald geflüchtet. Das Vieh hatten sie mitgetrieben. Der Bauer hatte seinen Hof nicht verlassen wollen; er hatte gedacht, daß er zu einem Übereinkommen gelangen konnte mit den Plünderern, damit sie ihm wenigstens nicht Haus und Stall anzündeten. Deshalb hatte er auch zwei Kühe zurückbehalten und ein Schwein, damit sie etwas vorfänden; er hatte die beiden schlechtesten Kühe dazu genommen. Aber wie die Soldaten nun kommen, da merken sie gleich, daß die andern geflüchtet sind und das Vieh fehlt. Deshalb denken sie, daß der Bauer auch Geld versteckt haben müsse. Sie banden ihn und schnallten ihn fest und legten ihn mit bloßen Füßen ins Feuer, damit er gestehen sollte. Wie er die Schmerzen nicht mehr aushalten kann, da sagt er, daß im Keller ein Töpfchen vergraben ist, in dem sind Guldenstücke, noch altes Geld, lauter Feinsilber. Da laufen sie hinunter und graben es aus nach seiner Beschreibung, ihn aber lassen sie im Feuer liegen, er schrie so laut, daß es die Leute auf der Bockswiese gehört haben. Dann sind sie wieder nach oben gekommen, sie haben den Bauern aus dem Feuer fortgezogen, da war ihm das Fleisch gebraten bis über die Knie. Dann haben sie das Vieh -geschlachtet und haben sich davon gebraten, nur die besten Stücke, die Lenden, das andere haben sie fortgeworfen. Dem Bauern haben sie auch von dem Fleisch geben wollen, aber er hat nichts essen mögen. Und nun, wie sie so schlingen und unvorsichtig sind mit dem Feuer, da schlägt mit einem Male die Flamme aus dem Dachboden heraus. Da lachen sie, sie haben fertiggegessen und ziehen ab. Einer hat den Bauern noch aus dem Haus gezerrt ins Gebüsch, damit er nicht mit verbrennt. Der hat immer gejammert, sie sollen ihm die Barmherzigkeit antun und sollen ihn totschlagen, denn seiner Arbeit kann er doch nicht mehr vorstehen, er ist nur eine Last für die Familie. Aber sie haben sich nicht mehr um ihn gekümmert. Von der Bockswiese haben sie nichts gemerkt, sonst wären sie dort auch hingekommen. Und wie nun die alte Mutter mit den andern zurückkommt, da ist der ganze Hof niedergebrannt, da wirft sich ihre Schwiegertochter auf den Mann, weil der so schreit und jammert, da ist ihr vor Entsetzen das Herz gebrochen. Und der Vater hat noch erzählt, daß der eine einen großen Sack auf dem Pferd gehabt hat, in dem war Geld, und silberne Kelche, und andere Kostbarkeiten. Das Vieh aber, das sie in die Wälder getrieben haben, haben sie nicht wieder bekommen, die Wölfe haben alles zerrissen.

Die Großmutter erzählte mit leiser Stimme, in gleichmäßigem Ton, indem sie unverwandt in das verglimmende Herdfeuer blickte.

Dann sagte sie, daß die Leute allerhand sprachen von den Soldaten, daß es zwischen denen zu einer Zwistigkeit gekommen sei, und daß sie miteinander um die Beute gekämpft haben, wobei drei von ihnen schwer verwundet und gefallen sind, die haben die Leute nachher ganz totgeschlagen, wie sie sie gefunden haben. Und der eine hat immer um sein Leben gebettelt und hat von einem Schatz gesprochen, den sie versteckt hätten und den er den Leuten zeigen wollte, wenn sie ihn am Leben ließen, aber die haben immer zugeschlagen in ihrer Wut, bis er tot gewesen ist. Das ist bei dem alten Schacht gewesen, der unten im Morgenbrotstal liegt. Und die Leute sagen, daß da wirklich der Schatz steckt, denn den Soldaten sind die Pferde ausgerissen gewesen, und sie haben sich nicht zu helfen gewußt, und weil sie gedacht haben, daß der Raub ihnen wieder abgenommen wird, deshalb haben sie ihn dort versteckt. Und wenn den einer findet, der könnte den Hof leicht wieder aufbauen und Vieh anschaffen, der könnte ein gutes Geschäft machen.

»Haben denn die Leute nicht nachgesucht?« fragte Hermann.

»Ja freilich,« erwiderte die Großmutter, »aber was willst du, der Wald ist groß, die Räuber müssen den Schatz gut versteckt haben, es hat keiner etwas gefunden. Nun, jetzt kommen die Soldaten nicht mehr, da hat keiner die Zeit für so etwas, da denkt jeder daran, wie er sein Anwesen wieder in Ordnung bringt.«

»Jetzt müssen wir schlafen,« sagte Hermann. Die beiden Frauen zogen sich in ihre Ecke zurück, Anna schlief mit auf dem Lager der Großmutter; Hermann ging zu seinem Bett. Der Kienspan wurde ausgeblasen. Die Glut auf dem Herd wurde ausgegossen; nach einer Weile schliefen die drei Personen tief und ruhig.

Am andern Morgen begann wieder das Pflügen, dann kam die Holzarbeit der beiden jungen Leute.

Hermann und Anna kauerten am Fuß des Baumes einander gegenüber. Jeder hatte seinen Griff der Säge gefaßt und zog abwechselnd. Die Säge kreischte und klang.

Es mußte Annas wegen eine kleine Pause gemacht werden. »Ein schöner Hof, wenn er im Stande ist,« sagte Hermann. »Das mit dem Schatz wird schon stimmen. So sind die Soldaten gewesen. Man wird ja roh, ich habe dergleichen oft gesehen, ich habe mir nie etwas dabei gedacht. Und damals hat mancher seine Beute versteckt, denn wenn die Bauern über einen kamen, dann durfte man nicht behindert sein, man mußte die Beine in die Hand nehmen Es ist mancher von den Bauern totgeschlagen. Übelnehmen kann man es schließlich denen nicht, wenn auch die Soldaten sagten, die Bauern sind ein heimtückisches Volk. Man muß sich eben immer nur auch in die Lage der andern hineinversetzen.«

Das Mädchen sagte »Los!« und zog die Säge an; nun sägten die beiden eine Weile weiter, bis Hermann rief: »Halt!« Dann zogen sie die Säge heraus. Hermann sah nachdenklich seine angesägten Bäume an. »Wenn kein Sturm kommt, so geht es,« sagte er. »Sowie du fort bist, mache ich mich an das Fällen. Wenn mir die Bäume von selber einstürzen, so splittern sie, und dann ist das Bauholz hin, dann kann man Scheiter machen und sie in den Ofen stecken.«

Anna hatte ein blühendes, regelmäßiges Gesicht mit blauen, strahlenden Augen. Ihr hellblondes Haar lag in schweren Flechten um ihren Kopf, den sie stolz trug. Hermann sah sie oft an.

»Ich bin ja bei den Soldaten gewesen,« sagte er, »aber ich bin nicht schlecht. Ich habe keinen Vater und keine Mutter gehabt, die Soldaten haben mich einmal mitgenommen, wie ich vier Jahre alt war. Was kann da aus einem Menschen werden? Wenn ich einmal Kinder habe, die werden besser erzogen.«

Anna wurde rot, als er von den Kindern sprach.

»Und überhaupt,« fuhr Hermann nachdenklich fort. »Der Hof ist ja schön, und er gehört dir, aber du mußt nun in Dienst gehen, denn warum? Ein einzelnes Frauenzimmer hat keine Macht. Ein Mann gehört auf den Hof, sonst nutzt alles nichts.«

Anna hatte mit ihrem Schürzenband gespielt. Nun sagte sie: »Ach was, an Heiraten denke ich noch lange nicht. Ich bin noch jung. Ich habe noch Zeit. Und die Großmutter ist ja doch da, die sieht nach dem Rechten, daß mir nichts fortkommt.«

»Hm ja!« erwiderte Hermann, »die kann auch nichts machen. Da sitzen in der Stadt die Advokaten und Schreiber. Das ist schnell geschrieben, daß der Hof einem gehört. Was wollt ihr denn machen, wenn mit einemmal ein fremder Mann kommt und sagt: ›Packt euch, ihr habt hier nichts zu suchen, das hier ist mein Hof‹?«

Erschrocken blickte ihn Anna an: »Aber er hat doch meinem Vater gehört und meinem Großvater und Urgroßvater!«

Hermann sagte: »Was willst du machen? Bei Gericht kostet alles Geld. Ist schon oft geschehen.«

»Und dann – haben wir doch auch dich!« erwiderte Anna.

»Ja freilich!« sagte Hermann. »Los!« und er zog die Säge an, und die beiden sägten weiter.

Er war ein schlanker, hochgewachsener Mensch. Das blonde Haar fiel ihm bei der Arbeit oft in einem Schopf in die Stirn, dann zuckte er mit dem Kopf und schleuderte es zurück.

Nach einer Weile war wieder eine Pause. Diesmal war es Hermann, der mit dem Sägen aufhörte. Er sagte:

»Ich bin ja nun wohl eigentlich der Knecht hier. Aber siehst du, ich will doch nicht immer den Knecht spielen. Wenn du nun heiratest, dann heißt es: ›Jetzt kannst du gehen.‹ Schließlich möchte man doch auch für sich selber arbeiten ... Los!« schloß er und zog die Säge an.

»Da ist doch nun das mit dem Glauben,« sagte sie verlegen. »Du bist nun papistisch, und wir haben den evangelischen Glauben.«

»Was ich für einen Glauben habe, das weiß ich nicht,« sagte unwirsch Hermann. »Wie ich so alt war, daß ich mich danach erkundigen konnte, da war ich nicht mehr mit den ersten Soldaten, die mich mitgenommen hatten. Ich wußte bloß noch, daß ich unter einer Weide gestanden hatte, deshalb nannten sie mich ›Wied‹. Aber wo das gewesen war, das wußte ich nicht. Deshalb sind vielleicht meine Eltern protestantisch gewesen und haben mich protestantisch taufen lassen. Nur, weil ich bei den Katholischen war, deshalb habe ich mich zu den Katholischen gehalten. Aber darüber habe ich bis heute gar nicht nachgedacht.«

Das Mädchen erwiderte geläufig: »Dann mußt du einmal mit dem Herrn Pastor sprechen. Du gehst nach Goslar und fragst ihn, wie das ist. Von deinem Glauben hängt doch dein Seelenheil ab.«

»Ja,« sagte Hermann, »da habe ich mich nun immer auf die Pfaffen verlassen, ich bin zur Beichte gegangen, und dann habe ich gedacht, meine Sünden sind mir vergeben. Aber wenn das nun nicht wahr ist, dann ist das freilich für die Katz. Sonst, ich hänge nicht an dem Katholischen. Den Teufel will ich nicht anbeten, aber das andere ist mir gleich. Wenn du meinst, kann ich ja einmal nach Goslar gehen.«

»Los!« rief das Mädchen und zog die Säge an.

»Es sind vierundzwanzig Buchstaben. Drei weiß ich nun schon,« sagte Hermann. »Wenn du von hier fortgehst, kann ich lesen.«

Das Mädchen lachte. »So leicht geht das nicht,« erwiderte sie. »Da mußt du dich noch recht üben.«

Verdrießlich zog Hermann die Säge wieder an, ohne den Befehl zu rufen. Unter dem Sägen sagte er, wie zu sich selber: »Ich kaufe die Katze nicht im Sack. Gut, wenn das gedruckt ist, daß die Pfaffen mich belogen haben, gut. Aber das will ich selber lesen.«

Sie sägten eine lange Zeit. Dann bat Anna um eine Pause. Sie lächelte schelmisch und sagte zu ihm: »Ich kann dir die Buchstaben ja auch zeigen. Dann geht es schneller, dann kannst du auch am Tag bei der Arbeit an die Buchstaben denken, daß du sie lernst.«

Er schwieg eine Weile. Dann sagte er mit geheuchelter Gleichgültigkeit: »Ja, das kannst du.«

Es war Mittag, und die beiden schritten dem Hause zu. Hermann trug die Säge unterm Arm. »Das war ein guter Tausch, die Säge,« sagte er. »Ich habe sie vom Windmüller auf der Bremerhöhe bei Klaustal. Der gibt alles her, was er hat, wenn er etwas Gutes zu essen bekommt. Nun ja, hat keine Kinder, keine Frau. Weshalb soll er für fremde Leute sparen? Ich bringe ihm jede Woche einen Hasen. Nägel habe ich nun genug. Ich muß doch den Stall bauen für die Kalbin; die Ziegen müssen auch aus dem Haus; das gefällt mir nicht, mit denen in einer Stube zusammen.«

Sie kamen an einem Haufen Fichtenhecke vorbei. »Es wird jetzt immer so früh dunkel,« sagte Hermann, »ich will das Haus von außen mit Fichtenhecke bekleiden, daß es wärmer wird. Das ist eine Feierabendsarbeit. Den Tag über kommt man immer nicht dazu.«

In dem Häuschen blieb er stehen und zeigte auf das Loch über der Tür: »Ich habe zwei Schweinsblasen, die könnt ihr einmal dünn schaben; die will ich vor das Loch nageln, damit das Licht hereinkommen kann, ohne daß alle Wärme gleich hinauszieht.«

Die alte Großmutter war mit dem Mittagessen noch nicht fertig. Anna holte die Bibel, setzte sich vor den Tisch, und Hermann setzte sich neben sie. Sie begannen mit dem ersten Buch Mosis. Hermann zeigte ihr die i, a und e, welche sich im ersten Absatz fanden. Nun zeigte ihm Anna das o, das sah er sich genau an und merkte es sich, und dann zeigte sie ihm das u. Nun wußte er alle Selbstlauter.

Da las sie ihm den ersten Satz: a, das kannte er; dann kam der Mitlauter m; das Wort hieß: am.

Eifrig bückte sie sich auf das Buch und wies auf die Buchstaben mit dem Zeigefinger. Ihr Gesicht war gerötet, das gekämmte Haar wollte sich lockern und krausen. Am Herd klapperte die Großmutter und murmelte für sich: »Ach, meine Schultern, ach, meine Schultern!« Sie nahm einen Splitter und spaltete Späne ab zum Anheizen.

Inzwischen lasen die beiden an dem zweiten Wort. Da war wieder a der erste Buchstabe, dann kam der Mitlauter n, das hieß zusammen an. Das mußte er sich nun merken: den Mitlauter m und den Mitlauter n. Anna hob mahnend den Finger, und Hermann sah ihr gläubig ins Auge. Dann kam der Mitlauter f, den mußte er sich wieder merken, und dann wieder der Selbstlauter a, und dann der Mitlauter n, den kannte er schon, und das hieß Anfan ..., und es fehlte nur noch der letzte Buchstabe. »Anfang,« rief Hermann; »Am Anfang!« – »Richtig,« sagte Anna und sprach zur Großmutter hinüber: »Er hat schon zwei Worte gelesen!«

»Das hätte ich gar nicht gedacht, daß das Lesen so leicht zu lernen ist,« sagte Hermann bescheiden.

Heut gab es das Innere von einem Reh zu Mittag: das Herz, die Lunge, die Leber, den Magen. Die Großmutter hatte alles in kleine Stücke geschnitten. Dazu hatte sie Wirsingkohl im Topf, und sie erklärte, wie der Kohl dem Fleisch Kraft abgibt und das Fleisch dem Kohl. Es roch nahrhaft nach gesundem Essen. Am rußigen Topf hatten sich Fünkchen angesetzt, die lösten sich los und wirbelten die Esse hoch. »Das sind befreite Seelen,« sagte Anna. »Die fliegen jetzt in den Himmel.«

Als die Großmutter aufgedeckt hatte und die beiden ihr Buch ließen, um sich zu setzen, warf Anna ihren Kopf zurück und nahm ihren Platz, ohne Hermann anzusehen. Die Großmutter schöpfte zuerst ihren Löffel und aß, dann gab sie den Löffel an Anna. Die sah nur auf den Topf, schöpfte, aß und gab den Löffel mit abgewendetem Gesicht an Hermann.

»Was hast du denn?« fragte die Großmutter.

»Ich? Nichts,« erwiderte Anna. Dann erzählte sie ganz unvorbereitet: »Der Hansl sucht jeden Sonntag nach dem Schatz. Er kommt noch nicht einmal zum Mittag nach Hause.«

Hermann sah sie erstaunt an. Der Hansl war Knecht beim Bauern in Bockswiese. Er mochte etwa zwanzigjährig sein. Der Hansl war ein guter Kerl, der ihm in manchem behilflich war. Die Pferdehaare, damals, zuerst, hatte er ihm verschafft, denn der Bauer hatte nichts von solchen Geschäften wissen wollen. Aber der Hansl hatte gesagt, die Pferdehaare habe er ausgekämmt, die stünden eigentlich ihm zu, und er könne eigentlich mit ihnen machen, was er wolle, und es sei nur seine Guttat, daß er sie dem Bauern gelassen.

»Ein guter Bauer wäre der Hansl,« sagte Anna. »Er nimmt sich der Arbeit an. Das fliegt nur so bei ihm. Der müßte auf so einen Hof kommen wie hier, der wollte ihn bald wieder in die Höhe bringen.«

Da stieg Hermann die Röte ins Gesicht hoch bis zu den Haarwurzeln. Er sah Anna an, dann die alte Frau. Plötzlich hieb er mit der Faust auf den Tisch, daß der Topf hochsprang; er warf den Löffel fort, den er gerade in der Hand hielt, stand von seinem Sitz auf und lief aus der Hütte.

Annas Augen füllten sich mit Tränen. Auch sie war ganz rot geworden. Plötzlich rannen ihr die Tränen über die blühenden Backen, sie schlug die Hände vor das Gesicht, lehnte sich zurück an die moosverstopfte Wand und weinte.

Verdrießlich, schüttelte die alte Margarete den Kopf. Wortlos erhob sie sich, schritt zum Herd und stocherte in der zusammengesunkenen Glut. Nach einer Weile drehte sie sich um und rief: »Steh auf und geh ihm nach und gib ihm ein gutes Wort.«

Anna maulte. Sie wischte sich ärgerlich die Tränen ab, dann sagte sie: »So einen finde ich noch alle Tage. Hinter dem laufe ich nicht her.«

»Kind, versündige dich nicht,« sagte die Großmutter. »Du bist schuld. Dich hat der Teufel geritten, daß du ihn geärgert hast. Dein Großvater hätte sich das auch nicht gefallen lassen.«

Anna zuckte die Achseln und zog den Mund.

Da ging die Großmutter auf sie zu, ergriff ihre Hand, zog die lässig Widerstrebende hoch und führte sie zur Tür. Dort stand Anna eine Weile, dann öffnete sie unschlüssig die Tür, trat hinaus und stand draußen vor der Hütte. Sie blickte nach den Bergen hinten, die im Blau verschwammen, als sähe sie dort etwas, das ihr wichtig war.

Ein paar Schritte von ihr entfernt stand Hermann. Er hatte eine Rute in der Hand. Vor ihm erhoben sich Disteln, längst abgeblüht; die gefiederten Samen standen in runden Köpfen; er schlug gegen die Stengel, die umknickten.

»Bist du meinetwegen herausgekommen?« fragte er.

»Nein,« erwiderte sie zögernd, »es war mir so heiß drinnen.«

Die beiden hatten sich nicht angesehen, während sie sprachen. Hermann holte zu einem wütenden Schlag auf die Disteln aus.

»Weshalb bist du denn immer gleich so?« fragte sie vorwurfsvoll. »Ich habe das doch gar nicht so böse gemeint. Ich habe doch bloß einen Spaß machen wollen. Aber du denkst immer gleich so.«

Er sah sie an. Sie hielt den Blick unverwandt auf die Berge gerichtet. Er ließ die Hand sinken und sah nachdenklich auf die geköpften Disteln. »Die dürfen nächstes Jahr auch nicht mehr hier stehen,« sagte er halblaut für sich.

Da machte Anna eine kleine Bewegung. Sie blickte zu ihm hin. Nun schritt er auf sie zu, aber in dem Augenblick wendete sie ihren Blick auch schon wieder auf die Berge. Nun stand er vor ihr. Er griff ungeschickt nach ihrer Hand, die sie ihm gleichgültig ließ. Er hielt sie eine Weile, dann ließ er sie wieder los.

»Der Hansl ist älter als ich,« sagte er. »Wenn du ihn heiraten willst, das ist deine Sache. Er kann ja dann den Hof hier übernehmen. Ich bleibe so lange hier, bis ihr anzieht, ich will die alte Frau nicht allein lassen. Dann kann ich ja gehen. Ich weiß schon, wie ich weiterkomme, ich will auch nicht immer Knecht bleiben.«

Er wartete, daß sie etwas erwidern sollte. Nun sie schwieg, sagte er: »So, und das Essen lasse ich mir nicht verderben.« Dann machte er kurz kehrt und ging in die Hütte. Da setzte er sich an den Tisch; die alte Margarete setzte sich gleichfalls, und so aßen sie. Nach einer Weile kam Anna schüchtern herein, setzte sich und beteiligte sich am Essen. Die drei sprachen kein Wort.

Als sie das Mittagessen beendet hatten, sagte Hermann: »Na, Mutter, nun kannst du abräumen. Wir setzen uns noch, und Anna zeigt mir Buchstaben.« Flink eilte Anna zum Bord, wo die Bibel lag, schlug wieder das erste Buch Mosis auf, suchte mit ihrem Finger und sprach Hermann den nächsten Buchstaben vor. »Erst wiederholen,« sagte Hermann, »damit es sitzt.« Er las jeden Buchstaben einzeln, und Anna verfolgte ihn mit Kopfnicken.

Als die Mittagspause zu Ende war, gingen alle drei wieder zum Pflügen. »Es tut mir ja leid, daß ihr es so schwer habt,« sagte Hermann, »aber der Bauer braucht die Pferde selber, und Vieh will er mir auch nicht borgen; er sagt, er weiß nicht, wie er es wiederkriegt. Recht hat er ja. Ich täte es auch nicht.« So zogen denn die beiden Frauen an, tief gebückt und stöhnend, und Hermann drückte hinten schreitend den Pflug nieder. Als die Furche gezogen war, setzte sich die alte Margarete, wischte sich den Schweiß von der Stirn und suchte wieder zu Atem zu kommen. Hermann zog den Pflug fort unter den Verschlag und kam mit der Säge zurück.

Nun sägten die beiden den Nachmittag. Wenn eine Pause gemacht wurde, dann blieb Anna wortlos kauernd sitzen, und Hermann ging auf und ab.

So mochten sie wohl zwei Stunden verbracht haben. Da geschah es, als wieder eine Pause war, daß Anna aufstand, vor Hermann trat, die Hände um seinen Hals legte und ihn küßte. Hermann umarmte sie jubelnd, sie machte sich frei von ihm und lachte errötend und mit Tränen im Auge blitzend. »Ich bin dumm gewesen,« sagte sie, »du hast recht gehabt, daß du mir böse warst. Es soll auch nicht wieder sein.«

Hermann legte den Arm um sie und zog sie an sich, die sich schmiegte. Er sprach: »Siehst du, du mußt mich auch verstehen. Wenn einer seine Religion verläßt, weil er denkt, es geht ihm in der andern besser in der Welt, der ist ein Lumpenhund, und an so einem hat Gott auch nicht seine Freude. Deshalb will ich doch lesen lernen. Und den Schatz will ich auch haben. Das ist doch dann für dich und die Kinder.«

»Mache das nur alles, wie du denkst,« sagte sie; »so wird es schon richtig sein. Die Großmutter hat mir ja auch gesagt, ich solle mich nur auf dich verlassen. Aber siehst du, du weißt nicht, wie das bei den Mädchen ist, die haben ihren Trotz. Den muß man erst hinunterschlucken.«

»An die Arbeit!« rief er. »Es muß noch etwas fertig werden bis zum Abend. Nach Feierabend können wir sprechen.« Die beiden kauerten sich wieder hin und sägten.

Als sie nach Hause gingen, schritten sie nebeneinander. Hermann trug seine Säge, er sah glücklich und stolz aus. Anna ging ihm verschämt zur Seite. Sie kamen in die Hütte, da sah sie die alte Großmutter. Sie nickte und sagte zu Anna: »Das ist gut.«

Anna machte sich immer bei der Großmutter zu schaffen und half ihr. Hermann saß allein mit der Bibel vor dem Tisch. Er suchte die Buchstaben zusammen, die er gelernt hatte, wiederholte sie und prägte sie sich ein. Er traf auf einen neuen Buchstaben; er legte den Finger unter ihn, rief Anna und fragte. Sie sah flüchtig hin, antwortete ihm schnell und war wieder bei der Großmutter. Er stützte den Kopf in beide Hände und vertiefte sich weiter.

Die alte Margarete setzte sich auf ihren Schemel, legte die Hände in den Schoß und blickte sich um. In ihrem Winkel lagen die beiden Ziegen, sahen mit klugen Augen auf die Menschen und kauten. Am Herd schob Anna am Topf, legte Holz auf und schürte. Der Rauch zog scharf durch das Loch über der Tür. Hermann saß eifrig über die Bibel gebeugt.

»Wenn es so bliebe, wenn es so bliebe!« dachte sie. Sie faltete die Hände und betete wortlos zu Gott.

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