Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl May >

Der Schatz der Inkas

Karl May: Der Schatz der Inkas - Kapitel 36
Quellenangabe
pfad/may/sendado2/sendado2.xml
typefiction
authorKarl May
titleLopez Jordan
publisherDeutscher Hausschatz in Wort und Bild
booktitleEl Sendador
firstpub 1890/1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.karl-may-gesellschaft.de
created20090708
Schließen

Navigation:

35. Fortsetzung

»So ist es. Der kleine Kahn, welcher uns vorhin getragen hat, muß hier am Ufer liegen. Er faßt im höchsten Falle sechs Personen. Die Mbocovis müssen also zehn- bis zwölfmal hinüber und herüber. So oft ein Trupp kommt, nehmen Sie ihn in Empfang.«

»Aber wenn sie schreien, so ist die Sache verraten!«

»Wenn sie schreien, so sind Sie schuld dran. Sie müssen sie eben gleich so fassen, daß keiner schreien kann.«

»So wie Sie mich bei der Gurgel nahmen, nicht wahr! Das kann zehnmal gelingen und beim elften Male doch nicht. Oder es kommen sechs; fünf von ihnen fassen wir richtig; der Sechste aber bekommt Luft und ruft um Hilfe.«

»Hm! Wenn ich dabei sein könnte! Das geht aber nicht. Wie wäre es denn _ hm, ja, wenn Sie sich dazu hergeben könnten!«

»Wozu?«

»Die Kirche ist das einzige Gebäude auf der Insel; sie ist nicht verschlossen. Wenn wir die Mbocovis da hinein lockten!«

»In das Gotteshaus!«

»Warum nicht? Ich halte das für keine Sünde. Denken Sie, wozu im Kriege die Kirchen benutzt werden, und das sind wirkliche, geweihte Gotteshäuser, was aber hier wohl nicht der Fall ist.«

»Sie haben recht! Ich stimme bei.«

»Schön! Die Einzelheiten besprechen wir noch. Ich sagte vorhin, daß die Mbocovis auf den Gedanken kommen könnten, nachzusehen, ob das Dorf wirklich verlassen ist. Es muß also auch verlassen sein. Die Bewohner alle müssen am Abende hinüber auf die kleinen Inseln; Sie aber mit Ihren dreißig Kriegern besetzen die große. Geben Sie bereits jetzt die nötigen Befehle, und dann wollen wir noch einmal hinüberfahren. Ich muß mir einen passenden Landeplatz auswählen.«

»Das wollen wir. Aber Sie betrachten dabei etwas als ganz selbstverständlich, wogegen ich protestieren muß.«

»Was?«

»Daß Sie die Rolle übernehmen, welche die gefährlichste ist.«

»Haben Sie einen andern dazu?«

»Nein.«

»So muß es wohl dabei bleiben. Es fragt sich nur, ob Pena mitgeht.«

»Natürlich gehe ich mit!« antwortete dieser.

»Ich könnte diese Rolle auch allein spielen, aber ich möchte auf alle Fälle Sie bei mir haben, falls ich Rat und Hilfe brauche:«

»Was den Rat betrifft, so haben Sie mich wohl nicht nötig. Aber in Beziehung der Hilfe können Sie sich auf mich verlassen.«

»Ich habe auch noch einen anderen Grund. Sie verstehen die Sprache dieser Mbocovis, ich aber nicht. Nur durch Sie kann ich also erfahren, was sie sprechen.«

»Daran soll es nicht fehlen.«

»Aber Sie sind bei den Mbocovis gewesen, als Sie deren Sprache lernten. Es kann sehr leicht einer da sein, der Sie kennt. Darum müssen wir vorsichtig sein. Sie dürfen vorerst gar nicht auf die Mbocovis horchen, sondern müssen sich mit mir zu dem ›Schwiegersohn‹ halten, mit welchem wir spanisch sprechen. Während dem wird es sich wohl zeigen, ob jemand Sie kennt. Ist dies nicht der Fall, so verraten Sie mit keinem Worte und keiner Miene, daß Sie die Roten verstehen.«

»Ja, seien Sie ja so vorsichtig wie möglich,« bat der Alte. »Wenn Sie Ihren Zweck nicht erreichen oder Ihnen gar ein Unglück geschieht, so sind auch wir schlimm dran. Ich wünschte, wir könnten diese Kerle fangen, ohne daß Sie sich in solche Gefahr zu begeben brauchen. Ich werde meine Leute nicht nur gut instruieren, sondern sogar einüben; sie sollen einander bei den Hälsen nehmen, bis sie die Besinnung verlieren, damit sie dann heute abend wissen, wie man zuzugreifen hat. Jetzt wollen wir nach der Insel.«

Der viejo Desierto rief seine Männer herbei und erteilte ihnen die betreffenden Befehle. Diese verbreiteten sie weiter, und so sahen wir die Leute in die Häuser eilen, um ihre Habseligkeiten, deren ein Indianer nur wenige besitzt, nach den Eilanden zu schaffen. Wir aber begaben uns nach dem Ufer und von da nach der großen Insel.

Die sogenannte Kirche bestand nur aus den vier Wänden und dem Dache. Von einer Seite nach der andern zogen sich die Reihen der Bänke, eingerammte Pfähle mit darauf festgebundenen Langhölzern, wie sie der Wald bietet. Vor denselben stand ein aus demselben Materiale gefertigter Tisch, welcher die Kanzel bildete, und hinter ihm ein Stuhl. Das war die ganze Einrichtung. Die Türe hatte kein Schloß, sondern nur eine ganz gewöhnliche Holzklinke. Die Mauern waren ziemlich stark. Jede Seite besaß eine Fensteröffnung, welche mit einem Laden verschlossen war. Die Einrichtung war meinem Zwecke ganz entsprechend. Sie befriedigte mich so, daß der Alte mir dies ansah, was er durch die Frage bewies:

»Sie sind zufrieden? Denken Sie, daß wir diesen Raum benutzen können?«

»Ja; er ist sehr passend. Ich werde dafür sorgen, daß die Mbocovis hier hereingehen.«

»Wie wollen Sie das anfangen?«

»Da sie einzeln oder nur in kleinen Trupps herüberkommen, müssen sie auf einander warten. Dabei laufen sie, wenn sie sich im Freien aufstellen, Gefahr, von Ihnen gesehen zu werden, aus diesem Grund wird es ihnen einleuchten, wenn ich ihnen den Rat gebe, sich hier zusammenzufinden.«

»Was haben wir zu tun?«

»Zehn Mann von Ihnen stecken sich unter die Bänke und schleichen sich dann hinter die Mbocovis, um sie bei der Kehle zu nehmen. Es werden ihrer immer nur fünf sein; sechs faßt der Kahn, und einer muß ja wieder hinüber ans Ufer. Fünf von Ihren Kriegern greifen also von hinten zu, und die andern fünf haben das nötige Material bei der Hand, um sie zu knebeln und zu binden. Übrigens bedarf es nur bei den ersten Ankömmlingen ganz besonderer Vorsicht. Später können Ihre Leute sich vorn an der Türe aufhalten und jeden Transport in Empfang nehmen. Man wird sie für die schon hier befindlichen Kameraden halten. Ein Hilferuf, wenn er nicht gar zu laut erschallt, kann schwerlich hier hinaus und bis an das Ufer dringen, und die Hauptsache ist, daß Ihre Leute stets nicht eher zugreifen, als bis die Türe wieder zugemacht worden ist. Auch müssen die Gebundenen so bedroht werden, daß sie es nicht wagen, einen warnenden Laut hören zu lassen, wenn ein neuer Transport der Ihrigen hereintritt. Übrigens werde ich es, wenn es immer möglich zu machen ist, so einrichten, daß ich mich mit Pena gleich bei den ersten Fünf befinde. Gelingt mir das, so brauchen Ihre Leute nur auf das zu hören, was ich sage. Es ist scheinbar an die Mbocovis, eigentlich aber an sie gerichtet. Suchen Sie Leute aus, die vielleicht ein wenig Spanisch verstehen!«

»Da habe ich zwei, die Sie leidlich verstehen werden, wenn Sie langsam und deutlich sprechen. Aber warum sollen sich nur zehn Mann hier verstecken? Ich habe ja dreißig!«

»Aus sehr guten Gründen. Erstens genügen zehn Mann vollständig, fünf Feinde zu überwältigen, und zweitens würden dreißig Menschen sich hier nicht so gut verstecken können, wie zehn. Sodann steht auch zu erwarten, daß der ›Schwiegersohn‹ sich erst nach der Insel begeben wird, um sich zu überzeugen, daß meine Angaben auf Wahrheit beruhen und daß er seine Leute ohne Gefahr hier auf einander warten lassen kann. Er wird sehen wollen, ob es wirklich an dem ist, daß er sich Ihrer zu bemächtigen vermag. Darum muß er Sie und Ihre übrigen zwanzig Krieger sehen.«

»Bei der Dunkelheit wird er mich nicht erkennen!«

»Sie mit Ihrem Barte und langem, schwarzem Talare sind selbst im Dunkeln zu unterscheiden. Um ihm aber die Sache so leicht wie möglich zu machen, brennen Sie ein Feuer an, um welches Sie sich lagern. Die Stelle dazu müssen Sie so wählen, daß er sich ohne Mühe anschleichen kann und daß er auch zu der Einsicht gelangt, daß Sie sich um die Gegend, in welcher die Kirche steht, gar nicht bekümmern.«

»Sagen Sie mir den passendsten Ort!«

»So kommen Sie heraus!«

Wir verließen die Kirche und ich fand eine Stelle, wo das Feuer, genügend von der Kirche entfernt, angebrannt werden konnte. Der geheimnisvolle Mann blickte nachdenklich vor sich nieder. Pena mochte denken, daß er mit meinen Ratschlägen nicht einverstanden sei, denn er fragte:

»Was machen Sie für ein Gesicht? Können Sie vielleicht bessere und sachgemäßere Anordnungen treffen?«

»Nein, gewiß nicht,« lautete die Antwort. »Gut ist der Plan, ja, aber auch sehr kompliziert und nicht leicht auszuführen. Den zehn Personen, welche ich in die Kirche postiere, fällt eine schwere Aufgabe zu.«

»Suchen Sie nur Leute aus, welche derselben gewachsen sind! Der Angriff gilt Ihnen und nicht uns. Darum liegt es nur in Ihrem Interesse, sich Mühe zu geben. Uns beide geht die Sache eigentlich nichts an. Wir haben unsern Zweck erreicht und Sie gewarnt und könnten nun unsere Wege gehen. Anstatt dessen aber bleiben wir und nehmen sogar den schwersten und gefährlichsten Teil der Aufgabe auf uns. Es ist kein Spaß, sich unter die Mbocovis zu wagen; das werden Sie zugeben!«

»Freilich! Wenn ich daran denke, so möchte mir himmelangst um Sie werden!«

»Denken Sie nicht an uns, sondern an sich!« sagte ich ihm. »Und sorgen Sie dafür, daß meine Ratschläge befolgt werden. Ich bin, wie bereits erwähnt, überzeugt, daß der Schwiegersohn. der jetzt mit seiner Schar das Versteck vielleicht erreicht hat, sich nach der Lagune schleicht, um sich umzusehen. Lassen Sie den Umzug nach den Inseln recht auffällig vor sich gehen, so daß er es bemerken muß! Und ferner, da Sie uns ausgeraubt haben, so müssen wir auch äußerlich als Leute erscheinen, die sich als Gefangene in brutalen Händen befunden haben. Wir werden also unsere Anzüge zurücklassen, und Sie müssen für Kleidungsstücke sorgen, mit denen wir uns leidlich bedecken können.«

»Was?« fragte Pena. »Soll ich mich etwa nur in ein altes indianisches Hemde einwickeln?«

»Ja. Je ärmlicher wir aussehen, desto leichter finden wir Glauben und Vertrauen.«

»Mir auch recht! Soll es Fasching sein, dann bin ich mit der tollsten Verkleidung einverstanden. Ich werde auch meinen Haaren eine Frisur geben, welche Vertrauen erweckt.«

»Keine Überschwenglichkeiten! Es muß alles wahr und nicht gemacht erscheinen.«

»Aber unsere Waffen nehmen wir mit!«

»Nein. Wir haben unsere Fäuste, und gilt es, so genügt ein Griff, um uns in den Besitz von Messern und anderen Waffen zu bringen. Droht uns Gefahr, so ist es natürlich das erste, dem nächststehenden Roten seinen Kneif, seine Pfeile oder was er sonst hat, zu entreißen.«

»Ist diese Maßregel partout notwendig?«

»Ja. Wenn die Tobas uns feindlich behandeln und uns alles nehmen, so werden sie uns doch nicht gerade im Besitze dessen lassen, was für sie den größten Wert besitzt und, wenn sie es uns lassen, ihnen gefährlich werden könnte, nämlich unsere Waffen.«

»Sie haben recht. Wir wagen viel; aber ich denke, daß es gelingen wird.«

Jetzt sahen wir Leute am Ufer erscheinen, welche die Boote losmachten, um ihre Habseligkeiten nach den Inseln zu schaffen. Weiter oben lag ein Floß, welches als Fähre für die Tiere diente. Auch dieses wurde in Gebrauch genommen. Es entwickelte sich zwischen dem Ufer und den Eilanden ein sehr reges und bewegtes Leben, welches selbst in größerer Ferne zu sehen war und auffallen mußte. Wir verließen die Insel. Als wir landeten und aus dem Boote stiegen, sagte ich zu dem Alten:

»Nun öffnen Sie die Schleuse!«

»Wie? Ich soll das Wasser in den Graben laufen lassen? Sie sagten doch, daß dies Verdacht erregen würde!«

»Den erregt es nur in dem Falle, daß die Mbocovis diese Maßregel auf sich beziehen. Haben sie aber erfahren, daß Sie von den Chiriguanos überfallen werden sollen und vor diesen auf die Inseln geflüchtet sind, so werden sie es als ganz selbstverständlich nehmen, daß Sie Ihre verlassenen Wohnungen durch einen Wasserring vor der Zerstörung schützen wollen.«

Die Schleuse wurde aufgezogen, und das Wasser ergoß sich in einem breiten, starken Strahle in den Graben, so daß ich annahm, daß der Ringgraben sich zwar nicht binnen einigen Stunden, aber doch bis zum Abende gefüllt haben werde.

Nun galt es, den Umzug zu beaufsichtigen, und noch manches andere Nötige zu tun. Unser Plan wurde noch viel ausführlicher durchsprochen, als es bisher möglich gewesen war, wo es sich bloß um die Hauptzüge desselben gehandelt hatte. Alle möglichen Bedenken und Störungen wurden erwogen, um Beschluß zu fassen, was in den einzelnen, unvorhergesehenen Fällen getan werden sollte. Und dann erhielten die mithandelnden Indianer ihre genauen Instruktionen.

Darüber war die Zeit des Mittages und auch ein ziemlicher Teil des Nachmittages vergangen, und wir, Pena und ich, mußten nun an den Aufbruch denken.

Der Alte besaß einen Vorrat von Stoff zu Anzügen für seine Leute, auch fertig gemachte Stücke, und bot uns diese zur Auswahl an. Ich durfte aber nicht darauf eingehen, da es unserm Zwecke nicht entsprochen hätte, neue Sachen zu tragen. Darum wurden zwei alte Hosen und indianische Hemden herbeigeschafft, und wir begaben uns nach dem Felsen, um uns in der Wohnung des Desierto umzuziehen und dort unsere Waffen aufzubewahren, da sie dort jedenfalls am sichersten lagen.

Als wir dann noch einmal in den Garten gingen, sahen wir wirklich aus wie zwei Menschen, welche der Gefangenschaft entronnen sind. Ich blickte durch eine Maueröffnung hinab zum See und rechts hinüber nach der Uferseite der Richtung, aus welcher wir nach der Lagune gekommen waren. Der Alte stand bei uns und erklärte uns den Weg, welchen wir einschlagen mußten, um nach dem Verstecke der Mbocovis zu gelangen.

»Jammerschade, daß ich um mein Fernrohr gekommen bin!« sagte ich. »Es würde mir jetzt gute Dienste leisten. Vielleicht könnte ich durch das Rohr den Schwiegersohn entdecken.«

»So kann Ihnen geholfen werden, denn ich habe ein Perspektiv.«

»Wirklich? Das ist vortrefflich! Holen Sie es!«

Er holte mir das Rohr, welches größer und besser als das meinige war, und ich richtete es nach dem Ufer der Lagune. Ich suchte dasselbe einige Male sehr sorgfältig ab, ohne etwas anderes als einige Vögel zu sehen.

»Sie irren,« meinte der Alte. »Der Yerno ist nicht da. Er wird sich hüten, am Tage nach der Lagune zu kommen, wo er so leicht entdeckt werden kann.«

»Und doch möchte ich darauf wetten, daß er da ist oder daß er dagewesen ist oder auch noch kommt!«

»Geben Sie sich weiter keine Mühe! Es ist vergeblich!«

Ich war auch davon überzeugt und setzte das Rohr ab. Pena nahm es mir aus der Hand und meinte:

»Lassen Sie sehen, ob ich ihn vielleicht erwische! Ich habe zwar kein Geschick dazu, aber ich weiß, daß – – – «

Er hielt inne, und sein Gesicht nahm einen gespannten Ausdruck an. Man erfährt sehr oft, daß, was dem einen trotz aller Mühe nicht gelingt, dem andern gleich beim ersten Versuche in die Hände läuft. So auch hier. Pena nahm das Rohr vom Auge und sagte in befriedigtem Ton:

»Ich habe ihn! Ich halte das Ding ans Auge, blicke hinein und sehe einen Kerl, welcher im Schilfe am Ufer liegt, gerade vor meinem Glase. Es war, als habe mir ein Unsichtbarer das Rohr gerade auf diese Stelle gerichtet.«

»Wo liegt er?«

Er beschrieb mir die Stelle und ich fand den Mann. Die Entfernung war zu groß, als daß ich seine Züge hätte erkennen können; aber ein Weißer war es, und auch genau so gekleidet wie der Yerno.

»Er ist's!« rief ich erfreut aus. »Ich habe also ganz richtig vermutet. Daß er da ist und sich gerade dort befindet, das erleichtert uns unser Vorhaben außerordentlich. Kommen Sie schnell hinunter! Wir müssen hinüber zu ihm. El Desierto geht auch mit.«

»Ich?« fragte der Alte erstaunt. »Sind Sie des Teufels?«

»Nein. Ich erkläre Ihnen die Sache unterwegs! Nehmen Sie zwei Stricke oder Riemen mit, um uns zu binden! Auch das Fernrohr wird mitgenommen.«

Ich ging rasch fort und sie mußten mir folgen. Als wir an der Algarobe hinuntergeklettert waren, konnte ich ihnen sagen, was ich vorhatte. Beide stimmten mir bei. Wir gingen zum Ufer und riefen dort zwei Indianer zu uns. Pena wurde an Händen und Füßen, ich nur an den letzteren gebunden; dann legte man uns beide in das Boot. Der Alte setzte sich zu uns, und die Indianer ergriffen die Ruder. Das Boot verließ den Anlegeplatz, um nach dem Punkte gerichtet zu werden, an welchem der Schwiegersohn lag.

Dieser hatte uns nicht sehen können, da die Insel dazwischen lag; aber als wir um die Spitze derselben kamen, mußte er uns bemerken. Ich lag auf dem Bauche und legte das Fernrohr auf den Rand des Bootes, um zu beobachten, was er tun werde.

Er sah, daß der Lauf des Fahrzeuges gerade nach der Stelle gerichtet war, an welcher er sich befand, und kroch durch das Schilf zurück. Für einige Augenblicke wurde er durch dasselbe verdeckt, und ich verlor ihn aus den Augen. Dann aber sah ich ihn wieder erscheinen. Er richtete sich am Stamme einer Carapa auf und blickte nach uns. Dann legte er die Hände um den Stamm und kletterte an demselben empor. Ich hatte genug gesehen und schob das Fernrohr zusammen, gab es dem Alten und forderte ihn auf:

»Binden Sie mir nun auch die Hände! Der Coup wird gelingen. Er sitzt auf einem Baume.«

»Das ist ja tollkühn von ihm! Wenn wir ihn nun sehen!«

»Der Wipfel des Baumes ist dicht genug, ihn zu verbergen. Er wird hören wollen, was gesprochen wird.«

»Aber er könnte sich doch auch sagen, daß wir ihn gesehen haben und ihn nun fangen wollen!«

»Das ist seiner Ansicht nach unmöglich. Mit dem bloßen Auge konnte man ihn nicht sehen, und daß Sie ein Fernrohr haben, weiß er nicht. Daß er nicht flieht, sondern sich auf dem Baum verbirgt, ist ein Beweis, daß er sich sicher fühlt. Das Boot kommt ihm wichtig genug vor, um es ihn wagen zu lassen, zu bleiben, um erfahren zu können, was es will. Bis jetzt hat er uns zwei nicht sehen können. Nun aber wird er uns bald bemerken.«

Wir näherten uns schnell dem Ufer und stießen an einer Stelle an, welche von seinem Verstecke etwa zwanzig Schritte entfernt war. Er mußte also hören, was gesprochen wurde. Wir hatten es vermieden, dort anzulegen, wo er gelagert hatte. Seine Spur hätte uns auffallen müssen – was er freilich auch nicht berechnet hatte, der Unvorsichtige! – und dadurch wäre unsere unbefangene Handlung gestört worden.

Einer der Roten sprang an das Ufer und band den Kahn am Schilfe fest. Dann wurden wir beide einer nach dem andern ziemlich unsanft herausgewälzt. Der Alte knotete mir die Handfesseln auf und sagte laut:

»So, jetzt könnt ihr euch selbst vollends losbinden. Macht euch dann aber schnell von dannen, und wagt es niemals wieder, euch auf dem Gebiete der Tobas sehen zu lassen! Erwischen wir euch wieder, so kommt ihr nicht mit dem Leben davon, wie jetzt. Fort mit euch, ihr Halunken!«

Er gab mir mit dem Ruder einen tüchtigen Hieb; der Rote band das Boot wieder los, sprang hinein, und dann ruderten sie zurück. Ich ballte beide Fäuste und drohte ihnen nach. Dann band ich mir den Riemen von den Füßen und löste auch die Fesseln meines Kameraden. Wir standen auf, reckten die Arme und Beine, befühlten die Stellen, an denen wir gebunden gewesen waren, und taten überhaupt so, als ob wir lange Zeit gefesselt gewesen wären. Dabei machte ich Pena in leisen Worten auf den Baum aufmerksam, auf welchem der Mann saß. Wir näherten uns demselben, ohne bemerken zu lassen, daß seine zurückgelassene Spur, auf welcher wir jetzt standen, auffallen mußte, und blieben dann stehen, indem wir dem eben hinter der Insel verschwindenden Boot nachblickten.

»Endlich, endlich!« rief ich aus, indem ich tief Atem holte. »Schon dachte ich, daß es unser Letztes sei! Ich glaubte, daß wir in das Wasser geworfen und ersäuft werden sollten.«

»Ich auch,« stimmte Pena bei.

»Daß dieser alte Halunke es nicht getan hat, ist sehr dumm von ihm! Meinst du nicht auch?«

»So wäre es also gescheiter gewesen, wenn uns jetzt die Krokodile hätten, von denen diese verteufelte Lagune wimmelt?«

»Ja, nämlich von seinem Standpunkte aus. Er wäre uns dann für immer los gewesen.«

»Ah, so meinst du es! Ja, er wird uns wohl bald wieder zu sehen bekommen!«

»Trotz seiner Drohung, die ich verlache! Hätte ich nur schnell wieder ein Messer und ein Gewehr; die erste Kugel wäre für ihn bestimmt!«

»Und ich ruhe nicht eher, als bis wir ihn samt all seinen roten Dieben weggeputzt haben! Uns auszurauben bis auf den nackten Leib und dann in diese Lumpen zu stecken! Was nun tun und anfangen? Wir können nichts schießen und nichts jagen. Wie wollen wir leben und uns bis zur nächsten Ansiedelung durchfristen? Von Wurzeln leben etwa, wie das liebe Vieh?«

»Was bleibt uns anderes übrig?«

»Der Henker hole den Kerl; wenn nicht, so holen wir ihn selbst! Aber wir müssen fort, sonst bereut er es, uns freigegeben zu haben, und kommt zurück.«

»Aber wohin?«

»Nun, irgend wohin, wo es Menschen gibt, die uns helfen können. Nach dem Rio Salado. Dort gibt es Orte genug.«

Ich blickte nachdenklich vor mir nieder und brummte in den Bart.

»Was sinnst du?« fragte Pena. »Bist du etwa anderer Meinung?«

»Ja,« antwortete ich, wie unter einem Entschlusse auffahrend. »Nach dem Salado ist's zu weit. Wir können unterwegs zehnmal verhungern und verkommen. Was denkst du? Wie wäre es mit den Chiriguanos?«

»Das ist ein guter Gedanke!« rief Pena erfreut. »Daran hätte ich kaum gedacht! Das ist vortrefflich! Das ist das Beste, was wir tun können!«

»Nicht wahr! Wir suchen die Chiriguanos auf und fallen mit ihnen über die Schurken her. Wir holen uns alles wieder, was sie uns genommen haben, und noch mehr, viel mehr dazu!«

»Ja, viel mehr!« rief Pena triumphierend. »Wenn dieser alte Desierto wüßte, daß wir sein Gespräch mit der Königin belauscht haben! Nun wissen wir, wo er das viele Geld versteckt hat. Das wird natürlich unser. Alles übrige lassen wir den Chiriguanos. Dieser Hund soll dabeistehen, wenn wir seinen Kasten herausholen und aufmachen, gebunden und gefesselt wie wir während dieser Tage! Die Wut soll ihn halb umbringen und das übrige werden unsere Messer besorgen!«

»Nur erst welche haben!«

»O, die bekommen wir! Die Chiriguanos werden uns gerne als Verbündete empfangen und mit Waffen versorgen. Wollen keine Zeit verlieren. Machen wir also, daß wir hier fortkommen.«

 << Kapitel 35  Kapitel 37 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.