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Der Schatz der Inkas

Karl May: Der Schatz der Inkas - Kapitel 50
Quellenangabe
pfad/may/sendado2/sendado2.xml
typefiction
authorKarl May
titleLopez Jordan
publisherDeutscher Hausschatz in Wort und Bild
booktitleEl Sendador
firstpub 1890/1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.karl-may-gesellschaft.de
created20090708
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49. Fortsetzung

»Hab's gedacht!« murrte Pena, indem er sich eine Pfeilspitze aus dem Unterschenkel zog. »Nur um Gottes willen ja keinen Tropfen Feindesblut vergießen; das unserige aber mag fließen!«

»Wer ist schuld daran?« fragte ich. »Wer heißt Ihnen denn, sich den Pfeilen auszusetzen? Sie wollten sich von mir nichts mehr sagen lassen und haben auf eigene Faust gehandelt. Nun brummen Sie nur nicht etwa mich an, da Sie von einem Spitzchen geritzt worden sind!«

»Spitzchen? Geritzt? Da hört sich doch alles auf! Wie wollen Sie denn übrigens die Roten überwältigen, wenn Sie sie nicht angreifen?«

»Das sollen Sie sofort sehen.«

»Bin neugierig!«

Unweit des Ufers lag ein Felsenstück von nicht unbedeutender Größe. Ich winkte den Steuermann zu mir, und er half mir den Stein bis zum Eingang des Saumpfades wälzen. Zwischen der Felswand und dem Steine blieb eine Lücke, groß genug, um den Lauf eines Gewehres hindurch zu stecken.

Dann legte ich mich zur Erde, nahm den Stutzen und kroch bis zu der Lücke. Sie erlaubte mir, den unteren Teil des aufwärts steigenden Weges überblicken zu können, ohne getroffen zu werden.

Da standen rechts und links an die Wände gelehnt, die Chiriguanos, die Pfeile schußbereit in den Händen, sobald sich einer von uns unten sehen lassen werde. Andere schossen unausgesetzt nach dem Steine, hinter welchem ich steckte und dessen Zweck sie leicht errieten. Weiter oben stand der Sendador und redete lebhaft in einen Roten hinein, welcher besorgt auf die Männer deutete, welche von dort herabkamen. Mehrere von ihnen waren verwundet; auch zwei Tote brachte man getragen. Man sah es den verschiedenen Gesten und den Gesichtern der beiden Sprechenden an, daß sie sehr verschiedener Meinung seien. Der Rote riet jedenfalls zum Abbruch des Kampfes, während der Sendador die Fortsetzung desselben verlangte.

Ich beschloß, der Meinung des ersteren Nachdruck zu verleihen, und legte meinen Stutzen auf den Sendador an. Die Kugel desselben war klein, während diejenige des Bärentöters nicht nur eine größere Wunde gerissen, sondern vielleicht auch den Knochen zerschmettert hätte. Der Sendador war dem Tode geweiht, das wußte ich; aber nicht ich wollte derjenige sein, der das Blut dieses Mannes auf seine Seele nahm.

Ich zielte sehr genau und länger als gewöhnlich auf den rechten Oberarm, welchen er heftig bewegte; ich wollte ihn nur in den rechten treffen, um ihn kampfunfähig zu machen; eine Verwundung des linken Armes hätte diese Folge wohl nicht gehabt. Jetzt hielt er ihn drohend empor, und ich drückte ab. Der Arm sank nieder, und der Sendador stieß einen Schrei aus. Er befühlte das verwundete Glied mit der linken Hand, wendete sich dann abwärts, richtete einen grimmigen Blick nach dem Steine und schrie mit solcher Stimme, daß ich trotz der Entfernung jedes Wort verstand:

»Hund, ich weiß, wer geschossen hat. Sei verflucht, deutsche Kanaille!«

Das war sehr unklug von ihm. Er mußte doch erkennen, daß der Sieg von ihm nun unmöglich zu erreichen sei; indem er mich beleidigte, verschlimmerte er doch nur seine Lage.

Er schien ins Wanken zu kommen. Zwei Indianer faßten ihn und führten ihn fort, nach einer Stelle, wo ich ihn nicht mehr sehen konnte. Der Rote, welcher mit ihm gesprochen hatte, verschwand mit ihm, kehrte aber schon nach kurzer Zeit zurück. Es versammelten sich andere um ihn, welche sich lebhaft mit ihm unterhielten. Dann band einer von ihnen ein Tuch an die Spitze seiner Lanze und kam, diese improvisierte Friedensfahne schwingend, langsam den Saumpfad herab.

Ich sah aus den Bewegungen seiner Hände und aus seinem Mienenspiele, daß er den rechts und links postierten Indianern das Schießen verbot. Darum erhob ich mich hinter meinen Steine, trat in die Mitte des Weges und erwartete den Parlamentär. Meine Gefährten kamen auch herbei. Der Kampf ruhte für jetzt. Als der Mann herbeigekommen war, verbeugte er sich ungelenk und sagte in sehr gebrochenem Spanisch:

»Sennores, der Häuptling sendet mich. Wenn ihr ihn um Frieden bittet, wird er Euch denselben vielleicht gewähren.«

Die erste Antwort, welche er erhielt, war ein allgemeines, lautschallendes Gelächter. Ich war der einzige, der mit Mühe seinen Ernst zu wahren vermochte. Der Bote wurde hochverlegen, hatte aber nicht anders sprechen können, als ihm befohlen worden war. Darum antwortete ich, als das Lachen so ziemlich verschollen war:

»Gehe, um deinem Häuptling zu sagen, daß, wenn er, nämlich er, nicht sofort um Gnade bittet, meine Leute von oben herab und von hier unten hinauf euch zusammendrängen und wie ein Nest voller Mäuse zerstören werden!«

»Sennor, du bist wohl – – «

»Gehe, gehe!« wehrte ich seine Rede ab. »Ich habe dir gesagt, was ich verlange, ich mag kein weiteres Wort hören. Ich schieße gern, spreche aber wenig!«

Das schüchterte ihn so ein, daß er sich schleunigst entfernte.

»Wir haben durch die Ankunft dieses Parlamentärs viel gewonnen,« bemerkte ich.

»Möchte wissen, was,« brummte Pena mißmutig.

»Nun, stehen wir nicht unbelästigt hier, und vermögen wir nicht mit unsern Gewehren den Pfad zu bestreichen? Das konnten wir vorher nicht. Legt nur eure Flinten an die Wangen. Das wird meine Antwort bedeutend unterstützen.«

Der Parlamentär kam bei dem oben stehenden Häuptlinge an und sagte ihm meine Worte. Der Anführer sah zu uns nieder und erblickte die Mündungen der vielen auf seine Roten gerichteten Gewehre. Das machte ihn so bestürzt, daß er schnell hinter der Krümmung des Saumpfades verschwand, jedenfalls, um mit dem dort befindlichen Sendador zu sprechen. Er kehrte erst nach längerer Zeit zurück, erteilte dem Boten neue Instruktion und dieser kam wieder zu uns herab.

»Sennor,« sagte er, »der Häuptling wünscht den Frieden, wenn Ihr uns alle ziehen laßt.«

»Auch den Sendador mit?«

»Ja.«

»Sage deinem Häuptlinge, daß wir Freunde der Chiriguanos sind. Wir haben sechs eurer Wächter gefangen und bereits vieren von ihnen die Freiheit gegeben. Wir wollen nicht mit euch kämpfen; wir verlangen weder euer Leben, noch eure Freiheit oder euer Hab und Gut. Wir wollen jetzt und stets im Frieden mit euch leben, aber wir verlangen den Sendador ausgeliefert, damit er sich für alles, was er gegen uns unternommen hat, verantworten möge. Liefert ihr ihn uns aus, so seid ihr frei und könnt gehen, wohin ihr wollt. Ich gebe euch nur zehn Minuten Zeit. Ist bis dahin euer Entschluß noch nicht gefaßt, so marschieren wir hier in den Pfad hinein, um euch unseren oben auf der Höhe stehenden Leuten in die Arme zu treiben. Es wird dann von euch keiner leben bleiben, der die Toten zählen kann. Also nur zehn Minuten, sage das dem Häuptlinge!«

Er ging trübselig von dannen. Der Bruder fragte mich:

»Warum bestehen Sie so auf diesen zehn Minuten?«

»Weil es uns Vorteil bringt. Ich denke, die Roten möchten, um sich selbst zu retten, uns den Sendador ganz gern ausliefern, aber sein Einfluß auf sie ist groß, und er wird ihnen solche Versprechungen machen, daß die Verhandlung sich wohl in die Länge ziehen wird. Dies benutzen wir, indem wir hier geschlossen und mit erhobenen Läufen vorrücken. Es ist kein Waffenstillstandsbruch, wenn wir die zehn Minuten respektiert haben. Indem wir vorgehen, drängen wir die Roten, welche keinen Widerstand wagen werden, nach oben. Sie verlieren immer mehr Terrain und werden zuletzt so eingeengt, daß sie sich ohne weitere Verteidigung ergeben müssen.«

Meine Voraussetzung bewahrheitete sich. Nach der angegebenen Zeit setzten wir uns in Bewegung. Die erschrockenen Indianer, welche den Pfad besetzt hielten, wichen zurück. Ihr Geschrei lockte den Häuptling herbei. Er sah die Mauer von Gewehrläufen, welche stetig, Schritt um Schritt, nach oben rückte, und verschwand augenblicklich wieder hinter der Krümmung des Weges.

Als wir diese erreichten, erblickten wir die Schar der Roten; sie trugen ihre Toten und Verwundeten, auch der Sendador war bei ihnen, und eilten soeben um eine zweite Krümmung des Saumpfades.

Natürlich eilten wir ihnen schneller als bisher nach. Es war ja möglich, daß sie beabsichtigten, sich nach oben durchzuschlagen. Als wir die Drehung des Weges hinter uns hatten, überblickten wir die Situation.

Der Pfad führte von hier aus in schnurgerader Richtung nach der Höhe des Felsens: er war wie künstlich in das Gestein gehauen, so daß man weder nach rechts noch links zu weichen vermochte. Unten kamen wir; da gab es keinen Erfolg für die Roten; sie hatten also ihre Hoffnung aufwärts gerichtet.

Dort standen die zwanzig Tobas, bei ihnen ein Chiriguano mit der Friedensfahne. Er hatte gemeldet, daß unten unterhandelt werde, und daraufhin hatten die Tobas mit Schießen eingehalten; sie glaubten nun, so lange dieser Mann mit seiner Fahne dastehe, sich nicht feindselig verhalten zu dürfen. Das aber wollten die Chiriguanos benutzen und sich mit dem Sendador durchdrängen.

Um diesen Plan zu nichte zu machen, schoß ich meine schwere Büchse ab. Der Knall, dessen Stärke durch den vielfachen Wiederhall verzehnfacht wurde, lenkte die Augen der Tobas auf uns; sie sahen uns kommen mit den Waffen in den Händen, wie zur Verfolgung der Feinde, und wußten nun, was sie zu tun hatten.

Ich sah, daß sie den Fahnenträger einfach niederschlugen und ihre Gewehre und sonstigen Waffen auf die Chiriguanos richteten. Aus der Mitte derselben erklang eine laute Stimme, doch waren die Worte wegen der Größe der Entfernung nicht zu unterscheiden. Von oben wurde geantwortet. Rede wechselte mit Gegenrede, und das gab uns Zeit, bis auf Hörweite heranzukommen. Pena rief den Tobas zu, die Feinde nicht durchzulassen; die ersteren traten enger zusammen, und die letzteren sahen sich zwischen unempfindlichen Felsen und unerbittlichen Feinden so eingeengt, daß ihnen jede Hoffnung weichen mußte. Da trat der Parlamentär aus ihren Reihen, kam zu mir und meldete:

»Sennor, der Sendador will mit Ihnen reden.«

»Er mag kommen.«

»Nein, Sie sollen zu uns kommen.«

»Das fällt mir gar nicht ein!«

»Er sagt, daß Sie es wagen können; es werde Ihnen nichts geschehen.«

»Nichts, als daß man versuchen wird, mich festzunehmen, um eine Geißel zu haben, gegen welche er und auch ihr alle eure Freiheit erhaltet! Er hat schon oft gelogen, und man darf ihm nicht trauen. Ich aber lüge nicht. Wenn er kommt, so kann er nach der Unterredung zu euch zurückkehren; ich gebe ihm mein Wort darauf und werde dasselbe sicherlich halten.«

»Ich werde ihm das sagen.«

Der Mann entfernte sich wieder und kam nach kurzer Zeit mit dem Vorschlage zurück, daß der Sendador mich auf der Stelle treffen wollte, welche mitten zwischen unseren gegenwärtigen Positionen liege; aber keiner solle einen Begleiter mitbringen, und die Waffen seien auch zurück zu lassen. Ich ging auf diesen Vorschlag ein und schritt gleich hinter dem Boten, bis ich an der betreffenden Stelle anlangte. Meine Gefährten schienen sich zu ärgern, daß ich sie nicht um ihre Zustimmung gebeten hatte. Vielleicht dachten sie, daß ich gar die Absicht hege, ein Übereinkommen abzuschließen, ohne sie vorher um Rat und Genehmigung gefragt zu haben, denn ich vernahm ihre unwilligen Stimmen, und dann rief Pena mir zu:

»Sennor, wir wollen Ihnen noch eine Frage vorlegen.«

»Dazu ist später Zeit.«

»Nein; wir müssen wissen, was Sie vorhaben.«

»Das werde ich Ihnen später mitteilen. Ich werde auf keinen Fall etwas unternehmen, ohne ihre Zustimmung geholt zu haben. Übrigens, wenn Sie Mißtrauen in mich setzen, so kommen Sie selbst, um an meiner Stelle mit dem Sendador zu sprechen!«

»Alle Wetter! Das fällt mir freilich nicht ein. Nein, bleiben Sie nur dort!«

Ich fand keine Zeit, mich über das mir gezeigte Mißtrauen zu ärgern; denn jetzt kam der Sendador auf mich zu. Es war ein eigenes Gefühl, welches ich empfand, als ich diesen Mann hier nun abermals erblickte, ein abgehetzter, dem Tode geweihter Verbrecher, welcher bei Gott keine Gnade sucht und bei den Menschen keine findet.

Er trug den rechten Arm in einer improvisierten Binde. Als er vor mir stehenblieb, blickte er mir mit scharfen, finsteren Augen in das Gesicht, als ob er mein Inneres ganz durchdringen wollte. Ich muß gestehen, daß es mir herzlich leid um ihn tat. Was hätte dieser Mann bei seinen hohen Gaben, wenn er auf dem rechten Wege geblieben wäre, sein können, und was war er geworden, da sein Fuß die Irrwege des Verbrechens betreten hatte! Bei den Verhältnissen des Landes, in welchen er lebte, hätte er es zu hohen Ehrenstellen bringen können; nun aber stand er vor mir als ein ebenso gehaßter wie gefürchteter Verbrecher, dem keine Gnade gegeben werden sollte, welcher vielmehr dem baldigen und gewaltsamen Tode entgegen ging. Es erfaßte mich eine unbeschreibliche, milde Regung. Wäre es jetzt auf mich angekommen, wahrhaftig, ich hätte ihn gegen das Versprechen der Besserung laufen lassen.

»Da haben wir uns ja wieder,« sagte er mit ungewisser Stimme und indem er zu lächeln versuchte, aber nur eine krampfhafte Verzerrung des Gesichtes hervorbrachte. »Die Verhältnisse sind genau dieselben. Werden wir auch wieder so glatt und schnell aus einander kommen?«

»Schwerlich, denn die Verhältnisse sind nicht dieselben, sondern ganz andere. Als wir uns das letzte Mal sahen, befand ich mich in Ihren Händen; jetzt aber sind Sie in meiner Gewalt.«

»Noch nicht.«

»Gewiß! Wenn Sie es noch bezweifeln sollten, so blicken Sie um sich. Sie sind mit Ihren Leuten von uns eingeschlossen.«

»Allein wir werden uns wehren, bis zum letzten Mann sogar!«

»Welchen Nutzen werden Sie davon haben? Keinen, nicht den mindesten. Sie müssen sich das eingestehen, wenn Sie es mir auch nicht zugeben.«

»Wir sind unser noch genug, um die Mehrzahl von Ihnen zu töten!«

»Selbst wenn ich Ihnen da Recht geben müßte, würden Sie gezwungen sein, einzugestehen, daß wenigstens eine Anzahl von uns sie alle überleben würde. Selbst in diesem Falle würde keiner von Ihnen entkommen.«

Er sah finster vor sich nieder und antwortete nicht; ich fuhr fort:

»Aber die Sache liegt ganz anders. Vergleichen Sie Ihre Leute und Ihre Waffen mit den meinigen!«

»Ihre Waffen haben wir zu fürchten; aber meine Chiriguanos sind ebenso tapfer wie Ihre Tobas.«

»Möglich, aber ich bezweifle es. Ich habe gar wohl bemerkt, daß Ihre Indianer sich weigern, den nutzlosen Kampf fortzusetzen; sie sehen ein, daß sie durch einen schnellen Friedensschluß nur gewinnen können, und ich habe dem Häuptlinge bereits gesagt, daß wir sie in diesem Falle ruhig ihres Weges ziehen lassen werden.«

»Das haben Sie gesagt?« fragte er schnell. »Also darum riet dieser Rote zur Ergebung!«

»Hat er das getan? Nun, so sehen Sie. daß meine Voraussetzung die richtige ist. Sehen Sie meine Leute an! Ich brauche nur ein einziges Wort auszurufen, so krachen alle ihre Gewehre; diejenigen Ihrer Roten, welche da nicht getroffen werden, wird die zweite Salve wegfegen, ohne daß Sie Zeit zum Schießen gefunden haben. Ich bin überzeugt, daß kein einziger Toba verwundet oder gar getötet wird. Von meinen weißen Begleitern und mir selbst will ich gar nicht sprechen. Es bleibt eben für Sie nichts übrig, als sich zu ergeben.«

»Und was haben Sie in diesem Falle in Beziehung auf mich beschlossen?«

»Noch nichts.«

Sein Blick senkte sich wieder zur Erde. Ich wartete, bis er sprechen werde. Er schien nach Auswegen zu suchen, aber keine zu finden. Wenn auch nicht gegen mich, gegen sich selbst aber mußte er aufrichtig sein und sich sagen, daß es für ihn keinen Ausweg gebe, wenigstens keinen, der mit Gewalt zu erzwingen war. Gab es je Rettung für ihn, so konnte er sie nur durch List erreichen. Das wußte ich ebenso gut wie er und nahm mir deshalb vor, mich nicht übertölpeln zu lassen.

»Seien Sie also klug,« sagte ich, »und fügen Sie sich!«

»Um mich dann von Ihnen umbringen zu lassen! Ich danke! Hätte ich doch Sie niemals kennen gelernt!«

»Ich hege ganz denselben Wunsch! Da wir es nun aber einmal mit einander zu tun haben, so müssen wir eben mit diesen Tatsachen rechnen.«

»So sagen Sie mir aufrichtig, was mit mir geschehen wird, wenn ich Ihrer Aufforderung folge und mich ergebe.«

»Hm! Ich glaube, daß Sie sich das selbst sagen können.«

»Man wird mich töten?«

»Wahrscheinlich.«

»Auf Ihren Befehl?«

»Nein.«

»Ja, das dachte ich. Was Sie wollen, das weiß ich genau. Sie würden mich vielleicht entfliehen lassen.«

Er sah mich dabei prüfend an; ich antwortete ihm kopfschüttelnd:

»Täuschen Sie sich nicht! Ihr Tod kann mir allerdings nichts nützen; aber so, wie ich es am Nuestro Sennor gemacht habe, würde ich es keinesfalls wieder tun. Ich verhalf Ihnen zur Flucht; Sie täuschten mein Vertrauen, lockten uns in einen Hinterhalt und nahmen uns gefangen. Sollte ich je auf den Gedanken kommen, Ihnen die Freiheit zu geben, so würde ich Sie sicher vorher unschädlich machen.«

»Auf welche Weise?«

»Auf keine, denn es gibt Ihnen gegenüber keine, und also ist gar nicht daran zu denken, daß ich Ihnen Hoffnung geben kann.«

»Und doch! Ich bin überzeugt, daß Sie mir behilflich sein werden, von hier zu entkommen.«

»Und ich sage Ihnen, daß Sie sich da gewaltig irren. Ganz abgesehen von mir und meinen Begleitern, von allem, was Sie uns getan und gegen uns beabsichtigt haben, sind Sie ein so allgemein gefährlicher Mann, daß es eine Sünde gegen andere und uns Fremde wäre, Sie wieder auf freien Fuß gelangen zu lassen.«

»So sagen Sie wenigstens, was ich Ihnen getan habe! Können Sie mir etwa beweisen, daß ich Ihnen nach dem Leben getrachtet habe?«

»Nun, ich dächte doch!«

»Nein, ich wollte mich Ihrer Person bemächtigen, weil ich glaubte, es werde mir mit Ihrer Hilfe möglich sein, die Pläne und Quipus zu entziffern.«

»Und wenn diese Voraussetzung eingetroffen wäre, was hätten Sie dann getan?«

»Ich hätte Sie reichlich belohnt entlassen.«

»Das machen Sie mir lieber gar nicht weiß. Ich kenne das Schicksal, welches mich dann betroffen hätte, sehr genau.«

»Sie irren. Und sagen Sie mir doch, was Ihre Gefährten zu fürchten hatten? Ich hätte sie ermorden können; aber ich habe es nicht getan, sondern sie zu den Chiriguanos bringen lassen.«

»Um zunächst möglichst viel Lösegeld zu erpressen und sie nachher verschwinden zu lassen, wie dies ja stets Ihre Art und Weise gewesen ist.«

»Gewiß nicht! Ich brauchte nur Sie. Durch Ihre Hilfe wollte ich mich in den Besitz der vergrabenen alten Schätze setzen. Dabei waren Ihre Begleiter mir natürlich im Wege. Darum wurden sie gefangen genommen und entfernt. Es gelang mir auch, Sie zu ergreifen. Wären Sie nicht entflohen, so befänden wir uns schon längst an Ort und Stelle, und Sie wären überzeugt, daß ich es gut mit Ihnen gemeint habe. Waren die Schätze gehoben, so hätte ich den Chiriguanos den Befehl erteilt, Ihre Begleiter frei zu lassen. Und das wollen Sie mir dadurch vergelten, daß Sie mir nach dem Leben trachten!«

»Ich persönlich trachte nicht nach demselben. In Ihrer jetzigen Lage sind Sie natürlich gezwungen, Ihr Verhalten zu beschönigen und Ihre Absichten als die besten darzustellen; aber Sie können unmöglich verlangen, daß ich Ihnen glaube.«

»Zum Teufel! Warum denn nicht?«

»Weil Sie mich bereits belogen haben, überhaupt, weil Sie der Sendador sind.«

»Sennor, ich glaubte, Sie würden verständiger denken!«

»Ich verhalte mich so verständig wie möglich, denn einem Manne, wie Sie sind, gegenüber, kann man den Verstand nicht anhaltend und scharf genug zu Rate ziehen.«

»Nun, mögen Sie von mir gedacht haben, was Sie wollen, jetzt meine ich es ehrlich, und Sie können mir vertrauen. Ich meine es wirklich gut mit Ihnen, wie ich sofort beweisen werde.«

»Dieser Beweis dürfte Ihnen wohl nicht leicht werden.«

»Sehr leicht. Ich habe mit Ihnen, aber auch nur mit Ihnen allein, also unter vier Augen sprechen wollen, um Ihnen einen Vorschlag zu machen.«

»Welchen?«

Ich fragte das, obgleich ich genau wußte, welchen Antrag ich zu hören bekommen würde. Jedenfalls wollte er mich verlocken, mit ihm nach seinem Versteck zu gehen, die Quipus zu entziffern und dann, falls mir dieses gelingen sollte, den Ort aufzusuchen, auf welchen sich die Aufzeichnungen bezogen. Ging ich auf diesen Plan ein, so erlangte er die Freiheit und konnte nach Belieben mit mir verfahren. Er hatte schon jetzt mit gedämpfter Stimme gesprochen. Nun antwortete er noch leiser als bisher:

»Lassen Sie mich frei. Dann heben wir die Schätze und teile sie mit einander!«

Sein Auge war mit größter Spannung auf mich gerichtet. Ich antwortete ihm in sehr ernstem Ton:

»Sie haben mir schon einmal einen ähnlichen Vorschlag gemacht, und ich war so unvorsichtig, darauf einzugehen. Wir alle haben die bösen Folgen davon zu tragen gehabt. Zum zweiten Male lasse ich mich nicht bereden. Das können Sie sich denken.«

»Bedenken Sie, was ich Ihnen biete!«

»In Worten, ja; aber in der Tat bieten Sie mir das Gegenteil. Falls ich mich bereitwillig finden lassen wollte, könnte ich nur hinter dem Rücken meiner Freunde handeln, und nach den Erfahrungen, die wir mit Ihnen gemacht haben, würde das ein doppelter Fehler von mir sein.«

»Was gehen diese Leute Sie an? Sind sie Ihnen nicht ganz und gar fremd?«

»Nein. Wir sind Freunde geworden, und ich bin es ihnen schuldig, aufrichtig und ehrlich zu sein. Und zweitens gebietet mir die Sorge für mich selbst, Ihren Vorschlag zurückzuweisen.«

»Warum? Ich wüßte doch wirklich nicht, welche Bedenken Sie gegen denselben hegen könnten.«

»Nicht gegen den Vorschlag, sondern gegen die Ausführung desselben, welche eine ganz andere sein wird, als Sie mir jetzt versprechen.«

»Sennor, ich halte Wort! Ich schwöre es Ihnen zu!«

»Schwören Sie lieber nicht, denn einem Manne, welcher sein Wort nicht hält, wird auch der Schwur nichts gelten. Sie meinen, ich solle an meinen Freunden zum Verräter werden, indem ich hinterlistig mit Ihnen davonlaufe. Gelingt es mir, die Quipus zu lesen und die Zeichnungen zu verstehen, Ihnen also den Ort anzugeben, an welchem gesucht werden muß, so erhalte ich dann den wohlverdienten Lohn, den Tod.«

»Sennor!« rief er aus.

»Bemühen Sie sich nicht! Ich kenne Sie. Sie werden sich hüten, mit mir zu teilen. Lassen wir diesen Gegenstand fallen. Ein Gespräch über denselben führt zu keinem Ziele.«

»Wovon aber sollen wir denn da eigentlich sprechen?«

»Nur allein davon, ob Sie sich ergeben wollen oder nicht.«

»Also, Sie wollen meine Quipus nicht?«

»Nein, wenigstens von Ihnen nicht.«

Da lachte er halblaut vor sich hin und sagte:

»Sennor, jetzt wiederhole ich Ihnen Ihre eigenen Worte: Machen Sie mir nichts weiß! Sie sind ganz des Teufels auf diese geheimnisvollen Schnüre, denn nur um ihretwillen sind Sie mir durch dick und dünn bis hierher gefolgt. Und das beruhigt mich, denn dieser Ihrer Gier werde ich mein Leben und sogar auch meine Freiheit zu verdanken haben.«

»Sie bauen Luftschlösser!«

»Gewiß nicht. Wenn Sie mich ermorden, stirbt mein Geheimnis mit mir, und das können Sie nicht wollen. Aus diesem Grunde sind Sie gezwungen, mich gegen Gomarra und Pena, welche die schlimmsten sind, in Schutz zu nehmen.«

»Ihre Berechnung ist falsch. Gomarra hat wegen seines ermordeten Bruders mit Ihnen abzurechnen, und ich fühle weder die Lust, noch die Verpflichtung, ihm hinderlich zu sein.«

»So müssen Sie also auf die Quipus und die an ihnen hängenden Schätze verzichten!«

»Auch hierin täuschen Sie sich. Ich werde die Quipus von Ihnen erhalten.«

»Oho! Werde mich hüten, Ihnen zu sagen, wo sie sich befinden!«

»Was weiß ich; aber ich werde es dennoch erfahren.«

»Durch wen denn? Niemand außer mir weiß, wo sie sind.«

»Gomarra kennt den Ort genau, an welchem Sie die Flasche vergraben haben.«

»Sie halten mich für sehr dumm. Die Flasche habe ich weggeholt und anderswo versteckt.«

»Das kann ich mir leicht denken. Sie haben eine ganze Nacht gebraucht, um das Versteck zu ändern.«

»Wer sagte Ihnen das?« fragte er erstaunt.

»Das ist Nebensache.«

»Nun, ich brauche es nicht zu erfahren. Aber wenn ich eine ganze Nacht gebraucht habe, um ein anderes und besseres Versteck zu suchen, so müssen Sie sich doch sagen, daß es sehr schwer zu finden sein wird.«

»Höchst wahrscheinlich sogar sehr leicht. Gerade weil Sie die Nacht dazu genommen haben, ist es Ihnen nicht möglich gewesen, Ihre Spuren zu verbergen. Ich lasse mich von Gomarra an die betreffende Stelle führen und hoffe sehr zuversichtlich, daß ich Ihre Fährte finde, welche mich zum neuen Verstecke führen wird.«

»Da hoffen Sie freilich viel zu viel, Sie personifizierter Scharfsinn Sie!« rief er höhnisch aus.

»Lachen Sie immerhin!« antwortete ich gelassen. »Ich habe noch ganz andere Dinge zu Stande gebracht.«

»Was denn?«

»Habe ich nicht meine Gefährten befreit? Wie konnte ich wissen, wo sie sich befanden?«

»Ja, in dieser Beziehung sind Sie ein Teufel. Wagt dieser Mensch sich ganz allein nach der Laguna de Bambu, um die Gefangenen zu holen!«

»Nun, so ganz allein war ich nicht. Ich hatte die Tobas bei mir.«

»Diese Hunde! Dachte es mir, als ich sie heute bei Ihnen sah!«

»Diese waren es nicht, denn sie haben wir erst hier getroffen. Es waren die Tobas des alten Desierto.«

»Unmöglich!« rief er aus, wobei ich sah, wie sehr er erschrak.

»Herr,« lachte ich ihn an, »jedes Kind konnte sich denken, daß wir von der Laguna de Carapa aus nach der Laguna de Bambu gehen würden. Und Sie sind doch wohl scharfsinniger als ein Kind, dessen ich mich als Beispiel bediene, weil Sie soeben dasselbe taten.«

»Was konnte ich denn wissen? Ich war nicht dabei.«

»Nicht? Sie lügen. Ich habe Sie gesehen, und wenn nicht eine unverzeihliche Nachlässigkeit vorgekommen wäre, so hätten Sie uns nicht entkommen können. Wollen Sie etwa auch das leugnen, daß Sie des Nachts, als wir das Lager umzingelt hielten, mir nach dem Leben getrachtet haben?«

»Zum Henker!« knirschte er hervor. »Mit Ihnen ist wirklich nichts anzufangen.«

»Wenigstens Sie werden nichts fertig bringen. Sie wollten mich töten, und nun soll ich mich mit Ihnen verbinden und Ihnen mein volles Vertrauen schenken?«

»Ich habe Sie mir stets erhalten wollen, schoß aber in jener Nacht auf Sie, weil ich glaubte, daß die Tobas nichts machen könnten, wenn nur erst Sie tot seien.«

»Das ändert nichts an meinem Entschlusse. Fassen Sie sich kurz! Ergeben Sie sich?«

»Nein.«

»So sind Sie verloren. Liefern Sie sich aber freiwillig aus und geben Sie mir die Quipus, so werde ich nach Kräften auf Gomarra einzuwirken versuchen, um ihn zum Verzicht auf seine Rache zu bewegen.«

»Fällt mir nicht ein! Die Quipus sind das einzige Mittel, welches mir das Leben retten kann.«

»Ist das Ihr letztes Wort?«

»Ja.«

»So sind wir fertig. Gehen Sie!«

Ich drehte mich um.

»Sennor,« rief er mir zu, »ich sage Ihnen, daß wir uns bis auf den letzten Mann wehren werden!«

»Immerzu!«

Ich kehrte zu den Meinigen und er zu den Chiriguanos zurück. Pena fragte, was er mir für Vorschläge gemacht habe, und ich berichtete ihm die Wahrheit. Es war gar kein Zweifel an unserem Siege zu hegen. Die Tobas und wir Weißen hielten die Gewehre schußbereit, um sofort abzudrücken, falls auch nur ein einziger Feind seinen Bogen gegen uns anlegen werde. Aber das geschah nicht. Der Sendador war in dem dichten Haufen der Roten verschwunden, und wir ersahen aus ihren lebhaften Gestikulationen, daß mit großem Eifer verhandelt wurde. Dann sandte man uns abermals den Unterhändler, welcher die bereits erwähnte Fahne trug.

»Sennor,« meldete er, »der Häuptling wünscht noch einmal mit Ihnen zu sprechen.«

»Er mag kommen; aber es ist das letzte Mal!«

Der Rote kehrte zurück, und dann kam der Anführer langsam auf uns zugeschritten. Vor mir blieb er halten und fragte:

»Habt ihr es wirklich nur auf den Sendador abgesehen?«

»Ja,« antwortete ich. »Auf euch nicht.«

»Wenn wir ihn euch übergeben, dürfen wir in unsere Heimat zurückkehren?«

»Das dürft ihr. Freilich müssen wir vorsichtig sein. Ihr werdet uns die Waffen ausliefern müssen und erhaltet sie aber zurück, wenn wir uns von euch trennen.«

»Gut! Ihr sollt den Sendador haben!«

»Aber lebendig!«

»Natürlich, und unsere Waffen dazu! Er will, daß wir uns für ihn von euch niederschießen lassen sollen. Er ist unser Verbündeter, und wir würden ihn verteidigen, wenn wir nur den geringsten Erfolg erwarten könnten. Da ich dagegen war, rasete er vor Zorn und beleidigte mich mit Worten, welche den besten Freund zum Feinde machen. Wartet nur wenige Augenblicke, so werden wir ihn bringen!«

Er entfernte sich wieder. Als er die Seinen erreichte und im Kreise derselben verschwand, bemerkten wir ein kurzes Durcheinander und hörten die fluchende, schreiende Stimme des Sendador. Dann öffnete sich der Knäuel, und der Häuptling erschien wieder, gefolgt von vier Kriegern, welche den an den Händen gefesselten Sendador geführt brachten.

»Da nehmt ihn hin,« rief uns der erstere schon von weitem entgegen. »Ich habe Wort gehalten und mag mit ihm nichts mehr zu tun haben. Meine Leute sind einverstanden. Ich hoffe, daß ihr nun auch euer Versprechen erfüllen werdet!«

Während dieser Worte waren die sechs Männer herangekommen. Nie hatte ich ein so grimmiges, von Wut verzerrtes Gesicht gesehen, wie dasjenige des Sendador.

»Ja, hier habt ihr mich!« zischte er mich an. »Die Hunde sind mir untreu geworden; sie hätten mich wohl nicht überwältigt, wenn Sie mir nicht den Arm zerschossen hätten! Das ist auch eins Ihrer Kunststücke, welche Ihnen der Teufel einst lohnen wird. Nun ist geschehen, was Sie wollten; ich befinde mich in Ihrer Gewalt; aber erreicht haben Sie Ihren Zweck noch lange nicht!«

Ich hielt es für unnötig, ihm eine Antwort zu geben, und wendete meine Aufmerksamkeit zunächst den Chiriguanos zu, welche entwaffnet werden mußten. Sie lieferten ihre Messer, Bogen, Pfeile und Lanzen ab; der Häuptling gab seine Flinte her, und dann zogen wir durch den Hohlweg hinauf zur Felsenplatte, wo sich die Pferde der Feinde befanden. Diese letzteren wurden in eine Ecke gewiesen, die von einer Reihe bewaffneter Tobas eingeschlossen ward.

Von hier oben hatten wir eine weite Aussicht auf den Salzsee. Der Häuptling sagte mir, wo sich die noch ausstehenden Posten befanden, meinte jedoch dann, als ich ihm wiederholte, daß wir die vier gefangenen Wächter frei gelassen hätten:

»Die werden zu den andern gelaufen sein und sie benachrichtigt haben. Nun stecken sie alle irgendwo in der Nähe, um zu erfahren, was hier geschehen ist und noch geschehen wird; dann werden sie sich freiwillig zu uns finden. Was werdet ihr mit dem Sendador nun tun? Ihn töten?«

»Ich fürchte, daß er nicht zu retten sein wird.«

»Immerhin! Er hat mich einen Feigling genannt, wofür ich mir sein Blut nehmen muß. Laßt ihr ihn am Leben, so fällt er in meine Hände!«

Das war eine neue Verschlimmerung der Aussichten des Sendador, der sich jetzt so zu beherrschen wußte, daß er ganz fröhlich dreinschaute. Das ärgerte Pena und noch mehr Gomarra. Dieser letztere kam zu mir und sagte in zornigem Tone:

»Sehen Sie sich den Halunken an! Macht er nicht ein Gesicht, als ob wir seine Gefangenen seien und nicht er der unserige? Endlich befindet er sich wieder in unserer Gewalt, und diesesmal soll er mir nicht wieder entkommen. Oder haben Sie etwa abermals die Absicht, einen heimlichen Pakt mit ihm zu machen?«

»Nein.«

»Also gehört er mir?«

»Noch nicht.«

»Ich habe das erste und größte Recht der Rache!«

»Das gebe ich zu. Aber er ist unser aller Gefangener und ein jeder hat mit zu bestimmen. Wir wollen die Quipus haben. Was dann geschehen soll, das werden wir jetzt beraten.«

»Der Henker hole Ihre Beratung! Er gehört mir; er ist mein, und damit basta!«

Das klang so drohend und leidenschaftlich, daß ich antwortete:

»Keine Dummheit! Wer sich an ihm vergreift, ohne daß ich es ihm erlaubt habe, dem jage ich eine Kugel durch den Kopf.«

»Auch das noch! Sehen Sie dort das Kreuz? Da modern die Gebeine meines ermordeten Bruders. Soll diese Tat nicht ihre Strafe finden?«

»Sie soll es, aber in der gehörigen Weise. Der Täter soll bestraft, aber nicht ermordet werden, verstanden?«

»Ich handle nach den Gesetzen der freien Pampa!«

»Ich auch. Verbietet dieses Gesetz etwa, daß verständige Männer über eine geschehene Tat zu Gericht sitzen?«

»Nein; aber ich kenne diese Gerichte, und ich kenne euch, besonders Sie. Wenn es auf Sie ankäme, so ließen Sie den Schuft frei und gäben ihm sogar noch ein Pferd, Waffen und Proviant mit auf den Weg.«

»Die Beratung soll sofort stattfinden; da wird es sich zeigen, was ich sage.«

»Ich stimme für den augenblicklichen Tod.«

»Du hast gar nicht mitzustimmen.«

»Ich nicht?« fragte er erstaunt.

»Nein, denn du bist der Ankläger und hast dich zur Seite zu halten und nur dann zu antworten, wenn du gefragt wirst.«

»Sennor, das dulde ich nicht!«

»Schweig! Ich fragte wahrlich nicht danach, was dir gefällig ist. Wir werden beschließen, und du hast dich zu fügen. Zügle deine Leidenschaft, denn ich werde unserem Beschlusse Nachdruck zu geben wissen.«

»Und ich meinem Willen auch!«

Mit dieser Drohung wendete er sich ab und setzte sich in einiger Entfernung auf den Boden nieder. Darauf traten wir Weißen zusammen, um über das Schicksal des Sendador zu entscheiden. Nur der Bruder und ich waren dafür, ihn mitzunehmen und der Obrigkeit zu übergeben; die andern stimmten dagegen und betonten ganz besonders die möglichen Zwischenfälle, durch welche der Verbrecher uns entrissen werden konnte. Kein einziger war für die Begnadigung desselben. Alle aber waren darin überein, daß wir die Quipus haben müßten.

Als die Beratung zu Ende war, erhielt ich den Auftrag, das Resultat derselben dem Sendador und Gomarra mitzuteilen. Wir umringten den ersteren und riefen den letzten herbei. Der Sendador schaute sehr hoffnungsvoll drein. Er deutete es jedenfalls für einen guten Umstand, daß wir nicht nach der Meinung Gomarras, seines größten Feindes, gefragt hatten.

»Nun,« lachte er mir entgegen, »sind die Herren Richter fertig? Was haben sie beschlossen?«

»Lachen Sie nicht! Ihre Lage ist sehr ernst,« antwortete ich ihm. »Sie haben den Tod vieler Menschen verschuldet, und da das Gesetz der Pampa gebietet, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, so wird man kurzen Prozeß machen und Ihnen eine Kugel geben.«

Er entfärbte sich, stand von der Erde auf und rief aus:

»Eine Kugel? Wann?«

»Jetzt gleich.«

»Alle Wetter! Warum so schnell?«

»Weil Sie nicht verdienen, auch nur eine Minute länger zu leben.«

»Aber – aber – aber,« stotterte er erschrocken, »dann sind die Quipus für Sie verloren!«

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