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Der Schatz der Inkas

Karl May: Der Schatz der Inkas - Kapitel 51
Quellenangabe
pfad/may/sendado2/sendado2.xml
typefiction
authorKarl May
titleLopez Jordan
publisherDeutscher Hausschatz in Wort und Bild
booktitleEl Sendador
firstpub 1890/1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.karl-may-gesellschaft.de
created20090708
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50. Fortsetzung

»Auf welche Sie Ihre einzige und dabei so große Hoffnung gesetzt haben! Nun, ich gestehe, daß wir auf unser Verlangen freilich nicht verzichten, und stelle Ihnen folgende Bedingung: Liefern Sie uns die Quipus und die Pläne aus, so unterbleibt die Exekution!«

»Und ich werde frei?« fragte er, wieder aufatmend.

»Nein, denn so weit können wir nicht gehen, da dies eine Ungerechtigkeit gegen Gomarra wäre. Sehen Sie dort das Grab seines Bruders? In solcher Nähe des Tatortes können wir ihm nicht zumuten, sich einem Beschlusse zu unterwerfen, welcher Sie straffrei entkommen läßt. Antworten Sie uns die erwähnten Gegenstände aus, so lassen wir Sie allerdings laufen, aber ohne jede Waffe und ohne allen Proviant. Nach einer Viertelstunde kann Gomarra Ihnen folgen. Das übrige ist dann eure Sache.«

»Das ist der sichere Tod! Wie kann ich ohne Proviant entkommen und ohne Waffen mich gegen ihn wehren?«

»Wir beabsichtigen auch gar nicht, Ihnen die Mittel zu bieten, sich zur Wehre setzen zu können. Das wäre ja eine Belohnung Ihres Verbrechens.«

»Die Belohnung ist auch ohnedies schon da,« fiel Gomarra grimmig ein. »Ich habe geahnt, daß es so kommen werde! Ihn laufen lassen, und dann erst nach einer Viertelstunde ich hinter ihm drein! Wie soll ich ihn, der hier alle Schliche kennt, dann einholen? Er wird vom ersten besten Indianer, der ihm begegnet, Waffen erhalten, denn alle kennen ihn. Nein, damit bin ich nicht einverstanden!«

»Ich ebensowenig!« rief der Sendador. »Mein Arm ist zerschossen, und das Wundfieber würde mich nach kurzer Zeit niederwerfen. Dafür, daß ich die Quipus und die Pläne ausantworte, muß ich wirklich eine Möglichkeit und nicht nur den Schein einer solchen zum Entkommen haben.«

»Es bleibt bei unserem Beschlusse. Weder Sie, noch Gomarra können etwas daran ändern. Auch liegt es nicht in unserer Absicht, Ihnen eine lange Bedenkzeit zu geben.«

»Ich verlange nur eine Stunde Zeit zum Überlegen, und während derselben kann ich ordentlich verbunden werden.«

»Das gewähre ich Ihnen, aber dann nicht einen Augenblick länger.«

»Und wenn ich auf Ihren Vorschlag eingehe und Sie finden die Schätze, wer erhält dieselben?«

»Derjenige, dem sie gehören. Wahrscheinlich beabsichtigte der ermordete Padre, diese Gegenstände seinem Kloster in Tucuman zu bringen. Wir werden die nötigen Erörterungen anstellen. Läßt sich dann nichts über den Eigentümer entscheiden, so werden wir uns nach den Fundgesetzen derjenigen Provinz richten, zu welcher die betreffende Gegend gehört.«

»Also ich erhalte nichts, gar nichts?«

»Nein. Sie haben die Wahl zwischen dem Tod durch die Kugel und der Möglichkeit, Gomarra zu entkommen. In einer Stunde sagen Sie uns Ihre Antwort.«

»Ich wollte, Sie säßen hier an meiner Stelle, und ich befände mich in Ihrer Haut!«

»Das glaube ich, ist aber glücklicher Weise nicht gut möglich.«

Da er an den Händen gebunden und sein rechter Arm schwer verwundet war, so brauchten wir seinerseits keine Gewalttätigkeit zu befürchten, gaben ihm aber doch zwei Tobas bei, welche kein Auge von ihm lassen sollten.

»Er kann nichts tun und auch nicht fliehen,« meinte der Bruder Jaguar. »Noch schärfer als auf ihn müssen wir auf Gomarra aufpassen.«

»Das ist wahr,« antwortete Pena, »denn er ist im Stande und übt auf eigene Faust Rache, was ich ihm übrigens gar nicht verdenken kann.«

»Daran werde ich ihn auf gute Weise hindern,« bemerkte ich. »Ich nehme ihn mit hinab zum See.«

»Jetzt?« fragte Gomarra.

»Ja. Auch Sie und der Bruder können mit, da es möglich ist, daß ich Ihrer Hilfe, Ihres Rates, Ihrer Augen und Ihres Nachdenkens bedarf. Gomarra soll uns nämlich die Stelle zeigen, an welcher die Flasche bisher vergraben gewesen ist. Vielleicht gelingt es uns, eine Spur zu entdecken, welche uns nach dem Orte führt, an welchem der Sendador sie von neuem versteckt hat.«

»Das wäre freilich gut; das wäre vortrefflich!«

»Natürlich. Sieht der Sendador, daß wir die Quipus haben, so wird er geneigter als jetzt sein, uns auch die Pläne auszuantworten. Übrigens müssen wir seine Taschen durchsuchen, denn es ist möglich, daß er diese Gegenstände bei sich hat.«

Die Durchsuchung wurde sofort vorgenommen, doch war sie erfolglos. Als wir alle seine Taschen vergeblich durchstöbert hatten, sagte er unter höhnischem Lachen:

»Wie klug die Sennores sind! Nur ich allein bin der Dumme und schleppe alles mit mir herum! Nun ist mir nicht mehr bange um mich. Sie wollen und müssen die Quipus haben, und ich gebe sie nur her, wenn ich meine vollständige Freiheit erhalte.«

Der Mensch war in höchstem Grade zuversichtlich, doch wollte ich mich nicht über seine Dreistigkeit ärgern. Jedenfalls aber wäre es besser gewesen, wenn ich dies getan hätte, denn dann wäre mir nicht nur sein Hohn mehr aufgefallen, sondern ich hätte seinen Worten eine andere Bedeutung beigelegt und ihn nochmals durchsucht, und zwar genauer als vorher.

Als ich Gomarra aufforderte, uns hinab zum See zu begleiten, folgte er uns sichtlich widerwillig; er hatte also wohl vor, sich eigenmächtig an dem Sendador zu vergreifen.

Wir gingen den bereits beschriebenen Felsenweg hinab, und unten angekommen, bedeutete ich Gomarra, sich der betreffenden Stelle nicht ganz zu nähern, damit nicht etwa vorhandene Spuren verwischt würden. Als wir die Ausmündung des Weges erreichten, wendete er sich nach rechts, ging ein Stück an dem lotrecht aufsteigenden Felsen hin, blieb dann stehen, deutete vorwärts und sagte:

»Sehen Sie den Kriechkaktus aus der Erde ragen und sich an das Gestein schmiegen? Nur zwei kleine Schritte weiter war die Stelle. Darf ich hin?«

»Ja, aber ich gehe voran.«

Ich schritt nur Zoll um Zoll vorwärts, damit mir nicht das geringste, was als Hindeutung zu nehmen war, entgehen könne. Die Stelle, an welcher die Flasche in der Erde gesteckt hatte, war aufgewühlt worden; das sah ich deutlich. Und daneben hatte jemand im Sande gesessen, und zwar längerer Zeit; er hatte sich dabei oft von einer Seite nach der anderen und in Folge dessen eine leicht wahrnehmbare flache und glatte Vertiefung ausgedreht. Im Halbkreise um diese Stelle war der Boden wie mit den Stiefelabsätzen aufgewühlt. Das war alles, was man jetzt noch zu sehen vermochte.

Nun galt es, zu erfahren, wohin der Sendador sich von hier aus gewendet hatte. Aber das war schwer, da zwischen jetzt und der Stunde, in welcher die Spuren entstanden waren, eine zu lange Zeit lag. Dazu führte unsere eigene Fährte, welche wir bei unserer Ankunft am See gemacht hatten, hier vorüber und bildete eine solche Zahl von Fußeindrücken, daß eine ältere Spur unmöglich zu erkennen war.

Ich blickte aufmerksam nach rechts und nach links. Vor uns lag der See, das Wasser nur zwanzig Schritte von uns entfernt. Er war mit einer dicken Salzkruste bedeckt gewesen, wie andere Wässer mit Eis zur Winterzeit, und Wind und Wetter hatten diese Decke zerrissen und die Schollen durch und auf einander getrieben.

Am Rande einer solchen Scholle lag etwas Dunkles, Kreisrundes. Ich nahm das Fernrohr her und erkannte, als ich durch dasselbe blickte, diesen Gegenstand als den abgebrochenen, konkav nach innen gebogenen Boden einer gläsernen Flasche. Daneben lag ein kleines Häufchen Sand auf der sonst vollständig reinen und blanken Salzscholle.

Ich kehrte mich wieder zu der vorigen Stelle zurück, um nochmals zu suchen, ohne aber etwas zu finden. Dann aber sah ich an der nahen Kaktusstaude einen vielleicht acht oder zehn Zoll langen Zwirnfaden hängen.

Bis jetzt hatte ich kein Wort gesagt, und die anderen hatten meinem Tun schweigend zugesehen. Jetzt erklärte ich:

»Wir sind sehr dumm gewesen. Der Sendador hat die Quipus bei sich.«

»Nein,« antwortete Pena. »Ich habe ihn ganz genau untersucht.«

»Und doch hat er sie bei sich! Wir müssen ihn durchsuchen. Was zwischen dem Zeug und dem Futter steckt, das wissen wir nicht.«

»Was soll da stecken! Wie kommen Sie überhaupt auf diese Idee?«

»Hier haben Sie mein Rohr. Betrachten Sie sich den dunkeln, glänzenden Gegenstand auf jener Scholle genau!«

Pena richtete das Fernrohr nach dem angegebenen Punkte und sagte:

»Ich sehe ihn, ganz deutlich, es ist ein Stück Flasche.«

»Was liegt daneben?«

»Sand.«

»Gut, die ganze Flasche ist hinüber geworfen. Sie ist mit Sand gefüllt worden, damit sie im Wasser untergehen solle. Da es aber nachts gewesen ist, so hat der Betreffende nicht eine offene Stelle des Sees, sondern den Rand dieser Scholle getroffen. Die Flasche ist daran zersprungen, der Boden mit einem Teil des Sandes auf der Scholle liegen geblieben, das übrige aber in das Wasser gefallen.«

»Mit Sand gefüllt? Warum diese Vorsicht?«

»Der Betreffende wußte, daß wir kommen würden; darum mußte die Flasche untersinken, damit wir sie nicht sehen könnten. Es ist die Flasche, welche hier vergraben war.«

»Das begreife ich nicht.«

»Ich sehr leicht. Er hat die Flasche weggeworfen, weil er inzwischen erfahren hatte, daß man den Ort und auch die Flasche genau kannte; darum mußte er die Quipus auf eine andere, vorteilhaftere Weise verbergen. Er grub sie alle aus, füllte die Flasche mit Sand, warf sie in den See und setzte sich dann her, um die Quipus in seinem Anzug zu verstecken. Daß darüber die Nacht vergangen ist, darf gar nicht Wunder nehmen. Nicht jeder ist ein guter Schneider, zumal des Nachts, ohne Licht.«

»Woher wissen Sie denn das vom Nähen?«

»Hier in dieser Vertiefung hat er gesessen, die er durch sein Hin- und Herdrehen ausgehöhlt hat, und die parallel laufenden Eindrücke rühren von seinen Stiefeln her.«

Die beiden betrachteten die Stelle genau und dann meinte Pena, indem er mir beistimmte:

»Ja, hier hat einer gesessen; das kann aber auch nur in der Absicht, sich auszuruhen, gewesen sein. Wie kommen Sie auf die Vermutung, daß der Betreffende geflickt hat?«

»Durch den Vergleich der Umstände und vor allen Dingen durch dieses hier.«

Ich nahm den Faden vom Kaktus und gab ihn Pena.

»Ein Zwirnfaden, ein dunkelblauer, wahrhaftig!« rief dieser. »Eine Rolle gerade solchen Zwirns hatte der Sendador vorhin nebst Nähnadeln im Gürtel!«

»Da haben Sie es. Wir brauchen also nur wieder nach oben zu gehen und mit Gomarra – – – ah, wo ist dieser? Ich sehe ihn ja nicht?«

»Ich auch nicht; er ist fort.«

»Dann schnell nach, und hinauf auf die Höhe! Dieser Kerl hat irgend eine Teufelei vor.«

Ich hatte, nachdem mir Gomarra die Stelle, an welcher die Flasche vergraben gewesen war, gezeigt hatte, nicht weiter auf ihn geachtet. Er war uns entflohen, und da konnte er nur die Absicht gehabt haben, sich in meiner Abwesenheit an den Sendador zu machen. Wir folgten ihm in eiligem Laufe, sahen ihn aber nicht, da der Weg eine weite Krümmung machte. Aber als wir nicht mehr weit von der Felsenplatte entfernt waren, hörten wir einen wahren Höllenlärm vor uns.

»Hund!« hörte ich die Stimme des Sendador brüllen. »Du hast mich nicht zu richten. Warte, bis der Deutsche kommt!«

»Halt, nicht weiter, ihn nicht anrühren!« hörte ich dann die Stimme des Steuermanns. »Sie dürfen ihm nichts tun!«

»Zurück!« ertönte die keuchende Stimme Gomarras. »Zurück, oder ich steche! Mein Messer ist vergiftet!«

»Wetter!« rief der Steuermann erschrocken.

»Ja, Sennor, vergiftet! Und wer mich stört. bekommt es in den Leib. Er soll sterben, augenblicklich, und zwar da, wo er gesündigt hat. Hinab mit ihm!«

Dieser wahnsinnige Gomarra wollte den Sendador von der Platte hinab in die Tiefe stürzen! Wir setzten uns in Galopp, mußten aber leider der Krümmung des Felsenpfades folgen und kamen nicht schnell genug oben an.

Auf dem Felsen herrschte ein ganz unbeschreibliches Getümmel. Alle schrien durcheinander, Als ich aus dem Wege hervorsprang, erblickte ich Gomarra, welcher den Sendador mit einem Arme umfaßt hielt und ihn nach der Kante des Felsens drängte, während er mit der anderen Hand, in welcher er das vergiftete Messer hielt, die andern, die ihn hindern wollten, von sich abdrängte. Der Sendador brüllte vor Angst wie ein Stier. Er konnte sich kaum wehren, da ihm die Hände gefesselt waren und ich ihm den Oberarmknochen verletzt hatte.

»Halt!« rief ich, »halt! Gomarra, lassen Sie, sonst schieße ich Sie über den Haufen!«

Er hatte meine Stimme sofort erkannt, drehte sich einen kurzen Augenblick mir zu und antwortete, noch ehe ich mit meinen Worten zu Ende war:

»Der Deutsche! Aber ich tue doch, was ich will. Hinab mit dir, du Hund von einem Mörder!«

Er umklammerte den Sendador mit beiden Armen und drängte ihn schnell der Kante zu, damit ich zu spät kommen möge – noch einen Schritt – noch einen halben – er stieß den Sendador vor die Brust; dieser verlor das Gleichgewicht, schlang aber im letzten Augenblicke seine beiden Beine um diejenigen Gomarra's – ein fürchterlicher Schrei aus dem Munde des einen, ein noch entsetzlicherer aus dem Munde des andern, und beide stürzten aus der schwindelnden Höhe in die Tiefe hinab, gerade als ich nahe genug herangekommen war und die Hände nach Gomarra ausgestreckt hatte.

Ich selbst stand nur zwei Ellen vom Abgrunde entfernt. Nicht die Tiefe desselben, sondern die Szene, welche soeben vor meinen Augen versunken war, machte mich schwindelig. Ich griff mir mit den Händen nach dem Kopfe und machte mit Anwendung aller Willenskraft eine Bewegung rückwärts. Der Schwindel wollte mich hinabziehen; diese Anstrengung hielt mich oben; sie war so bedeutend, daß ich vier oder fünf Schritte weit zurücktaumelte und dann beinahe niedergefallen wäre.

Niemand hatte sehr auf mich geachtet. Jeder war mit sich selbst oder mit dem ihm Nächststehenden beschäftigt. Keiner getraute es sich, über den scharfen Rand des Abgrundes hinabzublicken, und doch wollten alle die nun unten liegenden Körper sehen. Sie rannten hin und her, gebärdeten sich fast wahnwitzig, stießen alle möglichen Ausrufe des Schreckens und Entsetzens aus und rannten dann in den Hohlweg hinein, um hinab an den See zu gelangen.

Nur die wenigen Weißen hatten sich leidlich gefaßt und ruhig gezeigt. Wie ein Fels im Meere stand der Steuermann. Er hatte sich nicht von der Stelle bewegt, seit ihm Gomarra mit dem Messer gedroht hatte. Viele rannten an ihm an, ohne ihn aber einen Schritt weit von der Stelle bringen zu können.

»Die beiden Männer müssen einen schrecklichen Anblick bieten,« sagte ich und wollte vor an die Kante treten, um hinabzublicken; der Steuermann aber hielt mich am Arme zurück und bat:

»Bleiben Sie, Herr, bleiben Sie. Ich kann es nicht sehen.«

»Sind Sie schwindelig?«

»Niemals gewesen; hier aber kann ich es werden. Der stärkste Großmast ist mir noch zu niedrig; dieser Felsen aber ist entsetzlich. Ich sehe noch jetzt die beiden vor mir, wie sie über die Kante gingen, und da ward es mir grau und schwarz vor den Augen.«

»Ich will aber sehen, wo sie liegen.«

»Der Fels kann losbröckeln!«

»O nein; der ist zu hart und ohne jeden Riß. Er hat bereits Jahrtausenden widerstanden und wird noch vielen Jahrhunderten trotzen.«

Ich legte mich lang auf den Boden nieder und schob mich nach vorn. Der Felsen war über dreihundert Fuß hoch und stürzte sich senkrecht in den See hinab. Am Rande desselben lag ein dunkler Klumpen. Eben sah ich mehrere Tobas als die ersten aus dem Hohlwege vorkommen und sich diesem Gegenstande nähern. Es war der ganz und gar zerschmetterte Leichnam Gomarras, wie ich später erfuhr.

Die Leute sahen nur diese eine Leiche, aber die andere nicht. Sie suchten, sahen empor und deuteten nun mit erhobenen Händen und laut rufend zum Felsen herauf. Ich schob mich noch weiter vor, sodaß nicht nur der Kopf, sondern auch die beiden Achseln über die Kante hinausragten, und sah nun den Gegenstand, nach welchem die Leute von unten deuteten. Es war ein menschlicher Körper, welcher an der scheinbar glatten, nackten Steinwand klebte, als ob er dort angenagelt sei. Es war mir, als ob er sich bewege. Ich schob mich zurück, sprang auf und rief dem Steuermann zu:

»Einer ist am Felsen hängen geblieben und lebt noch. Springen Sie hinab, und bringen Sie die Leute herauf! Wir müssen ihn retten.«

»Sind Sie des Teufels?«

»Nein. Eilen Sie; rennen Sie! Es liegt Gefahr im Verzuge.«

Ich drehte ihn um und gab ihm einen tüchtigen Stoß in den breiten Rücken; auf diese Weise einmal in Bewegung gebracht, rannte der Riese wie ein galoppierender Schnelläufer von dannen und in den Hohlweg hinein.

Ausgenommen die Wächter und die gefangenen Chiriguanos war er der einzige gewesen, welcher noch mit mir oben war. Die Hauptsache aber hatte ich vergessen. Darum schob ich mich wieder an den Rand des Felsens und rief denen, die da unten bei der Leiche standen, zu:

»Alle herauf! Lassos, Riemen und Stricke von den Pferden mitbringen.«

Ich sah sie nach den Pferden rennen, welche wir da unten zurückgelassen hatten. Mein Lasso war dreißig Ellen lang und so ausgezeichnet gearbeitet, daß er drei Menschen ohne Gefahr für dieselben tragen konnte; aber er war zu kurz.

Aber die Chiriguanos hatten Riemen und Bolas, sogar einige Lassos, denen ich aber nicht trauen mochte, da ich sie nicht kannte. Bald kamen die Gefährten, und nun entspann sich ein hitziger Streit über das, was getan werden sollte.

»Es ist der Sendador, der an der Wand hängen geblieben ist,« sagte Turnerstick. »Gomarra liegt unten, ist aber kaum zu erkennen. Warum rufen Sie nach Riemen, Herr?«

»Weil wir den Sendador heraufholen müssen,« antwortete ich.

»Fällt keinem Menschen ein! Das fehlt noch!« rief Pena aus.

»Fällt sogar einem jeden ein, welcher wirklich Mensch ist!« entgegnete ich. »Er muß herauf; er lebt noch.«

»Unsinn! Wie kann der noch leben? Er ist an irgend etwas hängen geblieben. Das plötzliche Anhalten im Sturze hat ihn ganz gewiß getötet. Und wegen der Leiche eines solchen Menschen, die doch nur den Geiern verfallen ist, werden wir uns doch nicht extra bemühen oder gar in Lebensgefahr begeben sollen!«

»Sennor Pena hat recht,« meinte der Yerbatero. »Lassen Sie doch hangen. was da hängt! Ich war einst der Freund des Sendador; aber nachdem ich ihn jetzt kennen gelernt habe, möchte ich keine Hand für ihn rühren, selbst wenn er noch lebte.«

»Und da nennen Sie sich einen Christen?«

»Ja, der bin ich, und zwar ein sehr guter! Aber die Seele dieses dreifachen Mörders mag zum Teufel fahren!«

»Sennor Monteso, Sie sind kein Christ, wirklich nicht, und ich möchte fast bedauern, Sie lieb gehabt zu haben. Mögt ihr alle denken, was und wie ihr wollt, ich kenne meine Pflicht. Verhaltet euch möglichst still, damit ich hören kann, und haltet meine Füße fest!«

Ich nahm das Fernrohr in die Hand und kroch wieder bis zum Felsenrande vor. Ich schätzte die Entfernung zwischen mir und dem Verunglückten auf siebzig Fuß. Als ich ihn durch das Fernrohr betrachtete, sah ich, daß er mit dem Rücken an der Wand hing. Es mußte da einen Spalt im Felsen geben, aus welchem ein spitzer Gegenstand ragte, der den Abstürzenden festgehalten hatte. Ich sah ganz deutlich, daß dieser letztere die Beine bewegte, und glaubte auch, wimmernde Laute zu hören.

Es war gar nicht ungefährlich, sich so weit über die Kante vorzuschieben, daß man hinabzublicken vermochte; darum hatte ich mich an den Füßen festhalten lassen. Nun richtete ich mich wieder auf und gebot, alle vorhandenen Lassos zusammen zu binden.

»Lebt er denn noch?« fragte der Bruder.

»Ja; er bewegt sich.«

»Gott erbarme sich seiner! Wir können ihm nicht helfen.«

»Wir können es, wenn wir nur wollen.«

»Meinen Sie, daß sich einer finden läßt, der bereit ist, das Wagnis zu unternehmen?«

»Sicher.«

»Wenn mein bester Freund da unten hinge,« sagte Pena, »ich würde mich hüten, mich hinabzulassen, viel weniger eines solchen Schurken wegen.«

»Aber bedenken Sie, Pena, lebendig da am Felsen zu hängen, mit gebundenen Händen, zerschossenem Arme und vielleicht einen Baum- oder Aststumpf im Leibe! Welch ein gräßlicher Tod!« sagte ich.

»Er hat ihn verdient!«

»Mag sein oder auch nicht; aber ich darf ihn nicht eines solchen Todes sterben lassen, wenn es mir möglich ist, ihn vor demselben zu bewahren. Hat keiner von Euch den Mut, so werde ich mich selbst hinablassen.«

»Sie selbst? Sind Sie denn ganz und gar toll? Das ist das allerdümmste, was Sie im Leben machen können. Wir können Sie nicht missen; wir brauchen gerade Sie am allernötigsten bei uns; wollen gerade Sie es sein, der den Hals brechen soll, eines Menschen wegen, welcher den Galgen zehn und noch mehrere Male verdient hat!«

»Streiten wir uns nicht! Ich bin entschlossen, und sie werden mir helfen. Nur Lassos und Riemen her!«

»Die nützen nichts; sie zerreißen; sie zerreiben sich an den scharfen Kanten des Felsens; da sind Rollen nötig, welche wir nicht haben.«

»Wir legen einen Sattel unter, über welchem der Lasso glatt und ohne zu große Reibung läuft.«

»Aber wie wollen Sie es anfangen? Sie wissen ja gar nicht, in welcher Verfassung Sie den Menschen finden!«

So wie Pena, machten auch die andern den Versuch, mich von meinem Vorhaben abzubringen, natürlich vergeblich. Nur der Bruder bestärkte mich in demselben, als er einsah, daß ich fest entschlossen war.

Wir fertigten aus den vorhandenen Lassos drei Lederseile, von denen jedes die gebrauchte Länge hatte. Die Knoten machte ich selbst; da es sich um mein Leben handelte, wollte ich auch selbst die Verbindung auf ihre Sicherheit prüfen.

Dann wurden mehrere Lanzen zusammengebunden, welche mir als Sitz zu dienen hatten, und an die Enden zweier Seile befestigt. Diese Seile liefen jedes über einen Sattel, welcher die Reibung an der Felsenkante unmöglich machen sollte. Das dritte Seil war als Reserve zu verwenden, da ich nicht wußte, ob ich den Verunglückten zu mir nehmen konnte oder nicht. Natürlich war die Vorkehrung so eingerichtet, daß ich, senkrecht von oben kommend, auf den Sendador treffen mußte.

Nun wurde der Sitz an den beiden Seilen über die Kante gelassen und ich mußte einsteigen. Aufrichtig gestanden, war es mir ganz und gar nicht wohl zu Mute, als ich mich über den scharfen Felsen schwang und auf drei dünnen Spießen Platz nahm. Dort band ich mich mit einem Riemen fest.

Der gute Bruder hatte nach mir das Schwierigste übernommen. Er hatte sich so gelegt, daß er mir mit den Augen folgen konnte; er wollte meine Winke denen verdolmetschen, welche mich hinab- und dann wieder hinaufzulassen hatten.

Gut war es, daß der Felsen keine Krümmung hatte, sondern wie eine künstlich errichtete Mauer genau senkrecht abfiel. Das erleichterte uns die Passage ungeheuer.

Man ließ mich nur langsam nieder. Obgleich ich selbst dies befohlen hatte, dünkte es mich eine Ewigkeit zu sein, bevor ich zu dem Verunglückten gelangte.

Ja, es war der Sendador. Er bot einen schrecklichen Anblick. Seine mit Blut unterlaufenen Augen standen weit hervor; aus dem geöffneten Munde hing die lechzende Zunge. Ein schwaches Röcheln ertönte; sonst gab es vom Leben weiter keine Spur.

Natürlich winkte ich nach oben, anzuhalten. Ich mußte zunächst untersuchen, wodurch der Mann hier festgehalten worden war. Es gab da eine spaltartige Vertiefung, ungefähr anderthalb Fuß breit, welche, nach unten immer enger werdend, mit verwestem und verwittertem Müll angefüllt war. Da hatte ein Baum Nahrung gefunden und seine Wurzeln tief in die Spalte geschlagen. Ein Orkan mochte die Krone abgebrochen und mit der Hälfte des Stammes davongeführt haben. Die andere Hälfte war stehen geblieben, weil sie nicht, wie der obere Teil, aus dem Spalte hervorragte. Auch die Äste waren verschwunden; aber als Rest des untersten, in der Nähe des Wurzelhalses aus dem Stamm getreten, ragte ein spitzer Stumpf hervor, welcher den Sendador aufgefangen und festgehalten hatte.

Ich hing vor ihm, über der grausigen Tiefe. Bei der geringsten Bewegung, welche ich machte, schaukelte mein leichter Sitz hin und her. Das machte es außerordentlich schwierig, den Verunglückten vom Stumpfe zu lösen. Wollte ich ihn los haben, so mußte ich ihn heben. Das erforderte bei der Schwere dieses Mannes eine Kraftanstrengung, unter welcher die Riemen, an denen ich hing, leicht zerreißen konnten, und dann war ich verloren.

Wenn ich aufrichtig sein will, so muß ich gestehen, daß mir der Gedanke kam, ihn seinem Schicksale zu überlassen; aber diese Regung der Schwäche währte nicht lange. Sein Anblick war ein entsetzlicher. Ich sagte mir, daß ich denselben während meines ganzen Lebens vor mir haben und mir die schwersten Vorwürfe machen würde, falls ich jetzt versäumte, meine Pflicht zu tun. Es war noch Leben in ihm. Brachte ich ihn nach oben, so zeigten sich seine Verletzungen vielleicht nicht als tödlich, und wenn das nicht, so konnte er doch wenigstens für kurze Zeit zum Bewußtsein kommen und Raum zur Reue finden. Ließ ich ihn aber hängen, so mußte er in seinen Sünden sterben, und ich hatte das für immer auf meinem Gewissen.

Freilich, wenn ich ihn los bekommen wollte, mußte ich mich in eine Gefahr begeben, vor welcher es mir graute. Schon der bloße Gedanke an das Wagnis wollte mich schwindeln machen. Ich mußte nämlich meinen Sitz verlassen und in die Spalte steigen. Es war die Frage, ob der alte, verwitterte Baumstumpf mich auch mit halten werde. Wegen der Enge des Risses konnte ich nur mit querem Körper hinein; dann hatte ich den Abgrund vor Augen, in welchen hinabzublicken, von diesem Standpunkte aus, so gefährlich war. Doch ich war nun einmal da, und es mußte gewagt werden.

Zunächst untersuchte ich, in welcher Weise der Sendador fest hing. Der Aststumpf hatte hinten den Gürtel gefaßt, denselben in Folge des Gewichtes hoch emporgezogen und auch den Rücken der Jacke und Weste mit ergriffen. Ob und wie tief er auch in das Fleisch eingedrungen war, das konnte ich nicht sehen. Die straff angezogenen Kleidungsstücke preßten ihm die Brust zusammen und hinderten ihn am Atmen. Mir schien, daß mehr dieser Umstand als eine Verwundung durch den Ast die Ursache seiner Besinnungslosigkeit sei.

An zwei Lassoseilen hing ich selbst; das dritte schlang ich ihm jetzt unter den Armen hindurch um Rücken und Brust und verknotete es in der Weise, daß die Atmungswerkzeuge möglichst frei blieben. Dann schnitt ich ihm mit dem Messer die Jacke und die Weste auf. Beide waren so fest angespannt, daß von einem Ausknöpfen keine Rede sein konnte. Jetzt bekam er Luft. Ich hörte ihn atmen, aber kurz und hastig – ein Schrei, ein entsetzlicher Schrei; er riß die Augen auf, starrte mich an und brüllte wieder, und zwar in einer Weise, als ob er am Spieße stäke.

»Still!« rief ich ihm zu. »Haben Sie Schmerzen?«

»Unbeschreibliche!« antwortete er, nun förmlich heulend.

»Kennen Sie mich?«

Sein Geheul verstummte für einige Augenblicke. Er biß die Zähne zusammen und stierte mich mit seinen blutunterlaufenen Augen an, daß es mir unheimlich wurde.

»Der Deutsche, der Deutsche!« brüllte er dann. Und als sein Blick in die Tiefe fiel und ihm die Erkenntnis seiner Lage kam, zeterte er:

»Ich hänge am Felsen; ich hänge mit dem Fleische am Felsen! Da unten gähnt der Abgrund, die Hölle, das Fegefeuer, die Verdammnis! Machen Sie mich los, schnell, schnell; ich will alles gestehen, alles! Nur nicht da hinunter, da hinunter!«

»So verhalten Sie sich ruhig; rühren Sie sich nicht! Verbeißen Sie Ihre Schmerzen, und schreien Sie nicht!«

Sein Gebrüll ging in ein Wimmern über, welches mehr einem Pfeifen glich und mir durch Mark und Bein gehen wollte. Ich band den Riemen los, welcher mich an meinem Sitze festhielt, schlang ihn um eins der Seile, welche den letzteren trugen und befestigte ihn mir dann an den Arm, sodaß ich den Sitz nicht verlieren konnte. Dann hielt ich mich an den beiden Seilen fest, stieg auf die Lanzen, auf denen ich gesessen hatte und – – Herr Gott, dir übergebe ich mich! – – schwang mich in den Spalt.

An diesem Augenblicke hing mein Leben. Gab der Baumstumpf nach, so fuhr ich mit ihm und dem Sendador in die Tiefe. Es wirbelte mir im Kopfe; es flimmerte mir vor den Augen, und es summte mir vor den Ohren, als ob ich mich inmitten eines Bienenschwarms befände. Ergriff mich der Schwindel, so war es aus mit mir. Ich nahm alle meine Willenskraft zusammen. Mein Auge, mein Kopf wurde frei; ich mußte die Angst, die Furcht überwinden und schaute in die Tiefe hinab. Es war, als wolle es mich um und um drehen und hinabziehen; aber ich überwand den Anfall. Drunten lag die Lagune; ich sah die Salzkruste auf derselben glänzen; dort drüben, rechts, wo wir hergekommen waren, standen zwei Menschen, Indianer; ich sah sie deutlich. Es waren wohl die frei gegebenen oder entflohenen Wächter; sie verschwanden schnell hinter den Felsen.

Unter meinen Füßen raschelte und bröckelte es; der Schutt, der mürbe Müll, gab nach; aber die Wurzeln des Baumstumpfes hielten fest. Mit der Linken mich in der Felsenritze fest haltend, bog ich mich nieder, ergriff mit der Rechten den Sendador beim Kragen – ein Ruck, noch einer; er kam von dem Stumpfe los und hing an dem Riemenseile, an welchem er sich wie ein Kreisel drehte. Er schrie vor Entsetzen aus Leibeskräften. Unter mir brach, knickte und krachte es. Um den schweren Mann zu heben, hatte ich eine Kraft anwenden müssen, welcher der Stumpf doch nicht gewachsen war. Die Wurzeln lösten sich vom Felsen, langsam zwar zunächst, aber ich sank. Noch einen Augenblick, und es war um mich geschehen. Ich zog an dem Riemen, der mir am Arme hing, den Sitz zu mir heran, erwischte aber nur das eine Seil – ein neues, stärkeres Kollern und Prasseln, der Boden wich unter meinen Füßen; ich hing mit einer Hand über dem Abgrunde und schwebte wie ein Pendel hin und her. Meine Gefährten sahen es von oben; sie schrien; der Sendador brüllte wie ein Stier; ich behielt die Besinnung, die Ruhe und ließ nicht los. Ein Griff mit der linken Hand, und ich faßte auch das andere Seil. Wie an einem Schwebereck schwang ich mich von unten auf und kam auf die Lanzen zu sitzen. Die Gefahr war vorüber. Mit Schaudern sah ich die leere Stelle des Spaltes, in welcher sich vorher der Baumstumpf befunden hatte.

Nun gab ich mir zunächst Mühe, die pendelnde Bewegung meines Sitzes zu beruhigen. Als mir das gelungen war, band ich mich mit Hilfe des Riemens wieder fest und griff mit der Rechten nach dem Seile, an welchem der Sendador hing. Dieser war still geworden; er hatte die Besinnung wieder verloren, und das war mir sehr lieb. Ich winkte nach oben, um sein Seil anziehen zu lassen. Man tat es; er kam vor mir zu hängen; ich zog ihn zu mir heran, hielt ihn fest und gab das Zeichen, um an allen drei Seilen gleichmäßig zu ziehen.

Das war eine schreckliche Auffahrt. Wir schwankten hin und her; wir wurden um unsere eigene Achse gedreht. Ich hatte die Arme nicht frei und konnte mich nur der Füße bedienen, mich vom Felsen abzuhalten. Es gelang mir nicht stets: ich wurde öfters gegen denselben geschleudert und gab mir die größte Mühe, daß nicht der Sendador, sondern ich diese Karambolagen auszuhalten hatte. Ich fühlte mich wie gerädert und zertreten, als wir endlich oben an der Felsenkante anlangten. Aber ich war noch nicht in Sicherheit. Zunächst galt es, den Besinnungslosen über dieselbe hinweg zu bringen. Ich stemmte mich mit den Füßen gegen den Felsen, hielt mich von demselben ab, nahm den Sendador bei den Schenkeln und hob; die anderen zogen; es gelang. Dann stellte ich mich auf den Sitz; man zog vorsichtig an; ich gab erst die eine, dann die andere Hand über die Kante hinüber; man ergriff sie; man zog rascher, ein kräftiger Ruck von oben, ein Schwung meinerseits mit den Beinen – ich befand mich auf der Felsenplatte und knickte zusammen. Ich hörte Töne wie von Posaunen und Tubahörnern und verlor die Besinnung; der Körper vermochte dem Willen nicht mehr zu gehorchen.

Als ich erwachte, lag ich mit dem Kopfe im Schoße des Bruder Jaguar. Er sah, daß ich die Augen öffnete, stieß einen Jubellaut aus, hob meinen Kopf empor und küßte mich auf Stirn, Mund und Wangen, nicht darauf achtend, daß seine Freudentränen mir das Gesicht befeuchteten.

»Sie leben! Sie leben!« rief er dabei. »Dem Allgütigen sei Dank! Welch ein Unternehmen ist das gewesen! Nie, niemals wieder werde ich in so etwas willigen! Ich sah den Stumpf zur Tiefe stürzen und Sie an einer Hand am Seile hangen. Es war fürchterlich!«

Er legte die Hände über die Augen und schluchzte laut; er, der starke, vielerfahrene Mann! Auch die andern waren tief ergriffen und hatten Tränen in den Augen. Der Yerbatero umarmte mich, als ich mich erhoben hatte; ich wurde, so zu sagen, von einer Brust an die andere genommen. Zuletzt drückte mich Pena an das Herz und sagte im Tone der tiefsten Ergriffenheit:

»Sennor, ich bin oft, sehr oft hart und ungerecht gegen Sie gewesen; ich werde es nicht wieder tun. Können Sie mir verzeihen?«

Ich verzieh nur gar zu gern; ich hatte ja nicht weniger Fehler begangen als er, und jetzt, da ich die Liebe dieser braven Leute so deutlich sah, mußte ich mir aufrichtig sagen, daß mein Verhalten gegen sie nicht immer ein vorwurfsfreies gewesen war.

Die Chiriguanos hatten von fern gestanden. Jetzt trat ihr Anführer zu mir heran, bot mir seine Hand und sagte:

»Nicht wahr, Herr! Der Sendador hatte es schlimm mit Ihnen vor, hat Ihnen sogar nach dem Leben getrachtet?«

»Allerdings.«

»Und Sie haben Ihr Leben gewagt, um ihn, wenn auch nur seinen Körper, zu retten! Das haben Sie getan, weil Sie ein Christ sind, welcher Böses mit Gutem vergilt. Wir sind Ihre Feinde, auch die Feinde der Tobas gewesen; aber von nun an soll es anders sein. Von jetzt an soll Friede und Freundschaft herrschen zwischen ihnen und uns; ich wünsche das und bitte Sie, bei ihnen für uns zu sprechen. Ihre und eure Feinde sollen von jetzt an auch die unserigen sein.«

»Diesen Wunsch werde ich euch erfüllen, und ich bin überzeugt, daß sie gern auf denselben eingehen werden.«

Das war wieder einmal ein Beweis, daß das Beispiel mehr und besser wirkt als alle Lehren und Worte, denen die wirkliche Tat mangelt. Freilich war ich nicht in der Stimmung und Lage, augenblicklich eine große Versöhnungsrede halten zu können. Mein ganzer Körper schmerzte mich; ich bedurfte der Ruhe; aber ich sah den Sendador liegen und durfte nicht an mich, sondern mußte zunächst an ihn denken. Man hatte sich nur mit mir beschäftigt und ihn einstweilen unbeachtet gelassen. Er war noch ohne Besinnung. Als wir ihn untersuchten, zeigte es sich, daß der Aststummel ihm doch in den Rücken gedrungen war. Es war eine böse, jedenfalls außerordentlich schmerzhafte, wenn auch keine lebensgefährliche Wunde. Dennoch erschien mir sein Zustand als sehr bedenklich. Er lag mit halb geöffneten, verdrehten Augen da; sein Mund stand so weit auf, daß man die Zunge sehen konnte, und er röchelte, als ob ihm jeden Augenblick der Atem versagen wolle.

»Das kann doch nicht nur von der Rückenwunde sein,« meinte der Bruder. »Er muß noch eine andere Verletzung davon getragen haben.«

»Das ist sehr leicht möglich,« antwortete ich. »Denken Sie den Sturz, wenigstens siebzig Fuß in die Tiefe, und den Ruck, den es gegeben hat, als er von dem Stumpfe ergriffen und aufgehalten worden ist. Wäre sein Gürtel nicht so fest gewesen, so hätte der Ast ihm den ganzen Rücken aufgerissen. Das hat eine innerliche Erschütterung gegeben, welche seinen Tod ohne alle äußere Verletzung zur Folge haben kann.«

»Wollte Gott, er kehrte ins Bewußtsein zurück und dabei zur Einsicht seiner Sünden! Wollen versuchen, ihn aufzuwecken.«

Unsere Bemühungen waren nicht vergeblich. Zwar ging der Atem noch so schwer wie vor, aber die Lider öffneten sich vollends; die Augen bekamen Leben und gingen mit einem bewußten Blicke in unserem Kreise von einem zum andern herum. Der Bruder ließ sich neben ihm nieder und sagte:

»Geronimo Sabuco, sind Sie zu sich gekommen? Erkennen Sie uns?«

Der Gefragte hatte versprochen, daß er alles bekennen wolle; ich erwartete, wenn auch keine freundliche, so doch auch keine direkt feindliche Antwort; aber als seine Lippen sich öffneten, kam es zischend zwischen denselben hervor:

»Fort! Gehe zum Teufel!«

»Sprechen Sie nicht so! Vielleicht ist der Tod Ihnen nahe. Schließen Sie Ihre Rechnung mit dem Leben ab, und denken Sie nur allein an Gott!«

»Ich sterbe nicht!«

»Wenn Sie auch nicht in Folge des fürchterlichen Absturzes sterben, so müssen Sie doch bedenken, daß Ihr Tod eine beschlossene Sache ist. Sie sind dem Gesetze der Pampa verfallen.«

Da richtete der Sendador sich in sitzende Stellung und fragte mit gurgelnder Stimme:

»Wer von euch wagt es, mich zu richten? Dieser Hund von Gomarra ist tot; er ist selbst schuld an seinem Untergange. Kein anderer darf mit mir rechten. Wenn ihr mich tötet, bekommt ihr die Quipus nicht!«

»Sie irren,« entgegnete ich. »Sie lachten mich zwar aus, als ich Ihnen sagte, daß ich nach ihren Spuren suchen würde; ich habe es aber doch getan und weiß nun, wo sich die Knotenschrift befindet.«

»Wo?« fragte er höhnisch.

»Sie haben uns schon einmal verhöhnt, weil wir nicht sorgfältig gesucht hatten; diesen Fehler begehen wir nicht zum zweiten Male. Ich weiß jetzt genau, was Sie mit der Flasche vorgenommen haben. Sie nahmen die Quipus heraus, füllten sie mit Sand und warfen sie in den See; die Quipus aber nähten Sie in Ihr Gewand ein. Wir werden sie jetzt finden.«

Der Ausdruck seines Gesichts wurde ein anderer, der Hohn verschwand; es flog eine Angst über die verwetterten Züge. Er griff mit der linken Hand unwillkürlich nach der rechten Brustseite und rief:

»Das träumen Sie. Unter den gegebenen Umständen wäre es Wahnsinn von mir, die Schnüre bei mir zu tragen.«

»Wenn auch nicht Wahnsinn, aber doch Unvorsichtigkeit. Und unvorsichtig sind Sie gewesen, sogar eben jetzt wieder, denn Sie haben mir mit Ihrer eigenen Hand gezeigt, wo die Quipus sich befinden, nämlich auf Ihrer rechten Brust.«

Als ich jetzt nach der angegebenen Stelle greifen wollte, stieß er meine Hand von sich und schrie:

»Es ist nicht wahr; es ist nicht wahr! Sie täuschen sich vollständig. Lassen Sie mich; rühren Sie mich nicht an!«

»Wehren Sie sich nicht, sonst muß ich Gewalt anwenden!«

»Wagen Sie es; die Schnüre gehören nicht Ihnen; Sie haben kein Recht auf dieselben!«

»Sie noch viel weniger, denn Sie haben sich durch einen Mord in den Besitz derselben gebracht. Geben Sie sie freiwillig her?«

»Nein, und wieder nein!«

»So haben Sie es sich selbst zuzuschreiben, wenn wir Ihnen trotz Ihrer Verletzungen wehe tun.«

Er wurde auf meinen Wink von einigen Yerbateros festgehalten und ich untersuchte seine Kleidungsstücke genau. Er wollte sich wehren, mußte aber den Versuch aufgeben. Es war so, wie ich vermutet hatte; ich fand das Gesuchte auf der rechten Brustseite zwischen dem Futter. Es waren drei Quipus, jeder aus einer Haupt- und wenigstens dreißig Nebenschnuren bestehend. Der Sendador lag wieder lang ausgestreckt und atmete mühsam. Der Widerstand hatte ihn angegriffen. Er wollte sich wohl in lauten Verwünschungen oder Drohungen ergehen, brachte aber nur ein heiseres, häßliches Gemurmel fertig.

Die anderen hatten noch niemals Quipus gesehen. Die Schnuren gingen von Hand zu Hand.

»Und das sollen Buchstaben und Silben sein?« fragte mich Pena.

»Nein, sondern nur Zeichen. Das Wort Quipus oder eigentlich Khipus gehört der Khetsuasprache an und heißt so viel wie Knoten. Jeder Quipus besteht aus einer starken Hauptschnur, an welche verschiedenfarbige dünnere Nebenschnuren verschiedenfarbig angeknotet sind. Jede Farbe und jede Knotenart hat eine besondere Bedeutung.«

»Und Sie können das entziffern?«

»Ich will es versuchen. Übrigens sind die Quipus höchst ungenügende Gedächtnisbefehle, und eigentlich ist zu jeder Schnur ein mündlicher Kommentar notwendig, wenn man ihre Bedeutung verstehen will.«

Der Sendador hatte diese Erklärung mit Aufmerksamkeit verfolgt. Jetzt zuckte es wie Schadenfreude über sein Gesicht, und er rief aus:

»Das ist gut! Eine mündliche Erklärung! Die haben Sie nicht. Folglich können Sie diese Schnuren nicht lesen!«

»Jubeln Sie nicht zu früh. Wenn ich von einem mündlichen Kommentare sprach, so meine ich nur, daß man wissen muß, wovon die Quipus handeln.«

»Und das wissen Sie?«

»Natürlich! Diese Schnuren handeln selbstverständlich von dem vergrabenen Schatze. Selbst der beste Entzifferer würde, wenn er das nicht wüßte, sich ganz vergeblich abmühen. Nun ich es aber weiß, bedarf es keiner ungeheuern Gelehrsamkeit, die Knoten zu enträtseln.«

»So versuchen Sie es doch!«

Er sah mir mit großer Spannung in das Gesicht. Vielleicht dachte er, ich würde mich verleiten lassen, sofort Auskunft zu geben.

»Ich werde es versuchen,« antwortete ich der Wahrheit gemäß, »aber ich glaube nicht, daß es mir gelingen wird. Die Farben sind zerstört; ich bin kein Chemiker, und diese Knoten bedürfen jedenfalls der aufmerksamsten chemischen Behandlung, wenn die Farben wieder sichtbar werden sollen.«

»Gracias a Dios! Sie werden also nichts entziffern können! Der Raub, welchen sie an mir begangen haben, wird Ihnen also keine Früchte bringen!«

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