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Der Schatz der Inkas

Karl May: Der Schatz der Inkas - Kapitel 31
Quellenangabe
pfad/may/sendado2/sendado2.xml
typefiction
authorKarl May
titleLopez Jordan
publisherDeutscher Hausschatz in Wort und Bild
booktitleEl Sendador
firstpub 1890/1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.karl-may-gesellschaft.de
created20090708
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30. Fortsetzung

»Ihr würdet nicht weit kommen, denn selbst wenn ihr das Freie erreichtet, so würden meine Krieger euch festnehmen. Ich brauche nur ein Zeichen zu geben, so eilen sie herbei.«

»Es wäre ihnen unmöglich, so schnell hier zu sein, weil sie bei den Chiriguanos sind.«

»Ah! Das weißt du?«

»Ja. Ich weiß, daß sie gegen diese Indianer gezogen sind.«

»So seid ihr Spione, welche sich um unsere Angelegenheiten bekümmern. Ich habe also doch richtig gedacht, als ich euch für gefährliche Menschen hielt. Verlaßt euch nicht auf eure Vermutungen! Ja, die meisten meiner Leute sind zwar fort, aber es sind ihrer mehr als genug zurückgeblieben, um euch zu überwältigen!«

»Wir werden uns wehren. Wir haben Waffen!«

»Dazu kommt ihr gar nicht, denn ihr werdet die Algaroba gar nicht erreichen.«

»Weißt du nicht, daß die Türe noch offen steht?«

Ich zeigte hinter mich. Er lachte kurz auf und antwortete:

»Sie wird sich sofort schließen. Paßt auf!«

Er zog an einer Schnur, welche neben ihm an der Türe niederhing, und ein Schlag, welcher hinter uns ertönte, gab mir den Beweis, daß die Türe nun geschlossen worden sei. Wir kannten den Mechanismus nicht und konnten also nicht fliehen. Übrigens lag das letztere gar nicht in unserer Absicht.

»So!« sagte er. »Ihr seid gefangen. Gebt eure Waffen an mich ab!«

»Meinen Sie? Das werden wir wohl bleiben lassen. Zwei so kräftige Männer, wie wir sind, haben es unter keinem Umstand nötig, sich einem Einzigen zu ergeben.«

»Ich bin nicht allein. Überzeugt euch!«

Er trat vollends herein und dann zur Seite, damit wir sehen konnten, wer oder was sich hinter ihm befunden hatte. Dort schien eine zweite Stube zu liegen; wenigstens war es kein schmaler Gang, in welchem zwei Indianer standen, in deren einem ich den erkannte, welcher uns geöffnet hatte. Sie hatten jeder ein Blasrohr in der einen und einen winzig kleinen, jedenfalls vergifteten Pfeil in der andern Hand. Das war gefährlich, zumal sie jetzt, da sie unsere Augen auf sich gerichtet sahen, die Pfeile in die Rohre steckten.

»Wenn das alle deine Hilfstruppen sind, so sieht es schlecht um dich aus!« sagte ich. »Der eine dieser Männer ist vor uns ausgerissen, und der andere wird wohl auch nicht mehr Mut besitzen.«

»Er lief aus Schreck davon, weil es für ihn unmöglich war, sich zu denken, daß fremde Leute an der Türe sein könnten. Ihr habt denselben Eindruck auf ihn gemacht, welchen eine Gespenstererscheinung selbst auf den mutigsten Mann hervorbringt. Nun diese beiden aber wissen, daß ihr Menschen seid, fürchten sie euch nicht. Also gehorcht, und gebt augenblicklich eure Waffen ab, sonst werdet ihr dazu gezwungen!«

»Hören Sie uns vorher an! Sie haben doch noch gar nicht gefragt, was wir hier wollen.«

»Das brauche ich nicht zu fragen. Ich behandle euch als Eindringlinge, welche ihr seid.«

»Aber wir kommen in ganz freundlicher Absicht!«

»Schweigen Sie! Ich kenne dieses Gelichter. Ein Roter wiegt bei mir mehr als zehn Weiße, die sich im Gran Chaco nur in der Absicht herumtreiben, die Indianer gegen einander aufzuhetzen und dabei ihren Vorteil zu finden. Ich leide und dulde keinen Weißen hier bei uns. Sie alle sind Spitzbuben und noch Schlimmeres. Und wer so verwegen ist wie ihr, der ist doppelt und zehnfach gefährlich!«

»Sie irren sich, in uns wenigstens. Wir kommen, um Ihnen einen dankenswerten Dienst zu erweisen.«

»Lügen Sie nicht!« fuhr er mich an, indem er sich in Folge meiner Ausdrucksweise nun doch veranlaßt sah, mich auch Sie zu nennen. »Sie wollen mich dadurch einschläfern, was Ihnen aber nicht gelingen wird.«

»Ich spreche die Wahrheit. Wir wollen Sie warnen!«

»Warnen?« lachte er auf. »Das haben Sie ganz und gar nicht nötig. Ich brauche von Leuten Ihres Schlages nicht gewarnt zu werden, denn ich bin mir selbst genug.«

»Wenn dies der Fall ist, so müssen Sie freilich sehr sicher sein, daß Ihnen nicht einmal ein unerwartetes Unglück geschehen kann!«

»Das bin ich auch. Wenn Leute Ihres Schlages mit einer Warnung kommen, so weiß man, woran man ist! Warnen Sie mich vor Ihnen! Das wird das einzig Richtige sein.«

»Aber, Sennor, Sie befinden sich wirklich in Gefahr von den Mbocovis überfallen zu werden.«

»Danke!« lachte er höhnisch auf. »Aber diese Lüge ist schlecht erfunden!«

»Es ist die Wahrheit!« versicherte ich ihm.

»Können Sie es beweisen?« fragte er.

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!«

»Lassen Sie das! Ein Mann wie Sie, hat keine Ehre, und also kann von einem Ehrenworte keine Rede sein!«

»Herr, Sie beleidigen uns mehr und mehr! Daß Sie uns unfreundlich empfangen, mag durch die Art und Weise unseres Eindringens entschuldigt werden. Worte aber, wie Ihre letzten sind, müssen wir uns verbitten!«

Auch ich war zwei Schritte vorgetreten und befand mich nun so wie er in dem so sehr an den Tod erinnernden Raume. Pena folgte mir und stellte sich neben mich.

»Ereifern Sie sich nicht!« antwortete der Alte, indem er eine Handbewegung machte, welche seinen Zweifel und auch seine Verachtung aufs deutlichste ausdrückte. »Es wird wohl bei dem bleiben, was ich gesagt habe. Woher wissen Sie denn, daß die Mbocovis mich überfallen wollen?«

»Wir haben sie belauscht.«

Er sah mich von der Seite her an und antwortete:

»Ich bin überzeugt, daß Sie nicht gelauscht haben.«

»Sennor, fast verstehe ich Sie nicht! Sie sind doch der Mann, welchen man el viejo Desierto nennt?«

»Der bin ich allerdings.«

»Nun, so befinden wir uns also am richtigen Ort, denn el viejo Desierto ist es, welcher überfallen werden soll, und zwar von den Mbocovis.«

»O, das glaube ich gern, daß diese Roten diese Absicht haben, denn sie sind unsere allerschlimmsten Feinde. Ich bin auch vollständig überzeugt, daß Sie uns warnen wollen!«

»Nun, dann sehe ich Ihrerseits keinen Grund, uns so zu behandeln, wie Sie es tun! Wenn wir Sie vor einem Überfalle warnen, so ist das doch wohl ein Dienst, für welchen Sie uns Dankbarkeit schulden!«

»Eigentlich, ja! Leider aber bin ich auch überzeugt, daß Sie diesen Dienst nicht mir, sondern sich selbst erweisen wollen. Der Fuchs warnt die Henne vor dem Marder, um sie selbst fressen zu können.«

»Sennor!« rief ich aus, denn ich wurde nun wirklich ärgerlich.

»Pah! Spielen Sie nicht den Zornigen! Ich weiß, woran ich bin! Ja, vielleicht würde ich in Ihre Falle gehen; aber unglücklicher Weise für Sie wurde mir schon einmal eine ähnliche gestellt; ich ging hinein und hatte dann große Mühe, wieder herauszukommen. Das habe ich mir sehr gemerkt, und darum wird alle Ihre Anstrengung fruchtlos sein!«

»Aber haben Sie denn das Recht, einen Menschen für einen Schurken zu halten und ihm das sogar in das Gesicht zu sagen, weil ein anderer, den Sie unter ähnlichen Verhältnissen kennen lernten, einer war? Ich an Ihrer Stelle würde vorher prüfen.«

»Das ist nicht notwendig. Ich habe Sie gesehen und kenne Sie!«

»Donner und Wetter!« entfuhr es dem guten Pena. »Das ist stark!«

»Aber wahr!« antwortete der Alte. »Ich bin Menschenkenner und kann mich auf meine Augen verlassen. Also Sie sind gefangen und haben Ihre Waffen abzugeben. Wollen Sie augenblicklich gehorchen oder nicht?«

»Nein!« antwortete Pena in sehr bestimmtem Tone.

»Und Sie?«

Diese Frage war an mich gerichtet. Eigentlich hätte ich mich fügen können und auch fügen sollen, denn es mußte sich ja herausstellen, daß wir es ehrlich meinten; aber sein beleidigendes und auch vollständig unmotiviertes Auftreten hatte mich in Zorn versetzt. Und wer sagte mir denn, daß es dann, wenn er zur Einsicht seines Irrtums kam, noch Zeit sein werde, die Mbocovis zurückzuschlagen? Vielleicht sperrte er uns den ganzen Tag ein. Dann kam der ›Schwiegersohn‹, überfielùdas Indianerdorf, erfuhr die Wohnung des Alten und ich geriet mit diesem in die Hände der Mbocovis. Das mußte vermieden werden, und so konnte es mir also nicht einfallen, mich diesem Manne, welcher in seinem blinden Mißtrauen gar nicht prüfte, freiwillig zu überliefern.

»Nein,« antwortete ich kurz.

»Sie wollen sich wehren?«

»Ja.«

»Dann sind Sie verloren! Tretet ein!«

Die beiden Indianer kamen herein und richteten ihre Blasrohre auf uns, der eine das seinige auf mich und der andere das seinige auf Pena.

»Nun, haben Sie auch jetzt noch Mut?« fragte der Alte höhnisch.

Die Situation war höchst gefährlich. Es bedurfte nur eines leisen Hauches in die Rohre, so bekamen wir die vergifteten Pfeile in den Leib; aber ich sah, daß die Roten die Rohre noch nicht an den Mund genommen hatten, und antwortete:

»Gewiß! Versuchen Sie es immerhin, wer die Oberhand behält, wir oder Sie!«

»Natürlich wir! Sehen Sie dieses Messer! Die Spitze desselben ist auch vergiftet. Nur einen kleinen Ritz in Ihre Haut, und Sie sind nicht zu retten!«

Er brachte unter seinem Talar ein Messer hervor, welches er mir entgegen hielt. Unsere Lage war eine ganz und gar eigenartige. Rundum und über uns Totenköpfe, vor uns dieser Mann mit seinem vergifteten Messer und dazu die beiden auf uns gerichteten und so gefährlichen Blasrohre! Aber mochte es Leichtsinn oder etwas anderes sein, es kam mir vor, als ob ich mich schämen müßte, diesem alten Manne und seinen beiden Rothäuten zu gehorchen. Nein, sie sollten sehen, daß wir selbst ihr Gift nicht fürchteten.

»Pah!« antwortete ich. »Wenn ich will, so wird dieses Ihr Messer Ihnen gefährlicher als mir!«

»Mann, Sie sind wahnsinnig!«

»Im Gegenteile! Ich bin sehr bei Sinnen und befinde mich gerade jetzt in derselben guten Laune wie vorhin Sie, als Sie uns Ihre Geschichte erzählten.«

»So will ich Sie von dieser Laune befreien. Passen Sie auf! Ich zähle bis zwei, und Sie haben Ihre Waffen hier vor mir auf den Boden zu legen. Tun Sie das nicht, so sage ich drei, und meine Leute blasen Ihnen den augenblicklichen Tod in den Leib!«

»Mögen sie blasen! Wollen sehen!«

Jetzt starrte er mich ganz betroffen an. Er hielt mich wirklich für nicht recht bei Sinnen. Dann aber drohte er:

»Ganz wie Sie wollen! Also ich beginne. Eins – – zwei – –«

Er kam nicht weiter. Ich hatte nur drei Schritte weit von ihm gestanden. Ich sah, daß die Indianer, welche neben einander standen, die Rohre an den Mund nahmen. Ich sprang blitzschnell zwischen die Rohre hinein, faßte eins mit der Rechten, das andere mit der Linken, riß sie den Indianern aus den Händen ließ sie fallen, ergriff den einen bei der Brust, schleuderte ihn meinem Gefährten zu und rief:

»Pena, nieder mit diesem!«

Dann schlug ich dem andern Roten die Faust gegen die Schläfe, daß er zusammenbrach, und wendete mich gegen den Alten. Dieser hatte mit Zählen inne gehalten. Mein Angriff war ihm so überraschend gekommen, daß er den Mund noch offen hatte; doch erhob er die Hand, in welcher er das Messer hielt. Ich kam von der Seite an ihn, gab ihm einen Hieb auf den Arm, daß er das Messer fallen ließ, faßte ihn mit beiden Händen bei der Kehle, riß ihn nieder und gab ihm die Faust gegen den Kopf, so daß er die Augen schloß und, als ich die Hände wieder von ihm nahm, regungslos liegen blieb.

Jetzt sah ich mich nach Pena um. Er kniete auf dem Roten, den ich ihm zugeschleudert hatte, und hielt ihm die Kehle zu.

»Ist er besinnungslos?« fragte ich.

»Nein,« antwortete er. »Der Kerl macht nur aus Angst die Augen zu. Soll ich ihn erstechen?«

»Nein. Wir binden sie alle drei. Es wird hier wohl einige Schnüre geben.«

»Ich habe mehrere in der Tasche. Und wenn sie nicht reichen, so schneiden wir die Kleider der Rothäute in Fetzen.«

Er zog einige Schnüre aus der Tasche, und ich half ihm, seinen Indianer so zu binden, daß er sich nicht regen konnte. Dann schlang ich den Lasso los und umwickelte mit demselben den Alten, der nun gewiß kein Glied zu rühren vermochte. Dem zweiten Indianer zogen wir die Jacke aus, welche wir in Streifen schnitten, mit denen nun auch er gebunden wurde.

»So!« sagte ich, als wir damit fertig waren. »Jetzt sind wir die Herren der Situation.«

»Das hat er freilich nicht für möglich gehalten, und ich selbst auch nicht,« gestand Pena.

»Nicht? Sie sagten ja auch, daß Sie sich nicht ergeben wollen!«

»Ich dachte, ihn von seinem Verlangen abzubringen; war aber doch, falls er bei demselben blieb, entschlossen, ihm zu gehorchen. Gegen diese Giftpfeile kann man doch nicht aufkommen!«

»Das sagen Sie, während wir soeben das Gegenteil bewiesen haben?«

»Ja, wie das so schnell gekommen ist und wie es möglich wurde, darüber bin ich mir selbst nicht klar. Aber, was tun wir nun?«

»Wir betrachten uns die anderen Räume, welche es gibt. Wir müssen das schon aus Vorsicht tun, da es möglich ist, daß sich noch andere Leute hier befinden. Vor allen Dingen aber wollen wir nach dem Eingang zurück, um zu sehen, ob wir öffnen können. Nehmen Sie das Licht!«

Wir gingen durch den Gang nach der Türe; sie war zu; es gab kein Schloß, keine Klinke, keinen sichtbaren Riegel.

»Jetzt sind wir eingeschlossen und können nicht hinaus!« sagte Pena. »Das kann gefährlich werden!«

»O nein! Selbst wenn wir den Mechanismus nicht entdecken, haben wir den Alten in der Hand, den wir zwingen können, ihn uns zu zeigen. Leuchten Sie einmal in die Höhe, gegen die Decke!«

Er tat dies, blickte empor und sagte sogleich:

»Das ist's! Zwei Drähte, rechts und links einer!«

»Der eine wird zum Öffnen und der andere zum Schließen sein. Der alte Desierto kann beides von seiner Stube aus tun. Versuchen wir es einmal. Die Türe ging links auf; also muß man, um sie zu öffnen, am linken Drahte ziehen.«

Ich tat dies, und die Türe sprang auf. Wir blickten hinaus nach der Algaroba und hinunter nach dem Stamm derselben. Es war kein menschliches Wesen zu sehen. Dann zog ich an dem rechten Drahte, und die Türe fiel mit starkem Geräusch zu; sie wurde von einer verborgenen Feder geschlossen. Dem Mechanismus weiter nachzuforschen, gab es keine Zeit. Wir kehrten zurück und sahen, daß es außer der Schnur, an welcher der Alte gezogen hatte, noch eine zweite gab, eine an der rechten Seite der Türe zum Öffnen und eine an der linken zum Schließen.

Der Indianer, welchen Pena niedergeworfen hatte, war bei Besinnung. Er hatte die Augen offen und folgte uns mit ängstlichem Blicke. Die andern beiden waren noch ohnmächtig. Pena legte dem ersteren einige Fragen vor, erhielt aber keine Antwort.

»Der Kerl schweigt,« sagte er. »Nun, es ist auch nicht nötig, daß er uns Auskunft gibt. Wir werden schon selbst finden, was wir suchen.«

Wir verließen die Totenkopfstube und gelangten in eine zweite, welche größer war. In derselben stand ein Tisch mit mehreren Stühlen. An den Wänden hingen Waffen der verschiedensten Art, Messer, Pistolen, Flinten, auch zwei Revolver, Pfeile, Köcher, Bogen und Schilde, Blasrohre.

Dann kam ein noch größerer Raum, in welchem eine lange Tafel stand, um die sich gegen zwanzig Stühle reihten. Das Ganze hatte das Aussehen eines Versammlungssaales. Die Tafel hatte natürlich nicht von draußen hereingeschafft werden können, sondern sie war hier oben gezimmert und zusammengesetzt worden.

An diesen Raum stieß ein kleinerer, in welchem ein roh gearbeiteter, verschlossener Schrank stand, daneben ein Tisch, auf welchem ich ein Schreibzeug erblickte. Weiter gehend kamen wir in eine Küche. Da gab es allerlei Geschirr, nicht nur solches, welches man zum Kochen der Speisen braucht, sondern auch allerlei Geräte, Tiegel, Flaschen und anderes, was man bei Personen findet, die sich mit Chemie beschäftigen.

»Sollte der Alte ein Apotheker sein?« meinte Pena.

»Möglich! Wenigstens scheint er zu quacksalbern. Gehen wir weiter!«

»Finden Sie nicht auch sonderbarer Weise, daß die Luft in diesen unterirdischen Räumen ausgezeichnet ist? Gar nicht dumpf und moderig, wie man erwarten sollte!«

»Der Alte hat für Ventilation gesorgt. Sehen Sie das runde Loch hier in der Decke? Diese Öffnung geht nach oben.«

»Es muß eine ungeheure Arbeit erfordert haben, diese Gemächer aus dem Felsen zu meißeln!«

»Ja, wenn sie wirklich ausgemeißelt sind. Zu einer solchen Arbeit hätte es vieler Leute und einiger Jahre Zeit bedurft. Dieser Felsen ist – – –«

Ich klopfte an die mit Kalk getünchte Wand.

»Horch! Das ist nicht Felsen. sondern ganz weiches Mauerwerk. Es klingt wie Holz und Lehm. Doch das kann uns wenigstens für jetzt nicht interessieren. Wir müssen weiter gehen.«

Die Wohnung hatte wirkliche Türen, aus gehobelten Brettern zusammengesetzt und mit Riegeln und Klinken versehen, ein wahres Wunder hier im Gran Chaco und noch dazu in diesem Felsen!

Im nächsten Raume stand ein hohes Regal mit allerlei Gefäßen, welche zugebunden waren. Auch Flaschen gab es, fest verstöpselt und mit Etiketten versehen. Während Pena leuchtete, nahm ich einige derselben in die Hand, um die Schrift zu lesen. Es waren lateinische Bezeichnungen von Arzneien. Dieser Raum schien die Apotheke des Alten zu sein. Vielleicht war er nicht nur der Anführer, sondern auch der Arzt seiner Indianer.

Dem Regal gegenüber stand ein schmaler, sehr fest gearbeiteter Tisch und auf demselben ein Kasten aus starkem Eisenblech, welcher durch drei Hängeschlösser verschlossen war. Ich versuchte, ihn zu heben, doch gelang es mir durch das Aufbieten aller Kraft nicht, ihn auch nur um ein Haar breit fortzurücken. Bei näherer Besichtigung bemerkten wir, daß der Kasten angeschraubt war. Indem Pena seine Hand auf denselben legte, sagte er:

»Das ist's wohl, was der ›Schwiegersohn‹ haben will. Ich glaube, daß wir da den Geldschrank des Alten haben.«

Er lachte dabei, denn er hatte im Scherz gesprochen. Ich aber antwortete ihm: »Sie vermuten jedenfalls das Richtige.«

»Nicht möglich! Ein Geldschrank hier!«

»Nun, wo ein so kunstvoll gearbeiteter Kasten gefertigt wird, da ist auch Geld zu haben, Papiergeld und silberne Pesos. Sie haben ja gehört, daß der viejo Desierto jährlich einmal nach Santiago geht. Der ›Schwiegersohn‹ hat es gesagt und ihn dort getroffen.«

»Wofür sollte der Alte das Geld bekommen?«

»Wer weiß es! Geht uns auch gar nichts an, wenigstens vorläufig nicht. Gehen wir jetzt weiter!«

Durch die nächste Türe kamen wir in einen sehr großen, weiten Raum, welcher einem Vorratsgewölbe glich und dessen Decke von starken, hölzernen Pfeilern getragen wurde. Er hatte eine sehr bedeutende Länge und Breite, daß der Schein unseres Lichtes nur einen kleinen Teil desselben zu erhellen vermochte.

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