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Der Schatz der Inkas

Karl May: Der Schatz der Inkas - Kapitel 43
Quellenangabe
pfad/may/sendado2/sendado2.xml
typefiction
authorKarl May
titleLopez Jordan
publisherDeutscher Hausschatz in Wort und Bild
booktitleEl Sendador
firstpub 1890/1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.karl-may-gesellschaft.de
created20090708
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42. Fortsetzung

Winter war so vorsichtig gewesen, seine Leute zum Ausrücken bereit zu halten, so daß wir also mit dem Sammeln und den sonstigen Vorbereitungen keine Zeit zu verlieren brauchten. Auch die Anweisungen, welche ich zu geben hatte, hielten uns nicht lange auf. Ich hatte einstweilen nur zu sagen, daß ich vorangehen werde und die andern mir im Gänsemarsche zu folgen und dabei jedes Geräusch zu vermeiden hätten. Ein Angriff auf das Dorf war während unserer Abwesenheit nicht zu erwarten, da wir den Feind umschlungen halten wollten; dennoch aber ließen wir, um für alle Fälle gerüstet zu sein, eine Besatzung zurück, welche genügend war, sich der Mbocovis bis zu unserer Ankunft zu erwehren.

Da ich annehmen mußte, daß ein etwaiger Kundschafter das Dorf in gerader Linie zu erreichen suchen werde, so hielt ich mich links derselben, indem ich die Tobas erst am Ufer des Sees hin führte und nachher einen Bogen nach Norden machte, um aus dieser Richtung zu Pena zurückzukehren. Auf diese Weise gingen wir dem Kundschafter gewiß aus dem Wege.

Es ist nicht leicht, in vollständig ebener Gegend im Dunkel des Abends eine bestimmte Stelle zu finden, welche sich durch gar nichts von ihrer Umgebung unterscheidet. Es gab keinen Baum, keinen Busch, kurz kein Gewächs und auch keinen andern Gegenstand, welcher mir als Marke hätte dienen können. Doch wer sich Jahre lang in der Prärie umhergetrieben hat, bei dem hat sich, wenn das Wort erlaubt ist, ein Örtlichkeitsinstinkt entwickelt, der ihn wohl nur selten im Stiche läßt. So auch bei mir. Ich erreichte die betreffende Stelle so genau, als ob es heller Tag sei. Und als ich mich niederbückte, um die Erde mit den Fingerspitzen zu untersuchen, fühlte ich deutlich die Eindrücke, welche Pena und ich gemacht hatten. Aber dieser erstere war nicht mehr da.

»Er hat also einen Kundschafter bemerkt und ist ihm nachgeschlichen,« sagte der alte Desierto. »Warten wir, bis er zurückkehrt?«

»Nein,« antwortete ich. »Nur einer Ihrer Leute mag hier bleiben, um ihm, wenn er kommt, zu sagen, daß wir schon da sind, und ihn zu uns führen. Wir aber avancieren weiter.«

Nachdem Winter einen Indianer bestimmt hatte, welcher auf Pena warten sollte, gingen wir anderen leise weiter, bis ich glaubte, daß wir uns dem Gebüsch genug genähert hätten. Dann ließ ich halten.

Da ich die Örtlichkeit genau kannte, so war meine Berechnung nicht schwer zu machen. Wir mußten um das kleine Gehölz einen Kreis bilden, dessen Durchmesser vielleicht achthundert Schritte betrug, folglich war der Umfang desselben ungefähr fünfundzwanzighundert Schritte lang. Ich schritt also, von den Roten gefolgt, die Kreislinie ab und ließ nach jedem zwölften Schritte einen Indianer stehen, welcher die Weisung hatte, jeden Fremden niederzuschießen, welcher in irgend einer Richtung den Kreis durchbrechen wolle. Als ich auf diese Weise um das Gehölz herum gekommen war und wieder auf dem Ausgangspunkte anlangte, waren die Tobas alle verteilt, und nur ich allein stand mit dem Desierto außerhalb des Kreises, um, falls es nötig sein sollte, nach jedem beliebigen Punkte desselben zu eilen. Kaum war diese Aufstellung vollendet, so hörten wir aus der Gegend, in welcher das Dorf lag, schnell hinter einander zwei Schüsse fallen.

»Alle Teufel!« sagte Winter. »Dort schießt man. Ich soll doch nicht etwa annehmen, daß wir hier das leere Gebüsch umzingelt haben und daß die Mbocovis indessen nach dem Dorfe sind, um es zu überfallen?«

»Daran ist nicht zu denken,« antwortete ich. »Der Sendador hat ja einen Boten von den Mbocovis erwarten wollen, die er für siegreich hält, während sie auf dem Felsen gefangen liegen. Im höchsten Falle hat er einen Kundschafter ausgesandt, und dieser ist mit Pena handgemein geworden.«

»Das haben Sie Pena doch verboten!«

»Freilich; aber man darf sich nie vollständig auf andere verlassen. Wir müssen ruhig abwarten, was kommen will. Aber gehen Sie jetzt einmal rundum von Mann zu Mann, und schärfen Sie den Leuten ein, daß sie ihre Aufmerksamkeit nicht nur vorwärts nach dem Gebüsch, sondern auch nach rückwärts zu richten haben. Sie sollen jeden, der sich ihnen von außen her naht, laut anrufen und ihn, falls er nicht stehen bleibt oder keine Antwort gibt, niederschießen.«

»Aber Herr, das laute Anrufen und Schießen muß den Mbocovis verraten, daß wir hier sind.«

»Das schadet nichts. Wir haben sie nun in der Mitte; sie mögen immerhin merken, daß wir da sind.«

Er ging, und es dauerte wohl eine Viertelstunde, ehe er zurückkehrte, um mir zu versichern, daß seine Leute auf ihrer Hut seien. Noch während wir sprachen, hörte ich Schritte, welche vom Dorfe her näher kamen. Sie klangen laut und schnell. Der Betreffende befand sich also in großer Eile. Er wußte nicht, daß wir da waren und glaubte also nicht, Veranlassung zur Vorsicht zu haben.

»Ist das etwa Pena?« fragte der Alte.

»Nein, denn dieser würde leise auftreten. Es ist der Kundschafter. Kommen Sie! Wir wollen versuchen, ihn abzufangen.«

Wir gingen dem Kommenden entgegen. Er kam uns schnell näher. Seine Gestalt tauchte vor uns auf. Ich hatte die Hände frei behalten, um ihn zu fassen, leider aber vergessen, dem Alten zu sagen, daß er nicht sprechen soll. Kaum erblickte er den Mann, so rief er aus:

»Quien vive – wer da?«

Der Angerufene stutzte, aber nur einen Augenblick lang, dann warf er sich mit einem raschen Sprunge zur Seite. Ich hatte trotz der Dunkelheit seine Gestalt erkannt und war auf ihn eingesprungen, kam jedoch schon zu spät; er war verschwunden. Ich sprang ihm nach, in der Richtung nach rechts, die er eingeschlagen hatte; er mußte sie aber sofort wieder verändert haben, denn er war nicht zusehen. Ich blieb also stehen und lauschte, konnte aber nicht das leiseste Geräusch vernehmen.

»Aufgepaßt!« rief ich mit so lauter Stimme, daß meine Worte von allen unsern Leuten gehört werden mußten. »Der Sendador ist da; er will nach den Büschen. Laßt ihn nicht durch, sondern schießt ihn nieder!«

So viel mir am Leben dieses Mannes lag, so war es doch besser, ihn zu töten als ihn wieder zu seinen Mbocovis zu lassen, die ohne ihn führerlos und also weniger widerstandsfähig waren. Kaum war mein Ruf verklungen, so hörte ich seitwärts von mir eine unterdrückte Stimme im grimmigem Tone rufen:

»Tausend Teufel! Der verdammte Deutsche!«

Das war der Sendador. Er war so klug gewesen, sich niederzuducken, anstatt zu entfliehen und uns durch laute Schritte zu verraten, wohin er sich wende. Er hatte mich an der Stimme erkannt und war in der zornigen Überraschung so unvorsichtig gewesen, den Ruf auszustoßen. Ich wendete mich natürlich augenblicklich der Richtung zu, aus welcher sein Ruf erklungen war, tat dies aber nicht leise und heimlich und hätte diese Unvorsichtigkeit beinahe mit dem Leben bezahlen müssen, denn kaum hatte ich einige Schritte getan, so blitzte es ungefähr fünfzehn Schritte von mir auf, und ich fühlte eine Berührung, als ob jemand mir mit der Hand zwischen dem linken Arme und dem Leibe hindurchfahre. Das Aufleuchten des Schusses hatte mir den Sendador gezeigt. Ich blieb stehen, zog das Gewehr an die Backe und drückte los, genau dorthin, wo ich ihn gesehen hatte. Ein lautes, höhnisches Gelächter antwortete mir. Er war so schlau gewesen, die Stelle augenblicklich, nachdem er geschossen hatte, zu verlassen.

Auch ich huschte eine kleine Strecke zur Seite, um von einer etwaigen zweiten Kugel nicht getroffen zu werden, und blieb dann horchend stehen. Es war nichts zu hören. Der Kerl war mir entgangen. Darum kehrte ich zu dem Alten zurück, welcher mich in sehr erregtem Tone fragte:

»War es denn wirklich der Sendador selbst?«

»Ja. Er hat keinen anderen nach dem Dorfe schicken wollen und ist selbst gegangen.«

»Dann ist es doppelt zu beklagen, daß er entkommen ist. Er schoß auf Sie. Sind Sie verwundet?«

»Nein. Die Kugel scheint nur mein ledernes Wams getroffen zu haben.«

»Aber Sie erwiderten seinen Schuß. Vielleicht trafen Sie besser als er.«

»Nein. Sie haben doch wohl gehört, daß er mich auslachte. Dieser Mensch hat mir gegenüber ein immerwährendes Glück. So oft ich denke, ihn fest zu haben, er entgeht mir doch – – horch!«

»Quien va alli – wer kommt da?« ertönte die laute Stimme eines unserer Indianer.

Dem Klang nach stand der Rufende gar nicht weit von uns. Gleich darauf blitzte sein Gewehr auf.

»Quien vive?« fragte es kurz darauf an einer anderen Stelle, worauf auch sofort ein Schuß erfolgte. Ein zweiter Schuß antwortete.

»Er will durch,« sagte der Alte. »Er hat es außer hier nun schon an zwei Stellen versucht.«

»Und ist so vorsichtig gewesen, wieder zu laden. Er hat auch auf den Posten geschossen. Es werden noch mehrere Schüsse fallen, denn er wird so lange auf Leute von uns treffen, bis er eingesehen hat, daß das Gebüsch umzingelt ist.«

Meine Vermutung bestätigte sich, denn wir hörten sehr bald aus einer entfernteren Gegend den lauten Anruf und dann den darauf folgenden Schuß. Dann vernahmen wir Schritte in unserm Rücken. Der zurückgelassene Indianer brachte Pena zu uns. Dieser letztere wartete nicht, bis er angeredet wurde, sondern fragte hastig:

»Man schoß hier wiederholt. Habt Ihr den Sendador getroffen?«

»Also wissen Sie, daß er es ist?«

»Natürlich! Ich habe ihn bis auf drei oder vier Schritte gesehen.«

»Wer schoß zuerst?«

»Ich natürlich!«

»So! Das finde ich nicht so natürlich und selbstverständlich. Ich hatte Sie doch gebeten, keinen Lärm zu machen!«

»Ja, falls ich auf einen roten Kundschafter treffen sollte. Von dem Sendador aber haben Sie kein Wort gesagt!«

»Ich hätte allerdings daran denken können, daß er selbst den Weg nach dem Dorfe unternehmen werde, aber das entschuldigt doch Sie nicht. Sie durften auf keinen Fall schießen.«

»Auch nicht, wenn ich den Sendador selbst vor mir hatte? Da nicht zu schießen, wäre die größte Dummheit gewesen! Er ist der Kopf der Mbocovis. Ist aber der Kopf tot, so ist auch der Leib verloren.«

In diesem Augenblick fiel jenseits des Gebüsches ein Schuß. Daraus war zu schließen, daß der Sendador auch dort versuchte, durch unseren Ring zu kommen.

»Der Mensch hat ein unendliches Glück!« sagte der alte Desierto. »So viele Kugeln, und doch nicht getroffen!«

»Vielleicht traf die letzte.«

»Wollen es hoffen!«

»Hm!« brummte Pena. »Warum lassen Sie überhaupt auf ihn schießen? Sie konnten etwas Klügeres tun!«

»Was? Wieso?«

»Dadurch, daß Sie ihn nicht durch Ihren Kreis lassen, treiben Sie ihn ja förmlich von sich, anstatt sich in den Besitz seiner Person zu setzen. Hätten Sie ihn ruhig hindurchgelassen, so befände er sich jetzt bei seinen Roten und müßte sich später ebenso wie sie ergeben. Sehen Sie das nicht ein, Sie überaus kluger Mann?«

Er hatte recht, und ich gestand dies aufrichtig ein. Ich versuchte, meinen Fehler dadurch zu verbessern, daß ich den Alten und den Roten, welcher mit Pena gekommen war, sofort den Kreis abgehen ließ, um den Tobas die bezügliche Instruktion zu erteilen.

Während sie das taten, setzte ich mich mit Pena auf die Erde nieder, um das einzige zu tun, was wir vornehmen konnten – nämlich warten.

Wir schwiegen beide. Ich ärgerte mich gewaltig über den Fehler, den ich begangen hatte. Es war ganz richtig: Hätten wir den Sendador ruhig durchschlüpfen lassen, so befand er sich dann innerhalb unsers Kreises und konnte uns kaum mehr entkommen. Freilich war er auch der einzige, der die Fähigkeit besaß, unserm Plane mit Erfolg entgegen zu arbeiten. Er wäre sicher die Nacht nicht still und untätig geblieben, sondern hätte einen Durchbruch versucht, welcher zwar nicht allen gelingen konnte, aber doch einigen gelingen mußte. Und bei diesen einigen hätte er sich ganz gewiß befunden. Dabei wäre es zum Kampfe und Blutvergießen gekommen, und ich hatte also jetzt wenigstens die Genugtuung, dieses letztere durch meinen Fehler verhütet zu haben. Leider aber war dieser Fehler nicht der einzige, den ich mir zu schulden kommen ließ. Es scheint, daß ich an jenem Abende nicht recht bei Überlegung gewesen bin. Ich hätte mir sonst sagen müssen, daß ich mich persönlich in der größten Gefahr befand.

Der Sendador trieb sich außerhalb unseres Kreises im Dunkel herum. Er hatte gesehen, an welcher Stelle ich mich befand. Ich wußte, daß er mich für den gefährlichsten seiner Gegner hielt, und so lag der Gedanke mehr als nahe, daß er versuchen werde, sich an mich zu schleichen, um mich unschädlich zu machen. Mir aber fiel es gar nicht ein, diesen Gedanken zu hegen.

Wir beide saßen einander stumm gegenüber, gaben unseren Gedanken und Empfindungen Audienz und horchten dabei in die Nacht hinaus, ob sich etwas hören lasse. Da war es mir, als ob ich ein leises Geräusch gehört hätte, ein Geräusch, wie wenn man mit der Hand über den harten Erdboden streicht und dabei kleine Steinchen oder größere Sandkörner aus ihrer Lage bringt.

»Sitzen Sie ganz still!« raunte ich Pena zu. »Ich glaube, es kommt jemand gekrochen.«

»Wer denn?« fragte er ebenso leise. »Etwa der Sendador?«

»Möglich, sogar wahrscheinlich. Lassen Sie uns hören!«

Ich legte mich lang nieder und hielt das Ohr an die Erde. Da vernahm ich das erwähnte Geräusch deutlicher; es näherte sich, aber von welcher Seite, das konnte ich nicht unterscheiden. Wenn ein so leises Rascheln an ein noch so feines Ohr zu dringen vermag, so ist anzunehmen, daß derjenige, welcher es verursacht, sich nur wenige Fuß entfernt befindet. Es war sicher, daß uns Gefahr drohte; ich kroch also, ohne mich aufzurichten, hart an Pena heran und flüsterte ihm zu:

»Geben Sie mir die Hand! Wir springen schnell auf und eine kleine Strecke fort, da nach rechts hinüber. Es ist jemand da. Eins – zwei – drei!«

Bei »drei« schnellten wir uns auf und fort. Ich hatte Penas Hand ergriffen, damit wir nicht aus einander kämen – ein Ruck entriß sie mir, und dann hörte ich Penas Stimme hinter mir:

»Hölle und Teufel! Was – was – ah!«

Ich blieb stehen und horchte.

»Hund!« fuhr Pena fort. »Du sollst mir nicht entkommen. Ich habe dich zu fest. Ich halte dich – – au, o!«

Diese letzteren Interjektionen wurden im Tone des Schmerzes ausgerufen.

»Halten Sie fest!« forderte ich ihn auf. »Ich komme!«

Und das war abermals ein Fehler, ja sogar eine unverzeihliche Dummheit von mir. Durch diese lauten Worte machte ich seinen Gegner auf die Hilfe, welche ich bringen wollte, aufmerksam. Ich hätte kein Wort verlieren, keinen Laut hören lassen sollen.

Ich eilte die wenigen Schritte zurück. Vor mir fuhr eine Gestalt vom Boden auf. Ich griff schnell zu und faßte sie beim Halse.

»Mein Himmel!« krächzte der Mann in deutscher Sprache. »Sie haben ja mich, mich, mich selbst – – – .«

Ich hatte also Pena gepackt und ließ ihn natürlich fahren. Aus geringer Entfernung von uns selbst erscholl die Stimme des Sendador:

»Mißlungen, aber nur für heute! Du deutscher Hund wirst schon noch mein!«

Im Nu hatte ich den Henrystutzen im Anschlag und gab fünf, sechs Schüsse nach der Gegend ab, in welcher sich der Rufende befand. Er schien heute gegen alle Verwundung gefeit zu sein, denn es war kein Laut zu hören, der uns hätte vermuten lassen können, daß er getroffen worden sei.

»Donnerwetter!« fluchte Pena. »Ist das ein Abend! Alles, alles geht fehl, und zuletzt wird man durch seinen eigenen Genossen erwürgt und ums Leben gebracht. Warum packten Sie gerade mich und nicht ihn?«

»Weil ich nicht ihn, sondern Sie erblickte.«

»Mich erblickte! Ist denn das ein Grund, mir den Hals zusammenzudrücken, wie eine Makkaroninudel! Wenn Sie mich so oft erwürgen wollen, wie Sie mich erblicken, so ist es schlecht um mich bestellt!«

»Ich hatte Sie in der Eile nicht erkannt. Warum entrissen Sie mir denn Ihre Hand?«

»Ich? Ist mir gar nicht eingefallen, sie Ihnen zu entreißen. Während Sie mich fortzogen, stürzte ich über den Sendador, welcher gerade da lag, wohin wir uns vor ihm retten wollten.«

»Das ist freilich Pech!«

»Ja. Aber es war auch viel Glück dabei, denn der Kerl schien ebenso erschrocken zu sein, wie ich selbst. Wenigstens versäumte er, mich sofort zu packen.«

»So nahmen Sie ihn fest?«

»Ja. Ich warf ihm alle zehn Finger um den Hals; aber ich bin nicht ein geborener Würger wie Sie; er behielt Luft und faßte auch mich an der Gurgel, was freilich nicht viel sagen wollte.«

»Sonderbar, daß er sich keiner Waffe bediente!«

»O, er tat es dann. Ich bemerkte, daß er nach seinem Gürtel griff. Ich versuchte, ihm die Hand fest zuhalten, aber er zog sie mit samt dem Messer durch meine Faust; ich mußte ihn fahren lassen, denn ich glaube, er hat mir alle Finger zerschnitten. Das war gerade als Sie riefen, wodurch er glücklicher Weise so in Schreck versetzt wurde, daß er schleunigst entfloh.«

»Welch ein Pech und abermals Pech und immer wieder Pech! Hätten Sie ihn nur noch zwei Sekunden festhalten können!«

»Festhalten? Mit meinen abgeschnittenen Fingern? Das machen Sie mir doch gefälligst einmal vor!«

»Abgeschnitten? So schlimm ist es doch wohl nicht?«

Er untersuchte seine Finger und erklärte dann:

»Nein, die Finger sind noch dran, und keiner ist verletzt; es ist ein Schnitt quer über die hohle Hand. Hoffentlich kehrt der Alte bald zurück. Er sprach vorhin von einem indianischen Wundermittel, welches augenblicklich jede Blutung stillt. Er hat es mitgenommen, weil ein Kampf zu erwarten ist.«

Der viejo Desierto hatte unsere lauten Rufe gehört, und sich in Folge dessen beeilt. Als er kam, war er nicht weniger als wir erzürnt über die Freundschaft, welche das Glück heute dem Sendador bewies. Er zog sein Wundzeug aus der Ledertasche, welche er umhängen hatte, verband Penas Hand, und dann entfernten wir uns von unserem bisherigen Orte, um eine andere Stelle für uns zu suchen und es dem Sendador dadurch schwer zu machen, uns abermals zu finden.

Unternahm er jetzt noch einmal den Versuch, durch unsern Kreis zu schleichen, so mußte derselbe gelingen, denn der Alte hatte befohlen, ihn durchzulassen und es uns dann aber sogleich zu melden. Aber es verging Stunde um Stunde, ohne daß uns eine derartige Mitteilung gemacht wurde. Mitternacht nahte, und die Sichel des Mondes ging auf, um die Gegend mit einem fahlen Lichte zu übergießen, welches es uns möglich machte, das innerhalb unseres Ringes befindliche Gebüsch als dunkle, verwischte Masse liegen zu sehen.

So wenig hell dieser Mondenschein für andere Zwecke war, uns genügte er vollkommen. Für uns war es vorteilhaft, während er den Mbocovis Verderben brachte. Erstens verhinderte er den Sendador, sich abermals anzuschleichen, und zweitens, die Hauptsache, verriet er uns die Arrangements, welche die Roten getroffen hatten.

Wie wir vorausgesehen hatten, waren sie durch die gefallenen Schüsse zur Vorsicht gemahnt worden. Auch sie hatten Wachen ausgestellt, im Kreise rund um das Gehölz, und zwar so, daß diese Leute sich ungefähr in der Mitte zwischen uns und dem Lagerplatze befanden. Als nun der Mond erschien, erblickten die Tobas diese Feinde und begannen sofort, auf dieselben zu feuern.

Es zeigte sich, daß unsere Indianer keine schlechten Schützen waren, denn ihre Kugeln hatten getroffen. Viele der Mbocovis fielen; andere wurden verwundet und rannten mit den Unverletzten in höchster Eile nach den Büschen, um sich hinter denselben in Sicherheit zu bringen.

Einige Zeit später bemerkten wir, daß sie sich paarweise hervorwagten. Sie krochen an der Erde nach ihren Toten und Schwerverwundeten hin, um dieselben in das Lager zu holen. Auch auf diese Leute wurde geschossen, ohne daß wir Einhalt taten. Es mag das als hart und wenig menschlich erscheinen; aber in unserer Lage galt es vor allen Dingen, den Mbocovis zu zeigen, daß wir nicht beabsichtigen, Scherz zu treiben. Dadurch, daß wir jetzt so streng wie möglich waren, konnten wir es erreichen, später Milde walten zu lassen.

Natürlich sahen die Feinde uns ebenso gut, wie wir sie. Sie mußten bemerken, daß sie umzingelt seien. Sie konnten sogar unsere Leute zählen, und da wir ihnen an Zahl sehr überlegen waren, so stand zu erwarten, daß sie versuchen würden, in geschlossener Masse sich durchzuschlagen. Aber die Nacht verging, ohne daß dies geschah. Der Morgen brach an, und es wurde tageshell. Nun hielt ich das Spiel für gewonnen.

Wir hatten das Fernrohr mit und konnten mit Hilfe desselben sehen, was innerhalb des Gehölzes geschah. Am Rande desselben lagen Wachen, welche den Auftrag hatten, uns zu beobachten. Hinter diesen Leuten waren die übrigen versammelt zu einer Beratung, wie es schien, denn sie standen eng beisammen. Es war zu erwarten, daß wir das Ergebnis dieser Besprechung bald erfahren würden.

Nach einiger Zeit bemerkten wir, daß die wenigen Pferde, welche sie bei sich hatten, gesattelt wurden. Das deutete auf den Aufbruch. Die Mbocovis glaubten, daß wir das, was innerhalb des Gehölzes geschah, nicht beobachten könnten. Daß wir ein Fernrohr hatten, wußten sie nicht.

Es galt nun, zu beobachten, nach welcher Seite des Gehölzes sie sich ziehen würden, denn nach dieser Richtung war jedenfalls der Durchbruch beschlossen. Ich verabredete mit dem Viejo und Pena einige Zeichen, durch welche ich ihnen das Nötige mitteilen konnte, und schickte sie dann fort, den einen nach rechts und den andern nach links. Unsern Kreis in drei Teile zerlegt, mußten sie sich an dem zweiten und dritten Teilungspunkte aufstellen, während ich am ersten stand. Auf diese Weise sahen wir uns, obgleich die Büsche in unserer Mitte lagen, und konnten uns die verabredeten Zeichen geben.

Unsere Tobas erhielten den Befehl, ja nicht auf die Pferde, die uns erhalten bleiben mußten, sondern auf die Reiter zu schießen, überhaupt erst dann abzudrücken, wenn sie sicher seien, ihr Ziel zu treffen. Auch wurde bestimmt, daß je der zweite Mann der nicht bedrohten Seite derjenigen Seiten zu Hilfe zu eilen habe, an welcher der Feind durchzubrechen versuchen werde. Die anderen hatten unbedingt ihre Plätze zu behalten.

Übrigens war es mir um unsere Roten gar nicht bange. Sie waren fest überzeugt, daß sie siegen würden, und diese Überzeugung gab ihnen eine Ruhe, deren Wert ich wohl zu schätzen wußte.

Ich stand an der dem Dorfe zugerichteten Seite und war sicher, daß man es unbehelligt lassen werde. Nach dieser Richtung zu entfliehen, das konnte den Mbocovis unmöglich einfallen. Und wirklich sah ich, daß sie sich nach dem entgegengesetzten Teile des Gehölzes zogen; sie wollten also nach Osten hin zu entkommen versuchen.

Indem ich das Gewehr hoch emporhob, gab ich dem Alten und Pena das betreffende Zeichen, und ich sah, daß sie den ihnen nächststehenden Leuten die bezügliche Mitteilung machten, welche von Mann zu Mann weiter gegeben wurde. Unsere Leute waren also vorbereitet.

Jetzt befanden sich die Mbocovis so tief im östlichen Teile des Gehölzes, daß ich sie nicht mehr sehen und beobachten konnte. Das war auch nicht mehr nötig, denn der Ausbruch begann. Ein entsetzliches Geheul leitete ihn ein. Dann hörten wir Schüsse krachen. Sie fielen auf der uns entgegengesetzten, hinter dem Gehölz liegenden Seite, so daß wir nicht sehen konnten, was geschah. Aber ein jeder wußte, was er zu tun hatte. Sobald wir die ersten Schüsse hörten, eilten die dazu bestimmten Leute nach beiden Seiten davon, bis so weit, daß ihre Kugeln die Mbocovis erreichen konnten.

Nun waren nicht einzelne Schüsse mehr zu hören, sondern dieselben vereinigten sich zu einem eifrigen Geknatter, welches nicht länger als höchstens zwei Minuten währte. Dann schienen sich die Büsche, in welche die Mbocovis zurückgetrieben worden waren, unter dem Wutgebrüll derselben zu biegen. Unsere Tobas aber antworteten mit einem Siegesgeheul, welches nicht weniger gräßlich anzuhören war.

Die von meiner Seite nach jenseits zur Hilfe gegangenen Leute kehrten zurück und erzählten stolz, wie leicht ihnen der Sieg geworden war. Sie hatten den Feind natürlich nicht so weit herankommen lassen, daß er sie mit seinen vergifteten Pfeilen hätte treffen können, sondern ihm ihre weit reichenden Kugeln in solcher Menge zugesandt, daß er gleich im Anfange gestockt hatte und dann mit seinen Toten und Verwundeten zurückgewichen war.

Das war eine Lehre, welche ihn zur Nachgiebigkeit geneigt machen mußte. Ich sandte darum einen Toba, welcher die Sprache der Mbocovis verstand, ab, um sie aufzufordern, sich zu ergeben. Er nahm in Ermangelung eines Zweiges ein Tuch zur Hand und ging, indem er es hoch schwenkte, langsam auf das Gehölz zu. Ich sah, daß er stehen blieb, und hörte die Worte, welche er den Mbocovis zurief. Einzelne Stimmen antworteten; dann brach ein allgemeines Geheul los, und Pfeile flogen auf ihn zu, jedoch ohne ihn zu erreichen. Als er nun zurückkehrte, sagte er, daß man ihm die Antwort gegeben habe, wir sollten doch kommen und das Lager stürmen; in den Bereich der Pfeile würden wir uns wohl nicht wagen, und unsere Kugeln brauchten sie nicht zu fürchten.

Pena und Winter waren herbeigekommen, um den Bericht des Parlamentärs zu hören. Jetzt meinte der erstere:

»Wollen wir ihnen antworten, wie es sich gehört?«

»Ja,« sagte ich. »Sie hatten es auf unseren Tod abgesehen, wozu sie also schonen. Treffen wir einige, nun so werden dadurch die anderen gerettet, indem sie sich unterwerfen. Ziehen wir den Kreis noch enger zusammen, doch nicht so weit, daß wir ihren Pfeilen ausgesetzt sind. Und dann mögen unsere Leute auf einen jeden schießen, der sich sehen läßt.«

Dieser Weisung wurde Folge geleistet. Wir näherten uns dem Gehölz, und bald ertönte das Krachen der einzelnen Schüsse, welche auf die am Rande der Büsche sich Zeigenden gerichtet waren. Es trafen viele der Kugeln, wie wir aus dem dann allemal sich erhebenden Gebrüll ersehen konnten.

Um die Mbocovis noch schneller gefügig zu machen, sandte ich den Parlamentär nochmals ab, welcher ihre Aufmerksamkeit auf meine Person lenken sollte. Seine Worte wurden abermals mit lautem Geschrei und unschädlichen Pfeilen beantwortet, waren aber verstanden worden und wurden auch befolgt, denn ich sah, daß die Roten sich nach der Seite des Gehölzes drängten, welcher ich gegenüberstand.

Nun schritt ich langsam nach rückwärts, indem ich mich immer weiter von ihrem Lager entfernte. Ich wußte genau, was ich meinem schweren Bärentöter zutrauen dürfte, und hielt in einer Entfernung an, aus welcher nicht nur ein unzivilisierter Indianer keine Kugel erwartet hätte.

Zunächst sah ich durch das Fernrohr und merkte mir eine Stelle, an welcher viele Mbocovis neben und hintereinander standen, um mich zu beobachten. Dann schwang ich die Büchse hoch in der Luft, legte sie an, zielte kurz, drückte ab und nahm sogleich das Rohr wieder in die Hand.

An dem Punkt, nach welchem ich gezielt hatte, herrschte große Verwirrung. Jedenfalls hatte die Kugel nicht nur einen getroffen: Leute lagen an der Erde; andere bückten sich über sie; noch andere fuhren hin und her; alle aber schrieen entsetzlich.

Ich legte zum zweiten Male an und gab ihnen auch die andere Kugel. Das Geheul verdoppelte sich, ein sicheres Zeichen, daß ich abermals getroffen hatte. Als ich dann an meinen vorigen Standpunkt zurückkehrte, sagte der alte Desierto:

»Das ist ja ein fürchterliches Gewehr! Auf solche Entfernung hin zu treffen, habe ich für unmöglich gehalten.«

»Pah! Es waren zwei sogenannte Sauschüsse. Ich habe mitten in die Menge gezielt und mußte also irgend wen treffen. Mein Zweck ist aber erreicht, denn jedenfalls sind die Kerle nun überzeugt, daß sie vor unseren Kugeln nicht sicher sind. Ich hoffe, daß sie sich bald ergeben.«

»Ich auch. Soll ich mit ihnen reden?«

»Sie selbst? Sie begeben sich in Gefahr, von einem Pfeile getroffen zu werden.«

»Keiner wird es wagen, auf mich zu schießen! Ich kenne diese Roten. Ich werde sogar trotz ihrer Pfeile geradewegs nach den Büschen gehen.«

»Lassen Sie das bleiben! Es könnte Ihr Tod sein.«

»O nein. Wenn ich dieses hier mit habe, so gibt es keine Gefahr für mich.«

Er klopfte an seine Ledertasche und zog seinen zusammengewickelten Talar aus derselben.

»Den habe ich mir zu diesem Zweck mitgenommen,« fuhr er fort. »Ich stehe bei allen Roten des Gran Chaco in einem solchen Rufe, daß keiner es wagen wird, sich an mir zu vergreifen, falls ich diesen Rock trage. Also haben Sie keine Sorge um mich. Ich weiß genau, was ich tue.«

»Nun, so will ich nicht widersprechen. Was aber werden Sie ihnen für Bedingungen machen?«

»Was raten Sie?«

»Milde. Es ist genug Blut geflossen, auf unserer Seite aber noch kein Tropfen. Wir haben es mit Verführten zu tun.«

»Ich gebe Ihnen vollständig recht und bin überhaupt seit gestern ein ganz anderer Mann geworden. Ich weiß noch nicht, was man mir antworten wird, und kann also auch nicht wissen, was ich sagen und fordern werde; aber streng werde ich nicht sein.«

Er warf seinen Talar über, legte alle Waffen ab und schritt in würdevoller Haltung dem Lager zu. Hatte ich bis jetzt Angst um ihn gehabt, so war diese nun verschwunden, als ich sah, mit welcher Seelenruhe die Tobas ihren Anführer und Regenten sich den Feinden nähern sahen. Die letzteren verhielten sich vollständig ruhig. Keiner von ihnen trat in feindlicher Absicht vor; kein Laut war zu hören, selbst dann nicht, als der Alte hinter den Büschen verschwunden war.

Die Mbocovis schienen sich alle um ihn versammelt zu haben, denn so scharf ich den Platz durch das Rohr betrachtete, ich sah keinen einzeln stehen, sondern alle bildeten einen dichten, undurchdringlichen Kreis.

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