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Der Schatz der Inkas

Karl May: Der Schatz der Inkas - Kapitel 37
Quellenangabe
pfad/may/sendado2/sendado2.xml
typefiction
authorKarl May
titleLopez Jordan
publisherDeutscher Hausschatz in Wort und Bild
booktitleEl Sendador
firstpub 1890/1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.karl-may-gesellschaft.de
created20090708
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36. Fortsetzung

»Ja, gehen wir! Wir werden die Lagune bald wiedersehen, und zwar unter ganz anderen Verhältnissen, als wir sie jetzt verlassen. Der Alte hat uns zwar streng befohlen, uns nur in östlicher Richtung zu halten, er werde uns beobachten lassen; aber wir gehen dennoch um den See und dann ostwärts. Es fällt ihm gar nicht ein, uns Aufpasser nachzuschicken; er hat keinen einzigen Mann dazu übrig, wegen des Überfalles, der ihm droht. Freilich weiß er nicht, daß wir alles erfahren haben. Komm fort!«

Wir gingen, indem wir langsamen Schrittes und uns unter den Bäumen haltend, dem Ufer folgten.

»Meinen Sie, daß er uns wirklich nachkommen wird?«

»Ja.«

»Aber, wenn er wirklich kommt, wie heißen wir? Oder wollen wir unsere wirklichen Namen sagen?«

»Nein. Zunächst sagen wir ihm gar keinen Namen. Nach dem, was er von uns gehört hat, wird er es ganz erklärlich finden, wenn wir vorsichtig sind. Ob Sie dann den Ihrigen sagen, kommt darauf an, ob sich unter den Mbocovis einer befindet, der Sie und also auch ihn von früher kennt. Horchen Sie! Er kommt hinter uns her! Sehen Sie sich ja nicht um!«

»Ich höre nichts.«

»Aber ich höre ihn. Gehen wir etwas rascher. Das wird seinen Eifer erhöhen.«

Wir schritten schneller aus, und der Erfolg zeigte sich sogleich, denn hinter uns ertönte eine Stimme:

»Alto ahi – halt!«

Der Ruf war mit unterdrückter Stimme ausgesprochen worden. Wir taten, als ob wir ihn nicht vernommen hätten, und gingen weiter. Da rief der Mann nun in lauterem Ton:

»Parar, Sennores – halten Sie doch an! Ich habe mit Ihnen zu sprechen, und Sie laufen, daß ich Ihnen kaum folgen kann!«

Wir fuhren schnell nach ihm herum und machten möglichst erschrockene Gesichter. Ja, der sogenannte Schwiegersohn, der Yerno, war es wirklich. Natürlich zeigten wir ihm Gesichter, denen es nicht anzusehen war, daß wir ihn kannten.

»Wer sind Sie? Was wollen Sie von uns?« fragte ich in einem Tone, aus welchem er entnehmen mußte, daß ich nicht erwartet hatte, hier jemandem zu begegnen und gar angesprochen zu werden.

»Das werden Sie gleich erfahren,« antwortete er. »Sagen Sie mir zunächst, wer und was Sie sind!«

»Welches Recht besitzen Sie, uns danach zu fragen?«

»Ein Recht nicht, sondern nur eine Veranlassung.«

»Welche denn?«

Er betrachtete uns mit forschendem Blicke, und wir machten ihm Augen, welche möglichst mißtrauisch waren.

»Sehen Sie mich nicht so argwöhnisch an! Ich meine es gut mit Ihnen,« beteuerte er.

»Das kann jeder sagen; wir aber haben keine Lust, Bekanntschaften zu schließen. Sie gehören doch zu den Schuften, denen wir soeben erst entronnen sind!«

»O nein! Meinen Sie etwa, ich sei ein Freund des alten Desierto? Gerade das Gegenteil ist der Fall: Ich bin hier, weil ich nicht zu seinen Freunden zähle.«

»Pah! Das machen Sie uns nicht weiß. Bleiben Sie uns vom Leibe! Komm', Kamerad! Ich habe keine Lust, wieder in eine Falle zu laufen!«

Bei diesen Worten nahm ich Pena beim Arme und zog ihn mit mir fort. Der Yerno folgte uns, hielt mich zurück und sagte:

»Aber, Mann, so hören Sie doch! Ich befinde mich ganz allein hier. Welche Falle könnte ich Ihnen stellen? Ich versichere Ihnen, daß ich es sehr gut mit Ihnen meine!«

»So! Das ist schön von Ihnen; aber wir wollen von Ihrer Güte leider nichts wissen.«

»Warum? Sehe ich denn wie ein Mensch aus, vor dem man sich zu fürchten hat?«

»Das nicht. Und selbst wenn es der Fall wäre, so sind wir nicht die Leute, welche sich fürchten, sobald es zwei gegen nur einen geht. Aber Sie fragen uns nach unsern Namen und sagen doch nicht, wer Sie sind.«

»Nun, das können Sie sogleich erfahren. Ich heiße – – heiße Diego Arbolo.«

Er hatte gezögert, diesen Namen auszusprechen, und sich dabei suchend umgesehen. Dabei war sein Blick auf einen Baum gefallen, in dessen Nähe wir standen, und erst dann hatte er den Namen Arbolo genannt, welches Wort auf deutsch Baum bedeutet. Es war also klar, daß ihm nicht gleich ein Name eingefallen war, und daß derjenige, welchen er nannte, nicht der seinige war. Er wollte uns aus naheliegenden Gründen nicht wissen lassen, wie er eigentlich heiße.

»Arbolo, so!« antwortete ich. »Und was sind Sie?«

»Cascarillero.«

»Ah, dachte es mir! Also doch ein Kollege des alten Einsiedlers!«

»Aber kein Freund, sondern ein Konkurrent von ihm! Es wird ihm wohl keiner so viel Böses wünschen wie ich!«

»Was das betrifft, so möchte ich es sehr bestreiten. Wenigstens haben wir beide sehr genügende Veranlassung, ihm alles, aber nur nichts Gutes zu gönnen.«

»So sind wir also Gesinnungsgenossen!«

»Möglich, daß wir gleiche Gesinnung haben, aber Genossen sind wir nicht. Wir beabsichtigen nicht, hier an diesem Orte Bekanntschaften zu machen. Wir haben das einmal im Gran Chaco getan, aber nicht wieder. Ein solches Lehrgeld zahlen wir nicht zum zweiten Male. Gehen Sie also, wohin Sie wollen, und lassen Sie auch uns tun, was uns beliebt!«

Ich tat wieder, als ob ich fort wollte; er aber hielt mich energisch fest und sagte in ungeduldigem Tone:

»So nehmen Sie doch Verstand an, Sennor! Ich gebe Ihnen mein heiliges Wort, daß ich ein Feind des Desierto und seiner Indianer bin. Ich bin Ihnen nachgegangen, weil ich Ihnen helfen will. Ohne mich können Sie Ihren Vorsatz wohl schwerlich ausführen.«

»Was wissen Sie von unseren Vorsätzen?«

»Sehr viel. Ich kenne Sie genau.«

»Oho! Wollen Sie da wohl die Güte haben, uns mitzuteilen, was wir uns vorgenommen haben?«

»Ich habe Sie belauscht. Ich sah den Desierto kommen, der Sie an das Ufer brachte und dann zurück fuhr. Sie befreiten sich mühsam von Ihren Banden und sprachen dann mit einander, gerade unter dem Baume, auf welchem ich mich befand.«

»Auf einem Baume haben Sie gesessen? Weshalb, wenn ich fragen darf?«

»Weil ich die Laguna de Carapa beobachten wollte. Ich will das Dorf überfallen.«

»Überfallen?« fragte ich, indem ich ein möglichst erstauntes Gesicht machte. »Wie kann ein einzelner Mann ein Indianerdorf überfallen!«

»Wenn ich das dächte, so wäre ich freilich verrückt. Aber ich bin nicht allein hier.«

»Nicht? Wer ist noch da?« fragte ich, indem ich mich ängstlich umblickte.

»Haben Sie keine Sorge!« lächelte er fast mitleidig. »Diejenigen, von denen ich spreche, sind nicht so nahe, wie Sie zu denken scheinen. Und selbst wenn sie da wären, brauchten Sie keine Angst vor ihnen zu haben; Sie würden vielmehr mit offenen Armen von ihnen aufgenommen werden.«

»Wer ist es?«

»Ich würde diese Frage jedenfalls nicht so schnell und offen beantworten, wenn ich nicht gehört hätte, was Sie mit einander sprachen. Auch habe ich mich mit meinen Augen überzeugt, daß Sie allen Grund besitzen, sich an dem Desierto zu rächen. Darum sage ich Ihnen aufrichtig, daß ich gegenwärtig der Anführer einer Schar von Mbocovis bin, welche sich nicht weit von hier befindet.«

»Mbocovis? Das sind ja wohl Feinde der Tobas?«

»Todfeinde sogar! Sie brauchen also gar nicht zu den Chiriguanos zu gehen, um Unterstützung zu finden, falls Sie sich an dem Desierto rächen wollen.«

»Meinen Sie damit, daß uns die Mbocovis beistehen würden?«

»Es ist wahr. Gehen Sie nur getrost mit mir, um sich zu überzeugen!«

»Wie viele Indianer sind es?«

»Achtundfünfzig.«

»Und weshalb sind Sie mit ihnen nach dieser Laguna gekommen?«

»Um die Tobas zu überfallen.«

»Achtundfünfzig Mbocovis wollen diese Ansiedlung überfallen? Meinen Sie denn, daß wir das für möglich halten?«

»Nun, eigentlich haben Sie ein Recht, meine Angabe zu bezweifeln, denn achtundfünfzig Mann reichen unter gewöhnlichen Verhältnissen freilich nicht aus, ein solches Unternehmen zu Ende zu führen. Aber wir wissen, daß die Krieger der Tobas gegen die Chiriguanos fortgezogen sind.«

»Das stimmt. Aber Sie mußten sich doch sagen, daß die Tobas wieder hier sein könnten, wenn Sie eintreffen.«

»In diesem Falle hätten wir gewartet, bis die andern nachkommen.«

»So sind noch andere im Anzuge?«

»Ja, eine große Schar, welche in höchstens drei Tagen eintreffen wird. Wie ich von Ihnen gehört habe, sind die Tobas von den Chiriguanos zurückgeschlagen worden?«

»So ist es.«

»Und die Letzteren kommen nun nach der Laguna, um Rache zu nehmen?«

»Ja. Wir haben es gehört. Die Feinde können sehr bald, vielleicht schon morgen da sein.«

»Ah, dann darf ich nicht säumen, sonst kommen sie mir zuvor und nehmen weg, was wir uns holen wollen. Also, wollen Sie mir nun glauben?«

Ich antwortete nicht, sondern sah Pena fragend an. Dieser antwortete an meiner Stelle:

»Man hört es Ihnen an, daß Sie uns nicht belügen. Wir wollten zu den Chiriguanos, um mit diesen nach der Laguna zurückzukehren; da wir aber Ihre Mbocovis viel näher haben, so wäre ich nicht abgeneigt, Ihnen zu folgen, wenn Sie sich nicht weigern, uns über einen mir unklaren Punkt aufzuhellen.«

»Welchen Punkt meinen Sie?«

»Wie kommen Sie als Weißer zu den Mbocovis? Wie können Sie sogar der Anführer derselben sein?«

»Weil ich Jahre lang in ihrem Gebiete als Cascarillero gearbeitet habe. Ich bin also nicht nur mit ihnen bekannt, sondern der besondere Freund ihres Häuptlings Venenoso. Welchen Grund ich habe, dem alten Desierto feindlich gesinnt zu sein, das gehört jetzt nicht zur Sache; aber ich will ihm verschiedenes heimzahlen, und die Mbocovis sind gern einverstanden gewesen, meine Pläne auszuführen. Mißtrauen Sie mir nun noch immer?«

»Nein; jetzt bin ich befriedigt. Und du?«

Diese letztere Frage war an mich gerichtet; darum antwortete ich:

»Da es der Zufall in dieser Weise fügt, so denke ich, daß wir es versuchen dürfen.«

»Sie dürfen es getrost!« versicherte der Yerno. »Ich wiederhole Ihnen, daß Sie meinen Roten willkommen sein werden. Kommen Sie! Wir haben hier genug Zeit versäumt und können das, was wir noch zu sprechen haben, auch unterwegs bereden.«

»Hm!« brummte Pena vergnügt. »Wer hätte das gedacht! Wir sahen einen langen und beschwerlichen Marsch vor uns und wußten auch nicht, wie die Chiriguanos uns aufnehmen würden. Nun sind wir diese Sorgen los.«

»Freilich sind Sie nun davon befreit. Sie sehen, daß Sie mich zu Ihrem Glücke getroffen haben, und darum denke ich, daß Sie mir dankbar sein werden.«

»Das versteht sich, ja das versteht sich ganz von selbst! Sie können sich auf uns verlassen.«

»Das tue ich allerdings, und ich werde sehr bald sehen, ob ich in der Weise, wie ich es wünsche, auf Ihre Erkenntlichkeit rechnen kann. Jetzt ist das Terrain zu schwierig zur Unterhaltung. Folgen Sie mir erst hinaus ins Freie!«

Er führte uns durch den Wald und kam dabei auf die Fährte, welche er bei seiner Herkunft zurückgelassen hatte. Als wir dann den baumlosen Camp erreichten und neben einander her gehen konnten, begann er von neuem:

»Nun kennen Sie meinen Namen und auch meine Absichten; jetzt sagen Sie mir, wie Sie heißen.«

»Ich heiße Escoba,« antwortete Pena.

»Und ich Tocaro,« sagte ich. »Wir sind Yerbateros.«

»Wie kommen Sie denn in die Gefangenschaft dieses viejo Desierto? Kannten Sie ihn?«

»Nein,« antwortete Pena. »Wir kamen von den Bergen, wo wir einen außerordentlich glücklichen Fund gemacht hatten, und – – «

»Fund?« unterbrach ihn der Yerno schnell. »So spricht man doch nicht von der Yerba. Sie haben etwas anderes gefunden?«

»Etwas viel besseres! Gold, eine ganze, starke Ader.«

»Alle Wetter! Was Sie sagen!«

»Ja, eine ganze Ader! Wir schlugen uns einen Vorrat heraus und machten das Loch wieder zu, um es später auszubeuten. Unterwegs trafen wir auf eine Schar von Tobas, denen wir uns anschlossen – – «

»Das war dumm! Das war sehr unvorsichtig.«

»Freilich wohl! Wir haben es auch zu bereuen gehabt. Aber wir waren nun einmal froh, Reisegefährten zu bekommen, und da dieselben zu Desierto gehörten, so glaubten wir, nichts befürchten zu dürfen. Wir hatten ihn zwar noch nie gesehen, aber doch so viel von ihm gehört, daß wir annehmen konnten, bei seinen Roten sicher zu sein.«

»Welch ein Tor sind Sie!« lachte der Yerno. »Sie meinen, weil er als fromm bekannt ist?«

»Ja.«

»Das sind die Schlimmsten! Doch erzählen Sie weiter!«

»Meine Erzählung wird nicht lang sein. Die Tobas nahmen uns mit nach hier. Der Alte empfing uns sehr freundlich; als er aber hörte, daß wir Gold gefunden hatten, ließ er uns überfallen und einsperren. Er hat uns alles abgenommen, sogar unsere Anzüge.«

»Das ist schändlich! Auch das Gold?«

»Natürlich. Er wollte uns zwingen, ihm zu sagen, wo wir die Ader entdeckt haben.«

»Das taten Sie doch nicht etwa?«

»Ist uns nicht eingefallen! Wie lange wir eingesperrt waren, wissen wir nicht, denn da es stets dunkel in dem Loche war, konnten wir den Tag nicht von der Nacht unterscheiden. Ein altes Weib war zuweilen bei uns. Von dieser erfuhren wir, was geschah. So wissen wir, daß die Tobas gegen die Chiriguanos gezogen, aber von diesen besiegt und beinahe aufgerieben worden sind. Heute kam ein Bote, dem es gelungen ist, zu entfliehen. Er meldete, daß die Chiriguanos nach der Laguna unterwegs seien, und der Alte ließ sofort das Dorf räumen und alles auf die Inseln schaffen.«

»Das stimmt; ich habe es gesehen. Wie aber kommt es, daß er Sie freigelassen hat?«

»Das fragen wir uns auch. Für ihn war es doch sicherer, uns umzubringen! Vielleicht ist es gerade eine sehr feine List von ihm.«

»Inwiefern?«

»Wir haben ihm die Goldader nicht verraten. Um den Ort zu erfahren, kann er uns freigelassen haben und einen Mann nachschicken, der uns folgen und heimlich beobachten muß.«

Der Yerno sah sich unwillkürlich um, um nachzuschauen, ob jemand hinter uns her komme. Dann meinte er:

»Das wird er wohl bleiben lassen, denn er kann keinen Menschen entbehren, da er seine wenigen Leute zur Verteidigung der Insel braucht. Haben Sie ihm gesagt, woher Sie sind und wohin Sie wollen?«

»Ja.«

»So ist es eher möglich, daß er sich vorgenommen hat, einen Mann später dorthin zu senden. Aber dazu soll er nicht kommen, da es heute mit ihm zu Ende geht.«

»Hören Sie, das werden wir uns verbitten, Sennor Arbolo!«

»Warum? Was fällt Ihnen ein? Sie haben doch nicht etwa Ursache, ihn gegen mich in Schutz zu nehmen!«

»Das tue ich auch gar nicht.«

»Aber Sie verbitten sich seinen Tod!«

»Nein, den verbitte ich mir nicht. Ich verlange nur, daß nicht Sie ihn töten. Wir beide sind es, denen er verfallen ist. Wir haben ihm Rache geschworen, und wenn wir uns wirklich mit Ihnen verbinden sollen, so müssen Sie uns versprechen, daß der Alte nur allein uns gehören darf.«

»Das will ich Ihnen gerne zusagen, doch nur unter dem Vorbehalte daß Sie weiter nichts verlangen, als nur den Alten.«

Jetzt kam der Punkt, den ich längst erwartet hatte. Pena blinzelte mir heimlich zu und antwortete:

»Warum nur ihn allein?«

»Weil das für Ihre Rache genügt.«

»Das andere alles soll Ihnen zufallen?«

»Ja, mir und meinen Roten.«

»Hm! Sie sind sehr anspruchsvoll!«

»O nein. Bedenken Sie, daß ich, auch wenn ich Sie nicht getroffen hätte, heute nacht das Dorf überfallen hätte und daß mir dann alles in die Hände gefallen wäre. Und bedenken Sie ferner, daß Sie ohne mich und die Mbocovis Ihre Rache gar nicht ausführen können, wenigstens nicht so bald!«

»Mag sein! Aber wenn Sie meinen, daß Ihnen heute nacht alles zugefallen wäre, so befinden Sie sich sehr im Irrtume Gerade die Hauptsache hätten Sie nicht gefunden, das viele Geld des Alten.«

»Ah! er hat also wirklich so viel?« fragte der Yerno, indem seine Augen gierig zu glänzen begannen.

»Sehr viel. Sie würden es aber doch nicht finden.«

»Wo liegt es denn?«

»Hm! Müssen Sie das wissen?«

»Ja. Das ist die Bedingung, unter welcher Sie den Alten bekommen sollen. Da Sie die Goldader entdeckt haben, brauchen Sie doch wohl kein Geld.«

»Hm!« brummte Pena; dann fragte er mich: »Was sagst du dazu? Ohne dich kann ich natürlich kein Abkommen treffen.«

»Mach, was du willst,« antwortete ich. »Mir ist alles recht, was du tust.«

»Auch daß ich sage, wo das Geld liegt?«

»Ja. Sennor Arbolo hat ganz recht. Wir brauchen das Geld nicht. Wir beuten später die Ader aus. Die Hauptsache ist, daß wir den Alten bekommen, um uns an ihm rächen zu können.«

»Nun, dieser Meinung bin ich auch. Aber ich denke, daß wir wenigstens das, was er uns abgenommen hat, zurückverlangen müssen.«

»Das sollen Sie gern bekommen!« fiel der Yerno schnell ein.

Während er das versicherte, glitt ein ganz versteckt höhnischer Zug über sein Gesicht. Er war natürlich der Ansicht, daß er diese Geldbrocken einstweilen abtreten könne, weil er später doch wohl die ganze Ader erhalten werde.

»So sind wir einverstanden!« erklärte Pena.

»Gut! Also sagen Sie mir nun auch, wo sich das Geld befindet.«

»Auf der einen Insel. Wenn Sie nämlich vom Ufer des Sees aus – – «

»Halt!« unterbrach ich ihn, da er im Begriff stand, eine unverzeihliche Unvorsichtigkeit zu begehen. »Du beschreibst den Ort noch nicht. Sennor Arbolo soll ihn erfahren, sobald der alte Desierto sich in unsern Händen befindet.«

Der Yerno warf mir einen wütenden Blick zu, den ich nicht sehen sollte, aber doch bemerkte. Er beherrschte sich aber und sagte in ziemlich ruhigem Ton:

»Sennor Tocaro, Sie scheinen Mißtrauen gegen mich zu hegen. Warum soll denn Ihr Freund schweigen?«

»Weil es nicht meine Angewohnheit ist, den Preis auf den Tisch zu legen, bevor ich die Ware wenigstens sehe.«

»Sie sind sehr vorsichtig!«

»Das muß man sein. Sie kennen uns nicht und wir Sie auch nicht. Wir glauben Ihnen alles, was Sie sagen, aber wir sind noch nicht überzeugt, ob Ihre Mbocovis uns wirklich als Freunde behandeln werden. Darum werden wir mit unseren Geheimnissen so lange zurückhalten, bis uns dieser Beweis geliefert worden ist.«

»Habe nichts dagegen! Sagen Sie mir nur das Eine: Wissen Sie wirklich, wo sich das Geld des Alten befindet?«

»So gewiß, daß wir jeden Schwur darüber ablegen könnten.«

»So bin ich befriedigt, denn ich weiß, daß ich es in der Nacht erhalten werde.«

»Sie sind also fest entschlossen, den Angriff schon heute zu unternehmen?«

»Ohne allen Zweifel! Ich muß doch sonst gewärtig sein, daß die Chiriguanos mir zuvorkommen.«

»Und wie soll der Angriff geschehen?«

»Das werden wir dann beraten, wenn ich mit meinen Mbocovis gesprochen habe. Jedenfalls werde ich mich dabei auf Ihre Ratschläge verlassen können?«

»Ja.«

»Sie kennen das Dorf?«

»Sehr genau.«

»So bin ich gewiß, daß unser Vorhaben gelingen wird.«

»Wenn die Chiriguanos uns nicht dann die Beute wieder abnehmen.«

»Wir wehren uns!«

»Sie werden Ihren achtundfünfzig Mbocovis überlegen sein!«

»Diesen ja, aber nicht den Gefährten, welche uns nachfolgen. Wir ziehen uns mit unserer Beute auf diese zurück, und dann mögen die Chiriguanos kommen und versuchen, sie uns abzujagen.«

»Wie stark ist die Schar, welche Sie erwarten?«

»Einige hundert Mann.«

»Unter ihren Häuptlingen?«

»Von ihren Kaziken angeführt, und zwar unter dem Oberbefehle eines Mannes, bei dessen Namen Ihnen sofort jeder Zweifel an dem guten Gelingen schwinden wird.«

Ich erriet sofort, wen er meinte, nämlich den Sendador, und mein Herz klopfte mir vor Freude; dennoch fragte ich:

»Wer ist dieser Mann?«

»Geronimo Sabuco.«

Er blickte mich triumphierend an, da er wohl überzeugt sein mochte, daß ich höchst erstaunt oder wohl gar entzückt sein werde. Statt dessen aber fragte ich in sehr gleichgültigem Tone:

»Sabuco? Wer ist das? Sabuco heißen viele Leute.«

»Aber es gibt nur einen einzigen berühmten unter denen, die diesen Namen führen! Haben Sie denn noch nie von dem Sendador gehört?«

»Von dem? Sogar sehr oft.«

»Das ist ja Sabuco!«

»Ah, der Sendador heißt Sabuco? Ja, das muß man doch erst erfahren, bevor man es wissen kann! Also der Sendador bringt die Leute geführt. Warum ist er nicht gleich mit Ihnen gekommen?«

»Weil er nicht da, sondern verreist war. Er hatte ein kleines Geschäft vor, dort in der Nähe von Nuestro Sennor Jesu Christo de la floresta virgen. Kennen Sie den Ort?«

»Einmal bin ich dort gewesen.«

»Dorthin sind die Mbocovis ihm entgegen gezogen, und sobald sie ihre Aufgabe dort erfüllt haben, kommen sie hierher. Ist es schneller gegangen, als wir dachten, so sind sie desto eher hier.«

»Was haben sie dort zu tun?«

»Etwas, was Sie nicht sehr interessieren kann. Vielleicht erfahren Sie es später. Ich sprach nur deshalb von dem Sendador, um Ihnen die Überzeugung zu geben, daß unser Plan unmöglich mißlingen kann, denn wo dieser Mann die Hand im Spiele hat, da kann es nicht fehlschlagen. Nun haben wir das Nötige gesprochen. Wollen schnell gehen, denn es wird Nacht.«

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