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Der Schatz der Inkas

Karl May: Der Schatz der Inkas - Kapitel 41
Quellenangabe
pfad/may/sendado2/sendado2.xml
typefiction
authorKarl May
titleLopez Jordan
publisherDeutscher Hausschatz in Wort und Bild
booktitleEl Sendador
firstpub 1890/1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.karl-may-gesellschaft.de
created20090708
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40. Fortsetzung

»Sie haben keine Ahnung von der Größe meines Verbrechens! Ich habe mit voller Absicht einen Menschen ermordet!«

»Aber in der Notwehr?«

»Vielleicht wäre das die einzige Entschuldigung, deren ich mich bedienen könnte. Und doch kann ich es weder mir noch einem andern beweisen, daß es Notwehr gewesen ist. Erlauben Sie mir, Ihnen den Vorgang zu erzählen.«

»Lassen Sie es lieber sein! Sie regen sich auf; Sie wühlen in alten Wunden.«

»Mag es schmerzen; ich habe es verdient. Ist Ihnen die Geschichte Schleswig_Holsteins bekannt?«

»Ja.«

»Haben Sie auch gehört, wie es den deutsch gesinnten Bewohnern der Herzogtümer von seiten der Dänen ergangen ist?«

»In hundert und wieder hundert Geschichten.«

»So hören Sie! Ich war Apotheker in einer kleinen Stadt, von ganzem Herzen deutsch gesinnt und – der einzige Katholik der dänisch-protestantischen Bevölkerung. Damit ist vieles, wenn auch nicht alles gesagt. Ich will nicht von den Bedrückungen, von den kleinen und großen Leiden sprechen, welche ich erdulden mußte, ohne nur ein Wort sagen zu dürfen. Aber ich wurde so verbittert, daß es war, als ob mein ganzer Körper nur aus Galle bestehe. Je länger, desto deutlicher fühlte ich, daß dies nicht mehr so fortgehen könne, ohne daß es ein Unglück gab. Da kam der erwähnte Krieg und mit ihm die dänische Einquartierung. Ich war natürlich als feindlich gesinnt bezeichnet worden, und so warf man doppelte und dreifache Lasten auf mich. Mein Haus wimmelte von unten bis oben von dänischen Soldaten, welche da schalteten und walteten, als ob ich ein Kannibale sei. Es hatte geradezu Kämpfe gekostet, ein einziges kleines Stübchen zu behalten, und dieses konnte ich nicht hergeben, denn da lag mein geliebtes, todkrankes Weib, die einzige Seele, welche mich verstand und mit mir litt. Sie war in Folge der fortgesetzten Leiden und Aufregungen in ein schweres Nervenfieber gefallen, und ich hatte alles, alles von ihrem Krankenlager fern zu halten, wenn ich die Hoffnung hegen wollte, ihr das Leben retten zu können. Da kam noch ein dänischer Militärarzt nebst Diener, welcher bei mir Quartier verlangte. Ich bewies ihm, daß kein Platz mehr sei; ich bat und flehte, umsonst! Er untersuchte meine Frau und erklärte, daß sie die Krankheit nur simuliere. Ich schickte nach dem Stabsarzte und wurde dann in die Apotheke gerufen, wo ich längere Zeit unausgesetzt beschäftigt war, daß ich unmöglich nach meiner Frau sehen konnte. Endlich war ich fertig und durfte Atem holen. Als ich in den Flur trat, hörte ich vom Hofe her ein leises Wimmern, und ich trat hinaus. Dort lag der Schnee fußhoch, und eine grimmige Kälte ließ den Atem fast zu Eis gefrieren. Da draußen fand ich meine Frau. Sie lag auf der alten Decke, auf welcher der Kettenhund zu sitzen pflegte. In ihre Betten hatten sich die Soldaten geteilt. Ich zog meinen Rock aus, warf ihn über sie und wollte fort, hinauf, um zu sehen, wer Besitz von ihrer Stube genommen habe. Sie konnte nicht sprechen, meine Fragen nicht beantworten; aber als sie sah, daß ich mich entfernen wollte, legte sie die Arme um mich. So blieb ich noch einige Minuten bei ihr, bis ich fühlte, daß ich eine Leiche an meiner Brust hatte.«

Der Alte schwieg. Er stand auf und schritt eine Weile hin und her, um Herr seiner Bewegung zu werden. Dann fuhr er fort:

»Es wäre unnütz, Ihnen zu sagen, was ich fühlte. Ich befand mich in einem Zustande, welcher eine Mischung von kochendem Grimme und Verzweiflung war. Ich sprang die Treppe hinauf, riß die Türe auf und sah den Arzt auf dem Sofa liegen, die schmutzigen Stiefel an den Beinen und meinen vollen Zigarrenkasten auf dem Tische. Was ich gesagt habe, weiß ich nicht; viel wird es nicht gewesen sein, denn die Wut machte mir das Sprechen schwer. Er sprang auf, versetzte mir einen Faustschlag in das Gesicht, daß es mir dunkel vor den Augen wurde, schob die Türe auf und gab mir einen Stoß, daß ich die Treppe hinabstürzte. Oben blieb er stehen und lachte mich aus. Da verlor ich den letzten Rest von Besinnung. Ich schoß förmlich die Stufen wieder hinauf. Was ich wollte, das wußte ich nicht; aber ich sah, daß er den Degen zog. Ich griff schnell zu, entriß ihm die Waffe und rannte sie ihm durch den Leib. Als er lautlos niederstürzte, wollte mir das Blut still stehen. Ein Glück, die Soldaten waren jetzt nicht da. Ich raffte einiges Geld zusammen, stürzte in den Hof, nahm die Tote in die Arme und trug sie zu der Scheuerfrau. welche zuweilen von uns beschäftigt wurde, gab ihr Geld und bat sie, für das Begräbnis zu sorgen. Dann entfloh ich.«

Die Art, wie er erzählte, machte einen tiefen Eindruck auf mich. Die Worte flossen ihm schnell, aber abgerissen über die Lippen. Er starrte in die Ecke, als ob er das, was er erzählte, noch einmal erlebe, als ob er sein eigener Zeuge und Zuschauer sei. Wir unterbrachen ihn nicht. Er fuhr fort:

»Im Walde habe ich gesteckt, drei Tage lang. Von Vorübergehenden hörte ich die Tat erzählen. Das Militär war aufgeboten, mich zu suchen und zu ergreifen. Am dritten Tage, des Nachts, wagte ich mich nach dem Kirchhofe. Ich fand das Grab. Es war seicht und kaum zugeworfen. Man hatte mein Weib eingescharrt wie eine Verbrecherin, eine Selbstmörderin. Ich betete, kam aber mit dem Gebete nicht zu Ende. Man hatte vermutet, daß ich kommen werde, um das Grab zu sehen, und einen Posten an den Kirchhof gestellt. Dieser sah und schoß auf mich, traf mich aber nicht. Ich floh, und es glückte mir, zu entkommen. In meiner Heimat suchte ich einen Freund auf, von dem ich wußte, daß er mich nicht verraten werde. Er gab mir die Mittel, nach Amerika zu gehen.«

Er machte jetzt wieder eine Pause, und so fragte ich:

»Hatten Sie keine Verwandten oder Kinder?«

»Nein, und das war ein großes Glück. Aber der von mir ermordete Militärarzt war Vater von vier Kindern und hatte außerdem seinen Vater und eine Schwiegermutter zu ernähren.«

»Das wußten Sie?«

»Nein. Ich erfuhr es während meiner Flucht. Ich las es in der Zeitung, in welcher auch mein Steckbrief stand.«

»Das also ist die Tat, die Sie so sehr bereuen?«

»Ja, das ist sie!«

»Haben Sie sich denn nicht gesagt, daß es mehrere Gründe zur Entschuldigung gibt?«

»Ich habe es gedacht. Aber diese Gründe sind nicht stichhaltig.«

»Er hatte den Degen gezogen; er bedrohte Sie. Sie hatten sich doch gar nicht vorgenommen, ihn zu töten.«

»Ich habe ihn aber doch getötet. Das schreckliche Bild, als er vor mir lag, den Degen in dem Leibe, ist mit mir gegangen, hat mich durch das ganze Leben begleitet und mich keinen einzigen Augenblick verlassen. Es schwebt mir vor bei Tag und Nacht, und tausend, tausend Stimmen höre ich rufen: ›Mörder, Mörder, Mörder!‹ Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden. Dem bin ich entgangen, aber ich habe einen mehr als tausendfachen Tod erlitten, denn ich sterbe täglich. Nach Jahren kam ich hierher und vergrub mich in die Einsamkeit, um meiner Reue und Buße zu leben. Ich wurde der Lehrer und Vater der Toba-Indianer. Ich tat Gutes, damit Gott ein Kleines von meiner großen Schuld abschreibe. Ich habe auch mein möglichstes getan, um drüben im Vaterlande meine Schuld zu verringern. Ich hatte mir den Namen und Wohnort des Ermordeten gemerkt und sandte seinen Anverwandten, die durch mich ihren Ernährer verloren haben, so viel ich ersparen konnte.«

Pena hatte der Erzählung mit fast noch größerem Interesse zugehört als ich. Seine Mienen waren ungewöhnlich bewegt. Er griff sich in die Haare, rieb sich die Nase, kratzte sich an dieser oder jener Körperstelle. Kurz und gut, er verriet eine ganz ungewöhnliche Teilnahme. Jetzt, bei den letzten Worten des Alten, horchte er auf und fragte:

»Was? Geld haben Sie geschickt?«

»Ja.«

»Das tun Sie wohl auch noch jetzt?«

»Ja. Ich muß mich als den Versorger der Familie betrachten.«

»Und auf welchem Weg kommt das Geld hinüber?«

»Von Buenos Ayres aus. Jährlich, wenn ich nach Santiago komme, schicke ich die Anweisung dorthin.«

Da sprang Pena auf und rief:

»Bei allen Heiligen, ich hab' mir's gedacht! Herr – – Herr – – Winter – nicht wahr, so ist Ihr Name?«

»Ja, Alfred Winter.«

»Nun also, Herr Winter, sparen Sie Ihr Geld! Sie haben nichts zu bezahlen.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Ich sage es ja deutlich genug! Sie haben nichts zu bezahlen. Sie sind kein Mörder!«

Er schrie den Alten an, als ob er ihn verschlingen wolle. Dieser hingegen starrte ihn an und brachte kein Wort hervor; er schüttelte nur den Kopf.

»Schütteln Sie nur!« fuhr Pena fort. »Es ist doch so, und es wird nicht anders sein. Sie haben ihn nicht getötet.«

»Ich habe ihn doch erstochen!«

»Auch möglich! Aber tot war er nicht!«

»Es stand auch in der Zeitung!«

»Papperlapapp, Zeitung! Die Druckerschwärze nimmt alles an. Es ist schon manches gedruckt worden, worüber man das Maul aufgesperrt und die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hat!«

Er stieß das alles wie ein echter Poltron hervor, der er doch aber gar nicht war. Es leuchtete ihm eine versteckte Freude aus den Augen, und er war nur grob, um nicht sofort mit der ganzen Wahrheit herausplatzen zu müssen. Als der Alte ihn jetzt abermals wortlos anblickte, fuhr er fort:

»Sind Sie denn seit jener Zeit einmal in Schleswig-Holstein gewesen?«

»Nein.«

»Oder haben Sie sich nach den Verhältnissen jener Familie erkundigt?«

»Auch nicht.«

»Da brate mir einer einen Storch! Aber Mann, was sind Sie denn eigentlich für ein Mensch? Schicken da jährlich eine solche Masse Geld an Leute, die Sie gar nicht kennen und von denen Sie nicht einmal wissen, ob sie noch leben oder ob sie gestorben sind?«

»Nachkommen leben jedenfalls noch, und ich habe mich als deren Versorger zu betrachten.«

»Versorgen Sie, wen Sie wollen, aber diese Leute nicht!«

»Es stand in dem Steckbriefe und auch in den Zeitungen!«

»Anfänglich! Weil man es nicht anders wußte. Und da Sie so schnell ausgerissen sind, haben Sie nur diesen ersten Bericht gelesen. Hätten Sie nur später einmal in die Zeitung geguckt! Genug, ich kenne den Mann, er heißt Delmenborg.«

»Mein Gott!« schrie der Alte auf, indem er zurückfuhr.

»Ja, ja!« fuhr der Cascarillero fort, indem er triumphierend mit dem Kopfe nickte. »Harald Delmenborg! Stimmt dieser Name?«

»Ja – ja – er – er stimmt!«

»Aus Handsted an der Westküste von Jütland. Stimmt das auch?«

»Auch – – auch – – das!« antwortete der Alte wie geistesabwesend.

»Schön! So sind wir also über die Person einig. Ich denke, daß wir uns über die Sache auch noch verständigen werden. Ist Ihnen vielleicht die dänische Insel Sankt Thomas bekannt, da oben um die Antillen herum?«

»Ja.«

»Sehr schön! Als ich mich von meinem Freunde, diesem Sennor hier, den ich in Mexiko traf, verabschiedete, ging ich nach Sankt Thomas, aus welchen Gründen, das ist hier Nebensache. Dort traf ich einen jungen Menschen, einen halben Lüdrian, der sich Arzt nannte, aber keine Patienten hatte und doch herrlich und in Freuden lebte. Er hieß Knut Delmenborg und machte sich an mich, weil er gehört hatte, daß ich Goldsucher sei und eine tüchtige Bonanza gefunden hätte. Wir waren einige Male beisammen, tranken eins und noch eins, bis der liebe Knut einen tüchtigen Affen hatte und mir seine Erlebnisse erzählte.«

»Weiter, weiter!« rief der Desierto fast atemlos, als Pena jetzt eine kleine Pause machte.

»Was weiter! Es ist nicht viel mehr zu berichten. Sie kennen ja die Geschichte auch. Sein Vater war von einem Apotheker gestochen worden und drei oder vier Tage als tot liegen geblieben. Dann aber war der Starrkrampf gewichen, welcher zur Untersuchung der Wunde und dem Verbande sehr glücklich beigetragen hatte; edle Teile waren nicht oder nur ganz leicht verletzt, und so spazierte der Erstochene nach kurzer Zeit gesund in seine Heimat, also nach Handsted zurück. Nach dem Mörder wurde nicht mehr gesucht. Die Justiz begnügte sich damit, sein Hab und Gut eingezogen zu haben.«

Da fuhr der Alte auf Pena zu, ergriff seine beiden Hände und fragte, ich konnte nicht unterscheiden, ob mit fliegendem oder stockendem Atem:

»Herr Pena, erzählen Sie die Wahrheit?«

»Wenn nicht jedes Wort wahr ist, so mögen Sie mir auch etwas durch den Leib rennen, es mag sein, was Ihnen beliebt, ein Säbel, ein Konzertflügel oder gar ein Kanapee!«

»Sie täuschen sich nicht? Sie meinen wirklich jenen Harald Delmenborg aus Handsted?«

»Nur diesen! Denken Sie sich nun sein Erstaunen, als nach Verlauf von zwei Jahren tausend Dollars an seine Frau kommen, und dazu die Bemerkung, daß dieses Geld von dem Mörder komme, welcher bis an seinen Tod jährlich eine möglichst hohe Summe senden werde! Der Sohn hatte mit Hilfe auch dieses Geldes studiert, aber nichts gelernt. Er tat wahrscheinlich nicht gut und wurde von seinem Vater in die Kolonie geschickt, um sich die Hörner abzustoßen. Dort traf er mich.«

»Sie schwören mir zu, daß Sie mir die Wahrheit sagen, daß Sie sich diese Geschichte nicht ausgesonnen haben, um mich glücklich zu machen?«

»Eigentlich sollte ich Ihnen wegen dieser Frage zürnen; aber ich habe jetzt zufällig eine gute Stunde und werde Sie also zur Strafe für diese Beleidigung nicht erstechen.«

Der Alte rannte tränenden Auges zur Türe hinaus. Nun veränderte sich das Gesicht Penas schnell. Er zeigte eine tiefe, tiefe Rührung, und mit leiser, zitternder Stimme sagte er:

»Was sagen Sie dazu?«

»Gottes Wege sind wunderbar! Sehen Sie das ein?«

»Ich müßte blind und taub sein und noch viel mehr sein, wenn ich das nicht einsähe! Hätte ich das ahnen können, als ich jene Woche in Sankt Thomas war! Wissen Sie, wo der Alte jetzt ist?«

»Sicher in seiner Betstube.«

»Ja, er hat nun mit einem ganz andern als mit mir zu sprechen. Der Abend seines Lebens wird nun leicht und hell werden. Und ich weiß, warum ich von einer starken Hand hierher nach der Laguna de Carapa gezogen wurde. Wollen wir nicht nun wieder nach dem Yerno sehen?«

»Ja, kommen Sie!«

Wir hatten die Stube noch nicht verlassen, da kam Unica und sagte:

»Sennores, kommen Sie um des Himmels willen in den Garten! Der Yerno ist verrückt geworden. Ich war soeben fertig mit den Gefangenen und ging hinaus, aber es war mir unmöglich zu bleiben. Und unten am Felsen stehen alle Bewohner des Dorfes, um seine Stimme zu hören. Niemand weiß sich dieses Gebrüll zu deuten.«

Wir eilten nach dem Garten; wir waren länger fortgeblieben, als ich mir vorgenommen hatte. Noch schritten wir durch den Lagersaal, da hörte ich die Stimme. Es klang, als ob ein Stier erdrosselt werde. Als wir aus dem Treppenhäuschen traten, sah er uns und schrie uns mit einer wahrhaft unmenschlichen Stimme entgegen:

»Sennors, kommen Sie, kommen Sie!«

Ich hielt Pena am Arme zurück. Der Yerno sah das und brüllte.

»Zögern Sie nicht. Ich weiß, warum Sie stehen bleiben. Ich soll Sie um Gotteswillen bitten. Ich tue es, ich tue es! Ich bitte Sie um Gottes, um des Himmels und um aller Heiligen willen, erlösen Sie mich von diesem Leiden, von dieser Qual!«

»Jetzt wollen wir hin,« sagte ich. »Er befindet sich in dem von mir erwarteten Zustande.«

Wie sah der Mann aus! Sein Gesicht hatte die Farbe des Löschpapiers. Seine Augen waren weit aus ihren Höhlen getreten, erbsengroße Schweißtropfen rannen ihm von der Stirne und den Wangen, und aus dem Mund geiferte dicker, blutiger Schaum.

»Schnell, schnell!« bat er. »Ich sehe Sie nicht deutlich. Sie sind rot, ganz rot, denn meine Augen sind voll Blut. Aber ich sehe doch, daß Sie der Sennor sind, welcher mich erhören wird, wenn ich ihn um Gotteswillen bitte, mein Geständnis anzuhören.«

Es schauderte mich. Ich hätte ihn herzlich gern sofort befreit, aber ich beherrschte mich und antwortete in ruhig strengem Tone:

»Das werde ich; aber erst dann, wenn ich überzeugt bin, daß Sie die Wahrheit sagen.«

»Ich sage sie, ich sage sie! Schnell, schnell, nehmen Sie das Wasser weg!«

»Sagen Sie vorher, wo Sennor Horno sich befindet!«

»An der Laguna de Bambu auf der Isleta del Circulo.«

»Allein?«

»Ein Kaufmann Parduna mit seinem Sohn aus Goya ist bei ihm.«

»Auch wegen Lösegeld?«

»Ja.«

»Liegt ein Dorf der Mbocovis dort?«

»Zwei.«

»Wie viele Krieger befinden sich an dieser Laguna?«

»Nur vierzig.«

»Wie weit ist es von hier bis hin?«

Da legte Pena mir die Hand auf die Achsel und sagte in deutscher Sprache:

»Quälen Sie ihn nicht. Ich war an der Laguna de Bambu bei den Mbocovis, kenne die Isleta del Circulo und werde auch den Weg von hier leicht finden. Dieses Mal sagt er die Wahrheit.«

»Ich denke es auch, werde es aber doch streng prüfen.«

Ich schob das Gefäß, welches fast kein Wasser mehr enthielt, zur Seite und zog Pena mit mir fort. Das Brüllen des Yerno hatte sich in ein herzbrechendes Seufzen und Wimmern verwandelt.

»Wohin führen Sie mich?« fragte Pena.

»Zum Häuptling.«

»Soll ich wieder mit ihm sprechen?«

»Nein; Sie würden sich vielleicht abermals eine Nase drehen lassen. Sie sollen den Dolmetscher machen. Sie verändern aber nicht ein einziges Wort, lassen keins weg und fügen auch keins hinzu.«

»Kommt es darauf gar so sehr an?«

»Ja. Zwar auf die Worte nicht allein. Die Hauptsache ist, daß ich seine Gesichtszüge beobachte. Ich muß wissen, bei welchem Worte sie sich verändert haben.«

Unica stand im Lagerraume. Sie hatte es nicht über sich gewinnen können, mit in den Garten zu gehen; für das Geheul des Yerno waren ihre sonst so starken Nerven doch nicht kräftig genug.

»Hat er es endlich gesagt?« fragte sie hastig.

»Ja; aber ich will mich nun überzeugen, ob er mich nicht vielleicht doch noch belogen hat. Diesem Menschen ist selbst jetzt nicht zu trauen. Bringen Sie ein Licht, und führen Sie uns zum Häuptlinge.«

»Den wollen Sie auch fragen?«

»Fragen und beobachten. Das Letztere ist die Hauptsache.«

Sie nahm das Licht in die Hand, um uns zu leuchten, und öffnete die Türe. Wir traten in den Raum, in welchem die Fässer und zwischen ihnen die Gefangenen lagen. Dort suchten wir den Häuptling El Venenoso auf. Er war ebenso an den Händen und Füßen gefesselt wie die andern. Ich band ihm die Riemen los, so daß er sich im vollständigen Gebrauche seiner Glieder befand, und sagte zu Pena:

»Jetzt sagen Sie ihm alles, was ich Ihnen vorspreche, aber möglichst wörtlich, wie ich Ihnen bereits bemerkte. Und die Übersetzung jedes Wortes, welches ich betone, betonen Sie ebenso. Also zunächst: Der Häuptling der Mbocovis, welcher sich Venenoso nennt, ist als ein sehr tapferer Mann bekannt.«

Venenoso war, obgleich ich ihn von den Fesseln befreit hatte, in derselben Stellung liegen geblieben, die er vorher eingenommen hatte. Er schien den Stummen spielen zu wollen. Als Pena ihm die wenigen Worte in langsamer Weise sagte, mochte er doch über diese Art der Einleitung erfreut sein, denn er wendete uns das Gesicht zu, antwortete aber kein Wort. Ich diktierte weiter:

»Und der Häuptling der Mbocovis ist auch ein reicher Mann.«

Das dünkte ihm für seine gegenwärtige Lage so fremdartig, daß er sich aufsetzte, ohne aber ein Wort hören zu lassen. Weiter:

»Da es ein so tapferer und reicher Krieger ist, mit dem ich sprechen will, so habe ich ihm dadurch meine Achtung zeigen wollen, daß ich ihn losgebunden habe. Nun schickt es sich für ihn, daß er sich erhebt und sich in seiner ganzen Gestalt sehen läßt.«

Sofort sprang er auf. Ich nahm Unica bei der Hand und stellte sie so, daß der Schein ihres Lichtes voll auf sein Gesicht fiel.

»Der Häuptling ist ein reicher Mann, weil er Weiße raubt und sich Lösegeld für sie bezahlen läßt,« mußte Pena sagen. »Die Geldgier aber ist ein Feind der Tapferkeit. Sie verdunkelt die Augen, schwächt das Gehör und trübt den Verstand. Darum hat der Tapfere sich von uns überlisten lassen.«

Er kreuzte die Arme über die Brust, blitzte mich mit einem zornigen Blicke an und schwieg noch immer.

»Die Geldgier scheint den Häuptling auch stumm gemacht zu haben. Oder wagt er nicht zu sprechen, weil er Angst vor uns hat?«

»Ich fürchte mich nicht,« antwortete er nun.

»Auch den Tod nicht?«

»Nein. Alle Menschen müssen sterben!«

»Aber man stirbt nicht gern eines grausamen Todes.«

»Wollt ihr uns martern?«

»Ja.«

Die Indianer Südamerikas sind bei weitem nicht so unempfindlich gegen Schmerzen, wie diejenigen der Vereinigten Staaten. Das zeigte sich hier, denn Venenoso antwortete schnell:

»Tut es nicht!«

»Ihr hattet uns aber Schlimmes zugedacht.«

»Nein!«

»Lüge nicht! Ihr wolltet uns alle töten! Der Yerno hat es uns ja gesagt, als er uns für Verbündete hielt.«

»So hat er gelogen!«

»Ich habe mich geirrt. Ich hielt den Häuptling für einen tapfern Mann. Jetzt aber höre ich, daß er aus Angst lügt und die Unwahrheit einem andern aufbürdet. Ich werde ihn also verachten müssen. Auch habe ich gehört, daß er nicht selbst gegen die Weißen kämpft, sondern sie durch andere überfallen und zu sich bringen läßt. Das ist feig.«

»Ich überfalle überhaupt keine Weißen, denn wir leben mit ihnen in Frieden!«

»So befindet sich keiner von ihnen als Gefangener bei Dir?«

»Nein.«

»Auch Sennor Horno nicht?«

Er erschrak. Das war ihm auf das deutlichste anzusehen. Er suchte nach einer Antwort, fand aber keine. Darum fuhr ich fort:

»Ich weiß genau, daß dieser sich bei den Mbocovis befindet.«

»Das ist nicht wahr. Wir kennen keinen Mann, welcher diesen Namen trägt.«

»Du selbst hast ihn so genannt.«

»Wann?«

»Gestern abend am Feuer, gegen den Yerno.«

»Das habe ich nicht getan!«

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