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Der Schatz der Inkas

Karl May: Der Schatz der Inkas - Kapitel 33
Quellenangabe
pfad/may/sendado2/sendado2.xml
typefiction
authorKarl May
titleLopez Jordan
publisherDeutscher Hausschatz in Wort und Bild
booktitleEl Sendador
firstpub 1890/1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.karl-may-gesellschaft.de
created20090708
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32. Fortsetzung

»Und ich ein Catolico.«

»Was? Wirklich?« fragte sie erfreut.

»Ja, Sennorita.«

»Das ist gut; denn da brauche ich Sie nicht zu hassen. Es hätte mir sehr leid getan, denn Sie gefallen mir.«

»Welcher von uns zweien?«

»Alle beide.«

»Das freut mich sehr. Auch Sie gefallen mir, und ich hoffe, daß wir gute Freunde werden. Sie nannten sich die Herrscherin der Tobas. Wer ist der Häuptling derselben?«

»Das Volk der Tobas zerfällt in mehrere Stämme, deren jeder einen Häuptling hat. Die Herrscherin über alle aber bin ich, und der Tio regiert sie an meiner Stelle.«

»Wie kommt es, daß kein männlicher Herrscher vorhanden ist?«

»Der vorherige Herrscher war mein Großvater, und dieser ist tot. Der letzte Herrscher aber ist fortgegangen und nicht wiedergekommen. Er war ein Christ.«

»Das verstehe ich nicht ganz.«

»So will ich es Ihnen erklären. Die Familie der Könige, welche über die Tobas herrschen, ist so alt wie das Volk selbst. Mein Großvater war der letzte Sproß derselben. Er hatte keinen Sohn, sondern eine Tochter. Nach den Gesetzen der Toba mußte diese die Königin werden, und derjenige, den sie liebte, wurde der Herrscher. Alle Jünglinge des Volkes, welche sich durch Kraft, Tapferkeit oder Klugheit ausgezeichnet hatten, bewarben sich um ihre Gunst, aber sie mochte keinen von ihnen, denn sie liebte einen Weißen, der zu uns gekommen war. Die Ältesten traten zusammen, um zu beraten, und sie machten ihn zu ihrem Herrscher, denn er wurde der Mann meiner Mutter. Als ich geboren war, ging er auf die Jagd und kehrte nicht zurück. Mit ihm war auch das viele Gold verschwunden, welches die Toba aus den Bergen geholt hatten und das den Schatz des Volkes bildete.«

»So ist er vielleicht auf der Jagd verunglückt!«

»Nimmt man viele Pfunde Gold mit, wenn man zur Jagd geht?«

»Allerdings nicht. Aber hat man gesehen, daß er es nahm?«

»Nein.«

»So kann auch ein anderer der Dieb gewesen sein!«

»Nein. Wenn ein Toba das Gold gestohlen hätte, so hätte man später gesehen, daß er reicher geworden sei. Mein Vater war der Dieb, denn er war ein Christ.«

»Ein Reformado, willst Du sagen!«

»Ja. Ich antwortete dir, daß niemand wieder von ihm gehört hat. Das ist auch wahr. Gehört hat keiner von ihm; aber gesehen hat ihn einer in einer großen Stadt, welche Montevideo heißt. Der Mann, einer unserer Krieger, war als Führer dorthin gekommen und sah meinen Vater, seinen entflohenen Herrscher, in einem prächtigen Wagen fahren.«

»Menschen sehen einander ähnlich!«

»Er war es, denn der Krieger ist dem Wagen nachgesprungen, der bald darauf vor einem schönen Hause gehalten hat. Als mein Vater ausstieg, trat der Krieger zu ihm und nannte ihn beim Namen. Mein Vater erkannte ihn und nahm ihn mit in das Haus. Er wollte ihm Geld geben, damit er schweige. Der Krieger nahm das Geld nicht; er erfuhr, daß mein Vater ein neues Weib habe, und als er ging, war sein Messer rot.«

»Ah! Was hat er getan?«

»Was jeder Toba getan hätte.«

»Herrgott! Deinen Vater hat er erstochen! Graut dir nicht dabei, wenn du daran denkst?«

»Nein. Er war ein Verräter; ihm ist sein Recht geschehen.«

Sie sagte das so kalt, als ob sie von dem fremdesten Menschen spreche. Dann fuhr sie fort:

»Meine Mutter hatte ihn sehr lieb gehabt; als er fort war, wurde sie krank und starb. Nun bin ich die Königin.«

»Und der, den du zum Manne nimmst, wird Herrscher deines Volkes?«

»Ja. Aber die Tobas werden keinen König wieder haben.«

»So willst du dich nicht verheiraten?«

»Nein. Auch er ist fort und kommt nicht wieder. Ich freue mich, daß ich sein Weib nicht geworden bin. Der Tio sagte, ich sei noch zu jung dazu. Er hätte mich auch verlassen, wenn er mein Mann geworden wäre.«

»Wer war er denn?«

»Ein Cascarillero.

»Jung?«

»Jung und schön, stark und mutig. Alle Mädchen liebten ihn; aber er liebte nur mich, doch auch nur so lange, bis er ging.«

»Vielleicht kehrt er noch zurück?«

»Nein. Die Zeit, welche wir ihm stellten, ist doppelt verflossen.«

»Hat er euch auch bestohlen?«

»Ja.«

»Hm! Ich frage danach, weil, wenn er in dieser Beziehung ehrlich gewesen wäre, Hoffnung vorhanden sein würde, daß er dennoch treu geblieben ist. Was hat er gestohlen?«

»Geld, viel Geld vom Tio und dem Stamme.«

»Dann wäre er ein ebenso gewissenloser Mensch, wie dein Vater war.«

»Er ist ein Lügner und ein Dieb, denn er war ein Christ.«

»Sagte er denn, daß er ein Reformado sei?«

»Nein. Er nannte sich einen Catolico; aber das war eine Lüge. Wäre es wahr gewesen, so hätte er sein Wort gehalten, denn ein Catolico stiehlt nicht und kommt auch wieder, wenn er es versprochen hat.«

Wie lange ist er hier gewesen?«

»Mehrere Jahre. Der Tio fand ihn verwundet in dem Walde und brachte ihn nach der Lagune, um ihn zu heilen. Er gewann ihn lieb und erlaubte ihm, bei uns zu bleiben. Er nahm ihn stets mit, wenn er ging, um Gold zu suchen oder Cascarilla zu sammeln. Dann liebten wir uns, und die Häuptlinge traten zur Beratung zusammen, wie damals bei meiner Mutter. Sie wollten Nein sagen und mich zwingen, einem aus meinem Volke meine Hand zu geben; aber der Tio hatte ihn auch lieb gewonnen und sprach für ihn und mich. Da gaben sie ihre Erlaubnis. Darauf kam die Zeit des Jahres, in welcher wir die Cascarilla nach dem Flusse schaffen. Der Transport erreichte denselben; unsere Leute bauten ein Floß und luden die Cascarilla darauf. Es wurde bemannt, und er machte den Anführer, denn er sollte die Cascarilla nach Santa Fé schaffen, sie dort verkaufen und dann mit dem Gelde zurückkommen. Unsere Ruderer kehrten zurück. Sie hatten ihn bis zum Schiffe begleitet, in welches die Cascarilla übergeladen worden war; er aber ist entflohen.«

»Wenn es so steht, so kannst du nicht behaupten, daß er ein Dieb sei. Er kann verhindert gewesen sein, sein Wort bis jetzt zu halten.«

»Das hoffe ich und glaubte es gern; nun aber ist meine Hoffnung vorüber. Der Tio hat einen Boten nach Santa Fé gesandt und erfahren, daß die Cascarilla verkauft und das Geld dafür ausgezahlt worden. Ist das nicht der Beweis, daß der Verräter gestohlen hat?«

»Nein. Es ist Krieg in jenen Gegenden, und der Weg nach hier führt durch das Gebiet feindlicher Indianer. Wer weiß, wo er sich befindet, wo er steckt! Wer weiß, ob er noch lebt!«

Sie blickte durch das Fenster hinaus auf den See. Ihre harten, starren Züge, die das Gesicht in den letzten fünf Minuten angenommen hatten, wurden weicher und immer weicher, und in mildem Tone fragte sie:

»Sennor, meinen Sie, ich brauchte noch nicht zu zweifeln?«

»Das ist meine Ansicht. Selbst wenn er nie zurückkehren sollte, haben Sie kein Recht, ihn für einen Lügner, einen Meineidigen und Dieb zu halten. Dieses Recht haben Sie erst dann, wenn Sie beweisen können, daß er noch lebt und sich das fremde Geld unrechtmäßiger Weise angeeignet hat.«

»Ich danke Ihnen, Sennor! Sie haben recht. Mein Herz war hart geworden. Ich will ihn nicht hassen. Vielleicht kommt er noch zurück. Aber sagten Sie nicht, daß der Tio auch in den Garten kommen wolle? Was hat er zu tun? Sie sind seine Gäste, und ich muß Sie doch bewirten.«

Ich nahm, als ob ich es betrachten wolle, ihr Gewehr in die Hand. Es war noch nicht wieder geladen. Das beruhigte mich, denn diesem Mädchen war es zuzutrauen, wenigstens den Versuch zu machen, auf uns zu schießen.

»Er kann noch nicht kommen,« antwortete ich, indem ich das Gewehr an seinen Platz zurückstellte.

»Warum?«

»Er hat einen großen Fehler begangen, welcher ihn verhindert, so schnell bei Ihnen zu sein.«

»Welchen Fehler?«

»Das sollen Sie hören, und ich hoffe, daß Sie klüger sein werden, als er gewesen ist. Nicht wahr, Ihre Krieger sind auf einem Zuge gegen die Chiriguanos entfernt und Ihr Dorf liegt unbeschützt gegen Feinde da?«

»Nein, es blieben zehn Krieger zurück; die anderen sind alle fort.«

»Das ist sehr wenig. Wenn es nun einem Feinde einfallen sollte, Sie zu überfallen?«

»Den würden wir zurückjagen.«

»Mit nur zehn Männern?«

»Die brauchen wir gar nicht einmal dazu.«

»So! Wer soll denn kämpfen?«

»Wir Mädchen.«

»Ah! Sind die Mädchen Ihres Stammes so kriegerisch?«

»Sie waren es nie, und auch wir haben noch nicht ernstlich gekämpft. Aber seit ich weiß, daß mein Volk keinen König haben wird, sondern nur mich als Königin, habe ich die jungen Mädchen um mich versammelt und mir aus ihrem Kreise die stärksten, gewandtesten und mutigsten zur Leibgarde ausgewählt. Der Tio macht ihren Lehrer, und ich glaube, daß wir ebenso tapfer kämpfen würden wie die Männer.«

»Auch gegen die Mbocovis?«

»Gegen diese erst recht! Sie sollen nur kommen, sie waren es, welche den verwundet hatten, den ich liebe!«

»So sind Sie ihnen eigentlich nicht Rache, sondern Dank schuldig, denn dadurch haben Sie Ihren Geliebten kennengelernt. Aber ich spreche nicht ohne Absicht von ihnen. Sie haben sich wirklich aufgemacht, um die Laguna de Carapa zu überfallen.«

»Was? Wirklich? Woher wissen Sie das?«

»Wir lagen in ihrer Nähe und hörten sie sprechen.«

Das Mädchen stand langsam und ruhig von ihrem Sitze auf, lehnte sich gegen die Mauer, kreuzte die Arme über die Brust und sagte:

»Das müssen Sie mir ganz genau erzählen, Wort für Wort! Ich muß alles, alles wissen, um dann bestimmen zu können, was geschehen soll!«

Eine andere wäre erschrocken oder sonst erregt von der Bank aufgesprungen und hätte vielleicht geklagt und gejammert. Ganz anders diese hier. Sobald sie erfuhr, daß dem Dorfe eine Gefahr drohe, war sie mit einem Male so kalt und besonnen wie ein alter Krieger, welcher weiß, daß von seinen Dispositionen der Sieg abhängt.

Ich erzählte ihr den ganzen Hergang bis zu dem Augenblicke, an welchem ich draußen auf dem Baume die Schnur zur Klingel gezogen hatte. Bis hierher hatte sie mich mit keinem Worte unterbrochen, jetzt aber rief sie mir erschrocken zu:

»Das haben Sie gewagt, wirklich gewagt?«

»Ja.«

»Und Sie haben den Tio noch nie gesehen und noch nie mit ihm gesprochen?«

»Ich sah und sprach ihn heute, vorhin zum ersten Male.«

»Sennor, so wundert es mich, daß ich Sie beide vor mir sehe! Erzählten Sie es mir nicht selbst, so würde ich schwören, daß Sie tot seien. Damit, daß sie sich in sein Geheimnis einschlichen, haben Sie Ihr Leben verwirkt.«

»Handhabt er das wirklich gar so streng?«

»Ja. Ich wiederhole Ihnen, es ist ein großes Wunder, daß ich Sie lebend und unverletzt hier sehe.«

»Nun, wenn es nach ihm gegangen wäre, so wären wir allerdings nicht mehr am Leben.«

»Wer ließ Sie ein?«

Ich erzählte den Hergang.

Sie stand mit über der Brust gekreuzten Armen da und hörte mir zu, ohne ein Wort zu sagen, ja ohne eine Miene zu verändern. Nur als ich ihr berichtete, daß wir die drei gefesselt hatten, unterbrach sie mich mit der Frage:

»Aber sie sind nicht tot?«

»Nein; sie leben noch.«

»So fahren Sie fort!«

Sie hörte mir bis zum Ende zu, ohne die geringste Erregung zu zeigen; nur in ihren Augen glänzte ein öfteres Leuchten, welches bewies, daß sie innerlich nicht so ruhig sei wie äußerlich. Als ich dann fertig war, ließ sie die Hände sinken, legte mir die Rechte auf die Achsel und sagte:

»Sennor, der Oheim hatte ganz recht, als er behauptete, daß Sie ein gefährlicher Mensch seien, gefährlich nämlich für Ihren Feind. Zu uns aber sind Sie als Freund gekommen und werden es uns wohl auch bleiben!«

»Ich beabsichtige es allerdings, setze dabei jedoch voraus, daß ich nicht noch fernerhin beleidigt werde.«

»Sie werden kein ähnliches Wort mehr hören.«

»Was aber dann, wenn der Tio sich doch zu neuen Feindseligkeiten entschließt?«

»Ich werde mit ihm sprechen, und er muß nicht nur auf meine Stimme, sondern auch auf diejenige der Vernunft hören.«

»So gehen wir mit.«

»Ja – – oder bleiben Sie hier! Ich will es allein sein, die ihn befreit. Er ist stolz und es ist besser, er sieht Sie nicht als seine Überwinder vor sich stehen.«

»Verlangen Sie da nicht zu viel, Sennora? Wir kennen die Geheimnisse dieses Schlupfwinkels noch nicht ganz. Wenn wir hier zurückbleiben, können sich allerlei Wolken, von denen wir keine Ahnung haben, über uns zusammenziehen!«

»Nein. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß Sie hier ganz sicher sind, daß Ihnen nichts geschieht, und daß Sie unter meinem Schutze stehen. Ist das genug? Wollen Sie mir vertrauen?«

»Ja, gehen Sie!«

Sie ließ ihr Gewehr liegen und ging. Pena blickte ihr nach, bis sie im Treppenhäuschen verschwunden war, und sagte dann:

»Wettermädchen! So eine Indianerin ist mir freilich noch nicht vorgekommen. Was meinen Sie, daß nun geschehen wird?«

»Sie wird mit dem Alten zurückkehren, und ich glaube, daß er uns um Verzeihung bittet.«

»Hm! So hoch versteigen sich meine Hoffnungen noch nicht. Er wird ein böses Gesicht machen!«

»Nur ein verlegenes. Es ist nicht angenehm, überwunden worden zu sein, nachdem man sich vorher so herrisch benommen hat.«

»Das Mädchen ist weit verständiger als der Alte. Wie sie dastand, so ruhig und stolz. Da sah man es ihr an, daß sie die Königin der Tobas ist!« sagte Pena.

»Sie können die Erfahrung machen, daß Frauen, welche die Gewohnheit besitzen, die Arme über die Brust zu kreuzen, meist energischen Charakters und festen Willens sind.«

Es verging fast eine halbe Stunde, ehe die Indianerin zurückkehrte. Sie kam nicht allein; der alte Desierto folgte ihr. Der Ausdruck seines Gesichtes war ein eigentümlicher. Scham, Ärger und ein wenig Reue, das war's, was man in demselben lesen konnte.

»Da bringe ich ihn!« sagte das Mädchen. »Er hat mir gesagt, daß er Ihnen verzeihen werde.«

Es wollte mir ein Lächeln über die Lippen schlüpfen, aber ich drängte es zurück. Warum sollte ich dem armen Manne nicht wenigstens scheinbar zugeben, daß er es sei, dem zu viel geschehen war? Er machte eine leichte Verbeugung und sagte:

»Unica hat mir mitgeteilt, wie sich die Sache eigentlich verhält. Das konnte ich nicht wissen. Wären Sie ausführlicher gewesen, so hätte ich mich anders verhalten.«

Nun, wir hatten ihm genau dasselbe gesagt als ihr; er hatte kein Wort weniger erfahren als sie; doch fand er außer dieser keine andere Entschuldigung, und ich erleichterte ihm die Sache dadurch, daß ich ihm antwortete:

»Wir waren ohne Ihre Erlaubnis bei Ihnen eingedrungen; das mußte Ihren Zorn erregen, und so bitten wir nachträglich um Ihre Verzeihung!«

»Die haben Sie, Sennores. Nun aber ist die Hauptsache der Beweis, daß alles, was Sie uns berichten, sich auch so verhält. Wie wollen Sie den liefern?«

»Ja, Sennor, was soll ich Ihnen auf diese Frage antworten? Wenn Sie nicht unsern Worten glauben wollen, so müssen sie eben auf die Taten warten. Wir warnen Sie, und damit sind wir am Ende unserer Aufgaben angelangt. Glauben Sie uns, dann gut! Glauben Sie uns aber nicht, nun so können Sie ja warten, bis die Mbocovis kommen und über Sie herfallen!«

»Das letztere werde ich wohl vermeiden!«

»Behalten Sie uns hier, und wenn es sich herausstellt, daß wir die Unwahrheit gesagt haben, so schießen Sie uns eine Kugel durch den Kopf!«

Da flog doch ein kleines, ganz leises Lächeln über sein Gesicht und er antwortete:

»Sie wären mir diejenigen, denen man eine Kugel geben könnte, ohne befürchten zu müssen, daß man vorher selbst erschossen wird! Sennor, so verwegene Männer, wie Sie beide sind, habe ich noch nicht getroffen! Niemals hätte ich es für möglich gehalten, daß mir so etwas geschehen könne! Und noch dazu in meiner eigenen Klause, in Gegenwart zweier Indianer, welche so stark wie die Bären sind! Und dabei bedurfte es nur eines Hauches in die Rohre, so war es aus mit Ihnen! Wehe dem, der Sie zum Feinde hat!«

»Also, wehe den Mbocovis!«

»Betrachten Sie diese wirklich als Ihre Gegner? Was haben Sie ihnen getan?«

»Nichts.«

»Nun, dann können Sie doch nicht von Feindschaft sprechen!«

»Eigentlich nicht; aber ich habe mich nun einmal auf Ihre Seite geschlagen und werde Ihre Feinde in Folge dessen als die meinigen behandeln.«

»So würden Sie unter Umständen noch über die Warnung hinausgehen?«

»Ja, wir sind beide bereit, noch mehr zu tun.«

»Aber Sie haben doch gar kein Interesse dabei?«

Er war noch immer mißtrauisch, wie seine Fragen zeigten. Ich antwortete:

»Das Interesse eines jeden pflichttreuen Menschen, dem es ein Bedürfnis ist, Böses zu verhüten und dem Bedrängten beizustehen.«

»Aber das Recht kann auch auf der Seite der Mbocovis sein! Sie kennen weder sie noch uns!«

»Wir haben erlauscht, daß es sich um einen Raubzug handelt. Sie sollen überfallen und ausgeraubt werden. Man vermutet Reichtümer bei Ihnen und will sie Ihnen abnehmen; da kann doch gar kein Zweifel darüber herrschen, auf welcher Seite sich das Recht befindet.«

»Hm! Wenn Sie wirklich aufrichtig sprechen, so will ich es gern gelten lassen! Sie werden es begreiflich finden, daß ich gern wissen möchte, wer die Männer sind, von deren Verschwiegenheit die Aufrechterhaltung meines Geheimnisses nunmehr abhängig ist.«

»Das sollen Sie erfahren,« antwortete mein Gefährte. »Ich heiße Pena, aus Porto Allegre, ich bin Cascarillero.«

Als der Alte den Namen des brasilianischen Hafens hörte, erheiterte sich sein Gesicht. Ein Mann, der so weit von hier zu Hause ist, konnte ihm weniger schaden, als ein in der Nähe wohnender. Als er aber den Stand Penas erfuhr, verdüsterten sich seine Züge wieder. Er hatte einen Konkurrenten vor sich, und Konkurrenten ist niemals recht zu trauen.

»Cascarillero!« sagte er. »In welcher Gegend liegt Ihr Arbeitsfeld?« fragte er.

»Überall!«

»Halten Sie den Gran Chaco für reich an Rinden?«

»Natürlich!« antwortete Pena, dem es geheimen Spaß zu machen schien, den Alten zu beängstigen.

»So wollen Sie hier bleiben?«

»Möglich ist es. Es kommt darauf an, ob ich gute Kameraden finde.«

»Da warne ich Sie! Die Indianer des Gran Chaco dulden keine Weißen in ihrer Nähe.«

»Pah! Indianer gibt es überall. Ich habe sie stets da gefunden, wohin ich gekommen bin, ohne sie zu fragen, ob ich bleiben darf oder nicht. Ich mache mein Geschäft nicht von dem Willen der Roten abhängig. Wenn ich in ihrer Nähe einige Bäume abschäle, so können sie es sich ruhig gefallen lassen, denn das macht ihnen keinen Schaden.«

»Und wenn sie es aber doch nicht dulden wollen?«

»Dann habe ich hier eine gute Büchse und ein scharfes Messer, mit denen ich bisher stets zurecht gekommen bin. Und ich glaube nicht, daß man die Roten des Gran Chaco mehr zu fürchten hat als die, welche andere Gegenden bewohnen.«

»Irren Sie sich ja nicht! Hier ist die Heimat der vergifteten Pfeile, gegen welche Ihnen Ihr Gewehr und Ihr Messer gar nichts helfen können!«

»In Brasilien gibt's diese Pfeile auch, und es hat mich bisher noch keiner getroffen. Wie wir übrigens diese Dinger fürchten, das glauben wir ihnen gezeigt und bewiesen zu haben!«

Der Alte sah, daß seine Worte und indirekten Einwendungen keinen Erfolg hatten, und wandte sich nun zu mir, indem er sich erkundigte:

»Und Sie sind auch Cascarillero?«

»Nein. Wenn es Ihnen recht ist, so können Sie mich einen Viajador Tourist nennen.« Dann gab ich ihm auch meinen Namen an.

»Was, Sie sind ein Deutscher? Dann bin ich ruhig. Ein Landsmann wird doch unmöglich den andern ins Verderben stürzen.«

»Landsmann?« fragte ich.

»Jawohl! Ich bin auch ein Deutscher!«

»Was?« fragte Pena. »El viejo Desierto ein Landsmann von uns! Wer hätte sich das einbilden können!«

Der Alte sah ihn erstaunt an und fragte:

»Auch Ihr Landsmann? Das ist doch wohl nicht der Fall! Sie heißen doch Pena!«

»Übersetzen Sie doch einmal das Wort Pena ins Deutsche!«

Bis jetzt hatten wir uns der spanischen Sprache bedient; nun aber antwortete der Alte deutsch:

»Pena kann man übersetzen mit Schmerz, Qual, Sorge, Kummer – – «

»Halt!« fiel Pena ein. »Das ist's; so heiße ich. Kummer ist mein Name.«

»Also Sie wohnen in Porto Allegre, sind aber von drüben herüber?«

»Ja, aus Breslau.«

»Und Sie?« fragte er mich.

»Ich bin Sachse.«

»Gott sei Dank, denn da können Sie nicht – – «

Er hielt erschrocken inne. Er war in den letzten zwei Minuten ein ganz anderer geworden. Seine Stimme klang heller; seine Bewegungen waren lebhafter, jugendlicher, und sein Gesicht hatte einen beinahe glücklichen Ausdruck angenommen. Es war freilich auch eigentümlich, daß drei Deutsche sich im Gran Chaco und zwar an dieser geheimnisvollen Stelle trafen. Die Freude darüber hatte ihn zu einer Äußerung fortgerissen, die er nicht ungeschehen machen konnte. Er hatte zwar genug Besinnung gehabt, die zweite, deutlichere Hälfte zurückzuhalten, aber die ausgesprochenen Worte und die Art und Weise, in welcher er sie hören ließ, konnten uns leicht auf Vermutungen bringen, welche ihm unangenehm sein mußten.

Und, offen gestanden, kaum hatte ich sie gehört, so kam mir der Gedanke, daß er froh sei, zu erfahren, daß unsere Heimatsorte nicht in der Nähe des seinigen lagen. Ich brachte damit die Ausschmückung der Totenkopfstube in Verbindung und konnte mich des Gedankens nicht erwehren, daß es einen sehr, sehr dunklen Punkt in seiner Vergangenheit gebe, der es ihm wünschen lasse, uns in Beziehung auf sein Vorleben ein Unbekannter zu sein.

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