Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl May >

Der Schatz der Inkas

Karl May: Der Schatz der Inkas - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/may/sendado2/sendado2.xml
typefiction
authorKarl May
titleLopez Jordan
publisherDeutscher Hausschatz in Wort und Bild
booktitleEl Sendador
firstpub 1890/1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.karl-may-gesellschaft.de
created20090708
Schließen

Navigation:

7. Fortsetzung

Nach diesen Worten nahm der riesige Steuermann den Ranchero auf die Schulter und trug ihn in den Schuppen. Ich aber wendete mich an den Soldaten:

»Sie sehen, wozu wir entschlossen sind. Seien Sie überzeugt, daß wir tun, was ich gesagt habe.«

»Das ist Mord, Sennor!« antwortete er. »Und Sie verbessern sich dadurch Ihre Lage nicht. Sie können höchstens die Entscheidung um einige Stunden hinausschieben.«

»So ist wenigstens Zeit gewonnen.«

»Die Ihnen aber nichts nützen kann!«

»Wollen sehen. Übrigens ist dies nicht das einzige, was ich tun will. Ich bin erbötig, mit dem Major zu unterhandeln und seine Bedingungen zu hören.«

»Soll ich ihm das sagen?«

»Ja. Ich bitte Sie darum. Warten Sie aber noch einen Augenblick! Ich wünsche, daß er seinen Führer, den Oberlieutenant Sennor Gomarra sendet.«

»Warum gerade diesen?«

»Weil er die Gegend und die hiesigen Verhältnisse genau kennt. Was er sagt, muß also doppelten Wert für uns haben.«

»Das gebe ich zu und werde also Ihren Wunsch dem Major mitteilen.«

»Und sodann – doch, ich will mich erst mit dem Obersten besprechen.«

Ich wandte mich an den letzteren, nahm ihn einige Schritte bei Seite und sagte ihm leise, wie er sich jetzt verhalten solle. Dann taten wir, als ob wir uns eifrig und mit halber Stimme besprächen, und endlich sagte der Oberst wie im Eifer und zwar so, daß der Soldat es hörte, aber scheinbar ohne es hören zu sollen:

»Darauf gehen sie nicht ein!«

»Sie müssen!«

»Nein! Wir können sie nicht zwingen.«

»So überfallen wir sie, höchstens eine Stunde, nachdem der Unterhändler sich entfernt hat. Aber reden Sie doch nicht so laut, denn dieser Kerl darf das nicht hören!«

Wieder sprachen wir leise, dann tat ich, als ob ich zornig werde und sagte lauter und für den Soldaten hörbar:

»Es ist gar nicht schwer und gefährlich!«

»Sogar sehr! Wir können alle mit einander erschossen werden!«

»Ja, wenn die Kerle aufpaßten. Aber ich wette, daß sie müde werden. Wir kommen ganz plötzlich und schnell über sie.«

»Nach welcher Richtung?«

»Nach Süd, weil da das Schiff liegt, mit welchem wir fort wollen. Wir werfen uns plötzlich zwischen die beiden Korrals, zwischen denen der Gang südwärts führt. Binnen einer Minute haben wir uns durchgeschlagen.«

»Hm! Es mag vielleicht gehen.«

»Auf alle Fälle geht es; es muß ja gehen. Aber sprechen Sie nicht so laut! Der Mann könnte es hören, und dann würde er es verraten. In diesem Falle würde es dann keine Rettung für uns geben.«

Wir gaben uns noch für ein kleines Weilchen den Anschein, als ob wir mit einander verhandelten, dann wendeten wir uns zu den andern zurück. Um die Lippen des Soldaten spielte ein triumphierendes Lächeln. Er war vollständig überzeugt, in unser tiefstes Geheimnis eingedrungen zu sein. Die Art und Weise, wie wir das ausgeführt hatten, hätte wohl auch einen Klügeren, als dieser war, zu täuschen vermocht. Unsere Unterhaltung hatte einen so natürlichen Anstrich gehabt, daß nur schwer auf eine beabsichtigte Täuschung zu schließen war.

»Ich bin mit diesem Sennor einig geworden,« sagte ich zu dem Manne. »Er hat sich auch entschlossen, daß wir unterhandeln. Der Major soll uns sagen, wen er überhaupt gefangen nehmen will.«

»Alle natürlich, alle!«

»Oho! Es sind auch Männer bei uns, mit denen er gar nichts zu schaffen hat.«

»Das weiß ich nicht. Das ist seine Sache.«

»Und das Lösegeld will ich wissen.«

»Das wird's nicht geben, weil er die Gefangenen abzuliefern hat.«

»Das wollen wir doch sehen. Also sagen Sie dem Major, daß wir nur Sennor Gomarra als Parlamentär haben wollen!«

»Wenn er nun nicht darauf eingeht, sondern einen andern schickt?«

»So behalten wir diesen als Gefangenen, als Geißel bei uns. Nur Sennor Gomarra lassen wir wieder fort, weil er der Freund unseres Führers ist. Er weiß vielleicht schon, daß dieser sich hier befindet, nämlich Gomez, sein Anverwandter.«

»Er wird es wohl gleich bei seiner Ankunft erfahren haben. Soll ich auch noch anderes melden?«

»Ja. Gomarra soll allein kommen, ohne alle Begleitung.«

»Das versteht sich ganz von selbst.«

»Sagen Sie ferner, daß wir die vier Ausgänge der Kaktushecken, welche nach dem Rancho münden, besetzen werden, um jeden niederzuschießen, welcher sich zu uns wagt. Ich betrachte nämlich die Zeit zwischen jetzt und dem Ende unserer Verhandlung als die Zeit des Waffenstillstandes, während welcher jede Feindseligkeit zu unterbleiben hat. Sollte das nicht beobachtet werden, so würden wir den Unterhändler augenblicklich erschießen. Jetzt gehen Sie!«

»Gott sei Dank!« rief er tief aufatmend. »Endlich, endlich!«

Als er verschwunden war, fragte der Oberst:

»Sennor, Sie scheinen einen Rettungsplan zu haben?«

»Einen ganz vortrefflichen. Wir rücken aus, vielleicht noch während der Verhandlung.«

»Das ist doch nicht möglich!«

»Sogar sehr wahrscheinlich. Wenigstens beabsichtige ich es.«

»Zwischen Absicht und Ausführung pflegt ein bedeutender Weg zu sein.«

»Hier nicht.«

»So! Aber wohin?«

»Nach Nord.«

»Also nicht nach Süd! Sie sagten vorhin doch so?«

»Weil ich diesen Mann täuschen wollte. Man wird nun südwärts die meisten Leute stellen. Übrigens wäre es eine Dummheit, nach dieser Richtung zu fliehen, da wir ja nach Corrientes, also nach Norden wollen und es uns überhaupt versagt ist, zum Schiffe zurückzukehren.«

»Ganz recht! Aber in welcher Weise?«

»Nun, durchbrechen.«

»Das kostet Blut!«

»Allerdings.«

»Ah, ich begreife Sie, Sie werden einen Scheinangriff nach Süd unternehmen, aber sich dann schnell nach Norden wenden?«

»Dieses letztere jedenfalls.«

»Also eine Finte! Sie denken, daß die nordwärts postierten Soldaten ihren Ort verlassen, wenn sie im Süden die Schüsse hören?«

»Wahrscheinlich. Wir können dann recht gemächlich fort. Wir gehen durch die Kaktus hecken.«

Er war starr vor Erstaunen.

»Ah – – – so! Glauben Sie denn, daß dies gelingt?«

»Ja. Wenn der Major seine bisherigen Dispositionen nicht verändert, so muß es gelingen, und zwar sehr leicht.«

»Man wird auf uns schießen!«

»Das bezweifle ich. Man schießt nicht auf jemand, den man weder sieht, noch hört.«

»Sennor, Sennor, stellen Sie sich die Sache nicht so leicht vor!«

»Das pflege ich nie zu tun. Ich male mir im Gegenteil alles schwer aus, um dann nicht enttäuscht zu werden. Hören Sie!«

Indem ich meine Ausführung mit den erklärenden Handbewegungen begleitete, fuhr ich fort:

»Die Besitzung bildet ein großes Viereck, welches aus wieder vier zusammengeschobenen Vierecken besteht, in deren Mittelpunkte, da, wo sie mit den Ecken zusammenstoßen, der Rancho liegt. Diese Vierecke sind durch vier gradlinige Wege von einander getrennt, welche alle zum Rancho führen. Sie sind ferner von Kaktushecken umgeben, welche Ausgänge nur hier gegen den Rancho und gegen die äußern Ecken haben. Es stoßen also hier am Rancho vier Ausgänge auf einander; an den Grenzen der Korrals aber sind nur die Ecken zu öffnen. Nun aber hat der Major die Wege besetzt; es steht zu erwarten, daß er auch die Ecken besetzt hat, da wir sonst so einen Ausgang öffnen und entfliehen könnten. Die ganze Linie des einzelnen Korrals ist aber nicht besetzt. Posten stehen an den Ecken und Gängen, dazwischen aber niemand. Und da müssen wir hindurch.«

»Aber wenn Sie ein Loch in den Kaktus machen, zerreißen Sie sich die ganze Haut!«

»Bei meinem ledernen Anzug? Sie werden sehen, wie glatt das geht. Ich habe das nicht zum ersten Male unternommen. Doch still, ich höre Schritte!«

Es war eigentümlich, daß es mir gar nicht einfiel, die Mündungen der Gänge zu besetzen. Eigentlich konnte es gar keine größere Unvorsichtigkeit geben. Aber ich hatte die feste Überzeugung, daß man wenigstens jetzt an keinen Angriff denken werde. Und wie leicht hätte man uns überwältigen können! Die Soldaten brauchten nur eben leise herbei zu schleichen und über uns herzufallen. Jeder Widerstand unsererseits wäre vergeblich gewesen. Statt dessen kam ein einzelner Mann langsamen Schrittes herbei. Er trug keinerlei Waffen an sich, wie das von einem Unterhändler sich ganz von selbst versteht. Seine lange, hagere Gestalt steckte in keiner außergewöhnlichen Kleidung. Er trug den ordinären Gaucho-Anzug. Um seinen breitkrempigen Hut hatte er ein buntes Tuch gebunden, welches unter dem Kinn fest geknüpft war. Die Züge waren indianisch, sehr ernst, ja finster. Sein großes Auge schien gar nicht freundlich blicken zu können, zeigte aber ungewöhnliche Intelligenz und Willenskraft.

Als unser Führer ihn erblickte, sprang er schnell auf, trat auf ihn zu, reichte ihm die Hand und sagte:

»Endlich, Sobrino [1) Vetter], bist du da! Endlich sehe ich dich! Nun wird alles gut!«

Der Ernste nickte ihm zu und sagte in einfachem Ton:

»Bleib' sitzen! Was ereiferst du dich?«

»Soll man sich da nicht ereifern?«

»Gar nicht! Dich geht's nichts an!«

»Sogar sehr viel, ebenso wie jeden andern. Es wurde ja gesagt: Mitgegangen, mitgefangen!«

»Das betrifft dich nicht, Vetter. Dir wird niemand etwas tun. Aber die andern sind verloren.«

»Sie sind meine Freunde! Ich habe sie hierher geführt!«

»So müssen sie dich sogar dafür bezahlen!«

»Aber ich habe sie ins Verderben geleitet! Und dieser Sennor hat meiner Mutter während des Pampero das Leben gerettet!«

»Das ist sehr hübsch von ihm. Sie wird sich doch auch bei ihm bedankt haben!«

»Dafür soll er gefangen werden?«

»Gefangen? Pah! Sterben muß er.«

»Cielo!«

»Was gibt es da zu erschrecken? Was ist das Sterben weiter? Mancher muß fort, sogar durch Mördershand!«

»Denke doch nicht stets und immer an deinen Bruder!«

»Ich muß aber an ihn denken, immer und immer wieder.«

»Das gehört nicht hierher!«

»Das gehört dahin, wohin ich selbst gehöre. Und nun schweig'! Du bist in Sicherheit. Ich werde dich dann gleich mitnehmen.«

»Ich gehe nur mit, wenn die andern gehen.«

»So kann ich es nicht ändern. Bleibe also da!«

Er blickte uns der Reihe nach an, setzte sich dann mir gegenüber nieder und sagte:

»Nach der Beschreibung vermute ich, daß Sie der Deutsche sind?«

»Ich bin es,« antwortete ich.

»Sie führen hier das Wort, wurde mir gesagt, und ich wende mich deshalb an Sie. Was haben Sie mir zu sagen?«

»Zunächst und mit mehr Recht möchte ich wissen, was Sie mir zu sagen haben.«

»Ich habe Ihnen vom Major zu melden, daß ich mit Ihnen unterhandeln soll da Sie es so gewünscht haben.«

»Gut! So wollen wir zunächst die Grundlagen feststellen, auf denen eine solche Unterhandlung möglich ist. Was verlangt der Major?«

»Sie alle.«

»Wir sollen uns ihm als Gefangene überliefern?«

»So ist es.«

»Und wenn wir uns weigern?«

»So werden Sie niedergeschossen.«

»Was wird mit uns geschehen, wenn wir uns ausliefern?«

»Das hat Lopez Jordan zu bestimmen.«

»Wir würden in diesem Fall wenigstens Garantie verlangen, daß keiner von uns getötet wird.«

»Die kann der Major nicht geben.«

»Aber, Sennor, bemerken Sie denn nicht, was Sie verlangen? Wir sollen uns auf Gnade und Barmherzigkeit ausliefern, ohne dafür irgend etwas zu empfangen, keine Garantie, kein Versprechen, kein Wort, nicht einmal einen Trost!«

»So ist es.«

»Darauf können wir nicht eingehen.«

»Schön! So sind wir also schon fertig, und ich kann gehen.«

»Ich wollte Sie nur noch fragen, was wir verbrochen haben!«

»Das geht mich nichts an. Sie wissen das jedenfalls besser als ich.«

»Wir selbst sind es, an denen man sich vergangen hat!«

»Streiten wir uns nicht! Ich habe meinen Auftrag auszurichten; das andere alles mag ich nicht hören.«

»Wir können uns nicht ausliefern. Bedenken Sie doch, daß wir unterhandeln wollen und daß wir uns noch keineswegs in Ihrer Gewalt befinden!«

»Nicht? Das ist verrückt!«

Ich behielt trotz seines harten Wesens meine gedrückte Haltung und den Ton meiner Stimme bei, indem ich antwortete:

»Das ist Ihre Ansicht, aber nicht die meinige.«

»Jede Gegengewehr ist nutzlos!«

»Vielleicht warten wir gar nicht, bis für uns die Gegenwehr notwendig ist.«

»Weiß schon!« lachte er höhnisch. »Man kennt das!«

Jedenfalls hatte er erfahren, daß wir nach Süden hatten durchbrechen wollen. Ich sah seinem Gesichte an, daß mein Plan bereits Früchte trug. Aber eben darum zeigte ich keine Spur von Freude, sondern ich sagte so, als ob ich meiner eigenen Versicherung nicht traue:

»Wir können immerhin noch durchbrechen, selbst wenn Sie uns von allen Seiten umgeben haben! Und greifen Sie uns an, so besetzen wir hier die Eingänge durch welche Sie kommen müssen!«

»Drei Mann gegen hundert!« lachte er.

»Ja, aber diese drei Mann haben über zwanzig Schüsse!«

»Pah! Man schießt selbst mit Revolvern nicht zwanzig mal in einer Minute.«

Er zog die Stirn in tiefe Falten, musterte mich mit einem verächtlichen Blicke, zuckte die Achseln und fragte:

»Sennor, darf ich Ihnen etwas recht aufrichtig, ganz aufrichtig sagen?«

»Tun Sie es!«

»Ich will Ihnen nämlich sagen, daß Sie ein Dummkopf sind!«

Das war eine sehr überraschende Mitteilung. Meine Gefährten richteten sogleich alle ihre Blicke auf mich. Sie mochten glauben, daß ich zornig über den Sprecher herfallen werde. Das kam mir aber gar nicht in den Sinn. Ich mußte mir Mühe geben, nicht laut aufzulachen. Ruhig zu bleiben, das fiel mir gar nicht schwer. Ich blickte ihm also weder erstaunt, noch zornig in das Gesicht und antwortete:

»Daß Sie das sagen, nehme ich Ihnen nicht übel. Sie scheinen zu denken, daß Sie diese Reden wagen dürfen, weil wir uns an Ihnen, als einem Unterhändler, nicht zu vergreifen wagen?«

»Pah! Sie würden es auch außerdem nicht wagen!« rief er stolz. »Sie kennen mich nicht. Ich bin zwar nur von indianischen Eltern geboren; aber ich habe Lesen und Schreiben gelernt, wie Sie. Und ich habe in den Bergen nach Gold gesucht und nach der Chinchilla gejagt und dabei tausenderlei Gefahren überstanden. Wer von Ihnen tut mir das nach? Ich tausche mit keinem von Ihnen, mit keinem einzigen! Das will ich Ihnen sagen!«

Dieses Selbstbewußtsein ließ mich ernsthaft bleiben. Ein schlechter Mann ist derjenige, welcher nicht weiß, was er kann; freilich ein noch schlechterer Mann ist der, welcher meint, er könne mehr, als er vermag. Aber wer erwartet auch, bei einem südamerikanischen Indianer den richtigen Maßstab für sich selbst zu finden?

Da ich ernsthaft blieb, gaben auch die andern sich Mühe, es zu sein. Nur der Steuermann konnte es nicht über das Herz bringen, still zu sein. Er sagte:

»Sennor, tragt den Teer nicht gar zu dick auf, sonst bleibt Ihr kleben. Das Lesen und Schreiben soll mich jetzt einmal nichts angehen, aber mit Euch selber will ich mich ein wenig beschäftigen.«

Er trat zu ihm, faßte ihn mit der rechten Hand schnell beim Gürtel, hob ihn empor, schwang sich ihn acht oder zehnmal um den Kopf und legt ihn dann wie ein Kind lang auf den Boden nieder. Dann stellte er sich aufrecht neben ihn, stemmte die Fäuste in die Seiten und sagte:

»So! Und nun, Sennor, macht's einmal mir nach!«

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.