Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl May >

Der Schatz der Inkas

Karl May: Der Schatz der Inkas - Kapitel 32
Quellenangabe
pfad/may/sendado2/sendado2.xml
typefiction
authorKarl May
titleLopez Jordan
publisherDeutscher Hausschatz in Wort und Bild
booktitleEl Sendador
firstpub 1890/1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.karl-may-gesellschaft.de
created20090708
Schließen

Navigation:

31. Fortsetzung

Dieser Raum war rund an den Wänden mit in Basthüllen eingewickelte und sorgsam verschnürte Pakete bis an die Decke angefüllt. Auch in der Mitte waren lange Reihen dieser Pakete, so daß sie schmale Gänge zwischen sich bildeten, aufgestapelt. Es lagen mehrere einzelne Päcke am Boden. Ich hob einen derselben auf; er war leichter, als seine Größe erraten lassen hatte, und gab ein leises, knirschendes, prasselndes Geräusch.

»Rinden!« sagte ich. »Gewiß nichts anderes als Rinden.«

»Ah! Sollte der Alte ein Kollege von mir sein? Ein Cascarillero?«

»Warum nicht?«

»Das wäre ja höchst interessant! Aber welch' eine ungeheure Menge da aufgestapelt liegt! Das muß doch Tausende von Pesos ergeben!«

»Nun, ihm kann es nicht schwer sein, solche Vorräte zu sammeln. Die Wälder hat er ja in der Nähe, und Arbeitskräfte stehen ihm genug zur Verfügung. Seine Indianer werden für ihn sammeln.«

»Ja. Er hat die Rinde dann nur nach dem Rio Salado zu schaffen und dort ein Floß zu bauen, um sie gut an den Mann zu bringen.«

»Dafür bekommt er Geld, und dieses Geld bringt er mit zurück und legt es in den Geldschrank. So ist das Vorhandensein desselben erklärt. Lassen Sie uns sehen, was es noch weiter gibt!«

»Sollte die Felsenwohnung noch größer sein? Wer hätte das vorhin vermuten können, als wir den kahlen, scheinbar unersteiglichen Stein vor uns liegen sahen! Jetzt soll mir jemand sagen, daß es keine Wunder mehr gibt!«

Ich war gerade so erstaunt wie er. Dieser viejo Desierto war jedenfalls ein ganz ungewöhnlicher, ja bedeutender Mensch, welcher an anderer Stelle wohl auch eine andere und bedeutendere Rolle gespielt hätte. Aber wer weiß, was für Schicksale ihn nach dem Gran Chaco getrieben hatten; denn daß er nicht in demselben geboren sei, das hielt ich für gewiß, obgleich er einen solchen Widerwillen gegen Fremde und Weiße gezeigt hatte.

Das nächste Gemach bildete wieder einen Vorratsraum. Die Vorräte bestanden aber nicht in Rindenpaketen, sondern in Sätteln, welche an den vier Wänden hingen. Es waren ihrer wohl über fünfzig vorhanden.

»Sollte dieser Mann Pferde haben?« fragte Pena.

»Wahrscheinlich! Seine Indianer wird er wohl nicht satteln, um spazieren zu reiten.«

»Aber Indianer des Gran Chaco, und Pferde, und gar solche Sättel!«

»Warum nicht? Jetzt traue ich dem Alten alles Ungewöhnliche zu. Man weiß ja, daß die Tobas-Indianer an Gesittung über den anderen roten Völkern stehen. Vielleicht haben sie das zu einem nicht geringen Teile diesem Einsiedler zu verdanken. Suchen wir jetzt weiter! Schau, dort hinten scheint es eine Treppe zu geben!«

Wir sahen keine weitere Türe; aber in der hinteren Ecke führten Stufen empor, hölzerne Stufen, ganz regelrecht über einander gefügt. Wir stiegen empor und kamen an eine Türe, welche nur angelehnt war; als wir sie aufstießen, befanden wir uns im Freien.

Die Türe war nicht etwa eine Falltüre, sondern eine stehende. Über der Treppe war nämlich ein hölzerner Verschlag errichtet, ganz ähnlich den Treppenhäuschen der Schiffskajüten.

Also wir befanden uns im Freien, aber wir hatten nicht etwa einen Ausblick auf den Wald, auf die Umgebung des Felsens, sondern rundumher stieg eine Mauer auf, welche sicher eine Höhe von fünfzehn Ellen hatte. Das aber war es nicht, was unsere Verwunderung zuerst in Anspruch nahm, sondern unser Staunen wurde durch etwas was ganz anderes erregt. Wir befanden uns nämlich in einem – – Garten, ja in einem regelrecht angelegten und sorgfältig gepflegten Garten mit Gemüsebeeten, Beeten, auf denen Melonen gezogen wurden, Beeten mit allerlei Blumen und Blüten. An ihren Rändern standen blühende Rosenstöcke. Ganz im Hintergrunde lag ein hölzernes, schuppenartiges Gebäude, und an jeder Ecke gab es eine Laube.

Wir gingen zwischen den Beeten zunächst nach dem ersteren. Dort fanden wir Hacken, Spaten und Schaufeln, außerdem eine Menge anderer Werkzeuge, welche hier im Garten gar nicht gebraucht wurden. Pena kannte sie. Es waren Ausrüstungsstücke für Rindensucher. Dann gingen wir nach der nächsten Ecke, in die Laube.

In derselben stand eine Bank. Pena setzte sich nieder, legte die Hände zusammen, sah mich an und fragte:

»Hätten Sie das gedacht? Hätten Sie so etwas vermutet?«

»Nein, gewiß nicht.«

»Ich auch nicht. Hier, mitten im wilden Chaco einen Gemüse- und Blumengarten, wie man ihn in Buenos Ayres gar nicht hübscher sehen kann! Das ist wirklich erstaunlich! Das ist ein Wunder!«

»Das Vorhandensein dieser Wohnung ist nicht allzu erstaunlich. Der Alte hat den Felsen auf seinen Streifzügen entdeckt und ihn zu seinem Gebrauche ausgebaut. Aber, daß er einen solchen Garten angelegt hat, das begreife ich freilich nicht. Er ist jedenfalls ein Asket, der das Leben von der strengsten Seite zu nehmen scheint. Und nun dieser Blumenflor, diese Lauben, und – sehen Sie, diese Aussicht!«

Innerhalb der Laube befanden sich rechts und links von der Mauerecke je eine viereckige, fensterähnliche Öffnung, welche von einem Vorhange grüner Blätter bedeckt waren. Ich schob das Gewinde zur Seite, und wir konnten nun über die Bäume weg weit in die Ferne blicken.

»Auch diese Fenster beweisen, daß er ein Mann von Überlegung ist,« sagte Pena. »Da sie durch diese Blätter bedeckt werden, kann man sie von unten nicht sehen. Aber wie er rundum auf den Rändern des Felsen eine so hohe Mauer hat errichten können, das ist nicht zu begreifen. Im Gran Chaco gibt es keine Steine.«

»Aber doch Lehm, um Ziegel zu brennen! Wir haben doch vorhin, als wir kamen, gefunden, daß der Boden lehmig ist.«

»Hm! So hat er seine Indianer als Ziegelstreicher und Maurer arbeiten lassen!«

»Höchst wahrscheinlich. Das ist aber vor nun schon langer Zeit gewesen, denn die Flechten und Moose haben auch die Mauer ganz bedeckt, so daß sie von dem eigentlichen Felsen, dem Fundamente, von außen gar nicht zu unterscheiden ist. Gehen wir einmal nach der nächsten Laube. Dort werden wir vielleicht das andere Ufer der Lagune sehen können.«

Wir schritten weiter durch die zwischen den Beeten hinführenden Gänge, welche anstatt des Sandes mit weicher Rindenlohe beschüttet waren, die das Geräusch unserer Schritte dämpfte. Die Laube, welcher wir uns näherten, war so dicht von großblätterigen Winden umrankt, daß wir von weitem nicht in das Innere sehen konnten. Darum erschrak ich fast, als uns aus derselben eine weibliche Stimme entgegen tönte:

»Nun, Tio Oheim, hast du fortgeschickt? Ich möchte den Vogel doch haben, da ich ihn so gut getroffen habe.«

Diese Stimme klang mild und glockenrein; sie sprach spanisch. Wir beide blieben stehen und sahen einander an.

»Alle Wetter!« flüsterte Pena. »Eine Sennora!«

»Oder gar Sennorita!« lächelte ich ihm zu. »Nehmen Sie Ihr Herz in acht.«

»Pah! Mir wird keine gefährlich, weil keine mich mag. Aber eine Frau, ein Mädchen hier! Ich komme aus der Verwunderung gar nicht heraus!«

»Es ist freilich seltsam. Sie ist des Alten Nichte, das heißt ein Wesen, welches ich mir nicht so ganz und gar uralt vorstellen kann.«

»Himmel! Wollen wir vollends hin zu ihr?«

»Natürlich! Sie hat uns ja gehört.«

»Gehen wir lieber zurück! Wir haben nicht das Aussehen von Leuten, welche sich vor einer Dame verbeugen dürfen!«

Fast hätte ich laut gelacht. Dieser wackere Pena fürchtete sich vor einem weiblichen Wesen. Er sah es mir an und fügte hinzu:

»Stellen Sie sich eine junge, saubere Sennorita vor! Was soll die von uns denken, wenn sie uns in diesem Aufzuge erblickt!«

»Nun, so überaus zart und so weiter ist die Dame jedenfalls nicht!«

»Meinen Sie? Warum?«

»Erstens befindet sie sich im Gran Chaco; zweitens lebt sie mitten unter Indianern, und drittens scheut sie den Pulverrauch nicht.«

»Woher wissen Sie das?«

»Sie haben doch auch den Schuß gehört? Sie hat nach dem Raubvogel geschossen und ihn auch getroffen, wie sie soeben sagte.«

»Ja, so ist es. Na, eine Sennora, welche schießt, die wird es uns wohl nicht übelnehmen, daß wir keinen Frack und weiße Handschuhe mit nach dem Chaco gebracht haben. Also, mutig vorwärts!«

»Tio!« erklang es jetzt wieder aus der Laube. »Warum antwortest du nicht?«

»Weil er es nicht ist, den Sie gehört haben,« sagte ich, indem ich fünf oder sechs Schritte tat, welche mich dem Eingang der Laube nahe brachten. Pena folgte mir. Ich konnte in das kleine, allerliebste Rankenhäuschen blicken. Dort saß ein Mädchen, welches bei meinem Anblicke auf das höchste erschrocken von dem Sitze auffuhr und dabei einen lauten Schreckensruf ausstieg. Pena glaubte, nachdem ich gesprochen hatte, nun auch einige Worte sagen zu müssen, und fragte, indem er sich verneigte, in beruhigendem Tone:

»Sind Sie erschrocken, Sennorita? Fürchten Sie sich nicht! Wir tun Ihnen nichts.«

Die Halbindianerin – denn daß sie das war, sah ich ihr an – hatte die eine Hand an den Pfosten des Einganges gelegt; die andere hielt sie an das Herz. Ich sah sie zittern, so sehr war sie erschrocken.

Sie trug ein ganz einfaches, bis auf den Boden herabfallendes, aus weißem Kattun bestehendes Gewand, eigentlich ein Hemd mit langen Ärmeln, welches über den Hüften von einem Gürtel aus rotem Zeuge zusammengehalten wurde. Das dichte, rabenschwarze Haar hing in zwei dicken Zöpfen weit über dem Rücken herab. Ihr Gesicht war bräunlich gefärbt, schön gerundet und zeigte nicht die vorstehenden Backenknochen der indianischen Rasse. Sie hätte sich in Beziehung auf Schönheit mit jeder weißen Porte¤a messen können.

Daß sie leise zitterte, war wohl nicht eine Folge angeborener Ängstlichkeit. Sie lebte in tiefster Einsamkeit, unter Roten, bei denen sich selten ein Weißer sehen ließ. Sie hielt sich hier für allein, an einem Orte, den ein Fremder unmöglich aufzufinden vermochte. Und nun traten wir beide, die wir allerdings jetzt ein sehr wenig vertrauenerweckendes Aussehen haben mochten, vor sie hin; das mußte auch die Furchtloseste in tiefen Schreck versetzen.

Neben der Stelle, auf welcher sie gesessen hatte, lehnte das abgeschossene Gewehr an der Bank. Ihr kleines Händchen glitt langsam von der Pfoste nieder, griff dann mit einer schnellen Bewegung nach der Flinte, hielt uns dieselbe entgegen, und während die erbleichten Wangen wieder Farbe bekamen und die dunklen Augen zu leuchten begannen, fragte das schöne Mädchen in drohendem Tone:

»Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?«

»Bitte, legen Sie das Gewehr immerhin beiseite!« antwortete ich. »Wir sind nicht als Feinde gekommen.«

»Haben Sie schon mit meinem Oheim gesprochen?« fragte sie.

»Natürlich!«

»Ja, es ist richtig,« sagte sie, indem sie das Gewehr weglegte. »Sie müssen ihn gesehen und mit ihm gesprochen haben, sonst könnten Sie nicht hier sein. Aber warum kommt er nicht mit?«

»Er hat infolge unserer Ankunft schnell einiges zu tun, wird aber bald nachfolgen.«

»Und warum haben Sie nicht unten Ihre Waffen abgelegt?«

»Weil wir beabsichtigen, nicht sofort wieder hinabzugehen, sondern hier zu bleiben. Doch werden wir uns nun jetzt ihrer entledigen, da es scheint, daß der Anblick derselben Ihnen unangenehm ist.«

»Unangenehm?« fragte sie, indem ein stolzes Lächeln über ihr Gesicht glitt. »Ah, Sie beurteilen mich nach Ihren Frauen! Ich fürchte die Waffen nicht, sondern ich liebe sie und bin im Gebrauch derselben geübt. Sie sind es ja, ohne welche wir nicht leben könnten. Doch, setzen Sie sich!«

Wir lehnten unsere Gewehre an die Mauer, und traten in die Laube, welche Raum für vielleicht sechs Personen bot. Als wir uns ihr gegenüber gesetzt hatten, musterte sie uns mit einem langen, offenen Blicke und sagte dann:

»Mein Tio muß ein großes Vertrauen zu Ihnen hegen, da er Ihnen sein Geheimnis so ganz und gar offenbart. Diesen Garten hat bisher nur ein Einziger betreten dürfen.«

Bei diesen Worten wurde ihr Gesicht plötzlich starr und finster, so daß ich unwillkürlich fragte:

»Und dieser Eine war kein guter Mensch?«

»Woher wissen Sie das?« fuhr sie auf.

»Ich vermute es.«

»Nein, Sie wissen es!«

»Gewiß nicht!«

»Sie kennen ihn! Sie haben ihn gesehen! Wo befindet er sich?«

Ihre Augen funkelten wie diejenigen der Jaguarete, wenn sie sich auf ihre Beute stürzen will.

»Beruhigen Sie sich, Sennorita! Ich kenne ihn wirklich nicht.«

»Warum sprachen Sie von ihm?«

»Weil sie selbst seiner erwähnten.«

»Aber Sie behaupteten, daß er kein guter Mensch sei!«

»Weil ich es Ihnen ansah, daß Sie ihn nicht für einen solchen halten.«

Sie warf mir einen erstaunten Blick zu und sagte:

»Haben Sie das in meinem Gesicht gelesen? Nun wohl, Sie haben sich nicht getäuscht. Er ist ein Meineidiger, und – – ich hasse ihn!«

Sie ballte die kleinen Hände und drückte die Lippen fest zusammen. Wir hatten noch nicht zwei Minuten lang mit einander gesprochen, und ich kannte schon das Leid, welches sie in ihrem jungen Herzen trug. Das konnte nur bei so einem Naturkind möglich sein.

Auch in dieser Laube befanden sich zwei Maueröffnungen. Von der einen war der Rankenvorhang zur Seite geschoben, so daß man hinaus auf den See blicken konnte; sie deutete hinaus und sprach:

»Aus dieser Gegend müßte er kommen, dort, dem östlichen Ufer der Lagune entlang. Ich habe täglich nach ihm geschaut, aber er ist nicht gekommen. Ich hasse ihn!«

Da täuschte sie sich. Sie liebte ihn noch. Und wenn sie ihn jetzt gesehen hätte, dort drüben an der Lagune, so wäre ihr Gesicht wohl nicht so zornig geblieben, wie es jetzt war.

Wir beide sagten nichts. In sogenannter feiner Gesellschaft hätten wir eine Generalpause vermeiden müssen; hier aber durften wir uns ganz nach unserer Stimmung verhalten. Das Mädchen machte einen ganz eigenen Eindruck auf mich; es war, als ob ihr Herz und ihr ganzes Wesen offen vor mir liege, und doch saß sie als ein Geheimnis vor mir, dessen Enthüllung man unterläßt, weil es einem heimlich graut. Nach einiger Zeit fuhr sie fort, wie nur zu sich selbst sprechend:

»Ja, ich hasse ihn, denn er war ein Christ.«

»Sie hassen die Christen, Sennorita?« fragte ich.

»Ja. Sie lügen alle; sie sind treulos!«

»Vielleicht haben Sie einen oder auch einige kennen gelernt, welche diesen Eindruck auf Sie gemacht haben. Aber es gibt Millionen Christen. Meinen Sie, daß sie alle so sind, wie dieser eine oder diese einige?«

»Ja, alle sind so! Ich habe sie kennen gelernt, in San Antonio, wohin der Tio mich tat, damit ich eine Dame werden solle.«

»Sie sind es geworden, Sennorita!«

Ich glaubte, ihr damit ein Kompliment zu machen, hatte mich aber sehr getäuscht, denn sie blitzte mich an:

»Nein, ich bin keine; ich will keine sein und auch keine werden! Ich wollte eine werden – – wegen ihm; aber er ist nicht gekommen.«

»Also hat es Ihnen in San Antonio nicht gefallen?«

»Nein. Und dennoch wäre ich geblieben, wenn die Menschen gut gewesen wären. Sie waren freundlich, und hinter dem Rücken sprachen sie Schlechtes von einander. Alle waren falsch, und alle waren schlecht. Ich bin entflohen.«

»Wie? Hoffentlich hat der Tio Sie zurückgeholt!«

»Nein; ich bin selbst gekommen.«

»Sie hätten diese weite Reise, welche durch die Wildnis führt, allein unternommen? Eine Dame, welche – –«

»Ich bin keine Dame!« unterbrach sie mich zornig. »Nennen Sie mich nicht so! Ich wollte fort, zurück zu meinem Stamme. Man erlaubte es mir nicht. Da fiel es mir ein, daß ich die Herrscherin der Toba bin und daß kein Christ mir etwas zu befehlen hat. Als alle schliefen, nahm ich das Gewehr des Herrn, zu dem der Tio mich gebracht hatte, sein Messer und den Sattel; ich holte sein bestes Pferd und ritt davon. Nach fünf Tagen war ich bei den Meinigen angekommen und gehe nicht wieder von ihnen fort!«

Der gute Pena machte ein höchst verblüfftes Gesicht; er war das leibhafte Erstaunen. Er konnte auch nicht damit zurückhalten, sondern fragte:

»Aber, Sennorita, haben Sie denn den Weg gewußt?«

»Ja, ich war ihn schon geritten, als der Tio mich hinbrachte.«

»Und da haben Sie es gewagt, sich zurechtzufinden? Fünf Tage lang!«

»Warum nicht?«

»Wovon haben Sie denn gelebt?«

»Von der Jagd.«

»So können Sie sich also auf Ihr Gewehr verlassen?«

»Ich habe vorhin einen Falken geschossen. Der Tio ging fort, um ihn mir holen zu lassen.«

Er hatte den Diener nicht fortschicken können, da mittlerweile wir gekommen waren. Ich war neugierig, in welchem Verhältnisse sie zu ihm stand, und fragte daher:

»Der Tio hat Sie wohl seit der frühesten Kindheit gepflegt?«

»Nein. Ich lernte ihn erst kennen, als er zu uns kam.«

»So ist er nicht Ihr wirklicher Verwandter?«

»Nein; aber er hört es gern, wenn ich ihn Tio nenne. Er liebt mich so, daß ich ihn Vater nennen möchte; aber das duldet er nicht.«

»Wie lange ist es her, seit er sich hier befindet?«

»Elf Jahre. Ich zählte damals sechs.«

»Wo kam er her?«

»Aus Europa.«

»Wissen Sie das Volk, welchem er angehört?«

»Ja.«

»Wie heißt es?«

»Das darf ich nicht sagen; er hat es mir verboten.«

»Wissen Sie, warum niemand wissen soll, woher er gekommen ist?«

»Nein. Er hat sein Land verlassen, weil diejenigen, welche dort wohnen, Christen waren und ihn töten wollten.«

»Hm! Sennorita, Sie scheinen sich zu irren. Der Christ tötet keinen Menschen.«

»O, er tötet alle! Man hat dem Tio das Leben nehmen wollen; darum ist er entflohen. Passen Sie auf! Wenn ein Weißer zu uns kommt, so ist er ein Christ und will unseren Tod!«

»Also wollen auch wir beide das?«

»Sie sind Christen? Dann traue ich Ihnen nicht!«

»Das tut mir leid! Sie meinen also wirklich, daß die Heiden besser sind als wir?«

»Wir sind keine Heiden!«

»Sie sind keine Christen und auch keine Heiden? Was denn sonst?«

»Ich bin eine Catolica.«

Jetzt ahnte ich, daß sie unter Christen die Nichtkatholiken verstand.

 << Kapitel 31  Kapitel 33 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.