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Der Schatz der Inkas

Karl May: Der Schatz der Inkas - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/may/sendado2/sendado2.xml
typefiction
authorKarl May
titleLopez Jordan
publisherDeutscher Hausschatz in Wort und Bild
booktitleEl Sendador
firstpub 1890/1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.karl-may-gesellschaft.de
created20090708
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8. Fortsetzung

Der Indianer raffte sich auf, sah dem Goliath erstaunt in das Gesicht und meinte ganz betroffen:

»Ja, das – das – das kann ich nicht!«

»Nun, so haltet auch nicht mehr von Euch, als recht und billig ist. Wir sind hier drei oder vier, die es ebenso machen wie ich, indem sie Euch wie eine Puppe durch die Luft drehen. Und außerdem hat dann ein jeder noch einige andere Griffe, Kunststücke und Eigenschaft, bei denen Ihr ebenso sagen würdet wie jetzt: ›Ja, das – das – das kann ich freilich nicht!‹ Seid froh, wenn wir Euch nicht zeigen, was wir können!«

Er setzte sich wieder nieder, und auch Gomarra nahm seinen Platz von neuem ein. Der letztere suchte den Eindruck, den die Stärke des Friesen auf ihn gemacht hatte, zu verwischen und sagte zu mir:

»Trotz alledem kann Euch die Stärke nichts helfen. Was nützt die Stärke eines Riesen gegen eine Kugel! Und Sie, Sennor, sind wohl der Ungefährlichste von allen. Ich weiß gar nicht, mit welchem Rechte man mir eine solche Beschreibung von Euch gemacht hat!«

»So! Hat man das?«

»Ja. Nach dem, was ich von Ihnen hörte, hätte man sich bereits schon vor Euerm Blicke fürchten mögen. Und Scharfblick, Scharfsinn sollten Sie haben, einem jeden die Gedanken sofort aus dem Kopfe zu lesen! Aber Sie sind nicht der Mann, mit uns zu kämpfen! Ihnen fällt es gar nicht ein, Ihr Leben an eine Kugel zu wagen. Sie werden sich uns ergeben.«

»Natürlich! Aber ich möchte doch gern günstige Bedingungen haben.«

»Für sich selbst haben Sie solche nicht zu erwarten.«

»Aber für meine Gefährten?«

»Vielleicht.«

»Nun gut, so will ich Ihnen meine Vorschläge machen. Ich hoffe trotz alledem, auch noch eine bessere Beurteilung meiner Person selbst zu finden. Ich verlange also, daß mein Führer und seine Mutter frei gegeben werden. Wir dagegen geben uns gefangen – –«

»Gut.«

»Wollen auch unsere Waffen abliefern – –«

»Das ist unumgänglich nötig.«

»Aber alles andere, unser Geld zum Beispiel, behalten wir.«

»Was noch?« fragte er höhnisch.

»Auch die Pferde. Wir brauchen sie natürlich zum Reiten.«

»Pferde? Sie haben doch nur eins!«

»So wissen Sie nicht, daß wir unsere Pferde auf dem Dampfer haben. Wir müssen ja ihrethalben dorthin zurück. Wir nahmen nur das eine für die Mutter unseres Führers mit, weil dieselbe krank geworden war.«

»Ah so! Also gut, die Pferde holen wir. Was noch?«

»Wir werden nicht gefesselt. Sie nehmen uns in die Mitte, so daß wir nicht fliehen können.«

»Sind Sie nun fertig?«

»Ja. In genau einer halben Stunde erwarte ich Ihre Antwort, weder eher noch später, sonst schießen wir. Ich werde sogleich die Gänge besetzen lassen.«

Ich gab den Yerbateros einen Wink. Sie und der Steuermann mit dem Kapitän gingen sofort, um sich zu je Zweien mit den Gewehren an den betreffenden Punkten aufzustellen. Gomarra blieb stehen, bis das geschehen war, nickte ernst vor sich hin, legte mir die Hand auf die Schulter und sagte:

»Sennor, besser wäre es, Ihr könntet die Sache mit dem Major abmachen, der euch allen gleich Bescheid zu sagen vermag.«

»Auf welche Weise ist das möglich?«

»Sie kommen mit zu ihm.«

»Danke! Das ist denn doch zu viel von mir verlangt!«

»Sie kommen als Unterhändler und sind also unverletzlich!«

»Ich kenne das! Man hat mir nicht nur einmal das Wort gebrochen!«

»Nun gut, so mag der Major zu Ihnen kommen!«

»Das kann er ohne Sorge. Bei uns hat niemand einen Wortbruch zu befürchten.«

»Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß der Major als Parlamentär von Ihnen betrachtet wird und, sobald es ihm beliebt, zu uns zurückkehren kann?«

»Ja.«

»Der Herr Oberst auch?«

»Ich auch,« antwortete der Gefragte.

»So werde ich es ihm sagen.«

»Schön!« stimmte ich bei. »Aber nun sind wir auch nicht gewillt, einen andern zu empfangen. Entweder den Major oder keinen. Verstanden? Wir wollen sogleich sichern Bescheid haben. Und damit Sie dem Major alles hier Gesehene und hier Gehörte gehörig mitteilen können, wollen wir Ihnen eine volle Stunde Zeit lassen. Auf jeden, der vorher oder nachher kommt, wird geschossen. Sollte aber ein Angriff unternommen werden, so erschießen wir den Ranchero mit seiner Familie.«

»So sind wir nun fertig.«

Er kreuzte die beiden Arme über seine Brust, sah mich dann mit einem ganz eigenartigen Blicke an und sagte:

»Sennor, ich kann nicht anders, wirklich nicht. Sie haben aber das Pulver nicht erfunden. Das muß ich Ihnen unbedingt noch sagen, bevor ich gehe. Man hat mich wirklich über Sie belogen. Sie locken keinen Papagei vom Baume, wirklich nicht!«

Er lachte heiser vor sich hin, drehte sich um und entfernte sich. Ich blickte ihm nach, bis er nicht mehr in dem dunkeln Gange zu sehen war, dann sagte der Bruder:

»Schon oft habe ich Sie nicht begriffen und dann stets erfahren, daß das für mich Unbegreifliche eine Klugheit von Ihnen war. Jetzt aber werde ich wirklich an Ihren irre. Warum duldeten Sie die Grobheiten dieses Mannes?«

»Um ihn irre zu führen, was mir auch ganz vortrefflich gelungen zu sein scheint. Er sollte mich für ziemlich befangen halten, und das tut er jetzt. Er sollte zu der Überzeugung gelangen, daß wir weder die nötige Klugheit und Einsicht, noch den Mut besitzen, uns hier heraus zu finden. Übrigens habe ich jetzt keine Zeit zu langen Erklärungen. Ich muß fort in den Korral.«

»Was wollen Sie dort?«

»Davon später! Sehen Sie darauf, daß die bisherige Ordnung bleibt. Lassen Sie vor einer Stunde keinen herein!«

»Und wenn doch jemand kommt?«

»So schießen Sie, ganz so, wie ich gesagt habe!«

Ich ging am Schuppen hin und nach der Türe, welche von dem Rancho aus in den nördlichen Korral führte. Sie bestand aus starken Holzplanken, welche kein Pferd oder Stier einzurennen vermochte. Damit mein Körper hindurch könne, brauchte ich nur zwei dieser Bohlen zurückzuschieben. Dann stand ich im Korral.

Er war leer. Der Mond war noch nicht aufgegangen, doch konnte ich zur Genüge sehen. Eigentlich hätte die Vorsicht erfordert, den ganzen Platz mit seinen vier Seiten abzusuchen. Aber dazu mangelte mir die Zeit. Auch hegte ich die Überzeugung, daß ich mich in der Lage der Sache gar nicht täusche.

Ich stand am Eingange, hinter mir der Rancho. Rechts und links zogen sich die zwei Seiten des Korrals, gerade mir quer gegenüber die vierte hin. Diese Seiten bestanden aus hohen Kaktusstauden. In den beiden Ecken, rechts und links schief vor mir, gab es ähnliche Bohlentüren wie diejenige, durch welche ich jetzt gestiegen war. Dort waren Soldaten postiert, damit wir nicht hinaus könnten. Gerade vor mir aber war die Mitte des langen Kaktuszaunes frei. Dort stand gewiß niemand, und dort also mußte ich einen Ausweg bahnen. Ich schritt also nach dieser Stelle.

Der Boden war von den Tieren weich gestampft, so daß man die Schritte nicht hören konnte. Dazu war der Korral so groß, daß von beiden Seiten sicherlich kein Blick zu mir reichte.

An der Hecke angekommen, legte ich mich nieder, um zu horchen. Es war kein Mensch da.

Nun begann die Hauptarbeit, das Schneiden einer Türe in den Kaktus. Wer das für ein Leichtes hält, der irrt sich gar sehr. Erstens durfte ich nicht etwa ein Loch schneiden, denn es wäre sehr leicht möglich gewesen, daß jemand vorüber kam, der dasselbe bemerkte, noch bevor wir es hatten benutzen können. Nein, es mußte ein Türe geschnitten werden, welche bis zum Augenblicke der Flucht nicht geöffnet werden durfte. Das macht man folgendermaßen:

Der Kaktus bildet eine mehr oder weniger hohe und dicke, stets aber fest verwachsene Wand. In diese Wand schneidet man nun, aber durch und durch, eine ganz schmale, vielleicht nur zwei oder drei Finger breite Lücke von oben nach unten. Dann schneidet man von dieser Lücke aus eine mehr als doppelt so breite waagerecht unten in der Nähe des Bodens hin. Dadurch entsteht im Zaune ein Doppellinienschnitt, welcher einen rechten Winkel bildet. So ist nun die Türe fertig.

Sie ist links und unten von der Hecke getrennt und hängt rechts noch vollständig mit derselben zusammen. Die einzelnen Teile, Stauden, Stengel, Zweige und Blätter greifen vermöge ihrer Stacheln noch fest in einander. Die Türe bildet also eine feste Fläche. Da nun der Zaun nicht dürr, sondern saftig, lebend ist, so läßt sich diese Türe wie in einer Angel bewegen.

Aber wie unendlich schwierig ist es, die beiden Schnitte zu machen! Man muß ein ausgezeichnetes Messer haben, und glücklicher Weise war mein Bowiekneif ein solches, und trotzdem kommt man nicht durch, wenn der Kaktus trocken ist. In diesem Falle entsteht auch zu starkes Geräusch, durch welches man verraten wird. Darum sucht man sich möglichst saftige und zugleich dünne Stellen des Kaktus aus. Dann ist es notwendig, sich vor den Stacheln zu schützen, deren jeder, wenn er sich in das Fleisch sticht und dort abbricht, eine langsam schwärende, sehr schmerzhafte Wunde verursacht.

Hier ist nun ein lederner Jagdrock von außerordentlichem Vorteile. Man knüpft ihn zu, zieht den Kragen hoch, stülpt den Hut tief herein und zieht die Ärmel weit vor über die Hände. So legt man sich zur Erde nieder, schiebt sich an die Stacheln von unten heran, sie mit dem Rücken hebend und zerdrückend und dabei mit dem Messer weiter arbeitend. Und das muß geräuschlos geschehen, damit man nicht entdeckt wird! Aber Übung und Vorsicht macht auch hier den Meister. Freilich darf man eine solche Türe nicht mit den Händen öffnen, welche man sogleich voller Stacheln haben würde. Man muß das Gewehr oder sonst einen harten Gegenstand dazu nehmen.

Es währte weit über eine Viertelstunde, bevor ich fertig wurde. Dann kehrte ich nach dem Feuer zurück, wo ich alles noch in derselben Ordnung fand.

»Nun?« fragte mich der Oberst. »Wir hatten Angst um Sie.«

»Es war eine schwere Arbeit, eine Türe durch den Kaktus zu schneiden.«

»Das ist ja nicht möglich! Wie wollen Sie denn das gemacht haben?«

»Mit dem Messer in die Kaktuswand geschnitten.«

»Noch dazu des Nachts! Wie sieht denn da Ihre Haut aus?«

»Wie vorher. Doch, lassen Sie uns jetzt noch die letzte Vorbereitung treffen.«

Ich zog das Pferd aus dem Schuppen und führte es in den Korral, wo ich es hinter der Türe fest band, daß ich es leicht erlangen konnte. Was wir an Kleinigkeiten bei uns liegen hatten, mußte ein jeder zu sich stecken. Dann waren wir fertig und konnten den Major ruhig kommen sehen.

Genau als die Stunde vergangen war, meldete der Steuermann, daß er einen Menschen durch den Gang sich nähern sehe. Die acht, welche an den Eingängen standen, blieben dort stehen. Wir anderen saßen am Feuer.

Der Mann, welcher jetzt kam, war wohl im Anfange der fünfziger Jahre und militärisch gekleidet, trug aber auch keine Waffen bei sich. Er kam auf uns zu, hielt vor uns an, machte dem Obersten eine Verbeugung und sagte, ohne daß er die anderen zu bemerken schien:

»Sennor, Sie haben gewünscht, mit mir zu sprechen, und ich hielt es für eine Pflicht der Höflichkeit, diesem Wunsch nachzukommen!«

Wenn er eine Antwort erwartet hatte, so war er sehr im Irrtum gewesen. Der Oberst tat, als ob er ihn weder gesehen noch gehört hätte. Er warf nur mir einen bezeichnenden Blick zu, daß ich an seiner Stelle sprechen solle. Darum antwortete ich:

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Sennor. Ich hatte gehofft, mit Ihnen bedeutend schneller zum Ziele zu gelangen, als mit einem Ihrer Leute.«

Ich war bei diesen Worten langsam aufgestanden. Er warf mir einen leidlich verächtlichen Blick zu und fragte:

»Wer sind Sie?«

»Hoffentlich wissen Sie es!«

»Mag sein. Aber mit Ihnen habe ich nicht zu sprechen, sondern mit Ihrem Vorgesetzten, dem Sennor Oberst.«

Sein Betragen bedurfte einer Verbesserung. Ich gab dieselbe, indem ich erklärte:

»Sie scheinen sich in einem mehrfachen Irrtum zu befinden, Sennor. Ich bin nicht ein Untergebener des Herrn Obersten, sondern augenblicklich der Befehlshaber dieser kleinen Truppe.«

Er zuckte verächtlich die Achsel.

»Ich spreche nicht mit Ihnen. Sie sind nicht Offizier. Ich habe mit dem Obersten zu reden.«

»Das können Sie nicht von ihm verlangen, weil kein braver Offizier mit einem Empörer, einem Aufrührer in Verhandlung tritt. Ich als Zivilist kann das leichter tun, ohne meiner Ehre zu schaden.«

»Tormento!« fuhr er auf. »Ich werde Sie züchtigen lassen, wenn Sie mich beleidigen!«

»Jetzt wohl noch nicht. Dazu müßten Sie mich erst in Ihren Händen haben.«

»Das wird in kurzer Zeit der Fall sein.«

»Möglich. Ich halte diesen Fall sogar wahrscheinlich, und darum habe ich gewünscht, mit Ihnen sprechen zu können.«

»Ich erklärte Ihnen bereits, daß ich nicht mit Ihnen rede!«

»Dann, Sennor, begreife ich gar nicht, weshalb und wozu Sie sich zu uns bemüht haben! Wir sind fertig!«

Ich wendete mich ab. Das brachte ihn in Verlegenheit. Ohne Resultat wollte er doch nicht fort. Er sagte:

»Nun, ich will mit Ihnen verhandeln, Sennor. Bitte, kommen Sie näher.«

Daraufhin drehte ich mich wieder um, schritt langsam zu ihm hin und setzte mich ihm gegenüber. Er fühlte, daß er die erste Karte verloren habe; das verbesserte seine Laune keineswegs. Es war seinem Gesichte anzusehen, daß wir keine Gnade finden würden, sobald wir in seine Hände übergegangen seien.

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